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Nr. 190
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Erstes Blatt
174. Jahrgang
Donnerstag, 14. August 1924
SiehenerAnzeiger
General-Anzeiger für Oberheffen
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Eine neue Krise der Konferenz.
Herriot besteht aus Nuhrbesetzung bis zum August 1925. — Der Reichskanzler macht auf die ernste Lage aufmerksam.
• Als am Montag Herr Herriot mit den in Paris im Ministerrat einstimmig beschlossenen Bedingungen für die von Deutschland und den Alliierten geforderte Ruhrräumung in der Tasche nach London zurückkehrte und als am Dienstag das Barometer der offiziösen Stimmungsmacher das schönste Derständigungswetter prophezeite, glaubten deutsche Publrtisten ihre schon seit dem Wonnemonat Mai bereitgehaltenen Hymnen auf die Verständigung und Verbrüderung der französisch-deutschen Demokratie nicht mehr länger im Tischkasten liegen lassen zu dürfen. Anstatt den deutschen Vertretern in London auf alle nur erdenkbare Weise den Rücken zu stärken, wurde der Flug in das Wölkenkuckucksheim der Illusionisten unternommen und durch mehr oder weniger begeisterte -Zustimmung zu dem französischen Entgegenkommen, dessen Art und Umfang man gar nicht kannte, und zu den deutschen Erfolgen der Gegenseite erwünschte Gelegenheit für neue taktische Manöver gegeben. Man konnte, wenn man die mit allen sprachtechnischen Mitteln betonte Genugtuung über die in der Gewährung der Gleichberechtigung an die deutsche Delegation liegenden „Fortschritte" der europäischen Kultur las, die Ansicht gewinnen, als ob wir Deutschen tatsächlich em Bedientenvolk seien, dem die fabelhafte Gnade zuteil toirt), am Tische der alliierten Herrschaften scheu, mitieden und mitessen zu dürfen. Selbst die unverdaulichen Dissen, die der großmächtige Herr Herriot als Beweis seines Derständigungs willens den Deutschen hinwarf, damit auch fte öffentlich den Beweis lieferten daß sie der Verständigung jedes Opfer, selbst das neuer Demütigungen und einer unheilbaren Magenverstimmung zu bringen bereit seien, selbst diese „menschen- und friedensj reund- lichen" Handlungen brachten unsere Illusionisten nicht zur Besinnung. Sie haben anscheinend vergessen. daß es sich in London um die Inkraftsetzung eines Vertrages handelt, der als solcher von allen Beteiligten in ferner Gesamtheit angenommen ist, und zwar von fetten Deutschlands, dem mit dem Abschluß neue gewaltige und über das Versailler Diktat weit hinausgehende Lasten auf gebürdet werden, unter selbstverständlichen, klar umrissenen Bedingungen und Voraussetzungen. An Frankreich lag es, gegenüber dem erneuten* Beweise der deutschen Bereitwilligkeit zur Llebernahme einer in der Geschichte unerhörten Folge von Verpflichtungen und Leistungen die billigen Phrasen von dem Werden einer neuen, auf Friedenswillen und Verstärtt>igung beruhenden Zeit in die Tat zu übersetzen. Dazu bedurfte es nur einer Wiedergutmachung des himmelschreienden ülnrechts, das von der größten Militärmacht der Welt im Siegerwahn in den letzten Jahren an dem wehrlosen deutschen Volke verübt wurde. Der Weg ist der französischen Regierung durch den Sachverständigenbericht vorgezeichnet, durch Aeuherungen der englischen Regierungsmänner und prominenter Persönlichkeiten in allen Ländern näher beschrieben und durch die deutschen Bedingungen eingehend ausgebaut worden. Aber Herr Herriot konnte irrib farm ihn nicht finden, sondern bewegt sich in den Geleisen, die der Marsch Poincares und der französischen Militaristen ausgesahren hat und die zu Raub, Erpressungen und sonstigen Heldentaten führen. Alle Hilfsmittel der Pariser Gewaltpolitiker — von der imaginären bedrohten „Sicherheit" Frankreichs, das sett Jahr und Tag die Sicherheit, den Frieden und die Freiheit Deutschlands vergewaltigt, bis zu den handgreiflicheren Wünschen der französischen Schwerindustrie — werden hervorgesucht, um das Selbstverständliche nicht ausführen zu müssen: die Freigabe der widerrechtlich zu durchsichtigen Zwecken besetzten deutschen Gebiete. Darüber hinaus sucht der Verständig ungspolttiker Herriot noch eine Reihe von wirtschaftlichen Abmachungen mit Deutschland heimzutragen, die den Zorn derer beschwichtigen sollen, die in der dauernden Riederhaltung der Arbeitskraft und Arbeitsfähigkeit Deutschlands ihren Vorteil sehen. Was nützt es der Konferenz, was Deutschland und dem Frieden, wenn Herriot in einer „ergreifenden" Rede — wie der Pariser „Matin" sie nennt — gestern die zukünftigen deutsch-fvanzösischen Beziehungen schilfert und fein: persönliche Friedensliebe betritt und wenn er der Gegenwart nicht Rechnung zu tragen vermag. ^Befreiung der widerrechtlich besetzten Gebiete, rascheste und v)llkvm- menste Widerherstellung der durch das Versailler Diktat und das Rhernlandabkommen Deutschland gewährleisteten Autorität und Souveränität auch im altbesetzten Gebiet, Sicherheit gegen einen neuen Rtecht- und Siegerkoller: das sind nicht nur die fundamentalen deutschen Bedingungen, sondern auch die Voraussetzungen des Sachverständigenberichts selbst. Die von Herriot gestern als äußerstes „Entgegenkommen" bezeichnete Räumung der Ruhr bis zum August 1925 ist eine glatte Erkennung und Ablehnung dieser Tatsachen. älnd die Krise, in die diese Haltung der Franzosen die Konferenz erneut gebracht hat, dürfte, wenn überhaupt, nur durch Macdvnald zu lösen sein. England hat es in der Hand, durch die Erklärung, daß es bestimmt am 10. Januar 1925 die Kö l ° ner Zone räumen wird und daß eine etwaige neue Besetzung dieses Gebietes durch Franzosen vertragswidrig ist, den .Unbelehrbaren den <Dind aus den Segeln zu nehmen. Ob sich Mac-
donald zu dieser Erklärung aufraffen wird, ist jedoch fraglich. Denn auch hier ist der Geist willig, aber der Wille schwach.
So sind heute für uns die Aussichten der Londoner Friedenskonferenz von problematischer Ratur. Doch nur diejenigen kann diese Entwickelung überraschen und enttäuschen, die mit den Augen der Illusionisten von Frankreich wahren Friedenswillen und tatsächliche Bereitschaft, zur Liquidation der Macht- und Gewaltpolitik ertoar- teten.
Die Gegensätze in der gestrigen Sitzung.
London, 13. Aug. Der Sonderberichterstatter des Wolffbureaus erfährt über die heutigen Verhandlungen zwischen den deutschen, franzölischen und belgischen Delegationen, die den ganzen Vormittag und Rachmittag in Anspruch nahmen, daß in der Haupt frage, der militärischen R ä umu n g s f r a g e , fein Fortschritt erzielt wurde. Heute vormittag war die französische Delegation durch den französischen Ministerpräsidenten H e r r i v t, P e- retti della Rocca und Dergery vertreten. Am ^fachmittag nahmen auch der französische Finanzminister Clemente! und der Kriegs= Minister Rollet an den Verhandlungen teil. Der französisckte Ministerpräsident erklärte, sein Vorschlag gehe dahin, daß die Ruhr geräumt . werden solle in einem Maximum von von einem Jahr. Er fügte hinzu, er könne keine Angaben über eine staffelweise Räumung machen. Die von deutscher Seite gestellte Frage, ab welchem Tage die Räumungsfrist in diesem Falle zählen wurde, soll morgen beantwortet werden.
Reichskanzler Dr. Marx war heute bei Macdvnald, um ihm von dem Ernst der Lage Kemttnis zu geben und ihm mitzuteilen, daß die deutsche Delegation auf diese französischen Vorschläge nicht eingehen könne. Da am Rachmittag angesichts des starken Gegensatzes zwischen den beiderseitigen Auffassungen eine Stockung eintrat, teilte der Reichskanzler mit. daß c; angesichts der überragenden Bedeutung dieser Frage sich m i t dem Reichspräsidenten in Verbindung sehen werde. Es ist anzunehmen, daß diese Befragung erst morgen erfolgen wird, toerm die Franzosen die versprochene Auskunft gegeben haben. Es wurde dann noch über die Frage der Rückkehr der Ausgewiesen verhandelt, in der eine Einigung erzielt wurde. Zur Lösung der Eisenbahnerfrage erklärte Herriot, er werde eine Losung Vorschlägen, von der er glaube, daß sie die Souveränität Deutschlands in Bezug auf die Reichsbahnen und die Eisenbahner unbedingt sich er stell en und andererseits eine Gewähr für d ie Sicherheit der Besatzungstruppen geben werde.
Der französische Ministerpräsident bemerkte noch, die Frage der Räumung von Düsseldorf und Duisburg könne nicht zwischen Deutschen, Franzosen und Belgiern allein behandelt werden, da andere Alliierte an dem betreffenden Beschluß beteiligt gewesen seien. Morgen folgt eine Zusammenkunft der deutschen, französischen und belgischen Delegierten zur Besprechung einiger anderer schwebenden Fragen. Um 10 ülhr findet eine Sitzung des Rats der Vierzehn statt. Das Gesamtergebnis des heutigen Tages fairn dahin zusammengefaßt wer- | den, daß in den meisten behandelten Punkten eine Einigung erzielt wurde, nur nicht in der Hauptfrage der Räumung. Die Auffassung in den Kreisen der deutschen Delegation über die hierdurch entstandene Lage ist e r n st.
Macdvnald soll vermitteln.
Paris. 14. Aug. (WTB.) Rach einer Meldung aus London behauptet eine englische Quelle von gestern abenid, daß die deutschen Delegierten bei M acdonald sondiert hätten, um seine Vermittlung zwischen den französischen, belgischen und deutschen Ministern in Anspruch zu nehmen.
Englische Pressestimmen.
London, 13. Aug. Die „Times" weist darauf hin, daß die französischen und belgischen Truppen ins Ruhrgebiet gesandt wurden, u m die Ingenieure zu schützen. Weshalb sollten sie also dort verbleiben, wenn die Iuge- nicure zurückgezvge n torben? JHad) Wiederherstellung der Wirtschaf lichen und der administrativen Einh it Deutschlands würde die Anwesenheit fvanzö.ttcher und belgischer Trupt^n im Ruhrgebiet vollkommen anormal fein. Auch der leiseste Schatten der Berechtigung ihrer Anwesenheit würde ver» schwinden. Es wäre äußerst unglücklich, wenn Herriot, der während der ganzen Zett einen versöhnlichen Geist zeige im letzten Augenblick de n Erfolg der Konferenz dadurch gefährde, daß er darauf bestände, Truppen im Ruhrgebiet für einen nicht notwendigen Zweck zu belassen. Man habe auch von einem Tauschhandel
und von dem Versuch, die Zurückziehung der Truppen von besonderen Handelszu- geständnissenDeutschlandsabhän.ig zu machen, gesproct)en. endlich werde sogar wieder auf den Gedanken einer engen Verbindung zwischen der franzöftfck)en und deutschen Eisen- und Kvhlenindustrie angespielt, Gedank n, die in England sicherlich feine günstige Aufnahme finden würden. W.l- ches Handelsabkommen zwi chen Frankreich und Deutschland auch immer abgejchwssen werden möge, es dürfte sicher nicht unter dem Druck einer mili tärischen Besetzung abgeschlossen werden, wofür jetzt kein annehmbarer Grund mehr bestehe. Der Dawes- plan bedeute in der Praxis einen vollständigen und endgültigen Bruch mit der Ruhrpolitik.
Der „Manchester Guardian" schreibt zu den zwischen der deutschen und der französischen Delegation in ber Frage der' Ruhrräumung bestehenden Meinungsverschiedenheiten, Deutschland sei ersucht worden, ein System auswärtiger Kontrolle seiner gesamten wirtschaftlichen Hilfsquellen anzuneh- m en, und dieeinzige Kompensati on, die ihm geboten worden sei, sei die Freiheit zu arbeiten und seine Hilfsquellen ohne Eingriff e z u e n t w i cke l n Keine derartige Freiheitseimöglich, solangeeinaus- wär tiger Eindringling auf deutschem Boden bleibe und die m i I i t ä = rischeKontrollederdeutschenHaupt- industrien ausübe. Wenn Europa frei atmen wolle, so müsse ein neuer Geist geschaffen werden, ein Geist der Vertrauens und. wenn möglich, des Zusammenwirkens.
„Ergreifende" Redensarten Herriots.
Paris, 14. Aug. lieber die geftrien Verhandlungen zwischen den Franzosen, Belgiern und Deutschen meldet der Sonderberichterstatter des „Matin": In einer sehr ergreifenden Öiebe habe Herriot ein Bild entworfen über die zukünftigen französisch-deutschen Beziehungen. Gr habe festgestellt, daß seine Regierung den Frieden und die Verständigung wolle. Er habe mit diesen Worten alles gesagt, was er nach vierwöchentlichen Verhandlungen sagen könne. Herriot habe sich der einzigen Waffe bedient, die ihm noch übrig bleibe, der Erklärung, daß Frankreich das Schlußprotokoll nicht unterzeichne, wenn Deutschland Einwendungen gegen Vorschläge mache, die das Aeuherste der französischen Zugeständnisse dar st eilten.
Eine vielsagende Aeutzerung
,,Die Franzosen bürfcu beruhigt sein".
Paris. 14. Aug. Der Sonderberichterstatter des „Mattn" meldet, daß Her-riot bei dem Verlassen der Downing Street nach der Sitzung mit den Belgiern und Deutschen den Journalisten erklärte: Wir stehen mitten in der Diskussion. Es geht alles gut. Die Franzosen dürfen beruhigt fein.
Noch ein Pariser Plan.
Der „Petit Parisien" will wissen, daß der französisch Minister für öffentliche Arbeiten zu der Konferenz berufen wurde, um einen Plan zwecks Errichtung einer Ruhreisenbahngesellschaft aufzustellen, völlig verschieden von der Gesellschaft für den Betrieb der rheinischen Eisenbahnen. Es sei unerläßlich, fügt baä Blatt hinzu, Vorsorge für den Fall zu treffen, daß Deutschland seine Verpflichtungen nicht erfüllt, den Sachverständigenplan verleugnet und es nötig macht, das Ruhrpfand von neuem zu beschlagnahmen.
Besorgnisse in den deutschen wirtschaftrsteisen.
(Eigener Informationsdienst.)
Berlin, 13. Aug. In den deutschen Wirt- schdstskreisen ist infolge der gegenwärtigen deutsch-französischen Verhandlungen über die F age der künftigen Handelsbeziehungen eine lebhafte Beunruhigung entstanden. Man befürchtet, daß die Reichsreglerung sich unter dem Druck der französischen Polrttk dazu verleiten lassen könnte, wirtschaftliche Zugeständnisse an Frankreich zu machen, die die Interefsen der deutschen Industrie schwer gefährden. Wie wir von unterrichteter Seite erfahren hat der Reichsverband der deutschen Industrie bereits eine maßgebende Persönlichkeit nach London entsandt, um mit der deutschen Delegation unverzüglich in Fühlung zu treten. Don feiten der Berliner Regierungsstellen wird in Aussicht gestellt, daß Reichsfinanzminister Dr. Luther alsbald nach seiner Rückkehr aus London dem Reichsverband der deutschen Industrie in einer öffentlichen Sitzung eingehende Mitteilungen über den Verlauf der Verhandlungen mit Frankreich unter- breiten wird.
Die handelspolitischen Erörterungen.
Tie deutsche Delegation in London hat, um ihr Entgegenkommen gegenüber den handelspolitischen Wünschen Franlreichs zu beweisen, eine Reihe von Vorschlägen auäg.'arbeitet, die die Regelung der künftigen Handels- unb Wirts «Hafte bezichungen zwischen Deutschland uni) Frankreich betreffen. Die deutschen Vorschläge sind zwar noch nicht in ihren Einzelheiten bekannt, aber aus den Mitteilungen der offiziösen Kreise geht hervor, daß man deutscherseits geneigt ist, in einem Handelsvertrag für bestimmte französische Erzeugnisse völlige Zollfreiheit sestz Kegen, während a if der anderen Seite auch für deutsche Waren zollfreie Einfuhr nach Frankreich zugestanden werden soll. In den deutschen W i r t» f chaf tskreise n ist man mit Rücksicht auf die augenblicklich sehr ernste Lage des deutschen 'Warenmarktes außerordentlich besorgt über den Ausgang der wirtschaftlichen Verhandlungen mit Frankreich, die für Anfang Oktober in Paris angescht worden sind. Man befürchtet, daß die berühmte Meistbe- g ü n st i g u n g s k l a u s e l, hauptsächlich für E l- saß-Lothringen gewährt, zu einer lieber- schwemmung des deutschen Marttes mit französischen Erzeugnissen führen könnte. Daß diese Besorgnisse dum Teil völlig berechtigt siird, geht schon aus der Tatsache hervor, daß die fran= zösische Wirtschaft auf den Export nach Deutschland angewiesen ist, und tatsächlich die Gefahr eines He der Handnehmens der Einfuhr französischer Waren besteht. Auf der anderen Seite aber werden von Seiten der maßgebendcn Regierungskreise wichtige handelspolitische Gesichtspunkte geltend gemacht. Man erklärt, daß durch die Regelung der beiderseitigen handelspolitischen Beziehungen künftig ernste wirtschaftliche Konflikte vermieden werden können, und daß in dem Aus- fausch deutscher und französischer Erzeugnisse sogar sehr wichtige Momente für die deuticher Interessen gegebm sind. Bei den 'DerHandlungen mit den französischen Wirtschaftssachverständigen komme es in der Hauptsache darauf an, daß man seine Aufmerksamkeit auf die nützlichen Punkte der beiderseitigen Wirtschaftsbeziehungen lenkt und ein Abkommen zwischen den Wirtschaftskreisen selbst zum Abschluß bringt. Ohne Mitwirkung der deutschen maßgebenden Wirtschaftskreise werde übrigens die Reichsrcgie- rung keinerlei Abmachungen mit Frankreich abschließen, urd man weide die Beschlußfassung über alle technischen Einzel- fragen zurück stellen, bis die deutsche Wirtschaft Gelegenheit hatte, sich mit dm in Frage stehenden Problemen eingehender zu beschäftigen.
Im Vordergrund der wirtschaftlichen Erwägungen der französischen Regierung stcht natürlich wieder einmal die Frage des Austausches deutscher Kohle mit französisch e m E i s e n. Dieses Problem war früher zuerst von deutscher industrieller Seite angeschnitten worden, und man erinnert sich wohl an die Bemühungen, die die hervorragendsten Vertreter der Ruhrindustrie, in erster Linie Hugo Stinnes, im Winter 1922 unternommen haben, um eine für Deutschland und Frankreich nützliche Vereinbarung zustandezubringen und damit auch die Gefahr des Ruhrkonflikts zu verhindern. Als Poincare am 2. Januar in London weilte, war man sogar deutscherseits soweit gegangen, ihm den Vorschlag zu machen, durch persönliche Ülnterhandlungen mit den Vertretern der deutschen Wirtschaft dieses Problem zu regeln. Poincare f)at aber damals aus politischen Gründen abgelehnt, weil er den Plan der Ruhrbesehung schon fertig hatte und befürchten mußte, daß die französischen Industriellen seine Haltung nicht billigen würden, denen mehr an friedlichen Vereinbarungen mit der deutschen Industrie liegen mußte als an der Ruhraktion. Als dann im Juni 1923 von wirtschaftlicher Seite die ersten Dersu-che unternommen worden waren, den Ruhrkonflikt durch beiderseitige Verhandlungen auf dem Wege eines Ausgleiches zu beenden, haben die französischen Industriellen außerordentlich weitgehende Forderungen gestellt, indem sie verlangten, bis. zu 40 Prozent an den deutschen Bergwerksunternehmungen beteiligt zu werden. Diese Forderung war natürlich für Deutschland ganz u n- annehmbar, und es muß auch jetzt mit allem Rachdruck daraus hingewiesen werden, daß eine Beteiligung des französischen Kapitals in einet solchen Höhe an den deutschen Bergwerksunternehmungen im Ruhrgebiet absolut nicht in Frage kommen kann.
Im übrigen besteht aber die außerordentlich große Gefahr, daß der Ruhrbergbarl angrsichts der durch die Micum-Derträge herbeigeführten furchtbaren Verarmung der Zechen gezwungen werden könnte, tatsächlich eine französische Kapitalsbeteiligung anzunehmen, zumal die Geldknappheit brtnahe die gesamte Produktion zu erwürgen droht. Die Franzosen suchen die augenblickliche Rotlage des Ruyrbergbaues, die sie mit ihrem System der Micum-Verträge k ü n st l i ch herbeigeführt haben, kaufmännisch auszubeuten. Die Reichsregierung wird daher Sorge dafür tragen müssen, daß dieser Schachzug den Franzosen nicht gelingt. Die Abmachungen, die man über die handelspolitischen Beziehungen treffen kann, können sich mit diesem Problem überhaupt nicht befassen, sondern es wird Aufgabe der maßgebenden deutschen Wirtschaftskreise fein, darüber zu entscheiden, welche Tlbmachungen wirtschaftlicher Art für die deutsche Industrie tragbar sind


