Ausgabe 
3.12.1925
 
Einzelbild herunterladen

beiden Mächten einen Krieg anzusangen, wenn auch gewiß das Geschrei der türkischen Presse noch lange nicht aushören wird. Denn auch hier hat England den Vorteil davon gehabt, daß andere politische Fehler gemacht haben. Man dars gespannt darauf sein, ob aus die englisch-französische Verständigung auch eine türkisch-englische folgen wird.

Oberhessen.

£ Wieseck, 3. Dez. Am Dienstagabend sprach im Braunschen Saale der leitende Arzt dec Eleo- norenheilstatte zu Winterkasten im Odenwald, Dr. Sell, bei außerordentlich starker Teilnahme der Einwohnerschaft über das Thema:W a s muß ich von der Tuberkulose wissen?" Wie stark die Wichtigkeit dieser Frage in die breitesten Volksschichten eingcdrungen ist, bewies der überaus starke Besuch der Veranstaltung, stellt doch gerade Wieseck einen verhältnismäßig hohen Prozentsatz der Tuberkulosekranken. An Hand einer sehr äroßen Anzahl schöner Lichtbilder erläuterte der Vortra­gende zunächst den Umfang der Tuberkulose. Gegen­wärtig seien etwa 94 Proz. aller Bewohner Deutsch­lands vom Tuberkel-Bazillus befallen, ohne selbst­verständlich ausgesprochen tuberkulosenkrank zu sein. Tiefen Eindruck hinterließen die Bilder, aus welchen zu ersehen war, welche Veränderungen und Ver­heerungen an den einzelnen Körperteilen und Or­ganen durch die Tuberkulose hervorgerufen werden. Eindringlich wurde darauf hingewiesen, wie groß die Gefahr der Ansteckung überall dort, wo Men­schen Zusammenkommen, sei und wie gefährlich die Erkrankung selbst sei, da der Erkrankte zunächst keinerlei Veränderungen und Beschwerden verspüre. Erläutert wurden die nicht im trockenen wissenschaft­lichen Ton gehaltenen Ausführungen durch eine Reihe vergleichender Uebersichten und Kurventafeln, um so die Gesichrlichkeit der Krankheit und deren Verbreitung mit oller Deutlichkeit zu zeigen. Der Vortrag bezwecke nickt, zittrige Angst zu erwecken, sondern zur Vorsorge onzuregen, denn die Tuberkulose ist heilbar, solange sie nicht zu große Verheerungen angerichtet habe und sich der Kranke den Anordnungen des Arztes füge. Die Hauptsache sei, daß man weiß, ob man den gefähr­lichen Bazillus mit sich herumirägt und dann danach lebt. Zum Schluß wurden von Dr. Sell noch eine Reihe Bilder unserer beiden Lungenheilanstalten Eleonorenheim und Sandbach gezeigt, die den An­wesenden nicht nur von der Art der Behandlung, sondern auch vom sonstigen Leben und Treiben der dort Befindlichen ein anschauliches Bild gaben. Die Aufforderung, dem Heilstättenverein beizutreten, beschloß die fast dreistündigen Ausführungen. Vor­her sprach Dr. Rein- Wieseck herzliche Begrü­ßungsworte, und Amtsarzt Dr. Orth leitete mit seinen einführenden Ausführungen zu dem Vortrag Dr. Sells über.

* Allendorf a. d. Lumda, 2. Dez. Auch hier begann am Sonntag dieLigazumSchutzeder deutschen Kultur ihre Winterarbeit. Im voll­besetzten Saale sprach Herr G r o o t e aus Bangkok in Siam über das Thema:Siam, das Land des weißen Elefanten". Der Vortrag, der von reichen Erlebnissen des Redners zeugte, war von interessan­ten Lichtbildern begleitet und wurde außerordent­lich beifällig aufgenommen.

f Grünberg, 2. Dez. Ein aufregen­der Vorfall ereignete sich heute vormittag auf der Kreisstraße von Grünberg nach Mücke an der Alsfelder Drücke. Dort befand sich eine Därenführertruppe, bestehend aus sechs Familien mit 6 Bären. Eines der Tiere, ein xiesiger neunjähriger Bär. war aus unbekannten Gründen plötzlich bösartig ge- t worden, er riß sich von der Kette los und stürzte sich auf seine Führerin, die von dem Tier stark bedrängt wurde. Die der Frau zu Hilfe eilenden Männer rissen dem Tier im ' Kampfe den Maulkorb ab und den Bing aus der Aase. Durch den Schmerz wurde die Bestie nun noch wütender, sie ging erneut auf die Frau los, die dabei starke Berlehungen erlitt. Gendarmeriewachtmeister S e m b a ch von hier, der in diesem Augenblick anlangte, um die Truppe über die Kreisgrenze zu schaffen, gab

AusdemRetchderAmeifen

Don Oswald Kern.

3n, der Naturwissenschaft nimmt die wissen­schaftliche Ameisenkunde (die Myrmelolo- gie) schon seit Jahrzehnten eine Sonderstellung ein. Nachdem im Jahre 1874 die große Mono­graphie über die Schweizer Ameisen von August Forel erschien (grundiegende Arbeiten des eng­lischen Naturforschers Sir John Lubbock und des deutschen Ilesuftenpa ters Erich Wasmann folgten kurz darauf), hat sich die Wissenschaft immer mehr mit dem Leben der kleinen sechs­füßigen Tierchen besaßt, die in der Jnsekten- welt eine eigenartige und bevorzugte Stellung einnehmen. Eine große Anzahl weltbekannter Naturforscher, darunter die Deutschen Escherich, Saunders, von Hagens, Diehmeyer, Schimper, Mcel.er, von Ihering und vor allem auch der in Zürich lebende Nervenarzt Brun, der erst kürzlich (im Teubnerschen Ber.ag) ein sehr in­struktives Büchlein über das Leven der Ameisen herausgegeben hat, haben sich eingehend mit Der Myrmekologie beschäftigt und die Ergeb­nisse ihrer hochinteressanten Forschungen in vie­len Spezialwerken niedergelegt, die allein eine Bibliothek füllen würden.

Dieses Interesse für die Ameisen, die in Hunderten von Abarten über die ganze Erde verbreitet sind, wird begreiflich, wenn wir uns einmal etwas eingehender mit den kleinen In­sekten und ihren eigenartigen Lebensgewohn­heiten befassen. Schon im Altertum kannte man die Klugheit der Ameisen. Aber erst im letzten Iahrhundert ge'a g es den Naturwissenschaftlern, genauere Einblicke in dal, Leben dieser kleinen Insel.en zu tun und die Grundlagen ihrer or­ganisiertenStaaten" undReiche" zu erforschen. Man hat lange Zeit die Ameiscnstaaten mit den Staaten der Menschen verglichen. Aber dieser Besgseich ist nur ein äußerer und scheinbarer. Denn die Staatswesen der Ameisen beruhen, trotz a.er ober,sächlichen Ar a ogie zum Menschen­staat. auf ganz anderen und eigenen biologischen Grundlage.'. Es handelt sich hier, wie Brun in seinem neuesten Buche schreibt, um eine jener äußeren Angleichungen, die die Wissenschaft als biologisch e Konve.genzerscheinungen" be eichnet, deren Wesen sich ganz allgemein durch das Ge etz ausdrücken läßt, daß die Natur überall da, wo sie ähnliche Ziele verfolgt, auch ähnliche Er­scheinungen zei.igt. Dem Menschenstaat und dem Ame'ckenstaat gemeinsam ist lediglich das Prinzip der Arbeitsteilung, also jene Grundbedingung jeglicher Staatenbildung, deren Borhandensein die

zur Befreiung der bedrängten Leute mehrere Schüsse auf die Bestie ab, wodurch diese ge­tötet wurde. Die schwerverletzte Frau wurde in Krankenhausbehandlung überführt. Den Pelz des Tieres erwarb ein Grünberger Einwohner für 30 Mk.

Kreis Friedberg.

WSN. Friedberg, 2. Dez. Die LIsa ist während der Hochsommermonate zwischen hier und Dad-Nauheim derartig versumpft, daß für die Anwohner aus hygienischen Gründen unbe­dingt eine Aenderung dieses Zustands he.bei» geführt werden muß. Wie verlautet, wollen die beteiligten Städte im nächsten Iahre gründ­lich Wandel schaffen. Friedberg wird vor­aussichtlich Rieselfelder anlegen, während für Dad-Nauheim eine neue Kläranlage in Frage kommt.

r~ Nieder-Florstadt, 2. Dez. Die Zahl der A r b e i t s l o s e n wächst hier ständig. Frost und Schnee verhinderte nun auch die Drainagearbeiten, die seither noch manchem Arbeiter Verdienst brach­ten. So sind hier 112 Arbeiter erroerbß- l o s. Bessern wird sich diese Ziffer nur auf kurze Zeit, wenn Nieder-Florstadt und Wilkstadt Holz machen.

Krcis Alssctt»

0-t Alsfeld, 1. Dez. Einen schweren Stand haben die Postkraftwagen auf ihren Fahrten in den Vogelsberg in den letzten Lagen. De seit mehre.en Tagen nie ergegangc. cn Har­fen Schneemassen erschweren den Verkehr außerordentlich. Während auf der Strecke in das untere Schwalm'al von Alsfeld nach Treysa die Wagen bis jetzt ohne Stockung verkehren konnten, blieben sie auf den Strecken Als - f e l dG roß-Fe.da und A l s f e l dN e u - ftaöt (Main-Weser-Dahn) mehrfach in den hohen Schneewehen der zugeschnei­ten Straßen stecken und mußten hcraus- geschaufelt werden, so daß die Wagen ost mit großen Verspätungen an ihren Bestimmungs­orten ankamen. Indessen steht zu hoffen, daß trotz dieser Llnbilden der Witterung der Kraft­wagenverkehr doch auf allen Linien auch in den Wintermona en wird aufrecht erhalten werden können und gerade bei den beschwerlichen Wege­verhältnissen im Winter empfindet man die Ein­führung der Postkraftwagen in der Bevölkerung ganz besonders angenehm.

Starkenburg.

- Darmstadt, 1. Dez. Der Darmstädter Derkehrsverein beging gestern mit einem akademischen Festakt die Feier seines 40jährigen Bestehens. Der Verein ist der zweitälteste Ver­kehrsverein Deutschlands unb seiner Mitgliederzahl nach bei weitem der größte. Die Feier galt auch dem Vorsitzenden des Vereins, Theodor S t e m m e r, der feit 25 Zähren an dessen Spitze steht. Nach der Fest­rede des Bürgermeisters Mueller hielten An­sprachen Oberbürgermeister Dr. G l ä s s i n g , Mini­sterialrat Dr. Wehner, Staatsrat Balser, Pro­vinzialdirektor Kranzbühler, Graf Kuno von Hardenberg, der Präsident der Oberpost­direktion Len Hardt, Bürgermeister Anger- maier- Bensheim. Glückwunschschreiben und Glück­wunschtelegramme hatten u. a. gesandt die Ver­kehrsvereine von Bingen und Gießen, sowie Frhr. Ludwig v. H e y l in Worms. Die Zndü­st r i e - und Handelskammer Gießen hatte durch Herrn Kahlert» Darmstadt Glückwünsche übermitteln lassen. Der Vorsitzende des Derkehrs- oereins, Theodor Stemmer', wurde reich geehrt: von der Stadt Darmstadt erhielt er eine Medaille.

* Darmstadt. 2. Dez. Gestern wurde in der Nähe von Waldmichelbach die Leiche des 69 Iahre alten Iakob Oehlsckläger auf­gefunden. Der Tote wies Kopfverletzungen auf. Die Leiche lag auf dem Cisenbahndcnnm: in einiger Entfernung war eine größere Blutlache, so daß man annimmt, daß Oehlschläger dort ge­tötet und dann nach dem Bahndamm geschleppt worden ist, um einen HrglüdSfall vorzutäu- schen. Die gerichtliche Hntersuchung der An­gelegenheit ist eingeleitet.

WSN. Pfungstadt, 2. Dez. Ein hiesiger Viehhändler hatte einen Waggon Ferkel ge­kauft. Beim Eintreffen der Tiere stellte sich her­aus, daß etwa 15 davon an der Schweine- pest verendet waren. Der Rest der Tiere wurde unter tierärztliche Aufsicht gestellt.

Preußen.

Der Mord an dem Frankfurter Kriminalbeamten.

WSN. Frankfurt a. M., 2. Dez. Nach dem heutigen Polizeibericht wurde in der Mordsache Sack ein Mann ermittelt, der Lei der Mordtat in der Rheinstraße zugegen war. Dieser Mann wurde am Mordtage von dem in Hanau festgenommenen und hier in Haft befindlichen Provisionsreisenden Gens im hiesigen Hauptbahnhos angeworben, um die Mordtat auszuführen, und zwar war von Gens nicht der Mord an dem Kriminalassistenten Sack geplant, sondern ein Raubmord a u f irgend­eine besser gekleidete Person, die ihm entgegenkommen würde. Zufällig begegnete ihm nun in der Nheinstraße Sack, der, wie der angeworbene junge Mann aussagt, von Gens um eine Zigarette angesprochen wurde. Sack hat nun den Gens, nach­dem er sich als Kriminalbeamter legitimiert hatte, nach seinem Namen gefragt, worauf Gens geant­wortet habe:Ich stehe zu Ihrer Verfügung." Gleich darauf gab er drei Schüsse auf Sack ab, worauf er mit dem gedungenen jungen Mann da-

3. Bezirk im Turngau Hessen D. T.

c. Der 3. Bezirk im TurngaU Hessen D. T. begann das neue Turnjahr mit seinem Bezirkstag, den er am vorigen Sonntag in Nidda abhielt. Fast alle Bezirksvereine nah­men trotz der im Bezirk durch den hohen Schnee­fall erschwerten Verkehrsverhältnisfe daran teil.

Unter der Leitung der Dezirks-Turnwarie Z e s ch k y und Reitz war der Vormittag stren­ger Arbeit in Kraffts Saalbau, dem derzeitigen Hebungsraum des T. V. 1859 Nidda, gewidmet. Die gute Teilnahme zeugte von dem Interesse, die Leistungen und schnelle Abwicklung des Llebungsstof.es von dem guten turnerischen Le­ben. Die Freiübungen für die Veranstaltungen des kommenden Iahres wurden eingehend behan­delt, desgleichen die Hebungen für das Be­zirksgeräteturnen, das in der bis dahin fertiggestellten neuen Turnhalle des Turnvereins Nidda Ende Februar abgehalten wird. Auch die übrigen vom ©auoberturntoart vorgeschriebenen Hebungsgruppen aus den verschiedensten Ge­bieten des Turnens sanden ihre Erledigung. Am Nachmittag bot Frauenlurnwart Stadler vom D. V. Nidda noch mit seinen Turnerinnen gute Ausschnitte aus dem modernen Frauenturnen. Neben guten, den Gesetzen von Anmut und Ge­wandtheit entsprechenden Gesellschaftsübungen am Pferd zeigte er noch eine Gruppe neuzeitlicher Freiübungen für Turnerinnen. Ansprechende Volkstänze beschlossen die Darbietungen.

Als Dezirksvertreter Turner Wolf, den Bezirkstag eröffnete, konnte er eine äußerst stattliche Zahl von Turnern begrüßen. Der Be­richterstattung der einzelnen Turner folgte die Neuwahl des Bezirksvorstandes. 1. Bezirks­vertreter wurde Turner F. W o l f,Iahn"- Hnter-Schmitten, sein Stellvertreter blieb Turner Bausch, T. V. Langsdorf. Den Bezirlsturn- toarten Turner Wilh. Zeschkh, T. V. Schotten, und Gg. Reih, T. V. Langsdorf, wurde als äußeres Zeichen des Dankes ünd Vertrauens auch für die kommenden Iahre durch einstimmige Wahl das Ami übertragen. Mit der Leitung und Pflege des Turnziels und Volksturnens wurden die Turner Beck und Krafft vom T. V. Nidda betraut, während Wilhelm Schmidt-Hirzen­hain das Rechneramt übernahm. Eine rege Aus­sprache über brennende Fragen im turnerischen

oonlief. Der Haupttäter Anton Gens, geboren am 19.3anuar 1899 m Horst-Emscher bei Essen, hat in wenig schlauer Weise Selb st verrat began­gen gelegentlich eines Aufenthalls in einer H a ° nauer Speiseanstalt. Ein Gast äußerte, wenn er wüßte, wer den Sack erschossen habe, dann gäbe er zehn Mark. Gens erklärte trocken:Die kannst du mir geben, ick habe ihn natürlich er­schossen!" Wegen dieser Worte wurde Gens kurz darauf fest genommen, und die eingeleitete Untersuchung ergab, daß er sich tatsächlich in der Mordnacht am Bahnhof herumgetrieben hat, wobei Gens gegenüber Gästen äußerte, daß er heute ein Ding drehen werde. Er hat dann mit dem löjäh- rigen Kellner Heinz Corty aus Dortmund den Bahnhof verlassen, und beide sind planlos in der Bahnhofsgegend herumgezogen, um jemanden zu berauben. Das Opfer dieses Herumziehens wurde dann in der oben mitgeteilten Art der Kriminal­beamte Sack. Heute vormittag fand am Westend­platz ein Lokaltermin unter starker Bedeckung statt, wobei Corty die Tat zugab, daß er an dem Morde beteiligt sei. Die Ermittlungen über die Person von Gens werden noch fortgesetzt. Es hat sich herausgestellt, daß er an einem-Zftülfranzoseu in Wiesbaden eine räuberische Erp^ressuna begangen hat, und es ist möglich, daß er auch noch andere Dinge auf dem Kerbholz hat. Im ollge- meinen steht fest, daß Gens und Corty gemein­schaftlich Raubversuch und Mord begangen haben. Ob die früher verhaftete Frau an dem Morde beteiligt ist, unterliegt noch weiterer Nach­prüfung.

Leben der Zeit klärte so manches. Besondere Teilnahme brachte man dem ©aufeft, das am 2. Sonntag im Juli in Nidda stattfindet, entgegen. Während für das Dezirksturnen sich noch kein Bewerber fand, wurde der Früh­jahrs-Wald- und Geländelauf in Verbindung mit der Austragung der Bezirks- spielmeisterfchaften dem Turn-Ver- ein Langsdorf auf dessen Antrag hin über­tragen. Die nächste Bezirksvorturnerstunde fin­det im Ianuar in Hungen statt.

Um die Bezirksligameifterschaft m Hessen-Hannover.

tz. In durchschnittlich drei bis vier Spielen pro Verein dürfte die Futzballsaison 1924/25/26 ihr Ende erreicht haben. Inzwischen hielt der Winter seinen Einzug und erschwerte den Spiel­betrieb sichtlich. Darunter hatten alle Spiele des vergangenen Sonntags erheblich zu leiden. Von großer Wichtigkeit war das Spiel K u r h e s s e n Spielv. Kassel, das einen teilweise ent­scheidenden Einfluß auf die Meisterschaft hätte ausüben können. Mit dem 2:1-0lege der Kur­hessen haben diese den bisherigen Spitzensührer Sport" Kassel erreicht. Das Rennen um die Führung ist nunmehr in ein entscheidendes Sta­dium eingetreten. Wohl zeigten sich die kurhessi­schen Löwen am Sonntag wieder mal von ihrer guten Seite, sind auch zweifellos die beste Elf des Bezirks zur Zeit, wie schon seit langem, ob aber auch die erfolgreichste das steht auf einem andern Blatt. Kurhessen hatte am Sonntag den Sieg verdient, ebenso wie ihn Spielv. nicht ver­dient hatte. Letztere sind leicht zur Erfolglosigkeit verurteilt, wenn der Gegner ihre Außenstürmer, ihr ein und alles, in Schach hält. So war es am Sonntag. Eine Enttäuschung auf die andere bereitet Hann. Münden seinen Anhängern. Anstatt sich den schlechter geworbenen 05 ern ©ötting en>5 in voller Stärke zu stellen und auf Sieg zu spielen, verschentten sie jede Chance durch ihr Antreten mit nur 8 Mann. 12:0 stand dir Partie am Schluß gegen sie. Hier zeigten sich die üblichen Zerfalls-- und Abstiegserfcheinungen, an denen, wenigstnrs was Fußball anbetrifft, auch zur Zeit der Gießener S. C. 1900 zu leiden hat. Er hatte gegen den Wetzlarer F. C. 05 nichts zu bestellen und verlor 1:7. Die

Turnen, Sport und Spiel.

echten sozialen Gemeinschaften im Pflanzen- wie im Tierreiche von den bloß zufälligen Zusammen- scharungen gleichartiger Lebewesen un ^scheidet. Die Arbeitsteilung im Ameisenstaat ist zum Hnterschicd zum Menschenstaat ganz orga­nisch, das heißt: die einzelnenBürger" des Insektenstaates sind zufolge der durchgreifenden Hnterschiede des Baues und der Funktionen ihrer Organe von vornherein auf ganz ver­schiedene Betätigungen angewiesen. In dieser organischen Arbeitsteilung liegt, wie Brun tref­fend sagt, auch das Geheminis jener viel­gerühmten Harmonie des Insektenstaates. Denn in einer Gesellschaft, in der jedem Bürger schon durch seine körperliche Organi'afion von vorn­herein sein einzig möglicher Platz im Haushalt der Gemeinschaft angegeben ist, in einem solchen Staate kann es selbstver' a weder Rivalüä en, noch Parteiungen, noch Re olutionen geben.

Die Mitglieder eines AmeisenstaateS sind, der organischen Arbeitsteilung angepaßt, in ver­schiedene K a st e n eingeteilt. Man unterscheidet dieMütter", also die Weibchen, die die Ge» schlechtsfunktionen ausüben, die Männchen und die sog. Arbeiter, d. s. geschlechtslose, ver­kümmerte Weibchen. Die Aroeiter, dasProle­tarierheer" des Ameisenreiches, unterscheiden sich von den Männchen und Weibchen schon auf den ersten Blick durch ihre Flügellosigkeit. Sie sind auch weit in der Heberzahl. Während in einem Ameisenstamm oft nur eine Königin, also ein weibliches, eierlegendes Tier sitzt, beherbergt ein Staatswesen Tausende und Abertausende emsiger fleißiger Arbeiter. Diese große numerische Heber­iegenbeit der Arbeiter entspricht chrer Bedeu­tung für die soziale Oekonomie dieses Staates, denn den kleinen Tierchen obliegt die gesamte Arbeitslast, also die Brutpflege, die Nahrungs­beschaffung. die Instandhaltung und Derteidi- gung des Nestes usw. Die Kaste der Arbeiter hat sich wiederum gespalten: man kann bei vielen Ameisenftämmen drei große Gruppen be­obachten: ganz kleine Arbeiter, mittelgroße Ar­beiter uno ganz große, sog. Soldaten. Die Naturwissenschaft erklärt diese Kastenfpaltung (Polymorphismus) damit, daß sich im Laufe ber Entwicklung die Tierchen an die speziellen biologischen Verhältnisse angevaßt haben.

DieW ohnungsfrage" im Ameisen» ftaate ist aufs beste gelöst. Der ganze Stamm wohnt in einem N c ft. Viele QImeifenartcn be­herbergen sog.Saisonnester", d. h. sic wan­dern im Iahre einige Male in verschiedene Be­hausungen, sie halten Hmzug in S-mmer- und Wmterwohnungen. Die Nestbauten der Ameifen-

stämme sind ganz verschieden und den Vor­bedingungen des Bodens und der Gegend an- gepaßt. Bekannt sind die großen Hügel- und Erdnester unserer einheimischen Ameisen. An­dere Arten nisten in sog. Kraternestern, die mit Wällen umgeben find. In den Heberschwem- mungsgebieten Indiens bauen die Ameisen der Gattungen Polyrhachis, Oecophylla und ©am- ponutus Nester aus Daumblättern und benutzen dabei die Cocons chrer Larven als Webeschiff­chen. Andere Arten bauen richtige Kartonnester. Kurzum: im Ameisenstaat wird aufWohnungS- lultur" und auf praktische Abwechslung Wert gelegt.

Die Volkswirtschaft der Ackeisenreiche ist ebenfalls ausgezeichnet organisiert. Es gibt viele Ameisenstämme, die von der Iagd und vom Raub leben. Die kleinen Gesellen unterneh­men planmäßige Raubzuge auf Insekten und töten auf einem solchen Zuge oft Tausende schädlicher Parasiten. Oder sie überfallen auck andere Stämme bei deren Zügen und nehmen ihnen einfach die Beute ab. Andere Ameisenstämme treiben richtige Viehzucht. Sie halten sich Blattläuse, diegemöl- kcn" werden. Die Ameisen kitzeln die Läuse so lange, bis sie ihre süßen Exkremente abgeben. In Südkolorado gibt es den Ameisenstamm der Myr- maecocysttzus, die sich als Honigzüchter betätigen. Die Arbeitsameisen mit besonders großem Kopf werden gezwungen, soviel Honig in sich aufzuneh­men, bis der ganze Hinterleib dick und monströs vollgefüllt ist. Dann werden diese lebenden Ho­nigtöpfe in einer besonderen Vorratskammer des Nestes einfach an die Decke gehängt. In der mage­ren Jahreszeit kitzeln die Arbeiter die Dickbäuche so­lange, bis sie den Honig tropfenweise wieder ab» geben. In den tropischen und subtropischen Gegen» den sind Ameisenarten, die Körner sammeln. In Südamerika hat man Ameisen entdeckt, die in ihrem Nest Pilzzucht treiben. Zu diesen fleißigen arbeits» (amen Ameisenoölkern gesellen sich die großen Heere der Haus-Ameisen, die einfach vom gedeckten Tisch der Menschen leben und die darum oft zu einer wahren Hausplage werden.

Die Aufzucht eines Stammes, der oft von einer Königin allein gegründet wird, geschieht mit größter Sorgfalt. Die Königin vermag bei der Gründung einer Ameisenkolonie monatelang zu fasten, bis sich aus den Eiern die ersten Maden, Puppen und dann die ausgewachsenen Arbeiter entwickelt haben. In den größeren Kolonien, die schon eine eigene Königin haben die oft genug von den Arbeitern am Ausstiegen gehindert wird: übernehmen die Arbeiter vom Tage der Eiablage der Königin die Pflege der Brut. Sie betätigen sich als richtige Ammen, füttern und reinigen die Larven, transpor­

tieren die eingesponnenen Puppen und helfen beim Ausschlüpfen der jungen Ameisen sogar als Hebam­men. Oft kommt es vor, daß sich eine Königin nach dem Begattungsflug wie ein Kuckuck einfach in ein fremdes Nest setzt. Man hat beobachtet, daß die Arbeiter ihre eigene Königin morden, um der neuen, fremden Platz zu machen. Manche Ameisenarten ver­größern ihre Kolonien durch Puppenraub aus fremden Nestern.

Oft genug brechen unter Ameisenstaaten Kriege aus, die manchmal stunden- und tagelang dauern. Es gibt auchpazifistische" Ameisenstaaten, die ge­statten, daß ein anderer Stamm gemeinsam im gleichen Nest wohnt. Diese wohlorganisierten Staatswesen der Ameisen werden selbstverständlich auch von Parasiten ausgenützt. Allerhand Schma­rotzer, Läuse, Wanzen, Käfer und andereMit­esser" nisten sich in den _2Imeijenneftem ein. Die sog.echten" Parasiten (wymphilen), besonders ein Käser aus der Familie der Kurzflügler, werden von den Ameisen sogar besonders verhätschelt, weil diese Käfer eine ätherisch ölige Flüssigkeit verspritzen, an denen sich die Ameisen wie die Menschen am Alkohol berauschen. Hier machen sich also andere Insekten die sprichtwörtliche Naschhaftigkeit der Ameisen zunutze.

Wir haben kurz, soweit dies in einem Aufsatz möglich ist, vom Reich der Ameisen und seiner klugen, säst menschlichen Organisation erzählt; und es wird mancher geneigt sein, den kleinen fleißigen Tierchen Intelligenz und ein besonderes Sinnes- leben zuzusprechen. Man muß zugeben, daß bei den Ameisen ein gewisses Assoziationsvermögen und ein begrenztes Gedächtnis vorhanden ist. Dieses Ge­dächtnis, das zweifellos gewisse Eindrücke festhalten kann, geht aber keineswegs über dasErbgedächt- nis der Art", über die erbliche Artreaktion, also über den Instinkt, hinaus. Die Ameise entbehrt durchaus der höheren geistigen Qualitäten: der In­telligenz, des logischen Denkens, der Ueberlegung, der Urteilskraft. Ihre ganze Lebensart, ihre in- stinkt'«ve Klugheit, ihr ans Wunderbare grenzendes Orientierungsvermögen, das sich aus dem Kontakt- geruchssinn der Fühler, also als feinste Sinnes- reaktion erklärt, bleiben trotzdem physiologische Phänomene, vor denen wir Menschen mit unserer Weisheit nur erstaunen können. Wir können auch lernen von den kleinen, emsigen Tierchen: ihr Fleiß, ihre Ausdauer und ihr soziales Verantwortungs­bewußtsein, ihr Sinn für die Gemeinschaft sollten uns Vorbilder sein.Gehe hin zur Ameise, Du Fauler, siehe ihre Weise an unb lerne: ob sie wohl keinen Fürsten, noch Hauptinann, noch Herrn hat, bereitet sie dock ihr Brot im Sommer und sam­melt ihre Speise in der Ernte . .