toS Auswärtige Amt gerichtete Deschwerde- n v 1 e erschienen. Den Ansatz zu dieser Beschwerdenote hätte das Ausbleiben der bereits von deutscher Seite zugesagten Ge nug- tuung wegen eines angeblichen Attentats auf das polnische Vizekvn- sulat in Allen st ein gegeben. Für die Nichterfüllung dieser Forderung drohe die Aote, dah Polen die Kmseuqenzen daraus ziehen würde, die voraussichtlich in der Einstellung der Tätigkeit der polnischen Konsulate in Ostpreußen bestehen würden.
3n der Tat liegt eine Aote ähnlichen Inhalts vor. Der Sachverhalt ist folgender:
3m Marz 1924 war nachts im Schlafzimmer des polnischen Vizekonsuls in Allenstein eine Kugel eingeschlagen. Polnischerseits wurde dies als ein planmäßiges Attentat auf den betrefferrden Vizekonsul aufgefaht und dieser Meinung auch in amtlichen Pressekundgebangen Ausdruck verliehen, ohne das Ergebnis dec Untersuchung abzuwarten.
Die inzwischen beendete Untersuchung ergab jedoch nicht die geringsten Anhaltspunkte für das Dorliegen eines Attentats. Selbsterständlich uwvrde den diplomatischen Gepflogenheiten von deutscher Seite das Bedauern über diesen Vorfall an den zastän- Ligen Stellen ausgedrückt. Die deutsche Aegierung ist auch bereit, den internationalen Gepflogenheiten entsprechend dieses Bedauern, durch eine mündliche Erklärung des Regierangspräses in Allenstein wiederholen zu lassen. Dagegen erscheinen die polnischen Forderungen nach „Genugtuung" und nach „Visite de condotence", wir dies in der polnischen Deschwrrdenote wörtlich verlangt wird, weder durch den Sachverhalt noch durch die internationalen Gepflogenheiten begründet. 3n diesem Sinne ist, wie wir erfahren, die polnische Aote durchs den Reichsminister des Auswärtigen beantwortet worden.
Der bayerische Landtag versagt dem Abg. Pöhner die Aussetzung seiner
Haftstrafe.
München, 8. Juli. (WTB.) Das Plenum des bayerischen Landtags lehnte den kommunistischen Antrag auf Haftentlassung des Abg. Grünsfelder ab. Ferner genehmigte der Landtag entgegen dem Ausschußbeschluß die Strafverfolgung des völkischen Abg. Poehner wegen Hochverrats. 3n der Vollsitzung stimmten auch die Sozialisten und Kommunisten entgegen ihrer Haltung im Ausschuß für die Strafverfolgung Poehners und gaben durch Zwischenrufe zu erkennen, dah das Verhalten der Deutschnationalen im Falle Grünsfelder sie dazu veranlaßt habe. Außerdem wurden die Anträge auf Einstellung des Dienststrafverfahrens gegen die völkischen Abg. Poehner und Streicher abgelehnt. Ferner wurde die Strafverfolgung des Abg. Dlumtritt (Soz.), dem der Vorwurf des Landesverrats gemacht wurde, genehmigt. Dlumtritt bat selbst um Genehmigung zur Einleitung des Verfahrens, um sich rechtfertigen zu können.
Politische Prozesse, gwei Todesurteile im Graff-Prozeß.
. (3n einem Teil der Auflage wiederholt.)
Stettin, 8. Juli. (WTD.) Heute mors Heu gegen V°10 Uhr verkimdigte der Vorsitzende das Urteil im Graff-Prozeß. Es lautet gegen Kawsund Engler wegen Mords auf Todesstrafe. Schwirrst wurde freigesprochen. Die Kosten werden, soweit Freispruch erfolgte, der Staatskasse auferlegt, im übrigen den Angeklagten. Das Gericht hat ferner einstimmig beschlossen,die Angeklagten der Regierung zurBegnadi- guug zu empfehlen, da die Tat unter besonderen Verhältnissen und aus dem Gefühl nationaler Einstellung erfolgte.
Die Begründung.
3n der Begründung 'heißt es 'n. a.: Bei der Entscheidung war, anders als sonst in gewöhnlichen Fällen, ein in feinem ganzen Verlaufs nicht bekanntes Verfahren in erheblichem Maße zu berücksichtigen. Es kommt ferner für das Gericht,
. Der Alte aus Topper.
Roman von Hanns von Zvbeltih.
kl. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Sie schwieg an hundert Schritt weit. Ging mit gesenktem Kopf neben dem Allen her, brach doch wieder los. „Und es ist nicht nur wegen der Leibesgefahr, dah ich den Kaspar nicht lasse. Auch wegen der jungen ©eele. Er soll mir nicht ins Armeelager, er soll mir nicht unter die Zelte. Er soll mir nicht zum König. Lernt überall nichts Gutes dorten, nur rohes, ungeschlachtes Wesen, und beim König . . . Herr Vater, erinnert Euch! . . . französisch parlieren und französische ße° gerete“ —
„Beate! Beate!"
„Muh hinter den Stühlen stehen, wenn sie des Heiligsten spotten —"
„Beate, zügle deine Zunge!"
„Herr Vater, ich flehe Sie an."
„Schweig, meine Tochter —"
Nun waren sie an der ersten Kate angelangt. Weit vor ihnen wand sich der Zug die Dorsstratze hinauf. Kam der Junker zurückgelaufen, mit beißen Wangen, rief: „Herr Großvater, hören Sie, wie es immer noch donnert? Ganz gewiß gewinnt heut der König wieder eine glorreiche Bataille!" Er schwenkte die Kappe, jubelte: „Vivat Fride- ricus Rex!"
Da sagte Beate herb: „Auch verlieren kann er die Bataille."
„Frau Mutter, unser großer König! Ach wie neid' ich's dem Oheim, dah er dabei sein mag!"
Der Alte hatte noch die Rechte an dem Schreiben mit dem Königlichen 3nsiegel. Mit der Linken klopfte er dem Enkel auf die Schulter. „Lauf du, Strick, und laß dir vom Egid erzählen . .
wie es ja auch hier in der Verhandlung Kam Ausdruck kam, durchaus in Betracht, die Einstellung der Angeklagten zu berücksich' tigen, d. fr. zu erwägen, ob die Angeklagte^ in nationaler Erregung handelten. Es fiel bei der Würdigung dieser Tatsache hier das Wort, daß auch bei der Beurteilung den Tat nach der Feststellung des Tatbestandes diese nationale Einstellung der Angeklagten, die eine Ausfassung großer Teile des deutschen Volkes ist, berücksichtigt werden mußte. Bei der Anwendung auf den festgestellten Tatbestand kann das Gericht diese Zumutung nicht für richtig halten. Es muß vom Gericht verlangt werden, daß es den Tatbestand nach seiner innersten Ueber- zeugung unter Berücksichtigung aller Momente feststellt und daß es diesen Tatbestand voll und ganz mit den Gesetzen vergleichen und das Gesetz dann auf diesen Tatbestand anwenden muß. Das Gericht ist bei der Nachprüfung der umfangreichen Beweisaufnahme hinsichtlich der in Aachen Verurteilten zu der Ueberzeugung gekommen, daß die dort Angeklagten zu LI n r e ch t verurteilt worden sind. Es wurde ferner festgestellt, daß zwischen den hiesigen und den dortigen Angeklagten keinerlei Zusammenhang besteht. ‘
Das Reichsgericht bestätigt das Urteil gegen Minister Zeigner.
Leipzig, 8. Juli. (WTB.) Die gegen das Urteil im Zeignerprozetz eingelegte Revision der Staatsanwaltschaft und der Angellagten wurde vom 4. Strafsenat des Reichsgerichts verworfen. Senatspräsident Dr. Stöckel siihrte in der Begründung aus, dah der Senat sowohl in prozessualer als auch materieller Hinsicht alle Einwände gegen das Urteil des Vorderrichters als unberechtigt betrachte. Mit dieser Entscheidung ist das Urteil des Landgerichts Leipzig vorn 29. März, das gegen Zeigner auf drei Jahre Gefängnis und drei Jahre Ehrverlust lautet, rechtskräftig.
Ministerialrat Schneider vor dem britischen Gericht.
Köln, 8. Juli. (Wolff.) Am zweiten Der- Handlungstage in dem Prozeß gegen Mi- nisterialrat Dr. Schneider wurden vormittags zunächst die letzten Zeugen in der Angelegenheit der Regiefrantenfälschun- gen vernommen. Darauf ging man zum zweiten Punkt der Anklage über und trat in die Vernehmung des Studenten Franz Thedieck aus Köln, Fähnrich zur See, ein. Dieser gab an, daß ein gewisser Hochberg im April 1923 an ihn herangetreten sei wegen Verteilung von Flugschriften im besetzten Gebiet. Uebrigens erklärte er, er habe Dr. Schneider nur dreimal flüchtig besucht, um ihm Informationen über separatistische Putschabsichten zu übermitteln. Da es damals in Köln fast unmöglich war, Bargeld auf den Danken zu erhalten, fragte er bei einem solchen Besuch Dr. Schneider, wo er für einen Reichsbantscheck Bargeld, das er dringend brauche, bekommen könne. Dr. Schneider verwies ihn damals an Zucker, der durch seine Bankverbindungen vielleicht dazu imstande sein werde. Der Zeuge bestreitet, Dr. Schneider von dem Zweck des Geldes in Kenntnis gesetzt zu haben.
Der Staatsanwalt macht den Zeugen darauf aufmerksam, daß er bei den früheren Vernehmungen ganz andere Aussagen gemacht und sich/ vor allem dahin geäußert habe, daß nach seiner Ansicht Ministerialrat Dr. Schneider von seiner Tätigkeit und um den Zweck des Geldes gewußt 'habe. Der Zeuge bestreitet dagegen, etwas derartiges gesagt zu haben. Bei dem in Frage kommenden Protokoll sei das Verhör durch den die deutscheSprache ganz unvollkommen beherrschenden englischen Dolmetscher dittiert worden. Der Staatsanwalt erklärt auf Thediecks Einwand, daß das zu Protokoll genommene mit dem Übereinst imme, was er freute ausgesagt habe.
3n der Nachmittagssitzung wurde die Verteilung der Flugblätter erörtert. Der Zeuge gebt an, daß die Flugblätter bereits von April bis Juni 1923 verteilt wurden, zu einer Zeit, als Öed Zeuge Schneider noch nicht kannte, mit dem er erst im Juli 1923 zusammengekommen ist. Schneider hotte von diesen Flugblättern keine Kenntnis.
Am Schlüsse der Mrchmittagssihung meldet sich die bereits heute morgen vernommene Tochter Silbermanns, Regina Silbermann, zu einer nachträglichen Aussage. Sie erklärt, Schneider habe ihr, als sie ihn nach der Verhaftung ihres Vaters besuchte, um sich über sein Schicksal zu erkrindigen, wörtlich gesagt: 3ch muh Zucker und Silbermann befreien, denn i ch bin der Schuldige. Sie sind unschuldig. Wenn ich sie nicht frei- bekomme, bin ich und die halbe Regierung erledigt. Die Zeugin wird nochmals auf ihren Eid hin gewiesen und nochmals vereidigt. Sie wird darauf vom Gericht auf ihre Aussagen aufmerksam gemacht, die sie heute morgen abgab, und gefragt,
Fort war der Junker. Immer die Kappe schwenkend: „Vivat Fridericus Rex!"
Sprach der Großvater zur Tochter, ganz anders wie bisher, fest und hart: „Wie Seine Majestät befohlen, geht der Käspar ins Feldlager."
Selten war der Don in seiner Stimme so, zumal wenn er zur Witwe seines Ersten redete, die ihm lieb war wie ein eigenes Kind. Aber sie kannte den Ton, wußte, es gab jetzt keinen Widerspruch mehr.
„Vater!" schluchzte sie. „Warum tun Sie mir Das an?“
Da sprach er: „Aus Pflicht, mein Kind! Und weil es unsere Bestimmung ist, für den König zu leben — oder zu sterben!" Und schritt weiter, dem Gutshof zu. Immer die Rechte auf dem Schreiben mit dem Königlichen Jnsisgel.
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„Vivat! Vivat!" jubelte es am 13. August in aller Morgenfrühe durch die Straßen Berlins. Auf allen Plätzen, an allen Ecken stand, drängte sich das Voll, aus allen Fenstern schauten die Leutchen, die Männer noch von der Nacht her die Zipfelmütze auf dem Kopf, die Frauen mit den weißen Häubchen. Die Straßenjungen johlten, tobten, schlugen Purzelbäume. Alles schob, schreiend und rufend, dem Schlosse zu.
Gestern war ein unheimlicher Tag gewesen. Schlechte Nachrichten: Torgau und Leipzig unt> Wittenberg sollten von der Reichsarmee beseht worden fein. Vom geliebten Prinzen Heinrich, der gegen Daun stand, gar keine Kunde. Aber aus Frankfurt, der Oberstadt waren Flüchtlinge ein» getroffen: Die Russen sollten dorten wie die Barbaren hausen. Auch ein unsicheres Gerücht lief um, der König hätte die Oder passieret und griffe den SMykow an. Bekümmerte Gesichter überall.
mit wem sie sich seit ihrer am Vormittag erfolgten Vernehmung unterhalten habe, ein Punkt, der nicht völlig aufgeklärt wird. Die Zeugin bleibt bei ihrer Aussage.
Kleine politische Nachrichten.
Toller vor der Enthaftung.
München, 8. Juli. Der wegen Beteiligung an der Räterepublik seinerzeit verurteilte Schriftsteller Ernst Toller wird am 16. Juli nach Verbüßung seiner Strafe aus der Haft entlassen.
Wiederzulassung deutscher Missionare in den englischen Kolonien.
Nach einer Meldung aus London hat dep Staatssekretär für die englischen Kolonien auf Vorschlag des britischen Missronsausschusses den Dann gegen die deutschen Missionsgesellschaften in den dem Kolonialamt unterstehenden britischen Kolonien und Gebieten aufgehoben. Auch für Indien wird die Wiederzulassung deutscher Missionare wohl bald erfolgen.
Priesterweihe des sächsischen Kronprinzen.
Einer Meldung aus Dresden zufolge wird der ehemalige Kronprinz Georg von Sachsen am 15. d. Mts. zum katholischen Priester geweiht werden.
Der spanische Kamps in Marokko.
Paris, 8. Juli. (WTB.) Havas meldet aus Madrid: Wie offiziell aus Marokko verlautet, fraben die spanischen Truppen die Stellung von Hoj bezogen, deren Garnison, zwei Tote und fünf Verwundete aufzuweisen habe. Die Lage habe sich gebessert, es seien jedoch Vorkehrungen getroffen, um den schuldigen Stamm zu besttafen.
Aus dem Hessischen Landtag.
Darmstadt, 8. Juli.
Präsident Adelung eröffnet die Sitzung um 10.30 Uhr. Am Regierangstisch: Staatspräsident Ulrich und Minister Raab.
Vor Eintritt in die Tagesordnung teilt der Präsident mit, daß Abg. D. Dr. S chi an (D. Dp.) sein Mandat niedergelegt frat.
Abg. Frl. Birnbaum (D. Vp.) richtet eine Reihe von Anfragen an die Regierung über Gehalts- und Abbau-Verhältnisse der Lehrerinnen. Ministerialdirellor Urstadt beantwortet diese im einzelnen.
Abg. Viehl - Hochweisel (Bbd.) fragt an, warum die Kosten für den Koch- und Werkunterricht der Fortbildungsschulen den Gemeinden zur Last gelegt werden. Ministerialdirektor Urstadt erwidert, nach Artikel 62 des Volksschulgrsetzes hätten die Gemeinden die Kosten zu tragen.
Hierauf wird die Beratung des Staatsdoranschlags beim Kap. Landesamt für das Dildungswesen wieder auf genommen.
Ministerialdirektor Urstadt bemerkt zum Fall des Studienrates in Gießen, den Abg. Dr. Werner erwähnt hatte, daß mit keiner besonderen Milde verfahren worden sei. Die von dem Abg. Dingeldey verlangte Abschaffung der Lesebücher, in dem von der deutschen Kriegsschuldlüge gesprochen wurde, sei durchgeführt worden; es könne sich nur um eine untergeordnete Stelle handeln, die die Verfügung nicht befolgt frat Ueber die religionsfeindliche Propaganda eines Lehrers, von der Abg. Dr. Diehl sprach wurden Erhebungen angcftellt Eine Propaganda zum Austritt aus einer Religionsgemeinschaft dürfe ein Lehrer nicht betreiben. Der Redner bespricht dann einige Lehrerbildungsfragen und die Frage der Grundschule. Beim Abbau sei vom Landesbildungsamte nach den bestehenden Vorschriften verfahren.
Abg. Dr. Büchner (Dem.) wendet sich gegen Auswüchse der Jugendbewegung,
Um 1 Uhr wird die Sitzung geschlossen. Nächste Sitzung freute nachmittag 31/4 Uhr.
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Der Petitionsausschuß des Landtags nahm einen Antrag des Abg. Nuß (Ztr.) über die Wiedereinstellung von schwerkriegsbeschädigten Eisenbahnarbeitern und Angestellten an. Ein Antrag Dr. Werner (Dntl.) auf Wiedereinführung der Sommerzeit wurde abgelehnt, dagegen wurde ein Antrag der Abgg. Füller, Dr Osann und Gen. auf sofortige Abschätzung von Schäden durch die Landesbrandkasse angenommen. Eine Reihe von weiteren Anträgen wurde für erledigt erklärt.
Der Gesehgebungsausschuß frat die Beratung der Ausführungsbest immungen über das Jugendwöhlfahrtsgesetz in Angriff genommen. Dis jetzt wurde den Vorschlägen der Regierungsvorlage zugestimmt. Die (Beratungen werden am Mittwoch und in den nächsten Tagen fortgesetzt.
3n der Kaseme der Friedrichstraße gab es einen kleinen Krawall. Da hatten die zurückgebliebenen Soldatenweiber revoltiert, sie wollten ins Feld, zu ihren Mannern. Dis der Feldwebel bu pur vom Garnisons-Bataillon ihrer vier m die Fiddel stecken ließ, daß sie nicht Hand noch Fuß regen konnten. Das half, da wurden sie stille. Nur die Kinder lärmten noch um die beiden Kanonen auf dem Kasernenhofe herum. Aber als der ®ra^ bart mit der Karbatsche über sie kam, liefen auch sie auseinander.
Ihre Majestät, die Königin, waren schon von Schönhausen in die Stadt gekommen. Man munkelte allerlei, atfcfr daß der Hof flüchten wolle. Doch am Abend waren alle Fenster bei der Prinzessin Amalie erleuchtet gewesen. Die gab wieder eins ihrer Soupers. Sah so gerne Gäste bei sich, die Aebtissin von Quedlinburg, trotzdem der König ihren sehnlichsten Wunsch nicht erfüllte, sie nicht eigenes Geld schlagen lieh. Als ob er das nicht selber täte, und was für Geld! 3mmer schlechter wurde es, für voll nahm es längst niemand mehr. Dabei fliegen die Preise ins Unbezahlbare. Fleisch war kaum noch zu erschwingen, auch die Bäcker hatten ttoh aller Mahnungen aufgeschlagen. Und Handel und Wandel stockte ganz. Schlechte Zeiten — arge Zeiten! Wenn nun gar die Russen tarnen: wie soll bas werden? Kluge ßeute verscharrten ihre bessere Habe in den Kellern. Einzelne rückten ganz aus. 3n den Sabagien hatten sich's die Spießer am Abend zugeraunt: sogar der Grobkanzler Jariges und der alte Graf Prckewils waren schon abgereist.
Das war gestern gewesen. Ein trüber, trüber Dag.
Aber freut lächelte die August sonne über Berlin, und die zaghaften Herzen waren wieder obenauf. Jeder wußte es für bestimmt, wie ein Lauffeuer ging'S durch bte Stadt, vom Frankfurter;
Aus Stabt und Land.
Gießen, den 9. Juli 1924.
Der neue Provinzialdirektor.
Wie wir von zuverlässiger Seite hören, ist Kreisdirektor Graef vom Kreisamt Frredberg zum Provinzialdirektor der Provinz Ober Hessen und Kreisdir^tor des Kreises Gießen ernannt worden.
Provinzialdirektor Graes tst geborener Rheinhesse. Seine bisherige Deamtenlaufbahn, über die wir noch eingehender berichten werden, führte ihn u. a. als Referent in die Abteilung für Handel und Gewerbe im Ministerium, den Feldzug machte er längere Zeit als Hauptmann d. R. bei einem Feldartillerie-Regiment: mit, später war er Kreisdirektor m Dieburg. Seit Juni 1921 steht er als Kreisdrrektor anf der Spitze des Kreises Friedberg. Provinzial- direktor Graef wellt zurzeit auf Urlaub rn Oberbayern.
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Bornotizen.
— Tageskalender für Mittwoch. Stadttheater: 7 Uhr Clavigv. — Reichswehr- wvllwoche: Anlagenkonzert der ReichTwehrkapelle um 6 Uhr in der Nordanlage. — Wettkämpfe der Universität um 4.30 Uhr auf dem Universitäts- Sportplatz. — Wohltätigkeits-Schülerkonzert: */°8 Uhr im Singsaal des Realgymnasiums. — Rundfunkhaus, Löberstraße: Kammermusik. — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Das Piratenschiff". — Astvria-Lichtspiele: „Taras Bulba".
— Die Reichsweh rkapelle gibt morgen abend ihr 5. Abonnementskonzert auf der Lie- bigshöhe. (Siehe Anzeige.)
— Der Zirkus Otto Mark wird in den nächsten Tagen in unserer Stadt zu einem Gastspiel eintreffen. Dem Unternehmen geht, nach Berichten aus anderen Städten, ein guter Ruf voraus. (Siehe Anzeige.)
Wettervoraussage
für Donnerstag:
Südliche bis westlich« Winde — zeitweise stärker bewölkt — einzelne kurze Regenfälle. — Die Luftdruckverteilung auf dem Kontinent ist schnellen Veränderungen unterworfen. Heute morgen liegt ein kleines Tiefdruckgebiet über dem Kanal, das bei weiterem Vordringen nach Osten vorübergehende Verschlechterung bringen dürfte.
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sf. Die EinäscherungderLeichedes Provinzialdirektors Ludwig Matthias fand gestern nachmittag im Krematorium zu Friedberg statt. Die Provinzialdirektion und das Kreisamt Gießen waren durch leitende Beamte bei der Feier vertreten, ebenso waren sämtliche Behörden des Kreises und der Stadt Friedberg erschienen. Pfarrer Bernbeck von Worms, der in Gießen gesprochen frat, hielt auch frier die von warmem Empfinden getragene Trauerrede. 3m Namen des Kreises und des Kreisamtes Friedberg legte Kreisamtmann Göbel, im Namen der Stadt Friedberg Beigeordneter Windecker, im Namen der Schutzpolizei Major Hertel Kränze an dem Sarge nieder. Alle Redner gedachten in warmen Worten der Verdienste des leider so frii.fr Verstorbenen. Pro» vinzialdirektvr Matthias hatte übrigens zu Friedbergganz besondere Beziehungen; sein Großvater war dort lange Jahre Direktor der Taubstummenanstalt und sein Vater war in den Jahren 1900—1905 dort Kreisarzt.
" Eine Richtigstellung zu den bevorstehenden Steuer fälligfetten. Während unsere gestrige Ausgabe im Druck begriffen war, ging bei dem hiesigen Finanzamt eine neue Verfügung ein, die eine Aenderung in den Prozentsätzen der Staatsgewerbesteuer brachte Hieraus ergibt sich auch eine Aenderung m den Gewerbesteuersähen der Provinz, des Kreises und der Stadt Gießen. Danach werden an den gestern gemeldeten Terminen fällig: staatliche und städtische vorläufige Gewerbesteuer 6 0 Pr 0 z.» nicht 80 Prvz., vorläufige Kreisgewerbesteuer Vs, vorläufige Provinzgewerbesteuer 1/16 des staatlichen Steuersatzes. An den Schonfristen hat sich nichts geändert. Man beachte die heutige Bekanntmachung.
** Auszeichnung. Dem Leiter des ftaatL hessischen Instituts für Quellenforschung, Dr. Phil. Louis D e d e, Privatdozent für Chemie an der Universität Gießen, ist von der Hessischen Regierung die Amtsbezeichnung „Professor" verliehen worden. Professor Dede ist geborener Hamburger und hat dort am Hygienischen Institut (1914—1915) begonnen, toc
bis zum Potsdamer Tor, und vom Rondell bis zur Mulaksgasse: die Bataille ist gewonnen! Der König hat wieder einen glorreichen Sieg erfochten! Unser großer König 1 Einer erzählte es dem andern: der Postmeister hat in der Nacht eine Stafette erhalten, solle Postillone parat halten zum Einreiten, um Viktoria zu verkünden. Der und jener wußte noch mehr: Laufende von Gefangenen hat der König gemacht, zwei gewaltige Batterien erobert, vierzig, nein, hundertvierzig Kanonen! Die Russen seien in voller Flucht. Der Große König! Unser gnädiger siegreicher König! Fridericus Magnus!
Dor dem Schlosse ist ein Gedränge, kaum kann man durchkommen. Wie die Mauern steht das Volk. Mühsam nur bahnen die Equipagen und Sänften sich ihren Weg. Der Kommandant, der alte Rochvw, mitten darunter, im Sattel, wettert und flucht. Die hohen Beamten, der Adel, wollen keine Stunde versäumen, der Königin aufzuwarten, luntertänigft zu gratulieren. Die Messieurs in den goldbordierten Staatsröcken, die gepuderten Perrücken auf den ehrwürdigen Schädeln oder den akkuraten Zopf im Nacken; Mesdames in großer Toilette, bauschigen Reif- röcken, Medicis um den Hals. Platz da für Seine Exzellenz Minister Graf von Finck! Platz für Frau Gräfin Dees I Für die Generalin vön For- cade! Für Seine Hoheit den Markgrafen Heinrich! Für Herrn Baron von Müller! Für Herrn Reichsgrafen von Cefrnborff! Für den Marquis d'Argens! Und dazwischen Vivat! Vivat Fridericus Rex! Und wieder dazwischen in ihren weißen Röcken ein Häuflein mürrisch dreinschauen- der Gefangener, österreichischer Offiziers, die der König erst vor ein paar Tagen seinen lieben Berlinern zur Ergötzung gesandt frat
(Fortsetzung folgt)


