Ausgabe 
5.6.1924
 
Einzelbild herunterladen

'bnc aber bur^juurtnqen, Ais bann Der Reichs­kanzler von der Notwendigkeit der Räumung des über den Versailler Vertrag hinaus be.ehten Ge­bietes sprach, tourte ihm bei den bürgerlichen Parteien lebhafter Beifall gezollt. Auch sein Appell an die Einigkeit fand Zustimmung Am Schluß der Rede ertönte in der Mitte Beifall die Rechte schtoieg und die äußerste Linke forterts aufs neue die Amnestie.

Präsident Wallraf schlagt vor, die Be­sprechung der Regierungserklärung auf Don­nerstag zu vertagen und seht den Beginn ter Sitzung auf 10 -Uhr vormittags fest. Ferner wird der Rotetat für 1924 auf die Tagesordnung gesetzt. Ein kommunistischer Antrag die Frage der Bergarbeiter ebenfalls auf die Tages­ordnung zu sehen, findet nicht die erforderliche Unterstützung.

Parteien und

Regierungserklärung.

Berlin, 5. Juni. (Durch Radio.) Nach der gestrigen Plenarsitzung des Reichstags traten die einzelnen Fraktionen zusammen und bereiteten die Erklärungen vor, die sie heute durch ihre Vertreter abgeben werden. Die Mittelparteien wollen lautTageblatt die Frage, in welcher Formulierung eine Bil­ligung der Regierungserklärung beantragt werden soll, von dem Verlauf der De­batte abhängig machen. Nach der volkspar­teilichenZeit" wird sich das Dilligungs- votum der Mittelparteien nur auf das Sachverständigengutachten beziehen und darauf Hinweisen, daß es im Interesse der Wirtschaft und der besetzten Gebiete dr'ngend nötig sei, das Gutachten so schnell wie mög­lich Lurchzuführen. Für dieses Votum würden die Deutsche Volkspartei, das Zentrum, die Demokraten sowie die Sozialdemokraten, wahrscheinlich auch die Daherische Dolkspar- tei und die Wirtschaftspartei stimmen, so daß sich eine ansehnliche Mehrheit für die Billi­gung des Regierungsprogramms ergeben dürfte. DerLokalanzeiger" verzeichnet das Gerüchte, daß sowohl bei den Kommu­nisten als auch bei den National­sozialisten die Absicht bestehen soll, ein Positives Vertrauensvotum für die Regierung einzubringen, um eine k l a r e Ab­stimmung über die Gesamtpolitik der Re­gierung zu erzwingen Selbstverständlich würden die Antragsteller selbst gegen ein solches Vertrauensvotum stimmen.

Die Regierungserklärung findet die unein­geschränkte Zustimmung ter Presse der Mittelparteien und der Sozialdemo­kratie. 3n Bausch und Bogen ab gelehnt wird die Erklärung auch nicht von ter deutsch- nationalenDeutschen Tageszeitung" die nur in einzelnen Punkten Kritik an den Aus­führungen des Reichskanzlers übt. Vor allem wen­det sich das Blatt gegen die uneingeschränkte An­nahme . des Sachverständigengutachtens, das we­gen seiner Mängel, insbesondere hinsichtlich der von Deutschland geforderten unerfüllbaren Leistun­gen, nur zur Grundlage von Verh andlungen hätte gemacht werden müssen. Die Erfüllung des unveränderten Gutachtens führe das deutsche Volk nicht auf den Weg der Freiheit, sondern auf den Weg der Sklaverei. Auch vermißt das Blatt in ter Erklärung ein offenes Wort über die S ch u ld- l ü g e. DieGermania" betont, daß die Politik ter Reichsregierung von nüchternen Tat­sachen ausgehe, die unbequemer feien als billige Agitationsphrafen. Immer wieder müsse betont werden .daß ter Krieg für |ür uns verloren ist, und daß daraus un­vermeidbare Konsequenzen zu ziehen sind. Die ^Zcntrumspartei unterstreicht des Kanzlers Aus- ^sührungen Wort für Wort. Die Zwangsläufigkeit ter Ereignisse wird, wie wir hoffen, auch die --Gegner dec heutigen Regierungspolitik davon 7 überzeugen, daß es keinen anderen Weg zur Be­freiung Deutschlands gibt als den, den die Re­gierung mit Entschlossenheit geht. DasB. T." erklärt, daß die Rede des Kanzlers mit ihrer klaren Offenheit und ihrer weisen Beschränkung auf die Forderung des Tages nämlich die An­nahme des Gutachtens der Sachverständigen, nicht ungünstigen Aussichten biete. DerVor­wärts" schreibt: Die Sozialdemokratie hat xn Wahrung der Interessen der Arbeiter die An­nahme des Sachverständigengutachtens gefordert und wird im Interesse der Arbeiter ihre Energie auf diesen einen Punkt konzentrieren, ohne nach rechts oder links zu sehen. Auch dieDeut­sche Allgemeine Zeitung" erklärt die

Die Vantiger.

Roman von Hermann Stegemann.

20 Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)

Als der Baumeister einige Tage später auf Egg eintraf, um bei dem Dortreiben des großen Stollens im schwimmenden Gebirge zugegen zu sein, sprach niemand von dem ^terhältnis, das von dem Kampf um den Wolfenberg in den Hintergrund gedrängt worden war.

Der Baumeister achtete nicht darauf, daß Agnes ihm fremder gegenübertrat. Sie war von einer inneren Anruhe erfüllt, die ihre Anteil­nahme an den Ereignissen lähmte und ihr den Schlaf stahl. Der Vater erschien ihr gealtert, sein Auge stärker gefaltet, der Schädel schärfer umrissen, aber sie wußte nicht, ob es Täuschung nxir, denn das Erinnerungsbild hatte gelitten, seit Giovanni Pomettas jugendliche Erscheinung ihren sinnlichen Reiz auf sie ausübte.

Aber eines Abends, als der Vater müde zu- lammengefunten am offenen Fenster sah und auf das sahlbeglänzte Gewirr ter Maschinen, ter Gleise und ter Tunnelzimmerung hinunterblickte, dockte sie ein wildes Verlangen, die Arme um ihn zu schlingen und sich fest an ihn zu drücken. Ein unendliches Bedürfnis, wieder ganz xn ihm Und für ihn zu leben, brach aus ihr hervor und zwang sie zum Gehorsam.

Er fühlte, wie ihre Hände über seine Schul­tern strichen, fühlte, wie ihre Wange an seiner von hartem Puls erschütterten Schläfe Rast suchte und zog sie zu sich herab.

Hast du mir etwas zu sagen. Ens? Wir Md so wenig mehr beisammen."

Stellungnahme Der Aegierungsernarung -um Da- tvcsbcrichl für grundsätzlich richtig. Die deutsche Wirtschaftslage sei unbestreitbar trostlos. Eine Besserung sei von der Regelung der Reparations­fragen abhängig.

Die Löhne

der Eisenbahnarbeiter.

Berlin, 4. Juni. (WB.) Die Arbeiter- schast der Reichsbahn ist durch ihre Grob­organisationen an das Reichsverkehrsministerium mit ter Forderung auf eine allgemeine ErHo­tz u n g der Löhne herangetreten. Nach sorgfältiger Prüfung, in welchem CBer-IjäKniffe die Löhne der Reichsbahnarbeiter zu den in ter vergleichbaren Privatindustrie gezahlten Löhnen stehen, ist das Reichsverkehrsministerium zu dem Ergebnis ge­kommen, daß von rund 400 000 Arbeitern etwa zwei Drittel im Vergleich mit den Bezügen der Privatarbeiter keineswegs ungünstiger gestellt sind und auch mit den Bergarbeitern an­nähernd gleich liegen, daß dagegen für das letzte Drittel durch Erhöhung der bestehenden Ortszuschläge ein Ausgleich noch zu schassen sei.

Obwohl hiernach die Grundlage für eine all­gemeine Lohnerhöhung kaum vorlag, wurde doch eine solche in mäßigem Amfange ange­boten und die Bereitwilligkeit zu einer stär­keren Steigerung der Handwerkerlöhne aus­gesprochen.

Dieses Entgegenkommen erschien denGewerkschafts- bertretern nicht als ausreichend und auch die ein­drucksvolle Darlegung ter zwingenden allgemeinen Wirtschaftlichen Notwendigkeiten durch Mitglieder ter Reichsregierung, die unter dem Vorsitz des Reichskanzlers heute nachmittag den Ge­werkschaftsvertretern einen Empfang gewährte, vermochten deren Auffassung nicht zu ändern. Die Verhandlungen sind danach leider ohne Ergeb- n i s geblieben. Der Reichsverkehrsminister wtrd sich nun genötigt sehen, die als notwendig aner­kannten Lohnverbesserungen von sich aus anzu­ordnen.

Die neue französische Kammer.

Paris, 4. Juni. (WTB.) Die Kammer hat in ihrer heutigen Nachmittagssihung dte Wahl des Präsidenten der Kammer und kurz darauf die Wahl von 4 Vizepräsidenten, 3 Quästoren und 8 Sekretären vorgenommen. Nach einer vor­läufigen Feststellung, die aber vielleicht durch die Auszählung der Urnen noch eine Berichti­gung erfahren wird, erlangten der Abg. Pain» l e v 6 296, der Kriegsminister Maginot 209 Stimmen. 27 Stimmen der Kommunisten wurden auf den Namen des Abg. Marty, des ehe­maligen Verurteilten der Schwarze Meerflotte, abgegeben.

Die Kammerfihung wird nach einstündiger Anterbrechung um 6,35 Uljr wieder ausgenommen. Nach Verkündigung der Ergebnisse der Wahlen erklärt der Altersvorsihende P i n a r d das Bureau ter Kammer für konstituiert und fordert den Vorsitzenden auf, seinen Sitz einAt- nehmen.

Abgeordneter Painleve

ergreift darauf das Wort zu feiner Antrittsrede. Es hieße sich täuschen, wenn man die Wahlen für das Ergebnis des Ausdrucks ter Unzufrieden­heit hielte, sie seien vielmehr eine Kundgebung des Vertrauens in die Zukunft der Demokratie und eine unermeßliche Friedenshosfnung. Eine unermüdliche und sinnlose ausländische Propa­ganda, ter von französischer Seite mitunter ihre Ausgabe erleichtert worden sei durch die Exzesse und die Intrigen unvorsichtiger Minderheiten, habe dem Märchen von Einern imperialistischen und militärischen Frankreich Glauben verschafft. Heute gebe es in ter Welt niemanden, ter, wenn er loyal sei, nicht erkenne, daß das französische Volk trotz seiner Leiten und seiner Verluste keinen anderen Ehrgeiz, als einen gerechten Frieden habe. Gerecht für alle Völler. Die schwerste Beleidigung, die man Frankreich zu­fügen könne, sei die, es für fähig zu halten, nach Überstandenen Gefahren die Gruiäsähe zu verleug­nen, in ter.en Namen die Nationen ihm zu Hilfe gekommen seien. Wir finden uns als Sieger nicht mit einer Welt ab, in ter die Gewalt noch Herr und Meister fein soll wie zu ter Zeit, wo wir als Besiegte sie verfluchten. Mit allen Kriegsteil­nehmern und allen Verstümmelten, mit allen, die den Krieg mitgemacht haben und die traurigen Spuren hiervon noch bewahren, haben wir

Vertrauen in die Zukunft des Völkerbunds, nicht in die Dismarcksche Formel, an der totr so oft Kritik geübt haben. Wir wollen die Macht in den Dienst des Rechts stellen. Es hantelt fidji nicht darum, den Illusionen oder Atopien die ge-

Seine Stimme klang weicher als sonst.

Sie schüttelte stumm den Kopf und begrub das Gesicht an seiner Schulter.

Da hielt er sie fest und blickte über sie hin­weg ins Tal. Alle Bogenlampen brannten, Ma­terialzüge liefen, Wasserlachen blinkten im zwit- tevnten Licht. Er war nicht bei ihr in seinen Gedanken. Die Frage, die er an sie gestellt hatte, klang nicht in ihm nach.

Plötzlich hörte er sie flüstern:

«Hast du Sorgen, Vater?"

Sorgen! Ich!" antwortete er schroff und stolz, aber sein Arm umklammerte sie feer.

Sie lieh ihm Zeit, vergaß sich selbst über dem Schlage des erregten Herzens, an dem sie ruhte, und vergaß auch daß er sie gefragt hatte, ob sie ihm etwas zu sagen hätte.

Eine Weile war Schweigen zwischen ihnen, bann begann er zu sprechen.

Sorgen! Ich hasse das Wort. Ein Knörzer und ein Krämer, die haben Sorgen. Ich steck nur bis an den Hals drin in meinen Unter* nehmungen, weiter nichts. Dis an den Hals, verstehst du, Ens? Kann die Arme nicht rühren. Die Banken werten harthörig, und alles steigt im Preis. Die Arbeiter fordern Lohnerhöhung, drohen mit Streik, und ich bin gerate mitten drin, gleich weit von Anfang und Ende, mitten drin. Wie die da unten im Berg. Da ist der Druck am stärksten. Weiter nichts!"

Da fühlte Agnes Dantiger sich dem Dater inniger verbunden als je und-blickte mit ihm zu­sammen, Wange an Wange, auf das nächtliche Bild, sah die Lampen brennen, die Lokomotiven feurige Rauchsträhnen inS Dunkel werfen, hörte

rechten Foroerungen Frankreichs zu opfern. Es gibt keine Gerechtigkeit ohne eine Reparation der Angerechtigkeiten. Wir leugnen nicht, da«ß re = vanchedürstigeMächte unser aites Europa beunruhigen. Wenn sich jenseits unserer Grenzen imperialistische Parteien bilden sollten, die unser menschliches Streben als ®ina>irtung ihrer Drohungen auslegen wollten. so wäre das ein bedauerlicher Irrtum den sie selbst und die Nation die sie getäuscht hätten, zuerst zum Opfer falten würden. Aber wir wissen auch, daß zu­gleich mit bieten böswilligen Agitationen mensch- licheie Bestrebungen auf den Frieden und auf di» Freiheit gerichtet sind, und es wäre ein Der­brechen, sie zu ersticken unter dem Dorwand, daß sie noch zu schwach sind, anstatt sie bei ihrer Ent­wicklung zu unterstützen, bis sie genügend Kraft erlangt haben, um den Sieg davonzutragen.

Die Regierungsbildung.

Paris, 5. Ium. (Durch Radio.) Am 10Ahr 30 Mm. vormittags wird der Präsident der Republik den neu gewählten Kammerpräsiden­ten P a i n l e v 6 empfangen, der ihm bei dieser Gelegenheit feine Wahl mitteilen wird, Mille­rand wird den Besuch des neuen Kammerpräsi­denten sofort erwidern. Nach demMatm" wird bei dieser Gelegenheit eine Aussprache über die politische Lage erfolgen, und wohl erst am Nachmittag wird Millerand der Tra­dition gemäß den Präsidenten des Senats empfangen. Es ist sehr wahrscheinlich!, daß die beiden Präsidenten den Abgeordneten Herriot für ben möglichen Ministerpräsidenten bezeichnen und gleichzeitig auf die Entschließung des Kartells der Linken Hinweisen werten. Man nimmt allgemein an, daß Herriot dem Ruf ms Elhsee folgen und dem Präsidenten der Republik Erklärungen abgeben wird, über die er sich mit seinen politischen Freunden verständigt habe. Die Bedingungen, die er an die Annahme der Kabinettsbildung knüpfen werde, würden sicher von Millerand nicht a n g en om men werden. Don diesem Augenblicke an werde Mille­rand seine Konsultation ausdehnen und er werte logischer weise dazu kommen, einem Politiker die Bildung des Kabinetts zu übertragen, der die konstit utionelle Frage vor das Parla­ment bringen werde. Der Name Francois M a r« s a l wird genannt. Dann wird man in die parla­mentarische Debatte eintreten.

Regierungskrise in Danzig.

Danzig, 4. Juni. (WTB.) Der stellver­tretende Präsident des Senats, Dr. Ziehrn, verlas im Dolkstag eine Erklärung, worin un­ter Hinweis auf die Ablehnung einiger C t a t s p v st e n durch den Dolkstag mitgeteilt wird, daß die parlamentarischen Senatoren be­reit find, aus der Regierung auszuschei­den und ihre Aemter unverzüglich nieder­zulegen, sobald die Wahl anderer Senatoren gesichert ist. Es sei nunmehr Sache der Frak­tion der Bereinigten Sozialdemokratie als der stärksten Oppositionspartei, die nötigen Schritte zur Neubildung der Regie­rung zu unternehmen. Dieser Erklärung wurde von allen parlamentarischen Senatoren zugestimmt.

Aus Stadt und Land.

Gießen, den 5. Juni 1924.

50 Jahre Kriegerverein Gießen.

1923, das Jahr der traurigen Geldentwertung, war für den Kriegerverein Gießen das schlechteste Dereinsjahr seit seinem nunmehr 50jährigen Be­stehen. Jegliche äußere Dereinstätigkeit wurde durch die Inflation und durch andere Derhältnisse gehemmt. Trotzdem hat der Verein mit Anter- stühung feiner zu Opfern bereiten Mitglieder seiner Hauptaufgabe auch im Jahre 1923 nach­gehen können; er hat im Stillen manchen bedürf­tigen Kameraden oder Kriegshinterbliebenen fi­nanziell oder in anderer Weise gern unterstützt. Es wurden u. a. im Januar 1923 an Krieger­witwen 8675 Mari, im April und Mai 57 000 Mari und im September weitere 57 000 000 Mk. verteilt. Im Ganzen sind 57 272 675 Papiermark für Anterstühungen in 1923 ausgegeben worden, ungeachtet, daß das gesamte Barvermögen des Vereins durch die Geldentwertung selbst auf ganze 5 Mark zusammengeschrumpft ist. Vorstand und Mitglieder zeigen sich dadurch nicht entmutigt, baß nach 50jähriger umsichtiger und gewissenhafter Verwaltung ter Verein durch die Verhältnisse quasi ebenfalls verarmt ist. Mit militärischer Disziplin ist der neue Aufbau begonnen worden, und wenn nun am 5. und 6. Juli auf "der Licbigs- höhe das 50jährige Stiftungsfest ge­bührend gefeiert wird, bann werden hoffentlich auch die Vereinsstnanzen wieder besser sein.

Gleise und Krane kreischen und lebte mit dem aDumeister in seinem Werk.

-Sie sind in acht Tagen in trockenem Ge­stein," sagte sie ruhig und bestimmt.

Weißt du das von Lenz oder- von Pometta?" fragte er, mit einem Versuch, zu scherzen.

Sie sind beite dein," stieß sie leise hervor.

Er nickte mit dem schweren Haupte.

Hast recht, Ens, ter Lenz als mein Sohn und weil er treu ist und der untere aus Leiden­schaft."

Ihr Nacken straffte sich. Sie richtete sich auf und suchte das Gesicht zu erkennen.

Wie meinst du das? Aus Leidenschaft?"

Er ist Ingenieur aus Leidenschaft."

Sie preßte die Lippen und schwieg, aber sie glaubte zu wissen, daß Giovanni Pomettas Lei­denschaft von anderen Triebkräften genährt wurde, und fand plötzlich ein Vergnügen daran, diese Leidenschaft zu schüren und dem Werke teS Vaters dienstbar zu machen.

Ta Jagte ter Baumeister, intern er aufftanb unb die Hand zum Fenster hinausreckte:

» Ja, so ist's. In acht Tagen im Hartgestein, eine feste Decke über dem Kopf und wir beginnen ten Jrunnel auszumauern, ehe es wintert, dann bin ich zugleich durch und über den Berg!"

And er lachte sein altes befreiendes Lachen daß der Schall seines Mundes sich laut unb rraftboll in das Stampfen der Maschinen und das Brausen ter Arbeit mischte.

r Stollen durch das lockere, schwam­mige Gestein getrieben war unb die ersten Eisen­blenden hinter der Zimmerung sahen, ohne daß ein schwerer Wassereinbruch erfolgt wäre, herrschte frohe Bewegung auf Schloß Egg.

Der 5triegert>etein Gießen, oer rmi alten trt Frage kommenden Vereinen unserer Stadt (Mi- tätet3, Turn-, Gesang-, Sport-, Bildungs- usw. Vereinen) gute Verbindung gepflegt hat und hier, wie auswärts in bestem Ansehen steht, hat an allen größeren festlichen und gemeinnützigen Ver­anstaltungen, an allen vaterländischen Ereignissen usw., die seit 1874 flattfanten, teilgenommen. Seine Gründer von denselben sind heute noch am Leben unb gehören bem Verein an: Instituts- diener Balser, Geh. Kommerzienrat Emme- l i u s und Postsekretär i. R. Meyer unb alle späteren Vorstände haben bis zum heutigen Tag die enge Parteipolitik vom Verein ferngebalten. Ser Verein hat darum in den 50 Jahren keinen nennenswerten Rückschlag an Mitgliedern zu ver­zeichnen. Zahlreiche treue und bewährte Kame­raden sind aus dem Weltkrieg nicht zurückgekehrt, das waren die größten Derluste. Jetzt zählt ter Verein 17 Ehrenmitglieder, 356 ordentlich? unb 8 außerordentliche Mitglieder, sowie 36 Krieger­witwen, im ganzen 417 Mitglieder. In der vor kurzem stattgehabten Hauptversammlung wurde u. a. auch beschlossen, daß der Verein seine ver« storbenen Mitglieder wieder wie es feit ter Dereinsgründung bis vor zwei Jahren, also 48 Jahre lang, üblich war mit Musik zur letzten Ruhestätte geleitet.

Das 50jährige Stiftungsfest soll in der Haupt­sache durch einen großen Kommers mit Festspiel, durch Kirchgang, durch Schmückung ter Krieger­gräber und durch eine vielseitige Familienfeier begangen werten.

Gichener WochenniarkAreife

am 5. Juli 1924 (Händler-Preise).

Es kosteten auf dem heutigen Wochenmarkt. Butter Pfd. 2 Mk., Matte Pfd. 40 Pf., Käse 65 Ps., Eier Stück 12 Pf., Wirsing Pfd. 70 brs 80 Pf., gelbe Rüben 50 Pf., Spinat Pfd. 50 Pf., Spargel Pfd. 0.90 bis 1.20 Mk., Blumenkohl Stück 1.00 bis 1.50 Mk., Salat Stück 25 bis 30 Pf., Salatgurken Stück 1.00 bis 2.50 Mk., Ober-Kohl­rabi Stück 50 Pf., Tomaten Pfd. 2.20 Mk., Zwie­beln Pfd. 25 Pf., Lauch Stück 10 bis 20 Ps., Rettich Bund 60 bis 80 Pf., Radieschen Bund 20 Pf., Rhabarber Pfd. 25 Pf., Kartoffeln (neue) Pfd. 30 Pf., Kirschen Pfd. 80 Ps., Honig Pfd. 25 Pf.

*

" Zur Warnung für Auswande- r u n g s l u st i g e. Die vor einiger Zeit durch zahlreiche deutsche Zeitungen gegangen > Mel­dung, wonach 7000 Deutsche aus Baden, Würt­temberg und Frankfurt a. M. nach Paraguay aus- zulvandern beabsichtigen, wo s. Zt. angeblich sehr günstige Bedingungen für deutsche Einwanderer herrschen sollten, hat die deutsch? Gesandtschaft in Asuncion veranlaßt, telegraphisch dringend vor einer derartigen Massenauslvanderulig nach Pa­raguay zu warnen. Die Gesandtschaft teilt u.a. mit, daß jetzt lein günstiges Farmland zur Ver­fügung stehe und daß für die 'Aufnahme größerer Einwanderermengen in Paraguay nichts vorbe­reitet sei.

** Eine Pfingstfreizeit in ben lichten Duchenhallen und unter dem Waldkreuz ter Arnsburger Klosterruinen veranstaltet auch dieses- Jahr wieder die Oberhessische Volksmissron bn Anschluß an das bekannte Jcthresfest der Arns­burger evangelischen Erziehungsanstalten am Pfingstdienstag. Wer diese drei Tage stiller Sammlung und Vertiefung einmal miterlebt hat, wo man. gepflegt von treuen Diakon isseNhänten unb in ernster Aussprache über die tiefsten Fra­gen unb Nöte unseres Volkslebens einmal die Sorgen unb den Lärm des Alltags vergißt und Feierstllle atmet für Leib. Seele und Geist, der kommt immer wieder. Das schöne unb eigenartige ter Arnsburger Pfingstwoche (Mittwoch! bis Frei­tag) ist, daß aus allen Berufen und Ständen man dort zusammen kommt. Das Hauptthema: Glau- benshinternifse. Anmeldung zu Freiquartieren an Ob er Pfarrer Knodt .in Schlitz.

** Frühjahrsbezirkstag Gabels­beiger Stenographen. Am Sonntag hielt der Bezirk Gießen Gabelsberger Sienographm feinen diesjährigen Frühjahrsbeziristag in Fried­berg ab, ter sehr gut besucht war. 200 Stenogra­phen stellten sich bem Wettschreibausschuß. Nicht nur das Wettschreiben selbst, sondern auch! die sonstigen Deranstaltungen nahmen besten Verlauf, so daß neben ernster Arbeit auch gemütliche Stunden beschert waren. Besondere Dankesworte wurden dem trefflichen Führer des Bezirks. Herrn Prok. K. H. Kuhl, staatl. gepr. Lehrer der Ste­nographie .zuteil, unter dessen geschickter Leitung ber Bezirk neuen Aufschwung genommen hat. Beim Wettschreiben errangen 165 Stenographien einen Preis. Mit Ehrenpreisen wurden u. a. aus­gezeichnet: 240 Silben: Fidel Balken. Gesellschaft Gießen: 180 Silben: Ottilie Treser. Ges. Gießen, Melitta Eharak, Damenverein 1861 Gießen: 160 Silben: Johanna Flamme, Ges. Gießen, Adolf Kling. Vereinigung Wieseck: 140 Silben: Albrecht Osteiheld, Verein 1861 Gießen, Luise Rohrbach, Else Eberk, beide Damenverein 1861 Gießen: 120

Der Baumeister drückte seinem Sohne stumm die Hand und lobte. Pometta laut. Er bankte jedem auf seine Art. Am Abend sahen die Ar­beiter am Fuß des Schlosses an langen Tischen unb tranken, unb im Speisesaal des Schlosses saßen die Ingenieure unb taten desgleichen. Da faßte Giovanni Pometta Mut unb trat zu Lorenz, um ihm zu sagen, daß er nun um die Hand seiner Schwester anhalten werde.

Bei ihr?" fragte Lenz mit leisem Spott.

Nein, bei ihrem Daker, das andere kommt von selbst," antwortete Pometta mit gemachtem Selbstvertrauen.

Ich habe nichts dagegen, das wissen Sie, aber ich kenne Agnes nicht unb weih nicht, wie sie sich dazu stellt."

Lorenz Dantiger war ernst geworden, und der Tessiner begann unruhig zu werden, als er die Worte hörte. Aber er wollte sich nicht mehr schrecken lassen. Alles, was Absicht und ^erecte nung gewesen war, wurde von dem leidenschaft­lichen Verlangen erstickt, das herbe, verschlossene Mädchen sein zu nennen, unb als er ten Miu-- meister um eine Anterredung bat, bebten feine Lippen vor verhaltener Erregung.

Eine Anterredung? Wollen Sie mich ver­lassen, Pometta?" fragte Dantiger lachend.

Nein, Herr Baumeister, ich will Sie nur um etwas bitten, das Ihnen sehr teuer ift" erwiderte Giovanni rasch gefaßt.

Da blickte ihn der Baumeister mit zusammen­gezogenen Brauen forschend an. Pometta hielt dem harten Blick trotzig stand.

Beide schwiegen.

(Fortsetzung folgt)