Ausgabe 
15.12.1924
 
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ttoogen werde. Man fei der Ansicht, Dafi nur HerriotS persönlicher Einfluß bisher die Sozialdemokraten veranlaßt habe, Die rein radikale Regierung zu stützen.Times" be­zeichnet ebenso wie die übrigen Blätter Pain - lebe und Briand als voraussichtliche Rach- solger und sügt hinzu, allgemein werde ange­nommen, Dafi, wenn die Sozialisten wieder eine aktive Beteiligung an der Regierung ablehnten, eine Konzentration in Der Richtung nach dem Zentrum unvermeidlich werden würde.

DasEchodeParis" und dieE r eR o u- belle" beschäftigen sich ebenfalls in längeren Ausführungen mit den politischen Folgen, die die längere Dauer der Gr'rantung Remote haben könnte. DasEcho de Paris" schreibt, der Gesund­heitszustand des Mini.erpräsidenten flöhe seiner Umgebung eine gewisse Sorge ein. Er empfange außer seinen nahen Freunden nur wenig Besuch. Der Krankheitsbe'icht der Aerzte habe in der Kammer zu verschiedenen Kommentaren Deran- lassung geg bcn. Man habe l eson^ers daraus hin- gewiesen, Dafi, wenn der Gesundheitszustand des Ministerpräsidenten weiter e.n't bleibe, man mit einer Demission des Kabinetts rechnen müßte. Schon spreche man von Painlv 6 als dem eventuellen Rachfolger Herriots. Auch an­dere Ramen würden genannt. Aber alle di'.fe Bor­aussagen seien heute zweifellos verfrüht. Es ' würde im Rotfall wohl beschlossen, Dafi bis zur Eröffnung der ordentlichen Parlamentssession im Januar Iustizminister Rene Renault interi­mistisch den Borsitz im Ministerrat ühren würde.

Auch dieErc Rouvelle" hält es nicht für ausgeschlossen, daß der Gesundheitszustand Her­riots politische Beränderungen notwendig machen werde. Sie schreibt: Wir wünschen aus unserer Freundschaft für Herriot heraus, die nicht blind aber immer aufrichtig war, daß der Mmister- Präsident bald wieder hergestellt ist und in der Leitung der Staatsgeschäfte rasche st ens seinen Platz wieder einnimmt, den er mit so viel Mut ausgefüllt hat. Wir glauben indessen, Heuchelei und sogar einen Fehler zu begehen, wenn wir verschweigen würden, daß in den politischen Kreisen die Frage gestellt wird: Was geschieht, wenn Herriots Krankheit anDaucrt? Bon einigen Persönlichkeiten wird diese Frage nicht vollkommen desinteressiert be­antwortet: viele andere jedoch lassen ihre Be­unruhigung erkennen. Dem jetzigen Ministerium ist in solchem Maße der Wille des Minister­präsidenten aufgedrückt, daß man nicht recht er­kennt, wie ohne ihn der Eindruck erweckt wer­den soll, daß eine Regierung vorhanden ist.

Eine neue Ausstands­bewegung in Marokko. Kritische La^e der Spanier. Der

Kampf des Islams.

Paris, 15. Dez. (Sil.) Die Pariser Mor- genblatt.'r sind voll von Meldungen über eine neue Aufstandsbewegung des Stammes der Andjaras, die sich am Freitag gegen die Spanier empörten und durch einen Handstreich «ine spanische Garnison überrum­pelt haben. Wie derPetit Parisien" berich­tet. haben die Aufständischen den Vormarsch auf Tetuan angetreten. Die Stadt ist be- drHt, da die Aufständischen nur 30 Kilometer Vv» dem Schienenstrang TetuanCeuta entfernt sind. Man rechnet damit, daß der Stadt die Lbbensmittelzufuhr abgeschnitten wird, andererseits tonnen Dampfer aus Gibral­tar nicht in den Hafen von Tetuan einlaufen, da die Stadt In der Tragweite der Geschütze der Artillerie der Aufständischen liegt. Die neue Auf- standsbewegung erregt in den spanischen Militär­kreisen große Bestürzung, und kann die schwer­sten Folgen nach sich ziehen. Rach demMatin" ist sogar die Lage in Tanger als kri­tisch zu bezeichnen. Das Blatt hat von einer Persönlichkeit der hiesigen spanischen Botschaft er­fahren, daß dir neue Aufstandsbewegung das Er­gebnis der großzügigen Bewegung ist, . die in Aegypten eingesetzt hat, sich in Tunis aus- dreitete und jetzt aus 10 000 Araber des Stammes der Andjaras Übergriff. Spanien ist der Gefahr ausgesetzt, seinen letzten Halt in Ma­rokko zu verlieren. In Frankreich ist man mit Recht um seine Interessen besorgt sowie um die Rückwirkungdes Aufstandes auf 211» gier. Die französische R.gierung hat eine Rote an das Direktorium gerichtet, in der sie mitteilt, daß eine Räumung der spanischen Ma-

rokkozone den Bestimmungen der vereinbarten Verträge widersprech«. Ich glaube zu wissen fügte die betreffende Persönlichkeit hinzu, daß die Lage von dem französischen Ministerpräsidenten und Austen Chamberlain in Paris eingehend be prochen und ein vorläufiges Abkom- men, das sich auf die unmittelbare Zukunft be­zieht, getroffen wurde.

Frankreich und Marokko.

Poris, 15. Dez. (WTD. FmNpruch.) Q, o iD en" re o fe .t icht fv gende. of en o: be­einflußte Auslosung: Iniolge des spanischen Rüct'uges in Ma.o ko se en Geüchte im tim.auf gewcs n. daß Di' frarvof fj>e Regierung sich an- schicke, die im SifgebietburtfibicSruV0 penPrimodeRiveroZgeräumtenGe- biete z u besetzen.Q o'iden" glaubt zu wissen, daß in Paris niemals Die Rede davon gewesen sei. Die französische Desahungs- um«» über Die durch das letzte Abkommen fest­gesetzten Grenzen hinaus zu vergröß rn. Eine frai ös'.sche Exped tio i im Ri geble! wu.de sicher­lich nicht die Zustimmung des Parla­ments erhalten.

Blutige Unr hen in Moskau.

Berlin, 15. Dez. (TU.) DerMontag- Morgen" ve bre tet eine P.iv tmeldung au8 Moskau, daß sich bei der vorgestrg n Abreise Trotzt is trotz stre-g'ter U b .wachunf du ch d'e Tscheka oppositionelle Element; auf di; Straße gewagt hätten. Es sei zu Ovationen für den abre(senden Trotzki gekommen, die von den Anhängern des herrschenden Systems mit heftigen Gegendemonstrationen er­widert worden wären. Die Demonstrationen hätten bis in die Rachtstunden g diuert. Dabei sei es an verschiedenen St.llen in MoS au und in der Umgebung zu blutigen Zusammen­stößen gekommen.

Dor dem Aufbruch eines neuen Bürgerkrieges in China.

R e u y v r k, 14. Dez. (TU. Kabeldienft.) Die Lage in K i a n g s u ist auf d a s ä u ß e r st e ge­spannt. Tschanq Tso Lins Truppen sind auf dem Marsche nach Schanghai und haben bereits die Stadt Tetschau bei Tientsin passiert. Kiangsu und andere Provinzen haben Truppen gegen Tfchang Tso Lin Aufgeboten. Man befürchtet Den Wiederausbruch eines neuen Bürgerkrieges.

Der Haarmann-Prozeß.

Honnover, 13. Dez. (TU.) Der Andrang des Publikums zp. den Derhondlungen nimmt weiter zu. Die Sönnabendverhandlung beginnt mit Dem Fall Hannapel, Düsseldorf, Den Haarmann zugibt. Grans ist hier Der An ° stiftung angeklagt. Der Zeuge Kriminal- assistent S ch m i t t a erklärt, Haarmann habe ihm Den Hut des Ermordeten angeboten. Haarmann habe Den Hut in Anwesenheit des Zeugen bei Der Bahnhofswache abgegeben. Auf eine Frage des Dorsihenden. ob er den Hut bezahlt habe, er­widert Der Zeuge, aus der Bezahlung sei nichts geworden, weil Hoarmann mehrere Wochen nicht erschien.

Der Zeuge Strafgefangener Seidel be­hauptet, Grans habe den jungen Hannapel auf Dem Bahnhof angesprochen, mit sich ge­nommen und Dem Angeklagten Haarmann, der am Bahnhofspvrtal stand, einen Wink gegeben. Grans bestreitet die Richtigkeit dieser Aussage.

Es wurden Dann Die Zeugenvernehmungen über Den Fall Hennjes vorgenommen, In wel­chem bekanntlich Haarmann Grans und Witt- towsky schwer belastet hat. Aus Die Auf­forderung des Vorsitzenden an Haarmann, nun Die Wahrheit zu sagen, erklärt Haarmann: Eines Tages sprachen mich Grans und Witt- kowsly auf der Straße an und sagten, sie woll­ten mein Zimmer haben, weil sie mit jeman­dem eine Auseinandersetzung hätten. Ich bin Dann aus meiner Wohnung weggeblieben. Als ich morgens wiederkam, lag einer im Bett. Wir sprachen Dann zusammen und ich sagte: Der ist ja tot! Da lachten Die beiden höhnisch und sagten: Der lag doch schon darin, als wir kamen. Das bist du ja gewesen! Ich antwortete: Ihr seid Wohl verrückt geworden? Ich weih ganz genau, daß mein Zimmer sauber War." Aus Die weitere Frage des Borsitzenden sagt Haarmann,

In DerRoten Reihe" habe er es mehrmals abgelehnt, seine Wohnung zu verlechen. In der Reuen Straße habe er es öfters getan. Haar­mann bestreitet entschieden, Hennies ermordet zu haben und schiebt Die Schuld Grans und Wiltkowskh zu. Die Leiche sei nicht von ihm gewesen, sonst hätte sie einen Biß haben müssen.

W i t t t o w s k h behauptet, Hennjcs nicht ge­kannt zu haben. Er sei mit Grans niemals nachts in Haarmanns Wohnung gewesen. Er bestreitet, junge Leute dorthin mitgenommen und ermordet oder ausgeplündert zu haben. Er habe ine von Haarmann Die Wohnung geliehem. Der Bor- sitzende richtet an Haarmann Die Frage: /War Wiltkowskh mit in dem Zimmer, als die Leiche Da war?" Wittkowsly erklärt Darauf:Das ist nur ein Racheakt von Haarmann, weil er mich haßt." Der Borsihende wendet sich wieder an Haarmann und hält ihm vor:Wenn Sie nun die beiden zu unrecht beschuldigten . . . (Haar­mann dazwischen rufend: . . Dann wäre Das gemein!")! Besitzender:Ja, Haarmann. Wollen Sie Ihre Angaben voll aufrecht erhalten? Haarmann erwidert mit 3a.

Die Ermordung des Sohnes des W-rkmeisters Koch gibt Haarmann zu, ebenso die Ermordung des jungen Spiecker.

2lus aller Well.

Jubiläum drs Mainzer Gutenberg- Museums.

Mainz, 14. Dez. (WTD.) Das Gutenberg- Museum in Mainz und Die mit ihm verbündete internationale Gutenberg-Gesellschaft, die beide ihr Entstehen der Begeisterung des glänzenden Mainzer Gutenbergsestes von 1900 verdanken, feiern im Jahre 1925 das erste Vierteljahr- hundert ihres Bestehens. Zu diesem Doppel-Jubi­läum wird eine internationale Fest­schrift herausgegeben, an Der etwa 60 hervor­ragende Männer des alten und des modernen Buchdrucks aus fast allen Kulturländern Der Welt mitarbeiten. Außerdem soll in Mainz eine große Ausstellung über Die Entwick­lung desschönen Deutschen Buches seit 19 0 0" aufgebaut werben. Bei Der hohen Blüte der modernen deutschen Buchkunst Dürfte diese Ausstellung das stärkste Interesse Der Fach­welt, der Bücherliebhaber und Der Kunstfreunde weit über Die Grenzen Deutschlands hinaus er­wecken.

wurden mit erdrückender Mehrheit abgelspn». Es sprach dann noch eine Reihe von Rednern teils für, teils gegen den Ausschluß. Rochdcm odann nochmals Der Referent in seinem Schluß­wort die verschiedenen G.ünde des Ausschlusses Darlegte, wurde zur geheimen Abstimmung geschritten, Die folgendes Ergebnis hatte: Für Den Ausschluß Der Sektion Donauland stimm» ten 1673, für ein Verbleiben 191. Die notwendige Zweidrittelmehrheit war somit bedeutend über­schritten.

Zusammenbruch der LLiener Volksoper.

Wien, 14. Dez. Die Bolksoper, eine Ein­richtung der Gemeinde Wien, ist zusam- mengebrochen. Die heutige Ausführung von Wag­nersGötterdämmerung" konnte nicht mehr st a 11 f i n d e n , da die Mu üer wegen Nichterfül­lung ihrer Forderungen Die Mitwirkung verwei­gerten. Die Musiker beschlossen, Da sie nicht mehr Dem Verbände Der Bolksoper angehören, schon feit einiger Zeit, nur gegen Vorauszah­lung der Gagen mitzuwirlen und für Die folgen­den Vorstellungen einen höheren Tarifsatz und außerdem die Auszahlung des noch rückständigen Rovembergehalis im Betrage von 40 Millionen Kronen verlangten. Der Berwaltungsrat Der Bolksoper erklärte sich außerstande, diesen For­derungen zu entsprechen, was Die Musiker mit Der (5 i n ft e 11 u n g d e s D i e n ste s beantworte- ten. Die Musiker und das darstellende und tech­nische Personal haben ihren Vertrag mit Dem Theater für gelöst erklärt. Die Aufführungen sollen vorläufig unter Austeilung Der Einnahmen unter das gesamte Per­sonal sortgesührt werden.

Denkmalsweihe in München.

München. 14. Dez. (WTB.) Unter Betei» ligung Der weitesten Schichten der D völkerung Münchens wurde heute vormittag das Denk­mal für die Gefallenen Der bayri­schen Landeshauptstadt vor Dem Armee» museum im Hofgarten feierlich enthüllt. An der Feier nahmen u. a. Der frühere Kronprinz Rupprecht und das g:f imte Staat« m in i® steriuin te l, sowie L. not g präsdmt König­bauer mit den Dertr t:rn des Landtages, ferner Vertreter Der ftäDtJdjen Behörden, Der Uni­versität usw.

Aus Stadt und Land.

Eine Thomafeier in Karlsruhe.

Karlsruhe, 14. Dez. (WTD.) In Der überfüllten, sinnig geschmückten Festhalle fand heute mittag eine imposante Gedächtnisfeier für den Altmeister Der Deutschen Malerei. Ha ns Thom a, statt, zu der Regierung und Stadt­verwaltung eingeladen hatten. An Der Spitze Der rund 3000 Teilnehmer bemerkte man Den Vizekanzler, Reichlinnenminister Dr. Jar­res, Den badischen Staatspräsidenten D r. H e l p a ch mit seinen Ministerkollegen sowie Den Oberbürgermeister Dr. Sinter. Im Mittel­punkt Des von hervorragenden künstlerischen Kräf­ten bestrittenen musikalischen Programms stand Die Gedächtnisrede des Geheimrats Professor Dr. R a u m a n n von Der Universität Heidel­berg. Der schilderte vom Standpunkt des Kunst­historikers aus die Persönlichkeit Hans Thomas als Künstler und Mensch.

Ausschluß vonDonauland" aus dem Alpenverein.

München, 14. Dez. (WTB.) Die außer­ordentliche Hauptversammlung des Deutsch- Oesterreichischen Alpenvereins hatte sich mit Dem Antrag des Ausschlusses Der Wiener Sektion Donauland zu beschäftigen. Der Besuch aus Dem Reich und aus Oesterreich war sehr stark. Bald nach Beginn Der Versammlung berichtete Der Referent, Oberbaurat Rehlen, über Die GrünDe, die Dazu geführt haben, Den Ausschluhantrag zu stellen und streifte Dabei verschiedene Vorkommnisse, so u. a. Den Er­werb Der Mainzer Hütte durch Die Sektion Donauland. Er faßte seinen Bericht dahin zu­sammen, daß Die Sektion Donauland gegen Die alpinen Sitten und An st and v e r -- stoßen haben und daß ihr ferneres Verbleiben im Gesamtverein, dessen gedeihliche und friedliche Fortentwicklung auf das Schwerste ge­fährden würde. Alsdann wurden Drei An­träge eingebracht, Die Die Angelegenheit ver­tagt wissen wollten, bis sich Die erregten Ge­müter wieder beruhigt hätten. Diese Anträge |

Gießen, Den 15. Dezember 1924.

Die Höchstsätze der Erwerbsloscusürsorge

betragen vom 15. Dezember 1924 ab bis auf wei­teres im Wirtschaftsgebiet Westen, wozu Gießen gehört, wochentäglich

in Den Orten Der Ortsklassen A B C D u. li 1. für männliche Personen: in Reichspfennige

a) über 21 Jahre .... 125 117 109 101 b) unter 21 Jahren. ... 75 70 65 60

2. für weibliche Personen:

a) über 21 Jahre ... 112 105 98 91

b) unter 21 Jahren ... 68 63 58 53

3. als Familienzuschläge für:

a) den Ehegatten .... 44 41 38 35

b) Die Kinder und sonstige unterstühungsberechtigte Angehörige..... 31 29 27 25

VornoLizcn.

Lageskalender für Montag. Konzertverein: 71/2 Hfir Stadttirche: Erstes Chorkonzert. Lichtspielhaus Bahnhofstraße: Die Flucht in Die Ehe."

c

** Der Silberne Sonntag bracht? bei dem schönen trocken:n Wetter D n Gesch'if.s- straßen unserer St.idt einen außerorde.itliä) star­ken Verkehr. Der Zuspruch Der Kauflustigen galt besonders Den Spiel- und L xt lw r ng schäften, in denen zeitweise ein großes Gedränge herr.chte; hier und da mußte fogir vorab rg hend mal g bremst" werden, we l man deS Andr ngs nicht anders 5)crr werden konnte. I.i Den Läden der anderen Dranch:n g ng cs w fent ich ruhiger zu: das g lt namentlich von Den Luxuiw ren- geschähen. Ho fentl ch wird nun auch der Goldene Sonntag Den Wünschen u.is r ?r Geschäftswe t und manchen gestern noch getauscht.n Hoffnungen Er­füllung bringen.

** Eine öffentliche EtadtverorD- neten-Cihung f nDet am nächsten Freitag, nachmittags 4 Llhr b g nnend, im Stadtv rordne»

GberheWcher Uunstverein.

Ausstellung Kasseler Künstler.

Die Schwalm ist eine Der nicht sehr zahl­reichen deutschen Landschaften, d?ren Bewohner alte S.tte und alte Tracht b s auf unsere schnell- lebenve Zeit hin bewahrt haben. So ist es kein Wunder, daß schon in Den achtziger Jahren des vorigen I.'.h. Hunderts das Inter.sie Dec Maler für dieses zäh am Ueberlommenen hängende Döllchen in seiner farbenfreudigen, bunten Tracht erwachte. Mm diese Zeit entstand in Willings­hausen, das jetzt ni t Recht das Mal''Dorf g?» nannt w rd, c ne Mal rkoloni?. Bon F ankreich ausg hend, brc.t.t: sich int vorigen Jahrhundert der Gedanke dieser Malerkolon en auf Dem Lande auch in Deutschland aus. E ne der b.kanntesten hier war Die Worpsw?d:r Schule, dec Künstler wie Bogel r, Hoetgcr, die M.das hi und an2e e ang horten. Den Ramen dcs M.lerDorf?s Wil­lingshausen aber kann man nicht aussprechen, ohne gleichzeil g Die Ramen Wsth?! n Thiel-- ma n n und K.irl Ban her zu nennen. Beide sind in Der gegenwärtigen Ausstellung des Kunstvereins mit Werken v:rtrct.n.

Wilhelm Thielmann, Der 1868 in Her­born geboren war, wurde uns leider vor weni­gen Wochen durch Den Tod entrissen, viel zu fiüh für die Kunst, der er sicher noch viel hätte geben können. Thielmann war längere Zeit Lehrer, ehe er sich ganz Dem Malerberufe widmen tonnte. An Der Kaifeler Kunstgewerbeschule bestand er das Zcichenlehrereramen, um dann neun Jahre lang an derselben Schule als Lehrer zu wirken. Erst verhältnismäßig spät gelang es ihm. unabhängig als freier Künstler zu schaffe:,. Aeußerliches. mag man das nun Zufall oder Schicksal nennen, ist oft für Das innere Leben von entscheidender Wichtig feit. So ergab es sich durch die Tätigtcit Thiel manns in Kassel von selbst, daß er schon Du ch c örtliche Rahe in Verbindung mit der W llingi Häuser Malcrlolonie kam. Oo er bei seinem ersten Besuche in Willingshausen, im Jahre 189? ahnte, Daß er hier seinen persönlichen Stil zu Der Boll m- dung b i g>n sollte, w e wir ihn h ul: fcn-cn' Thiel.--E verwuchs nach und nach immer fester

mit seinem Willingshausen, DaS seit 1903 sein Dau­ernder Wohnsitz war. Gerade dadurch aber, daß Thielmann das ganze Jahr unter den Schwälmern lebte, verband ihn ein engeres Band mit den Bauern. Denn den Alltag. Freud und Leid, er­lebte er mit ihnen. So mußte er zum Schilderer eben dieses Lebens werden.

In der AusstellungKasseler Künstler" ist Thielmann mit mehreren OelbilDern und ver­schiedenen graphischen Blättern vertreten. Sein Größtes hat Thielmann in der menschlichen Auf­gabe des Künstlers geleistet, Der Darstellung des Menschen. Seine Trauernde" ist von größter Ge­schlossenheit. Holbein kommt einem dabei in Den Sinn. Gewiß, DieTrauernDe" ist kein Porträt, aber es handelt sich hier nicht um objektive, gegenständliche, sondern um subjektive Verwandt­schaft. um die des Wollens und der Gestaltung. Die Monotonie der Farbe ist als Ausdruck des Inhaltlichen bedingt, aber in welcher Weise ge­lang die Gestaltung? Das Dunkel des Gewandes hebt sich nur wenig von Dem Grau des Hintergund.s ab, und doch g:nug, um die F gur feiner Trägerin als Gan es herauszuhed.n. Em ganz kleines St.ck Weiß nur, das Tuch in Der Hand Der Frau. Es ist Der einzige, absolut Helle Ton auf Dem ganzen Bild. Der gedämpfte Ton der Hand und des Gesichtes ist rein farbig gesehen als Hebet- gang zwischen Dem Dunkel des ilebrigen und diesem Weiß. Sehr geschickt ist Die Heberschnei- fcung Der Hand durch den unteren Bildrand. DieseTrauernde" reizt zur Interpretation des Stimmungsgrhaltes. wir müssen es uns aber ver­sagen, um nicht mehr, als unbedingt notwendig, in die Sphäre des Subjektiven zu gehen.

Sehr frisch und lebendig ist Thielmanns ..Schwälmer Kinder köpf chen". Drei Töne beherr­schen das Bild, die fehl' fein ineinander kompo- | niert lind Rot-Geld. Grün und Sch.varz-Braun. I Auch dasStilleben" ist im wesentlichen farbig bestimmt und will so gesehen werden. Gewiß, Der Blumenstrauß hat keine Tiefe, aber den Künstler interessiert das hier gar nicht. Er wollte Farben geben, viele bunte Blumen, wo man bei jedem Hiusch 2uen etwas Reues sieht. Die vielen Einzel- farben. Die sonst leicht auseinanderfallen könnten,

werden durch Den verhältnismäßig einheitlichen Hintergrund zusammengesaht.

Die von Thielmann ausgestellten Landschaf­ten scheinen uns nicht von der gleichen Vollen­dung zu fein. Die Geschlossenheit, die wir bis jetzt bei allen farbigen Kompositionen des Künst­lers fanden, ist hier nicht von gleicher Stärke. Beide Bilder, DieLanDschaft" und DerGang zur ©rntearbeit" zeigen pointillistische Manier. Die Farbenflächen werden in viele kleine Farb- slecken aufgelöst. Bei DerLandschaft" wirkt das gut, es gibt jedenfalls ein in dieser Schwalm- landschaft enthaltenes Element wieder, aber cs wirkt int ganzen doch mehr oder weniger als Experiment. Roch mehr bekommt man diesen Eindruck bei DemGang zur Erntearbeit". Hier ist Der Pointillismus Der Landschaft auch auf Die Figuren übertragen.

Die Graphik Thielmanns steht durch­schnittlich auf großer Höhe. In DerToten­frau" ist Das Problem DerTrauernden" nicht in derselben Vollendung gelöst wie dort. Cs fehlt etwas Die starke Konzentration des Aus- Druckes, Die Dort vorhanden ist. Auf Den meisten Blättern hat Den Künstler das alte malerische Problem des Verhältnisses von Licht und Schat­ten sehr stark interessiert. DieSpinnstube I" zeigt große Kontraste, dieSpinnstube II" hat Diffuses, sich mehr gleichmäßig ausbreitendes Licht. Auf DemHochzejtsabend" fehlt vielleicht absichtlich etwas das Gleichgewicht des Tones: Die rechte Hälfte Der RaDierung ist relativ sehr dunkel, die linke ganz hell. Mehr Gleichgewicht zeigt Das Verhältnis Der Tonkomponenten im ..Wirtshaus". Darstellung Der Ruhe gelingt Dem Künstler meist besser wie Die starker Bewegung. Die Radierung ..Aus Dem Tanzboden" ist stellen­weise etwas stilisiert, so Der Rock Des Mädchens zu äußerst rechts. DieAbendfahrt", bei Der leise ein bischen Sentiment durchklingt, zergt das diffuse Licht derSpinnstube II", nur in an- Derer Anwendung. Sehr gut gelungen sinü Die Charakter köpfe auf DerHolzversteigerung". Man wundert sich bei den meisten Radierungen, wie es der Künstler verstanden hat, Die einzelnen Typen zu differenzieren.

Das Porträt, das Karl B a n h e r aus­gestellt hat, gibt in vols.mdeter Techn k, sehr fein das Wesentliche dieses G'lehrtcnkop'es wieder, soweit es überhaupt mit mala? schen Mit­teln möglich ist. Reben dem Kopf fällt beson­ders Die sehr gute Rachgestaltung der Hände auf. Echliephake g bt in maler sch-weich m Stil abstrakte Phantasielandschaften. Ein unacr* kennbar romant scher Zug bricht in seinen Bil­dern durch. D.e ..Alp nlandschaft" zeigt An­klänge an E. D. F.iedrich Sehr einheitlich im Ton ist das St HebenSonn nalum .n". b i dem das Goldgelb der Blumen aus Dem Duntel Der ilmg'bung herausleucht t. Se ne .,B .D.nDe", bei Der Das auf den Fleischton Dünn ausgesetzte Licht gut mit Dem Dunkelen Rot Des Mantels zusammenklingt. erinnert etwas im Ton an H. v. MarüesBad Der Diana". DerSturm am Meer" von G. Sh g bt Dekorativ stil siert gut Den Durchg h nden Ryyth nus Der B w.gung in Der Gestaltung des Wassers, des Sandes und des Strandgrases in ihrem Zusaminenllingen. SeinHerrenbildnis" w rkt sehr lebendig und Wesentliches g.benD. D s einfarbig: Dunkel des Anzuges wirb aufgehoben durch d:n dekorativ bewegten Hintergrund.

ShsWilhelmshöhe" zeigt in Der farbigen Behandlung der Anklänge an TrübnersSchloß Hemsbach". H. D er sch gelingt bei seinen Land­schaften die Wiedergabe Der Impression besser als abstrahierende Gestaltung. Die Bilder F e n n e l s sind impressionistisch gesehene Motive aus Der hes­sischen Landschaft. Don den BilDem I. von B a ck e l s scheint uns derRürnberger Markt" stärker wie DieAllee", wo das Licht zu hart stilisiert durch die Bäume durchfällt. H. D. S ch 1 e- g e l hat ein GemäldeFrühlingsblumen" ausge­stellt. R. Siegmund liegt t)tc Landichast mehr als die Allegorie. Am besten ist seineDorf- ftrafie", nur stören die etwas stark angewandten violetten Schatten etwas die Einheitlichken. Sem Wildungen" ist zu sehr stimmungsmäßig ftüifiert. Die dekorativ gesehenen Allegorien Siegmunds zeigen Thomaanklänge, charakteristisch sind u. a. Dafür die Putten. Dr. H. O. B.