Ausgabe 
3.12.1925
 
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Nr. 283 Zweites Blatt

Jur Räumung von Köln.

Von Wilhelm Lennemann.

Ein Segen Locarnos: die englische Besetzung verläßt das heilige Köln. Seien wir Kölner ehrlich: Wenn uns selbstverständlich auch ein nicht angeneh- mes Gefühl beschlich, von fremden Truppen bewacht und behütet zu werden: der Bürger als solcher ist gut mit ihm ausgckommen. Der Engländer ist gesellschaftlich und politisch viel zu wohl erzogen, als daß er sein Benehmen auf eine absichtliche Reibung und Brüskierung eingestellt hätte. Aber froh, her­zensfroh sind wir drum doch, der Vormundschaft entfesselt und wieder freier Bürger auf freiem Grunde zu sein.

Wenn nun schon bislang Köln Ziel und Durch­gangspunkt eines starken Verkehrs ist, so wird sich der jetzt, da es wieder hemmungslos dem deutschen Mutterlands einoerleibt worden ist, gewißlich noch steigern.

Wer sich Köln vom Rhein her naht, gewinnt gleich ein imposantes Bild, das er nie vergessen wird: die großen, gewaltigen Hafenanlagen mit den langgestreckten Lagerhäusern, die überragenden Türme seiner Gotteshäuser, namentlich St. Martin und Dom, sowie der Rathausturm und der im Hintergründe aufragende stumpfe Klotz des Hoch­hauses am Hansaring; nicht zu übersehen die drei Brücken, die die beiden User verbinden: die gewal­tige, massige Hohenzotternbrücke im Norden, die Eisenbahnbrücke im Süden und zwischen beiden die elegante neuere Hängebrücke.

Das Stadtbild Kölns ist ein Produkt seiner geo­graphischen Lage und efiner geschichtlichen Entwick­lung. Die Römer, die hier aus einem alten Kastell einer Niederlassung der Ubier, die Colonia Agrippi- nenfis, schufen, hatten mit sicherem Blick die Be­deutung gerade dieser ihrer Lage als Knoten und Ausgangspunkt des Handels erkannt, der einmal vom Süden das Rheintal hinauf seinen Weg nahm und das andere Mal vom Osten kommend hier den Rhein überschritt. Und dieser Gedanke hat sich durchaus bewahrheitet und in den folgenden Jahr- hunderten der Stadt die Bedeutung und Größe oer- liehen, die ihr heute als unumstrittenen Monopole dem Rheinlande sogar einen Ruf von internatio­naler Bedeutung verschafft hat.

Die mit Größe und Bedeutung verbundene wach­sende räumliche Ausdehnung aber wurde formal bedingt und auch beengt durch den Charakter der Stadt als Festung, den sie vom Ursprung an besaß.

Aufgebaut auf einem Hügel, der, wie jetzt noch erkenntlich, nach Süden und Osten stellenweise scharf abfiel, nach Westen sich aber in das Vorgebirge senkte, und durch einen sumpfigen Uferstreifen vom Strom geschieden, stand die römische vierkantige Festung links und rechts der Heer- und Handels- ftraße, die sich bis auf unsere Zeit erhalten hat und heute Seoerinstraße, Hohe Straße, Marzellenstraße und Eigelstein heißt und jenseits des Ringes seine Fortsetzung in der Neußer Straße findet. Nach der Zertrümmerung des Römischen Reiches und der Eroberung der Stadt durch die Franken ging der Festungsmarakter zwar eine Zeitlang verloren, die Hauptstraßenzllge aber, wie z. B. die von der Hohe- Straße senkrecht nach Westen verlausende Breite Straße und Schildergasse blieben bestehen. Die frän­kische Siedlung selber nahm eine halbkreisförmige Gestalt an. Bald jedoch machte sich die Notwendig­keit einer Befestigung fühlbar. Der inzwischen schon bebaute Uferstreifen und einige außenliegende Sied­lungen und Kirchen aber waren in diesem schnell und notbürfig errichtenden Wall und Graben noch nicht einbezogen worden. Ader das Straßenbild bildete sich damals schon durch die von der alten mit dem Nheinlauf gleichgerichteten Hohe-Strahe nach der Peripherie radial auslaufenden Straßen­züge charakteristisch aus. Lediglich der hiervon un­berührte Ufersaum machte eine Ausnahme; hier war ein wirres und engmischiges Gassenviertel ent­standen, das nur durch Heu- und Altermarkt etwas Luft erhielt, während im Westen aus den Resten der Allmende der größere Neumarkt entstand.

Als sich bann um 1200 eine zeitgemäße Be­festigung als notwendig erwies, wurden die Vor­bauten und Kirchspiele und das langgestreckte Rhein­viertel mit in diesen Kreis hineingenommen, der sich nun also links und rechts an den Rhein legte und in einem großen Halbbogen die Stadt umschloß. Mächtige Torbogen beschirmten die Straßendurch- brüche. Diese Befestigung blieb bis zum Jahre 1880. Und sie gab namentlich Köln das Gepräge, bis bis auf ble heutigen Tage zeigt, einer festgeschlossenen, enggeglieberfen halbkreisförmigen Stadt, deren Ver­kehrsadern radial gelagert find.

Wenn auch beengt und beeinträchtigt durch den Festungsgürtel hatte sich Köln, namentlich dank feinem ausgedehnten Handel bis dahin schon mäch­tig entwickelt undalle Städte diesseits und jenseits des Stromes an Reichtum, Pracht der Gebäude, an Größe und an Wohnlichkeit" übertroffen. Städtische Bauten, wie das Rathaus mit feinem stolzen Turm mitten im alten Judenviertel oelcaen, der nahe gelegene Herentanzsaal (53X22 Meter), der

Ausftell' ng hessischer Unnstler- hilfe in Gießen.

Der Besuch der erst am vergangenen Sonn­tag eröffneten Ausstellung ist bis jetzt sehr be­friedigend: Ein gutes Zeichen für die geistige Interessiertheit der Gießener Bürgerschaft und die Qualität der Ausstellung sechst. Es ist auch wirklich kein am Wohltätigkeitsbazars erinnern­des Sammelsurium w.llkür.ich z.sammengeraffter farbiger Art'kel, die den Beschauer langwesten und durch das unangenehme Gefühl des Mille"ds, das sie ihm mit. Gewalt auf halfen, abschrecken, eine ausgezeichnete Jury Hal vielmehr dafür ge­sorgt, daß wenig Stücke vorhanden sind, die man als ausgesprochen schlecht oder gar kitschig be­zeichnen könnte. So erfüllt denn d.e Ausstellung neben dem Zweck der Wohltätigkeit den außer­ordentlich anregenden lehrhaften eines kleinen ^leberblicks über d.e Richtung, oder besser die verschiedenen sich kreuzenden und verbindenden Dichtungen der seitgenössifchen Malerei des Hessenlandes.

Aatürlich darf man an die zur Schau und »um Berkaus dargebotenea Kunstwerke nicht den Maßstab legen, wie man ihn an internationalen Kunstausstellungen in Derl.n oder Paris oder in anderen Kunstzentren Europas zu legen das Recht hat. Es Hst fc. immer derselbe Fehler, der bei der Beurteilung solcher eng lokal be­grenzten Beranflal.ungen gemacht wird, nun von jedem Kunstwerk, das produziert wird, unbe­dingte Originalität und hinreißende Wirkungs­

Donnerstag, 3. Dezember (925

Siebener Anzeiger (General-Anzeiger fiu Gberhessen)

Gürzenich unb viele bemerkenswerte Kirchen bis aus einem ovalen Zentralbau des 6. Jahrhunderts hervorgegangene St. Gereon, weiter Et. Ursula, St. Maria im Kapitol, St. Aposteln, die Jesuiten­kirche unb St. Pantaleon unb zahlreiche anbere zeugten von seinem Reichtum unb ber Kraft seines politischen und religiösen Lebens, nannte sich Köln doch mit Stolz bie getreueste Tochter Roms.

Der Stolz Kölns, ber himmelanstrebenbe gotische Dom, bos Wahrzeichen ber Stabt, besten 160 Meter hohen schlanken Türme schon von weitem grüßen, würbe 1248 von Konrab von Hochstaben begonnen, konnte aber erst nach manchen Unterbrechungen 1280 vollenbet werben. Unzählige schlanke Säulen teilen bie brei Längsschisse ooneinanber ab, in war­mer, wunberooller Glut bricht bas Tageslicht burch bie wertvollen Glasmalereien ber Fenster, unb bie Höhe unb Feierlichkeit bes Raumes erzeugen eine weihevolle Stimmung, ber sich kein Besucher ent- ziehen kann. Eine große Anziehungskraft erhielt ber Dom unb mit ihm bie Stabt burch bie im Jahre 1164 burch ben Kanzler Friedrich Barbarossas, Reinalb von Dassel, aus Italien heimgebrachten Ge­beine ber heiligen brei Könige, für bie bas rounber- vollste Werk mittelalterlicher Goldschmiede- unb Emaillearbeit, ber sogenannte Dreikönigenschrein, erbaut würbe.

2lls bann 1880 ber Festungsgürtel fiel von ben Torbogen blieben nur das Severins-, Hahnen- unb Eigelsteintor, von der Stadtmauer nur spärliche Reste trat an seine Stelle eine breit angelegte Ringstraße, an der das neuzeitliche in Barockstil er­baute Opernhaus erbaut wurde. Nahe feiner süd­lichen Ausdehnung an den Rhein wurde 1907 der neu errichteten Universität die schon 1388 be­gründet, nach einer Blütezeit im 16. Jahrhundert aber bann vernachlässigt würbe unb eingegangen war, ein zeitgemäßes Haus erbaut. Heute hat die Hochschule mit über 500 Besuchern den dritten Rang eingenommen unb wirb nur noch von Leipzig unb München übertroffen.

Die Friedensbedingungen rasierten bann 1918 auch bie weiter außen liegenden Forts unb Zwi­schenwerke fort und ermöglichten der Stadt den Erwerb des zwangsmäßig unbebauten Rayons zwi­schen den Ringen unb ben Vororten, ber nun nach Plänen bes Stadtbauraies Prof. Schumacher in einen bie ganze innere Stabt umjchließenben Grün­gürtel umgewanbelt wirb, unb der auch Sport-, Spiel- und Dolksplätze, gemeinnützige Bauten und Siedlungen einschließen wird.

Die hiermit in Verbindung stehenden Pläne wer­den überhaupt das Standbild Kölns wesentlich än­dern. Im Norden der Stadt ist namentlich ein gro­ßes Jndustriegelände unb burch bie Eingemeinbung Worringens ein langgestrecktes Hafengelänbe er» worben worden. Die Verbindung dieser neuen Stadtteile mit ber Mutterstabt wird die bisherige strahlenförmige Ausweitung in eine nördliche Rich­tung umbiegen unb dem Oefamtbilbe baburch einen DoUffänbig anbers gearteten Charakter aufnötigen.

Die Zukunft Kölns ist auf Hanbel unb Industrie gebaut. Sie finb bie ausfcfjlaggebenben Faktoren feines Gebeihens. Ein sichtbarer Ausdruck dieses beherrschenden Geistes wird demnächst an der Hängebrücke entstehen: ein wuchtiges unb granbiofes Hochhaus. Man fol£ nicht schelten, baß dadurch die alte, liebgewordene Rheinsilhouette zerstört unb namentlich der Eindruck unb die Vorherrschaft der Domtürme herabgemindert wirb; spiegeln nicht beide Bauten, die doch beide nur Symbole geson­derter Lebensbetätigung sind unb baneben einmal den Geist des Mittelalters unb zum anbern den ber Neuzeit repräsentieren, in ihrem glücklichen Nebeneinanber bie harmonisch-wirksamen Kräfte roieber, die das ganze Weltall beherrschen: Materie unb Geist!

Geschick unb Lage, sowie ber Charakter des rhei­nischen Volkes scheinen die Stadt Köln in erster Linie dazu berufen zu haben, ein versöhnendes Bindeglied nach dem Westen zu bilden. Das wird ihre Entwicklung nicht hemmen, ihr im Gegenteil förderlich fein. Ebenso gewiß ist aber auch, und das hat sie bis in die letzten Tage hinein bewiesen, daß sie, auf deutschem Boden gewachsen, treu-deutsch bleiben wird, ein Wahrzeichen deutscher Kraft und deutschen Geistes, stark oenug, abzugeben, unb stark genug, zu empfangen. Alaaf Köln!

Das denstch-nisderlän-ifche Wirifchastsabkommen.

Die Zahl l>ct Handelsverträge mit fremden Staaten hat im letzten halben Aahr eine nicht unbedeutende Erhöhung ersohrm. Aus dem Kreise jener Aationen. deren Wirtschaftsbeziehungen mit uns durch feste Abkommen untermauert finb. feien nur Rußland, Italien, S van "en und die Schweiz genannt. Qtun ist auch ein Vertrag mit den Niederlanden zustande gekommen, der an sich keine Besonderheiten airftoeift. Er siebt wie alle anderen die gegenseitige Meistbe­günstigung und Zollermäß'gungen vor. immerhin geht aber von ihm doch ein indirekter

kraft zu verlangen. Qualität unb Or ginaCtät ist durchaus nicht dasselbe. Gailz abgesehen davon, daß jedes künstlerische Genie seine Ahnen hat, kann man unmöglich von jedem Künstler ver­langen, daß er ein Genie und ohne Ahnen sei. Wenn die Genies auf der ganzen Erde schon nicht sehr zahlreich sind, wie dünn gesät müssen sie dann erst in dem kleinen Dolksstaat Hessen sein. Zur Qualität eines Kunstwerkes ist allein not- toenbig, daß der Künstler die irgendwo aufge­nommenen Formen zu einem harmonisch n Ganzen zusammenbindet, daß er sie beherrscht und zu seinen eigenen gemacht hat unb als solche mit allerdings vollendeter technischer Fertigkeit repro­duziert. Don diesem objektiven Gesichtspunkt aus dürften auch dem jungen, zeitgenössisch eingestell­ten Beschauer diejenigen Stücke der Ausstellung, die älteren S ilrichtungen, etwa ber b:r3ugcnb, der ^Fliegenden Blätter" ober gar der der alten HoUänder des 17. Jahrhunderts angeboren, wenn nicht gerade liebenswert, so doch verständlich und als Kunstwerke schätzenswert erscheinen.

Wie schon angedeulet, handelt es sich fast nur um Werte der Malerei und Gravhik. Äeben ihnen stehen zwei Bronzeplastiken von Johannes K ö d d i n g - Gießen und drei Mawliken von Ludwig P a l l e n b e r g »Bad-Rauheim. Unter den Malern sind die drei Provinzhauptstädte durch recht beachtliche Größen vertreten. Aber es ist im Hinblick auf die mit beängstigender Schnel­ligkeit fortschreitende Metropolisicrung und daraus .resultierende Mechanisierung des gan­zen Kunstbetriebs erfreulich festzustellen, daß auch die kleineren Städte unb Orte des Landes würdige Repräsentanten aufzuweisen haben. Don

Druck auf die Pariser Regierung auS. die sich noch immer nicht dazu verstehen konnte, und auch auf wirtschaftspvlitckchem Gebiet volle Gleich­berechtigung zuzugestehen und damit alle Hinder­nisse für den Abschluß eines Vertrages aus dem Wege zu räumen. Der deutsch-niederländische Vertrag nämlich öffnet die deuts chen Grenzen für bie niederländische GemüseauSfuhr, was insofern bedeutungs­voll ist, als auch der französische Landwirt seine besseren Gemüsesorten in Deutschland ab- setzen möchte. Das kann er unter den zur Zeit geltenden deutschen Einfuhrzöllen nicht. So muß er also sehen. wie den nieder­ländischen Landwirten ein neues Absatz­gebiet eröffnet worden ist, während er selbst seine Produkte nicht abzustoßen vermag. Der fran­zösische Landwirt ist natürlich viel zu scha>ach um die Pariser Regierung zwingen zu können, sich mit uns zu verständigen. Dieser Fall zeigt aber wieder einmal, daß bie französischen Behörden eher ihre eigene Wirtschaft notleiden lassen, als daß sie uns das zugestehen, was uns bisher von keiner anderen Ration, abgesehen von Polen, vorenthalten wurde, nämlich d.e gegenseitige un­eingeschränkte Meistbegünstigung.

Englisch-französische Verständigung im Orient.

Don unserem F. H.--Serid)terftütter.

(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.)

Als im September dieses Jahres die TI o f fül­l' r a g c vor bas Forum bes Völkerbundes in Grnf kam, wurde die französisch-englische Rivalität im Orient, bie im Laufe ber vorhergehenben Jahre so ost auf dem Rücken Deutschland) sausgetragen wor­den war, wieder in ihren alten Ausmaßen lebendig. Hätte doch die sofortige Zuteilung des strittigen Gebietes an das Irak einen so überwältigenden Sieg ber englischen Sache bebeutet, baß hierburch ohne weiteres England zur europäischen Vormacht in Dorderasien geworden wäre. Frankreich legte daher auf eine Entscheidung, bie solche Folgen ge­habt hätte, keinen Wert unb tat alles, um dies zu vorhin bem. Jeboch war es in ben Mitteln einer solchen Politik beschränkt unb mußte nach außen hin ben Anschein einer Stellungnahme strengstens vermeiden. Es war nicht nur durch einen, wenn auch nicht offiziellen Freund- schaftsvertrag gebunden, eine ben Türken freunb- liche Haltung, einzunehmen, fonbern es brauchte ja auch Englanbs Wohlwollen in der Frage ber Sicherheitspolitik in Europa. Insbesondre dieser letzte Punkt ließ es nicht geraten erscheinen, sich mit Englanb zu überwerfen, während zugleich eine Aenderung ber Politik ben Türken gegenüber höchst fatale Folgen haben konnte. Der Einfluß ber tür­kischen Nationalisten in Angora reicht eben weit in französische Gebiete hinein. Eine Verschiebung ber Entscheibung auf eine für Frank­reich gelegener« Zet erschien baher als bie vor­läufig geeignetste Lösung ber schwebenben Fragen.

Durch ben Munb bes Spaniers Quin on es b e Leon, eines bekannten Franzosenfreundes, ber als Berichterstatter des Völkerbundes in der Angele­genheit fungierte, fand daher ein Vermitt­lungsvorschlag die Zustimmung beider Par­teien, der gar nichts besagte, sondern nur die Ent­scheidung nochmals hinauszögerte. Denn die spitzfindige juristische Frage, ob bie Entscheibung bes Völkerbundes überhaupt eine solche ober nur eine Empfehlung sein bürfe, ob biefe bann binbenb sei, unb endlich, wie (durch Einstimmigkeit oder Mehrheitsbeschluß) die Entscheidung zu fällen fei vermochte doch eben die Tatsache nicht zu ver- chleiern, daß man sich über den Inhalt der Ent- cheidung nicht klar war. Wem das Gebiet zuzu- prechen sei, ober wie bas Gebiet zu teilen sei, her­über waren sich bie Parteien nicht einig geworben. Unb ber Bericht ber Völkerbundskommission über die Frage sagte keinem etwas. Er stellte vielmehr sest, daß, wie man bie Angelegenheit auch anfasse, sie nachgerechten" Gesichtspunkten nicht zu regeln sei. Allein ber Machtstanbpnnkt sei von Bebeutnng. Die Drohung der Türken, eine ungünstige Entschei­dung mit Waffengewalt beantworten zu wollen, genügte aber auch, um eine Anerkennung ber tat- sächlichen Lage, die alles den Engländern überlassen hätte, zu verhindern.

Während bie juristische Angelegenheit beim stän­digen internationalen Gerichtshof im Haag schwebte, ereigneten sich jeboch einige Dinge im Orient unb in Frankreich, bie langsam aber ftänbig bie fran­zösische Position untergruben. Frankreichs finanzielle Lage schuf große innere Schwie­rigkeiten und erschwerte die Aufrechterhaltung ber finanziellen Zuschüße, bie Kolonial- unb Mandats­gebiete nun einmal verlangen. Der Marokko- nische Krieg zwang die Franzosen, ihre Trup­pen in Syrien ständig zu vermindern, so daß zuletzt bas Lanb völlig von Truppen entblößt war. Eine ungeheuerliche Mißverwaltung bes Gebietes In Sy-

ben Hauptstädten stellt natürlich die Landes­hauptstadt, als seit Jahrzehnten diszipltnierle Kunststadt, das groß e Kontingent. Ihre Ver­treter sind durck) die jährlichen großen Darm­stadter Kunstausstellungen längst bekannt. H a l - lerstede. Hofferberth, Posch und Tol­ler erfreuen durch Landschats-Aquarelle und Zeichnungen, die letzten Endes auf Anregungen von Cözanne zurückgehend, dessen Formen nach dem Kubistischen oder van Gogh hin stilisieren, aus jeden Fall verdeutschen, wenn nicht sogar in engerem Sinn verrheinischen. Besonders be­merkenswert sind zwei Architekturstücke von Posch, Kohlenzeichnungen, bei denen die Fläche von zarten Linien und Wischtönen stimmungsvoll übersponnen wird. Sn Schelde haben wir einen Rach folger Liebermanns, der aber, kein reiner Impressionist mehr, die Farbenr. a sen zu geschlos­senen Komplexen zusammenballend, architektonisch komponiert.

Die Gießener Künstlerschast vermag sich neben den Darmstädtern wohl mit Ehre zu be­haupten. zahlt sie doch zu ihren Arbeiten ein Werk, das als eines der besten, vielleicht sogar als das beste der ganzen Ausstellung genannt werden muh. Das Knabenöildnis Hans Erwin Steinbachs, vollendet in Zeichnung und Ko­lorit, von energischster Charakteristik, führt alle Möglichkeiten übernommener Formen mit eiser­ner Konsequenz zu Ende und steigert sie darüber hinaus zu einmalig-eigenster, zwingender Wir­kung. 3n dem Kopfe eines Schnitters von dem­selben Künstler werden die verschiedenen Stil­elemente. Cezanne, Gauguin, Picasso usw. we­niger glücklich ineinander pcrarbe'tct. nur lose

rien selbst ließ eine Bagatelle zu einem großen Ausstande anschwellen, ber um ein Haar sogar Damaskus in bie Hänbe ber aufstänbischen Drusen gespielt hätte. Unb nicht zuletzt bas Freunb- schastsverhältnis zu der Türkei, auf bem ja ber ganze französische Vorteil basierte, ging in bie Brüche. Frankreich hatte solange ben türkischen Na­tionalisten bie Stange gehalten, bis biefe sich kräftig genug fühlten, um auch gegen Frankreich vorzu­gehen. Sie verlangten bie Abtretung ber Bagbab- bahn unb ber Gebiete um Alerandrette, also mehr als ihnen ber Vertrag von Angora zugestonben hatte, ba sie nach diesem ja nur gewisse Nutzungs- unb Verwaltungsrechte erhalten sollten. Es half nichts, baß man sich in Pari weiter versöhnlich zeigte. Die Türkei war unnachgiebig, unb bamit scheiterten die hierüber geführten Verhandlungen unb bie bisherige Freunbschast ber beiben Mächte. Ja, bie Türken unterstützten sogar bie aufstänbi­schen Syrier: Frankreichs Stellung im Orient selbst würbe bedroht.

Die französische Zensur in Syrien ließ zwar lange keine Nachrichten über bas Umsichgreifen bes Aufstanbes bekannt werben, unb bie in manchen anberen Dingen so geschwätzige französische Presse verschwieg ostentativ den bivlomatischen Mißerfolg in Angora, als aber über ben englischen Nachrichten­bienst biefe Dinge boch bekannt wurden, ließ sich nichts mehr verschleiern. Frankreich mußte das Spiel aufgeben, wenn es seine Besitzungen im Orient halten wollte. Nach ber gegebenen Lage war es aber damit auch klar, in welcher Richtung nun­mehr die französische Initiative sich entwickeln mußte. Denn hatte man es einmal mit Angora verdorben, so blieb nur noch bie Berstänbigung mit Englanb übrig. Henri bc Iouvenel, ber neue Hohe Kommissar für Syrien, fuhr nach Conbon, um sich bort mit bem englischen Minister bes Aus­wärtigen unb dem englischen Kolonialminister .ins Einvernehmen zu setzen" aber nicht nach Angora.

Interessant ist es nur, baß im gleichen Augenblick die Entscheidung bes Haager Gerichts­hofs bekannt wirb, bie einen völligen Sieg bes englischen Standpunktes bedeutet. Denn fällt ber Bölkerbunb hiernach eine Entscheibung In ber Mossulfragc, so ist es rechtlich irrelevant, ob sich bie

für die Samstagsnummer können nur bis Freitag vormittags verbindlich angenommen werden. Zwecks wirksamer Sahausstaltung erfolgen Bestellungen zweckmäßig bereits im Laufe des Donnerstags

Bering öestoSmWsets

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Türkei mit ihm einoerftanben erklärt ober nicht. Englanb kann sich ben anberen Mächten gegenüber eine Einmischung in bie Angelegenheit verbitten, ba ja jetzt bie Entscheidung zweifellos eine end­gültige sein wirb, bie Mächte also an biesen Spruch binbet. Protestiert die Türkei hiergegen, so ist bas nachher belanglos, fügt sie sich aber im Kollegium nicht bem Spruch, so wird ihre Stimme nicht ge­zählt . . . Und wenn man sich bann vor Augen hält, baß Englanb tatsächlich unter ben Nationen bes Völkerbunbes die mächtigste ist, bie Türkei sich ober um ihre einzige Bundesgenossenschaft von Wert ge­bracht hat, so ist wohl damit für die englische Stel­lung das weitere Plus erreicht, bas sich zwangs­läufig in ben französisch-englischen Verhandlungen in einer Unterstützung Frankreichs für die Engländer auswirken muß. In ber Mossi'lfraa? kann England von jetzt ab auf Frankreichs Unterstützung rechnen. Umgekehrt kann aber England auch Frankreich etwas Positives bieten. Ist es ihm doch gelungen, durch einen neuen Vertrag mii Ibn Saud nicht nur Mesopotamien im Rucken zu sichern, sondern sich auch bie politische Vertretung dieses Mannes im nicht wahabitischen Auslände zu verschaffen. Eng­land hält also bis zu einem aewi'fen Grade auch die Fäden des syrischen Aufstandes in der finnb.

Die Fragen der Grenzreg"lunqen zwischen Syrien und Irak, her Benutzung tur Bagdad­bahn durch die Türken und des Verhältnisses Sy­riens zu der Türkei sind damit aus einem Druck­mittel Frankreichs gemm England in ein solches Englands gegen die Türkei umaemanbelt. Frank­reich wird, um feine Stellung halten zu können, sich eben in Zukunft enalischen und nicht türkischen Wünschen entaeaenkomm-nd zeiaen müssen. Und cs liegt nahe, daß hier hi» Kompensationen liegen wer­den. d'e man der Türkei bi»ten wi-V Anerkennung türkischer Rechte minderer Art in Syri-n aeaen die Aufrechterhaltung des Status ouo im Mossulgebiet. Denn diese wird sich wohl hüten, gleichzeitig mit

zusammengehalten. Reben Steinbach steht Hel- muth Muller-Leutert mit einigen über­aus eindrucksmäch.i^ei, grrßlompor.ier en Land­schaften, von denen der Vainvamm oo der dä­monischen Düsterheit seiner Stimmung besonders hervorgehoben werden soll.

Von ben Mainzer Künstlern finb u. a. bemer- kenswert Mathilde Huber, Seck-Carton unb Ernst Weinschenk. Das mit sehr viel Liebe und zugleich mit sehr viel resoluter ftraft unb Sicherheit gemalte BilbWeisenau im Frühling" Mathilde Hubers entzückt durch die Freudigkeit der Farben und die süße Duftigkeit seiner Atmosphäre. Seck-Carton gibt eine Reihe hübscher Landschaftszeichnungen und Aquarelle von nicht nur dekorativen Reizen in einer Meidner« artigen Abwandlung van Goghschen Stils. In ben wuchtig aufgebauten Holzjchnittkompositionen von Ernst Wein schenk spürt man ben Architekten von Haus aus. Amüsant als genaue Nachahmung des Stiles Henri Rousteaus, aber in der bedin­gungslosen Treue seiner Nachahmung doch nicht ge­rade schlecht ist noch das Delgemälbe einer Häuser­gruppe in dazu abgestimmtem Rahmen von Erich Martin in Offenbach zu nennen. Zum Schluß sei auf die flotte Tufchzeichnung einer Straße mit hodjgiebligen Häusern von Martha Veite in Friedberg hingewiesen.

Die Ausstellung bedeutet für Gießen immerhin ein Ereignis. Eine fleißige Fortsetzung der so viel- versprechend begonnenen Frequenz dürfte als für beide Teile, für Künstler und für Publikum, nutz- bringend von Herzen zu wünschen sein. P.