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52. Fortsetzung.

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Folgende Abgaben werden hierdurch mit Frist bis zum 10. November 1925 gemahnt:

1. und 2. Ziel Gemeinde-, Kreis- und Provinzialumlage 1925.

1. und 3. Ziel Sonderfieuer für den Kreis 1925.

3. Ziel Kanal-, Müllabfuhr- und Straßen- reinigungsgebühr 1925.

Beitrag zur Landwirtschaftskammer für 1925.

Nach Ablauf dieser Frist erfolgt die Beitreibung, wobei die vorgeschriebenm Kosten erhoben werden.

Die Zahlung von Verzugszuschlägen wird durch diese Bekanntmachung nicht berührt.

Gießen, den 31. Oktober 1925.

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Goldgelb die Wiesen, weiß die Bäume und sil­bergrün glitzernd der Rhein.

Sie gingen stromaufwärts.

Das schwere schlürfende Schnaufen des großen Baggers, der feit drei Tagen auf St. Josephs Acker in Betrieb war, drang nicht bis hierher.

Rur ein paar rote Markierungspfähle zeigten an, daß auch hier später der Stromlaus geregelt werden sollte.

Sie fanden den Fijchmeister am Altwasser, wo er in der alten Schilfhütle, die er vor vielen Jahren gebaut halte," sein Mittagsmahl hielt.

Ruth begrüßte ihn, stellte ihm Gerhart Tylander als ihren Verlobten vor und sagte, sie kämen in einer halben Stunde wieder, um mit ihm zu sprechen.

Der Fischmeistcr segle die Brotkrumen vom Tische und antwortete:

Sie kommen nur jetzt recht. Und Ihnen soll es wohlergehen, Fräulein Engelhardt, hier und dort. Sie haben den rechten Weg gefunden."

Run begann 3.'ylander zu sprechen und ihm Vor­stellungen und Anerbietungen zu machen, aber der alte Oberländer verstand den Norddeutschen schlecht und ließ sich auf keine Unterhandlungen ein.

Sie wollen mir Vernunft predigen, Herr! Wenn ich vernünftig sein wollte, nähme ich vom eigenen Vorrat. Ich beiß' nicht auf den Löffel, Herr Ty- lander."

Ruth legte sich ins Mitel. Und als er halsstarrig blieb, ohne in Hitze zu geraten, wie einer, der seine Rechnung schon lange abgeschlossen hot, nahm sie den Romen seines Sohnes in den Mund und sagte:

Ihr Einspruch ist abgewiesen worden, Sie müssen sich fügen. Die Gesellschaft bietet Ihnen neun­tausend Mark mehr, wenn Sie das Haus statt am 1. September am 15. Augeust räumen. Rur um Ihnen den Verzicht leichter zu machen. Denken Sie an Hermann, Herr Ingold! Und bedenken Sie, daß Sie dem Schöpfer des Werkes den schwersten Kon­flikt aufladen!"

Er erhob sich schwer von der Bank. Durch die Türöffnung schlug der Tagesschein. Der Hauch des Wassers feuchtete die Luft.

Fräulein Ruth, ich habe drei Buben gehabt. Der eine ist ein geringer Flößer, aber er lebt und schwimmt im großen Haufen und streicht in einem Monat mehr Häuser in Rheinau, als früher in einem Jahr. Der andere ist mir ins Retz geschwemmt worden, ich weiß nicht wie. Ich kenn' die Art nicht, er muß von hoch aus den Bergen oder aus dem See sein, wo der Herrgott sie noch selber einsetzt. Das ist der Hermann, Fräulein Ruth. Den dritten kenn' ich am Genick und an dem Stachel. Und der

Nun saßen sie einander gegenüber. Zwei ernste 'Menschen, die, jeder in seiner Art, ihr Leben mit Bewußtsein lebten.

Fräulein Ruth, ich habe die Empfindung, daß leit dem verflossenen Sommer sich manches geklärt hat. Sie selbst haben mir in Ihrer edlen bitte, erlauben Sie mir einmal ein solches unkaufmän­nisches Wort, in Ihrer menschlich schönen, edlen Weise einen Einblick in Ihr Seelenleben gewährt. Klingt gesucht, gebe ich zu. Aber wenn unsereins sich aus so ewas besinnt, klingt es immer nach Aus­wendiggelernt. Bitte darüber hinwegzusehen, Fräu­lein Ruth. Ich will ja nur andeuten, daß ich Ihnen dafür danke und daß ich, als zugeknöpfter Mensch, mir Ihnen gegenüber sehr gefühlsarm vorkomnie. Ueberschuß an Empfindsamkeit besitze ich auch nicht, aber ich liebe Sie, Fräulein Ruth. Ich wiederhole das Wort von der Jnselterrasse und frage Sie heute noch einmal nach einer Frist, die ich mir ab­gerungen habe: Wollen Sie mit mir gehen, wollen Sie mir Ihre Hand geben?"

Und als sie schwieg, einen farblosen Schein im Gesicht, über dem das Haar wie reifes Korn glanzte, hob er halb flehend, halb fordernd die Hände und rief leise:

Wollen Sie meine Frau werden, Ruth? Sagen Sie ja!"

Sie wissen, daß ich Ihnen heute nicht mehr antworte, ich sei und fühlte mich nicht frei," ant­wortete sie.

Ich wäre sonst nicht gekommen."

Dankend neigte sie den Kopf und blickte sinnend vor sich hin. Das Klirren der Grabscheite, das Sur­ren der Schwebebahn klang zu ihnen herein. Leise schütterte der Boden von den schwergesüllten Kies­wagen, die von der Lokomotive bergauf gestoßen wurden.

begann Ruth leise zu sprechen, beinahe wie im Selbstgespräch.

Meine erste Jugend liegt hinter mir. Meine erste Liebe auch. Ich weiß nicht, ?b weit genug, aber cs ist merkwürdig, daß mir imnitr ist, als hätte ich Sie erst nachher kennengelernt. Als wäre unser Bei­sammensein, Ihre Genesungszeit in St. Joseph und alles, was sich daran geknüpft hat, erst viel später gewesen."

Sie verstummte.

Gerhart räusperte sich.

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...Für mich ist nur eines wichtig, Fräulein Ruth: Daß wir uns gefunden haben, Verzeihung, daß ich Sie gefunden have."

W i r uns, mir uns," sagte sie mit Be- lonung und streckte ihm mit festem Entschluß und einem roarmen Gefühl, das nur noch einen ganz leichten, wehen Beiklang hatte, die Hand hin.

Ruth?" fragte der sonst so Rasche und Ent­schiedene zweifelnd.

Sie nickte und sagte leise:

..Also, dann die and) noch!"

Und reichte ihm auch nod) die Linke.

Er küßte sie beide.Sie spürte das Zucken in seinen Lippen.

Mit Dröhnen und Poltern rollte der Leerzug vom Wald herunter und erschütterte die alten Mau­ern von St. Joseph. Und Ruth Engelhardt hörte, wie eine Stimme in ihrem Innersten sprach:Run baust du Hanns Ingolds Werk und dir ein neues Leben." Und gefesselt lag in ihrer Brust der wilde Strom.

Dr. Engelhardt nahm die Verlobung ohne viele Worte entgegen. Er wußte, daß er jede Berührung kaum verharschter Wunden vermeiden mußte.

Tylander konnte nur wenige Tage in Rheinau bleiben. Er hatte es eilig, war wieder in die Ge- schäftshaut gekrochen und sprach lauter,als in St. Joseph üblid) war. Die Glückwünsche der Familie trafen auf dem Draht ein, die Hochzeit würde auf den 1. August festgesetzt.

Am Tage vor seiner Abreise bat Gerhart Ruth, ihn zu dem Flsck)meister zu begleiten. Er wollte ver­suchen, Ingold in persönlicher Aussprache und dnrch ein besonderes Angebot züm Aufgeben seines un­vernünftigen Widerstandes zu bewegen.

Und er sagte zu ihr:

Mit feinem Sohn kann man von der Angelegen­heit nicht sprechen. Bei der letzten Sitzung erklärte er noch ruhig, daß die Aussprengung des Strom- bitte im Mai beginncen und zuerst gegenüber von St. Josephs Acker vorgenommen werden sollte. Die Enge komme erst im Herbst daran. Aber das Haus müsse bis dahin geräumt und abgebrochen fein. Er mar kalkweiß, als er die Sache oortrug."

Wenn nur Hermann da wäre! Der einzige, dem der alte Mann etwas zulieb täte," antwortete sie. Aber id) bin es ihm schuldig, wir wollen gehen."

Sie sanden Christian Ingold nickst zu Hause.

Ruth erkundigte sich und erfuhr, daß er strom­auf gegangen fei. Sie wußte, wo er zu finden war, und da der milde, leicht verwölkte Frühlingstag lockte, an dem man das Grün aus bcn Zweigen steigen sah und die Luft von Bienen schwirren hörte, gingen sie ihn suchen.

steht dort und ich steh hier. Er sagt, er kann nicht anders. Gut! Aber ich weiß von mir, daß ich auch nicht anders tann. Die neuntausend Mark kommen von ihn,. Die Gesellschaft zahlt mir nicht mehr als ausbedungen und vom Gericht erkannt. Was mehr ist, kommt von ihm. Ist es so?"

Es ist so," erwiderte Ruth und faßte Tylanders Arm.

Gut! Ich nehme nichts von ihm, denn er hat mir alles genommen. Er hat feinen Willen, feine Kraft und jein Werk, und ich habe nur mein Recht. Das ewige Recht. Da sitz' ich drauf, tragt es mit mir weg, wenn ihr könnt, ich steh nicht auf."

Und wie zur Bekräftigung ließ er sich wieder auf die Bank nieder.

Tylander hatte genug verstanden, unr einzusehen, daß alles vergeblich war.

Komm, Ruth, hier hilft fein Reden," sagte er leise zu seiner Braut, und es war Ungeduld und Verwunderung zugleich, die aus diesem Worte sprachen. Der alte Mann war aus einer anderen Welt.

Sie gingen.

Hinter ihnen trat der Fischmeister aus der Hütte, in der Ruth vor vielen Jahren als Kind manche Stunde verspielt lind verträumt hatte, und suchte seinen Kahn.

Sie sahen ihn bald darauf in dem tiefliegenden Einbaum mitten im Strom treiben. Der schwarze Schattenriß hob sich in dem hellen Licht des Tages von dem glitzernden Wasser übergroß ab. Wildenten kamen pfeilgerade im Dreieck den Strom herauf und fielen auf das Totwasser des Rheins. Ein Spreng­schuß tönte dünn aus der Ferne.

Es war ein verlorener Schuß, aber in den nächsten Tagen begannen die Italiener den Felsen- grund auszuweiten, der unter dem Kies von St. Josephs Acker hervortrat, und damit war der An­fang der Sprengungen gemacht.

Dr. Engelhardt war feit Tylanders Abreise wie­der in seine Menschenscheu zurückgefallen. Er strich in den Schwarzwald, füllte die Herbarien, räumte - sein Sprechzimmer und begann jetzt die Ueber- siedlung ins Altenteil und in die Einsamkeit vorzu­bereiten.

Ruth ging der Hochzeit entgegen.

Um sie her brandete der Lärm der Arbeit. Es war kein Lärm mehr, sondern ein gewaltiger Rhyth­mus, der die ganze Landschaft beherrschte. Eisen­gerippe wuchsen empor, Rohrleitungen schossen durchs Gras, Lokomotiven fauchten, und zweitau­send Arbeiter und Beamte bildeten den Chor dieser dröhnenden Sinfonie.

lFortsetzung folgt.)

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