Die Vantiger.
Roman von Hermann Stegemann.
36 Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
.Mach' mit, Dantiger! Wir gründen eine oder mehrere Gesellschaften, schöpfen Geld aus allen Taschen, indem wir alle, die am Gedeihen mit Leib und Leben interessiert sind, zu Aktionären machen, und dein Schiff schwimmt I"
Der Dantiger schüttelte den Kopf.
„So sag', was du dagegen hast. Sag', was du verlangst! Auf eine Handvoll kommt es nicht an. Wir haben die Finanz hinter uns. Meld' deine Forderung an. Aber heute noch, jetzt, denn es ist schlecht warten zwischen Tür und Angel."
Ens zitterte am ganzen Leib. Dicht mehr vor Angst um den Dater, sondern davor, das) Gebhard den Zustand des Vaters erraten könn!e.
Gottfried Dantiger rührte sich nicht. Gr h'elt den Kopf gesenkt. Man sah nur die hohe, stein- gemeißelte Stirn und die bebuschten Augenbrauen. Es war so still, dah die Mücke, die um die Tischlampe flog, das ganze Zimmer mit Sausen füllte.
Doll wog die Worte auf der Zunge, ehe er sagte:
„So biet' ich dir 33Vs Pvoz. vom Kapital. SS ist unser letztes Gebot."
Langsam hob Dantiger das schwere Haupt.
„Dein."
Wieder Her starre unpersönliche, tief in der Brust gebildete Laut.
Da lief Gebhard Rolls Gesicht dunkel an.
„So geh' zu Grab' mit deinem Stolz!" schrie er wild und stand auf.
Krachend fiel Bantigers Faust. Gr sah hoch aufgerichtet. Die linke Faust lag geballt auf dem Tisch, der rechte Arm hing. zwischen Stuhl und Wand im Schatten.
Einen Augenblick schien eS, als wollte Roll auf ihn zugehen, da warf Ens sich dazwischen und reichte ihm den Hut.
Er riß ihn an sich.
„Verdammt kurz angebunden seid ihr," lachte er höhnisch, „aber in fünf Tagen kann viel geschahen. Du hast dein Werk noch nicht vollendet, Gottfried Dantiger."
Er verlieh das Haus. Ens gab ihm das Geleite.
Als sie zum Dater zurückkehrte, blickte er sie voll an. Ein wildeS, vom halbgekähmien Munde seltsam verzerrtes, schattenhaftes Lachen grollte in seiner Drust.
Es war sein letztes Zeichen. 3n der Rächt darauf traf ihn der zweite Schlag. Diesmal ging s zu Ende. Gr suchte noch einmal die Hand seiner Tochter, griff sich daran fest und lag dann ohne Desinnung.
Ta sank Ens an dem Besinnungslosen nieder und schluchzte, weinte eine ganze Rächt.
„Run können wir's nicht mehr auf uns nehmen," sagte Giovanni am zweiten Tag, und der Arzt erklärte, dah man den Zustand des Dau» Meisters uirmöglich verschweigen könrre.
„Aber er lebt ja und er atmet wieder leichter. Es ist ja nicht anders als das erste Mal," entgegnete Ens.
Ter Arzt blickte sie an, alS wollte er sagen, das glaube sie selbst nicht.
Da bettelte sie, bis beide ihr versprachen, die Schwere des Falles zu verheimlichen, und so erfuhr die Welt nur, dah der Daumeister einen leichten Schlaganfall erlitten habe. Die Welt schloß daraus, dah er noch die volle Gewalt besitze.
Lind das Llnerwartete geschah — es entstand nur Llnruhe, aber keine Panik. Sie sorgten sich um sein Leben, um seine Genesung und erkannten seine Gröhe, aber Ens fühlte, dah sie sich nur sorgten, weil sie seinen Tod fürchteten. Mitgefühl empfanden sie nicht. Er war ein Einsamer gewesen und trotz seiner Leutseligkeit ein Einsamer I geblieben.
Gebhard schrieb Ens einen Brief. Seine Teilnahme war nichts als Angst um die eigenen Pläne.
Ens legte den Drief beiseite und sorgte für den Dater.
ete sah an seinem Bett und wartete auf dre Wiederkehr der Desinnung. Sie wartete umsonst.
Am vierten Tage, einen Tag vor der Eröffnung der Dahn, verfielen seine Züge. Der schwere Atem sank rasselnd in die Drust. Der Daumeister begann der Welt den Rücken zu kehren.
Ens erkannte, dah er nicht mehr erwachen werde. Lind auf einmal stand sie auf, ging steif, wie nachtwandelnd in$ Vorzimmer und befahl, dah man sie nicht störe, lieh dem Arzt sagen, der Zustand sei unverändert und schloß dann alle Türen.
Als der Arzt am anderen Morgen kam, lieh ie ihn durch Anneliese bitten, den Kranken erst gegen Abend zu besuchen. Gr ruhe und es sei a nichts zu tun.
Es war der Tag der Eröffnung der Wolfen- bergbahn, der Tag der Krönung seines Werkes. Las Telephon spielte, telegraphische Glückwünsche schellten durchs Haus, und Ens hielt eine Erklärung des Danklonsortiums in der Hand, die dem Daumeister und seiner Tochter zu wissen tat, dah die Banken beschlossen hätten, für alle Verbindlichkeiten der .Dantiger zu haften. Bestand und Betrieb der groben Fabriken und der Steinbrüche im Runstale und an der Schussach waren gesichert.
Ta sehnte sich Ens nach Giovanni, um ihm die erlösende Antwort mitzuteilen und die Last auf seine Schultern zu wälzen. Ein Gefühl der Schwäche überkam sie, eine Abscheu vor Geschäften wuchs in ihr auf. Eie sehnte sich nach Hingebung und Liebe, aber sie überwand sich, raffte noch einmal alle Kraft zusammen, telegraphierte dem Konsortium, dah die Banliger den Vertrag annähmen und trug die Erklärung der Danken auf das Bett, in dem Gottfried Dantiger lag.
Lind einen Schauer niederkämpfend, sprach sie leise, mit erstickter Stimme:
„Du hast gesiegt!"
Sie verlieh ihn nicht mehr. Als von der Aunser Fluh die Böller krachten, um den grohen Tag zu feiern, und ganz Runs auf den Straßen
oder in den Fenstern lag, rührte sich im Hause der Dantiger niemand.
Agnes Dantiger saß im Zimmer des Vater- und sperrte allen den Zutritt. Der Hund war bis zur Tür vorgedrungen, doch noch ehe sie ihn scheuchen Konnte, wich er mit gesträubtem Rackenhaar zurück und irrte seither unruhig durchs Haus.
Am Rachmittag kam Giovanni Pometta. Er war mit dem ersten Zug, der den Wolfenberg durch fahren hatte, in Runs eingetroffen. Cs dunkelte schon, die Zimmer des Baumeisters lagen finster, nur in der Schlafstube stand ein stilles Licht.
Als Giovanni nach Cns fragte, sagte man ihm, daß Ens den Vater seit dem Besuche Rolls noch keine Stunde verlassen habe.
Er ging zur Tür, klopfte an, trat in das Schlafgemach, fand sie am Bett des Baumeisters stehen und erschrak ob der Stille und Kälte des Zimmers, der statuenhaften Blässe seiner Braut
„Ens!" rief er leise.
Sie richtete sich auf, strich das Haar aus i>er Stirn und sagte mit feierlicher Stimme:
„Hetzt dürfen fie's wissen, in dieser Stunde sei's geschehen, so sagen wir ihnen."
„Ens!" rief er noch einmal und fühlte, wie ihm die Stimme versagte.
Sie trat beiseite.
Steinern,. wie ein Stück des Berges, unter dem sein Haus lag, ruhte Gottfried Dantiger in dem erkalteten Dett.
„Ens, ist er —7"
Sie steht hoch aufgerichtet und antwortet, während ihre Gestalt zu wanken beginnt:
«Er ist gestern gestorben!" *
Er springt zu, fängt die Stürzende auf und hält die Ohnmächtige voll Ehrfurcht umfangen. Erschöpft liegt sie an seiner Brust, ein kindlicher, hingebender Ausdruck, den er nicht an ihr kennt, tritt in ihr Gesicht und tilgt Kamps und Schmerz.
Draußen rauscht Festmusik. Fackelglanz füllt die Fenster.
Ende. .
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