Ausgabe 
1.7.1925
 
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teuf von Grundstücken, die in den Jahren 1922 bis 1924 veräußert worden sind. Dec Aus­schuß hat die Annahme der Anträge empfohlen und eine Fassung vorgeschlagen, wonach den Wünschen der sriiheren Eigentümer Rechnung ge­tragen wird, die ihre Häuser während der Infla­tionszeit aus Rot usw. verkauft nnd Rachtcile erlitten haben. Die Vorlage wird in zweiter Lesung nach den Ausschußbeschlüssen angenommen.

Das Haus geht dann über zur dritten Be­ratung des Entwurfes betreffend den a uslän­dischen Kommunalkredit. Rach dem Aus­schußantrag soll das Staatsministerium ermächtigt Derben, dieses Gesek außer Kraft zu sehen.

Das G e s e h. das die Aufnahme ausländi­scher Kommunalkredite grundsätzlich an die Ge­nehmigung der Aufsichtsbehörden knüpft, wird unverändert in der Ausschußfassung angc- n o m m e n.

Das Haus gehl sodann über zur gemeinsamen Beratung einer großen Anzahl von Anfragen und Anträgen, die sich mit den östlichen Grenz- oerhältnissen beschäftigen. In ihnen werden u. a. Maßnahmen gefordert zur Milderung der Wohnungsnot in Obcrschlesien. zur Un­erbringung der oberschlesischen Flüchllingsbeamten, ;ur Regelung ihrer Sach- und Personenschäden, zur Linderung der Arbeitslosigkeit in den schlesischen Zndustriegebieten sowie zur Steuerung der Woh- rungsnot in der Grenzmark Posen und Westpreußen. Zur Beantwortung der hierzu eingebrachten sechs Großen Anfragen erklärt sich das Staatsministerium bereit.

Abg. F r an z - Oberschlesien (Soz.): Das Mor- chrium, unter dem die oberschlesische Bevölkerung leit Jahren zu leiden hat, tritt besonders erschüt­ternd in dem Wohnungselend zutage. Das furcht- rare Elend der Flüchtlinge ist hier schon im Jahre 1922 geschildert worden. Die grauenvollenZu- 'Lande, die damals in dem preußisch gebliebenen Teil einrissen, haben sich seitdem nur sehr wenig gebessert, weil es an Mitteln zur Abhilfe gefehlt hat. Nach amtlicher Berechnung seien )0 000 Flüchtlinge vorhanden. Besonders in den größeren Städten sei die W o h n u n g s n o t fürch­te r l i ch und bis 15 000 der Unglücklichen müßten in Schuppen und Ställen wohnen. Das habe die Ausbreitung der Tuberkulose und die Herbeiführung entsetzlicher Zustände zur Folge. 75 Prozent der Kinder seien dort unterernährt. Der Rebner fordert Einleitung einer großzügigen R o tst a n d s a k t i o n. In der Bewertung der Schulen darf man Oberschlesien nicht rein deut- ichen Gebieten glcichstel^n. Mit der Lehrerent- Fassung 'muß dort äußerster Vorsicht Vor­legungen werden.

Cs ist nicht bloß bei Versprechungen geblie­ben, es sind auch Taten erfolgt. Die Staats­regierung hat nach Kräften für Abhilfe gesorgt. Im Jahre 1924 wurden nach Oberschlesien Staatsmittel in höherem Betrage als nach irgend­einem anderen Teil des preußischen Staatsge­bietes hingegeben: im ganzen aus den Staats­und Gemeindemitteln etwa 121/2 Millionen. Im Jahre 1925 werden diese Leistungen noch wesent­lich überschritten werden. Das Reich hat auch seinerseits 4 Millionen für Wohnungs­zwecke überwiesen. Für die unterzubringenden Arbeiter ist in Schneidemühl eine besondere Ar­beitsvermittlungsstelle eingerichtet worden. Die Auflösung der Flüchtlingslager ist im Gange. Schwieriger liegen die Dinge hinsichtlich der Hinterbringung der 2 500 Optantenfamilien. Die Hinterbringung der Lehrkräfte ist sehr schwierig. Gegen 8000 Anter gebrachte stehen 3560, die noch der Unterbringung harren.

Abg. Garnier (Dschn.): In Deutschland scheint man vergessen zu haben, daß es in Rußland nicht nur ein bolschewistisches, sondern auch ein na­tionales Rußland gibt. Wir müssen an der Ostgrenze eine starke Ostmark aufrichten. (Unruhe links.) Die deutsch-polnischen Wirtschaftsverhandlungen sind nicht vorwärtsgekommen. Unsere Handelsbilanz mit Polen ist rein passiv. W i r müssen Feier­schichten einlegen, damit in Polnisch Oberschlesien gearbeitet werden kann. Da Linmol die Ostgrenzenfrage liquide geworden ist, habe ich zu erklären, daß ein V e r z i ch t a u f die Revision der Grenze aus wirtschaftlichen Gründen nationaler Selb ft mord wäre. (Zustimung.) Der Reichskommissar hat gewisse Be­stimmungen aufgehoben, aber die ganze Entschä­digungsaktion ist leider in die schlimmste Inflations­zeit gefallen, und tatsächlich sind die geschädigten deutschen Besitzer fast leer ausgegangen. Die Woh­nungsfrage kann ohne Subventionierung der städ­tischen Finanzen nicht gelöst werden. In der Unter­bringung der Lehrkräfte hat man unverantwortlich verfahren. Weshalb hat man die Provinz Schlesien auch in der Verwaltung auseinandergerissen? Ober- und Niederschlesien waren doch geschichtlich durch Blut und Eisen fest zusammengekittet. Der Red­ner macht der Schulverwaltung noch den Vorwurf, daß sie die polnische Schulpropaganda durch Schul­bücher mit polnischer Tendenz unterstütze. Die Not in Oberschlesien sei auch durch die Taktik der Reichs- bahnverwaltung mit ihrem Abbau verstärkt worden. Die Zahl der Arbeitslosen habe sich so um Tausende vermehrt. Dazu komme der Strom der O st j u d e n.

QTbg. Dr. Grzimek (Dem.) bemerkt, daß es mit dem Schulwesen in Oberschlesien besonders schlecht stehe. Hier müsse Abhilfe geschaffen wer­den. Ein geregelter Grenzverkehr mit Rußland und Polen müsse trotz aller Schwierigkeiten zur Durchführung kommen.

Der polnische Handelsvertrag müßte das Riederlassungsrecht für Deutsche in Polen enthalten, damit das barbarische Aus- Weisungsrecht verschwinde.

Teilweise Aufhebung des sowjetrusfischen Außenhandels - Kommissariats ?

Paris, 30. Juni. (TU.) Aus Riga wird ge­meldet, daß die Sowjetregierung die Absicht habe, das Außenhandels - Kommissariat teil­weise auszuheben. Es sollen dem privaten Han­del zur Ausfuhr ins Ausland verschiedene Produkte der russischen Industrie und landwirtschaftliche Ar­tikel in Webstoffen freigegeben werden.

Die Regierungsbildung in Griechenland.

Paris, 1. Juli. (TA.) General P a n g a - los hat seinen Freunden erklärt, daß er glaube, 150 bis 200 Stimmen Majorität zu erzielen. Falls das Kabinett in die Minderheit verseht würde, werde er nicht zögern, zur Auflösung des Parlaments zu schreiten. Es werden außer­dem Schritte unternommen, um zu veranlassen, daß einige Antiveneselisten in das Kabinett ein­treten unb die verfassunggebenden Körperschaften im September wieder einzuberufen.

Die chinesische Freiheitsaktion.

Die Entwickelung der chinesischen Freiheits­bewegung macht den in China interessierten Mächten mehr Schwierigkeiten, als sie der Oeffentlichkeit gegenüber zugeben möchten. Ihre darauf eingerichtete Berichterstattung ist deshalb eifrig beniüht, die ganzen Verhältnisse in einem für China ungünstigen Lichte erscheinen zu lassen und vor allen Dingen den Verdacht zu nähren, als wenn die ganze Bewegung vollständig ins bolschewistische Fahrwasser geraten wäre. Daß die aus dem Streik geborene Be­wegung rein nationaler Ratur ist, ist den Mächten und besonders England natürlich sehr unangenehm, für das ja von der Lösung des Konfliktes in China unter Umftänöen eine Rückwirkung auf Indien liicht ausgeschlossen ist.

Besonders nachteilig für England ist trotz aller Dertuschungsversuche die Tatsache, daß sich die Mächte selbst über ihr weiteres Verhalten nicht einig sind. Das weiß natürlich die chine­sische Zentralregierung. Ihr dauerndes Aus­weichen vor Verhandlungen und die brüske Be­antwortung der Roten des diplomatischen Korps sind eine Folge davon. Zurückzuführen ist die Uneinigkeit darauf, daß Japan, um eine weitere Verschärfung der Lage zu vermeiden, seinem Botschafter möglichste Zurückhaltung auferlegt hat. Praktisch genommen handelt es sich nur noch darum, daß die Mächte jede Ein­mischung in innerchinesische Verhältnisse unter­lassen und die Vorrechte aufgeben sollen, die sie durch die angemaßte Exterritorialität genießen. Die Chinesen wollen endlich Herren in ihrem eigenen Lande sein, was natürlich nicht aus­schließt, daß sie weiter wirtschaftliche Beziehungen mit allen Mächten aufrechterhalten und pflegen. In diesem Sinne ist auch die chinesische Regierung in Washington vor st eilig geworden und hat um eine Dermittlungsaktion nach­gesucht.

Für die Mächte beginnt sich jetzt das Ver­halten gegenüber Deutschland und Oesterreich zu rächen. Sie sehen ein, daß sie damit, daß sie Deutschland und Oesterreich nach dem Kriege das Vorrecht der Exterrialität genommen haben, den schwersten Fehler begangen und ihr eigenes Ansehen vollständig untergraben haben. Die Mächte werden also, wenn es ihnen auch sehr unangenehm ist, irgendein Abkommen mit der chinesischen Regierung treffen müssen, das den chinesischen Wünschen weitgehendst entgegen- kommt. Anders wird es Wohl kaum gelingen, eine Beruhigung eintreten zu lassen, die schließlich im Interesse der wirtschaftlichen Beziehungen liegt. Die Schwierigkeiten dadurch vertuschen zu wollen, daß man sie bolschewistischen Agenten zur Last legt, bedeutet ein völlig abwegiges Ma­növer der Engländer.

Die Träger der nationalen Bewegung in China, vor allen die Kuomungtang-Partei, haben durchaus nichts mit Bolschewismus zu tun. Unö die Kenner des jetzigen Chinas betonen auch einmütig, daß das Land durchaus kein geeig­neter Boden für derartige radikale Bestrebungen ist. Daß man russische Hilfe nicht von der Hand weist, ist selbstverständlich, weil sie eine wertvolle Stühe im Kampfe gegen den Imperialis­mus bedeutet. Welchen weiteren Verlauf die ganze Bewegung nehmen wird, ist natürlich nicht vorauszusagen. Eines aber kann mit Bestimmt­heit festgestellt werden, daß Hie Freiheitsbewe-^ gung von viel breiteren Massen getragen wird, als daß es den Mächten möglich wäre, sie durch verschärfte militärische Maßnahmen leicht nieder- zuringen. Voraussetzung wäre dann immer noch vollkommene Einigkeit unter den Mächten.

Die Lage in China.

London, 30. Juni. (WTB.f Reuter mel­det aus Peking, daß die britenfeindlichen Ge­fühle des sogen, christlichen Generals Feng- V u - H s i a n g sich immer deutlicher äußerten. Der General verbreitete in ganz China Tele­gramme, in denen er die Abschaffung der un­gerechten Verträge fordert. Reuter berichtet wei­ter, der General verfüge, obwohl seine Truppen besser diszipliniert seien als die anderen chine­sischen Soldaten, nicht über genügend Gewehre, um alle seine Leute zu bewaffnen. In dem von ihm beherrschten Gebiet finde sich kein Arsenal von Bedeutung vor.

Aus Kanton berichtet Reuter, daß die Ver­teidigung der dortigen britischen Konzession be­trächtlich verstärkt wurde. In Hongkong wür­den Vorbereitungen getroffen, ha für morgen in Kanton eine Chinesendemonstration angesagt wor­den sei. Man habe jedoch dafür gesorgt, daß diese Demonstration das Europäerviertel Schä­mten nicht berühre. Es seien Listen ausgelegt worden, in die sich Freiwillige zur Auf­rechterhaltung der notwendigen Dienste eintragen

sollten. In diese Listen hätten sich nahezu die gesamte Bevölkerung der Kolonie, die 24 Ratio­nalitäten umfasse, eintragen lassen. Eine Aus­nahme hätten nur die Chinesen gemacht, obgleich auch einige von diesen ihren Ramen auf die Listen hätten setzen lassen.

Chinesische Forderungen.

Paris, 30. Juni. (WTB.) Haoas berichtet aus Kanwn: Ein durch den chinesischen Kommissar für auswärtige Angelegenheiten auf Anweisung des chinesischen Außenministers und des Zivilgouver- ncurs aufgestellte Note ist an den englischen und französischen Konsul in Kanton gerichtet worden.

Sie fordern von dem englischen Konsul Ent- s ch u l d i u n g und B e st r a f u n g der Offiziere, die das Feuer auf die Menge in Schameen in der vergangenen Woche hätten eröffnen lassen, Z u - rückziehung aller Kriegsschiffe aus den Gewässern von Tiutung mit Ausnahme von zwei Avisos, Schadenersatz für die Verluste an Leben und Besitz.

Die Note gibt zu, daß die Franzosen nicht zu­erst gefeuert haben, daß sie aber das Feuer er­öffnet hätten, nachdem sie die Engländer hätten schie­ßen sehen. Eine weitere Note fordere, daß man nicht mehr auf das chinesische Volk schieße.

Kriegsrüstungen in Kanton.

Paris, 30. Juni. (Wolff.) Havas berichtet aus Kanwn: Die Maßnahmen zur Verteidigung der fremden Konzessionszone sind vermehrt worden. An wichtigen Punkten sind Laufgräben aufgeworfen worden. Der italienische Generalkonsul ist von Hong­kong an Bord des französischen AvisosMarne" eingetroffen. Eine weitere Abteilung englischerSol- daten ist eingetroffen.

Ein portugiesischer Kreuzer nach China.

Paris, 30. Juni. (Wolff.) Havas berichtet aus Lissabon: Ein portugiesischer Kreuzer wird baldigst nach dem fernen Osten abgehen und Truppen dorthin befördern. Er soll außerdem in den chinesischen Gewässern bleiben, um die zahlrei­chen Portugiesen, die in Schanghai wohnen, zu schützen.

Gegen die bolschewistische Propaganda.

Paris, 1. Juli. (TA.) Aus Tientsin wird gemeldet, daß dort die schärfsten Maßnahmen gegen die bolschewistische Propa­ganda ergriffen worden sind. General King Lung hat in den früheren deutschen und russischen Riederlassungen über 100 Verhaftungen vorgenommen. Unter den Festgenommenen be­fanden sich fünf Personen, die. mit dem russischen Konsulat in Beziehung stehen.

Ein chinesisches Vermittlungs­gesuch an Amerika.

Paris, 30. Juni. (TU.) Wie demOeuvre" aus Washington gemeldet wird, hat der chinesische Gesandte T s z e dem Staatssekretär eine Note Überreicht, in dem die amerikanische Regierung er­sucht wird, Maßnahmen zur Regelung der zwischen China und den verschiedenen Großmächten bestehenden Meinungsverschiedenheiten zu ergreifen.

Und Italien?

Paris, 1. Juli. (TU.) Aus Peking wird gemeldet, daß die Botfchafter-oKnferenz beschlos­sen hat, an die italienische Regierung telegraphisch das Ersuchen zu richten, ihre Stel­lungnahme zu den Vorgängen in Schanghai belanntzagebcn, da man den Eindruck habe, der italienische Gesandte in Peking stehe auf Seiten Englands.

Ein englisches Blaubuch über China.

London, 30. Juni. (TU.) Die britische Regie­rung hat ein umfangreiches B l a u b u ch über China veröffentlicht, das auf Grund der Berichte der britischen Konsulate in China über die Arbeits­bedingungen im Lande zusammengestellt worden ist. BaronHayaschi bei Chamberlain

London, 30. Juni. (WTB.) Der japanische Botschafter in London, Hahaschi, ist nach einer Reutermeldung heute bei Chamberlain im Auswärtigen Amt erschienen. Reuter seht hinzu, daß, obgleich Besprechungen zwischen den Diplo­maten in den verschiedenen Hauptstädten im Gange seien, augenblicklich eine Aktion nicht in Frage komme, abgesehen natürlich von den Schritten, die an Ort und Stelle unternommen würden, um die Lage zu erleichtern.

Belgiens Programm.

Die Aussprache über die Regierungserklärung. Brüssel, 1. Juli. (TU.) Bei der' Aus­sprache über die Regierungserklärung äußerte sich der Premierminister u. a. über die Schulden an Amerika. Er erklärte, Belgien müsse grundsätzlich seine Schulden anerkennen. Amerika verpflichte sich dafür, auf die Finanz- und Wirtschaftslage des Landes Rücksicht zu nehmen. Vanderfelde wies besonders darauf hin, daß die Anerkennung Sowjet-Ruß­lands nicht im Programm des Kabinetts stehe. Er halte es nicht für möglich, zu der Frage Stel­lung zu nehmen. Weiter erklärte der Premier­minister, die Regierung sei entschlossen, die R u h r im Einverständnis mit dem französischen Kabinett vor dem 15. August z u räumen. Die Räumung Kölns erfolge an einem Tage, an dem Deutsch­land die Abrüstungsklauseln erfüllt habe.

Die Lage in Marokko.

Paris, 30. Juni. (WTB.) Rach einem Havasbericht aus Rabat hat A b d e l Krim den Versuch gemacht, im südwestlichen Bezirk von Ued el Kebir, 15 Kilometer nördlich von Dab Rorumj vorzudringen. Er sei aber auf den Widerstand der auf den nördlichen Höhen stehenden Truppen gestoßen. Der Kampf dauere noch an. Im östlichen Abschnitt hätten bedeu­tende Einbrüche in der Gegend von Dahar, 12 Kilometer nordwestlich von Dab Murdj, statt- gefunden.

Rückkehr der parlamentarischen Kommission.

Paris, 30. Juni. (WTB.) Die parla­mentarische Kommission, die die Ma- rolkofrvnt im Auftrage des Heeresausschusses der Kammer besucht hatte, ist heute vormittag in Marseille an gekommen. Ein Mitglied der Mission erklärte dem Havasvertreter, die Lage fei keinen Augenblick kritisch gewesen, bleibe aber ernst. Eine rasche und kühne Offensive sei notwendig, denn die Treue der Stämme hänge davon ab, ob man ihnen einen Beweis der Stärke Frankreichs geben könne. Das Prestige Abd el Krims dürfe man nicht noch weiter sich steigern lassen. Der Pascha von Fez habe gesagt: Die Stämme seien das Opfer Abd el Krims: sobald die Franzosen sie aber befreit hätten, würden sie sie auf den Schultern tragen.

Aus aller Welt.

Die Katastrophe

von Santa Barbara.

Paris, 1. Juli. (TA.) Aus Los Angeles wird gemeldet, daß über Santa Barbara der Belagerungszustand verhängt worden ist, da Ausschreitungen und Plünderungen vorge­kommen sind. Bis zur Zeit wurden 13 Leichen identifiziert. Man bestätigt, daß über 300 Per­sonen verletzt wurden. Es wurde ein Ausschuß gebildet, der bereits mehr als 500 000 Dollar zusammenbrachte, die zur ersten Hilfe verwendet werden sollen.

Aus Stadt und Land.

Gießen, den 1. Juli 1925.

Z5 ZähreMainzer AnZeig'r".

In diesen Tagen konnte derM ainzell Anzeiger" auf fein 75jähriges Be­stehen zurückblicken. Auf eine weite Spanne Zeit schweift bei dieser Gelegenheit der Blick nicht nur der Leiter des Jubilars, sondern aller Männer des öffentlichen Lebens zurück. And da bietet sich ihrer rückschauenden Betrachtung eine große Fülle von segensreicher Arbeit dar, die dieser hervor­ragende publizistische Führer Rheinhessens und der angrenzenden preußischen Gebiete zum Segen der engeren Heimat und zum Wohle des ganzen deutschen Vaterlandes geleistet hat. Waren schon die hohen geistigen und kulturellen Werte seines Wirkens in der Vorkriegszeit Anlaß, demMain­zer Anzeiger" die Hochschätzung der deutschen Oeffentlichkeit zu sichern, so ist das heute ganz besonders zu betonen, wenn man sich daran erinnert, unter welch außerordentlich schwierigen Verhältnissen das Blatt und seine Leiter nach dem unglücklichen Kriege ihre schwere Aufgabe er­füllten. DerMainzer Anzeiger" hat unter dem Druck der Franzosen vielerlei erdulden müssen, ganz besonders aber während der Zeit des Rhein- und Ruhrkampfes. Trotz aller Bedrückungen und Verfolgungen hat derMainzer Anzeiger" sich stets zum aufrechten Verfechter der deutschen Be­lange gemacht, und er hat damit die journaüstifche Vorwacht W Deutschen Reiches in erfolgreichster Meise versehen. Auch auf dem Gebiete der Hei- matpflege i|t fein Wirken als vorbildlich zu be­zeichnen, und was er für Kunst und Wissenschaft in der langen Zeit seines Bestehens an aufbauen» den Werten geschaffen hat, verdient nicht minder mit Auszeichnung genannt zu werden.

Angesichts einer so segensreichen Arbeit im Dienste t>.: Allgemeinheit ist es verständlich, daß dem Jubilar bei dieser denkwürdigen Feier Glückwünsche in reicher Zahl dargebracht werden. Auch uns ist es ein Bedürfnis, dem wackeren Mitstreiter für das Wohl unseres Vaterlandes, dem lieben Kollegen und journalistischen Führer der rheinischen Schwester Provinz unsere herz­lichsten Glückwünsche zum 75jährigen Jubiläum auszusprechen und ihm zugleich ein arbeitsfreu­digesGlückauf!" zum hundertjährigen zuzu­rufen.

Aus Anlaß des Jubelfestes haben Verlag und Redaktion desMainzer Anzeigers" eine Jubiläums-Ausgabe und eine Festschrift heraus- gegeben, die eine Fülle von bedeutsamen Ab­handlungen aus den verschiedensten Gebieten des öffentlichen Lebens enthalten. Beide Druckwerke sind auf Grund ihres vortrefflichen Gehalts als Denkwürdigkeiten besonderer Art anzusprechen. Das Wirken des Mainzer Kollegen fand seine verdiente öffentliche Anerkennung in einer Feier im Kasinohof zum Gutenberg, an der als Ehren­gäste u. a. teilnahmen der Finanzminister Hen­rich, Provinzialdirektor il f i n g e r, der Rek­tor der Landes-Aniversttät Gießen Geh. Kir­chenrat Prof. D. Dr. Krüger und der Rektor der Technischen Hochschule in Darmstadt Prof. Dr. S ch 1 i n ck e. Der erfolgreiche Letter des Mainzer Anzeigers", Direktor Will, wurde von der Landesuniversität Gießen zum Ehren­senator, der Vorsitzende des Aufsichtsrates des Anternehrnens, Dr. jur. Rothe, zum Ehren­senator der Technischen Hochschule in Darm»- stadt ernannt.

Ausdehnung

der Unfallversicherung aus gewerbliche Berufskrankheiten

t. Viele Jahre hindurch wurde von den be­teiligten Kreisen die Einbeziehung der Berufskrank­heiten in die Unfallversicherung erstrebt, ohne daß diesen Wünschen seitens der gesetzgebenden Körper­schaften seither Rechnung getragen wurde. Erst unterm 12. Mai l. I. wurde eine Verordnung er­lassen, welche Bestimmungen über die Ausdehnung auf gewerbliche Berufskrankheiten trifft. Als ge­werbliche Berufskrankheiten werden insbesondere angesehen: Erkrankungen durch Blei oder seine Ver­bindungen, Erkrankungen durch Phosphor, Queck­silber oder seine Verbindungen, Erkrankungen durch Arsen oder seine Verbindungen, durch Benzol ober seine Homologen, burch Schwefelkohlenstoff, Erkran­kungen an Hautkrebs burch Ruß, Paraffin, leer, Anthrazen, Pech unb verwanbte Stoffe, Grauer Star bei Glasmachern, Erkrankungen burch Rönt­genstrahlen unb anbere strahlenbe Energie (in Be­trieben, in benen Versicherte burch ihre Tätigkeit der Einwirkung von Röntgenstrahlen ober anberer strahlenber Energie ausgesetzt finb), Wurmkrankheit ber Bergleute unb Schneeberger Lungenkrankheit (Betriebe bes Erzbergbaues im Gebiete von Schnee­berg im Freistaat Sachsen). Die Vorschriften über bis Unfallanzeige unb bie Unfalluntersuchung finb bie gleichen wie bei sonstigen Betriebsunfällen, mit ber Abweichung, baß bie Funktionen ber Ortspoli- zeibehörben ben Versicherungsämtern übertragen finb. Ein Arzt, ber einen Versicherten wegen einer Berufskrankheit behanbelt, ist verpflichtet, bem Ver- ficherungsamt unverzüglich Anzeige zu erstatten. Be­züglich bes Streitverfahrens ist bemerkenswert, baß bei ber Frage, ob ein Krankheitszustanb ganz ober teilweise Berufskrankheit im Sinne biefer Verarb- nung ist, bie Möglichkeit für ben Verletzten be­steht, bie Angelegenheit bis zum Reichsversicherungs­amt burchzuführen. Die Verorbnung tritt am 1. Juli 1925 in Kraft.

** D ie Reichsrichtzahl für die Lebenshaltungskosten beläuft sich nach den Feststellungen des Statistischen Reichsamts für den Durchschnitt des Monats Juni auf 138,3 gegen 135,5 im Vormonat. Sie hat sich sonach unt 2,1 Proz. erhöht.

* Rückkehr unserer Garnison. Rach mehrwöchiger Abwesenheit auf dem Truppen­übungsplatz Senne kehrt unsere Garnison mit Ausnahme der 2. Kompagnie, die noch in Berlin weilt, am morgigen Donnerstag, 7.30 llfjr norm., nach Gießen zurück. An einem der letzten äle- bungstage hat der Chef der Heeresleitung den Aebungen des 15. Infanterie-Regiments beige- wohnt.

** Oeffen11 iche Bücherhalle. Im Juni wurden 1211 Bände ausgeliehen. Davon kommen auf: Erzählende Literatur 755, Zeit­schriften 55, Jugendschriften 71, Literaturgeschichte 6, Gedichte und Dramen 27, Länder- und Völker­kunde 62, Kulturgeschichte 26, Geschichte und Bio­graphien 61, Kunstgeschichte 2, Raturwissenschaft und Technologie 57, Heer- und Seewesen 6, Haus­und Landwirtschaft 17, Gesundheitslehre 9, Reli-