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Erster Blatt
Jahrgang
Donnerstag, 5. Juni 1924
Brod und Verla-- vrühl',ch« U«iverßiäts-Vuch- litt» Steinfrrnderei B. Lauge in Metzen. Schriftleitung und Geschäftsstelle: Schulstratze 7.
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GietzenerAnzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
Im Dunstkreis der Attentate.
On dem Attentatsprozeh Thormann- Grandel wegen MordplaneS an General v. S e e ck t hielt der Generalstaatsanwalt schon am vergangenen Dienstag eine Art Borplai- doher. Er verlangte, daß das Gericht sich nicht auf die engbegrenzten Schuldfragen beschränke, sondern sämtlichen anderen Spuren nachgehe, die sich gezeigt haben. Der ganze Prozeh sei eigentlich weniger politisch als kulturhistorischer und sittengeschichtlicher Art. Es erfasse einen ein Grauen, wenn man sieht, wie manche Kreise vorgehen. ES sei beinahe wie im 30jäh- rigen Krieg. Da zogen auch Soldaten im Lande herum, requirierten und mordeten. And zwar werden heute nicht nur solche Raub- und Mordpläne geschmiedet, sondern es kommt zu einer Tat nach der andern. Die jüngste Tat: Der Wiener Mordversuch an Bundeskanzler Seipel. Soweit der Berliner Staatsanwalt.
Unterdessen hat sich die Budapester Polizei mit aufsehenerregenden Mitteilungen gemeldet. Darnach gehöre der Wiener Attentäter Iaworek, der die Schüsse auf Seipel abgab, zu derselben Anarchistengruppe, in deren Aufttag der kürzlich verhaftete Sztaron den Reichsderweser Horthh ermorden wollte. Die Budapester Polizei habe seinerzeit auf Grund der Aussagen Sztarons eine Reihe von europäischen Regierungen darauf aufmerksam gemacht, dah die Bande Sztarons Attentate auf Staatsoberhäupter beabsichtige Der ungarische Anarchist Arpad Pal sei nach Paris gereist, um Millerand und Poincare zu ermorden. Ebenso seien Anarchisten nach Berlin, London und Rom entsandt, um Mordaufttäge zu vollstrecken. Das alles wird jetzt erst bekannt und der interrationalen Polizei bleibt der Borwurf nicht erspart, den der Borsitzende im Seeckt-Prvzeh gegenüber dem Bertteter des Reichskommissariats für die öffentliche Ordnung erhob, nämlich dah immer nur Rachrichten gesammelt und Akten ausgetauscht werden, dah aber nicht rasch und schlagkräftig gehandelt wird, um die .anarchistischen" Verbrechen zu verhindern.
Ans will bedünken, daß das Wort „Anar- chistenkomplott" für die Attentats-Organisationen nur ein Verlegenheitsausdruck ist. Man.kennt den politischen Sumpf, aus dem die Mordpläne wie giftige Blasen aufsteigen, nicht, oder man will ihn nicht immer kennen. And so hilft man sich neuerdings mit dem aus alten Dienstschubladen hervorgeholten Begriff: Anarchismus. And den radikalen Parteien, sowohl dem Kommunismus als auch der gefährlichen Erscheinung, die man Rechtsbolschewismus nennt, ist solche Abzweigung hochwillkommen. Denn wenn zwischen den politischen Argrund und die Mordtaten eine polizeiliche Rebelwand gelegt wird und die Attentäter als wilde Anarchisten bezeichnet werden, ist die jeweilige Partei, aus der der Wind weht, entlastet. Zum Beispiel könnte man folgende Fälle kommunistischer Treibereien der letzten Zeit einfach als Anarchismus erklären: Am 17. Februar erscheint in Berlin das bekannte Mitglied der Moskauer Tscheka, Peters, und erschieht den abttünnigen deutschen Kommunisten Rauch in dessen Wohnung. Am 18. April wird in Mecklenburg der Arbeiter Ionas vonMoskauer Agenten ermordet, weil er vom Kommunismus abgefallen war. Am 25. April wird in Stuttgart eine Tscheka der deutschen kommunistischen Partei, eine Filiale der Dsershinskischen Terrororganisation, entdeckt, die sich die Beseitigung von Mitgliedern der deutschen Regierung, in erster Linie des Generals v. Seeckt(!) zum Ziele gesetzt hat. Das wäre also „Anarchismus" von links. Auf rechts wollen wir noch nicht exemplifizieren. Vielleicht bringt der Seeckt- prozeh Aufhellungen. Man darf sich durch das neue Schlagwort Anarchismus den Blick für gewisse Zusammenhänge nicht trüben lassen. 2n der Arteilsbegründung des letzten Harden- prozesses gegen Ankermann heiht es treffend: „Die politische Atmosphäre muh gereinigt werden, damit Dolch und Mordwerkzeuge aufhören, politische Kampfmittel zu sein." Reinigung der politischen Atmosphäre heiht aber: Kampf gegen die unheilvolle Entwicklung des Radikalismus im Parteiwesen.
Berlin. 4. Juni. (Priv.-Tel.) Präsident Wallraf eröffnet die Sitzung und läßt ein Schreiben verlesen, in dem dec am Dienstag ausgeschlossene Kommunist R e m m e l e von neuem Widerspruch gegen seinen Ausschluß erhebt. Remmele versucht nachzuweifen, dah. ein sachlicher Ausschließungsgrund nicht vorlag und dah der Präsident auch die formellen Vorschriften der Geschäftsordnung verletzt habe. Rach der Geschäftsordnung entscheidet der Reichstag über einen solchen Einspruch ohne Besprechung Die Kommunisten beantragen namentliche Abstimmung. Zur Anterstützung dieses Antrages erheben sich die 44 kommunistischen Abgeordneten, während 50 Abgeordnete zur Anterstützung erforderlich wären. 3n einfacher Abstimmung wird der Antrag gegen die Kommunisten a b g e l e h n t (Schmährufe bei den Kommunisten.)
Abg. S ch o l e m (Komm.) protestiert dagegen dah eine ganze Hundertschaft Schupo kriegs- mähig bewaffnet im Reichstagsgebäude untergebracht sei (Beifall rechts), offenbar um nach dem Rezept Oldenburg-Za'nuschau die Opposition aus dem Reichstag zu verjagen. Mit der Schupo ist ein ganzes Heer von Spitze l n in den Reichstag eingezogen, darunter viele Galgengesich^r. (Stürmisches minutenlanges Gelächter bei der Mehrheit; viele Abgeordnete dec Rechten weisen mit Fingern auf den Redner.) Der Reichstag, dieses Schandparlament, wird durch die polizeiliche Besetzung noch werter geschändet. (Beifall bei den Kommunisten, Gelächter rechts.) Präsident Wallraf ruft den Abgeordneten Scholem wegen des Ausdrucks „Schandparlament" zur Ordnung. Dann wird in die Tagesordnung eingetreten, auf der als einziger Punkt die
... . - — ständigung von allen
beteiligten Regierungen angenommen und durch- gcführt wird, werden wir wieder auf eine v e c -
stehl, daß auch die Gegenseite das Gutachten als ein unteilbares Ganzes annimmt und wenn Gewißheit dafür gegeben ist, daß die Gegenseite gleichfalls alle die Maßnahmen trifft, die in dem Gutachten als notwendig bezeichnet sind, um die deutsche Leistungsfähigkeit wie- derherzustellen.
Die Aufklärung des Mahlsdorfer Tchülermordes.
Berlin, 4. Juni. (WB.) Der wegen der Tötung des Schülers Bayer verhaftete L i e - bcd i-it nunmehr ein umfassendes Ge- t ä n d n i s abgelegt. Rach seiner Schilderung handelt es sich um einen Anfall. Bei dem Abendspaziergang habe ihm Bayer seinen Trom- melrevolv^r gezeigt und sich gerühmt, dah er nrt verbundenen Augen ein vo her vi- iert^ Ziel treffen könne. Am die Richtigkeit >er Behauptung zu erproben, habe er (Liebeck) ernem Kameraden die Augen verbunden. Der
Schuß versag te jedoch, worauf Bayer ihm den Revolver gab mit der Bille, nach der Ar fache des Versagens zu sehen Als er den Revolver entgegennahm, habe er plötzlich einen lestlgen Krampf im linken Dein verspürt und ich, ohne den Revolver aus der Hand zu las en, niedergebeugt. Dadurch sei der Revolv r losgegangen. Der Schuß habe Bayer sofort getötet. Am jeden Verdacht von sich
abzulenken, schrieb Liebeck dann den Zettel, den er Bayer anheftete, nm einen Mord von kommuni st jfcherSeitevor zutäuschen. Rach den bisherigen Ermittlungen der Polizei scheint dieses Geständnis auf Wahrheit zu beruhen.
Kommunistische Lärmszenen in Weimar und Schwerin.
Weimar, 4. Juni. (WTB.) In der Sitzung des Thüringer Landtages kam es bei der Abstimmung über den Antrag des Abg. Hermann (ASPD.), der die Anwesenheit der abwesenden Mitglieder der Regierung fordert, zu L ä r m s z e n e n. hervorgerufen durch die Anterbrechungen und Schimpfworte der Kommunisten. Die Sitzung wurde von dem amtierenden Vi-epräsidenten geschlossen. Hierauf trat der Aeltestenrat zusammen zur Stellungnahme zu den Vorgängen. Rach den beispiellosen Be- s ch i mch f u n g e n verschiedener Regierung^mit- glieder durch die Kommunisten hielt es der
Das Kabinett Marx vor dem Reichstag.
Die Regierungserklärung. - Beratungen der Parteien. - Die Ausnahme in der Presse
Fortsetzung der Beratung über die Haftentlassungsanträge
steht. Abg. Ko en en (Komm.) beschuldigt die Sozialdenwkraten der besonders eifrigen Beteiligung an der Kommunistenhehe, die sich nur auf Spitz^material stütze. Der große Kommunisten- Prozeß sei von Emminger slngeleitet worden, der Reichstag kapituliere vor dieser Emmingerei trotz des Rücktritts Emmingers von der Regierung. Von der jetzigen kapitalistischen Republik haben die Arbeiter nichts zu erwarten. (Beifall bei den Kommunisten und Rationalsozialisten.) Wir lehnen den individuellen Terror ab und rufen das M assenproletariat zur Massenaktion aus.
Abg. Henning (Rationalsozialist) polemisiert gegen die Angriffe der Kommunisten und Sozialdemokraten. Recht müsse Recht bleiben Aber wer ihn selbst 1918 getrieben habe, soll mit dem Wort Verrat recht vorsichtig umgehen. (Stürmische Anterbrechung links, Zustimmung rechts.) Wir haben keinen Hochverrat begangen; was wir tun, tün wir aus Vaterlandsliebe. Fraglich bleibt, ob das System, das wir seit 1918 haben und in dem der Kuhhandel des Zentrums mit den Roten die Hauptrolle spielt, ein Beweis von Vaterlandsliebe ist (Protest des Zentrums, namentlich erregte Zwischenrufe des Abg. Fehrenbach.) Für solch ein Verhalten haben wir Deutschvölkischen nur Verachtung. Die Linke spielt sich immer noch als Arbeitervertretung auf. Das trifft aber nicht zu. Wir vertreten den nationalen deutschen Arbeiter.
Abg. Thälmann (Komm.) erklärt, es wäre ein Frevel, wenn die Kommunisten auf den bewaffneten Aufstand verzichten wollten.
(Lebhaftes Hört! Hört!). Jedes Gewehr in der Hand eines Arbeiters bedeute einen weiteren Schritt zur Freiheit. (Erneutes Hörti Hört!) Die KommunlstischePactei lasse sich durch keineDerbote erschüttern. Der Redner teilt mit. daß die Kommunisten. die in der Stadtverordnetenversammlung in Hindenburg in Oberschlesien die Mehrheit hätten, bereits beauftragt wären, die Stadt umzutaufen und Leningrad zu nennen. Das sei ein revolutionäres Fanal. (Händeklatschen bei den Kommunisten.)
Abg. Dr. Kahl (D. Vpt.) übt schärfste Kritik an der Brand- und Revolutionsrede des Vorredners und erweckt dadurch die tosenden Widersprüche der Kommunisten. Alle, die diese Rede gehört haben, müssen für die Ausschuhbeschlüsse timmen. Da sich verschiedentlich Meinungsver-
Die ungeheuren Opfer für das deutsche Volk sind nur tragbar, wenn allen Deutschen die Möglichkeit gegeben wird, in ihrer Heimat sich ungestörter Arbeit hinzugeben; daß den vielen Tausenden Vertriebener und ihrer Heimat Beraubter die Freiheit und Heimat wiedergegeben wird, ist ein unerläßliches Ziel, von dem die Reichsregierung nicht abgehen kann. Wenn so das Gutachten im Geiste ehrlicher Verständigung von allen
schiedenheiten zwischen den in unmittelbarer Rach- bacschaft sitzenden Deutschen Volksparteilern und den Rationalsozialisten gezeigt haben,erklärte der Redner, die Rachbarschaft der Völkischen sei zwar unangenehm genug, aber sie müsse ertragen werden. (Heiterkeit.) Das völkische Programm. das hier entwickelt worden fei, sei schon mehr kommuni st isch. (Heiterkeit.)
Abg. D i t t m a n n (Soz.) teilt mit, dah seine Fraktion trotz der kommunistischen Reden für die Freilassung der kommunistischen Abgeordneten stimmen werde.
Damit schließt die Aussprache. Es folgen per- sönliche Bemerkungen, bei denen es wiederum zu stürmischen Szenen kommt, wobei die kommunistische und die nationalsozialistische Gruppe sich einander anschreien.
Der Reichstag beschließt darauf gegen die Stimmen der Sozialdemokraten und der Kommunisten. die Freilassung der kommunistischen Abgeordneten Lindau und Pfeiffer abzulehnen. Der Präsident beraumt auf 5 Ahr eine neue Sitzung an mit der Tagesordnung:
Entgegennahme einer Erklärung der Reichsregierung.
Haus und Tribünen sind start beseht. Auch die Diplomatenloge weist nur wenige Lücken auf.
Reichskanzler Dr. Marx: Meine Damen und Herren! Ich habe die Ehre, dem neugewählten Reichstag die Reichsregierung vor- zustellen. Der Herr Reichspräsident hat alle Mitglieder der bisherigen Reichsregierung in ihren Aemtern bestätigt. Die Schwierigkeiten der Kabinettsbildung hatten ihren tiefsten Grund in der ernsten und bedrängten außenpolitischen Lage des Reiches. Rach den vergeblichen Bemühungen Deutschluiids, zu einem wahren Frieden zu gelangen, wird der Meinungsstreit über den einzuschlagenden Weg heftiger ausgetragen, als die Einmütigkeit über das Ziel der De- fKiung Deutschlands es rechtfertigt. Seit Jahren steht die deutsche Politik unter dem Druck der außenpolitischen Verhältnisse, zumal jetzt, da das Gutachten de rSachvec ständigen die beherrschende Frage der großen internationalen Politik ist. Für Deutschland ist es die Lebensfrage. Die Lage unserer Wirtschaft ist trostlos, wenn nicht gar verzweifelt. 3n allerkürzester Frist muß eine Entspannung der Geldknappheit erfolgen, wenn nicht unsere ganze Wirtschaft erliegen soll. Einen Ausweg aus der wirtschaftlichen Krise sah die Reichsregierung in dem Gutachten namhafter ausländi cher Sachverständiger. Sie hat deshalb am 17. April der Reparationslommission geantwortet, daß sie in dem Gutachten eine praktische Grundlage für die schnelle Lösung des Reparationsproblems erblickt und dah sie deshalb bereit sei. ihre M i t- arbeit an den Plänen der Sachverständigen zuzusichern.
Die jetzige Reichsregierung wird die bereits im Gange befindlich n und durch die Reichsrcgie- rung nicht verzögerten Vorarbeiten zur Durchführung des Gutachtens fortsrtzen.
Aufgabe des Organisationskomitees für die Goldnotenbank. die Reichsbank und die Industrieobligationen wird es sein, die in dem Gutachten noch vorhandenen Lücken auszufüllen und Anklarheiten sowie textliche Widersprüche aufzullären. Die Befugnisse der Kommissare müssen völlig klar- gestellt und abgegrenzt und die Zweifel hinsichtlich derdeutschenMehrheitindem Verwaltungsrat der Reichsbahn beseitigt werden. Danach wird die Reichsregierung die Gesetzentwürfe über diese Materie den gesetzgebenden Körperschaften vorlegen. Ferner muh die Frage der Zölle und der Verbrauchsabgaben mit der Gegenseite eröriert werden und die Tätigkeit der Agenten für die Reparationszahlungen noch in einzelnen Fragen geregelt werden. Das Gutachten kann nach Ansich der Sachverständigen nur als Ganzes angenommen oder verworfen werden. Die Reichsregierung wird die Vorarbeiten befchleunigcn und sie in die Wirklichkeit umsehen. Sie hofft dabei auf die schnelle Mitarbeit des Reichstags.
Die von unserer Serie zu erlassenden Gesetzentwürfe und Anordnungen werden erst in Kraft treten, toern klar und eindeutig fest-
tvagliche Grundlage mit unseren Repa- rationsgläubigern kommen. Es ist nur folgerichtig und unerläßlich, daß dann die vertragliche Basis überall wieder hergestellt wird, sowohl bezüglich des auf Grund des Versailler Vertrages besetzten linksrheinischen Gebietes als auch bezüglich der über diesen Vertrag hinaus besetzen Gebiete. Das wird in sich schließen, daß im ali- besetzten Gebiet das Rheinlandabkommen wieder hergestellt und loyal gehandhabt wird, und daß die darüber hinaus besetzten Gebie e geräumt werden. Die Sachverständigen ha en selbst klar darauf hingewiesen, daß die Über ih.e Zuständigkeit hinausgehenden pv l i t i f chen Fragen zwischen der Reichsregierung und den alliierten Regierungen unmittelbar g er ege lt werden müßten. Vor diesen lebenswichtigen, für die Einheit des Reiches wie für die deutsche Wirtschaft bedeutsamen Fragen der Außenpolitik müssen alle innerpolitischen Fragen vorerst zu- rüdtreten. Deshalb unterlassen wir es jetzt, auf Fragen der inneren Politik einzugehen.
Erst nach einer Klärung und Bereinigung unserer außenpolitischen Schwierigkeiten kann der Wiederaufbau im Innern auf staatlichem, wirtschaftlichem und sozialpolitischem Gebiete in Angriff genommen werden.
Die Reichsregierung wird ihre ganze Kraft an die Arbeit sehen, die zur schnellen Durchführung des Sachverständigengutachtens erforderlich ist, und stets ihr Augenmerk darauf richten, dah die sich daraus für das ganze Volk ergebenden schweren Lasten nach Maßgabe der Tragfähigkeit gerecht verteilt werden. Angesichts der verzweifelten wirtschaftlichen Rotlage, in der sich die deutsche Wirtschaft zur Zeit befindet, beschwört die Reichsregierung den Reichstag und das ganze deutsche Volk, die langsam einsehende Gesundung Deutschlands durch Uneinigkeit nicht wieder zu zerstören. Wenn Deutschland ein zweites Mal so dicht an den Abgrund kommen sollte, wie im Rovember v. I., dann wird niemand mehr Hilfe bringen können. In den kommenden Wochen wird es sich darum handeln, den eingeleiteten Gesundungsprozeß durchzuführen, um die deutsche Wirtschaft zu retten. Wir dürfen nicht die schwere geschichtliche Schuld auf uns laden, des Deutschen Reiches Anter- gang verschuldet zu haben, weil wir im entscheidenden Augenblick nicht nationale Disziplin zu wahren wußten. Das Ausland muß sehen, dah das deutsche Volk geschlossen den sich ihm bietenden Weg in die Freiheit gehen wird, und dah es zu ehrlicher Verständigung bereit ist. Rur dann wird sich im deutschen Volke der durch zahlreiche Kränkungen und Demütigungen erschütterte Glaube zu einem wahren und daueim- den Frieden wieder festigen.
Es geht um deutsche Brüder, um deutsches Land, eS geht um Deutschlands Rettung m letzter höchster Rot.
Das Rheinland und unsere bedrängten Lands- leute an der Ruhr sehen erwartungsvoll auf Sie und verlangen von Ihnen, dah Sie ihm schnelle Rettung und Hilfe bringen.
Die Rede des Reichskanzlers wurde im wesentlichen vom Hause ruhig entgegengenommen. Die Kommunisten machten zi.var hin und wieder Störungsversuche durch Zurufe, Aeltestenrat für angezeigt, zunächst eine gewisse Beruhigung eintreten zu lassen. Infolgedessen wurde die vorgesehene Anterbrechung der Sitzungsperiode durch das Pfingstfest bereits heute vorgenommen.
In der Vollsitzung deS Mecklenburgischen Landtages
kam es vor der Reuwahl des ersten Vorsitzenden, für den die Deutschnationalen als stärkste Fraktion den Abg. Metterhausen vorschlugen, zu wüsten Lärmszenen und einer Prügelei zwischen dem sozialdemokratischen Führer Moltmann und dem Kommunisten Wenzel. Als dieser die Sozialdemokraten von der Rednertribüne in maßloser Weise angriff, sprang Moltmann auf den Kommunisten zu und schlug auf ihn. Es entwickelte sich eine Schlägerei zwischen Kommunisten und Sozialdemokraten, die nur mit Mühe beendigt werden konnte. Anter großer Erregung und ungeheurem Lärm wurde die Sitzung schließlich unterbrochen.


