Ausgabe 
28.10.1924
 
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Nr. 254 Erster Blatt

U4. Jahrgang

Dienstag, 28. Vttober 1924

GietzenerAmeiger

General-Anzeiger für Vberhefsen

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Der Reichsparteitag des Zentrums.

Die Partei für des Kanzlers Politik der Mitte.

Dr. Marx hat am Montag auf dem Partei­tag der Zentrumspariei als ein (Staatsmann ge­sprochen, der Reichskanzler war, ist und bleiben möchte. Er hat als ein ausgesprochener Kanzler der Mitte geredet. Er hat noch immer nicht die ganz große K oalr t i o n auf» gegeben, er ist grundsätzlich gegen gar nichts, we­der gegen den Anschluß nach rechts (mit den Deutschnationalen), noch gegen den Anschluß nach links (mit den Sozialdemonxrten). Er stellte fid> fernen Parteifreunden als der Führer für jede praktisch mögliche Koalition vor. Hieraus ergab sich eine gewisse Undeutlichkeit und Aebelhaftigkeit in seiner großen Programmrede. Mer den inneren Kampf beobachten konnte, der sich in den letzten Wochen innerhalb Des Zentrums abgespielt hat, ist durch die Rede des Reichskanz­lers nicht übemascht worden. Es handelte sich ja darum, Herrn Dr. Wirth und Herrn v. ©ue- rard unter einem Hut zu behalten. Wenn man aus den Beifallsbezeugungen einer festlich gestimmten Delegiertenschaf t Schlüsse ziehen darf, so ist Herrn Marx die Verkittung des ge­sprungenen Zentiarmsblocks gelungen. Da der Kanzler aber keine eindeutigen Dvrstellungen von der künftigen Bildung von Regierung und Re­gierungsblock hat, war er gesungen, sich mit de­nen in einen Widerspruch zu fetzen, die unter den nun einmal herrschenden Umständen die Er­weiterung der Regierung nach rechts für notwendig halten.

3n der Rede jedes Staatsmannes von den Deutschnationalen bis zu den Sozialdemokraten kehren fast mit den gleichen Wendungen die Forderungen, Erwartungen und Hoffnungen in bezug auf das künftige Schicksal von Reich und Volk wieder. Reue, eindrucksvolle Prägungen, sind dem Reichskanzler hierbei nicht gelungen. Interessanter war schon das, was er über die Schuld am Kriege und über die Behandlung dieses Problems in der praktischen Politik sagte. Marx wünscht die moralische Reinigung des Volkes und erwartet im übrigen selbst von einer ausdrücklichen Zurücknahme des be­rüchtigten Artikels 231 keine Ermäßigung der uns auf erlegten Reparationslasten. Richt un­widersprochen bleiben darf die Behauptung des Kanzlers, daß viele Deutsche in der Propa­ganda gegen Deutschlands Alleinschuld am Welt­kriege nur deshalb so eifrig seien, weil sie damit den Verzicht unserer ©laubiger auf ihre An­sprüche erwarten. Der unbefangene Hörer der Marxschen Rede könnte auf den ©edanken kom­men, daß die Mehrzahl der Vorkämpfer gegen die Kriegsschuldlüge zu den von Marx gekenn­zeichneten Illusionisten gehört. Das ist in keiner Weise der Fall. Die Meisten von denen, welche zwar keine Schimpfkanonade, wohl aber eine ziel- bewußte Aufklärungsarbeit in der Kriegsschuld- frage betreiben, wissen ganz genau, daß die deutsche Reparationsbelastung eine Folge der nun einmal bestehenden internationalen Macht­verhältnisse ist. Die Lüge von Deutschlands Kriegsschuld gilt lediglich zur Beruhigung der­jenigen Gemüter, die ihre Handlungen moralisch drapieren müssen, um sich wohlzufühlen. Darum ist aber die Beseitigung der Kriegsschuldlüge doch ein erster wichtiger Schritt zur Befreiung des deutschen Volkes von politischem und auch ökonomischem Druck.

Weiter ist anfechtbar, was der Reichskanzler über dieVolksgemeinschaft" sagte. Es handelt sich hier nicht um ein Ideal, das nur den m politischem Sinnedemokratischen" Parteien zugänglich wäre. Gerade die politischen Machbrrn des Zentrums nach rechts hin sind der Heber- zeuguna, daß die Schaffung einer solchen Volks­gemeinschaft die Heranziehung der Deutschnationalen zu den Regierungsge­schäften erfordert.

Die beruhigenden Worte, die Marx über die Flaggenfrage sprach, waren- gewiß gut ge­meint Der Bruch mit der Vergangenheit, wie er in dem Ersah der Dismarckschen Reichsfarben schwarzweißrot durch die in werter biftorifdjer Vergangenheit liegenden Farben der März-Re­volution zum Ausdruck kommt, war ein Angst- Produkt der unrühmlichen Rovember-Revolution. Es war ein schwerer Fehler dec Linksmehrheit in der Rationalvctfammlung, daß sie durch Aen- berung der Reichs färben im deutschen Volke den Streit darüber säte, ob beim Wiederausbau des Reiches an die Srcrbition angeknüpft werden solle oder nidxt.

Zustimmen können weite Kreise des recht s- rechtsstcchmden Bürgertums Herrn Marx in ter geftftenung, daß bei den kommenden Wahlen und dann auch bei der Regierungsbildung und der praktischen. Führung der Politik die Außen­politik im Vordergründe stehen müsse Marr hat sich das Wort zu eigen gemacht, das ter Reichsaußenminister Dr. Stresemavnn r c»h seiner Rückkehr von den Londoner Reparations- Verhandlungen vor den: Reichs agsple um 'Pi »>ch Das Londoner Abkommen sei kein Ende, sondern prn Anfang Mach* der Formulierung, die Marx am Monu^ oJ)Üe, können andere Spu­teten einverstanden fern, For 1 > etz ::nq der biSlxn-igcn Politik wünschen gewiß reidüid; 75 Prozent deS gegenwärtigen und des kommen­den Reichstages. Die Frage ist nur, wie diee Fortsetzung aussehen soll. In der deutschen Außenpolitik der nächsten Monate urti) Iah e ruh deutlicher als dies von 1919 bis 1923 schehen ist. uz& auch deutlicher, als dies wäh­

rend der Minderheitsregierung möglich war, das deutsche Lebensinteresse Richtung, Ziel und Tempo angeben.

Vie Rede des Reichskanzlers.

Berlin, 27. Oft. (TU.) Die Vollsitzung des Zentrumsparteitages am Montag wurde vom Reichskanzler als dem Parteivorsihenden mit 'herzlichen Degrüßungsworten eingeleitet. Hierauf übernahm Ministerpräsident a. D. Sie­ger wa ld den Vorsitz. Reichskanzler Marx erstattete sodann ein großes politisches Referat, in welchem er zunächst die Frage aufwarf, welche Kräfte in der Zentrums Partei lebendig find. Es seien dies Kräfte der Beharrung, eines ge­sunden Konservativismus. Es sind Be- jaher der Gegenwart und der Zukunft, die mit starken Händen und mit heißen Herzen die neue deutsche Große aufrichten wollen. Wir haben die Kräfte des leider gesunkenen Mittelstandes, der trotz allem wieder nach oben ringt, wir haben die Kräfte des handarbeitenden Volkes, das in schwerer materieller Rot lebt, das trotz aller Verhetzung nicht radikal und revolutionär ist, das Deutschland durch sei­ner Hände Arbeit stark machen will, das aber auch von anderen Dolksteilen gleich gewer­tet und geachtet fein will. Das Geheimnis der Zentrumspartei, die verschiedenartigen Volks­gruppen in sich zu vereinigen, liegt in der fest­gefügten Weltanschauung beß Zentrums, das all die auseinanderstrebenden Kräfte bindet.

Hnfet Recht auf Leben als Ration verlangt ein freies Deutschland, frei von allen Ketten, frei von militärischer Bewachung; es verlangt ein Grohdeutschland, in dem die ganze deutsche Ra­tion bereinigt ist, es verlangt ein Deutschland mit Kolonien, damit dieses friedliche Deutschland Absatz- und Austauschgebiete für feine Waren und Rohprodukte hat.

Dieses heilige Recht als freie Ration zu leben, haben wir nicht verwirft. Deutfchlands Allein­schuld am Kriege ist eine Mär, die in der ge­schichtlichen Forschung bereits zufarnmen- gebrochen ist. Das deutsche Doll steht zu der Auslassung, die die Versammlung deutscher Histo­riker in Frankfurt a. TEL vor einigen Wochen bargelegt hat, daß die Frage der schuldhaften Verantwortung einzelner Länder, Völler, Par­teien oder Personen für den Weltkrieg nur nach Oeffnung der Archive der am Weltkrieg beteiligten Mächte durch gründliche und methodische Quellenforschung ent­schieden werden könnte. Die Beantwortung dieser Frage durch ein Aktenstück der Diplomaten der Siegerstaaten ist eine Ungeheuerlichkeit, die in der Weltgeschichte noch niemals gewagt worden ist. Die erzwungene Unterschrift ist für die Feststellung der w ssenschastl chen Wahrheit oh ne jede Bedeutung De Ann hm: des Waffen­stillstandes, des Versailler F.ied.nsver träges, des Londoner Vertrages find für uns Etappen auf dem Wege zur Freiheit unferes Volles.

Der Reichskanzler ging sodann über zu den

Fragen der innere» Staatspolitik.

Die äußere Grundlage des deutschen Staatswesens und der Staatsordnung tft die Weimarer Verfassung, die wir als rechtmäßig und im gewissen verpflichtend anerkennen Die inneren Voraussetzungen für das Gedeihe: des deutschen Staatswesens hängen gewiß entch?fterd von der Entwicklung unserer Außenpolitik ab Im Innern ist dazu aber ein Gemeinschaf tswi lle not- wendig, der sich von innen her entwickeln muh. In dem Bestreben nach der groben Volks­gemeinschaft liegt das gvße Ziel der deut­schen Zentrumspartei Kar ausgedrückt (sh iften* tum und Katholizismus sollen die auseina ider» strebenden Kräfte zu amme rführen. Au g b der Sozialpolitik ist es, die Gegensätze zu mildem und die Mach gruppen abzrllchwäch n Die Poli.i! soll die materielle Lage des Volkes Der belfern, damit aber jedem Stand seine eigenen Aufgaben belassen. Die Zent rumspar ei ist wahrhaftig die Volksgemeinschaft im Kleinen. Darin beruh: die Kraft unserer Politik. Wir haben auch in der Politik kleine Teile, die in dem Beiernander aller Strömungen eine innere Schwäche eve.i und da­rum klare Entscheidung wünschen. Solange Deutschland am Boden li gt, und nur unter Zu­sammenfassung aller Kräfte fein ma­terielles und nationales Da ein fr.fter kann, we - den wir den Weg der Dollsgemainschaft gehen müssen. Das ist der Weg der nächsten Iahrzehn.e.

Die Bemühungen der deutschen Regierung, durch den Abschluß von Handelsverträgen der deutschen Volkswirtschaft die ihr gebührende Stellung in der Weltwirtschaft zu verschiffen, feien nicht leicht, weil die Wel.wirtschaft selbst noch nicht toieber gleichnähig funktioniere und well wir als schwacher Staat jede günstige Position uns erkämpfen müssen.

Die deutsche Regierung läßt sich leiten von der Ueberzeugung, daß der Export oberste Forde­rung für uns ist und daß die Erhaltung und Förderung der Produktion im Inlande oberste Aufgabe ist.

Man wird objektiv prüfen müssen, ob die Lage unserer Wirtschaft im Rahmen der Weltwirtschaft gesehen, für den Schutzzoll oder für den Frei­handel mit mäßigen Finanzzöllen sprich. Die Wirtschaft ist nicht nur ihrer selbst willen da D a s ganze Volk soll die Früchte feiner QfcjcLt pe=

niefjen. Einen schematischenAcht stunde n- t a g werden wir nicht mehr ein führen kön­nen. Das will auch unsere Arbeiterschaft nicht. Wir werden bestrebt sein, den Achtstundentag mög­lichst bald wieder einzuführen, wo nicht die Art des Betriebes dem entgegensteht. Für alle Ar­beitenden verlangen wir den gerechten Lohn. Die Vorbereitungen werden zur Zeit im Reichs- finanjmiirifterium getroffen, um ungerechte Be­reicherungen in der Rotzeit des deutschen Volles wieder zu beseitigen. Eine Inflationssteuer ist die gerechteste aller Steuern. (Lebhafte Zu­stimmung.)

Reichskanzler a. D. Fehrenbach referierte dann über die Haltung des Zentrums in der Regierungskrise. Alsbald nach den Reuwahlen sei auch in der Zentrumspartei grund­sätzlich der Standpunkt gebilligt worden, daß die Deutschnationale Volkspartei jetzt zur Verantwortung heranzuziehen sei, weil das die beste Kur für diese Partei sei (Heiterkeit und Zustimmung). Es habe sich aber sofort herausgestellt, daß das nicht möglich war und zwar hauptsächlich vom Standpunkt der auswärtigen Politik aus. Ein An­schluß nach links wäre nicht nur parlamen­tarisch untragbar, sondern auch aus politischen und kulturellen Bedenken heraus unmöglich. Wenn man sage, die Zentrumspartei stehe nicht geschlossen, so fei das eine glatte Unwahrheit. Die Vertreter des sog. rechten Flügels hätten nicht gemurrt, als das Zentrum mit den Sozialdemo­kraten zusammenarbeitete, es fei auch zu erwarten, daß die Vertreter der sog. Linken die­sem Beispiel folgen würden, wenn jetzt eine Mehrheit Reigung verspüre, nach rechts zu gehen. Man habe sich darüber nicht auf das Programm der Sozialdemokratie festgelegt und werde sich jetzt auch nicht auf das Programm der Deutschnationalen festlegen. Das Zentrum werde auf dem Boden seines Programms Weiterarbeiten.

Darauf machte Arbeilsminister Dr. Brauns ergänzende Mittellungen über den Verlauf der Regierungskrise. In der weiteren Aussprache rechtfertigte

Reichskanzler a. D. Dr. Wirth die Haltung des sog. linken Flügels des Zen­trums. Er forderte vor allem die Geschlossen­heit der Partei. Dem Reichskanzler Marx müsse die Möglichkeit gegeben werden, feine bis­herige Politik weiterzuführen. Dies Problem sei nicht zu lösen mit der Frage, ob Rechts, ob Links, sondern nur durch die Einhal­tung einer politischen Linie, die die Politik der Mitte gewährleistet. Die politische Linie des Reichskanzlers Marx fei vorgezeichnet ge­wesen durch die Arbeit feiner Vorgän - g e r. Die Politik des Zentrums habe es ermög­licht, daß wir in der Welt Vertrauen gewinnen. Dieses Vertrauen fei abhängig von einer loyalen deutschen Politik und von einer gefestigten Staats- svrm. Ein Abgehen von der jetzigen politischen Linie wäre ein Unglück für die ganze Welt. Es darf im Zentrum weder einen rechten noch einen linken Flügel geben.

In der weiteren Diskussion, die bis zum späten Abend andauerte, tarnen noch eine Reihe Redner aus den verschiedensten Teilen des Reiches zu Wort. Alle traten für eine ein­mütige und gesch lossene Haltung des Zentrums ein und billigten die Politik des Reichskanzlers Marx.

Heute vormittag wird die Tagung fortgesetzt.

Eine Ientrumsentfchlietzung gegen die Sozialdemokratie.

Köln, 27. Oft. (TU.) Der Arbeitsausschuß des Beirates für Landwirtschaft und OB.in bau der Rheinischen Zentrumspartei nahm in seiner Sitzung vorn 22. Oktober einstimmig folgende Ent- fchließung an;Die a ah en politische Linie des Zentrums hallen wir für richtig und wün­schen deren Durchführung und Sicherstellung. Der bellagenswerte Ausgang der Verhandlungen über die Regierungsumbildung hat in der rheinischen Landwirtschaft Unmut und Enttäuichung ausgelöst. Den t es wen Grund für das Richtzustandetommen der Reg.erungs- ertoeiterung erblicken die Landwirte in dem iett Jahren scharf zugespihten Kampf innerhalb der nichtsozialdemokrati- schenParleien. Sv sehr wir es begrüßen, daß das Zentrum stets betont, daß uns von der Sozialdemokratie eine scharfe Kluft trennt, fo wünscht doch der Beirat eine noch s chär f ere äußere Frontlinie gegen die sozial­demokratischen Parteien, in denen das Landvolk nach wie vor seinen grundsätzlichen Gegner erblich. Der Landwirtschaftliche Beirat spricht die Erwartung aus, daß es dem Zentrum als Partei der Mitte gelingen möge, alle christlichen Elemente zu gemeinsamer Arbeit zrsammenzufchließen ai«b daß der bevor­stehende Wahlkampf in diesem Geiste geführt werde. In Verfolg vorstehender Richtlinien halt der Beirat es für dringend notwendig, daß Zen­trum und Bayerische Volkspartei sich möglichst bald wieder zu gemeinsamer po­litischer Arbeit zusammenfinden."

Das Wahlprogramm bei Bayerischen Bolkspartei.

scharfe ffront

gegen die Sozialdemokratie.

München, 28. Oft. (TU ) In einem länge» ich Artikel entwickelt die Bayrische Vollspar-tei- Korrespvndenz ihre grundsätzlich.' Auifassung zu den bevorstehenden Reichstagswahftn. Es Yeitzt in ihm u. a.: Die Reichslagsauflösung ist das Ergebnis der zielbewußten Politik der S o z i a l d e in o t r a t i e, eine Einigung der nichtfozialdemokratischen Bürger­lichen aus ein gemeinsames Regier ungsprog ramm §u bIntert r ei 5e n. Die Sozialdemokraten hoffen, bei den in Szene gesetzten Neuwahlen im Verein mit den ihnen nahestehenden palitiichen Elementen am linken Flügel des bürgerlichen Laders so gestärkt zu werden, daß im neuen Reichstage die Frage einer bürg.'rlich u. sozia- listenfrcien Reglerung überhaupt nicht zur Diskussion stehen könnte. Diese Hoisnung der Sozialdemokraten zu zerstören ist oder soll wenig­stens die Ausgabe aller nichtsozialLe.nolratischen bürgerlichen Parteien in diesem Wahlkampfe sein.

An die Demokratische Partei.

Die Antwort Professor (Herlands.

Berlin, 27. Okt. (T. U ) Der bisherige stell­vertretende Vorsitzende der Deutschen Demokrati­schen Partei, Prof. Gerland, h.ll auf das Schreiben des Parteivorsitzenden Reichsmimster a D. Koch in einem längeren Briefe geantivortc:, i.i dein er entfd>ieben in Abrede stellt, daß die demokratische Partei nach wie vor eine Partei der Milte fei. Dem stehe entgegen, daß ein so prominentesPartei- mitgfieb wie Hummel gerade jetzt der. Satz ge­prägt habe, die Demokratische Partei sei keine Partei der

Mitte, sondern eine Linkspartei, und daß Rcichsminister Koch selbst ausgeführt habe, wenn es zu einer Spaltung koinnre, stehe di- demokratische Partei links, sie stehe neben und an der Seite der Sozialdemo­kratie. Danach gab die Partei trotz aller Wahl, aufrufe die Politik der Mitte auf.

Ferner bestreitet Prof. Gerland, daß die Partei irgendetwas getan habe, um zum min­desten die Auswüchse des Pazifismus zu bekämpfen. Sie habe Schöneich und Outböe trotz ihres Auftretens wieder in der Partei geduldet. Das unter Mitleitung des Mini­sters Koch stehende Danner Schwarz-Rot» Gold habe Basch in seiner provokatorischen Redl geschützt und

zum Schluß begeistert die Internationale mit am gestimmt.

Die Dölkerbundsagitation innerhalb der Partei habe Formen angenommen, die vom außenpoli­tischen Standpunkt aus unbegreiflich seien. Jede Tagung der Parteiinstanz fei ausgefüllt gewesen mit Verhandlungen über unerhörte Ang risse gegen Geßler und feine Amts­führung. Das fei Pazifismus in Rein­kultur gewesen. In der Wirtschaftspolitik sei die äußere Einigkeit eine leere Form ge­wesen und Herr Minister Koch werde am besten wissen, wie einig die Partei in der Frage der Schutzzölle gewesen und noch sei. Der Dries schließt damit, daß eine solche Politik der Mitte viel richtiger als eine Politik der Halb­heiten zu bezeichnen fei.

Regierungspräsident Dr. Hagemei st er in Mrnden ist aus der Deutschen Demokratischen Partei ausgetreten und hat sich der Deut­schen Dolkspartei angeschlofsen.

Deutschlands Finanzlage.

(Sune Rede des Reichsfilkanzmiuisters.

Hamburg, 28. Ott. (TU.) Reichsfinanz» Minister Dr. Luther betonte in einem Vortrag vor dem Ueberfetttub, daß das Londoner Ab­kommen, fo sehr es einen Fortschritt gegenüber ter Willkürlichkeit beä Versailler Vertrags bedeute, immer noch eine unendlich schwere Last für daS deutsche Voll t>arfte[le. In Versailles habe man fest gestellt, was Deutschland zahlen soll, in London auf der Grundlage des Dawes-Planes habe man feftfl eilen wollen, was Deutschland zahlen kann. Eine Reihe Fragen feien allerdings überhaupt nicht behandell worden, z. D. nicht die Frage der Endsumme und der Wiedergut- schriften auf Reparalionskvnto. Einos möchte ich mit voller Bestimmtheit betonen, daß Deutsch­land sich auf feinen Fall zu der verlangten Leistungsfähigteit entwickeln tonn, wenn es nicht in den freien Weltverkehr wieder mit eingespannt wird. Eine gelähmte deutsche Kraft kann die verlangten Leistungen keineswegs vollbringen.

Der Mimst er kam bann auf die gegenwärtige inner w irtschaft liche Lage zu sprechen. Zunächst ist sich die Regierung darüber klar geworden, daß wir Auslandkredite brauchen. Die Vor­stellung jedoch, daß uns die 8Ov-Million?n-An- leihe diese Kredite bringen soll, ist eben ft ver­breitet wie falsch. Trotzdem darf man bV vall- tische Bedeutung biefer Anleihe keineslvegs ver­kennen, die mit ihrer großen Ueberzeichnung ein offenkundiger Beweis dafür ist, daß d«c S im- mung gegen Deutschland sich wesentlich gebc'izd hat. Selbst verständlich kann jetzt be Reichs bank nicht Kredite in der gleichen Höbe der Anle-H- gewähren. Wir folften kerne Kvr^tte aus Dem Ausland aufnehmen, die ntche unmittelbar ftroäuttioiwi *Jn untere