Ausgabe 
25.7.1924
 
Einzelbild herunterladen

Deutscher Relchsrag.

Berlin. 24. Juli.

Bei Eröffnung der Sitzung verlangt der Abg. Katz die sofortige Beratung eines f o m nt u 3 nistischen Antrages auf Aufhebung des Der- bots derNiedersächsischen Arbeiterzeitung" in Hannover. Er erklärt dazu, Oberpräsident Noske habe gestern nach seiner Rückkehr von der Re- vierareise unter Nichtachtung von Recht und Ge­setz die Geschäftsräume dieser kommunistischen Zei­tung geschlossen und die Zeitung verboten. Ein Verbrecher tote Noske, der sich in Hannover in allen Spelunken herumtreibe, dürfe unmöglich länger Oberpräsident bleiben.

Präsident Wallrafs ruft den 2lbg. Katz wegen der Ausdrücke Verbrecher zur Ordnung und fragt, ob der Beratung des kommunistischen Antrages widersprochen werde.

Abg. Müller- Franken (Svz.) erhebt Widerspruch und verhindert damit die Beratung des Antrages. Die Kommunisten antworten mit stürmischen Pfuirufen und umdrängen die in ihrer Nachbarschaft sitzenden Sozialdemokraten, so daß es den Anschein hat, als sollte es zu tätlichen Auseinandersetzungen kommen.

Der Lärm dauert minutenlang an.

Präsident Wallrafs ersucht die Kommu­nisten wiederholt, ihre Plätze einzunehmen und droht ihnen Dtc schärfsten Geschäftsordnungsmil- tel an. Schließlich tritt Ruhe ein und der Reichs­tag geht zur Fortsetzung der sozialpoliti­schen Aussprache über.

In der Einzelberatung zur

Invaliden- und Anfalldersicherung wendet sich Abg. Hartz (Dntl.) gegen die An­träge der Sozialdemokraten und Kommunisten. Er stimmt den Ausschuhanträgen zu.

Abg. Karsten (Soz.) tritt für die jovial* demokratischen Anträge ein, der die Renten über die Ausschuhbeschlüsse hinaus erhöhen und zur Deckung eine Aussichtsratssteuer und eine Er­höhung der Vermögenssteuer einführen wollen.

Ab. Esser (Ztr.) tritt für die Ausschuh­anträge ein. Der sozialdemokratische Antrag auf Erhöhung der Tantieme st euer wird dem Steuerausschuh überwiesen. Nach Ableh­nung der übrigen Anträge werden die Ausschuh­anträge zur Invaliden- und Llnfallversicherung in zweiter Lesung angenommen. Die sofortige Vor­nahme per dritten Beratung wird durch Einspruch der Kommunisten, verei­tel t. Gegen die Kommunisten kommt darauf aus der Mitte der Ruf: Arbeiterfeindei

In der Einzelberatung der

Kriegsbeschädigtenfragen

weift Ab. Budjuhn (Dn.) die Behauptung zu­rück, dah die unzureichende Versorgung der Kriegsbeschädigten durch die Sabotage der Kapi­talisten verschuldet sei. Die deutsche Wirtschaft habe die Grenzen ihrer steuerlichen Leiftungsfähtg- keit bereits überschritten. In Ruhland werde für die Kriegsopfer weit weniger gesorgt.

Abg. R0 h m an n (Soz.) bedauert die durch­aus ungenügende Versorgung der Kriegsbeschä­digten.

Ohne Debatte werden nunmehr

die Ausschußantrage in dritter Beratung end­gültig angenommen.

Die Einzelberatung der Kriegsbeschädigtenfragen wird dann fortgesetzt.

Die Abgg. Dr. Dockius (Z.) und Thiel (D.Vpt.) weisen die kommunistischen Angriffe gegen die Bürgerlichen zurück und betonen, dah der Ausschuh der Finanznot des Reiches Rech,- nung tragen muhte, so dah die verantwortungs- bewuhten Parteien jetzt die Forderungen zurück- stillen nrüssen, die sie sonst gern im Interesse der Kriegsbeschädigten durchgeseht hätten. Mit weiter­gehenden Anttägen, die nur der Agitation dienen, s« den Kriegsbeschädigten nicht gedient.

Abg. Ahlemann (N.-S.) führt aus, für die Kriegsbeschädigten sei bis jetzt überhaupt nichts positives getan worden. Die Lage der Kriegshinterbliebenen sei geradezu jammervoll. Die Ausschuhbeschlüsse bezeichnet der Redner als ein klägliches Almosen. Zu Lärmszenen kommt es, als er Ludendorfs rühmt und die Sozialdemo­kraten und Kommunisten durch Zurufe und Lachen sich dagegen wenden.

Abg. Dr. Heuh (Dem.) betont, die Frage der Kriegsbeschädigtenfürsorge könne nur nach einer genauen Darstellung der Gesamtlage gelöst werden. Der Redner tritt sür die Ausschuhanträge ein, ebenso Abg. Löbl (Bahr. Dp.).

Abg. Kunze (Deutschsoz.) wirft den Sozial­demokraten vor, sie hätten es nie ernst gemeint mit der Erfassung der Kriegs- und Inflations- gewinne. Die Erfassung dieser Gewinne dürfte die nötigen Mittel zur Hilfe für die Kriegsbe­schädigten bringen.

Damit schließt die Einzelberatung. Die Ab­stimmung wird auf Freitag vertagt.

Die Verhandlungen gehen weiter und zwar beim Abschnitt

Erwerbslosenfürsorge.

Avg. Dr. *J2C 11 mnt (Dnn.) verlangt eine strenge Llnterscheidung zwischen Arbeitslosen und Arbeitsscheuen.

Abg. Esser .(Z.) beantragt hierauf Mr- tagung der weiteren Debatte aus Freitag. Von den kommunistischen und deutschnationalen Red­nern wird lebhaft dagegen protestiert, da durch diese Lleberrumpelung die ursprüngliche Zisage der Erledigung der sozialpolitischen Debatte am Donnerstag gebrochen werden solle. Während der erregten Debatte, die sich im schwach besetzten Saale abspielt, wird aus den Reihen des. Zen­trums der Abbruch der Sitzung durch Anzweislung der Beschlußfähigkeit erreicht.

0 Deutschland hoch in Ehren!"

6 Monate Gefängnis sür bas Spielen des

Liedes.

In unserem Leitartikel vom Samstag knüpf­ten wir an die Mitteilung des Derbots von Orchesterkonzerten in Essen durch den Besahungs- general die Vemerkung, dah dasVerbrechen des Kapellmeisters vielleicht im Spielen des Lie­desO Deutschland hoch in Ehren" bestanden Hube. Nun wird aus Essen gemeldet, dah tat­sächlich der Kapellmeister Müller des dortigen Philharmonischen Orchesters vom französischen Kriegsgericht zu sechs Monaten Gefäng­nis verurteilt worden ist, weil er als Einlagen in einem Konzert im Stadtgarten die LiederO Deutschland hoch in Ehren", dasFlaggenlied" und dasLippe Detmold-Lied" spielen lieh. An diesen Vorttägen nahmen die im städtischen Saal­bau das Konzert fand im Garten statt anwesenden französischen Offiziere Anstoß.

Gewiß ein eindeutiger Beweis für den fran­zösischen Verständigungswillen!

Pfarrer Haupt zu 5 Jahren Gefängnis verurteilt.

Mainz, 24. Juli. (Wolff.) Der evangelische Pfarrer Haupt aus dem Vorort Weisenau hatte bei einer Haussuchung, die in seinem Hause von französischen Polizisten nt>r= genommen wurde, gegen die Beamten angeblich beleidigende Aeuherungen gebraucht: er wurde dieserhalb jetzt in Abwesenheit zu 5 Jahren Gefängnis und 1000 Mk. Geld­strafe verurteilt. .

Hoch- und Landesverrat.

Wieder ein Kommunistenprozetz.

L e i p z i g, 24. Juli. (Wolff.) Der S t a a t s - gerichtshof zum Schuhe der Re publik verhandelte gegen den Buchhandlungsangestellten Stadtverordneten Karl Baumgärtel aus Debihsch wegen Aufforderung zur gewaltsamen Aenderung der Verfassung. Der Vertreter der Reichsanwaltschast beantragte eine Gefängnis- sttafe von einem Jahr sechs Monaten und 50 Gold­mark Geldstrafe. Das Gericht ging über den Antrag hinaus und verurteilte den Ange- kkigten wegen Vorbereitung zum Hoch­verrat zu zwei Jahren sechs Mona­ten Gefängnis und 300 Mark Geldstrafe. Zwei Monate Strafe gelten als durch die -Unter» suchungshaft verbüßt. Der Angeklagte nahm das Urteil mit dem Ausruf:Es lebe die Kommunistt- sche Partei, es lebe die WeltrevolutionI" entgegen. Im Zuschauerraum wurden Kundgebungen laut, so daß der Vorsitzende zwei Leute wegen Unge­bühr vor Gericht in eine sofortige Haftstrafe von drei Tagen nahm.

Zuchthaus für einen Separatisten.

Der 19jährige Arbeiter August Edel aas Münster, der Mitglied der separa­tistischen Banden in der Pfalz war, wurde vom Reichsgericht wegen Beihilfe zum Hochverrat zu vier Jahren Zucht­haus, 500 Mk. Geldstrafe und fünf Jahren Ehrverlust verurteilt.

Landesverräter.

Don dem 1. Strafsenat des Kammergerichts wurden der Matrose R ö l w e r und der An­gestellte Burgdorff, die an Frankreich geheime Dien st büche r über das deutsche Luft fahr wesen verkauft hatten, wegen Landesverrats zu je 10 Jahren Zucht- haus und 10 Jahren Ehrverlust verurteilt.

Die Arbeitszeit in Deutschland.

Berlin, 24. Juli. (WTD.) Um festzu­stellen, in welchem Umfang von den Möglich­keiten der Ueberschreitung der achtstündigen Arbeitszeit, welche die Arbeitszeitverordnung vom 21. 12. 1923 gibt, Gebrauch gemacht wird, hat der Allgemeine Deutsche Ge­werkschaftsbund eine Erhebung über die tatsächliche Dauer der Arbeitszeit ein­schließlich der geleisteten Ueberstunden ange­stellt. Bon der Erhebung wurden 46 122 Be­

triebe mit 2 453 523 beschäftigten Personen er­faßt. Es ergab sich, daß in der Woche vom 12. bis 17. Mai für etwa zwei Drittel der Betriebe undfast die Hälftederb e- schäftigten Personen der Achtstun­dentag bestand. Nur ein Drittel der De- ttiebe mit etwas über der Hälfte der beschäf­tigten Personen hat von der insbesondere in den neueren Tarifverträgen gegebenen Mög­lichkeit, die 48-Stundenwoche durch Ueberstun­den zu verlängern, Gebrauch gemacht. Das beweist, dah die Behauptung, in Deutschlandbesteheüberhauptkein Achtstundentag mehr, nicht aufrecht erhallen werden kann.

Die Wohnungsfrage der Ausgerviesenen.

Nach einer Drahtmeldung aus Berlin hat die Reichsregierung beschlossen, beim Reichs­präsidenten den Erlaß einer Notver­ordnung nachzusuchen, die.in erster Linie die Bestimmung enthalten soll, dah die wider­rechtlich besetzten Wohnungen der aus dem besetzten Gebiet Ausgewie­senen sofort zugunsten der Heimkeh­rer geräumt werden müssen. Für die von der Reichsvermögensverwaltung im besetzten Gebiet erbauten, aber noch nicht vollendeten Woh­nungen ist ein Kredit beim Reichsfinanzminister angefordert worden. Ferner soll die Mög­lichkeit bestehen, aus Nordfrankreich Holz­häuser, die das Deutsche Reich seinerzeit der französischen Regierung hat liefern müssen, die aber von dieser nicht aufgestellt worden sind, zu­rückzukaufen. Schließlich stnd von den in Frage kommenden Ministerien Schritte bei der Reichsvermögensverwaltung eingeleitet worden, um den Heimkehrenden Ersatzmöbel zu ver­schaffen.

Der Personalabbau.

3m HauShaltsaussch des Reichstags sprach Finanzminister Luther sich ge­gen den sozialdemokratischen Vorschlag auf einstweilige Aussetzung der weiteren Durch­führung des Personalabbaus aus. Der Ausschuß beschloß hierauf, alle vorliegenden Anträge über Einschränkung bzw. Aufhebung der Personalabbauverordnung an den Un­terausschuß zu überweisen, der seine Ar­beiten auch während einer etwaigen Verta­gung des Reichstags nicht unterbrechen wird.

Ein Verfahren gegen Landgerichtsdirekter Vogt.

Die kommunistischen Frattionen des Reichstags und des Landtags hatten wegen der Haussuchung in den kommunistischen Frak­tionszimmern gegen den Untersuchungs­richter des Staatsgerichtshvfs Land­gerichtsdirektor Vogt und gegen den Kri­minalkommissar Keller vom Berliner Polizeipräsidium Strafanzeige wegen Amts- vergehen erstattet, da die beiden Beamten die Immunität der kommunistischen Abgeord '.eten ver­letzt hätten. Nunmehr ist, einer Korrespondenz zuflgev, dasErmittelungsverfahren ge­gen die beiden Beamten eingeleitet worden.

Ein Notruf der deutschen Weinbauern.

Die Abgeordneten Dr. Decker (Hessen) und Hepp der Deutschen Dolkspartei haben mit Unterstützung von Abgeordneten der an­deren bürgerlichen Parteien aus dem Weinbaugebiet folgende Interpellation im Reichs tag eingebracht:

Die feit langem schwebenden Handelsvertrags- Derhandlungen mit Spanien scheinen ihrem Ab­schluß nahe zu sein. Gerüchtweise verlautet, dah es dabei den spanischen Unterhändlern gelungen sei, die deutschen Vertreter zu .weitgehendem Nachgeben auf dem Gebiete der Weinzölle zu bewegen. Eine Herabsetzung des Zolles für spa­nischen Wein, die weitgehende Zollermäßigung für andere Weine ohne weiteres zur Folge haben würde, mühte indes zu einer schweren Schädi­gung des gesamten deutschen Weinbaues, vor allem zum Ruin des deutschen Rotweinbaues führen und ist deshalb auf das schärfste zu be­kämpfen. Beruht das vorstehende Gerücht auf Wahrheit? Will die Reichsregierung ihre Ver­treter bei den spanischen Handelsvertrags-Ver­handlungen sofort anweisen, im Interesse der Erhaltung des deutschen Weinbaues keinerlei Nachgeben auf dem Gebiete der Weinzölle zu machen? ___________

Ist das Ministerium für Arbeit und Wirtschaft unentbehrlich?

Man schreibt uns aus parlamentarischen Kreisen:

Bekanntlich hatte die Deutsche Dolkspartei im Hessischen Landtage eine Reihe praktischer Ersparnismahnahmen beantragt. Im Rahmen dieser Anträge lag auch der Abbau des Hess. Ministeriums für Arbeit uno Wirtschaft, dessen Aufgabenkreis an­deren Verwaltungsbehörden zugewiesen werden sollte. Diese Zrsparnispvlitik der D. V. P. er­regte innerhalb der Sozialdemok r a t i e eine hochgradige Erregung. In den oft stürmisch beweg­ten Debatten des Landtags scharten sich die Ver­treter der sozialdemokratischen Fraktion immer wieder um das bedrohte und von einem ihrer Genossen besetzte Ministerium. Nicht zu­letzt trat auch der Staatspräsident in eige­ner Person in diesem Abwehrkampf auf und ver­suchte in längeren Ausführungen die Unentbehr­lichkeit gerade dieses Ministeriums darzutun. Der Antrag der D. V. P. wurde als unsozialer An­schlag bezeichnet und dergleichen mehr.

Aus Karlsruhe kommt nun die Meldung, dah die Badische Regierung von sich aus beim Landtage die Aufhebung des Badi­schen Arbeitsmini st erium bean­tragt hat, wobei wohl zu bemerken ist, dah auch die Sozialdemokraten in der Karlsruher Regierung vertreten sind. Wie wir hören, hat auch bereits der Oandtagsausschuß diesem An­träge der Regierung mit großer Mehrheit zugestimmt, wonach das von dem Sozial­demokraten Engler besetzte Arbeitsministerium abgebaut werden soll.

Wir sind außerordentlich gespannt, was die hessischen Sozialdemokraten zu diesem Vor­gehen ihrer badischen Genossen sagen werden Eine trefflichere Widerlegung all der im Hessi­schen Landtage für das Fortbestehen des Ministe­riums für Arbeit und Wirtschaft vorgebrachten Argumente läßt sich nicht denken, als wie es durch das Vorgehen der Karlsruher Regierung ge­schehen ist.

Aus Stadt und Land.

Gießen, den 25. Juli 1924.

Gedenkfeier

für die Opfer des Weltkrieges.

Das Ministerium des Innern veröffent­licht folgende Bekanntmachung an die KreiS- ämter des unbesetzten Gebiets:

Wie in der Presse bereits mitgeteilt wurde, hat die ReichSregiernng beschlossen, am Sonntag, den 3. August 1924, aus Anlaß der zehnjährigen Wiederkehr des Kriegsbeginns eine Gedenkfeier für die Opfer des Weltkrieges zu veranstalten. Zweck und Gedanke dieser Feier ist, an dem für die Ge­schichte Deutschlands so bedeutungsvollen Tage der Ehrfurcht vor den Gefallenen und dem Dank für die Opfer, die das ganze deut­sche Volk im Krieg gebracht hat, in würdiger Weise Ausdruck zu geben. Mit Polittk hat die Feier nichts zu tun. Die Reichsregierung hofft, daß die gesamte Bevölkerung, die in allen ihren Teilen durch Opfer im Weltkrieg ge­troffen ist, ohne Rücksicht auf politische und wirtschaftliche Gegensätze Anteil an der Feier nehmen wird.

Entsprechend den von dem Reich für die Gedenkfeier gegebenen Richtlinien wird im Einvernehmen mit dem Hessischen Ge­samtministerium folgendes angeordnet:

1. Die öffentlichen Gebäude flaggen am 3. August 1924 bis 12 Ahr, 2 Minuten mit­tags auf Halbmast, alsdann Hochziehen der Flaggen.

2. Bezüglich der Privatgebäude ist auf­zufordern, in gleicher Weise zu verfahren.

3. In der Zeit von 12 Ahr bis 12 Ahr zwei Minuten mittags soll ein allgemeines, der Trauer um die Kriegsopfer gewidmetes Schweigen von 2 Minuten mit allgemeiner Verkehrsstille durchgeführt werden.

4. Wegen Abhaltung von TrauergvtteS- diensten und Trauergeläute, letzteres in der Zeit von V2I2 Ahr bis 12 Ahr, werden die

Oer Alte auf Topper.

Roman von Hanns von Zobeltih.

25. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)

Darüber war der Abend herangekommen, und für das 2lachtlager ging der erste Dukaten halb in die Brüche. Nachdem aber der alte Marzanke am nächsten Morgen, nach großem Abschied vom Sohn, heimwärts expediert war, machten sich die beiden, der Junker und Gottlieb, per pedes apo- stvlorum auf den Weg über Fürstenwalde nach Berlin. Denn ein Mietswäglein spendieren, da sei Gott davor. Allzu scharf hatte der Gestrenge vom Sparen, Sparen, Sparen gesprochen, und das hielt noch vor. Auch war es ja ganz lustig zu marschieren in der kühlen Herbstluft. Das Felleisen mit der nächsten Gelegenheit nachguspe- dieren, hatte sich der WirtZum Ochjen" hoch und Heilig verschworen.

Es ging freilich langsam, aber auch Schnecken kommen zum Ziel: zumal sich dann und wann eine Okkasion fand, ein S-tück Wegs von einem gefälligen Metzger mitgenommen zu werden. Die Metzgermeister mußten viel unterwegs sein da­mals, wenn sie überhaupt noch ein Stück Schlacht­vieh auftreiben wollten.

Da war also endlich Berlin, und da war wieder die Torwache, und wieder ein großes Examen, erst vor dem Korporal und dann vor d^m wachthabenden Offizier und endlich vor dem Herrn Kommandanten, dem Herrn General von Detzvto, der schon bedeutend strammer aus ah denn ffj»r Frankfurter. Er meckerte nicht, aber er fauchte. Was soll's? Was will Er? Wohin will Er? QM)' Er das Maul aujl

Tas tat der Junker, und da kam es heraus, dah der- Herr General auch nichts Bestimmtes wußte- Seine Majestät hätten sich nach Schlesien gewendet. Aber die neuste Nachricht besage, dah er aus Sachsen marschiere, gegen den Daun. Oder vielleicht gen Torgau, um mit den Reichsvölkern abzurechnen, die sich da mausig machten. Oder vielleicht nach Magdeburg.Hier kann ich Ihn nicht brauchen!" Worauf es wieder ein Signum gab, aber wenigstens eine Anweisung auf Nacht­quartier im Ordonnanzhause and au, eine Blech­mühe für Gottlieb, dessen vorschriftswidriger Hut das höchste Mihsallen des Generals erregt hatte. In was für einem Etat heutzutage die Soldaten Seiner Majestät Herumlaufen! P.ui Spinne! '<"u.h- teln sollt' der Kerl haben, dah er auf seine Mütze nicht besser Obacht gegeben!"

Am liebsten wäre der Junker gleich weiter­marschiert, aber das Felleisen lieh auf sich warten, kam erst nach zwei Tagen. So hatte er mehr Zeit, als ihm gutdünkte, in der grohen Stadt herumzulaufen, das mächtige Königliche Schloß zu bestaunen und das riesige Zeughaus und das erzene Standbild des Grohen Kurfürsten, von dem ihm der Großvater soviel erzählt. Hat auch Augen und Mund und Nase aufgesperrt Über die breiten Straßen, die hohen Häuser, die vielen Menschen, die Karossen und Portechaisen, die Schauläden und Garküchen: sah auch den ersten Mohren, der in bunter Lakaienlivree Maulaffen feilhielt. Fand das alles sehr kurios und kam sich doch arg bedrückt vor, als ob er nicht genug Luft zum Atmen hätte. So dah er froh war, als sie die Deine wieder in die Hand nehmen konnten, um nach Magdeburg zu pilgern.

Das ging nun schon besser, als von Frank­furt nach Berlin. Er lief sich die Fühe nicht mehr wund und hatte auch gute Erkundigungen über die Strahen eingezogen und die Nachtquar­tiere. Da fand sich denn, dah er öfters bei Ver­wandten und Vettern Anterschlupf suchen konnte, bei den Bredows und Darnewitzens und Rachows, und gut ausgenommen wurde, auch dorten, wo man von ihm nicht mehr wußte als den alten Namen. Merkte auch, die saßen hier noch im Fett, hatten von den Lasten des Krieges nicht viel gespürt, noch keine Oesterreicher gesehen und kei­nen Reußen. Aeberall scharrten noch die Gäule vor den Krippen, das Rindvieh stand in den Ställen, die Scheuern waren voll, und von den Bataillen erzählten sie wie von fernen Dingen. Höchstens dah sie klagten, der König hätte ihnen zuviel junge kräftige Barschen von der Arbeit fortgenommen, oder dah der oder jener um einen Bruder oder Detter trauerte, der bei Leuthen oder Kunersdorf gefallen. Aber auch das mit Mähen, denn es stand immer das Wort dahinter: für Fridericus Rex sterben, ist ein guter Tod.

Die letzte Wegstrecke hatte ihn ein Alvens- leben fahren lassen, in einem schönen Kutschwagen, mit gutgefülltem Frehkober hinten drauf. So kam er höchst stattlich vor Magdeburg an. und da gab es wieder eitel Staunen über den breiten Glbstrom, über die großen Wälle und die hohen Festungs­mauern. älnd es gab wieder das dringliche Exa­men, doppelt und dreifach, an den Torwachen und vor dem Herrn Kommandanten. Seine Exzellenz waren aber sehr kurz angebunden, hätten mehr za tun, als sich um den Junker von Zabeltitz zu kümmern, hätten auch keinerlei Meldung, wo Seine Majestät sich zur Zeit befänden. Der Bursche da.

der lange Laban, der solle jedenfalls hier bleiben: den werde er einstellen. Damit basta!

Freilich, wenn man durch die Straßen ging, konnte man merken, dah Seine Exzellenz alle Hände voll zu tun hatte. Da strotzte es von Sol­daten, exerzierenden und herumstrolchenden, und dazu von Gefangenen, Oesterreichern und Fran­zosen, und dazwischen von hochbeladenen Wagen­kolonnen und schweren Kanonen. Aeberall Kom­mandos und Fluchen und Lärm, fast als ob der Feind schon vor den Toren stünde. War auch nicht weit, hieh es, vor Torgau oder Wittenberg, auch an der Elbe.

Ja und was nun? 9

Ta dachte der Junker, zum ersten Male eigent­lich herzinnig, an den Grohvater und die Frau Mutter und kam sich jämmerlich elend und ver­lassen vor. Dis ihm ein Wort des Topperschen Magisters in die Seele träufelt: Wo die Not am größten, ist Gott am nächsten.

Wieso ihm Hilfe in der Not kam, das war fteilich höchst verwunderlich.

Es hatte arg zu schneien angefangen, der erste Schnee Heuer, und hart kalt war es geworden. Grad hat ein bärbeihiger Korporal den Gottlieb aus der Herberge geholt.Komm nur mit, Bursche.' Ta hilft kein Maulspitzen, es muh gepfiffen wer­den. Hast wohl lang genug auf der faulen Bäi-en- haut gelegen, kannst mal wieder die Fuchtel ken­nenlernen." Der Junker hat dem Gottlieb, der gar nicht aussieht wie ein vergnügter Soldat, sondern wie ein recht betrübter Lohgerber, noch ein wenig Geld zugesteckt und bis vor die Tür gebracht: steht nun da und schaut in den rieseln­den Schnee und auf die weihe Gasstz

(Fortsetzung folgt, ä