Ausgabe 
18.3.1924
 
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Dienstag, 18. März 1924

Erstes Blatt

m. Jahrgang

GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

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m. 66

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Der Hitlerprozeh.

München, 17. März. (WTB.) 3n der heu­tigen Donnittagssitzung tourben die Zeugen Sani-- tätsvat Dc. P i t t i n g e r, Kapitänleutnant E h-r - Hardt, Korvettenkapitän Kauffer und Major Hungltnger aufgerufen. Dach der Mitteilung des Vorsitzenden loar die Zustellung der Vor­ladung an Ehrhardt nicht möglich, da er in der dem Gericht angegebenen Wohnung nicht ange­troffen wurde.

Zunächst wurde darauf der Zeuge Sanitätsvat Dr. P i t t i n g e r, der Dundesvorsihende von »Bayern und Deich", vernommen. Der Zeuge machte zunächst die Feststellung, es fei richtig, daß er Ende Oktober bei Pöhner gewesen war und mit ihm besprochen habe, ob er bereit sei zu einer aktiven Mitarbeit im Sinne der vaterländischen Delange und im Sinne des Generalstaatskom­missariats. Pöhner habe starke Bedenken gehabt, weil er glaubte, daß

Aahr doch nicht die notige Aktivität besitze.

Diese Meinung sei auch in den vaterländischen Verbänden vorhanden gewesen. Die Frage der Akiivität habe sich aber darauf bezogen, daß Kahr als derjenige betrachtet wurde, der die große, wirtschaftliche Not zu mildern imstande sei. Zeuge habe dann den Baron Aufseß ge­beten, Kahr m seinem Auftrage mitzuteilen, die Stimmung in den vaterländischen Verbanden sei keine gute, weil von feiten .des Generalkom­missariats die Erwartungen auf Behebung der all­gemeinen Aot nicht erfüllt worden seien, und er sehe heute schon den Tag kommen, wo diese Stim­mung dazu führen werde, dah die Kahr treuen Verbände thr Treuverhältnis lösen werden. Er, Zeuge, werde das niemals mitmachen, und er werde' sich dann lieber vollständig aus der Be­wegung zurückziehen, als in Gegensatz zu Kahr zu kommen. Ueber seine Reise nach Rosenheim be­kundet Zeuge, im Oluf trage des Generalkom- missars habe er sich am Morgen des 9. No- vember nach Rosenheim begeben, um die Leute des Chiemsees aufzuklären. Der Auftrag gmg dahin, die Leute des BundesBayern und Reich" in Rosenheim zu sammeln. Er habe deutlich gesagt, daß Kahr es ablehne, einen Putsch mit- zumachen, und daß er den Putsch Ntederschlagen wolle. _

Der Vorsitzende bezeichnet diese Darstellung als nicht übereinstimmend mit den Aussagen des Angeklagten Pöhner. Pöhner erklärt hierzu, bei der ersten Besprechung seien sie sich über das Versagen Kahrs vollkommen klar gewesen. Als Pittinger ilM an seine monarchistische Einstellung erinnert habe, habe er erwidert, daß

Kahr durch seine Entschlußunfähigkeit noch zum Totengräber der Monarchie

werde. Pittinger erklärt, von einem Zuge nach Berlin sei niemals die Rede gewesen. Weiter erklärte Pittinger, etwa Mit.« Oktober hab? Kahr zu ihm geäußert, einen wickschaftldchrn Separa­tismus, der jeden Tag ein politischer werden könne, mache er als deutscher Marrn nicht mit, lieber wolle er auf seine Popularität verzichten. Auf ctx Frage der Verteidigung erklärt der Zeuge, die Ausdrücke normaler oder anormaler Weg habe er von Kahr niemals gehört. Pittinger verlas bann einen Brief d?s Dedugaverlages, der die weiß-blaue Broschüre he au gen ben hat und feststellt, daß weder Kahr, oder Lo'sow nxch Seiner die Bro chüre verfaßt hab^ noch daß der Verfasser in einem Dienst- oder Abhängigkeitsver- hältr.^s zu einem der drei genannten H.nwen steht. Er, Zeuge, habe die D.oschüre nicht verfaßt und auch niemand aus dem BundeBayern und Reich". Den Verfasser habe er diskreterweise Ve rnengelcritt. Rechtsanwalt Dr. Holl besteht darauf, dah der Zeuge den Rcrmen des Der- falsers nenne und verlangt einen Gerichtsbe­schluß, ob ein Zeuge verpflichtet ist, eine Frage zu beantworten oder nicht. Der Gerichtsbeschluß wird einstweilen zurückgestellt. Für den Zeugen (Pittinger) tvar es von vornherein klar, daß die drei He wen im Dürgsrbräuke'.ler unter einem re^ wissen Zwang aearb'itet habe:) müßten. Auf eine Anfrage der Verteidigung erklärt der Zeuge, er habe die A?b?rz<mgung gehabt, dah, wenn Pöhner im Ge.'eralstaatskommtjsa iat m'.tg :a beitet hätte, er dem bayerischen Staate einen großen Dimst

erwiesen hätte. Hierauf entspann sich eine Konsre- | v§rse, wobei Pöhner mit Bestimmtheit erklärt, I dah er niemals eine negative Einstellung zum

Staat gehabt habe, sondern dah er zum St^at fo positiv wie jeder gute Deutsche eingestellt sei. Der Zeuge erklärt es für unrichtig, daß in der i OrganisationBayern und Reich" täglich von

dem Marsch nach Berlin gZprochen wurde.

Wenn es in Mi-^eldeuNchland Zu Vorgängen gekommen wäre, ähnlich denen der Münchsner Räteperiode, so wären unfeve Leute sehr gerne bereit gctmlen, mitzutun; aber von München aus die Diktatur einzuleiten und sie nach Berlin vorzutragen, fei . . tmer abgelehnt worden.

Hustizrat Cu Jj«5rui? macht hier eine Reihe von Feststellungen, so u a., ^ Ludendarff stets die Auffassung i*ertretea habe, da « man in Deutschland augenblicklich dringlichere .Aufgaben habe, als sich um die Otaateform und die S.'aais» versassung zu kümmern.

R.-A. Roder bittet, eine Reihe von Zeugen dafür zu laden, dah tatsächlich ein Marsch Berlin geplant gewesen sei, u. a. den Reichs­präsidenten Ebert, den früheren Reichskanzler Dr. Stresemann, Reichswehrminister Dr. Gehler und den Chef der Heereslei­tung darüber zu befragen, ob sie von dem auf Berlin auszuübenden politischen Druck benach-

Die Sachverständigenberatungen.

Wahrfcheinlichkeiteines Moratoriums. - Die Frage der Reichsbahn

Berlin, 17. März. (Priv.-Tel.) DasDerl. Tagebl." behandelt die demnächst zu erwartenden Vorschläge der Sachverständigen, die wahrscheinlich eine gewisse, zweifellos wohltuende wirtschaftliche Klärung und auch ein Morato­rium bringen dürften. Man di^rfe auch an­nehmen, dah Deutschland eine allgemeine Finanz­kontrolle erspart bleibe und die Prüfung sich nur auf die eigentlichen Reparationsquellen er­strecken werde. Die Sachverständigen schienen ferner bereit zu fein, die Bahnen im Rheinland und im Ruhrgebiet von der Fremdherrschaft und von der Regie zu erlösen, ja auch dte Einheit der Reichseisenbahn wiederherzustellen.

Es sei ja auch Har, daß ur.ter den gegenwär­tigen Zuständen die Ruhrindustrie sich nicht wieder kräftigen und Deutschland nicht leit stungsfähig werden kann.

Das Blatt warnt jedoch in diesem Zusammen­hang vor dem Gedanken, die Reichseisenbahn in eine Aktiengesellschaft umzuwandeln, in der bann die Hälfte des Aktienkapitals den Gläubiger- slaaten zugesprochen werden soll. Es sei nicht einzusehen, warum man sich nicht mit Sicher­heiten begnügen wolle, die auch s o n st in der Welt den Inhabern von Obligationen gewährt werden. Irgendwelche Akcken-Gesellschaft könne bei der Erledigung des Reparationshandels keine festere Stühe sein, als das System, das Deutsch­land heute m der Reichseisenbahn besitze. Eine andere Lösung der Eisenbahnfrage würde auch wieder die deutsche Selbständigkeit schmälern, zum mindesten deutsche Souveräni­tätsrechte bedrohen.

Der belgische Delegierte F r a n q u i, der dem dem Komitee Dawes ang^hört, erklärte dem Re­dakteur desPetit Paristen", trotz der gegen­wärtigen Sorgen glaube er, dah alle Gründe zur Hoffnung gegeben seien. Die Deutschen geständen jetzt selbst ein, dah sie den wirtschaftlichen Krieg, wie den militärischen verlo­ren hätten. Andererseits sei in den Vereinigten Staaten und in England ein Llmschwung der öfsentlichen Meinung etngctreten. Die Volker hatten endlich das Empfinden, daß Lösunggen und Verständigungen herbeigeführt werden müß­ten und dah jetzt endlich gehandelt werden müsse, nachdem man so viel geredet habe. Diese Ueberzeugung würden sie denen aufzuzwingen wissen, die es angehe. Was Frankreich und Belgien anbelange, so besähen sie natürliche Hilfsquellen und eine starke moralische und in­tellektuelle Spannkraft, um über die Krise Hin­wegzukommen. Sie würden sich erholen und es noch weit bringen.

Die Besatzungskosten.

Berlin, 18. März. (Priv.-Tel.) Die Dlclier veröffentlichen die Antwort, welche vom Reichsfinanzmmisterium hn Reichstag auf die Anfrage des Abgeordneten Herat wegen der Höh- der Resatzungskosten ert-ilt worden ist. Danach betragen die inneren Besahungskosten bis zum Ende des Kalenderjahres 1923 insgesamt 1 329 743 020 Goldmark, die äußeren 3 784 359 395. In den Jahren 1923 und 1922 haben sich die Alliierten an den im sogenannten Finanzab­kommen vom 11. Wrz 1922 vereinbarten Höch st betrag der nicht unter Artikel 8 bis enGXZBl

12 des Rheinlandabkommens fallenden De- sotzungskosten von 220 Millionen Goldmark nicht gehalten. Die Höhe der monatlich an die Desatzungsbehörden bezahlten Mark- Vorschüsse beträgt zur Zeit rund 7 Millionen Goldmark. Seit Januar 1923~ haben Be­schlagnahmung en von öffentlichen und privaten Geldern seitens der Ein- brnchsmächte statt-'p^mden in einer Gesamt- hohe von schätzungsw» sr 50 Millionen Gold- mark. Die Ausweisungen für mil tärische Anlagen, Kasernenbauten usw. für das alt- und neubesetzte Gebiet belaufen sich auf rund 29,5 Millionen Goldmark. Die Be­lastung des Reichs aus Erstattung von Requisitionen an die Kommunen oder die Bevölkerung beläuft sich im Kalenderjahr 1923 im alt besetzten Gebiet auf 52 800 975 im neubefetztrn Gebiet auf 41952 999 Goldmark.

Verschleuderung deutschen Eigentums.

Berlin, 17. März. (WTB.) Die Repa-- rationskommission hat jüngst Aktien der P e- tersburger Gesellschaft für elektri­sche Beleuchtung zu cimnn Einhei skurs von nur 25 Schweizer Franken verkauft, während der Kurs an der Züricher Börse zur Zeit des Ver­kaufs 50 bis 55 Franken betrug. Der Verkauf ist also nurzurHälfte desBorserrp reifes erfolgt und damit auch die Gutschrift zu Grinsten Deutschlands auf das Reparationskonto auher- or^e ü ich ge schm al er t worden. Der deutschen Regierung steht bei der Verwaltung der an die Reparationskommission ausgelieferten ausländi­schen Wertpapiere keinerlei Einspr achs­recht zu, wenn sich die Reparationskommission auch im allgemeinen von deutscher Seite beraten läßt. Im vorliegenden Falle ist ^deutscherseits unter den; Hinweis auf die Vorgänge, bei der vorerwähnten Gesellschaft feit Jahresfrist drin­gend abgeraten worden, die Aktien zu ver» äußern. Die Veräußerung ist gleichwohl erfolgt. Auf den Hinweis wegen des ungünstigen Ver­kaufs hat die Reparationskommission erwidert, sie trage allein die Verantwortung für den Verkauf. Die deutsche Regierung war demnach nicht in der Lage, diese Art der Verwertung deut­schen Eigentums zu verhindern.

Morgan-Anleihe mtb Nnhrpolitik.

Paris, 18. März. (WTB.) DieSre Nvu-- velle" veröffentlicht folgcnbe Mitteilung: Es sind Ge üchte von mehr oder minder großer Wahrheit Verbreitet worden, wonach die Morgan-Anleihe nicht allein auf der G mndlage von Gvldga- r a n t i e n , sondern auch politischerGaran- tkn, d. h. der Räumung des Ruhrge­biets abgeschlossen worden wäre. Man werde sich hüten, diese Erzählungen in Argumente um- zumün-.eu, aber es müsse anerkannt werden, dah sie das Symptom einer Stimmung seien, die Frankreich weit weniger günstig sei als man es dargestellt habe. Die Wahrheit fei, daß man von Frankreich nicht den Verzicht auf das Ruhrgebi t, sondern eine ümtoanqlungn des Pfändershstems verlange Die Geste Morgans habe bewieson, bis zu welchem Grad Frcmk eich von der angelsächsischen Fi­nanz abhängig sei.

richtigt worden wären. Der Vorsitzende bezeichnet diese Zeugmladung als ihm unverständlich

In der Frage nach dem älrheber der w e i tz- bla u e n Broschüre z: g sich r>as Gericht zur Beschlußfassung zurück. Das Gericht beschließt, die gestellte Frage als für die Entscheidung des Gerichts unerheblich abzulehnen.

Dr Pittinger stellt noch fest, er habe Ludendorff ersucht, seinen Wohnsitz nach Nord­deutschland zu verlegen, um in die etwas zer- fah ene vaterländische Bewegung im Norden wie­der Ordnung zu bringen. Ludendorff habe dieses Ersuchen abgelehnt mit der Begründung, daß er in Ncrddeutschland bei seinen ehemaligen Kame­raden nicht viel Gefolgschaft habe.

In der Nachmittages tz' ni wird Oberlandes- ge'ichtsra! Parst aus.nb ra darubrr ver­nommen, ob ihm bekannt sei. daß Ehrhardt im Auftrag des General staatskommdsars nach Nürnberg gekommen und dort in seinem Auftrag Gelder zum Marsch nach Berlin gesam­melt habe. Der Zeuge erklärte, ei' habe Ehrhardt nie Msehen und nie gesprochen.

Der Zeuge Kapitänleutnant K a u t t e r weist darauf hin, daß seit d4r Berufung Kahrs an die Spitze der bayerischen Regierung die Beziehungen zwischen Berlin und München ihren rechtlichen Charakter verloren und einen politischen ange­nommen hätten.

Sowohl General von Seeckt als der Reichs­kanzler hatten Fühler nach den nationalen verbänden ausaestrectt und mit ihnen zu ver­handeln gesucht.

Unzählige Abordnungen von Wirtschaftsverbän­den feien bei Kahr vorstellig geworden und hätten die Erwartung ausgesprochen, daß er sich an die Spitze der nationalen Bewegung von ganz Deutsch­land stellen würde. Herr von Kahr hat bei dens .Unterredungen, die wir mit ihm hatten, keinen Zweifel gelassen, daß er ein Vorgehen einzelner

Verbände nicht dulden würde. Zu den Vorgängen in den Tagen des 8. und 9 November erklärt der Zeuge, daß er, um sich zu orientieren, das Ge- ire alstaatskomml sariat an gerufen habe. Es sei ihm von Baron F-.etzberg bestätigt worden, dah es sich um einen Staatsstreich handele. Im Ge- neralstaatskommi sariat traf ich Kahr, der einen sehr erregten Eindruck auf mich machte und nur kurz sagte, dah ihm die Vorgänge im Dürgerbräu- keller keinen anderen Weg gelassen hätten. Er habe dem Eindruck gehabt, daß Kahr der Sache passiv, wenn nicht gar ablehnend gegen- überg>stand.m habe. Ich bat später Kahr, Süßer und Lossow, do»h 0U reZuchrn, eine Brücke zu Hitler-Ludendorff zu schlagen, um einen Kampf zu verhindern. Dies wurde mir auch zugesagt. <S.- r sagte: Seien Sie überzeugt, dah wir das Positive aus der Sache heraushvlen.

Hierauf wird Freibankmeister Graf, der Begleiter Hitlers, vernommen, zunächstunbeeidigt. Lossow und Seiher sagten bei den Besprechungen, sie mühten sich erst die Sache überlegen, und Zeuge hat den persönlichen Eindruck, daß beide Herren einverstanden waren. Luden- dorff scheine irgendetwas nicht recht gecvesen zu fein. Auf Zureden Hitlers habe dann Kahr seine ablehnende Haltung geändert und gesagt: Sie haben mich> nun überzeugt. Ich bin be­reit, den Posten als Statthalter zu übernehmen. Darauf gab es ein Treuegelöbnis, das Zeuge sich nicht rührender vorstellen kann. Ludendorff und Lossow hätten sich fest die Hände gedrückt. Nach Auffassung des Gerichtshof erscheint ein weiterer Zeugenbewris zur Klärung des Sachver­halts nicht mehr nötig. Die Verteidigung erklärt sich mit dem Gerichtsbeschluß einverstanden. Der Erste Staatsanwalt besteht jedoch noch auf der Vernehmung des Hauptmanns Hunglinger. Das Gericht wird über diesen Antrag noch Be- schluh fassen. Nächste Sitzung morgen vormittag.

Internationalisierung.

Frankreich versucht auf wirtschaftlichem Tlmweg zum politischen Ziel zu gelangen. Das an der Ruhr ergriffeneproduktive Pfand hat ihm bereits Rhein und Ruhr gebracht, die der Versailler Vertrag ihm verwahrte. Die Micumverträge übertrugen die im Versailler Vertrag vorgesehenen Garantien des Staates auf die Wirtschaft; an Stelle des gesamten Deutschland traten die dem unmittelbaren französischen Zugriff ausgesetzten deutschen Gebietsteile als Garantie. Jetzt wird die 0 n - ternationalisierungder deutschen Eisenbahn betrieben, mit der trotz der Er­klärung des Reichsveckehrsministers ernsthaft gerechnet werden muh. Sie soll ein Spezial­pfand bieten an Stelle des auf der deutschen Wirtschaft ruhenden allgemeinen Pfandes. Sie soll Frankreich von den Lasten der Regie be­freien, die allein für Januar auf 100 Goldmil­lionen Franken Fehlbetrag geschätzt werden, und deren weitere Aufbringung eine namhafte Erhöhung der franzöftschen Steuern und eine Fortsetzung des Frankenverfalls zwingend her­beiführen muß. Schließlich soll sie noch eine dauernde Kontrolle Deutschlands, besonders aber eine ständige militärischeDeherr- schung der besetzten Gebiete ermög­lichen.

Wer die deutsche Eisenbahn hat, hat die Hand an der Gurgel des Staates. Dieses be­kannte Wort trifft nicht nur auf die Kommu­nisten zu, sondern mindestens ebenso auf fremde Stellen. Die Eisenbahn ist der kauf­kräftigste Abnehmer der deutschen Wirtschaft; von der deutschen Eisenerzeugung werden min­destens 35 Prozent direkt oder indirekt (auf dem Amweg über Maschinenfabriken, Eisen­bauanstalten, Lokomotiv- und Waggonfabri­ken) für die Zwecke der Eisenbahn verbraucht. Wie sehr eine Verkleinerung der Bestellungen der Cisenbahnverwaltung auf die Konjunktur rückwickt, kann man jetzt an der Eisenindustrie des besetzten Gebietes beobachten, die nicht zu­letzt unter dem Wegfall der Bestellungen des Eisenbahnzentralamtes leidet. Auf die kom­mende Entwicklung weist die Tatsache hin, dah bisher fast alle größeren Aufttäge der Re- gieverwaltung nach Frankreich und Belgien gegangen sind. Die an einer internationalisier­ten Eisenbahn beteiligten ausländischen Stel­len werden selbstverständlich alles tun, um den Industrien ihrer Länder Aufträge zuzuführen, ein Beftteben, das durch das Valuta-Dumping namentlich Frankreichs und Belgiens außer­ordentlich erleichtert wird. Es besteht die dringende Gefahr, dah in Zukunft die deutsche Eisenbahn als Kunde der deutschen Wirtschaft völlig ausscheidet.

Dazu kommt noch der Verlust der Ta­rif h o h e i t. Nach den Bestimmungen des Versailler Vertrages sollen 1925 fast alle jene Bestimmungen Wegfällen, die die deutsche Ta- rifhoheit einschränken. Eine internationali­sierte Eisenbahn würde aber ihre Verewi­gung bedeuten. Vor allem käme in Betracht eine Erdrosselung der deutschen Auslands­konkurrenz durch hohe Frachten nach den deut­schen Seehäfen; Wegfall der billigen Aus­nahmefrachten für Lebensmittel; Bevorzu­gung des ausländischen Durchgangsverkehrs bei der Benutzung der deutschen Eisenbahn, der jetzt schon Rabatte bis zu 60 Prozent ge­nießt. Da in jedem Stück Ware ein außer­ordentlich hoher Frachtenanteil, teilweise 30 bis 40 Prozent des Wertes, steckt, läßt sich ersehen, von welcher Bedeutung die Frachten­quote ist.

Schließlich kommt noch in Betracht die Weiterbeschäftigung der jetzigen Reichs­eifenbahnbediensteten. Die Verhält­nisse im besetzten Gebiet lassen gute Ver- gleichsmahstäbe zu. Cs sind nicht nur rück- richtslose Verkleinerungen des Personalkör- pers vorgenommen worden. Es wird vielmehr auch die Arbeitskraft des verbliebenen Per- soitals in der schärfsten Weise herangezogen (teilweise herrscht 12 Ibstündige Arbeitszeit), wobei die Bezahlung des deutschen Personals vielfack nur einen Bruchteil des fast immer in Vorgesetzten-Stellungen befindlichen auslän­dischen Personals bildet.

And die Gegenleistung für alles dieses? Positive Zusagen über die Begrenzung der Reparationsleistungen, über ein Moratorium, über die Räumung der besetzten Gebiete, über größere Anleihen usw. im Falle einer Inter­nationalisierung der deutschen Eisenbahn sind bisher noch in keiner Weise gemacht worden.

Die Fortsetzung

des Separalistenterrors.

London, 17. März. (Wolff.)Daily News" schreibt, die letzte Information aus der bayrischen Pfalz sei sehr beunruhigend: sie zeige, daß die kürzlich« englisch-französische Regelung nicht befriedige, da die Separatisten trotz ihrer Abschüttelung ihre politischen Pläne in beson­ders unheilvoller Form fortseh^n.