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Der Reichspräsident in Münster

H.

fo kösttichsn Alltags.

** Eine öffentliche Stadtverord­nete n, i tz un g findet am nächsten Donnerstag nachmittag 6 Mr im Stadtverordneten-Sihnngs- saale statt. Die wichtigste Vorlage betrifft die Erhebung von Grund-- und Gewerbesteuer im Rechnungsjahre 1924.

* Die Entrichtung der vorläufi­gen Gewerbesteuer betrifft eine Bekannt­machung des Finanzministeriums in unserem heutigen Blatte. Interessenten seien auf diese Veröffentlichung besonders chingewi-esen.

* Die Entschädigungen für verlo­rene Postpakete und Einschreibesen­dungen. Der Reichsrat hat einer Aenderung des Postgesetzes zugestimmt, nach der die Ent­schädigung für verloren gegangene Pakete und Einschreibesendungen im wesentlichen auf den Stand der Friedenssähe g b acht wird. 3m Falle des Verlustes oder der Beschädigung des Paketes ohne Wertangabe sollten künftig für das Pfund 3 Mark Entschädigung gewühlt werden und für eine eingeschriebene Sendung, die verloren geht, 40 Mark.

* Was man nicht auf Postpakete kleben darf. Lieber Zettel mit unzulässigen Vermerken auf den Paketen beklagt sich die Post. 3h gleicher oder ähnlicher Grobe und Farbe wie

Darmstadt.

Darmstadt, 10. Aug. Die Verfassungs­feier wird hier heute und morgen gefeiert. 3m Mittelpunkte der heutigen Veranstaltungen stand ein F e st z u g , an dem sich hauptsächlich Berufs­vereine, namentlich die Gewerkschaften, beteiligten. Am Residerczschloh hielten Reichstagsabgeordneter Dr. Q u e s s e l (Svz.) sowie die Lanotagsabgrord- neten Ruh (Zentr.) mtb Reiber (Dem.) An­sprachen. Veranstalter der Feiern sind die revu- blikanischen Parteien und Vereine un er Betei­ligung der Regierung, das Bürgertum verhält sich ablehnend. Rur die staatlichen Gebäude und wenige Privathäuser hatten geflaggt.

Aus Stadt und Land.

Giehen, den 11. Aug. 1924.

Unbekannte Bekannte.

3eben Morgen, wenn ich zum Dienst gehe, : sehe ich dieselben Menschen mit denselben Ge­sichtern, Bewegungen, Kleidern, Gewohnheiten, Grußformen und mit demselben fragenden Blick: wer bist du eigentlich?

Wir kennen uns äußerlich bis auf Einzel-' heiten, weil wir uns fast zu derselben Zeit und in derselben Straße begegnen, aber wir wissen sonst nichts voneinander: höchstens dah man sich so seine Gedanken macht und den anderen nach Aktenmapve, silbernem Spazierstock, Handschuhen, Art des Bartes, gepflegter Kleidung und betonter Haltung in die Berufsgruppe einregistriert, für die das im wesentlichen Anzeichen find: abeü eine Garantie ist das natürlich nicht.

So geht man denn Tag für Tag aneinander vorbei, ohne sich zu grüßen: es kommt vor, dah man sich einmal, wenn es der Zufall will, ver­ständnisvoll zublinzelt, tut, als ob man nach dem Hute greifen will, aber doch im rechnen Augenblicke noch erkennt, daß man sich ja gar nicht vorgestellt und nur eineStraßenbekannt- schaft" ist-

Das gehört eben zur Straßenbekanntschaft, daß sie auf der Straße ihren Anfang nimmt und zugleich ihr Ende erreicht, ohne jede Ver­bindlichkeit, ohne jedes nähere Eingehen auf­einander. lediglich bringt durch das tägliche Rebeneinander der Schritte, durch das Fragen der Blicke, durch Aeußerlichkeiten, denen wir keine Worte beimessen.

Llnd doch kann einem dann der hübsche Spaß passieren, daß man durch solcheStraßenbekannt- schaft" in rechte Verlegenheit kommt, wenn man sie an einem anderen, als dem gewohnten Orts trifft, und nun nicht weiß, wo man das so be­kannte Gesichthintun" soll, wie- der Volksmund so hübsch sagt. Man erinnert sich da oft tatsächlich nicht, ob inan sich schon vorgestellt ist und wen man eigentlich vor sich hat, bis man dann am Lächeln des Gegenübers merkt, daß es sichbloß" um eine Straßenbekanntschaft handelt.

Besonders fatal aber ist es, solchen Zeit­genossen auf seiner Llrlaubsreise zu treffen, wo man gern ungestört und ungekannt sein möchte. Da ist oft die ganze gute Laune fort, wenn einem dann solch einAusrufungszeichen" über den Weg läuft. Mit einem Male ist wieder die Dureauluf t da, die Enge, das Klappern der Tret­mühle mitten in öer Freiheit, wo man das alleß einmal vergessen wollte: und da kann es dann geschehen, dah man fluchtartig den Ort verläßt pnd dort seine Ruhe und die Basis für seineUnternehmungen" sucht, wo es keine Straßenbekanntschaften" gibt. Sicher ist man frei­lich nirgends davor, denn die Welt ist klein.

Wenn man sich nach einigen Wochen wieder pünktlich jeden Morgen begegnet, schämt man sich im Anfang wohl ein klein wenig ferner Flucht, aber dann ist alles wieder vergessen, begraben in der Furche be8 Alltags, des harten und doch

Wettervoraussage

Meist woMg, wärmer, südliche bis westliche Winde, Gewitterneigung und Rebensäfte.

Dor einem neuen nordwestlichen Fallgebiet weicht der hohe Druck, der das heitere trockene Wetter der letzten Tage bedingte, langsam aber stetig zurück. Das Tiefdruckgebiet dürfte mit sei­nen Ausläufern noch heute unser Gebiet erreichen und seinen Einfluß allmählich geltend machen.

Landkreis Gießen.

* Watzenborn-Steinberg, 10. Aug. Der hiesige Gesangverein3ugendfreund" errang gestern bei dem Wettstreit in Fechenheim- Frankfurt unter Leitung seines Dirigenten Georg Harnisch den Ehrenpreis und den ersten Preis.

Starkenburg und Rheinhessen.

* Dar mstadt, 10. Aug. Gestern abend wurde im Hauptbahnhof der Fahrdienstleiter, Eisenbahnsekretär Pflug, beim Lieberschreiten des Gleises im Hauptbahnhof vom Zuge er­faßt und sofort getötet. Wie berichtet wurde, ist am Freitag in der Annastraße plötz­lich ein Fuhrwerk im Erdboden ver­schwunden. Als Ursache des Unfalls hat sich herausgestellt, daß im Laufe der Zeit ein Ka - nalrohr undicht geworden ist und die Erde an dieser Stelle weggespült wurde. 3eht brach dann unter der schweren Last eines Kohlenfuhr­werks die Betondecke der Straße.

* Offenbach, 9. Aug. Heute vormittag war öer 59 3ahre alte Arbiter Vitus Bütt­ner aus der Dammstraße im Keller des Gas­werks mit Reinigungsarbeiten im Auszug be­schäftigt. Der Aufzugsührer der das nicht wußte, fuhr plötzlich mit dem Aufzug abwärts und drückte dabei dem Büttner auf beiden Seite nöieRipPen ein. Auf dem Transport z um Krankenhause erlag der Mann seinen« schweren Verletzungen. Er war einer der ältesten Arbeiter des Gaswerks.

Worms, 9. Aug. (Wolff.) Heute nachmittag zwischen 4 und 5 Uhr fuhren zwei Burschen im Alter von 14 und 15 Jahren mit ihrem Paddel­boot aus dem Flußhafen in den offenen Rhein. Sie hatten die Absicht, sich an den zu Berg fah­renden Schleppdampfer Hansa 2 anzuhängen. Offenbar des Ruderns unkundig, steuerten sie in verkehrter Richtung, wurden von einer starken Welle ergriffen, die das Paddelboot vollständig zertrümmerte und stürzten ins Wasser. Ueber das Schicksal der beiden hat man bisher noch nichts erfahren. Von der Rheinwache ist ein Mantel, sowie ein Riemen und verschiedene Teile des Paddelbootes geländet worden.

Hcsseu-^iassau.

fpö. Biedenkopf, 10. Aug. 3n dem Kreis­ort Wilsbacher st ach ein 30jähriger Mann in einem Anfall geistigerUmnachtungseine Ehefrau durch zahlreiche Stiche in den Unter« I leib und richtete dann sein 10 Monate altes Kind gleichfalls durch Messerstiche schwer zu, so­daß es bald verschied. Der Täter wurde zu­nächst der Landes-Irrenanstalt zu Herborn zu- gesührt.

fpd. Frankfurt a. M., 10. Aug. Rach langen 3ahren hatte die Straßenbahn am letzten Sonntag und die folgenden Tage wieder Verkehrstage erster Ordnung. Am

I Sonntag erzielte sie Einnahmen von über 50 000 I Mark, trotzdem sie wegen des Festzuges vier Stunden lang den Betrieb außerordentlich ein- schränken muhte. An den ersten Wochentagen bis einschließlich Donnerstäg hatte die Dahn Mehr­einnahmen von 25 000 bis 30 000 Mark. 3n den letzten Monaten hat die R a ch f r a g e nach Wohnungen etwas nachgelassen. Trotzdem nimmt die Zahl der Wohnungsuchenden von Jahr zu Jahr zu. Erhöhter Rachfrage, insbesondere nach Zwei- und Dreizimmerwohnungen steht ein im Verhältnis viel zu geringes Angebot an ver­fügbarem Wohnraum gegenüber. Die Gesamtzahl der Wohnungsuchenden flieg von 16 430 am 1. Juli auf 16 628 am 1. August. Zur Befriedigung des gemeldeten Wohnungsbedarfs nach dem Stand vom 1. August müßten 13 814 Wohnungen, bar-

I unter 9658 Zweizimmer- und 3079 Dreizimmer­wohnungen neu hergestellt werden. Unter den Wohnungsuchenden befanden sich 9119 dringliche Fälle. Die Stadt will bis zum 1. 3uli 1925 unter I Inanspruchnahme der Erträgnisse der Hauszins­steuer 222 Wohnhäuser mit 229 Zwei-, 117 Drei- I und 36 Vierzimmerwohnungen Herstellen. Frei- ' taa früh wurde aus dem West Hafen die Leich«;

die postdienstlichen Klebezettel würden sie die Be­amten irreführen und die ordnungsmäßige Be­handlung stören. Abgesehen von den amtlich vor­geschriebenen Vermerken sind auf der Aufschrifts­seite der Pakete nur Vermerke zugelassen, die auf eine schonende Behandlung Hinweisen, wieVor­sicht",Glas" usw., ferner 3nhaltsangaben und Verhaltungsmaßregeln über die Behandlung. Vermerke wieRechnung im Paket",Sofort nach Empfang offnen und Inhalt feststellen" dürfen auf der Aufschristsseite nicht angebracht werden. Aus den Seitenflächen werden derartige Vermerke nicht beanstandet, ebensowenig wie bis auf weiteres im 3nland die bedruckten Verschlußstreifen mit In­haltsangaben, Aufforderungen, auf den Verschluß oder die Verpackung zu achten und dergl.

** Zahlung der Rundfunkgebühr r e n. 3n der letzten Zeit ist mehrfach die Nachricht durch die Presse gegangen, daß die durch Reurege­lung des Rundfunks eingeführte monatliche Gebührenzahlung nicht durchgeführt werde, dah die Postanstalten vielmehr Zahlung der Gebühren für ein Vierteljahr * forderten. Demgegenüber wird von zuständiger Stelle ausdrücklich darauf hingewiesen, daß die Rundfunkteilnehmer nur zur monatlichen Gebührenzahlung verpflichtet sind. Eine Vorausbezahlung für mehrere Monate, und zwar dann möglichst für volle Vierteljahre, ist natürlich zulässig und zur Verminderung der Verwaltungsarbeit sehr erwünscht, es handelt sich aber dabei immer um eine freiwillige Handlung der Teilnehmer. Die Vorausbezahlung schützt auch vor etwaigen Gebührenerhöhungen im Laufe der vorausbezahlten Zeit. Eine längere Bindung des Rundfunkteilnehmers zur Zahlung der monat­lichen Gebühren besteht nur für das erste 3ahr.

i Rach Ablauf eines Jahres kann der Teilnehmer am Schlüsse jedes Monats ausscheiden.

Bornotizen.

Tages kalenöer für Montag. Verfassungsfeier, veranstaltet vom Kreisamt, 81/! Uhr im Stadttheater: Festredner Professor Fritzsche. 8 Uhr im MatthäussaalParsi- val"-Ausführung. Schuhmacherzwangsinnung, 81/» Uhr Mitgliederversammlung bei Laichinger. Rundfunkhaus, Löberstraße. 8V- äUjr Musik. Lichtspielhaus, Bahnhofstraße:3m Schatten der Moschee".

Weimar.

Weimar, 10. Aug. (WTD.) An der Haupt­feier im Rationaltheater, das innen und außen festlich geschmückt war, nahmen außer dem Bundesvorstand des Reichsbanners > Schwarz- Rot-Gold unter anderen die Reichstagsmitglieder Fehvenbach, Haas, Loebe und Wels teil, ferner der Schöpfer der Weimarer Verfassung, Prof. Dr. Preuß, General v. Deimling und der Generalinspektor der österreichi­schen Armee Körner. Unter den offiziellen Rednern erinnerte Professor Preuß art die Not­wendigkeit einer raschen Ausarbeitung der Ver­fassung. General v. Deimling wandte sich sehr scharf gegen die Kriegshetze gewisser Ver­bände und betonte, das deutsche Volk müsse wieder arbeiten und schaffen lernen, damit der Wiederaufbau vor sich gehen könne. Der General- inspettoi des österreichischen Heeres Körner überbrachte die Grüße Oesterreichs und feierte die deutsche Verfassung als Vorbild für die Gestaltung der österreichischen Staatsverhält­nisse. Die Reichstagsabgeordneten Fehrenbach und Haas legten besonderen Nachdruck auf den Um­stand, daß seinerzeit die Verfassung von allen Mitgliedern der Nationalversammlung gewünscht wurde und daß auch die Deutschnationalen in den Kommissionen fleißig mitgearbeitet haben. Am Nachmittag und am Abend fanden Festlich­keiten in etwa zehn Gartenlokalen und im Volks­haus statt.

Dersassungsfeiern im Reich.

Berlin.

Berlin, 10. Aug. (WB.) Unter getoaltiger Beteiligung der Berliner Bevölkerung hat heute vormittag die Vorfeier zur Erinnerung an den Derfassungstag von Weimar stattgefunden. Am Alexanderplah formierten sich die Fahnenabord­nungen der Berliner Gewerkschaften des Reichs­banners Schwarz-Rot-Gold und marschierten unter Dorantritt einer Musikkapelle nach dem Großen Schauspielhaus. Rach Eintreffen der Fahnen- abordnungen, welche die Bühne besetzten, begann in Gegenwart der Frau Reichspräsiden­tin und ihrer Tochter sowie zahlreicher Ehrengäste die eigentliche Feier, die einen überaus würdigen und harmonischen Verlauf nahm.

Dittmann, der Vizepräsident des Reic^- tags, Dr. Dockel, Generalsekretär der Zentrums- Partei und der demokratische Reichstags­abgeordnete Erkelenz hielten Ansprachen, in denen sie, vielfach von Beifallsrufen unterbrochen, ein Bekenntnis zur Weimarer Verfassung ableg­ten. Rachdem die Ouvertüre zur Wagnerschen OperDie Meistersinger" verklungen war. fang die vieltausendköpfige Menge das Deutschlandlied. Ebenso wie der Anmarsch vollzog sich auch der Abmarsch nach dem Aleranderplatz in vollster Ruhe und Ordnung. Am Rachmittage sammelten sich an 20 Stellen der Stadt viele Hunderttausende und marschierten unter den Klängen mehrerer Musikkapellen nach zwölf großen Lokalen, wo sich Volksfeste größten Ausmaßes entwickelten.

München.

München, 10. Aug. (WTD.) Unter Be­teiligung aller republikanischen Parteien und Ver­bände hat die Organisation Reichsbanner Schwarz- Rot-Gold heute vormittag auf dem Ausstellungs- gelände eine Gedenkfeier des Jahrestages der Weiinarer Verfassung abgehalten. Vertreten wa­ren die Zentrrumspartei, die Deutsch- Demokratische und die Sozialdemokra­tische Partei. Der als erster RÄmec angekündigte Bundeskanzler a. D. Renner (Wien) war nicht erschienen. Rach der einleitatöen Musik und ©bor­borträgen teilte der Landtagsabgeordnete Dauer in seiner Feierrede mit, daß der baye­rische Ministerpräsident die an ihn ergangene Einladung zur Teilnahme an der Verfassungs­feier mit bestem Dank mit dem Bemerken abge­lehnt habe, dah er durch anderweitige Inanspruch- nahme verhindert sei, der Einladung Folge zu leisten. Zu den vor der Halle Versonimelten sprach Dr. Dehler von der Deutschen emokratischen Partei. Die teilnehmenden Organisationen rückten in kleineren Gruppen nach der Hauptseier in ihre Standquartiere ab, ohne daß es zu Zwischen­fällen kam.

M ü n st e r, 10. Aug. (Wolff.) Die alte West­falenhauptstadt prangte heute im Fahnenschmuck zu Ehren des Reichspräsidenten, der mit Vertre­tern der Reichsregierung und der preußischen Re­gierung der in Münster schon am Sonntag ver­anstalteten Deifassungsfeier beiwohnte. Um neun Uhr erschien bei herrlichstem Sonnenschein der Reichspräsident, begleitet vom Reichsminister für die besetzten Gebiete, Höf le, vom preußischen Minister deS 3nnern Severing und vom Staatssekretär Meißner. Auf dem Bahnhof waren zum Empfang der Oberpräsident der Pro­vinz Westfalen, Gronvwski, der Münsterer Oberbürgermeister Dr. S p e r l i ch, der Befehls­haber des 6. Wehrkreises Generalleutnant von Lohberg und die übrigen Spitzen der Reichs­und Staatsbehörden erschienen. Der Reichspräsi­dent und die übrigen Ehrengäste fuhren durch die festlich geschmückte Stadt zum Schloß. Dort fand inzwischen ein großer Empfang der Vertreter der Reichs-, Staats- und Kommunalbehörden, der Ab­geordneten, der Presse und der Führer des po­litischen, wirtschaftlichen, sozialen und geistigen Le­bens aus der ganzen Provinz statt, dem sich ein Empfang der Bischöfe von Münster und Pader­born und der übrigen Spitzen der kirchlichen Be­hörden anschloß, an dem etwa 300 Personen teil­nahmen. Ober Präsident Gronvwski be° grüßte den Reichspräsidenten.

Der Reichspräsident erwiderte mit Worten des Dankes und der Anerkennung für die selbstlose und mutige Haltung, welche die Be­amtenschaft, die Führer der Provinz wie die ganze Bevölkerung Westfalens in den schweren Monaten des Abwehrkampfes an der Ruhr fremder Gewalt entgegengesetzt haben.

Namens der preußischen Regierung sprach Severing den preußischen Beamten der Provinz seinen besonderen Dank für die echte Westfalentreue aus, die sie nicht nur im Ruhr- kamps, sondern schon vorher dem Staate bewie­sen hätten. Der Staat werde hoffentlich bald in der Lage fein, diesen Dank nicht nur mit Wor­ten, sondern auch durch eine wirtschaftliche Bes­serstellung zu bekunden.

Um 5 Uhr nachmittags begann

die Verfassungsfeier

in her Stadthalle. Musik und Chorgesang leiteten die Feier ein. Dann begrüßte

Oberprasident Gronowfli

die Ehrengäste mit einer Ansprache, in der es heißt:

Herr Reichspräsident! Durch Ihre Teilnahme an der Verfassungsseier erhält diese Kundgebung eine besondere Bedeutung und Weihe. Eins möchte ich an erster Stelle aussprechen: Wir erneuern hiermit feierlichst das Bekenntnis zur Verfassung von Weimar, zur Demokvatte, der deutschen Re­publik und zum ungeteilten Deutschen Daterlande! Die westfälische Devöllerung hat durch den Pro­vinziallandtag und den Provinzialausschuß mtt rücksichtsloser Entschiedenheit und unbeugsamer Beharrlichkeit jeden Gedanken, der auf eine Absplitterung von Preußen hinzielte, erfolgreich bekämpft. Wir wollen nicht, daß mit dem Artikel 18 der Reichsverfass ung Mißbrauch getrieben wird. Wer Preußen auf­teilen will, beginnt auch mit der Aufteilung Deutschlands. Die westfälische Erde roar und ist, gottlob, unfruchtbar für separatistische Ideen.

Roch einen dritten Gedanken lassen Sie mich aussprechen: London! Das Wort London hat für uns eine weltgeschichtliche Bedeutung. Wir wollen' nach vierjährigem Fieberzusland endlich gesund werden durch Arbeit, Opfer, Frieder und Ordimng. Deutscher Geist und deutscher Fleiß solle- in Ruhe und Frieden sich entfalten können. Richt Rache und Gewalt, sondern Vernunft und GerÄhtigkeit bauen wieder auf. Die en Weg ist die Reichsregierung zielbewuht gegangen, und auf diesem Wege wird der besetzte Westen wieder deutsche Freiheit erreichen.

Der Reichspräsident erwiderte mit einer längeren Rede, in der er im wesentlichen Folgendes ausführte:

Seit anderthalb Jahren, seit dem Ruhrein­bruch liegen schwere Wollen auf diesem Lande, das die Schlagader unseres Wirt­schaftslebens in sich schließt: feit anderthalb Jahren sieht Westfalen und mit ihm die benach­barte Rheinprovinz, wie sinnlos Werte der Ar­beit und der Kultur zerstört und vernichtet wer­den, wie verheerender Raubbau getrieben wird in einem Gebiet höchstentwickelter Arbeit, das in der Welt kaum seinesgleichen hat. Tausende haben die Treue zur Heimat, die Liebe zum Vaterland mit Leben und Freiheit, mit der Vertreibung von Haus und Hof büßen müssen.

Es ist Ehrenpflicht, auch heute mit Dankbarkeit und Bewunderung unserer Volksgenossen zu ge­denken, die um Deutschlands willen Rot und Ver­folgung erduldeten.

Erst nach langem Leiden ist nunmehr den Ver­folgten aber noch nicht allen Freiheit und Rückkehr gegeben werden: ihnen allen Freiheit, Heimat und Wohnstatt wieder zu erringen, wird nach wie vor unser rastloses Bemühen sein. Durch die Abschneidung vom Industriegebiet, durch die Rückwirkung vom besetzten Gebiet ist auch der un­besetzte Teil der Provinz Westfalen hart betroffen worden. Die einst so blühende Provinz sieht heute ihr Wirtschafts- und Kulturleben aufs schwerste geschädigt, auf eine harte Probe gestellt.

Das unverrückbare Ziel der Reichspolitik ist, deut­sches Land von fremder Besatzung zu befreien, Reichs- und Staatshoheit und die alte Selbstver­waltung wieder in ihre Rechte einzusehen und der deutschen Bevölkerung Recht, freie Betäti­gung und wirtschaftliche Entfaltungsmöglichkeit toiebcrgugeben. Treue um Treue! Das soll und darf kein llingender Spruch für festliche Ver­sammlungen sein: Treue ist nicht Wort, son­dern Tat! Sie fordert von uns, daß wir die Saften, die unsere Brüder am Rhein und Ruhr bisher fast allein getragen haben, opferwillig und im Geiste sozialer Gerechtigkeit auf die Schul­tern aller Deutschen verteilen, daß wir bereit sind, schwere Bürden auf lange Jahre hinaus zu tragen, um so unseren Volksgenossen im Westen auf dem allein möglichen Wege ihre Menschen­rechte und ihre Freiheit zu erkaufen. R,lr m diesem Willen und nur für dieses Ziel können wir den Mut finden, die geforderte schwere Last auf uns zu laden, von der wir nicht wissen, ob wir nicht unter ihr zusammenbrechen werden. Aber neben allen Bedenken, neben allen ernsten Sor­gen der Möglichkeit der Durchführung der über­

nommenen Verpflichtung steht unsere Pflicht, d.e besetzten Gebiete in ihrer Rot nicht allein zu lassen und die Opferbereitschaft, alles zu tum uni den Brüdern und Schwestern an Rhein und Ruhr Leben und Freiheit zu gewinnen. Das ist die Treue, auf die sie Anspruch haben, die wir fo oft ihnen gelobt haben, und die nun opfervolle; Tat des ganzen deutschen Volkes em= lösen soll.

Rur die Tatsache, dah wir in all den Stürmen des Krieges und den Röten des Rachkricges unsere politische Einheit gewahrt und gerettet haben, daß uns das Reich geblieben ist, gibt uns die Kraft zum Vertrauen auf Deutschlands Zukunft. Nur ein gesunder, einheitlicher nationaler Wille, frei von allen Phantastereien, kann uns in der

Welt die Achtung erzwingen,

die unerläßlich ist, wenn Deutschlands Zukunft gesichert werden soll. In aller Rot des unglück­lichen Kriegsausganges und des Druckes außm- und innenpolitischer Mach saitoren hat sich das Bewußtsein deutscher Schicksalsgenreinschaft stärker ertoiefen als fremde Lockung und Gewalt, aber auch stärker als eigene Zwietracht. In allen diesen Kämpfen und Bedrängniften htt unser Volk seine Einheit und feine staatliche Organisation gewahrt und hat diesem fundamentalen Grundgedanken, dem festgefügten Reiche, heute vor fünf Jahren in einem neuen Grundgesetz derVerfassung von Weimar, Ausdruck gegeben. Schon des­halb haben wir ein Recht, des heutigen Tages zu gedenken und Herz und Sinne zu erheben zu unserem größten politischen Gute, der deutschen Einheit, dem deutschen Reiche; Lassen Sie. meine Damen und Herren, uns stets bei allem, was u;is Deutsche sonst an Interessenwiderstreit und Weltanschauung getrennt hat, gedenken, daß nur in dieser Zusammengehörigkeit, einst schwer er­kämpft und jetzt unter größten Opfern behauptet, die Wurzeln der Kraft liegen, die uns wieder aufwärts führen kann, und dah nur in dieser politischen Einheit auch der kulturelle und der ideale Geist wirken kann, der jeden wahren Auf­stieg beseelen muß. In dieser Zusammengehörig­keit aller deutschen Stämme in Körper und Geist

will die Reichsversassung von Weimar, die natio­nale Idee und den Gedanken der Demokratie Ver­einen:

die nationale Idee dadurch, daß die Ein­heit der Ration und ihre Bedeutung im Bewußt­sein des ganzen Volkes lebt, den demokrati­schen Gedanken durch die verantwortungs­bewußte Mitarbeit jedes Deutschen am Staate, durch die Betätigung des WUlens des Volkes.

Rur auf dem festen und sicheren Rechtsboden, den vor fünf Jahren nach Mo­naten schwerer Wirrnisse die aus freier Wahl hervorgegangene Rationalversammlung in der Verfassung der deutschen Republll uns gegeben hat, kann sich unsere weitere staatliche Entwicklung und unsere auenßpolttische Zukunft vollziehen. Möge diese Erkenntnis immer weitere Wurzeln fassen und unbeschadet der Weltanschauung und Parteimeinung alle staatsbewußten Schichten unseres Volkes auf dieser Grundlage zusammen­führen: Rur bann, wenn wir wenigstens in allen Grundfragen der Zukunft und des Lebens unserer Ration geschlossen zusammen- stehen, können wir in diesem Drang der Zeit es wagen, unser Schicksal zu meistern, und fest auf unsere Zukunft vertrauen. Mit dieser Hoffnung begrüße ich Sie, meine Damen und Herren, grüße ich Westfalen und seine kernige, tatkräftige Be­völkerung, grüße ich besonders herzlich die Brüder und Schwestern im besetzten Gebiet!