Ausgabe 
17.5.1924
 
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bdg. Ziel der Volksgemeinschaft nicht erretajt wer­den kann." Dieser im Wahlkampf leider etwas in Vergessenheit geratene Beschluß entspricht auch heute in erhöhtem Made der tatsächlichen Situa- tion im sozialistischen Lager, und dem verschlieht sich auch nicht die neuerliche Kundgebung der volksparteilichen Fraktion. Es wird sich also in den kommenden Wochen darum handeln, die An- schcnmngen der Deulschnationalen, vornehmlich über die auswärtige Politik, und die der bisheri­gen Regierungsparteien mit oder ohne Einbe­ziehung der Demokraten soweit einander zu nähern, bis eine für einen festen auhenpoliti-- schon Kurs genügend breite Grundlage geschaffen ist. Imrerhalb der Deutschnationalen hat be­reits ein reger Meinungsaustausch über das Harrptproblem künftiger Außenpolitik, über die Sachverständigengutachten stattgefunden, ohne daß man heute schon sagen könnte, welche präzise Stellung die deutschnationale Reichstagsfraktton einnehmen wird. 3n einem als programmatisch sehr beachtenswerten Interview hat der Partei- Vorsitzende Erzellenz Hergt die folgenden grund­legenden Sätze ausgestellt: Wir wünschen eine befriedigende Lösung der deutschen Gesamlftage aus dem Wege schleuniger Verständigung herbeizuführen. Wir sind deshalb zu Verhand­lungen mit unseren Gegnern bereit, aber unter Vorbehalten, die ganz unverzichtbar sind. In einem Kommentar des deutschnationalen Land­tagsabgeordneten von Lindeiner heißt es des Näheren:Exzell<n^ Hergt steht mit seiner ge­samten Partei nach wie vor auf dem Stand­punkt. dah wir den Anlah der Erstattung des Sachverständigengutachtens benutzen sollten, um in Verhandlungen über den gesamten, aus dem Ver­sailler Friedensdiktat, dem Londoner Ultimatum und den weiteren Maßnahmen unserer Gegner entstandenen Fragenkomplex ein$u treten, dah aber bei einer engeren Begrenzung des Derhandlungs- gegenstandes lediglich auf das wirtschaftliche Ge­biet und ohne Erfüllung unserer im Laufe der Verhandlungen festzulegenden Vorbehalte wir ein befriedigendes Ergebnis der Verhandlungen nicht erwarten." Es ist noch manches unbestimmt in dieser Formulierung der deutschnationalen Re- parationspolttik. aber zweifellos bedeutet sie einen wesentlichen Schritt zu einer Verständigung mit den Rachbarparteien zur Linken.

Demgegenüber berührt es etwas merkwürdig, wenn die deutschnatioirale Parteileitung die Re­gierung auffordert, .dem Reichspräsidenten als­bald ihren Rücktritt anzubieten", da sie ledes Rechts entbehre. Deutschland in Verhandlungen über das SachverständÄengulachten noch ent­scheidend zu vertreten. Don einem Rücktritt des gegenwärtigen Kabinetts kann doch solange keine Rede fern, als sich der neue Reichstag nicht konstituiert hat und man doch gar nicht weiß, was man an die Stelle des Kabinetts Marx setzen will. Selbstverständlich hat die amtierende Reichsregierung die Pflicht, die zur Durchsuh- rang der Gutachten erforderlichen Gesetzentwürfe borytbereiten.

Man wird ihr auch nicht einmal das formelle Recht absprechen können, selbst diese Entwürfe vor dem neuen Reichstag zu vertreten und erst einem Mißtrauensvotum der Opposition das Feld zu räumen. Dann Hütte selbstverständlich das neazubildende Kabinett freie Hand, mit neuen Vorschlägen vor den Reichstag zu treten, ohne jede Bindung an frühere Beschlüsse des alten Ministeriums. Ob diese immerhin denkbare Ent­wicklung opportun ist, sei aus den >-beiterwähnten Gründen jedoch dahingestellt gelassen. Der Do- schluh der Deutschnativnalen war immerhin vor­eilig, so wenig auch von einerernsten Gefähr­dung der deuffchen Intereffen in der Außen­politik", von der die Entgegnung der Reichs-- regierung spricht, die Rede sein kann. Die Deutsch- nattonalen hätten sich ihren Vorstoß bis zu dem Augenblick aufsparen sollen, in dem innerhalb ihrer eigenen Reihen und gemeinsam mit den für die Reubildung der Regierung in Frage kom­menden Parteien eine völlige Klärung über dis ein^lschlagende Reparationspolitik hergestellt war. Solange das nicht geschehen ist, wird das Kabi- zvAt Marx auch weiterhin das Ruder des Staats- scUffes führen müssen.

Die Dechandlung der Sachverständigengut­achten hat auch auf der andern Sette eine Unter* brechung gebracht, die vor Anfang Juni kaum behoben sein dürste. Am 11. Mai hat das fran­zösische Volk gegen Herrn Poincare und die Politik pes bloc national entschieden, trotz heftigen älnkens deutscher Demokraten, dah der Rechtsruck in Deutschland in Frankreich dem natio­nalen Block zum Siege verhelfen werde. Man darf "sich nicht darüber täuschen, dah auhenpoli- tische Probleme im französischen Wahlkampf kaum zur Diskussion starttten In den großen nationa­len Fragen, vor allem in denen der Ruhrbesetzung, der Reparationszahlungen, der franL>-britischen Entente gibt es keine ernsthaften Meinungsver­schiedenheiten. nur gewisse Ruanzierungen eines starten außenpolitischen Machtwillens. Heber Fragen der inneren Politik: den Frankensturz, die neuen Steuern, die Steuerung, den Beamten­abbau und ähnliche schöne Dinge, die allerdings letzten Endes eine Folge der verfehlten Außen» Politik Poincarös sind, kam die bisherige Regie­rungsmehrheit zu Fall. P oincarö hat dem Präsidenten der Republik bereits für den 1. Juni, dem Tag des Zusammentritts der neuen Depu­tierten k.immer die Demission des Ges-amtlabinet s angekündigt. Er betrachtet sich bis dahin als Leiter eines Geschäftsministeriums, das zur Fort­führung einschneidender politischer Verhandlungen, wie sie die Diskussion der Sachverständigengut- achten darstellt, nicht mehr befugt ist. Der für den 19. Mai vorgesehene Besuch bei Macdonald in Chequers ist aus die em Grunde abgesagt worden. Soweit sich die Führer der Opposition, die nun» mehr ?ur Regierung berufenen Männer ds cks der Linken, zur Außenpolitik geäußert haben, werden wir auf diesem Gebiet und vor altem in der Behandlung der Rep.arationsftage trotz aller früheren schönen Redensarten eine kaum merk­liche Kursänderung erwarten dürfen. Wir müssen uns hierüber keinen verderbenbringenden Illu­sionen hingeben, sondern die Lage so nehmen wie sie ist:Kein Führer einer künftigen französischen Regierung wird der Mann einer Verzichtpolitik gegenüber Deutschland sein wollen," prophezeit LasJournal des Debats", und dürfte damit das Rechte getroffen haben. Immerhin wird eine wenn auch nur kurze Ausschaltung Poincarös, dem Präsident M i l l e r a n d unter Umständen in das Privatleben folgen wird, in den Verhand­lungen mit den Alliierten und Deutschland einen frischen Zug bringen, die Atmosphäre von den schweren Wollen gegenseitigen Mißtrauens rei­nigen und die Möglichkeit einer rein wirtschaft­lichen Behandlung der schwebenden Fragen immerhin zulassen.

Der Strafantrag im Separatistenprozetz.

Stuttgart, 16. Mai. (WTB.) Im Se- paratistenprozeß vor dem Staatsgerichtshof wies Reichsanwalt Vetter in seiner Anklagerede darauf hin. daß nach dem Fehlschlagen des hoch­verräterischen älntemehmens des sozialdemokra­tischen Abgeordneten Hoffmann der General d e M e h sich auf die neuen Loslösungsbestrebun­gen stützte, die vom Rheinlande her auch auf die Pfalz Übergriffen. Es sei erwiesen, daß d i e Franzosen Waffen an die Separa­tisten verteilten und ihren Einzug,in die pfälzischen Städte ermöglichten, nachdem sie vor­her die deutsche Polizei entwaffnet hatten. Der Reichsanwalt sprach sich gegen die Gewährung mildernder Umstände aus und be­tonte. die e h r l o s e G e s i n n u n g der Angeklag­ten, die dem Erbfeinde in die Hände arbeiteten. Der Reichsanwalt beantragte gegen Glichen und Giehler je zehn Jahre Zuchthaus, zehn Jahre Ehrverlust und 500 Mark Geldstrafe, gegen Weih acht Jahre sechs Monate Zuchthaus, zehn Jahre Ehr­verlust und 500 Mark Geldstrafe, gegen Wag­ner und Fett je acht Jahre Zuchthaus, zehn Jahre Ehrverlust und 500 Mark Geldstrafe, und gegen Wild. Steinbrecher und Rees je fünf Jahre Zuchthaus, fünf Jahre Ehrverlust und 300 Mark Geldstrafe.

Wechsel

in der deutschen Diplomatie«

Berlin, 16. Mai. (Wolff.) Der bisherige Gesandte in Stockholm Radolny ist in gleicher Eigenschaft, unter Verleihung des persönlichen Charakters als B o t s ch a f t e r, nach Konst an- tinopel versetzt worden. Der Reichsminffter des Auswärtigen a. D. v. Rosenberg ist zum Gesandten in Stockholm ernannt worden.

Der zum Botschafter in Konstantinopel er­nannte Rudolf Radolny ist 1873 geboren. Rach bestandener juristischer Staatsprüfung wurde ev 1902 in das Auswärtige Amt berufen und 1903 der Botschaft in Petersburg zugeteilt. 1907 wurde er im Auswärtigen Amt zum Legativnsrat. 1914 zum Wirklichen Legationsrat ernannt. Rachdem er 1913 bereits an den Konsulaten inSerajewo und Albanien tätig gewesen war. wurde ihm im Juli 1916 die Verwaltung der Gesandtschaft in Persien übertragen. Am 30. Juni 1918 wurde er zum Geh. Legativnsrat ernannt; 1919 war er Leiter der politischen Abteilung beim Reichspräsidenten. 1920 wurde er zum Außerordentlichen Gesandten und bevollmächtigten Minister in Stockholm befördert. Der neu- einannte Gesandte in Stockholm Frederic v ) n Rosenberg ist 1874 geboren. Rach bestande­ner großer Staatsprüfung wurde er 1903 In das Auswärtige Amt berufen und 1905 nach Ant­werpen entsandt. 1907 wurde er als ständiger Hilfsarbeiter insAuswärtigeAmt berufen, wo er 1912 zum Wirklichen Legationsrat und Vortragenden Rat. 1916 zum Geh. L^attonsrat ernannt wurde. 1917 wurde ihm der Titel und Rang eines Außerordentlichen Gesandten und be­vollmächtigten Ministers verliehen. Rach längerer Tätigkeit in der Gesandtschaft in Bern wurde er 1920 zum Außerordentlichen Gesandten und bevollmächtigten Minister in Wien ernannt. In gleicher Eigenschaft leitete er vom 24. Dezember 1921 die Gesandtschaft in Kopenhagen, bis er am 22. Rovember 1922 zum Reichsmini­ster deS Auswärtigen ernannt wurde. Am 13. August 1923 ist er mit dem Kabinett Cuno von diesem Posten zurückgetreten.

Mieterprotefte.

Berlin, 16. Mai. (Priv.-Tel.) Am 17. und 18. Rovember d. I. finden auf Veranlassung des Bundes deutscher M iet e r per ei n e. Sitz Dresden, im gesamten Deutschen Reiche öffentliche Protestversammlungen gegen den Abbau des Mieterschutzes, die Wiedereinführung der Spekulationswirtschaft im Wohnungswesen und die Erhebung von Mietzinssteuem statt. Es wird die Erhaltung und der Ausbau des Mieter­schutzes und die Forderung des Wohnungsneu­baues durch schärfere Erfassung der Kriegs- und Rachkriegsgewinne gefordert.

Aus dem Hessischen Landtag.

Von unserer Darmstädter Redakti o n.

Darmstadt. 16. Mai. Der Finanzaus­schuß setzte seine Beratungen des Staatsvoran­schlags bei Kap. 5 (Braunkohlenberg­werke) fort, das im Budget mit 44 000 Mark angesetzt ist. Das Kapitel wird genehmigt; ebenso Kcch. 6 (Bad°Rauheim). Hierfür sind 40 000 Mk. angesetzt. Aus dem Ausschuß heraus wurde die Meinung geäußert, dah an höheren Beamten gespart werden könne. Auch Kap. 7 (Landes­theater) wurde genehmigt. Zur Intendanten- frage wurde nicht Stellung genommen, wohl aber an die Regierung die Anfrage gerichtet, wer die Erlaubnis gegeben habe, daß der Groh Herzog kürzlich beim Besuche des Theaters an einer besonderen Rampe angefahren sei? Kap. 8 (Reste aus früheren Jahren) wurde genehmigt, ebenso Kap. 9 (Anteil an den R e i ch s st e u e r n). Die Regierung wurde um Auskunft gebeten, ob nicht wieder bei der Steuerveranlagung die Progres­sion eingefuhrt werden könne. Bei Kap. 10 (Landes steuern) wurde allgemein Klage ge­führt über die Höhe der Steuern und gefragt, wann die berichtigten Berechnungen der Wehr­beiträge bei der Festsetzung der Grundsteuer zur Anwendung kommen? Die Kap. 12 (Lotterie), 13 ( nz Wesen), 14 (Staatsrente n), 15 (Ruhegehälter), 16 (Rach rüge und älnvor- hergesehenes) und 18 (Landtag) wurden ge­nehmigt. Bei Kap. 15 war bemängelt worden, daß Aufwendungen für D tiiebsirankenkasten un­ter dieser Rubrik untergebracht sind. Es wurde von derselben Seite, die dies beanstandete, ver­langt, daß diese Organisationen jene Kosten selbst tragen müßten. Bei Kap. 19 (Staats­präsident) kam man auch auf die parlamen­tarischen. Abende zu sprechen; es wurde der Wunsch geäußert, dah hierzu Vertreter von Han­del, Gewerbe usw. zugezrgen würden. Bekannt­lich ist dies bei den parlamentarischen Abenden des Oandtagspräsidenten bereits geschehen. J5>ie Kap. 20 (S taa t s ve rl a g), 21 (Auswär­tige und Reichsverhältnisse), 22 (Oberrechnungskammer), 23 «Staats- gerichtshof), 24 (Staatsarchiv), 25 (Rheinschiffahrt) und 26 (Postgebüh­ren) wurden ohne nennenswerte Debatte geneh­migt. Rächste Sitzung Dienstag.

Am Montag halten die Fraktionen der Deutschen Volkspartei und der Sozial­demokratischen Partei Sitzungen ab. Der älnterausschuh des Landtags (Ab baua Us­ch uh), der heute eine Beratung abgehalten hat, wird am nächsten Donnerstag wieder zusammen­treten, um das von der Regierung überwiesene Material zu prüfen. Die Stadt Wimpfen am Reckar chat den Landtag zu einem Besuch ein- gclaben; voraussichtlich wird dieser der Einladung Folge leisten, doch ist hierüber noch nichts End­gültiges bestimmt.

Aethiopischer Besuch in Paris.

Pans. 16. Mai. (WTB.) Der Kron­prinz Safari von Abessinien ist zum offi- zteilen Besuche in Paris eingetroffen. Er wurde am Bahnhof vorn Präsidenten der Re­publik und vom Ministerpräsidenten empfangen. Der Kronprinz hat im Ministertum des Aeußern Wohnung genommen. Zu seinen Ehren veranstaltet Ministerpräsident Poincare morgen abend ein Diner. Rach einer Meldung aus Genf wird der Kronprinz im September auch dem V ö l k e r bu n d einen Besuch abftatten und an der Dölkerbundsversammlung teilktehmen. Er wird mit dem gleichen Zeremoniell, wie kürzlich das rumänische Königspaar, empfangen. Abessi­nien wurde im letzten Jahre nach langen Debatten über den Sklavenhandel durch Unterstützung der französischen Delegation in den Völkerbund auf- genenunen.

Ein Attentat ans Wellington Koo.

Peking, 16. Mai. (WTB.) Ein Anbe­kannter lieh gestern abend im Hause des Mini­sters des Aeuhern Wellington Koo, dem ehe­maligen chinesischen Delegierten im Völker­bund, eine Schachtel mit dem Bemerken zurück, sie enthalte Gegenstände für den persönlichen Gebrauch des Ministers. Den Absender zu nennen, weigerte er sich. Wellington Koo ord­nete heute mittag an, die Schachtel zu öffnen, während er selbst in seinem Studierzimmer verblieb. Als die Diener den Deckel abnahmen, explodierte die in der Schachtel befind­liche Bombe und verwundete drei Diener, deren Zustand bedenklich ist.

Kleine politische Nachrichten.

Der australische Premierminister Druce hat ongelünbigt, daß das Verbot der Einwanderung von Deutschen 1925 erlöschen toerbe. Zu dieser" Zeit könne das Parlament, wenn es ge­wünscht würde, die Deutschen unbeschräntt zu­lassen. -Unterbeffen könne die Zulassung von Deut­schen nach diskretionärem Ermeffen erfolgen.

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, Der amerikanische Einwanderungsgesehent- tourf, der die Ausschlieh ung der Iapa- ner nach dem 1. Juli vvrsieht, ist dem Präsi­denten Cvvlidge vorgelegt worden, nach­dem er gestern von den beiden Häusern des Kongresses mit großer Mehrheit angenommen worden war, nämlich vom Repräsentarttenhause mit 508 gegen 303 und vorn Senat mit 69 gegen 9 Stimmen. Der Präsident wird den Gesetzente Wurf wahrscheinlich an das ArbeitsrniMsterium und das Staatssekretariat senden, bevor er einen Entschluß über die Einlegung eines Vetos faßt.

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Der König und die Königin von Italien werden am 26. Mai in London eintreffen.

Aus Stadt und Land.

Gießen, den 17. Mai 1924.

Richtigstellung zur Mai-Miete.

In unsere Berechnung der Maimiete 'bat sich 'hinsichtlich des Wassergeldes ein Fehler ern- geschftcken Wie das Ministeaurn für Arbeit und Wirtschaft berichtigend mitteilte,-beträgt der Sah des in'der Miete e n t h a l t e n e n Wassergeldes nicht 2 v H., sondern 21/? v. H. Das ungezogene Beispiel ist demnach wie folgt zu berichtigen:

Bettagen beispielsweise die monatlichen Frie­densmieten eines Gebäudes 50, 45, 40 und 35 Mk., zusammen 170 Mk.. so ist der Wasser­verbrauch nur insofern in der Mietzahlung ein­begriffen, als er den Bettag von 4.25 Gmk. für den Monat Mai nicht übersteigt. Würde der Wafferverbrauch statt dessen 10,20 Gmk. betragen, so wäre der überschiehende Dettag von 5,95 Gmk. anteilsmäßig mit 1,75, 1,58, 1,40 und 1,22 Gmk. auf die Mieter umzulegen.

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Die Reichs-Teueruugsziffcr.

Die Reichsindexziffer für die Lebenshal­tungskosten (Ernährung, Wohnung, Heizung, Beleuchtung und Bekleidung) beläuft sich.nach Feststellung des Statifttschen Reichsamts für den 14. Mai auf das 1,16billivnenfache der Vorkriegszeit. Gegenüber der Vorwoche (1,15- Dillionen) ist demnach eine Steigerung von 0,9 Prozent zu verzeichnen.

Gießener Wocheumarktpreise

(am 17. Mai 1924 (Händlerpreise).

Es kosteten: Butter Pfd. 200 Pf., Matte 40, Käse 6570, Eier Stück 11, Weißkraut Pfd. 50, (Selbe Rüben neue 60, alte 25, Rote Rüben 25, Spinat 4060, Spargel 80120, Blumenkohl Stck. 150200, Salat 60, Salatgurken 200, Tomaten Pfund 200, Zwiebeln 25, Lauch Stück 1020, Rettich 50, Merrettich Pfd. 40150, Sellerie Stck. 20100, Radieschen Bd. 15, Rhabarber Pfd. 25, Kartoffeln Ztr. 750, Aepfel Pfd. 40 Pf.

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** ErlaßanträgefürSondersteuer vom bebauten Grundbesitz. Im Anschluß an die an dieser Stelle am 13. d. Mts. erschienene Rotiz ist wie uns vom Finanzamt mitgeteilt wird nochi folgendes zu beachten: Anträge auf Erlaß für Personen, die nach Art. 9 des Sonder- steuergesetzcs von dieser Abgabe befreit sind (Emp­fänger von Sozialrentner-, Kleinrentner und Gr- werbslosen-plnterstützung, sowie solche, die Unter- stühung aus der öffentlichen Wohlfahrtspflege be­ziehen), müssen von dem Steuerpflichtigen, d. ch dem Hauseigentümer nicht dem Ersatzpflichtigen (Mieter) .bei dem Finanzamt gestellt werden. Entsprechende Vor­drucke sind auf Zimmer Rr. 87 des Finanzamts er- hälllich. Der Mieter hat dem Hauseigentümer

ourcy- Vorlage einer behördlichen Bescheinigung den Rachweis zu erbringen, daß die Voraussetzun­gen zu einem Erlaß vorliegen.

** Arbeitsbücher für Minderjäh­rige. In Arbeitgeberkreisen scheint vielfach die Meinung zu herrschen, daß die Bestimmungen über die Arbeitsbücher Minderjähriger aufgehoben eien. Das Polizeiamt weist bemg^g.'nüber daraus hin, daß der Arbeitgeber bei der Einstellung min­derjähriger Arbeiter stets das Arbeitsbuch anzu- ordern und dasselbe bis zur Lösung des Arbeits­verhältnisses bzw. bis zur Volljährigkeit des Ar­beiters zu verwahren hat. Rach dieser Richtung wird demnächst eine allgemeine Revision flattfin- den. Minderjährigen, die noch nicht im Besitz von Arbeitsbüchern sind, wird empfohlen, sich solche umgehend bei dem Einwohnermeldeamt, Sencken- bergstraßh Rr. 7, zu beschaffen.

** Die evangelische Kirchen» gemeinde Gießen schreibt uns, sie lege Wert darauf, mitzuteilen, daß sie den für mor­gen angezeigten Waldgottesdienst nicht veran­staltet und daß ihr Über diese Veranstaltung Überhaupt nichts näheres mitgeteilt worden ist. Dagegen ist der Familienabend, der abends 8 Ahr in der Stadlkirche stattfindet, eine Ver­anstaltung der Kirchengemeinde.

**Die deutsche Freiheit und die evangelische Freiheit bedroht", das war der Leitgedanke des Familienabends, den die Ortsgruppe Gießen des Gvang. Bundes zur Wahrung deutsch-protestantischer Interessen am Donnerstag abend in der Stadtkirche Veranstal­tete; in Vertretung des verhinderten Vorsitzen­den Professor Schmoll ward er von Pfarrer Ausfeld eröffnet. Pfarrer Haupt von Mainz-Weisenau, von den Franzosen ausgewiesen und verfolgt, gab ein erschütterndes Bild von den Zu st änden am deutschen Rhein.Wir kom­men nicht zu euch," so führte er aus,aus Mainz, sondern aus dem Schützengraben, von dort, wo gekämpft wird Tag und Rächt. Gibt es auch viele dort, die das nicht empfinden, gibt es auch, Gott sei's geklagt, viele Verräter dort, das furchtbare Leid, das herrscht, zeigt sich nicht auf der Straße, die deutsche Seele leidet Rot. Wir hassen nicht, wir haben nie den Haß gepredigt, ober lieben dürfen wir unser armes, geschlagnes Vaterland. Wir wollen auch nicht ungerecht fein gegen die anständigen Franzosen, aber am Rhein herrscht der Geist Poincares und seiner Spießgesellen. Wir sind heimatlos in unserer Heimat; es kann nicht ost genug in die Welt hinaus geschrien werden, dah z. B. die Darmstädter ihre Gräber nicht ohne Pah besuchen dürfen. Hier ist Mithilfe aller Glau­bens- und Volksgenossen erforderlich. Rhein und Rom stehen in engstem Zusammenhang. Zwar hat die gemeinsame Rot ein Band ge­schlungen um Evangelische und ehrliche Katho­liken; jedoch der Hesuitismus ist uns wesensfremd, ist unser Feind, er macht sich täglich breiter, so daß das Wort, das Schicksal der Rheinlands werde in Rom entschieden, nicht unberechtigt sein dürfte. Die Jesuiten sollten ihre Ethik Frank­reich predigen, nicht uns; denn was am Rhern geschieht, geschieht gegen Jesus; aber Jesus wird siegen und wir müssen ihm dabei helfen." Hatte man auch infolge der Ankündigung des Vor­trags andere Ausführungen erwartet, so war doch der Eindruck, den die kernigen, von trefster Vaterlandsliebe durchglühten Worte hinterließen ein ttefschürfender; und wie ein flammendes Trutz- bekenntnis zu Deutschtum und Evangelium er- klang das LutherlledEin feste Burg ist unser Gott".

D ieMar neschlacht 1914 war Gegen­stand eines Dorttages, den Oberstleutnant a. D. von Hagen auf Veranlassung des Deutschen Offizier-Bundes gestern abend in der Reuen Aula hielt. Gestützt auf ein ausgezeichnetes Karten­material entwickelte der Vortragende in einer außerordentlich klaren und durch seine Schlicht­heit besonders instruktiven Weise die strategischen Vorgänge, die vom Aufmarsch der deutschen Armee im Westen bis gur Marneschlacht führten. Jede einzelne Phase der Schlacht, über die wie kaum über ein zweites Ereignis des Weltkrieges von beiden Seiten alle Tatsachen bis in alle Einzelheiten bekannt sind, wurde an Hand von Skizzen prägnant entwickelt und dann versucht, das .,Marnewunder", wie ein französischer Mili­tärschriftsteller I-ofsresSieg" genannt hat, auf- zuhrllen. Der Vortragende, der die Schlacht als Generalstäbler im Großen Hauptquartier mitge­macht hat, lehnte es ab, die Schuld an der deut­schen Riedeclage einzelnen Personen, wie dem General von Moltke, dem Geireral von Bülow als Führer der 2. Armee oder dem Beauftragten der O. H. L., Oberstlt. Hentsch zu geben. Fehler sind gemacht worden, aber in einer Lage, die wie der Zweifrontenttieg ein strategisches Genie er­fordert hätte, wie es Feldmarschall Graf Schlief­fen gewesen war, dessen eigentlichen Aufmarsch- plan fein Rachfolger Moltke in verhängnisvoller Weise itmgeänoert hatte. Ein Schlieffen hätte mit den Russen an der Weichsel und den Fran­zosen im Elsaß mit einem starken rechten Flügel sagen können: ich schlage vor Paris! Moltke traute sich dies Wagnis mit der durch die Stra­pazen eines unerhörten Vormarsches stark ge­schwächten Truppe, die durch die Abgabe von zwei Korps an die Ostfront auch rein zahlenmäßig dem Gegner immer mehr unterlegen war, nicht zu. älnglückselige älmstände bei der 2. Armee lösten den verhängnisvollen Rückzugsbefehl für die gesamte Westfront aus in einem Augenblick, als Kiuck an dem ursprünglich am stärksten be­drohten rechten Flügel den Sieg in der Tasche hatte. Mit Recht wies der Vortragende zum Schluß darauf hin, dah die eigentliche Schuld an dem Versagen an der Marne Volksvertretung und Regierung trugen, die nicht weitsichtig genug waren, die allgemeine Wehrpflicht in dem Um­fange durchzuführen, wie es nötig gewesen wäre, um zumindest unseren westlichen Gegnern ge­wachsen zu fein.

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