Ausgabe 
24.10.1924
 
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hessischen Volksvertretung an. Während dieser ganzen Zeit war Dr. Osann Mitglied des Finanz­ausschusses, von den Zähren 1910 bis 1918 sein Präsident. Meine Damen und Herren, in diesen nüchternen Daten kommt nur schwach die u n- geheuere Arbeitsleistung zum Ausdruck, die Dr. Osann in seinem Leben, das er dem Wohle des Volles gewidmet hatte, vollbracht hat. Sie, meine Damen und Herren, die Sie in engster Zu­sammenarbeit mit dem Dahingeschiedenen seine unermüdliche Arbeitskraft und Freudigkeit kann­ten, Sie können voll ermessen, daß sich seine par­lamentarische Lebensarbeit nur unvollkommen in Worte kleiden läßt. Wir alle fühlten es stets, es mit einem Manne zu tun zu haben, dec nicht nur mit seinem überragenden Verstand die Fra­gen zu lösen suchte, sondern der mit seinem gan­zen warmen Herzen bei der Sache war, der für die Sache stritt und für die Sache litt. Meine Damen und Herren, wir alle beugen uns in tiefer Trauer ob des Heimganges von Dr. Ar­thur Osann, weil er auch als vornehmer und liebenswürdiger Kollege über alle Parteigegen- sätzc hinaus einen Weg zum Menschenherzen ge­funden hatte. Sie, meine Damen und Herren, haben sich zum letzten Gedenken an den Dahin- geschicdeiren von Ihren Sitzen erhoben. Ich werde in Ihrer aller Namen den trauernden Angehörigen das tiefste Mitgefühl des Land- itages zum Ausdruck bringen. Mit der Geschichte unseres Hessenlandes aber wird der Name Dr. Arthur Osann unvergänglich verbunden sein.

Aach längerer Absprache wird ein Gesetz­entwurf über die Gebührenordnung der hessischen Aotare angenommen. Eben­falls entsteht eine längere Debatte über mehrere Anträge zur Kleinrentnerfürsorge und zur Erwerbslosenunterst ühung. Es wird schließlich ein Antrag Delp (Soz.) an­genommen, den Kleinrentnern usw. eine e i n - malige Wirtschaftsbeihilfe zu gewäh­ren. Ferner wird ein Antrag Dingeldey an­genommen, wonach die Fürsorgeverbände verpflichtet werden, zur Veschaffung von Winter­vorräten Geldmittel zu gewähren; die Hälfte davon soll den Verbänden vom Staate zurück­vergütet werden.

Aach weiterer Beratung wird der Landtag von dem Präsidenten mit einem Schlußwort ge­schlossen. Er dankt den Abgeordneten für ihre Tätigkeit, den Landtagsbeamten, der Presse und den Mitgliedern des Landtagspräsidiums. Der Präsident schließt mit einem dreimaligen Hoch auf das deutsche Vaterland und auf den Volks- staat Hessen.

Aachdem Abg. Brauer (Bbdü das älteste Mitglied des Hauses, sich von den Abgeordneten verabschiedet hatte, weil er nicht wieder kandidieren will, erklärte der Präsident die Sitzung für geschlossen.

Der Prozeß gegen die Organisation C.

L e i p z i g , 23. Oft (SU.) Am zweiten Ver­handlungstage macht Rechtsanwalt Luetgebrune den Vorsitzenden darauf aufme ck,am. daß bisher noch nicht die Anklage formell verleea worden sei. Prä,ident Riedner holt die Unterlassung rach. Einigen der Angeklagten ist zur Last geleg., vom Jahre 1921 bis Enve Mär', 1922 in München und in anderen Orten Deutschlands mit rem Angeklagten Hoffmann als Vorsteher an einer Deroindung teilgenommen zu haben, deren Ver­fassung, Zweck und Ziele vor der Staats re ie- rung geheimgehalten tour e.r Die es Ve - g$kn verfällt vem § 128 des S;vafge.etzbua es, der besagt, daß Teilnehmer an einer Verbiickning, deren Zweck und Ziele ter Slaa.sreg erung ge hrimg.halten werden, mit Strafen bis zu 6 M - näten und ihre Führer, S.iftrr und Varste er mit Strafen bis zu entern Jahr Gefängnis be.egt werden. Die Anklageschrift nimm, in de Pe s n des Gründers und Vorsthrs den Angel.ag en Hoffmann an. Die Frage sei n'ch zu klären, ob nicht auch die Ang.'klagten v. Killi ger, Mül­ler, Kaatter und vielleicht auch Henrich als S t i f- t e r der Vereinigung a zu'.hen sind. Der Pre­sident wendet sich dann an den Ang klaget Ho s- mann und fragt, ob er irgend ecwns mit d m Erzberger mord und d.m Fall Scheide mann zu tun täte. Der Ang.-klagte Hoffmann vernein!. Auch die Angeklag e.t Killi g;r unt> Kautter sowie Müller haben nichts darüber zu sagen.

Aach weiterer Erörterung über die Satzungen verlangt Iustizrat Hahn, daß endlich in aller Oeffenilichkeit der wirkliche Zweck der O. C. festgestellt wird, damit endlich die Behauptun­gen von einer innerpolitischen Mörderzentrale, die bereits wieder in der Presse auftauchen, zum Schweigen gebracht werden. Der Befehl der O. C., der die Aufstellung des Regiments Süd" fürden Abwehrkampf in Ober­schlesien regelt, wird dann verlesen. Dem Angeklagten Henkel ist vom Iungdeut- schen Orden gedroht worden, wenn ec weiter für Oberschlesien werbe, werde man ihn der Staatsanwaltschaft anzeigen. Daraufhin hat Hen­kel seinen Austritt aus dem Iungdeutschen Orden erklärt und diesem Verrat an der nationalen Sache vorgeworfen. Sein Brief an den Großmeister des Ordens wird verlesen, in dem er erklärt, daß in keiner Weise ein Rechtsputsch beab­sichtigt sei.

Die Vernehmung der' Angeklagten Fritsch ergibt, daß ec auch die Vorbehalte gemacht hat, sich zu nichts zu ve Pflichten, was gegen di? Re­gierung {ü .,72 Der Vorsitzende schließt ans dreiem Vorbehait, daß nach den Satzungen nah^liege, baß etwas gegen di? anti-nationale Regierung be- ül'fichtigi tone, wird aber von den Angeklagten berichtigt, daß hier von einer Bekämpfung der A rfafsung und zwar nur in Wort u i< d S ' i i f t. wie das ein Recht jedes Staats- bürgers , gesprochen werde und keineswegs von einem S. up, gegen die Regie-ung. Auch diese Ve^net-mung spinnt sich wieder darauf zu, daß es sich Lei cen Satzungen nur um einen (Snttourf han­delte.

Der Angeklagte Freiherr von Zedlitz war Vertrete i) r Organisation Consul in Schlesien. Er unterstand im , Kriege dem Kapitänleutnant Hoffmann. Er war in München zu einer Be­sprechung, die aber nur den Zweck verfolgte, die c- l t e n Mar^neangehörigen im kamerrrs.' Etlichen Sinne zusammenzu- schliei n. Von einer Werbung war nicht die Rede. Ach Satzungen waren nicht bekannt Die Ocganii'i ; i Oonsul war lediglich, soweit über­haupt --.... einer Organisation die Rede sein konnte. , - . O b e r s ch l e s i e n b e st i m m t. Poli­tische Ziel. lamm nicht in Betracht. Ehrhardt war nur geistiger Führer der Organisation.

Angeklagter Ehrentraut, Korvetten­kapitän a. D., war Angehöriger der zweiten Marinebrigade. Ec weist darauf hin, daß bei dem Verhalten der Regierung gegenüber den vater­ländischen Organisationen, die in den Auf rühr - kämpfen ihr Blut für ihre Stützung eingesetzt hätten, die herrschende Empörung nur zu ver­ständlich war. Vorsitzender: Können Sie der Re­gierung zum Vorwurf machen, daß sie eine offi­zielle Danksagung an die Kämpfer untertaffen) hat? Die Regierung ist doch verfassungsmäßig zustande gekommen. Angeklagter: Wir können aber verlangen, in Schutz genommen zu werden gegen Angriffe, wie sie gegen uns von Regierungsmitgliedern erhoben worden sind. Rechtsanwalt Sack erklärt darauf, daß nun endlich einmal fest gestellt werden müsse, daß die Re ich s- regierung die Oberschles i en kämpf er vollständeg im Stich gelassen habe, nachdem diese Kämpfer sich in den Zeiten der höchsten politischen Rot in Oberschlesien zur Abwehr eingesetzt und die wackeln­den Ministersessel sofort befestigt haben. Die Regierung habe es ruhig zugelassen, daß im Parlament gegen die Organisation Eonsul gewettert wurde, obwohl lange vorher die g tu nd- lofen Verdächtigungen durch den Oberreichsanwalt erledigt worben waren.

Kapitän Weber, der die Skagerakschlacht mitgemacht hat, war Angehöriger der zweiten Ma­rinebrigade in leitender Stellung. Anläßlich des Abschieds Ehrhardts berief der Angeklagte im Munsteclager eine Soldatenversamm­lung ein, um als Aächstältester die Verdienste Ehrhardts zu würdigen. Hinsichtlich der Oiganr- sation Consul erklärte der Angeklagte, daß ihm innerhalb der Organisation jede Politrk- macherei verhaßt war, daß ihn lediglich soldatische Ziele an die Organisation ban­den. Ihm sei an der Pei'son Ehrhardts dessen Führerpersönlichkeit maßgebend gewesen.

Der- Angeklagte Wehrmann, Oberleutnant zur See a. D., 'Beteiligter am Kapp-Putsch, ent­schloß sich, wie er sagt, sofort nach dem Fehlschlag des Putsches seinen Abschied zu nehmen. Für ihn sei die Organisation Consul lediglich eine Gehe«.morganisatvon mit militäri­schen Zielen ohne Spitze gegen die Regierung gewesen. Auf Befragen erklärt der Angeklagte weiter, daß in der Marinebrigads einhellig die feste Überzeugung bestanden habe, daß Ehrhardt niemals ein Hochver­räter fei oder werden formte und daß er niemals gegen irgendeinen Befehl ihm übergeordneter militärischer Stellen handeln oder etwas eigen­mächtig unternehmen würde.

Vorsitzender: Ich bin nun am Schlüsse dec Beweisaufnahme. Im Einvernehmen mit dem Oberceichsanwalt habe ich den damaligen Unter- suchungs richt er geladen, um negaiive Fest­stellungen zu treffen, die auch in der Anklage­schrift getroffen sind, daß weder ein Beweis dafür erbracht ist, daß die Organisation Consul hochverräterische Ziele verfolgt, noch dafür, daß sie als Mörderzentrale anzusehen sei. Der Präsident schlug darauf Vertagung auf Freitag vor. Es werden dann die Plädoyers beginnen.

Täuschungsmanöver.

Berlin, 23. Oft (Wolff.) Dor einigen Ta­gen gab die Verwendung einiger alter un» brauchbarer Geschütz rohre als Artille- rieziele auf dem Schießplatz in Königsbrück bei Dresden den Pariser Blättern Veranlassung zu der Falschmeldung, in der Dresdener Kaserne se'en zwanzig moderne schwere Ge­schütze gefunden worden. Reuerdings wird von derselben Presse die 'Tatsache, daß die Inter­alliierte Militärkommission bei dem Besuch des Borsigtoerks in Tegel in der Herstellung be­griffener Stahlflaschen festgestellt hat, als Anlaß benutzt, um die Aachcicht zu verbreiten, die Interalliierte Militärkommission habe in dem genannten Betriebe mehrere tausend Grana­ten gefunden, die von der deutschen Regierung entgegen den Bestimmungen d?s Versailler Ver­trags bestellt worden seien. Dies ist ein weiteres Beispiel dafür, wie gewisse Kreise, denen der glatte Verlaus der Generalinspektion uner­wünscht ist, sich bemühen, die Welt über den Stand der deutschen Ausrüstung irrezuführen.

Die Wiener Bankzusammen- brüche vor dem österreichischen Parlament.

Wien, 24. Oft. (TU.) 3m Wiener Parla­ment kam es gestern zu einer äußerst stürmischen Auseinandersetzung über die letzten Wiener Bank- zusammenbrüche. Dr. Eisner machte dem Justiz- Minister und dem Finanzminister schwere Vor­würfe. Der Fall C a st i g l i o n i sei eine Kata­strophe für die österreichische Justiz, denn woher könne ein österreichischer Richter den Mut nehmen, einen armen Teufel, der gestohlen habe, zu ver­dammen, wenn er foldje Lumpen frei herumlaufen lasse? Man müsse sich fragen, woher die Goldstein, Castiglioni, Reumann und andere von dem gegen sie zu erlassenden Haft­befehl Kenntnis bekommen haben, so daß sie n o ch rechtzeitig fliehen konntep.

La Mette gegen Versailler.

Dec Wahlkampf in Amerika kommt allmählich immer rascher zur Entwicklung. Der mit sehr §:oßen Aussichten auf Erfolg kandidierende a Follette sucht bekanntlich mit besonderem Eifer auch die Stimmen der Deutschameri­kaner auf sch zu verein n. Daher ist cs begreif­lich, daß er in der Wahlrede, die er soeben in' (3t. Louis g halten hat. sich sehr deutschfreund­lich ausgesprochen hat. La F stlette nannte den Versailler Vertrag schändlich und tadelte W i 11 o tr, dessen Politik es England erst ermög­lichte, die Blockade gegen Deutschland durch.) u- fühcen. Die amerikani'che Kriegserklärung an Deutschland sei unter dem Drucke verschie­dener Banken erfolgt.

Selbst wenn man die Wahltenderlz der Aus­führungen La Folletes im Auge behält, so bleibt es doch auch vom allgemeinen Standpunkt aus sachlich sehr bedeutsam, daß das Lügengewebe, das seit 1914 zum Schaden Deutschlands in der ganzen Welt von der deutschfeindlichen Propa­ganda gesponnen wurde uird immer noch gespon­nen wird, durch diese rednerischen Vorstöße La Folettes wieder einmal ein beträchtliches Loch erlitten hat. Und auch vom deutschen innerpolitischen Gesichtswinkel aus srnd die Feststellungen La Follettes wertvoll. Zwar gibt es heute wohl kaum noch einen anständigen I Politiker, der den schwächlichen und verbogenen)

Charakter" Wilson als Völkerapostel feiert, aber in der Erörterung dec Kriegsschuldfrage wird denjenigen Deutschen, die den Ausbruch des Welt­krieges auf das Sündenkonto gewisser internatio­naler F.nanzkreise buchen, noch immer aus inner- politischen Gründen von ihren Gegnern der Ein­wand entgegengehallen, daß derMilitaris­mus" dec am Kriege Schuldige sei. La Follettes Behauptung, daß internationale Bankkrrise den Eintritt Amerikas in den Weltkrieg verursacht haben, sollte die Aiitimilitaristen veranlassen, ihre Ansicht über die Kriegsschuld künftig etwas zurück­haltender zum besten zu geben. Denn die gleichen Kräfte, die Amerika als letztes Glied in die Kette der gegen Deutschlands Existenz ver­schworenen Staaten einfügten, hatten auch beim Ausbruch des Krieges ihre Hände im Spiel.

Das vernichtende Urteil La Follettes über das Versailler Diktat soll nicht vergessen, sondern bei Gelegenheit hervorgeholt wer. en, wenn die eines Tages doch notwendig werdende Revision dieses Schandvertrages auf der Tagesordnung steht.

Das Ergebnis der norwegischen SLorthingwahlen.

Christinnia. 23. Oft. (TU.) Der Aus­gang der Storchingwahlen läßt sich wie folgt beurteilen: Die Kon servat iven , verein gt mit den Moderaten, haben 54 Mandate erreich', gegen früher also 3 verloren. Die Bauern­partei hat 23 Mandate bekommen, gegen frühen 6 gewonnen; die gemäßigte Linke er­hielt 33 Mandate, hat also 4 verloren. Die radikaleBolksPa!rtei gewann 2 Manda e. Die Sozialdemokraten h >b.m 9 Manda e bekommen, die Arbeiterpa ctei 23, die Kommunisten 6. Die drei letzten Parteien haben zusammen 1 Mandat gewonnen. Die bürgerlichen Parteien sind dennoch mit 77 Mandaten gegen 73, die auf die anderen Parteien entfallen, in der Mehrheit. Da aber kaum alle Mitglieder der Bauernpartei in allen Punkten mit den Konservativen zu'am- mengehcn, kann man nicht sagen, daß die Wahl die politische Lage geklärt hat. Daß sie eir.e Regierungskrise bedeutet, ist zweifellos. Als neue R.gierungsfühver werden Aoraham Berge (Kons.) ober der Führer der Bauern­partei, Johann M e l l b h s, genannt.

Gur - *

Peking besetzt.

Peking, 24. Oft. (WTB. Funkspruch.) General Feng-Vu-Hsiang, der gestern abend in aller Ruhe und unerwartet Peking besetzte, hat die vollständige Kon­trolle der Hauptstadt. Alle Verbin­dungen sind abgeschnittrn; die Stadttore ge- schlcssen. General Feng-Bu-Hsiang ließ eine Proklomation anschlagen, nach welcher er keinen Krieg führen will, der das Land rui­niert und den Verlust von vielen Menschen­leben verursacht. Er hat eine Konferenz zwi­schen der Regierung und der Gegenseite ein­berufen, um dem Kriege Einhalt zu tun. Seine Truppen liegen als Garnison in Peking, um die Ruhe aufrechtzuerhalten und die Ausländer zu schützen.

Aus aller Welt.

Die Tagung des Deutschen Landwirtschaftsrates.

Berlin, 24. Oft (T. U.) Unter zahlreicher Beteiligung aus allen Teilen Deutschstmds trat gestern dec Deutsche Landwirtschaf^rat zu seiner 56 auß.uordentlichen Vollversammlung zusammen. Die Tagung ist ciitberufen worden, da die bevor­stehenden Wictschaftspoli.ifchen Maß ahmcn, ins- besondere die Gestaltung der deutschen Handelspolitik, eine eingehende Beratung der amtlichen landwictschaf.lichen Berufsvertcetun- gen erforderlich erscheinen lassen.

Internierung des Erzbergermörders Förster-Schulz in Ungarn.

B u d a p e st, 24. Oft. (TU.) Der Erzber­germörder Förster-Schulz befindet sich noch immer in Polizeigewahrsam, obwohl es schon entschieden ist, daß er aus Ungarn auSge- wiesen und abgeschoben werden soll. Hiermit hat es jedoch seine Schwierigkeiten, da keins der Nachbarländer geneigt ist, Förster-Schulz aufzunehmen. Es wird also nichts anderes übrig bleiben, als ihn in Zala Egerszck zu internieren.

Ein neues Opfer der Berliner Elektrischen.

Die 55jährige Gattin des Oberbefehls- 6 aber ä des Truppenkommandos 1 dec Reichswehr Berlin, General der Artillerie v.- Beh cendt, wurde gestern, als sie den Fahr­damm der Hardenbergstraße überschreiten wollte, von einem Straßenbahnwagen überfahren und getötet.

Aus Stadt und Land.

Gießen, den 24. Oft. 1924.

Die Schueegäufe ziehen.

Es ist Herbst geworden draußen im Wald. Ueberall rascholn die welken Blätter unter unse­ren Füßen. Verstummt sind alle die herrlichen Vogellaute, ein wehmütiger Zug geht durch die ganze Natur. Und wenn das trübe Aegeagewölk tagelang den Himmel verhüllt, daß die Sonne nicht scheinen kann, dann ist es eben Echzum Abschiednehm-en just das rechte Weiter".

Schon viele unserer gefieberten Freunde haben uns verlassen. Der Segler, dec im Sommer unsere Türme umfchwirrte. der'K u cf u cf, der Würger, die Stelzen, die Gras­mücken unb wie sie alle heißen, fehlen schon lange in den Reihen der einheimischen Singvögel. Die Stare haben sich zu großen wolkenartigen Vogelheeren zusammengechllssen unb streichen planlos im Lanbe umher, die Lerchen liegen scharenweise auf den abgeerntelen Aeckcrn in Ge­sellschaft mit Finken, Ammern und Piepern.

Wenn aber bleiche, dampfende Nebel über die rauhen Bergh-iden des Vogelbergs schleichen, wenn dec Sturm im Oberwald die dürren Aeiie bricht und die Dergbauem tn den Oberwald>ör- fern Feuer im Kachelofen anmachen, dann wird man mit dem Klingen der fturmgerüttelten Ki ch- turmgloden di,e rauhen Rufe der wandernden

Wildgänse unb Reiher unb Kraniche hören, die Tag und Nacht, von unbezwingbarer Gewalt unb Sehnsucht getrieben, über die neb­ligen, feuchtkellten Berge und Wälder unserer Heimat dahincudem. Unb in dem Atchzen und Stöhnen der vom Waldwiird gerüttelten Buchen geben die Töne dec Vogelzug-acht eine zauber­hafte Musik; die Alten sagten, in solchen Nächten ziehe der wilde Jäger über die Hirschgründe dahin.

Und diese Zeit haben wir jetzt. Darum, wer den Zug des wilden Jägers vernehmen will, der gehe hinaus in die Natur unb lausche ihren Tönen. Die Schneegänse ziehen!

Karl Rudolf Fischer.

Gießener Wochenmarktpreise

am 23. Oktober 1924 (Händlerpreise).

Es kosteten auf dem Wochenmarkt: Butter 200 bis 210, Matte 30, Käse 75, Wirsing 8, Weißttaut 5, Rotkraut 9, gelbe Rüben 8 bis 10, rote Rüben 10, Spinat 30, Römischkohl 5, Unter* lohlrabi 6, Grünkohl 15, Feldsalat 50, Tomaten 50, Zwiebeln 15, Meerrettich 35 bis 40, Schwarz­wurzeln 40 bis 50, Kürbis 5 Kartoffeln 5, Aepfel 10 bis 20, Birnen 10 bis 15, Nüsse 60 Pf. bas Pfund, Eier 17, Blumenkohl 20 bis 150, Endivien 10 bis 20, Ober-Kohlrabi 8, Lauch 5 bis 20, Sellerie 10 bis 30, Pf. das Stück, junge Hahnen 90, Suppenhühner 100. Gänse 100 bis 120 Pf. das Pfund.

Vornotizen.

Ta g esk alende r für Freitag. Stadttheater, 61/» Uhr: ,,Hollandweibchen". Rentnerbund, 8 Uhr Singsaal des Renlghm- nafiums' Untechaltungsabend. Erster Gießener Dillardllub, Si/2 Uhc Cafe Amenb: Generalver­sammlung. Rundfunkhaus Löberstraße 12, 8V2 Uhr: Zauberei auf dem Sender, 10 dis 11 'Uhr: Tanzmusik. Lichtspielhaus, Bahnhof­straße :Ausgerechnet Wollenkraher". Hess. Dildecbühne:Auf afrikanischen Iagdpfaden".

Eine Versa mmlung aller Kriegsopfer soll morgen abend bei Bol­ler, Bahnhofstraße, stattsinden. (S. Anzeige.)

Wettervoraussage.

Nachtfrostgefahr, tagsüber Bewölkung mit Temperaturzunahme, zunächst trocken, höchstens später geringe Niederschläge.

Während gestern tagsüber, der Himmel auf der Rückseite des südostwärts abgezogenen Stö­rungsgebietes noch meist bedeckt war, Härte es abends auf. Klarer Himmel in Verbindung mit nordöstlichen Winden bewirkten in der letzten Nacht starke Temperaturfälle. Vielfach lag in Deutschland das Minimum unter 0. Ein starkes Hoch liegt mit seinem Kern über Dänemark, es verschiebt sich jedoch unter dem Angriff v)n Westen vorrückender Störungen langsam nach Osten. Morgen dürfte jedoch sein Einfluß noch überwiegen.

** Zum Flugtag in Gießen. Wie wir hören, ist die Nachfrage nach Einttitts- karten zu dieser großen flugsporttichen Veran­staltung bei den Kattenvorverkaufsstellen in Stadt und Larrd andauernd sehr rege. Die Leute, die sich beizeiten die Zutriltsmöglich- keit sichern, tun gut daran, denn sie ersparen es sich, am Sonntagmittag an den Eintritts­kassen womöglich lange Polonaise stehen zu müssen, und sie riskieren ja auch gar nichts, denn die Karten behalten ja beim Eintritt schlechten Wetters, wofür erfreulicherweise heute allerdings keine Aussichten vorhanden sind, ihre Gültigkeit. Im Interesse des ein­zelnen, wie auch zum Besten eines flüssigen Verkehrs bei dem am Sonntag zu erwartenden Massenbesuchs wäre zu wünschen, daß mög­lichst viele Mitbürger sich schon bei den Vor- verkaussstellen mit Karten versehen. Zur Orientierung derNassauer" sei daraus hin­gewiesen, daß die behördliche Absperrung sehr weit und streng sein wird, so daß diejenigen, die auch aus der Nähe alles bedbachten wol­len, schon etwas dichter herankommen und zu diesem Zweck eine Karte lösen müssen. Uebrigens sollte zu einer so bedeutsamen Sache jedermann sein Scherflein beisteuern k Am Sonntagvormittag von 1012 Uhr wird auf dem Flugplatz die Besichtigung der Flug­zeuge gestattet sein, um 12 Uhr wird der Platz polizeilich geräumt werden. Hoffen wir nun auf schönes Wetter, einen guten Sport ver­sprechen die Flieger!

** 70 Jahre alt. Der Besitzer der Lohnkutscherei und Posthalterei Karl Huhn f^ert am morgigen Samstag seinen 70. Ge­burtstag. Er übernahm vor etwa 40 Jahren das Geschäft seines, namentlich in den Krei­sen der alten Semester der Gießener Studen­tenschaft in guter (Erinnerung stehenden Vaters, und baute es zu einem neuzeitlichen Betrieb aus, so daß alle, die in Geschäfts­verbindung mit ihm traten, buchstäblich immer gut gefahren sind".

* Die Feuerwehr-Mitglieder seien auf die heutige Anzeige bett, früheres Antreten am Sonntagmittag besonders hinge­wiesen. Man übersehe die Anzeige nicht.

** Wagenmangel bei der Reichs­bahn. Von der Reia)sbahndirektion Frankfurt a. M. wird uns geschrieben: Wie fast alljährlich im Herbst, so ist auch jetzt wieder seit einigen Tagen bei der Reichsbahn die Nachfrage nach gebeeften und offenen Wagen derart gest'egen, daß die Reichsbahn denSebarf nicht mehr in vollem Umfange decken kann. Seitens der Reichs­bahn find alle Maßnahmen zur möglichsten De- feitigung und Linderung des Wagemnangels ge­troffen. Sie werden aber nicht genügend wirksam werden, wenn die Reichsbahn mcht von den Verkehrs treibenden unterstützt wird. Es gilt hauptsächlich, die gestellten Wagen schnell und fristgemäß zu be- und entladen. Aus die weitest­gehende Ausnutzung des Ladegewichtes der Wa­gen muß hingewirtt werden. Eine wesentliche Beschleunigung des dB: gen umlauf 5 wird erzielt werden, wenn die De- uno Entlader dazu gebracht werden könnten, das Ladegefchäst auch in den späteren Nachmittagsstundcn, also bis 7 und 8 Uhr abends, auszuüben. Es wird dadurch ver­mieden, daß zahlreiche Wagen, die nach Deend- gung dec durchgehenden A be tszeit (nachmittags 5 Uhc) bis zum nächsten Tag, über Sonntag sogar