Ausgabe 
13.6.1924
 
Einzelbild herunterladen

Fmer grvyen ^eJmtnoerung Der Rü­st u n g e n sichren werde. Tatsächlich ober feien heute in Europa eine Million Bajonette mehr als 1914 vorhanden

und es gebe jetzt LI-Dvote in der Gröhe von Kreuzern. 3um ersten Male in der Weltgeschichte habe es die Demokratie in ihrer Macht das Schicksal der Welt zu bestimmen.

Die französischen Umtriebe in der Pfalz.

_ Ludwigshaf en, 12. Juni. (WTB.) Einer der Führer der separatistischen Rheinischen Ar- berterpartei namens Messer teilte in einer am 6. Juni abgehaltenen Versammlung der Son­derbündler mit, daß ein höherer Beamter des französischen Provinzdelegier­ten in Speyer nach Paris gefahren sei, um bie Unter ftütjung für die Separatisten zu erbitten. Diese Aenßernng des Separatistenfüh­rers paßt durchaus zu der Mitteilung, die der frühere Pressechef der sogenannten autonomen Regieruna, Schmitz-Eppe r, in einem Ein­ladungsschreiben zu einer Separatistenversamm­lung machte, die am 27. April in Reustadt abgehalten wurde. Darin hieß es, daß

die Rheinlandkommission den Separatisten jeglichen persönlichen und vermögensrecht­lichen Schutz zusichert und die Justizbehörde der Pfalz entsprechend verpflichtet

habe. Die Annahme, daß die beiden Mittei­lungen der Separatistenführer richtig sind, wird dadurch bestärkt, daß General d e M e tz auch nach Abschluß des Speyerer Abkommens den Pfälzer Separatisten feinen Schutz angedeihen läßt, wie seine beiden Roten beweisen, die er im Falle der beiden Separatisten Helffrich Vater und Sohn an die pfälzische Kreisregierung gerichtet hat, und durch die bezweckt werden soll, den Se­paratisten zu zeigen, dah sie nach wie vor von General de Metz geschützt werden.

Vom deutsch-belgischen Schiedsgericht.

Genf, 12. Juni. (Wolff.) Der heutige zweite Derhandlungstag vor dem deutsch-belgi­schen Schiedsgericht im Prozeß des belgi­schen Staates gegen deutsche Lebensversicherungs- gesellschaften war ausschließlich den Plaidoyers der Advokaten dieser Versicherungsgesellschaften, näm­lich des französischen Anwalts Gaye und des Berliner Professors P a r t s ch gewidmet. Gegen­über der belgischen These, die trotz der Auflös.mg aller belgischen Versicherungen die einfache Aus­zahlung sämtlicher rechnungsmäßiger Reserven in belgischen Franken verlangt, betonten die Vertre­ter der deutschen Gesellschaften, daß auf Grund des Versailler Vertrages den Belgiern lediglich der­jenige Anteil am Vermögen der deutscher Gesell­schaften hingegeben werden könnte, der auf die belgischen Versicherungen entfiele und daß die deut­schen Versicherungsgesellschaften, ganz abgesehen von der Schädigung, die sich durch die Wegnahme ihres Geschäfts in Belgien erlitten hätten, nicht noch wesentliche Teile ihres aus deutschen, neu­tralen und sogar alliierten und assoziierten Ver­sicherungen gebildeten Vermögens an den bel­gischen Staat ausliefern könnten. Die Plaidoyers dauern fort

Vorbereitungen zur amerikani­schen Präsidentenwahl.

Cleve land, 12. Juni. (Funkspruch.) Rach 26stündiger Beratung hat der Konvent der R e - publikanischen Partei gestern abend eine Kundgebung für die Präsidentenwahl fertiggestellt. Die Kundgebung befaßt sich unter anderem mit Fragen des Weltschiedsgerichtshoses, der Auhenpolitik, der interalliierten Schulden und der Einwanderung. Zur Frage des Prohibitons- gesttzes nimmt die Kundgebung keine Stellung.

Artikel über den Weltschiedsgerichts­hof soll, wie verlautet, von Coolidge selbst verfaßt fein. Die außenpolitische Stel­lungnahme Amerikas, die am ausführ­lichsten behandelt wird, wird dahin bestimmt, dah die Vereinigten Staaten an der Lösung der grohen internationalen Probleme mit arbeit en sol­len, ohne jedoch ihre Selbständigkeit preiszugeben. Zur Frage der interalliierten Schul­den erklärt die Kundgebung, dah eine Strei­chung der Schulden aus wirtschaftlichen und mo­ralischen Gründen nicht in Betracht komme.

Coolidge ist vom republikanischen Konvent zum Präsidentschaftskandidaten no­miniert worden.

Rach einer Havasmeldung aus Cleveland hat Senator Bo rah es abgel ehn t, für die stell­vertretende Präsidentschaft der Vereinigten Staaten zu kandidieren.

Die Bantiger.

, Roman von Hermann Stegemann.

26 Fortsetzung. (Rachdruck verboten.)

Der Baumeister kam.

Lorenz drückte ihm stumm die Hand.

Was soll ich jetzt mit dir anfangen? Latz dich zu Ens tragen und gesundpflegen," knurrte er und strich ihm über das verklebte Haar.

Dann wandte er sich zu seinem Sohn.

Swei Stunden aus, Lenz, bann los ich dich ab. Einen von uns müssen sie immer vor sich sehen. Kommt der Gerettete zum Be° wuhtsein, kann er sich verständlich machen, so er­fahren wir vielleicht, wie es hinter dem Bruch aussieht. Ich bring' den Bericht und lös' dich ab.'

Es ist recht, Vater," antwortete der Sohn und ging zu seinen Leuten, während der Bau­meister mit steifen Gliedern den Förderkarren bestieg, um den Berg zu verlassen

der Kg graute, kehrte der Baumeister Zur Anglucksstätte zurück. Er hatte zwei Stun­den geschlafen und stand wieder aufrecht In den Schuhen. Er brachte gute Kunde. Der Gerettete hatte ausgesagt, daß die anderen Luft und Raum hätten, denn der Bruch sei hart über ihm auf­gesprungen, als er schon einige Meter von ihnen entfernt.gewesen sei. Der erste Schub habe ihn unter den gefüllten Eisenkarren geworfen, und so sei er mit dem Leben davongekommen, da Po- metta ihn hevauSgeholt habe, ehe er erstickt fei.

Da fetzten fie das Rettungswerk mit ver­doppelter Spannkraft fort.

Der Baumeister aber sagte zu seinem Sohn:

Ministerkrise in Litauen.

Kowno, 12. Juni. (WTB.) Der Präsident der Republik hat die Demission des Kabinetts Galvanauskas angenommen. Die bisherige Regierung ist mit der Fortführung der Geschäfte bis sur Bildung eines neuen Kabinetts beauftragt worden.

Der Ausstand in Albanien.

Paris, 12. Juni. (WB.) Rach einer Havas- meldung aus S k u t a r i (Albanien) hat die re­gierungstreue reguläre Armee vor­gestern abend Tirana ohne Widerstand wie­der eingenommen. Der Oberbefehlshaber hat Anweisung gegeben, Ahrneb Bey, der sich mit einer Anzahl Anhänger geflüchtet hat, fest- zunehmen. Dis zur Bildung eines neuen K a- bine11s, das sich in Skutari einzurichten ge­denkt, sind drei Obersten mit der Leitung der Ge­schäfte beauftragt worden. Aus Durazzo wird die Ankunft von zwei englischen Kriegs­schiffen gemeldet. Ein englischer und ein amerikanischer Torpedobootzerstö­rer liegen bereits feit mehreren Tagen im Hafen von Durazzo.

----------------- j

Die Arbeitszeit in Deutschland.

Genf, 12. Juni. (WTB.) Heute trat zur Vorberatung der internationalen Arbeitskonfe­renz der Derwaltungsrat des Internationa­len Arbeitsamts unter dem Vorsitz des sranzöstschen Regierungsvertreters Fontaine zusammen. Bei der Beratung des Berichtes des Direktors des Arbeitsamts, in dem auf die Be­unruhigung hingewiesen wird, die in verschredenen Ländern durch die

, I Mehrarbeit in Deutschland hervor gerufen wurde, ergriff der deutsche Regie» rungsvertreler, Ministerialrat Lohmann vom Reichsarbeitsministe rum das Wort, um darauf aufmerksam zu machen, daß eine derartige Beun­ruhigung über die zu lange Arbeitszeit anderer Länder auch in Deutschland heftete, und führte hierfür Beispiele aus der Industrie an. Als dann der polnische Regierungsvertreter seinerseits die Schwierigkeiten erwähnte, dre für Polen aus der Mehrarbeit in Deutschland ent­stünden, führte der deutsche Regierungsvertreteo aus, daß a>enn Deutschland auch das Washingto­ner Abkommen über den Achtstundentag nicht ra» tifizrert habe, es doch am Grundsätze des Acht­stundentages f e st h a l t e, und die Abweichungen, die nur auf außergewöhn­liche Umstände zurückzuführen f nb, einen vorübergehenden Charakter haben.

Im übrigen seien die deutschen Gewerkschaften! durchaus in der Lage, sobald die Umstände das möglich machen, sich selbst für die stritte Anwen­dung des Achtstundentage; .einzasetz.m, Soweit er das aus den ihm vorliegenden Tarifverträgen er­sehen könne würden außerdem die äi e b c r ft u n » den bezahlt, und in verschiedenen Industtten, so in der Glasindustrie, der Duchdruckerei und im Bergwerks betrieb werde der Achtstundentag wei­ter durchgeführt.

Abänderung des Reichswahlgesetzes.

Berlin, 12. Juni. (WB.) Das Reichs - kabinett hat den Entwurf zur Abände­rung des Reichswahlgesetzes gmrehmigt. Es hat beschlossen, den bereits früher gerte')m-:gten Entwurf einer Rovelle zum Reichswah'gefeh (Wahlreformnovelle), welche die D i l d u n g k l e i- nerer Wahlkreise vorsieht, nunmehr beim Reichsrat einzubringen. Die Rovelle sieht außer­dem vor, dah die Parteien sich an den Kosten des Stimmzettels beteiligen, um so die mißbräuchliche Ausnutzung des amt­lichen Einh^itsstimmzettels, der sich im übrigen nach Auffassung aller Kreise vorzüglich bewährt hat, bei künftigen Wahlen auszuschalten.

Tie Frage der Auslandsreisegebühr wird in einer Sondersitzung des Kabinetts zu Beginn der nächsten Woche besprochen werden, da sie nicht au trennen ist von der W ä hr u ng s- und Kreditfrage, die im Zusammenhang hiermit durch den Präsidenten der Reichsbank eingehend bargelegt wird. Fiskalische Ab­sichten werden bei der Frage der Aufrechterhal­tung der Ausreifegebuhr wie bisher vollkommen außer Betracht bleiben.

Noch keine neue Regierung in Bayern.

München, 12. Juni. (Wolff.) Die auf heute verschobene interfraktionelle Sit­zung, in der zwischen Vertretern der Baye­rischen Dolkspartei, der Deutschnationalcn, sowie des Bauernbundes einerseits und Völkischen Block andererseits die Frage der Koalittons- bUbung weiter besprochen werden sollte, ist

Jetzt geh zu deiner Frau. Ich will dich nicht mehr sehen, bis acht Stunden um sind. Der Tessiner Ist bandagiert und guter Singe. Die @nd war bei ihm und hat ihm übers Haar ge­strichen. Aber da war er schon gewaschen und ge­bürstet. Run liegt er still und schluckt Brom."

Lenz ging und Gottfried Bantiger hielt noch einmal acht Stunden aus.

Als der Sohn zurückkehrte, stützten zwei Leute den Baumeister, denn er konnte nicht mehr allein geben, und sank mit einem unterdrückten Stöhnen auf den Danksih, den sie ihm auf dem Förder- Hähnchen eingerichtet hatten.

Am dritten Tage war der Einbruch von allen Seiten abgeriegelt, das Wasser gebändigt und die eingebrochene Schicht so getrocknet, daß sie ihr zu Leibe gehen konnten.

Aber vergebens hatte Lorenz die Arbeit zeit­weise unterbrechen und alle Geräusche abstellen lassen, um auf ein Lebenszeichen der Abgeschnitte- nen zu lauschen. ES blieb still hinter dem riesen­haften Schutthaufen wie in einem Grab.

Ser Baumeister hatte seine körperliche Schwäche überwunden. Er gab sich nicht gefangen, und als die Aufsichtsbehörde mit billigen Ver­haltungsmaßregeln und Vermahnungen aufrückte, al£ im Derwaltungsrat gegen ihn gehetzt wurde und die Presse gegen ihn a ufstand, t>erf)ärtete er noch mehr und schrieb, schrie, spie ihnen seine Verachtung ins Gesicht. Er überschrie damit die Selbstvorwürse, die sich in ihm regten, und schlug sie zu Boden.

rr öer dritte Tag sich neigte, vergaß er aüe« über der Rettung der Verschütteten. Er hatte am liebsten selbst Hand ans Werk gelegt.

a d g e 1 a g i wvroen, nacyoem ver Völkische Block erklärt hatte, daß er an den Besprechungen nicht mehr teilnehmen werde. Die Initiative zu wei­teren parlamentarischen Verhandlungen über die Frage der Koalitionsbildung hat jetzt wieder die Bayerische Volkspartei übernommen. Unter dem Vorsitz des Abg. Held werden morgen die Füh­rer der bisherigen Koalittonsparteien, nämlich der Bayerischen Dolkspartei, der Deutschnatio­nalen und des Bauernbundes zu neuen Bespre­chungen zusammen treten.

Die deutschnationale Landtags­fraktion veröffentlicht eine Erklärung über den plötzlichen Abbruch der Koalitionsbesprechun­gen und über den Stand der Regierungs­bildung, in der betont wird, daß nach der ersten Mitteilung des Völkischen Blocks angenom­men werden mußte, dah er grundsätzlich gewillt fei, sich an der Regierungsbildung ernstlich zu beteiligen. Die Verantwortung für den jetzigen ablehnenden Schritt des Völki - scdenBlocks müsse einzig und allein ihm über­lassen werden.

Die Frage der Eisenbahnerlöhne

Berlin, 12. Juni. (WTB.) Heute nach­mittag fanden zwischen dem ReichSver- kehrSMinisterium und Vertretern der Eisenbahner-Gewerkschaften Be­sprechungen statt, in denen die Forderungen der Gewerkschaften auf eine Lohner­höhung und anderweitige Arbeits- zeitrege lung überreicht wurden. Be­schlüsse wurden nicht gefaßt. Die Antwort des ReichSderkehrsministerS wird in einer für morgen vereinbarten erneuten Zusammen­kunft mitgeteilt werden.

Wie dasBerl. Tagebl." hört, hat die Zuspitzung des Konfliktes zwischen den Cifenbahnerorganisationen und dem Reichsverkehrsministerium zu einer Inter­vention der Gewerkschaften geführt. Die Spitzenorganisationen aller Richtungen halten heute vormittag eine Besprechung mit den ihnen angeschlossenen Eisenbahnerorgani­sationen ab, in der eine Beilegung des Kon-, fliktes versucht werden soll.

Ein Prozeh mit politischem Hintergrund.

Stettin, 12. Juni. (WTB.) Am 16. Juni beginnt in Stettin die Hauptoerhandlung gegen drei ehemalige Angehörige der preußischen Schutzpolizei, die ungesagt sind, Ende März 1922 in Hamborn den belgis chen Leutnant Graff getötet zu haben. Dem Prozeß kommt des­halb besondere Bedeutung za, weil über die Ur­heberschaft des Mordes nod)> völliges Dunkel besteht. Die deutschen und belgischen Gerichte halten ganz verschiedene Persönlichkeiten für die Ar Heber des Mordes. Das belgische Militärgericht in Aachen verurteilte seinerzeit wegen dieses Mor­des den Polizeileutnant Reinhardt and fünf weitere Angehörige der Schutzpolizei in Hamborn zum Tode. Das Urteil wurde später in l e - bensläng liches Zuchthaus umgenxrndelt. Die Verurteilten befinden sich zur Zeit im belgi­schen Zuchthaus in Löwen. Irn Gegensatz zu dem belgischen Urteil sind die deutschen An­klagebehörden der Ansicht, daß nicht die vom bel­gischen Gericht Verurteilten die Sätcr sind, son­dern deutscherseits werden die ehemaligen An­gehörigen der Hamborner Schutzpolizei Ka ws, Schwirrat und Eng eie r, die im Stettiner Geiichtsgefängnis in Untersuchungshaft sitzen, für die Täter gehalten.

Kleine politische Nachrichten.

Rach Rücksprache der beteiligten Kreise mit dem Regierungspräsidenten in Arnsberg ist nunmehr entschieden, dah der deutsche Tag in Siegen am Samstag und Sonntag im Rah­men der gesetzlichen Bestimmungen' doch statt- findet. Zur Teilnahme erscheinen bestimmt Exz. Ludendorff, General Albrecht von Below und General Hutier.

Der sozialistische 3lbg. Ma t tevttr, ein Führer der Opposition in der italienis che n Kammer, ist seit Dienstag abend aus Rom verschwunden. Dlättermeldungen zufolge wurde er in einem Auto entführt. Die Be­hörden stellen lebhafte Rachforschungen an.

Rach einer Blättermeldung aus Prag wird die dortige deutsche Universität ihre Ab­sicht, nach Reichenberg überzusiedeln, auf­geben, da der Hochschuletat für das neue Hahr eine Reihe von Neubauten für die deutsche Uni­versität vorsieht.

Aus Stadt und Land.

Gießen, den 13. Juni 1924

Kleinsparer und Sparkassenguthabeu.

Durch die Festsetzung der Reichsbank, wo­nach die Rentenmark gleich 1 Billion Papier­mark gilt, und durch die dritte Steuernotver- vrdnung, nach der das Reich den Zinsendienst für die Kriegsanleihen einstellt, ist, so wird in einer kleinen Anfrage im Preußischen Landtag ausgeführt, der Masse der kleinen Sparer alles genommen, was sie sich in jahrzehntelan­ger Arbeit erspart hat. Die Anfrager führen weiter aus, daß die Sparkassen derjenigen Städte, die Sachwerte in Waldbesitz hätten, mit Leichtigkeit den Verpflichtungen ihren Sparern gegenüber nachkommen könnten. Aus die Frage, was das Staatsministerium zu tun gedenke,um die Reichsregierung zu veran­lassen, die soziale Ungerechtigkeit zu beseiti- gen, erteilte der preußische Minister des Innern nachstehende Antwort:

Die dritte Steuernotverordnung sieht tt den §§ 1, Ziffer 9, und 7 eine A u fwe rtun g der Guthaben bei öffentlichen oder unter Staatsaufsicht stehenden Sparkassen vor. Die näheren Bestimmungen über Bildung und Verteilung der Teilungsmasse sowohl, als über einen etwa vom Schuldner zu der TeilungS- mässe zu leistenden Beittag sind den Lan­desregierungen überlassen. Bei Erlaß der in Vorbereitung befindlichen preußi­schen Ausführungsbestimmungen wird geprüft werden, ob und in welchem Um­fange die rechtlich als Schuldner der Spar­kassenguthaben zu betrachtenden Gewährlei­stungsverbände der öffentlichen Sparkassen entsprechend ihrer Leistungsfähigkeit zu Bei- trägen werden herangezogen werden können.

Von hessischen Ausführungsbestim­mungen ist bisher noch nichts bekannt ge­worden.

*

Milderung der Hundesperre.

Das Kreisamt Gießen gibt im neuesten Amts­verkündigungsblatt folgendes bekannt: Rachdem in Hessen neue Wutfälle nicht festgestellt worden sind, ordnen wir mit Zustimmung des Ministe­riums des Innern für den Kreis Gießen an, daß dieHunde entweder ohne Maul- korb an der Leine oder mit Maul­korb unter gewissenhafter Überwachung frei umherlaufen dürfen. Wir weisen die Hunde- besiher darauf hin, dah die genaue Befolgung der Vorschriften erwartet wird, da die Gefahr keineswegs beseitigt ist. Bei Richteinhaltung der abgemilderten Bestim­mungen ist wieder mit einer Verschärfung au rechnen. Die Maulkörbe müssen das Beißen sicher verhindern können. Riemen, die dem Hunde um die Schnauze gelegt werden, genügen der Vor­schrift nicht. Besonders haben wir Anlaß/ in den Landgemeinden auf strenge Einhaltung der Bestimmungen zu drängen.

*

** Gesperrt. Vom Polizeiamt wird un8 geschrieben: Anläßlich der am 14. und 15.3uni stattfindenden Gießener Ruderregatta wird der Feldweg am Bahndamm vom Dootshause der Gießener Rudergesellschaft bis an den Durch­gang nach der Ederstrahe (Bahnüberführung) am 14. Iuni für die Zeit von 5 bis 8 Ähr nach­mittags und am 15. Iuni für die Zeit von 8 bis 12 älhr vormittags und von 2 bis 8 Uhr nach­mittags für den Durchgangsverkehr gesperrt.

** Der Gießener Arbei t smarkt hat sich in den letzten Wochen ersreulicherweise etwas günstiger gehalten, als der Arbeitsmarkt in man­chen anderen Plätzen von der Größe and in der Rachbarschaft unserer Stadt. Zur Zeit werden hier nur noch etwa 80 Vollerwerbslose unterstützt, eine im Verhältnis zur allgemeinen Wirtschaftslage nicht besonders große Ziffer. Kurzarbeit ist ge­genwärtig in unserer Stadt nicht vorhanden, je­doch dürfte in einigen Tagen ein hiesiger Groß­betrieb sich gezwungen sehen, infolge Auftrags­mangels and ungenügender Kapitalstärke zu Vor­ratsarbeiten wieder za der verkürzten Arbeitszeit überzugehen. Der städtische Arbeitsnachweis ist schon jetzt dem von der Stadt Offenbach beim Mi- nifterium für Arbeit und Wirtschaft gestellten An­trag auf Wiedereinführung der Kurzarbeiterunter­stützung beigetreten, um hierdurch Hilfsmittel für die durch mangelnden Verdienst in Bedrängnis kommenden Arbeiter verfügbar zu machen.

** Oberhessischer Geschichtsverein. Am nächsten Sonntag, dem 15., werden in Fr ied-

Manchmal war ihm, als wäre er nicht mehr der Unternehmer, nicht mehr Gottfried Bantiger, der Baumeister, sondern der Dantiger-Gvtti von Runs, der mit dem Christen-Sepp Steine gesprengt und Kalk gegraben hatte, und die da drinnen im Berg feine alten Kumpane. Er mit den Arbeitern in der Kantine, er biß ihren Tabak, er spuckte, fluchte, lachte und riß sie zu uner­hörten Anstrengungen mit.

Es war am spaten Abend des dritten Tages.

Lorenz Bantiger befahl noch einmal, zu horchen, ob sich hinter der Schuttwand nichts rege. Alles schwieg. Die Maschinen waren ab­gestellt. Rur das Tropfen des Wassers von der Decke und das Zischen der Kohlenfadenlampen störten die Stille. Aber auch diesmal blieb die Tiefe stumm. Kein Ohr', kein Mikrophon fing einen Hall aus dem Innern des abgequetschten Stollens.

Lenz lieh Klopftöne geben und befahl, die ganze Schuttwand abzutasten, ünb bai geschah's, daß ein Mineur, der sich in der Zimmerung emporgearbeitet hatte und ganz oben zwischen Hangendem Fels und herausgequollenem, längst festgewordenem Schwemmsand hockte, behauptete, er höre den dumpfen Aufschlag in der Tiefe ar­beitender Spitzhacken.

Lorenz Bantiger flieg selbst ins Gebälk und kr-och zu ihm hin. Als er nichts hörte außer dem harten Fall erdbeschwerter Tr-opfen, wühlte er ein. Loch zwischen Fels und Bett und schob sich so weit vor, dah er das Ohr an den gewachsenen Stein pressen konnte. So lag er eine Weile und lauschte.

Als er herabstieg, brannte fein blasses, ab» gemagertes Gesicht wie von innen erleuchtet, und

er trat zu dem Baumeister und sprach so laut, daß die Llmstehenden jedes Wort verstanden:

-Ich hab' ihr Zeichen deutlich vernommen. Sie leben, fie rufen uns."

Da lachte der Baumeister fein altes befreien­des Lachen. Er konnte keinen Befehl geben, konnte nicht sprechen, aber er lachte und wies mit aus­gestreckter Hand auf den Schuttwall, und Hauen und Stemmeisen brachen im Schwung neubelebter Arme in den tückischen Grund. Alles kam ia Bewegung.

Rur der alte Arzt schien unzufrieden. Er rückte seinen Sauerstoffapparat zurecht und sagte leise zu Lenz:

Der Paumeister zwingt's, aber wir wollen die Lebenden erst zählen, wenn wir sie hier auf den Schrägen legen.

Sie meinen?" forschte Lenz gefbannt und fühlte, wie ihm etwas kalt über das erhitzte Ge­sicht fuhr.

Der Arzt zuckte die Achseln.

Wir sind noch lange nicht bei ihnen, unL Hunger, Mangel an Luft, ganz abgesehen davon, dah doch mehr als einer ganz verschüttet sein kann na, wir werden ja sehen. Luft und Rah- rung, wenn wir ihnen die zuführen könnten, dann könnt' ich mitlachen."

Die Worte wühlten sich in das grübelnde Hirn des Sohnes und frallteit sich darin fest, und als der Morgen graute und die Arbeit nur lang­sam rückte, weil immer wieder gesperrt und ver­keilt werden mußte, kam ihm ein rettender Ge­danke.

(Fortsetzuno folat)