seltsame Flitterwochen.
Roman von Arn)ld Fredericks.
^Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
„Run ja," sagte Grace, deren nrutwillige ßminc die Oberh.rnd b?Eom, „da ich jetzt doch hier bin, kann ich ebensogut auch arbeiten. Richard kann vor zwei Tagen nicht hier sein und inzwischen finde ich vielleicht etwas heraus."
„Ausgezeichnet/ Der Präsekt patschte sich mit der Hand aufs Knie. „Sie haben zwei Tage 'Seit. Sn zwei Tagen säht sich viel machen. Wir wollen gleich das Nähere besprechen."
Eine Stunde später verlieh Grace in einem Wagen die Präfektur: ihr Gepäck sollte in Lefevres Wohnung gebracht werden, da sie bei ihm wohnen würde Ihne frühere gute Bekanntschaft mit Frau Lefevre lieh es als selbstverständlich erscheinen, datz sie als ihre Fveurtom, auf Besuch m Paris, duft rot.
Sie lieh sich zu Frau Stapleton in die Avenue Kieker fahren. Obgleich die Schönheit dieser Frau durch das in den letzten Tagen Ausgestandene gelitten hatte, erschien sie ihr doch als hübsche und vornehme Dame. Sie mochte etwa dreißig Iahre alt sein. Die arme Frau hatte über eine Woche kaum ein Auge zugetan, und ihr Kummer erregte Mitleid.
Sie beantwortete Graces Fragen, so gut sie es den Umständen nach konnte. Es war schlietz- lich wenig zu sagen. Die Wäterrn beharrte natürlich auf ihrer Aussage — der Knabe sei in der Sekunde verschwunden, in der sie seitwärts sah. Frau Stapleton konnte keinerlei Erklärung geben und versuchte es auch nicht.
„Es ist sorü>erixrr — so schrecklich," jammerte sie. „Die arme Mary. Sie tcrraoen sie nicht sehen, ich fürchte, sie ist zu krank. Sch wollte, sie hätte Ihnen den Hergang selbst erzählen können!"
„Zu krank?" fragte Grace, die lieber das Mädchen, als Frau Stapleton ausgefragt hätte. „Was ist denn mit ihr?"
„Alan wollte sie vorigen Freitag vergiften." „Man? Wer?"
„Sch werb es nicht. <5$ ging aus, um Luft zu schnappen. Das arme Mädel war halb tot vor nervöser Erschöpfung und Schlaflosigkeit. Wir sie erzählte, wollte sie in einem Cafe der Rue St. Honore eine Tasse Schokolade trinken. Hierauf ging sie zu den Champs Elhsees zurück und sah aüf einer Bank. Plötzlich wurde ihr sterbenselend, sie nahm einen Wagen ünd lieh sich heimführen. Als sie hier ankam, war sie bewußtlos und muhte von den Dienstboten in ihr Simmer getragen werden. Seither hütet sie das Bett. Zum Glück geht es ihr jedoch besser, hoffentlich können <5ie sie morgen sehen."
Als Grace das Haus Stapleton verlieh, war sie ein wenig verwirrt. 3e mehr sie von der sonderbaren Geschichte hörte, desto unerklärlicher kam sie ihr vor. Sie hatte den Tatort in Begleitung der Wärterin besichtigen wollen. Sie sah ein, dah dies erst am folgenden Tag möglich wäre. Sie spazierte, über die Sache nachdenkend, gegen den Arc de Trromphe, als ein junger Mann, offenbar ein Franzose von gutem Aussehen und mit einem freundlichen Gesicht, sie ein- holte, sich verbeugte und sich in tadellosem Englisch nach Mary Lana Han erkundigte.
„Geht es N^ih Lanahcm besser?" fragte er. Aus seinem Ton klang grohe Anteilnahme.
„Wer frno Sie, mein Herr?" anttDonete sie in der Hoffnung, vielleicht etwas von Wert zu erfahren. Seine Frage bewies Garre, dah er nrit wenigstens einem Mitglied des Stapleton- scheu Hauses bekannt war.
„Sch bin mit Mih Lanahan befreundet," erwiderte der Mann. „Sch hörte, sie sei krank. Sch sah Sie das Haus betreten und es verlassen und erlaubte mir, Sie anzusprechen, um zu er- fahven, ob es ihr besser geht."
„Man sagte mir, es gehe besser. Gesehen habe ich sie-nicht." äleber das Gesicht des jungen Mannes ging eine plötzliche Bewegung, doch Grace konnte — so flüchtig war diese — nicht erkennen, ob es Freude oder Enttäuschung war.
Sie gingen stillschweigend weiter und waren bc8 zum Triumphbogen gekommen, als ein zerlumpter kleiner Kerl, dec waschechte Pariser Gassenbub, herzusprang und Graces Begleiter ein kleingefaltetes Stück Papier in die Hand drückte: dann rannte er weiter.
Ser Mann sah ihm einen Augenblick nach, dann las er das Briefchen. Was es auch enthielt jedenfalls machte es auf ihn einen starken Eindruck. Er sah ängstlich um sich, verbeugte sich rasch gegen Grace mit kurzem „Guten Abend" und ging eiligen Schrittes in entgegengesetzter Richtung davon. Zugleich griff er in die Brusttasche seines Rocks, wie wenn er etwas suchen wollte. Hierbei entfielen ihm einige Papiere. Grace beobachtete, wie er sie hastig aufhob und in der Dämmerung verschwand.
Es schien ihr, als ob er eines der Papiere hätte liegen lassen: sie ging zurück und sah, dah sie sich nicht geirrt hatte. Ein Briefumschlag lag auf dem Gehweg. Sie hob ihn aus und las im
Wertergehen die Aufschrift Der Empfänger war Alphonse Valentin, Boulevard St. Michel.
Grace versorgte das Papier in ihrem Täsch- dien. Der Name des Mannes sagte ihr nichts — sie nahm an, es sei ein Freund Miß Lcmahans aus früheren Zeiten. Doch warum erkundigte er sich nicht auf dem gewöhnlichen Wege nach ihr, indem er einfach im Hause anfrag'e.' And warum hatte die Mitteilung, die ihm ic Gassenjunge übergeben, ihn so sichtlich beunruhigt?
Eie blickte nach der Ahr und ab, dah es beinahe sieben Ahr war. Sie ha/c d.e Absicht, zum Abendessen bei Ldfevres zu sei i, aber einer plötzlichen Eingebung folgend und um mehr übet diesen Valentin zu erfahren, ging sie in ein Gasthaus nahe beim Louvre, wo sie allein speiste.
Eine Stunde später stieg sie auf dem Boule» vard St. Michel vor dem Hause, dessen Nummer auf Alphonse Valentins Briefumschlag verzeich net war, aus einem Wagen.
Es war ein schmutziges, altes Gebäude, im Erdgeschvh befand sich eine Käs«Handlung. Ein schmaler Gang nebenan führte zur Treppe. Grace läutete Klopfenden Herzens. Dieses Suchen bei Nacht in Paris war ihr doch etwas ungewohnt. Sie gedachte der stillen Freuden ihres Landlebens und bereute einen Augenblick, nicht zu Hause geblieben zu sein. Das unvermittelte Aufgehen der Türe unterbrach ihren Gedankengang
Eine Frau stand im Gang und fragte sie gleichgültig nach ihrem Begehr. „Sch wünsche Herrn Valentin zu sprechen," sagte Grace.
„Er ist nicht hier."
„Dann warte ich, ich muh ihn sprechen. Er erwartet mich"
(Fortsetzung folgt.)
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