Ausgabe 
3.12.1925
 
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Donnerstag, 5. Dezember 1925

175. Jahrgang

Blatt

Die Londoner Besprechungen

rel-

von

sich malerisch 3n diesem n

Foreign Off'ce hatten, verlautet von gut unter­richteter Seit«, daß selbstverstä'.blich die Gelegen­heit benutzt würbe, den in politischen Angelegen­heiten so w.chttgen persönlichen Kontakt wieder auszunehmen und die Fragen, an denen die v-er Länder ein gemeinsames Int "reise hab^n, gründlich durchzusprechen. <33 sind somit Fragen, i.. denen -Zwe.fel oder Schwierigkeiten entstände i waren, teils geklärt, teils gefordert worden, soweit d es möglich war.

Daß sich die Wetterführung der D e s e tz u n g der 2. und 3. Zone logisch nicht mit Locarno verträgt, darüber hat ji der deutsche Kanzler gestern in seiner Rede bei der Unterzeichnung des Pattes keinen Zweifel gelassen. Man er­hofft, daß sich wesentliche Erleichterungen für das Rheinland vor allem aus der Zusammen­arbeit von Reichs lommifsar und Rheirüand-Kom- mission ergeben werden. Daß über die Luft­frage gesprochen wurde, ist schon berichtet wor­den. Der Eintritt Deutschlands in den Völkerbund dürste im März erfolgen. 3n Kreisen der deutschen Delegation ist man der Auffassung, daß viel von der weiteren Ent­wicklung her parlamentarischen Lage in Frankreich abhäng n wird Die dort herr­schende Unsicherheit erk.ärt manche Derzö^erup- gen, aber offenbar ist man in dteser Beziehung nach Gesprächen mit den Franzosen optimistisch Man versichert, daß gute Gründe zur Recht­fertigung dieses Optimismus vorlicgen. 3n al­lernächster Zeit werden für diese Meinung einige sichtbare Beweise erwartet, die sich auf das Verhältnis zu Deutschland beziehen.

den Qlbg. Henning außerordentlich schwere An- grifte erhoben wurdm, die gerügt worden wären, wenn sie der Präsident gehört hätte.

Das Haus tritt dann in

die zweite Beratung des deutsch-italienischen Handelsvertrages.

Abg. Erkelenz (Dem.) stimint trotz der Kritik an Einselheiten dem Handelsverträge im Ganzen zu, spricht aber die Erwartung aus, daß 3talien seine jetzige deutschfeindliche Politik auf­geben wird.

Abg. Rauch (Daher. Volkspartei) bedauert die niedrigen Sähe für Wein, die Deutschland Spanien im letzten Provisorium bewilligt habe. Die autonomen Zollsätze für Obst und Gemüse seien im deutsch-italienischen Handelsvertrag viel zu weit ermäßigt worden. Dor Redner stimmt

Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer bis zum Nachmittag vorher.

preis für \ mm Höhe für Anzeigen von 27 mm Breite örtlich 8, auswärts 10 Reichspfennig; für Re­klameanzeigen von 70 mm Brette 35 Reichspsennig, Platzoorschrist 20', mehr.

Chefredakteur.

Dr. Frtedr. Wich. Lange.

Verantwortlich:

für Politik und Feuilleton Dr. Friede. Wilh. Lange: für den übrigen Teil Ernst Dlumschein; für den An- zeigenteil Hans Füstel, sämtlich in Gießen.

Die deutsche Delegation in London.

London, 2. Dez. (Wolff.) Am Dienstag gab Chamberlain den Delegationen ein Abend­essen im Lancasterhouse, das in ausge­zeichneter Stimmung verlief. Den Vorsitz führte Chamberlain, der einen Trinkspruch auf Locarno und die Signatarmächte ausbrachte. Weitere Reden wurden nicht gehalten. Rach dem Essen wurde der Film von der Tlnterzeichnungshand- lung vorgesührt, der bei den Anwesenden großes Vergnügen hervvrrief.

Den Mittwoch verbrachten die auswärtigen Delegationen mit Besprechungen im eigenen Kreise und mit Besuchen bei persönlichen Freun­den in London. Reichskanzler Dr. Luther sprach in Dorningstreet 10 vor, wo er eine kurze Besprechung mit Baldwin hatte, wäh­rend Bandervelde, Denesch und Scialoja einen Besuch bei Chamberlain im Foreign Of­fice machten. Rachmittags waren Dr. Luther und Dr. Stresemann kurze Zeit im Unterhaus und wohnten von der Fremdenloge aus der Erledigung der kurzen Anfragen bei. Rachmit­tags nahmen Dr. Luther und Dr. Stresemann bei Ramsay Macdonald den Tee, abends gab der Premiermini st er zu Ehren der frem­den Delegierten ein Essen, an dem u. a. die britischen Minister, auswärtige Diplomaten und mehrere britische Botschafter teilnahmen.

An den Reichskanzler a. D. Dr. Marx richteten Reichskanzler Dr. Luther und Reichs- außenminister Dr. Stresemann folgendes Tele­gramm: Bon der gleichen Stätte, an der wir im vorigen 3ahr gemeinsam gearbeitet haben, um den Weg für eine bessere Entwicklung Deutschlands zu bahnen, senden wir 3hnen in aufrichtigster Hochachtung die besten Grüße.

Luther. Stresemann.

Der Kadaververwerlungs- skandal erledigt.

London, 2.Dez. (WTB.) 3m Unterhaus fragte im Namen des Führers der Opposition Ar- thur Henderson den Staatsfekrtär des Aeußern, ob er eine weitere Erklärung über die Kadaver-Angelegenheit abgeben könne. Chamberlain, der bei seinem ersten Erscheinen im Unterhaus nach der Unterzeichnung des Co- camo-Paktes mit einer Beifallskundgebung begrüßt wurde, erklärte bejahend. Der Kriegssckretär habe dem Unterhaus in der letzten Woche mitgcteilt, auf welche Weise die Geschichte im Jahre 1917 zur Kenntnis der britischen Negierung gelangt ist. Der deutsche Reichskanzler habe ihn ermächtigt, auf die Autorität der deutschen Negierung hin zu sagen, daß niemals irgendwelche Grund­lage für die Geschichte vorhanden war. (Beifall.) Er wünsche namens der britischen Regie­rung hinzuzufügen, daß er dieses Dementi a n - n ehme und er hoffe zuversichtlich, daß dieser falsche Bericht nie wieder erwähnt werde. (Beifall.)

Zu Chamberlains Erklärung bemerktDaily Telegraph" in einem Leitartikel:Das deutsche Volk dürfte mit Recht irgendein offizielles Dementi dieser Geschichte erwarten. DieKada­ververwertungsgeschichte" fand selbst in den bitter- ften Stunden des Krieges nicht allgemein Glauben. Es ist sehr bedauerlich, daß die Sache wieder her­vorgeholt wurde, während dis Welt die Leidenschaf­ten des Krieges dringend zu vergessen wünscht. Aber aus dem Bösen kann Gutes entstehen, wenn hie herzliche Zustimmung des britischen Volkes zum Zusammenwirken der beiden Regierungen bei Er­ledigung dieser Sache zum Ausdruck gebracht wird. Daily News" sagt, bedauerlich sei, daß der Kriegs­minister vor einigen Tagen nicht den gleichen Mut und das gleiche Anstandsgefühl gezeigt habe, wie Chamberlain."

Die Verminderung der Besatzungtruppen im

Rhe n and.

Paris, 3. Dez. (WTB. Funkspruch) Wie Journal" berichtet, wurde gestern ab?nb ver­kündet, daß die 'Ve atzunystruppen nuirmehr auf folgende Defensivbeständ? zuruckgefuhri wurden: Belgien 10 000 Mann, Eng mb 3000 Mann und Frankreich 50 000 Ma m. (Anmerkung deSWTD.: Hinsichtlich Belgien ist bereits in dw französi­schen Presse die niedrigere Ziffer von 7000Mann, hinjich'.lich Großbritannien jedoch e.ne höhere, nämlich von 8000 Mann, genannt worden.)

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London, 2. Dez. (WTB.) Zu den .... verschiedenen Seiten gebrachten Berichten über die Besprechung, d e Der d.mische Reichskanzler und Dr. Stresemann gestern nachmittag m t Ver­tretern Englands, Frankreichs und Belg ens im

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Deutscher Reichstag.

Berlin, 2. Dez. Bor Eintritt in die Ta­gesordnung sagte Abg. Henning in einer Erklärung auf dis gestrigen Angriffe des Abg. Dr. Wirth, toerm Dr. Wirth ihn der Mitverant­wortung am Rathenau-Mord beschuldigt habe, so entspringe das offenbar der Absicht, eine neue Hetze gegen ihn, Henning anzu­fachen. (Lärm links und Rufe der Abg. Müller- Franken und Sollmann (So;.), die vom Präsi­denten gerügt werden.) Er würde den zitierten Artikel heute genau so schreiben, aber hinzu- sehen daß Die Ehre des deutschem Volkes in den Händen des Richtjuden Wirch ebenso schlecht aufgehoben wäre, wie in den Händen des 3uden Rakhenau. (Große Unruhe links.) Dr. Wirth sei an wenigsten zu Vorwürfen berufen, denn er habe das Wort gesprochen: Der Feind steht rechts I Darauf seien Dutzende rechtsstehender Manner ermordet worden. Dr. Wirth sei ein krankhaft hemmungsloser Mann. (Lärm links, Ordnungsrufe geflen Zwischenrufer.)

Präsident Lobe entart, er habe feine Aus­führungen zulassen müssen, weil gestern gegen

schlosser ist die Königin-Mutter in oller Stille am vergangenen Sonntag beigesctzt worden, an der Seite Eduardsdes Friedfertigen".

Aber das Rod der Weltgeschichte steht nicht still. Auf den Eindruck des Todes folgt der Eindruck des lebendigsten Lebens. Heute wurden die Verträge

dem Vertrage zu, lehnt aber die materielle Verantwortung für den 3nhalt ab.

Abg. Graf zu Reventlow (Völk.) erklärt: Meine politischen Freunde sind zu der lieber- zcugung gelangt, daß der vorliegende Vertrag die deutschen Interessen nicht fördert. Meine Partei lehnt den Vertrag ab.

Ministerialdirektor Dr. Ri11er erklärt, die jetzige Regierung werde den Vertrag mit Spanien nicht mehr abjchlreßen. Die Verhandlungen seien auch noch nicht soweit gediehen. Die Regierung empfehle die Ueberweisung der Anträge an den handelspolitischen Ausschuß. Damit schließt die Aussprache. Der Han­delsvertrag wird in zweiter und dritter Lesung gegen die Kommunisten, Völkischen und einen Teil der Deutschnationalen angenommen.

Angenommen wird weiter eine Entschließung

iSö* massig® wandfre' in der

Es ist beachtenswert, daß der feierliche Akt in der Downingstreet ein lautes Echo in der eng­lischen Presse gefunden hat und daß durch die Feier in London der ganze Pakt sozusagen populär geworden ist. Gewiß, man hat seine Sorgen und man hat gelernt, daß die Politik ein nüchternes Geschäft ist. Aber auch beim Durchschnittsengländer regt sich jetzt so etwas wie ein Gefühlsmoment, das verstandesgemäß durch die Ueberlegung gestützt wird, daß man vergeblich versucht hat, mit den Mitteln der alten Politik einen befriedigenden Schlußstrich unter die englische Kriegsrechnung zu setzen und daß nun wirklich so etwas eintreten muß, wie eine Windergutmachung von beiden Seiten".

Ist es nicht ein Symbol, daß die Gemahlin Ed.mrds VII., des Einkreisers Deutschlands in dem Augenblick starb, als man sich die Hände zum Bunde über die alte Kriegsfeindschaft hinweg

In der berühmten W e st m in ft e r a b t e i mit ihren zwei schlanken gotischen Türmen wurde die Königin aufgebahrt. Nach dem Gottesdienst, dem die Könige, Fürsten und leitenden Staatsmänner beiwohnten, wurde der Sarkophag, an dem der Offizier der königlichen Leibgarde, des Korps der Gentlemen at Arms" und der königlichen Leib- garde der Peomen Wache halten, der Besichtigung durch das Publikum freigegeben. Die eigentliche Beisetzung erfolgte aber nicht in der Wcstminster- ablei, sondern am nächsten Tage in de nun der Grafschaft Berkshire an der Themse geleaenen Städtchen Windsor. Das prächtige Königsschloh Windsor-Castle, das Edurd I!-. erbaut hat, erhebt .....".) auf einem Kreidehügel an der Themse, wunderbarsten aller englischen Königs-

Gietzener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberheffen

VrvS anb Perlag; Vrühl'sche UniverfilÄL-Vuch' und Lleindruckerei K Lange in Sieben. Schrifüeitung und Geschästrstelle: Zchlllstraht 7.

deL Ausschusses, in der die Regierung um Vor- läge einer Denkschrift ersucht wir), aus welcher ersichtlich ist, durch welche Maßnahmen >7*) an­dere Siacuen gegen D u m p ing-Gefahr, besonders gegen Valuta-Dumping zu schützen Der- suchen. r r

Der sozialdemokratische Antrag auf ileoer- weisung aller weiteren Entschließungen an den handelspott.i chen Ausschuß wird mit 175 gegen 166 Stimmen angenommen. Das deutsch-itcuie- nische Aiksmmen über Steuerfragen Wird ohne Aussprache angenommen.

Es folgt

die zweite Beratung Les vorläufigen Zoll­abkommens mit der Schweiz.

Abg. Krätzig (Soz.) bemängelt die Zoll­sätze für Textilien. Da es sich jetzt nur um

Ur. 283 Erster Erscheint täglich.außer Sonntags und Feiertags.

Betlagen:

Gießener FamilienblLlter Heimat im DUd Die Scholle.

monat$=Bejug$ptei$:

2 Reichsmark und 20 Reichspsennig für Träger» lohn, auch bei Nichter­scheinen einzelnerNummern infolge höherer Gewalt. Fernsprechanschlüsse: Schriftleitung 112, Ver­lag und Geschäftsstelle 51. Anschrift für Drahtnach- richten: Anzeiger Sieden.

poftschekNonto:

Frankfurt am Main 11686.

Don unserem ^-Berichterstatter.

(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.) London, 1. Dezember 1925.

London sieht augenblicklich historische Tage. Am Freitag, 28. November, war die Beisetzung der Königin-Mu tt er Alexandra, die vor acht Tagen in Sandringham, dem Landsitz des Königs von England, ihres Sohnes, gestorben ist. Sie war die Witwe Eduards VII. unseligen An- gedenkens. Sie hat das biblische Alter von 81 Iah- ren erreicht. In ihrer Kinderzeit hat ihr noch der große Haus Andersen persönlich seine Märchen er­zählen dürfen, da sie von Haus aus eine dänische Prinzessin war, eine Tochter des 1906 gestorbenen Christian IX. von Dänemark. Der regierende eng­lische König Georg V. ist ihr zweiter Sohn. Sein um ein Fahr älterer Bruder Prinz Adalbert-Viktor wurde 1902 von einer Lungenentzündung dahin- gerafft. Auch drei Töchter sind dieser Ehe ent- jvrossen: die zweite Tochter konnte wiederum einen Königsthron besteigen, als Gemahlin des Königs Haakon von Norwegen. Die älteste Tochter heiratete einen inzwischen verstorbenen Herzog von F i f e und die jüngste Prinzessin Viktoria ist biß jetzt unoennählt geblieben.

An der Beisetzung nahmen vier regierende Kö­nige teil. Um die Feierlichkeit noch zu erhöhen, hatte in diesen Tagen ein starker Schneefall eingesetzt, der das ganze Stadtbild in ein glitzerndes Weiß kleidete. Die Straßen, dir der Trauerzug passierte, waren dicht mit Hunderttausenden von Menschen gefüllt. Der Zug ging vom St. James-Palast, der königlichen Residenz, über die Dia Dolorosa nach der Westminsterabtei. Der Sarg der Königin wurde auf den Schultern von Angehörigen der Garde etwa 20 an der Zahl getragen. Ihre eigene fil- bene Fahne, bestickt mit den Wappen der eng­lischen und dänischen Armee, war über den ge­schlossenen Sarg' gebreitet, und hierüber lag eine Schicht der Blumen, die die Königin jo sehr ge­liebt hatte, der roten sog. Alexandrarosen.

3n vornehmer, trauriger Haltung schritt hinter dem Sarge als Erster der König v on England. Er trug ©encralimiform. Se'ne Brust war von Orden und Auszeichn'Mgen bedeckt. 3n einem halben Meter Abstand, in Kavallerie» Uniform mit einem großen, schwarzen, pelzbedeck­ten Tschako folgte der Prinz vv n Wales. Dahinter mit 2 Metern Abwind ein Parkett von Königen: der König von Rorwegen, der König von Dänemark und der Kön'g von Belgien, alle in den Uniformen ihres Landes.

Die Anzahl der vertretenen Adelsmitglieder wird auf ungefähr 2000 geschäht. Dann waren in dem Gefolge, das gar fein Ende nehmen wollte, die besonderen Abordnungen der Mar.ne, der Luftstreitkräfte, der Garden, Matrosen mit umgehängtem Gewehr usw. vertreten. Die Ka­pellen spielten den Totenmarsch ausSaul", als sich der Leichenzug dem Gebäude derhorse- auards", im Whiteha11, in dem der Ober­befehlshaber der britischen Armee wohnt, näherte.

Könige, Fürsten, Soldaten und die 20 An­gehörigen der Leibgarde, die den Sarg trugen, umhüllt von den wallenden Schnerflockm und dem Beileid einer nach Hundrrttausenden zählenden Menge, dies alles gab ein imposantes Bild von der Größe und der Macht des britischen 3mpe- riums. Wenngleich im Lande die Unzufriedenheit wächst, weil d e Regierung nicht in der Lage ist, das Gespenst der Arbeitslos.gkeit zu bannen, so richtet sich diese Verstimmung nur gegen die jeweilige Regierung, nich! gegen das Königshaus. Die Tellnahme des Volkes an diesen Trauer­feiern ist der beste Beweis dafür.

Das Kabinett Briand vor der Kammer.

DieRegicrungserkläruug. Loucheurs Finanzprojekt.

Paxis, 2. Dez. (WB.) Ministerpräsident Briand ist heute nachmittag 3.45 Uhr von seiner Reise nach London zurückgekehrt. Als er am Bahnhof ankam, .brachte chm die Volks­menge unter dem Ruf:Cs lebe der triebe! eine Kundgebung dar. Außer Mitgliedern des MmisteriumS waren zu seiner Begrüßung erschienen: der deutsche Botschafter v. Hoesch, der spanische Botschafter, der brr- tische Geschäftsträger und der Gesandte der Tschechoslowakei. Briand begab sich vom Bahn­hof aus direkt nach der Kamm er, wo er hinach 4 Uhr die Regierungserklärung zur Verlesung brachte. Sie beginnt mit der Fest­stellung, daß die Finanzlage be8_ Landes ernst aber nicht verzweifelt fei und daß es des all­gemeinen Vertrauens und der Zusammenarbeit sämtlicher Parteien bedürfe, um die Sanierung der Finanzen herbeizusühren. Sie, Sanierung unserer Finanzen kann erst endgültig durch- aeführt werden, sobald eine loyale Verstän­digung mit den Gläubiger st aaten hcr- beigeführi ist. Wir werden die interalliierten Schuldenverhandlungen beharrlich fort.ühren in der Ueberzeugung. daß unsere Alliierten und Freunde unserer Lage und der Rotwendigkeit Rechnung tragen, an der Sanierung mitzu- arbeiten, damit die Erfüllung unserer Verpflich­tungen möglich wird.

Briand wird eine lang anhaltende Ovation bar- gebracht, als er auf den

vertrag von Locarno zu sprechen kommt, wobei er ausführt:Frankreich hat soeben eine Handlung internationaler Solidari­tät vollzogen, die eine bedeutsame Etappe feiner all- gemeinen Friedenspolitik darstellt. Der Pakt von Locarno wurde gestern in London unterzeichnet. Wir zweifeln nicht daran, daß das gesamte französische Parlament diesem internationalen Akt seiner Re­gierung vollauf beipflichten wird. In demselben Friedensgeist gedenken wir in kurzer Zeit die Pro- bleme Marokkos und Snriens zu lösen, so- bald der Angriff gegen das Werk der Zivilisation und des traditionellen Liberalismus Frankreichs nie- bergeroorfen sein wird."

Weiter folgt eine Anspielung auf die Herab- setzung der M i l i t ä r d i e n st p f l i ch t, die jetzt nach der Erzielung internationaler Ab­machungen und Sicherheitsgarantien für Frankreich möglich wird. Ein Hinweis auf die baldige Durch­führung der W a h l r e i o r m ruft auf der äußersten Linken energische Zwischenruse hervor. Briand wird, als er die Tribüne verläßt, erneut eine längere Ova­tion dargebracht. Auf die Erklärung Briands verliest der Kammerpräsident die vorliegenden Interpella- tionen. Briand beantragt Vertagung und sofor­tige Eröffnung derFinanzdebatte. Die Vertagung wird beschlossen.

Dann besteigt

Loucheur die Tribüne und entwickelt sein Finanzprogramm. Die Kammer wird um die Ermächtigung ersucht, mit der Bank von Frankreich ein Abkommen zu treffen, durch das der Vorschuß der Dank von Frankreich an den Staat um sechs Milliarden erhöht werben soll. Außerdem wird die Genehmigung nachgesucht, den Noten­umlauf von 51 Milliarden auf 58.5 Milliarden zu erhöhen. Um eine Deckung dieser Erhöhung herbeizusühren, fordert der Gesetzentwurf, daß alle am 31. Dezember 1925 rückständigen Steuern um zehn Prozent erhöht werden sotten. Außerdem wird die Grundsteuer für bebauten ober unbebauten Besitz um 50 Prozent, die Steuer auf den Nutzen der Industrie und Handelsuntemch- mungen um 50 Prozent, die Steuer auf den Pacht­zins von Bergwerken um 100 Prozent und die allgemeine Einkommensteuer um 20 Prozent er­höht. Ferner sollen um 50 Prozent erhöht werden die Steuer auf das Einkommen aus ausländischen ober französisnien Werten sowie von französischen Aktien unb Obligationen, bie auf den Inhaber lau­ten und von ausländischen der Stempelsteuer unter- liegenden Aktien und Obligationen, gleichviel ob sie auf den Namen oder auf den Inhaber lauten. Loucheur erwartet eine Mehreinnahme von drei Milliarden. Das Projekt findet lebhaften Wider­spruch auf der Linken und Rechten.

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oonLocarno endgültig unterzeichnet. Zu gleicher Zeit soll in neuen Verhandlungen das Maß der Rückwirkungen erweitert werden. Das englische Volk nimmt an diesen Fragen anteil, weil sie ihm in der Form der Feierlichkeiten so vor Augen geführt werden.

Die Hoftrauer verbot dem König bei der Unter­zeichnungsfeierlichkeit selbst anwesend zu sein. Aber die Botschaft, die er verlesen ließ, ist durch den Draht in Deutschland schon verbreitet worden. Der Schauplatz der Handlung ist ein anderer, als der der feudalen Stadt der Könige. Wir werden in die enge, schmale Downing st reet versetzt, in der der riesige Häuserkomplex des F o r e i g n Office, des englischen Außenministeriums steht, das mit den Ministerien für Kolonien und für Indien in einem Block untergebracht ist. Hier werden die Geschicke eines großen Teiles der Welt geleitet, lieber allem waltet die Einfachheit. Lange Korridore, einfache Zimmer, nur das Vestibül und das Treppenhaus, das zumgoldenen Saal" führt, ist prächtig aus- gestattet. Als Symbol halten zwei Marmorstatuen wacht, Clarendon und Salisbury. Letzterer der Vertreter dersplendid isolation", mit dem Bismarck vergeblich einen Bündnisvertrag ab- schließen wollte. Imgoldenen Saal" große Fres­ken, daskriegerische England". Die Decke reich verziert, fünf große Fenster und doch ein Meer von künstlicher Beleuchtung. Die eine Hälfte des Saales für die Abgesandten der Staaten, die andere für die Zuschauer reserviert. Um den großen lan- ben Tisch bie 20 Diplomaten, bie Chamberlain be- giüfjt und für die Luther antwortet. Dann kommen in langer Reihe die anderen zu Worte, die samt unb sonbers so schöne Worte über ihren guten Willen, ben Geist bes Friebens zu pflegen, finben.