Frage nicht einlassen, die daS Gesetz auch nur aufzuwerfen verbiete. Die Verfassung Hube die Dauer des Präsidentemnandats auf 7 Jahre festgesetzt. Der Präsident halte es unter diesen Umständen für seine Pflicht, gegenüber der Republik und gegenüber Frankreich
biS zum gesetzlichen Ablauf seines Mandats im Eltzsee zu bleiben.
Millerand sei entschlossen, alles in seiner Macht stehende zu tun, um die Wahrung der Verfassung zu sichern und einen Präzedenzfall unmöglich zu machen, dessen Gefahren nicht zu ermessen seien. Ohne sich auf eine Erörterung dieser Gründe einzulassen, habe Herriot zur Antwort gegeben, daß er persönlich nicht glaube, den Auftrag zur Kabinettsbildung annehmen zu können.
Der Abg. Herriot hatte dann im Kammergebäude mit Painleve, Driand und dem Sozialistenführer Leon Blum, zu denen später noch die sozialistischen Abgg. Va renne und Ren au del kamen, eine Konferenz. Die Führer ' des Kartells der Linken haben die Haltung Her- riots gebilligt.
- Herriot hat den anwesenden Journalisten folgende Erklärung abzugeben: „Meine Unter» redung mit dem Präsidenten der Republik hat sich weniger auf ein Programm, als auf einzelne Fragen von nationalem Interesse bezogen, die keinerlei Metnungsverschiedenhei- t e n Hervorrufen konnten. Ich mutzte dem Präsidenten der Republik sagen, daß ich während des ganzen Wahlkampfes das Kartell der Linken vertreten habe und keinen Augenblick daran denken könne, ein Ministerium außerhalb der Parteien der Linken zu bilden, deren Entschluss über die verfassungsmäßigen Aufgaben des Präsidenten der Republik kürzlich veröffentlicht worden ist. Da ich es mit yner Tatsache zu tun hatte, die die Bildung eines von den Linksparteien nicht unterstützten Ministeriums nicht gestattet, konnte ich nichts anderes als den Auftrag ablehnen." Rachdem
der Präsident der Republik
Hestern abend die drei Senatoren, den Vorsitzenden der demokratischen Linken Millies-Lacrotx, den Vorsitzenden der republikanischen Union, der zweitstärksten Gruppe des Senats, Senator Ra- t i e r, und darauf Senator R i o den ehemaligen Unterstaatssekretär der Handelsmarine empfangen hatte, um nach einer halbamtlichen Erklärung sich mit ihnen lediglich über die Lage zu besprechen, hat der Präsident gestern abend weitere politische Persönlichkeiten nicht empfangen. Er wird nach dem „Matin" heute noch einige andere Senatoren konsultieren, sowie auch mit mehreren Deputierten verhandeln. Erst nach diesen Unterredungen werde er den Mann auswählen, den er für qualifiziert halte, das Programm der Linken zu verteidigen und gleichzeitig die Achtung vor der Verfassung zu sichern. — Der „Petit Parisien" vertritt den Standpunkt, daß die politische Persönlichkeit, die Millerand heute berufen werde, um das neue Ministerium zu bilden, aller Wahrscheinlichkeit nach dem Senat angehöre. Es sei auch nicht anders möglich, denn es sei ja so gut wie sicher, daß jeder Deputierte, der einer der Parteien angehöre, die sich zum Kartell der Linken zählten, die Mission ab lehnen werde, wie Herriot es getan habe. Dagegen habe sich die Mehrheit des Senats nicht gegen den Präsidenten der Republik ausgesprochen. Es schiene also, daß nach dieser Seite hin sich der Präsident der Republik orientieren werde. Bereits würden eine Anzahl politischer Persönlichkeiten genannt, mit denen heute nach 10 Uhr der Präsident der Republik verhandeln werde, wie Senator C h a u m e t, Doumer, der ehemalige Finanzminister sowie der Berichterstatter des Finanzausschusses des Senats Senator Verenger. Auch der Abg. Klotz wird vom „Echo de Paris" genannt.
Der deutsch-russische Zwischenfall
'Berlin, 5. Juni. (WTD.) Die neue russische Rote ist, wie den Blättern mitgeteilt wjxd, in sachlichem Ton gehalten und unterstreicht wiederholt das Interesse beider Staaten an einer Klärung des Zwischenfalles. Die Notwendigkeit der Anrufung eines Schiedsgerichts wird nicht als gegeben angesehen. Die Note hält im wesentlichen an der von der russischen Regierung von Anfang an vertretenen Auffassung fest, daß durch die bestehenden Verträge die E x t e r r i t v r i a l i- tät der Handelsvertretung als solcher festgelegt sei. Aus dieser grundsätzlichen Einstellung folgt, daß sie die Tätigkeit der Polizei in ihrem ganzen Umfange für vertragswidrig hält, und die sich daraus ergebenden Folgerungen zieht. Außerdem wird darin betont, dah in jedem Falle mindestens eine Benachrichtigung des Auswärtigen Amtes und des russischen Botschafters hätte erfolgen müssen. Auf alle Fälle müsse eine Garantie für die Wiederherstellung des status quo geschaffen werden.
Kant und der „preußische Pflichtbegriff".
Don Pvof. Dr. E. v. Aster.
Arn Schluß der Gießener Universitätsfeier zu Ehren des 200. Geburtstages Immanuel Kants ergriff ein Student das Wort zu der Erklärung, ihm sei Kant wesentlich der Vertreter des preußischen Pflichtbegriffs und neben Fichte und Hegel der Führer, der den Geist der Freiheitskriege geweckt habe. Behauptungen dieser Art sind oft ausgestellt worden, sie sind darum nicht minder falsch und dürfen im Interesse der historischen Wahrheit und des richtigen Verständnisses der Stellung Kants nicht unwidersprochen bleiben. Kants Pflichtbegriff hat nichts zu tun mit jenem preußischen Vflichtbegriff, der das Erbteil des Preußentums im Sinn und Geist des ersten Friedrich Wilhelm ist. Dieser preußische Pflichtbegriff fordert, daß jeder „seine Pflicht" tue, d. h. die Aufgabe erfülle, die ihm Gott durch die ordnende Harch der Geschäfte und des Staates zugewiesen hat. Er muh sie tun blind und gehorsam, als Soldat auf seinem Posten, als Beamter in seinem Beruf, ohne über jene Aufgabe auch nur vernünfteln zu dürfen. Aus einem patriarchalischen Staatsbegriff, verbunden mit einer ganz bestimmten religiös - protestantischen Einstellung wächst diejer Pflichtbegriff heraus — Quellen, die
Aus Stadt und Land.
Gießen, den 6. Juni 1924.
Reichswehrwollwoche in Gießen.
Von der Winternochilfe Gießen wird uns geschrieben:
Wie bereits ftüher an dieser Stelle berichtet, hat die R e i ch S w e h r es in den meisten ihrer Standorte übernommen, durch eine „Reichswehrwollwoche" der ärmeren Bevölkerung in ihrer Kleider- und Schuhnot zu helfen. Auch die hiesige Reichswehr will sich dankenswerter Weise in den Dienst der guten Sache stellen. Die R. W. W. soll in Gießen vom 7.-9. Juli stattfinden. Fahrzeuge der Reichswehr werden von freiwilligen Helfern und Helferinnen begleitet die Straßen der Stadt durchfahren und in den Häusern entbehrliche Kleider, Wäschestücke und Schuhe erbitten. Musikalische Darbietungen der Reichswehrkapelle auf geeigneten Plätzen der einzelnen Stadtteile werden die Bevölkerung auf die Sammlung aufmerksam machen. Es ist dringend zu wünschen, dah die uneigennützige Bemühung unseres Truppenteils in Gießen denselben guten Erfolg haben möge, wie in anderen Städten, denn die Kleidernot weiter Devölkerungsschichten ist erschreckend groß. Noch ist die Zeit des Elends nicht überwunden, trotz der festen Währung. Schon führt die Kre- diwot in Handel und Wandel zur Stockung vieler Betriebe. Die Zahl der Erwerbslosen steigt wieder an. So gebe jeder nach seinen Kräften, wer irgend Entbehrliches an Kleidung, Wäsche oder Schuhen besitzt. Vieles, was in der Zeit der Textil- und Lederzwangswirtschaft und der täglich steigenden Preise vorsichtig zurückgehalten wurde, kann wohl jetzt unbedenklich weggegeben werden, ehe es den Motten oder dem Zerfall anheimfallt, seitdem doch für weite Kreise Neuanschaffungen nicht mehr unerreichbar sind. Vielleicht findet sich auch in den Geschäften noch manches, was schwer verkäuflich geworden ist, aber hier noch Segen stiften kann. Die eingegangenen Spenden werden von sachverständiger Hand geordnet und, soweit nötig, vorgerichtet werden. Bei einem guten Erfolg kann bei Eintritt der kalten Jahreszeit vielen geholfen werden.
*
** Verbilligte Eisenbahnbeförderung deutscher Kriegerleich e n. Da die Heimschaffung deutscher Kriegerleichen in letzter Zeit wieder ausgenommen worden ist, sind die Bestimmungen über die Frachtermäßigung, die vorübergehend aufgehoben waren, in früherem Ausmaße mit sofortiger Gültigkeit bis auf weiteres wieder eingeführt worden. Anträgen auf Erstattung der Hälfte der bezahlten Fracht für Fälle in der rückliegenden Zeit, in der die Ermäßigung nicht mehr gewahrt worden ist, kann stattgege- ben werden.
RDV. Paketemitzulaufsgenehmi- gungsPflrchtigenWaren nach dem besetzten Gebiet. Im besetzten Gebiet geben vielfach Pakete mit zulaufsgenöhmigungspflichti- gcn Waren ohne Zulaufsgenehmigung ein. S)lche Pakete, insbesondere mit Seidenwaren, Schreibmaschinen und Zigarren, werden von den fremden Zollstellen namentlich im besetzten Ruhrgebiet beschlagnahmt und nur fretgegeben, a>enn der Empfänger oder Absender den fälligen Zoll nachträglich zahlt und eine hohe Zollstrafe, die beispiels- rveise vom französischen Hauptzollamt in Düsseldorf auf 200 Mk. für jedes Paket festgesetzt ist, entrichtet. Jedem Paketversender, der sich vor Schaden bcaxrfjren will, kann daher nur dringend empfohlen werden, bei Auslieferung von Paketen mit zulaufsgenehmigungspflichtigen Waren nach dem besetzten Gebiet Den Paketkarten eine Zulaufsgenehmigung beizufügen.
** Schonung des Rehwildes! Beim Aufgang der Jagd auf den Rehbock stellt sich bei Begehung der Reviere immer deutlicher heraus, welche enorme Einbuße der Rehwildstand in dem abgelaufenen Winter durch Eingehen, wie auch durch Wildern erlitten hat. Cs werden jetzt die Aeberreste der eingegangenen Rehe vielfach gefunden; es ist bekannt, daß in einem allerdings seither jagdlich sehr pfleglich behandelten Revier allein mehr als 50 Stück Rehwild eingegangen sind. Die weidgerechten Jäger werden sich mindestens für das laufende Jahr eines gänzlichen dem Rationalismus Kants durchaus fern liegen. Kants Pflichtbegriff fordert umg^k.hrt di? ständige schärfste Kontrolle der „Vernunft" über alle Handlungen, die völlige Enteignung jedes A fel s und jeder Neigung zugunsten des für alle geltenden Dernunftgesehes. Handle so, daß du dir nichts erlaubst, was du nicht jedem anderen zu erlauben bereit bist, daß du nie an andere eine Forderung stellst, die du nicht zugleich — schärfer und unerbittlicher — an dich selbst stellst. Der Sinn des kategorischen Imperativs ist jene Gerechtigkeit, die nicht sagt: Warum habe ich wch', was der andere hat?, sondern die sagt: Wie komme ich dazu, etwas zu haben, was der andere nicht hat? Er fordert Ach ung vor dem Recht des andern — nicht damit der andere mein Recht achte oder weil er es tut, sondern ganz gleichgültig, ob er es tut oder nicht. Denn diese Achtung vor dem Recht des andern ist meine Selbstbeherrschung, sie erweist meine Freiheit und diese Freiheit, die mich zum Menschen macht, ist das höchste Gut, das es überhaupt gibt, wertvoller als alle Güter der Welt.
Ebensowenig hat Kant etwas zu tun mit der nationalen Romantik des späteren Fichte oder Schleiermachers. Sie ist, wie die Romantik überhaupt, eine Reaktion auf Kant, trotz der Berufungen Fichtes auf Kant, und wo Kant selbst diese Romantik noch erlebt hat (Fichtes Wissenschaftslehre. Herder) hat er sie aufs schärfste
Abschusses enthalten müssen, wenn ficy oer Wildstand wieder halbwegs erholen soll. Von selten der Iagdvereine wird überall das Schonen des Rehwildstandes dringlichst empfohlen. Es ist zu hoffen, daß diese zeitgemäße Mahnung beherzigt und auch durch scharfes Aufpassen dem Wildererunwesen auf die Finger gesehen wird.
** Aus dem Siebener Standesamt s r e g i st e r. Es verstürben in der Zeit vom 16. bis 31. Mai: 16. Mai Georg Marburger, ohne Beruf, 69 Jahre alt, Licher Str. 74; Marie von Fournier geb. Fischer, Rentnerin, 85 Jahre alt, Frankfurter Str. 48. 17. Peter Selzer, ohne Beruf, 61 Jahre alt, Asterweg 50. 19. Karoltne Simon geb. Schwan, Witwe. 89 Jahre alt, Rod- Heimer Str. 30. -20. Ferdinand Baer l., Kaufmann, 55 Jahre alt Aticestr. 25; Christian Liebe- henz, Eisenbahnwerrsührer im Ruhestand, 81 Jahre alt, Licher Str. 74; Elisabeth Schmidt geb. Naumann, Witwe, 73 Jahve /llt, Licher Str. 74. 23. Klara Hachenburger, Dienstmädchen, 24 Jahre alt, Neustadt 15. 25. Martya Markart geb. Vogel, 27 Jahre alt, Gnauthstr. 40; Karl Lembach, Schlosserlehrling, 16 Jahre alt, Wolkengasse 7. 26. Juliane Braun geb. Faaß, Witwe, 75 Jahre alt, Neuen Baue 22. 28. August Hampel, Ober- Eichmeister, 64 Jahre alt, Dammstr. 47; Marie Balser, 4 Jahre alt, Licher Str. 59. 29. Karl Henning, Grubenverwalter, 56 Jahre alt, Seltersweg 812/10; Wilhelmine Zimmermann geb. Müller, Witwe, 97 Jahre alt, Frankfurter Str. 12. 30. Margarete Fix, ohne Beruf, Crednerstr. 43. 31. Julie Krombach geb. Fitzler, Witwe, 72 Jahre alt, Ludwigstr. 66.
’* Oe ff entliehe Büch erhalle. Im Mai wurden 1610 Bände ausgeliehen. Davon kommen auf erzählende Literatur 889, Zeit.chrif- ten 162, Iugendschriften 135, Literaturgeschichte 10, Gedichte und Dramen 26, Länder- und Völkerkunde 94, Kulturgeschichte 23, Geschichte und Biographien 97, Kunstgeschichte 8, Naturwissenschaft und Technologie 61, Heer- und Seewesen 12, Haus- und Landwirtschaft 17, Ges und httts lehre 14, Religion und Philosophie 22, Staaiswissenschaft 18, Skrachwisseistchaft 6, Fremdsprachliches 16 Bände. Nach auswärts tarnen 18 Bände.
** „Großer Iubiläumspreis." Unter diesem Titel hat der Radclub Germania anläßlich seines 25. Jubiläums am 5., 6. und 7. Juli auf dem Oswaldsgarten ein Rennen ausgeschrieben, welches über eine Strecke von 120 Kilometer führt. Die Strecke geht über Sichertshausen, Gisselberg, Niederwalgern, Odenhausen, Gießen, Grünberg, Lich, Gießen, Kleinlinden, Dutenhofen, Dorlar, Ahbach, Heuchelheim, Ziel Feldschlöß- ch^n. Der Start der Fahrer erfolgt am Montag, 7. Juli, 5 Ahr morgens, auf dem Fest- Platz. Die Fahrer kommen bei diesem Rennen also zweimal durch Gießen.
•* Die neuzeitliche großstädtische Kino-Errungenschaft, das persönliche Austreten von Künstlern im Kino, hat nun auch m unserer Stadt ihren Einzug gehalten. Das Lichtspielhaus, Bahnhofstraße, machte mit dieser Neuerung gestern abend den Anfang, indem es einen ganz famosen Humoristen, der sowohl in seinen Vorträgen wie auch in der Mimik sehr gut gefiel, und eine reizende Tanzkünst- terin mit ausgezeichneter Tanztechnik dem Publikum vorstellte. Beiden Künstlern, der Tänzerin Gretl G c i 11 l y vom Frankfurter Opeunhaus und dem Gesangshumoristen Alfons F i x wurde die vortreffliche Unterhaltung mit lebhafem Beif all gedankt. Den Abschluß des Abends bildete die Vorführung des nach dem Roman von Balzac bearbeiteten dramatischen Filmspiels „©ob* | e ck", dessen wertvoller Gehalt und hervorragende Darstellung bei dem Beschauer warmen Anllang auslösten. Ein besonderer Hinweis sei noch den wunderbaren Aufnahmen von den Flügen der peuen Zeppelin-Passagierflugzeug > gewidmet, die ein hohes Loblied auf deutschen Unternehmungsgeist und deutsche Technik sind.
Vornotizen.
—- Tageskalender für Freitag: Oberhessischer Kunstverein: 6 Uhr im Stadthaus, Bergstraße (Zimmer 6), ordtl. Mitgliederversammlung. — Volkshochschule: 8Vs Uhr in der Ober» realschule Mitgliederversammlung. — Deutsche Volkspartei: 8^4 Uhr im Gewerbehaus Mit- glieder-Versammlung. — Rundfunkhaus, Löberstr.: Nachmittags Unterhaltungsmusik, abends „Der italienische Schwung". — Palast-Lichtspiele: „Die Finanzen des Grvhherzogs". — Lichtspielhaus,Bahnhofstraße: Alfons Fix und Grell Grittlh, ferner „Gobseck". — Astoria-Lichtspiele: „Die Welt in Flammen".
— Aus dem Stadttheaterbureau wird uns geschrieben: Am Dienstag, 10. Juni, wird eine Neuheit gegeben werden, die hoffentlich einen besseren Besuch erzielt, als die bisherigen Gastspiele des Bad-Nauheimer Kurtheaters. Es handelt sich um das hübsche Werk „Der Ehestreik", ein heiteres Dorferlebnis .in 3 Akten von Julius Pohl. Das Werk hat im „Münchener Dvlkstheater" bereits die 50. Auf-
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abgelehnt. Und noch weniger Gemeinschaft hat Kant mit Hegels Staatsvergötterung. Für Kant, den schroffen Individualisten, ist der Staat ein Inbegriff von Einrichtungen, der „nützlich" ist, aber niemals ein sittliches Werk, wie ihn einzig und allein die freie Persönlichkeit im oben bezeichneten Sinn verkörpert.
Der heutige preußisch-deutsche Patriotismus hat als Hauptquellen die außerordentlich starke Tradition des altpreußischen Patriarchalismus (eines Luthertums, dos den Gott des Alten Testaments im Staat verkörpert), die nationale Romantik, wie sie in Fichtes gewaltsamem Temperament am lebendigsten sich auswirkt und Hegels Glauben an die Geschichte, die historische Mission und Aufgabe, deren Träger der Staat, der zu dienen die heilige Pflicht des einzelnen ist.
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Das 54. Tonkünstlerfest in Frankfurt a. M.
Die Vorbereitungen für das am 9. Juni beginnende 54. Tonkünstlerfest find nunmehr abgeschlossen, so daß sich ein Ueberblicf über sein Programm geben läßt: Das Fest beginnt am 9. Juni mit der Uraufführung von Emst Kr eneks komischer Oper „Der Sprung über den Schatten". Der Komponist wird der Aufführung beiwohnen. Am Dienstag, dem 10. Juni, wird Alois H a b a über das Vierteltonshstem sprechen. An dem von Grv- trian Steinweg (Braunschweig) konstruierten
yupumg überschritten und ist jungfi aucy im „Intimen Theatcll' in Nürnberg und in den „Städtischen Schauspielen" in Baden-Baden mit lebhaftem Erfolg gegeben worden; dieser Erfolg wird der heiteren Neuheit bei der guten Besetzung und der sorgfältigen Vorbereitung unter dec Spielleitung des Herrn Karl V o l ck sicher auch hier treu bleiben. (Siehe Anzeige.)
— Ruderklub Hassia: Morgen abend Mitglieder-Versammlung. (Siehe Anzeige.)
— Gießener Billard-Club. Morgen Eröffnung des Dillardsaals. (Siehe Anzeige.)
Landkreis Gießen.
* Allendorf a. d. Lahn, 6. Juni. Am 2. Pfingsttag um 3 Uhr findet ein christliches Waldfest im Allendorfer Wäld.hen zwischen hier und Klein-Linden statt. Stadtmissionar Rebe l i n g aus Frankfurt und andere sprechen. Gesang und Posaunenchor wirken mit. Näheres in der heutigen Anzeige.
Kreis Friedberg.
* Bad-Nauheim, 5. Juni. Die Stadtverordnetenversammlung genehmigte in ihrer jüngsten Sitzung die städtischen V o ran - schlüge. An Steuern sind für 1924 vorgesehen: allgemeine Grundsteuer 88 000 Goldmarl; S)n- deiabgabe vom bebauten Grundbesitz 170 000 Goldmark; Gewerbesteuer 73 000 Goldmart; Filialsteuer, Grunderwerbsteuer je 500 Goldmark; Fcemdenabgabe 100 000 Goldmark; Vergnügungssteuer 10 150 Goldmark; Getränkesteuer 25 000 Goldmark; insgesamt sollen aufgebracht werden 576 000 Goldmark ©ernemleLeucin. -Zugleich mit den Voranschlägen wurden folgende Anträge angenommen: 1. Bis 1. Oktober 1924 hat der Bürgermeister der Stadtverordnetenversammlung eine genaue Uebersicht über die zingegangenen Beträge der städtischen Steuern, und zwar getrennt nach den im Voranschlag auf geführten Rubriken vorzulegen. Solllen Die eingegangenen Beträge zuzüglich derjenigen, deren Eingang gesichert ist, die hier bewilligte Höhe erreicht haben, dann sind die Winterziele entweder zu erlassen oder entsprechend herabzusetzen. 2. Don den Lichtwerken find 10 000 Mark vom Gaswerk und 15 000 Mark vom Elektrizitätswerk in die Betriebsrechnung einzusetzen und den Steuroein- gängen zuzurechnen. 3. Den Bürgermeister zu beauftragen, beim Landesfinanzamt und bei der Reichsfinanzverwaltung im Interesse einer gerechten Zuteilung der hier anfallenden Einkommensteuer der Saisonangestellten vorstellig zu werden, daß als Stichtag des Wohnsitzes der Steuerzahler und dec Veranlagung statt des 1. November jeweils der 1. August festgesetzt wird. 4. Zur Abschaffung der Beherbergungs-- steuer eine Kommission zu wählen, bestehend aus dem Bürgermeister und zwei oder drei Stadt* verordneten die beim Finanzminister in Darmstadt vorstellig werden, damit die Deherbergangs- ftcuer mit der Kurkarte zusammen, jedoch ohne besondere Bezeichnung, erhoben wird. 5. Es ist in Aussicht zu nehmen, die städtische Getränkesteuer noch im Laufe des Etatjahres abzubauen.
* Gambach, 5. Juni. Ein furchtbares Familien drama hat sich heute Nacht hier zugetragen. Ein junger 22jähriger Mann namens Philipp Rumpf unterhielt mit der gleichaltrigen Tochter des Landwirts Jakob R e u h l ein Liebesverhältnis, das von den Eltern des Mädchens nicht gern gesehen wurde. Heute nacht Drang Der junge Mensch mittels einer Leiter in Das Zimmer, in welchem seine Geliebte und Deren Mutter schliefen, ein. Von Dem Geräusch erwacht, fragte die Frau Den Eindringling, was er wolle. Ohne eine Antwort zu geben, schoß Rumpf auf die Frau und verletzte sie durch zwei Schüsse am Hals, Dann trat er an Das Bett des Mädchens und gab auch auf Dieses zwei Schüsse ab, die in Den Hals einDrangen und die Ueberfaltene lebensgefährlich verletzten. Hierauf richtete er den Revolver gegen sich und tötete s i ch durch einen Schuh in Den Hals.
Starkenburg und Rheinhessen.
* Darmstadt, 5. Juni. (Eigener Bericht.) Heute vormittag fand in der Kapelle Des Alten Friedhofs in Darmstadt eine Trau er feier für den verstorbenen Ob:rbürgermeister Köhler von Worms statt. Anwesend waren Staatspräsident Ulrich, die Minister von Brentano und Henrich, sowie viele Regierungsvertreter, ferner Landtagspräsident Adelung und viele Canbkig3abgeoidnete. Der Vorsitzende der Deutschen Vvllspartei, Abg. D i n g e l d e y , war durch Krankheit am Erscheinen verhindert, die übrigen Fraktivnsmitglieder waren anwesend. Zahlreiche Korporationen hatten Vertreter entsandt, außerdem war ein großes Trauergefvlge zuge'en. Pfr. Wagner würdigte in einer längeren Rede das Lebens werk des Verstorbenen. Abg. Dr. Osann sprach im Namen der Reichsparteileitung der Deutschen Dollspartei und des Land'sverban des Hessens Er rü.hmte Oberbürgermeister Köhler als aufrechten Mann, Freund und Führer, lobte sein Wissen, seine Erfahrung, sein freundliches Wesen und sein Vaterlandsgefühl. Staatspräsident Ulrich widmete Dem Verstorbenen ehrende Worte, trotzdem er einer -anderen Partei, als der Redner, angchört hatte. Landtagsprä.idmt Adeln n g hob die Arbeitsfreudigkeit des Verewigten hervor; viele hessische Gesetze trügen Den Stempel seines Geistes. Bürgermeister Müller sprach
Vierteltonklavier werden Vorführungen die Darlegungen Des Redners illustrieren. Im Operphaus folgt abends die Aufführung der Tanzpantomime von Paul Hindemith „Der Dämon" und von Igor Stravinskis „Geschich'e vom Soldaten". Der Dritte Tag bringt im Opernhaus das erste Orchesterkonzert mit Werken von Ian Ingen- Hoven (Sinfonische Fantasie unter Benutzung s eines altniederländischen Volksliedes), Alban Berg (Drei Bruchstücke aus der Oper „Wvzzek"), Ernst Georg Wolff (Ouvertüre za einer komi- schen Oper) und Erhärt Ermatinger (Sinfo- nia). Donnerstag kommt in Bad-Honrburg Henry Purcells (1860) Werk „Dido und Acneas" unt .r Hermann Scherchen zur Ausführung. Für den fünften Tag ist im Opernhaus die Uraufführung von Gerhard von Keuhlers Oratorium „Zebaoth" angesetzt. Samstag und Sonntag finden im Opernhaus zwei Konzerte statt, von Denen das erste Werk von Hans P f i h n e r (Columbus), Alexander Iemnih (Quartett für vier Trompeten), Felix P e t h r e k (achtstimmigerChor a cappella: „Irrende Seelen"), Othmar S choeck (Gha- selen), Richard Strauß (sechzehnstimmiger Chor: „Eine deutsche Motette"), Arnold Schönberg (gemischter Chor a cappella: „ Friede auf Erden") bringt, während im letzten Konzert eine Sinfonie von K. Rathaus vier Diolingesänze mit Orchester von F. Dusoni und die „Sinfonie Do» meftica“ von R. Strauß vorgesehen sind.


