Der gefesselte Strom.
Roman von Hermann Stegemann.
53. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Im Juli brach ein Ausstand aus.
Als Engelhardt, der immer schlecht schlief, den Morgen hereinbrechen sah und den Klang der Hämmer, das Knarren der Winden, das Keuchen der Bagger nicht hörte, wußte er nicht, ob die Welt stillstand, otfer ob er selbst ihr entrückt worden sei.
Dann sah er die braunen Männer mit den bunten Schärpen müßig um ihre Kantinen stehen und die Lokomotiven den Dampf abblasen. Den ganzen Tag fehlte ihm etwas.
Gegen Abend ging er hinaus. Die Helme von zwei Gendarmen blinkten. Aber die Arbeiter faßen friedlich auf den Baumstämmen und qualmten billige Schweizer Zigarren. Er stieg zum Rhein hinunter. Das Bad war schon verschwunden. Ein Betonklotz ragte aus der Tiefe. Der Trockendamm stieß die Strömung nach den, anderen Ufer. Riesig erschien das Gerüst für das Stauwehr, und Engelhardt sah mit Staunen, wie tief sich die Bagger in die Ufer gefressen hatten.
Als am andern Morgen die Arbeit wieder ausgenommen wurde, atmete er auf, so hatte er sich an ihren dröhnenden Gesang gewöhnt.
Bon Hanns Ingold sahen sie wenig, nur manchmal seine Silhouette, wenn er die Arbeiten am Ufer überwachte. /
Am 22. Juli räumten sie den ganzen Ostflügel des Hauses. Nun blieben noch vier Stuben und der Turm mit seinem unbewohnten Gelaß. Der Verkauf war vollzogen. Dr. Engelhardts Sanatorium hatte aufgehört zu bestehen.
Ingenieure zogen ein, im Refektorium stand das Modell der Turbinenanlage. Im Lazarettraum lagen drei Arbeiter, einer mit einer ungeheuren Knieschwellung, zwei mit offenen Wunden.
„Ich will mir den Burschen mit dem Elefantenbein einmal ansehen. Meinst du. das geht?" fragte Engelhardt seine Tochter.
„Sie werden sich sogar freuen. Warum praktizierst du eigentlich nicht? Das wäre ja prächtig!"
„Alles Messer- und Nadelarbeit," antwortete er grob, aber er ging hin und half dem Kranken zu einer Packung und Salizyl.
Fortan ging er täglich zu den Kranken, und dann holten sie ihn in einem Notfall ins Jtaliener- dorf, und er ging willig.
„Napoli" hatte der Volksmund die Ansiedlung getauft, und die Arbeiter selbst nannten sie nicht mehr anders.
Frauen und Mädchen bewegten sich mit südlicher Unbefangenheit zwischen den Baracken, und Engelhardt stand lange vor- dem Pritschenbett, auf dem das blutjunge schwarzhaarige Ding mit der klaren braunen Haut in schlimmen Wehen lag.
Er schickte eine Frau mit einem Zettel an den Kollegen in Rheinau und zur Hebamme, blieb solange am Bett sitzen, versuchte die Leidende mit lateinischen Brocken zu trösten, die er ins Italienische umbog, und ging erst, als die wahre Hilfe eintraf.
Auf dem Rückweg hielt ihn ein Arbeiter an und drang mit heftigen Fragen auf ihn ein, zwei andere schrien dazwischen.
Hanns Ingold, der gerade vorbeiging, rief ihnen ein paar Worte zu, sie antworteten mit einem ganzen Schwall und kehrten zu ihrer Arbeit zurück.
Ingold zog den Hut und ging weiter.
Sein Gesicht war noch schärfer modelliert, die Schultern schienen breiter, wie geeignet zum Tragen der ungeheuren Verantwortung, die auf ihnen lag.
Er hatte keinen anderen Gedanken mehr als den Bau seines Werkes. Die Verlobung Ruths mit Gerhart war ohne Eindruck auf ihn geblieben. Er hatte nur rasch daraus den für sein Werk wichtigen Schluß gezogen, daß Lylander nun auch durch andere Fäden als rein materielle mit dem Kraftwerk am Lauffen verbunden sei. Alles andere war aus seinem Empfinden und seinem Gedächtnis getilgt, verzehrt von dem in unendlicher Glut wirkenden Gedanken an sein Werk.
Der Rhein war nicht mehr der Rhein, der Grund nicht mehr Heimaterde, die Arbeiter nicht mehr Menschen, alles war nur noch Sache, eigene Gestalt hatte nur noch der Bau, der ingewaltigen Wehen aus der Erde und dem Felsenbett des Stromes gehoben wurde.
Ingold trat ins Bureau. Durch die dünnen Backsteinwände drang die Sommerglut. Das Hämmern und Pochen der Maschinen erfüllte die leeren Räume mit dumpfem Getöse. Er ging in fein Pri
vatzimmer und riß die weihe Arbeitskutte vom Nagel.
Tief bückte er sich über den Plan.
Seit Hermann ihm geschrieben hatte, war die innere Hemmung überwunden, und obwohl er dem leidenschaftlichen Brief, in dem der Bruder die Partei des Vaters nahm, keine große Bedeutung beimaß, war er doch getrieben worden, die Sache einmal anders anzupacken.
Er arbeitete bis tief in die Nacht. Still und dunkel lag das große Arbeitsfeld, als er das Fenster aufriß und sich hinauslehnte. Gigantisch ragten die Gerüste; durch die eisernen Gittertürme, die die Drahtrollen trugen, rann das Mondsilber. Und plötzlich hörte er den Lauffen rauschen, und dann sah er den Schattenriß des Klosters St. Joseph aus- dem Dämmern der Sommernacht tauchen. Vom spätblühenden Holunder strömte herber Duft.
Er hatte eine neue Lösung gefunden. Das Haus des Vaters konnte stehen bleiben, wenn er den Untergrund durch einen Zementklotz verstärkte und der Strömung durch Versenkung von betonierten Steinmassen glatte Bahn schuf. Es war eine Ausgabe von 25—30 000 Mark. Für die Gesellschaft war es hinausgeworfenes Geld. Das Werk gewann nichts durch die Variante, die, technisch genommen, feine Verbesserung darstellte. Aber er hatte seine Freude daran, und der ganze Plan schien ihm gewonnen zu haben, seit er dem alten Mann das Haus gerettet hatte.
Am frühen Morgen ging er zum kaufmännischen Direktor nach Rheinau und erklärte sich bereit, die Kosten auf fein Konto zu übernehmen.
„Und wenn Ihr Vater stirbt, steht das Haus auf seinem Sockel am Wasser wie ein Mausoleum. Wollen Sie Ihrem alten Herrn nicht lieber die 30 000 Mark über den Enteignungspreis hinaus anbieten lassen? Er wird doch nicht so verrannt sein, auch das abzulehnen. Er hat doch Kinder."
„Kinder? Ja, der Lorenz nähme das Geld, der nähme 11000 und dünkte sich König. Der Junge, der Hermann, nimmt nichts, der ist jetzt in dem Alter und in der Fassung, wo man Welten verschenkt. Und mein Vater, der bleibt in seinem alten Haus, und wenn wir ihm das Gold zu Haufen schütten. Geben Sie nur die Variante beim Bezirksamt ein, in acht Tagen kann die Genehmigung da fein."
Es war einer jener Sommertage, an denen bk Sonne mit soerminderter Kraft schien, um an Abend plötzlich mit blendender Strahlenfülle aus dem Gewölk zu brechen.
Hanns Ingold ließ die Karte in den Briefkasten fallen, auf der er Hermann kurz und kühl getrieben hatte, daß eine Aenderung des Planes es möglich mache, das Haus am Lauffen zu erhalten. Dann ging er durch das enge, vorn Verkehr brausende Städtchen zur Brücke.
Sie stand noch, aber ihre Tage waren gezählt. Sobald der Lauffen gesprengt war, wurde auch sie abgetragen und die Pfeiler gesprengt, an denen jetzt noch das Wasser geflaut aufschäumte.
Er blickte auf das Elternhaus hinunter. Das. grünbemofte Dach glänzte wie ein Smaragd in der Abendsonne, die von Westen her das Strombett füllte und den Rhein bis in die Tiefe durchglühte.
Die Warntafel am Fischersteg war sogar von hier oben sichtbar.
Der Saumweg war schon seit Tagen gesperrt, denn nun hatten die Sprengungen am Ausgang der Enge begonnen, um von dort aus allmählich bis zur Brücke hinaufgerückt zu werden. Die Arbeiten zur Verstärkung des Hauses mußten unver- weilt angegriffen werden.
Als er noch einmal hinunterblickt^ -stch er den Vater im Gärtlein.
.Hastig wandte er sich ab und ging über die Brücke auf das andere Ufer, wo die Feldbahn schon drei Kilometer weit stromabwärts bis zum Profil der Kammerschleuse ausgebaut und in Betrieb war.
Er stieg auf die Lokomotive des Leerzuges und verlor den Lauffen rasch aus dem Gesicht.
Ruth hatte ihn noch aus dem Brückenschatten ins Freie treten sehen.
Sie war mit Frau Tylander, die asthmatisch war, sehr langsam gegangen, und so kamen die Damen erst jetzt auf der Brücke an.
Die Kommerzienrötin blickte etwas gelangweilt auf das Bild und hielt sich von der Brüstung fern, denn ihr schwindelte bei fließendem Wasser. Sie war im Automobil von St. Blasien gekommen und war angenehm überascht gewesen, in Ruth eine Dame von Haltung und einer ihr weit überlegenen Bildung zu finden. Eigentlich hatte sie sich das Mädchen immer als halbe Krankenschwester dop gestellt. (Sortfefiuna lolgt)
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