Ausgabe 
1.10.1925
 
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Untei solchen Llmständen bat der deutsche Kaufmann in liebet fee heute einen sehr harten Stand. Dazu kommt, das; ihm überall im Aus­lande noch die größten Schwierigkeiten bereitet werden. Man soll nicht wie der Vogel Strauß den Kopf In den Sand stecken und diese Dinge nicht sehen wollen. Vein, wir müssen die wahre Lage unserer Handels-- und Wirtschaftsoerhält- Nisse klar erkennen, wir müssen dem Ausland mit aller Energie die Tatsache vor Augen führen, daß unter solchen Bedingungen ein tiefgedrücktes und verarmtes Volk nicht in der Lage ist, ad infinitum schwere Reparationsabgaden zu zah­len. Die Passivität unserer Handelsbilanz zeigt in drohender Weise, wohin das Abzapfen der letzten deutschen Kraft führen mutz.

Man stellt an uns heute dauernd nur aller- schwerste Verlangen und Forderungen ohne in­dessen zu wirklich ausgleichenden Gegenlei­stungen bereit zu sein. Sieben 3cü>re nach dem Kriege fährt man rücksichtslos fort, uns zu schröpfen und obendrein fordert man von dem militärisch ohmnächtigen Deutschland, daß es Eicherheitspakte nach dem Willen und Wunsch

unserer bis an die Zähne bewaffneten Vachbarn unterzeichnet.

Wenn Frankreich und die übrigen Mächte unserer ehemaligen Gegner ehrlicb nach toah- rem Frieden streben, dann muß diese 'Bebrüt kungs- und Ausfaugungspolitil aufhören.

Vor allem gebe man uns die Möglichkeit, unseren Außenhandel wieder auf zu- bauen. Vicht dauernde Bedrückung und Aus­saugung Deutschlands, sondern, wie es ja auch der Dawes-Plan vorsah, nur und einzig und allein st ä r k st e Fördern zig unserer In­dustrie und unseres Handels kann uns vielleicht die Möglichkeit geben, unseren cingc gangenen Verpflichtungen einigermaßen gerecht zu werden. Vur solche Stützung Deutschlands kann zum wahren Weltfrieden führen.

Deutschland ist ein großer Industriestaat. Vor dem Kriege lebten 65 Prozent der Bevöl­kerung von Industrie und Handel, besonders aber vom Ausfuhrhandel. Wenn das heute nicht der Fall ist, so bedeutet das einen fchwerkranken Zustand, dem unbedingt ein Ende gemacht wer­den muß.

Deutschlands geätztes Kindererholungsheim.

von Jugenb- und vormundschaftsrichler F. G l s s. (Nachdruck verboten.)

Tief im Süden Deutschlands liegt der Heu- berg, in der Rauhen Alb. dem einstmaligen Uebungsplay des XIV. Armeekorps. Während des Krieges diente fein Laaer der Ausbildung junger Truppen. Ein kleiner Friedhof, derRussenfried­hof". zwischen Wald und Heide gebettet, erinnert an Jene, die dort als unsere Gegner in deutscher Erde die ewige Ruhe fanden. In der Nähe des Lagers liegt ein stilles Kirchlein, die Dreitritten- kopelle, die aus einer Nürnberger Spielzeugschachtel stammen könnte. Das Kirchlein ist ein köstliches Stück deutscher Romanttk. Wer es einmal dort sah, wird es überall finden und sehen zwischen Wald und Heide.

Die Bahnstationen für das Heubcrglager sind S t o r z i n g und Thiergarten. Gute Wald­straßen führen von hier aus hinauf nach Stetten am kalten Markt", allwo dereinst im Sommer­monat ein armer Geisbock ausgerechnet erfroren fein soll. Wenige Minuten von Stetten liegt auf gleicher Ebene unsere Kinderstadt, achthundert Meter übcrni Meere. Der Platz, an dem einst Maschinen­gewehre knatterten und Kanonenschüsie erdröhnten, dient jetzt im Wandel der Zeiten der Pflege und Ge­sundung der an Leib und Seele pflegebedürftigen Jugend aus allen Gauen des deutschen Vaterlandes.

Wer sich etwa das Heuberglager als einBa­rackenlager" vorstellen würde, wie es hier in Gießen einst das Gefangenenlager auf dem Trieb war, täuschte sich sehr. In allen seinen Teilen besteht es vielmehr aus festen Häusern wohl an 150, darunter ein stattliches Kasino, und ist in der Lage, erlichen Tausend kleinen ober großen Men­schen Unterkunft zu geben. Quellwasserleitung und Kanalisation nebst Klärbeckenanlage fehlen nicht.

Dieses Heuberglager ist jetzt

das größte Kindererholungsheim Deutschlands.

Aus allen Gauen, aus allen Volksschichten kommen sie hinauf^ Buben und Mädels zwischen sechs und vierzehn Jahren. Die einen schwäbeln, die andern sächseln, wieder andere stoßen sich an einem spitzen Stein. Sind schon alle fröhlich, so sind es doch ganz besonders die Rheinländer. Gesoiett, gelungen und gejubelt wird überall. Und auchgeschafft".

Da stehen die einen an einem riesigen Bottich aus Zement und waschen wie geübte Wäscherinnen das Hemd, die Strümpfe, wohl gar auch die Unaus-

Hemd ist äußerst wichtig

Das Heubergkind wäscht selber tüchtig , unb anbere ziehen hinaus in bie buftenbe, blühende Heils mit wehenden Fähnlein unter fröhlichem Ge­sang. Sie schwärmen in spielender Jugendfreude dahin unb borthin, über Stock unb Stein, ziehen über das gewellte Land, durch den hohen Forst, ziehen auch ins D o n a u t a l, dessen Helle, steile Kalkwände keiner der Knirpse erklimmen kann, die, wie im Harze der granitene Jlsenstein, Roßtrappe und HeIentanwlatz, vom Zauber alter Sagen und Märchen umwoben sind. Ja, man muß auf der Burgruine Hausen oder dem Eichfelsen hoch überm Donautale gestanden und nach dem hochgiebeligen

MIM 1111 III»

Der gefessetteötroin.

Vornan von Hermann Stegemann.

soreHlichen:

7,Ein sauberes

24. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)

Vorher fahren wir noch einmal nach Elfenau. Da fließt der Rhein ganz ruhig und die Reiher stehen auf den Weidenköpfen und starren ins Wasser, das Schilf hat lange braune Fahnen aufgesteckt und die Linken glödein Tag und, Rächt Der Rhein hat dort zwei Betten. 3m allen wächst jetzt Korn, und Reben klettern an der Halde hinaus. Das hat er vor fünfunb- vierzig Jahren verlassen und ist ins neue ge­brochen. Halb Elfenau hat er damals fort- gerissen, und viele Häuser haben jetzt noch den Fuß tief im Wasser und einen hölzernen Ober­stock, den sie damals daraufgeseht haben."

Ich hasse den Rheins rief Lo ungeduldig in seine Schilderung und blickte ihn heraus­fordernd an.

Scheu tastete er nach ihrer Hand. Seine Stimme war heiser.

Ich wäre dir nachgesprungen, ich kann so aut schwimmen wie der Hanns, aber das Ruder hat mich mitgerissen. Lo, glaubst du mir, daß ich dir nachgesprungen wäre?"

Sie schwieg.

Er wartete noch eine Zeitlang und wieder­holte dann seine Frage. Sie fuhr mit der Zungenspitze über die Lippen, schien sprechen zu wollen, verstockte sich aber wieder in Schweigen.

Adieu, Fräulein Lo?"

Er drehte ftch um und suchte den Rückweg. Blitzschnell rutschte Lo vom Tisch und faßte ihn am Aermel.

Er blickte über die Schulter zurück.

Was ist?" stieß er hervor und machte ftch frei.

Einen Augenblick zögerte sie noch, aber als er wieder gehen wollte, rief sie heftig:

Sv frag' doch nochmal!"

Ihr Gesicht war blaß geworden und ver­schwamm im Schatten. Der Gewitterhimmel neigte sich tief herab. Heiße Windstöße schüt­telten die Bäume.

Felsenschlosse Werenwag unb dem finsteren, trotzigen Wildenstein geblickt haben! Solcheheroische" Land­schaft gibt's kaum ein zweites Mal in beuifchen Lanben. Im Wiesgrunb aber, tief brunten an ber Donau, sitzt auf einer Mähmaschine, bieser Errungen­schaft moberner Technik, in seiner dunklen Kutte ein Mönch, während anbere bienenbe Bruder bas Grummetgras ausbreiten. Beuron ist ja so nahe, die alte Benebiktinerabtei,« in ber bie Mönche der Arbeit, ber Wissenschaft unb ber auf hoher Stufe stehenbenBeuroner Kunst" bienen. Sie alle leben noch in ben gleichen Gebankenkreisen wie Jene, bie vor Jahrhunderten wie sie bie gleichen Klostergelübbe ablegten.

Doch vorn Heuberg, bem so nahen, will ich ja erzählen. In jener schönen Gegend leben, spielen unb wanbern bie erholungsbedürftigen Kinder unb atmen bie herrliche, nervenstärkenbe, von keinem Fabri^schlote unb keiner Este verdorbene Höhenluft der Rauhen Alb.

Tanten" führen sie ans, kräftige für ihren Be­ruf ausgebildete junge Mädchen spielen mit ihnen, gewöhnen sie, wo es fehlt, an Ordnung, Sauberkeit und Reinlichkeit und bringen sie des Abends^ zu Bett, in bas große so harte aber so gesunbe Sok batenbett, wie sie ihre Schar bes Morgens roieber aus ben Betten Heraushalen. Solche Tätigkeit ist keine kleine Aufgabe. Wenn ber Teufel so einen Sack Buben ober Möbels irgenbwohin ausschüttet ja, so ist's eben ber Teufel gewesen, unb auf all bie vielen, vielen Teufelskerlchen muß wahrlich scharf aufgepaßt werben, baß keines sich bie Nase blutig fällt ober gar ben Fuß verstaucht. Aber bie vielen Kinbertanten könnten nicht leben unb ihre Schützlinge konnten nicht leben unb in ben ihnen zugemessenen sechs Wochen nicht tugelrunb unb pausrotbäckig werben, wenn die Kasinoküche unb bie vielen Lagerküchen nicht wären, wo unter ben Küchenleiterinnen junge Hauswirtschastslehrerinnen unb brave Küchenmädchen in hohen, Hellen Räumen an Riesenherben unb großen Kochkesseln mit ent­sprechenden Kochgerätschaften unverdrossen bei frohem Liederschalle für alle die vielen hungrigen Mäuler leckere Speisen bereiteten. An bie dreihun- bertTanten" sind broben auf dem Heuberg unb

fast ständig sind ae dreitausend Kinder zu warten und zu pflegen.

Das sind Zahlen! In ben letzten fünf Jahren würben annähernb sechzigtausenb Kinder in jebem Jahre über elftausend aufgenommen. Ihre ge­sundheitliche Ueberwachung liegt in den Händen von fünf Aerzten. So können die Eltern, die ihre Kinder in die weite gesundende Ferne geben, jeder Sorge bar fein. Dort können ihre Kinder nur ge­deihen. Unb bie Stabtoerwaltungen, bie ihre er- holungsbebürftigen Sorgenkinber auf ben Heuberg schicken, dürfen wissen, baß ihr Gelb nicht nutzlos ausgegeben wird. Denn Gesunbheit bebeutet Reich­tum. Unb die Armen- und Krankenlasten werden sich künftig gewiß vermindern, wenn ein an Leib unb Seele gesünderes Geschlecht herangezogen wird.

Aber nicht nurerholungsbedürftige", sondern auch kranke Kinder finden auf dem Heuberg denkbar

Glaubst du mir, Lo?" fragte er endlich

Sie schwieg, aber sie nickte krampfhaft. Zu­letzt sagte fte auch noch deutlich:3a."

Hermann atmete tief auf.

Vun faßen fte stumm nebeneinander.

Auf einmal zog er sein Messer hervor und begann in die Tischplatte die Anfangsbuchstaben ihrer Vornamen zu ritzen. Lo reichte ihm einen Stein, damit klopfte er auf den Griff, und so ging es besser.

Sie achteten nicht auf das nahende Wetter.

3m Garten wurden Rufe laut. Die Damen flüchteten, Tylanders Fahrstuhl knirschte auf dem Kies.

3m heißen Windwirbel kam das Gewitter gefahren, und plötzlich stand alles in blauem Feuer, krachend rollte der Donner und polterte in dumpfen Sähen das Flußtal hinab.

Lo, Lo!" rief Frau Manderfeld.

Der Wind war auf einmal erstorben, kein Blatt flirrte, am Himmel kugelten sich die Wol­ken, und nun noch ein Blitz. Blaurot flammte das Tal. Diesmal bebte der Boden, so furchtbar krachte der Donner.

Da umfaßte Hermann Ingold die blaffe Lo mit beiden Armen, und fie drückte sich eng an ihn, Wange an Wange.

lieber dem Lauffen schoß eine Feuergarbe auf, gelber Rauch qualmte breit, ein Flammen­wirbel stieg reißend in die tote Luft.

Bie Brücke brennt, stieß Hermann leise hervor.

Die gedeckte hölzerne Aheinbrücke brannte. Das lange schwarze Dach hatte einen Feuerbusch aufgefteat. Der Lauffen lief rot wie Blut. Gold- und scharlachsarben glänzten die Dünste des stäubenden Wassers. Die ersten Regentropfen schlugen schwer durch die Blätter.

Sieh nur. wie furchtbar schön das ist" flüsterte Lo.

Da küßte Hermann Ingold sie in grenzen­loser Verwegenheit auf die Wange. Sie schien es gar nicht zu merken, und er wagte kaum noch zu atmen nach dieser Tat.

Lautlot reckten sich spitze Feuerzungen vom I Brückenstr st, die Wolken hatten die Berge Der- I schlungen und füllten das ganze Tal, laut rauschte

beste Pflege. Weitab von den Unterkunftshäusern bei gesunden Jugend stehen die Heilstätten ber an­dern, al.gestattet mit allen Hilfsmitteln der mo­dernen Wissenschaft, von ber Liegehalle im Freien bis zum Röntgenraum unb ben Apparaten für künstliche Höhensonne. In bieser .Kinderstadt ist für Kinder. Wie ich hörte, wurde im Winter 1924/25 erstmalig ein Versuch unternommen, um die Einrich­tung des Heubergs auch in ber kälteren Jahres­zeit den erholungsbediirftigen Kindern zugute kom­men zu lassen. Das sächsische Arbeitsministevinm ent­sandte 20 fortbildangsschulpflickstigeMadchen hierher, deren Gesundheitszustand so schwächlich war, daß sie den Anstrengungen der beruflichen Arbeit noch nicht gewachsen waren. Vom 1. Dezember 1924 bis 22. 2lpril 1925 blieben diese jungen Mädchen auf dem Heuberg. Sie erhielten eine besonders gute Verpflegung, machten regelmäßig Liegekuren durch und empfingen daneben ben Fortbilbungsschulunter- richt. Der Erfolg war ausgezeichnet, sowohl nach ber gesundheitlichen wie der erzieherischen Seite.

Auf Grund dieser günstigen Erfahrung hat die Anstaltsleitung des 5)euber$5 beschlossen, im näch - st e n Winter diese Einrichtung foktzuführen unb zu erweitern. Es sollen 100120 fortbilbungsschul- pflichtige junge Mäbchen in ber Zeit vom 1. De­zember 1925 bis 31. März 1926 auf dem Heuberg untergebracht werden. Darüber, baß für biese Ein­richtung ein wirkliches Bedürfnis besteht, kann kein Sttett sein: denn es gibt eine Fülle von jungen Mädchen, die in der Not der Kriegsjahre geboren unb aufgewachsen sind unb infolgebeffen so wenig widerstandsfähig aus ber Volksschule entlassen mür­ben, daß sie den Strapazen des Berufes noch nicht gewachsen sind. Diesen jungen Menschen kann und soll durch einen mehrmonatlichen Winteraufenthalt in gesunder Luft bei tadelloser Pflege eine solche Stärkung und gesundheitliche Kraft mitgegeben wer­den, daß sie nunmehr getrost in die Arbeit eintreten können.

Das sind Heubergsziele!

Und so sieht es in Deutschlands größter Kinder- erholungsstatte aus, bie ein Gesunbhettsbrunnen in bes Wortes bester Bebeutung ist, bie von einer vortrefflichen Verwaltung, an beren Spitze Ober­bürgermeister unb Staatsminister a. D. Domi­nicas als Chef steht, mustergültig geführt wirb unb bie hoffentlich immer größeren Zudrang finbet. Auch aus unserem Gießen unb aus einigen Dörfern ber Umgegenb waren in biefem Jahre etliche siebzig Kinber gegen billige Verpflegungssätze bort auf bem Heuberg. Alle sinb sie gesund und wohlbehalten, ge­stärkt an Leib und Seele zurückgekehrt, mit roten Wangen unb zum Teil erheblichen Gewichtszu­nahmen. Sie unb ihre Angehörigen werben es, bas steht zu hoffen, benen zu danken wissen, die ihnen diese Erholungsmöglichkeit in fürforgenber Nächsten­liebe ermöglicht haben.

Unb so mögen sich auch heute schon b i e freuen, bie sich erwartungsvoll nach solcher Kur sehnen. Ihnen möge, so Gott will, geholfen werben. Deutsch- lanbs gesunbe Jugenb ist unb bleibt sein bester Besitz zu aller Zeit.

Hessischer Sanitätskolonnentag.

4. Dad-Vauheim, 30. Sept.

Das Sanitätskolonnenwesen. daS ftch im Weltkriege so verdient gemacht hat, hatte nach dem Kriege, wie so viele andere Organisationen, unter der Wirtschaftsnot sehr zu leiden. In den meisten Kolonnen lag die Tätigkeit fast völlig darnieder. Das Bewußtsein, daß daS Rote Kreuz und die ihm angegliederten DanitätS- kokonnen aber auch im Frieden eine segens­reiche Aufgabe irn Dienste der Vächstenliebe zu erfüllen haben, belebte aber bald wieder Die Tätigkeit.

Daß gerade in Hessen die letzten Iahre wieder ein erfreuliches Aufblühen der.Kolonnen gebracht haben, dafür waren der äußerst starke Besuch und der glänzende Verlauf des hier stattgefundenen 7. Kolonnentages des Verbandes der Hess. Freiw. Sani­tätskolonnen vom Roten Kreuz ein überzeugender Beweis. Die Anwesenheitsliste konnte einen Gesamtbesuch von 1300 Teilneh­mern aus 39 von 42 Kolonnen feststellen, eine Zahl, die noch kein Kolonnentag aufweisen konnte. So stand die Stadt denn auch ganz im Zeichen des Roten Kreuzes.

der Lauffen in der Totenstille, dann brach eine Sintflut herein.

Loh fuhr auf, hörte Mamas ängstliche (Stimme, sah Hermann noch einmal mit einem seltsamen Blick an, als sähe sie ihn zum ersten­mal, lächelte zärtlich, wie sie noch nie gelächelt hatte, und lief davon.

Hermann Ingold ließ das Gewitter toben. Er sah den Brand der Brücke unter den Regen­güssen zusammensinken und erlöschen. Bächlein zogen über sein Gesicht, denn der Holunder duftete stark, aber schützte schlecht, doch als nach einer halben Stunde die Sonne durch die Trübe schlug und das Gewitter als schwarzblaue Wolke in die Schweiz rollte, über dem Lauffen ein Farbenbogen glänzte und die schwarze Brücke mit nackten Dachrippen. wie ausgeschnitten, vor dem vellchenblauen Himmel stand, sprang er über die Mauer und rannte nach Hause.

Etwas ganz Wunderliches war über ihn ge­kommen. Er hörte Worte, es wogte und klang in ihm, er hatte das Gefühl, als müßte jetzt etwas ganz Großes geschehen, er plötzlich Flügel haben ober wie ein Engel fingen können, daß der Himmel und die Erde davon widerklangen...

Es wurde ein Gedicht daraus, zehn Strophen, jede zu zwei Verszeilen, er sagte sie am Abend bei offenem Fenster laut auf, und fie verklangen im Rauschen des Rheins.

Als Lo vierzehn Tage später abreiste, lud Frau Manderfeld Hermann ein, sie in Berlin zu besuchen. Sie konnte das unbedenklich tun, denn es würde ja doch nichts daraus werden.

Hermann ging an den Bahnhof, aber er blieb hinter dem Glockensignal versteckt stehen und preßte krampfhaft den großen Plötz an sich, den er nachher im Unterricht gebrauchte.

Erst im letzten Augenblick tat Lo, als hätte sie ihn eben erst entdeckt und könne nun nicht anders als ihn grüßen.

Mama, da steht Hermann Ingold. Wir müssen ihm doch noch Adieu sagen."

Der einfahrende Zug übertönte ihre Worte.

Frau Manderfeld und die Iungfer drängten aufgeregt in ben Wagen.

Da rannte sie über bas Geleis zu tfjm hin. Adieu, Hermann Ingold", sagte sie hastig.

Eine Handlung der Pietät bildete ein wür­diger Auftakt zu ber Tagung. In geschlossenem Zuge ging es nach bem neuen Friedhöfe, wo eine Gebucht nisfeier für ö'c verstor­benen unb gefallenen Kameraben Uattfanb. Der Verband unb die hiesige Kolonne ließen Kränze nieberlegen, unb Pfarrassistent Hofmeyer hielt eine geban!entie,e Gebächtnisansprache. Die Feier war von ergreifenber unb erhebender Wirkung.

Die darauf beginnenden Verhandlungen wurden von Hauptmann a. D L o t h e i ß e n- Darm st a b t, bem Vorsitzenden des Verbandes, mit herzlicher Begrüßung eröffnet.

Vamens des hessischen Lanbesverems vom Roten Kreuz entbot dessen Vorsitzen­der, Geheimrat v. Hahn-Darmstadt Gruß unb Willkomm und teilte anschließend die □ta­rnen bet

pflichttreuen und Verdienstbollen Sanitäter des Landes

mit, die im abgelaufenen Iahre Auszeichnungen erhalten haben. Das Ehrenzeichen des deutschen Roten Kreuzes wurde verliehen an Hauptmann a. D. Lotheißen-Darm stabt, ©an Rat Dr. Metternich-Mainz, Kol.-Führer Wal- lau°Mainz, MH.-Rat Dr. Vogt-Butzbach. Kol.-Führer Schmitz-Alzey. Die Auszeichnung des Landesvereins für 25jährige e n ft - zeit erhielten unter vielen andern die fofgen- ben Mitglieder der Gießener Kolonne: Landgerichtsrat Wiener, Kol.-Führer-Stellv. Konrad Graulich, Gruppenführer Paul Hartmann, Zugführer Hrch. Kraushaa- Gruppenführer Hrch Pfeiffer, Ehrenkol.- Führer Hrch. Balser, Gruppenführer Otto Hörig. Es hielten dann weiter noch Begrü- ßungs- und Deglückwünschungsansprachen: für das hessische Ministerium und bas Kreisamt Friedberg, Kreisdirektor Gebhardt, für die Kreisgesundheitsbehörde, Med.-Rat Dr. Ve- bel-Friedberg, für die Stadt Bad-Vau- heim, Bürgermeister Dr. Kayser.

Vach Eintritt in die eigentliche Tagesord­nung, nahm diese in geschlossener Einmütigkeit einen raschen Verlauf. Gleich zu Anfang war schon die stürmische Begeisterung, mit der ber gef amte Vorstand w iede r g ewä Hk t wurde, ein schönes Zeichen des inneren Zusam­menhalts und des gegenfettigen Vertrauens bet Kolonnen. Für bie nächsten drei Iahre liegt bie Derbcmdsleitung also in ben folgenden Hän­den: 1. Vorsitzender Hauptmann a.D. Lothei­ße n - Darmstadt, 2. Vorsitzender Sam-Rat Dr. Metternich -Mainz; Schriftführer Ehrenzug- füfjrer Gg. Greisheimer- Darmstadt: Bei­sitzer Kol.»Führer Kratz-Gießen. Als Ort für ben nächstjährigen Kolonnentag wurde Ober-Ingelheim befttnunt. das ursprüng­lich schon für dieses Jahr vorgesehen war. Ma­chen unannehmbare Bedingungen der Besatzungs­behörde, wie in diesem Iahre, bie Abhaltung der Tagung in Rheinhessen unmöglich dann wird Birkenau einspringen unb den Kolonnentag übernehmen.

Einen Einblick in die in erfreulichem Maße wieder auflebende Sätigfert geben dann die Be­richte der Provinzialinspekteure. Für Rheinhessen lag ein Bericht nicht vor, da der Inspekteur wegen Erkrankung nicht anwesend sein tonnte. Für Starkenburg berichtete Dr. Rackow- Duchschlag, während den

Bericht für Oberhesseu

Dr. GroS-Gießen unter lebhaftem Beifall der Versammlung erstattete. Er führte u. a. aus: Im Iahre 1924 formten keine Inspektionen der oberhessischen Kolonnen stattfinden, da sämtliche Kolonnen baten, von einem Besuch altzusehen, weil fte nicht entsprechend vorbereitet seien. 3m Frühjahr 1925 fand eine Besichtigung der Ko­lonnen Dad-Valrheim und Friedberg gemeinsam statt. Die beiden Kolonnen zeigten dabei, daß fie vollkommen auf ber Höhe unb ausgezeichnet ausgebildet sind. 3m September d. 3. fand eine Besichtigung der Kolonne Als­feld statt. Auch die Alsfelder Kolonne zeigte sich von der allerbesten Seite. Ein Besuch der beiden Keinen Kolonnen Butzbach und L i ch ist für die nächste Zeit geplant. Die 'Gießener Kolonne hat im Sommer fleißig geübt und hat vor 14 Tagen eine größere Alarmübung abgehalten, die von sämtlichen Anwesenden als sehr gelungen bezeichnet wurde und auch in ber Presse eine sehr gute Kritik fand.

Auch die Berichte, die die Äolonnenfüfj-rer Kratz-Gießen und H ummel-Darmstadt

Er ergriff ihre behandschuhte Hand und drückte fie, die Worte blieben ihm in ber Kehle.

Sie wollte lächeln, konnte nicht unb stürzte wieder davon, bllnd an Ruth vorbei, die ihr auch noch Lebewohl sagen wollte, unb schloß den Wagen. Sie mußte ganz Vtill sitzen unb burfte nicht mit ben Wimpern , ucken. Wenn sie sich bewegt hätte, wären ihr die Tränen ganz sicher übergelaufen.

Die Mutter seufzte zufrieden.

Gott fei Dank. Va, bas liegt ja hinter uns. Ein bißchen primitiv war's ja, unb bie Geschichte mit dem Rhein, bie wird mir noch lange in ben ©liebem liegen. Aber bie Haupt­sache ist doch, baß Lo sich so prächtig erholt hat."

Behaglich drückte sich Frau Mcmberfelb in die Polster.

Lo sah still zum Fenster hinaus unb in ben öorüberflirrenbeu Tannenwald hinein. Dann wurde es dunkel, der Zug kroch in ben Tunnel unb verschwanb.

Der graue Rauch, ber aus dem Bergloch strömte, als der Zug darin verschwunden war, war das letzte, was Hermann Ingold noch sah.

Den großen Plötz fest ans Herz gedrückt, das rebellisch klopfte, stürmte er davon.

An den Halben von Elfenau gilbte das Reblaub. Die kleinen Beeren hingen klarhäutig unter ben bunten Blättern und hatten nebel- feuchte Bäcklein. Tiefblau stand der Himmel über ben Hängen bes Schwarzwalbes, und die Fern­sicht war so klar, baß bas Schneehaupt des Säntis über bem schweizerischen Hügelland in unfaßlicher Körperlichkeit erglänzte.

Ruth unb. Thlander hatten sich von ben anberen getrennt.

Auf ben Stock gestützt ging Tylander lang­sam neben Ruth. Sie waren zur Burg Hohen- elfen hinaufgestiegen unb kehrten jetzt von bem kurzen Weg zurück. Elfenau lag dicht unter ihnen. Wie aus ber Vogelschau blickten sie in bie würzigen Gassen. Die Häuser, bie in ben Rhein hineinragten, spiegelten sich in bem blau­grünen Wasser.

T^anber blieb stehen.

(Fortsetzung folgt) '