bcn Londoner Abmachungen vorgesehenen Fristen ohne Verzögerung in Kraft treten. In den maßgebenden Regierungskreisen glaubt man damit rechnen zu können, daß die Räumungs- maßnahmen im Laufe des Oktober durch- geführt werden.
Die deutsch-französischen Wirtfchaftsverhandlungen.
Paris, 4. Oft. (5H.) Obwohl die deutsch- französischen PZirischaftsverhandlungen geheim geführt werden, glaubt der „Matin" zu wissen, daß der französische Handelsminister im Verlauf der gestrigen Sitzung tue Frage der Verlängerung der zollfreien Einfuhr elsaß-lothringischer Waren nach Deutschland zur Sprache gebracht hat. Staatssekretär Trendelenburg soll, obwohl er nicht definitiv zu der Frage Stellung nahm, erklärt haben, daß die deutsche Regierung sich einer Verlängerung der Zollfreiheit widersetzen werde. Das Hauptargument, auf das sich Lrendelenburg stütze, sei mehr politischer als wirtschaftlicher Art gewesen. Er habe behauptet, daß der Protest gegen die Verlängerung der Vorzugsklausel im Versailler Friedensvertrag zugunsten der elsaß-lothringischen Industrie
von den Verbündeten Frankreichs, nämlich England und der Tschechoslowakei,
herrühre. Herbette sagt hierzu in der „In- formatron", die Deutschen müßten bei einigem Nachdenken bemerken, daß dieses Argument ihnen einen schlechten D i en st leistet. Wenn fremde Staaten ein französisch-deutsches Handelsabkommen zum Scheitern bringen wollten — was aber noch gar nicht gewiß sei —, dann sollten sie die Initiative dazu s e l b st ergreifen. Warum wolle die deutsche Regierung ihnen vorauseilen und an ihrer Stelle die Verantwortung tragen?
Eine andere wichtige Frage betreffe das Regime der Meistbegünstigung. Die Deutschen wollten in ihren Handelsbeziehungen nicht nur zwischen Frankreich und Deutschland, sondern auch mit allen anderen europäischen Staaten das
Meistbegünstigungsfhstem wiederherstellen.
Wenn es sich bei dieser Frage nur um eins theoretische Kontroverse handeln würde, dann könne man dem deutschen System gewisse Bemerkungen entgegenstellen. Richt ohne Grund würde' man erklären können, daß das System den d ut- schen Gesetzen von 1919 zuw.derlaufe, und schl eh- lich fennc man ja noch gar nicht den Zolltarif, den Deutschland anwndei wolft. Man erkläre er werde gemäßigt schütz; .'llnecisch sein. Aber da die Zollsätze noch nicht sestgelegt seien, wisse niemand, ob sie auch nach Ansicht der 2lusländer gemäßigt genannt werden könnten. Aus diesem Grunde will Herbet.e die Aufme ck- samkeit auf folgendes wenden: Er fragt, was suchen die Deutschen, wenn sie daä Regime dec Meistbegünstigung verallgemeinern wollen? Sie suchen offenbar in jedem Lande den Verbrauch der ausländischen Produktion zu entwickeln. Sie haben die Hoffnung, daß die deutsche Industrie w gen ih er Tatkraft und Kompetenz von dieser allgemeinen Auslegung des Vertrages Ru'ea ziehen wer e. Aber Europa ist verarmt, selbst in England fehlen die Kapitalien. Bevor man also ein so großes Experiment mit dem Absatz unternimmt, wäre es da nicht besser. Abkommen zu erzielen, um die Produktion zu organisieren? Könnte man nicht angesichts des Mangels an Absatzgebieten in der Welt über ein Zollab -
* kommen verhandeln ober industrielle Ab- yfommena bschliehen?
'• Die Brotgetreideversorgung
Berlin, 3. Oft. (TA.) Im Ernährungs- Ministerium werden die alarmierenden Rachrichten der letzten Tage über die Brot- Versorgung des deuffchen Volkes infolge des schlechten E rn t e a u s f a l l e s als stark übertrieben bezeichnet. Es sei allerdings Tatsache, daß in einzelnen Gegenden-, so beispielsweise in Westfalen, in der Rhein- Pro v i n z und in Teilen Hannovers, schwere Ernteschäden angerichtet worden seien. Dafür müsse aber die Ernte in den östlichen Gegenden ate ziemlich günstig angesehen werden. Gegenüber dem Vorjahre sei mit einem Ausfall an Brotgetreide von etwa 20 Proz. zu rechnen. Die Rachrichten, die von einer Wie - dereinführun g der Brotkarte berichtet haben, werden als Heller An sinn bezeichnet. Das Reichsernahrungsm nisleruum habe dem Minderertrag dadurch bereits Rechnung getragen, daß .rechtzeitige Auslondskäufe getätigt wurden, die in der nächsten Woche her-- einkomrnen würden. Das R e i ch s ei se,n b a h n- Ministerium hat bereits Vorsorge getroffen, daß die aus dem Ausland eingehenden Mengen den durch den Ausfall bedrohten Lanves- teuen möglichst direkt Angeführt werden.
Baden und dessen.
Darmstadt, 4. Oft. (Eigen. Der.) Das badische A r b e i t s m i n i st e r i u m tfl mit dem ! Oktober aufgehoben worden. Seine Geschäfte sind an das Ministerium des Innern übergegangen. Rur die Mini- sterialgeschäfte, die sich auf bei Wasser- und Straßenbau, die Elektrizitätswirtschaft, die Landeskultur, das Vermessungsw.'sei und die geologische Lanoesanstalt bezi hei, gchen an das Finanzministerium üb r. - Dieser Vor- gang ist für Hessen sehr bemerkenswert, denn von der Deutschen Volks- partei war als Ersparungsmaßnahme ebenfalls die Aufhebung des Arbeitsministeriums dringend verlangt, aber vor einigen Wochen im Hess. Landtag von dec Regierungsmehrheit abgelehnt worden WaS in Baden durchführbar war, s.ltte das nicht auch, in Hessen möglich sein?
Der ukrainische Bauernaufstand in Oftqalizien.
Warschau, 3^ Oft. lWB) Der ukrainische sozialdemokratische Landtagsk'ud st. llt in einem an die Presse ausgegebeuen Eommunique fest daß die in der polnischen Presse aller Richtungen fälschlich als Da n d i t e n e i n f ä l l e dar gestellte Bewegung in den Ostmarken nichts anderes sei, als ein selbständiges und bewaff netes Auftreten der durch die polnische Politik zur Verzweiflung getriebenen u k ra i n i - Nischen Bauernschaft. Diese bewaffnete Dauern beweg ung sei das Ergebnis der kurzsich
tigen uno oem ulralnifdjen Volke feindlichen sozialen und nationalen Politik der polnischen Regierung.
Pazifistenrummel.
In der Tat, es wäre beinahe in Vergessenheit geraten, daß es in Deutschland auch noch sogenannte pazifistische Verbände gibt. Die Auf- regaingen der letzten Wochen, die Londoner Verhandlungen, die Reichstagsabstimmung, die Krisenmachereien der Sozialdemokratie, brachten es mit sich, daß pazifistische Veranstaltungen auch bei den Anhängern dieser politischen Richtung keinen Erfolg haben würden. Da es aber dem „Vorwärts" in diesen Tagen an irgendwelchen Sensatiönchen fehlte, sah sich die Deutsche Liga für Menschenrechte veranlaßt, den französischen Pazifisten Victor Basch nach Berlin zu rufen, damit er einmal, zur Freude der „Vorwärts"-Redaktion, dem deutschen Volke auseinanderseht, daß Deutschland zur Reparation verpflichtet sei, daß Frankreich dem Deutschen Reiche ehrlich die Hand hinstrecke und daß er, Herr- Basch, es nicht verstehen könne, wie ein deutscher Staatsmann den Gedanken haben konnte, die Kriegs- s ch u l d f r a g e wieder aufzurollen. Der „Vorwärts" ist natürlich von den Ausführungen seines französischen Gesinnungsfreundes ebenso begeistert wie Herr v. Ger lach, der es sich nicht nehmen lieh, ebenfalls seinen Senf zuzugeben. Würdig reiht sich an die nach dem „Vorwärts" sehr wirkungsvollen Ausführungen des französischen Pazifisten die Forderung der Deutschen Friedensgesellschaft, die R e i chs we h r a b- zu schaffen. Man sollte gar nicht glauben, wieweit der Pazifismus unserer deutschen Friedensfreunde geht, die mit der Entmannung vom Rovember 1918 noch nicht zufrieden sind und es nur zu gerne sehen möchten, wenn man uns auch unsere letzte Waffe, die Reichswehr, nehmen würde, und wenn wir vorbehaltlos in den Völkerbund einträten, in dem wir nach seinen letzten Beschlüssen in der Kontrolb- frage doch nur eine unwürdige Rolle spielen» würden.
Genfer Optimismus.
P a r i s , 4. Oft. (T. 11.) Rach einer Meldung des „Petit Parisien" rechnet man in Genf immer mehr mit der Möglichkeit, daß Ende desIah - res eine außerordentliche Versammlung des Völkerbundes zusammentritt, um über die Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund zu beschließen. Da die Angelegenheit zwischen den Regierungen direkt zur Sprache gebracht werden wird, wird es sich um eine leere Formalität handeln, die höchstens 2 bis 3 Tage in Anspruch nehmen dürfte. Die Regierungen werden zu diesem Zwecke nach Genf ihre diplomatischen Vertreter entsenden, die mit Stimmrecht versehen sind.
Vie fragen der Unterzeichnung der Schieds- und SanttionsprotofoDs.
Paris, 3. Oft. (WTD.) Der Sonderbericht mstatter der Havasagentur meldet aus Genf: Es ist bekannt, daß die britische Delegation zwar erklärt hat, daß sie das Sicherheits- Protokoll der ernstesten Prüfung ihrer Regierung empfehlen werde, daß sie aber das Protokoll nicht unterzeichnet hat. Es wird versichert, daß Lord P a r m o o r gestern bei seiner Regierung telegraphisch um die Ermächtigung ersucht hat, das Dokument zu unterzeichnen, ehe er Genf verläßt. Der Genfer Berichterstatter des „Temps" scheint zu zweifeln, daß das der Fall sein werde, beim die britische Regierung wolle es s e l b st unterzeichnen, vorher aber eine Verstänbigung mit den Dominions erzielen.
Andererseits war in Genf das Gerücht im Umlauf, daß auch Belgien das Protokoll schon jetzt unterzeichnen werde. Das ist aber nicht der Fall. Hymans hat erklärt, daß Belgien das Protokoll unterzeichnen werde, nachdem er es selbst dem Mini st errat vorgelegt und erläutert habe. Hymans glaubt aber, daß die Unterzeichnung seiner Regierung nicht zweifelhaft sei.
„Reuyork Times" meldet aus Tokio, daß die Unterzeichnung des Genfer Protokolls durch Iapan unsicher geworden sei, da der Text nach der Ansicht des Auswärtigen Anrtes Unklarheiten ausweise. Die japanische Regierung wünsche vor allen Dingen nicht, daß die Auswanderungsfrage dem Völkerbund überlassen werde.
Mißstimmung unter den Kleinen in Gens.
Genf, 3. Oft. (Tel.-An.) Die Wahl der nichtständigen Mitglieder des Rates, welche die Wiederwahl sämtlicher bisherigen Mitglieder mit sich gebracht hat, hat unter einer Reihe von Delegationen eine starke Verstimmung hervor gerufen. Die chinesische Delegation verlieh sofort nach Dekanntwerden des Resultates als Protest die Versammlung. Auch bei der holländischen und portugiesischen Delegation soll die Mißstimmung über die Richtwahl besonders groß sein. Diejenigen Staaten, die bisher im Rate noch nicht vertreten waren, wollen nun Mittel und Wege suchen, um der Gefahr zu begegnen, daß durch die sich wiederholende Wahl aus den nichtständigen Mitgliedern mit der Zeit ständige werden. Doch ist ein Vorstoß in dieser Richtung nicht geplant, solange die Frage des ständigen Ratssihes Deutschlands nicht erfebigt ist.
Der Stand der britischen Regierungskrifis.
London, 4. Oft. (TA.) Reuerdings spricht man hier von dem 8. Rovember als dem möglichen Termin einer Reu wähl. Der Minister des Innern ist gestern abend aus Gens zurück- gekehrt. Das Kabinett tritt am Montag zusammen. Das sind die augenblicklichen Rachrichten zur Regierungskrise, andererseits kann hervorgehoben werden, daß die liberale Partei unter keinen Amständen für eine Reuwahl zu haben ist, weil sie die gegen die Regierung erhobenen Dorwülse für zu gering füg ;g erachtet. Daß sich die Oppositionspresse alle Mühe gibt, um eine Regierungskrise herauszubeschwvren, liegt auf der Hand. Die (Stimmung des Kabinetts ist gleichfalls geteilt.
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Das irische Grenzgeseh wurde gestern abend mit 251 gegen 99 Stimmen in 3. Lesung
angenommen. Daraus vertagte sich das An- terhaus bis zum kommenden Mittwoch
Günstige Lage in Marokko.
Paris, 4. Oft. (T. 11.) Wie das „Iournal" aus Madrid erfährt, wird sich General Primo de Rivera für 48 Stunden nach Madrid begeben, um dem König sowie den Mitgliedern des Direktoriums Bericht über die Lage in Marokko zu erstatten. Rachdem es Primo de Rivera gelungen ist, die Ehre der Armee zu retten, wird er, wie der Gewährsmann des Blattes mitteilt, Abd e I Krim z u Verhandlungen einlad e n , die auf der Basis des spanischen Protektorats vor sich gehen sollen.
Die Lage in China.
London, 3. Oft. (TA.) Die Rachrichten aus China sind heute widerspruchsvoller denn je. Rach Meldungen der „Daily Mail" aus Malden haben die Truppen Tschungtsvlins bedeutende Vorteile erkämpft. Sie haben die Stadt Tsching- ting erobert. 150 Tote und Verwundete sind die blutigen Verluste der Regierungstruppen, die außerdem 300 Gefangene, 120 Feldgeschütze, 20 Maschinengewehie und entsprechende Muni ion den Truppen Tschangtsvlins überließen. Auf der Front von Schanghai-Kwon bereiten sich beiöe Parteien zu entscheidenden Kämpfen vor. Es verstärkt sich immer mehr der Eindruck, daß die Kämpfe in China, wie es den chinesischen Gepflogenheiten entspricht, allmählich auf den Verhandlungsweg kommen und daß Eroberungen, Vorstöße und Rückzüge mehr das Ergebnis von Besprechungen als von Kampfhandlungen sind.
Reuter meldet aus Peking, daß der Dampfer der Messageries Rlaritimes „Chantilly" ach zehn Flugzeuge an Bord hat, die f ü r T s ch a ng = tsolin beftimmt find. Das chinesische Außenamt habe bei der französischen Gesandtschaft wegen des Verkaufs dieser Flugzeuge nach Muk- den Protest erhoben und die japanische Gesandtschaft in einer Rote ersucht, diese Flugzeuge bei ihrer Ankunft in Dairen durch die dortigen japanischen Behörden mit Beschlag belegen zu lassen. Der japanische Außenminister Shidehara hat gestern in einem Interview erklärt, daß Iapan sich jeder Intervention in China absolu t enthalten werde, daß es a er damit rechne, daß die anderen Mächte eine ähnliche Politik befolgen. Das bedeute jedoch, so fügte der Minister hinzu, nicht, daß die vielen Interessen Iapans isn der Mandschurei und in der Mongolei vernachlässigt werden würden. Die japanische Regierung wache ganz besonders über ihre Interessen.
Die Wahabiten auf dem Marsch nach Transjordanien.
Paris, 4. Oft. (Tel.-An.) „Daily Expreß" meldet aus Ierusalem, daß 26 Schwadronen Wahabiten, die sich aus je 300 Berittenen zusammensetzen, nach Transjordanien auf gebrochen sind. Die Einwohner der Haupfftadt Amman schicken sich an, nach Jerusalem zu fliehen. Rach den letzten Rachrichten aus Dschidda sind dort 1 5 0 0 0 Flüchtlinge aus Mekka angekommen. Rach einer Havasmeldung hat König Hussein von Hedschas abgedankt. Der König ist in Mekka geblieben; die dortige Zivilverwaltung hat aber ihre Tätigkeit eingestellt. Beinahe alle reichen Bürger und auch die Behörden sind nach Reghpten und anderen Ländern abgereist.
Aus aller Welt.
Die Einheitskurzschrlft.
Das Reichskabinett stellte mit Befriedigung das Zustandekommen der Einheitskurzschrift fest und ersuchte die Reichsrefforts, der alsbaldigen Verwendung der Kurzschrift in ihrem Geschäftsbereich näher zu treten. Das Reichsministerium des Innern wurde ersucht, im Benehmen mit dem Spar- kommissar, der die Einführung einer ein beite lieben Kurzschrift vom Standpunkt der Verbilligung und Vereinfachung der Verwaltung befürwortet, hierfür weiteres zu veranlassen und zur Erleichterung der einheitlichen! Durchführung Richtlinien aufzustellen.
Eröffnung der Bodenresormer-Tagung.
Lüneburg, 3. Oft. (T.A.) Die Tagung des Bundes deutscher Dodenreformer nahm gestern mit einem Degrüßungsabend ihren Anfang. Zahlreiche Teilnehmer sind aus ganz Deutschland (auch aus Bulgarien) eingetroffen. Rach Eröffnung durch den Lüneburger Vorsitzenden, Studienrat Schütte, begrüßte Damaschke die Versammlung und zeichnete in kurzen Strichen die Ziele und Zwecke der Bodenreformer. Er hob dabei hervor, daß Lüneburg als Tagungsort gewählt worden sei wegen feiner hervorragenden bodenreformerischer Arbeiten, Erbbaurecht, Rotgemeinschaft usw.
Grohfeuer in einer Harburger Gummifabrik.
Harburg, 3. Oft. (WTB.) Gestern abend entstand in einem Regenerierwerk der Harburger Gummifabriken „Phönix" ein Großfeuer, das sich in rasender Geschwindigkeit ausdehnte. Die Feuerwehr bekämpfte mit 28 RohrleitungLi den Brand. Es gelang schließlich, ihn zu lokalisieren. Die Betriebsstörung ist unbedeutend.
Wettervoraussage.
Schwach bewölkt, südliche bis südöstliche Winde, Wolkennebel, tags milder, trocken.
Aus Stabt und Land.
Gießen, den 3. Oft. 1924.
Erinnerungen eines Kleinaktionärs.
Zu der Zeit, als alle Welt Aktien kaufte und es zum guten Ton gehörte, von Aktien zu sprechen, fühlten wir uns gedrängt, das wenige Geld, das wir hatten, in diesen manchmal ganz hübsch bedruckten Bilderbogen anzulegen. „Wir" heißt in diesem Falle: ein paar Freunde, die vom Bankwesen und dem Ton, der damals dort herrschte, genau so wenig wußten wie ich. Aber weil der eine einen Bekannten bei der Bank hatte, hielten wir es für unbedingt notwendig, uns von diesem beraten zu lassen und in die Aktien zu „fleigen“.
Es ist ein sehr trauriges Kapitel, denn das war die Aebergangszeit, wo die Rentenmark vor der Tür stand und die Aktien ihren höchsten Wert erreicht hatten. Aber da wir davon natürlich keine Ahnung haben konnten, warfen wir
B ilberroettberoerb des Gießener Anzeigers.
Aus unserem Heben Ober Hessen und darüber hinaus hat eine starke Beteiligung an unserem Dilderwettbewerb statt gefunden. Die Leistungen standen auf einer so erfreulichen Höhe, daß den Preisrichterm die Zuteilung des ersten Preises wirklich nicht leicht wurde. Aus demselben Grunde sah sich das Preisrichterkollegium veranlaßt, den Verlag zu ersuchen, anstatt eines fünften und sechsten Preises je zwei zu gewähren, den siebten Preis nicht vier, sondern vierzehn Einsendern zu bewilligen und dafür die Zahl der Trostpreise, herabzusehen.
Von den Bewerbern, denen ein Preis nicht zuerkannt werden konnte, hat der Verlag noch eine Anzahl von Lichtbildern erwerben können.
Es erhielten Preise:
1. Preis: Heinz Wagner, stud. jur., Gießen.
2. Preis: Carl Plank, Gießen.
3. Preis: B. Groh, Pfarrhaus Langd b. Hungen. 4. Preis: Karl Hof, Gießen.
5. Preis: Fr. Delitz, Gießen.
Anna Vogt, Gießen.
6. Preis: C. Rausch, Gießen.
P. Susat, Gewerberat, Gießen.
7. Preis: Rehnelt, Aniv.-Garteninspektor, Gießen. Marian H. Mühlberger, Gießen.
Schmidt, Pfarrer, Battenberg.
Richard Breither, Gießen.
Dr. Erwin Schliephake, Rostock.
Dr. Oswald Weidenbach, Gießen. Frgu Helene Henneberg, Gießen. Wilh. Christ, Homberg (Oberhessen). Karl Haag, Gerichtsreferendar, Gießen. Karl Schäfer, Wieseck.
W. Iöckel, Amtsgerichtsrat, Gießen. Aug. Velten, Gießen.
Schindler, Rektor, Alsfeld.
W. Diehl, Pfarrer, Sellnrod.
Trostpreise erhielten:
Ludw. Schmitt, Gerichtsreferendar, Gießen. Gustav Markowih, Regierungsbaumeister, Gießen. Otto Rötter, Lehrer, Dodenhausen II.
Karl Roch, Frankfurt a. M.
Hans Wolfgang Szubinski, Gießen.
Dr. A. Chambre, Studienrat, Gießen. / Herrn. Otto Vaubel, cand. Phil., Gießen.
Emil Karn, Drogist, Gießen.
Hirsch, Landgerichtsrat, Gießen. H. Keißner, Buchhändler, Gießen. Ernst Siebeck, Pfarrer, Merlau. Carl Euler, Wieseck.
Karl Währum, Techniker, Gießen. Friedrich Fuhr, Lauterbach (Hessen). Eduard Kah, cand. theol., Friedberg (Hessen). Dr. G. Hanstein, Zahnarzt, Bad-Rauheim. Heinr. Magel, Ilsdorf.
Aug. Eichholz, Gießen.
Müller-Ahlheim, Reallehrer, Grünberg (Hessen). Alfred Thiel, Ingenieur, Mainzlar.
Iockel, Kammerrat, Schloß Braunfels.
Die Benachrichtigung an sämtliche Bewerber und Preisträger, sowie die Verteilung der Preise hat bereits stattgefunden.
Das Preisrichterkvllegium, in dem an Stelle von Herrn Landgerichtsrat Hirsch Herr Landgerichtsrat Küchler mitwirfte, gab feiner Freude Ausdruck über die durchweg guten Leistungen, über die oft bildhaften Aufnahmen. Der Verlag und die Redaktton danken allen Einsendern herzlich und hoffen, daß dieser Wettbewerb ein Ansporn zu werterer ersprießlicher Tätigkeit sein möge, die Schönheiten der Heimat in vollendeter Wiedergabe mit der Kamera festzuhalten. Auf Wunsch teilen wir aus der Reihe der Preisträger gerne die Mitglieder des Kamera- Klubs Gießen 1920 mit, da sie teils vorzügliche Leistungen aufweisen konnten: es sind die Herren: Heinz Wagner, stud. jur., Carl Plank, Belitz, Heinz Keißner, Emil Karn.
Wir hoffen, schon bald nach Sichtung des Materials mit Wiedergaben der Aufnahmen in der Beilage des G. A. „Heimat im Bild" beginnen zu können und damit unseren Lesern manches schöne Bild des Hessenlandes zu übermitteln.
Verlag und Redaktion des Gießener Anzeigers.
tollkühn alle Bedenken über Bord, vertrauten unsere Billionen jenem Bankbeflissenen an, der eben ausgelernt hatte und trotzdem die Hoffnung hatte, sehr bald Direktor zu werden, und erhielten eines Tages unsere „Stücke".
Die erste Enttäuschung war die, daß unsere Papiere gar nicht mit den andern notiert wurden. Es half nichts, daß wir uns die besten und neuesten Kursberichte kauften und stundenlang studierten, sie waren nicht zu sinden. Rur in der Ecke, wo Freiverkehr stand, erschienen sie so gleichsam nebenbei, mit der deutlichen Absicht, nicht viel Aufhebens von sich zu machen, älmsomehr Aufhebens machten wir davon, denn im Anfang war die Sache neu und ungewöhnlich interessant. Wenn man gefragt wurde, konnte man nun mit ruhigem Gewissen sagen: natürlich spekuliere ich und jede wettere Frage mit kühler Zurückhaltung beantworten, denn das sah aus, als ob man seinen guten Tipp nicht vete, raten wolle.
Wir haben damals in Dankausdrücken geschwelgt und die Vokabeln dieser damals Publikumabwehr enden Institute mit Fleiß gelernt, und ich bilde mir ein, daß das uns in den 2Iugert meiner Mitmenschen nicht geschadet hat. Sie hielten uns für Leute, die viel Geld verdienten und behandelten uns mtt Hochachtung. Daß unsere „Pferdchen" nicht mal auf der Rennbahn liefen, sondern nur auf dem wilden Anger, das konnten sie ja nicht ahnen. Ich erinnere mich daß mir einmal ein großer Spekulant sein Herz ausschüttete und mich in einem Maße mit seinem Vertrauen beehrte, daß ich fast übermütig wurde. Er hatte gehört, daß ich mit einem anderen Herrn über Aktienbewsgung • und über Ausschüttung gesprochen hatte und glaubte nun in mir den rechten Qllann gefunden zu haben. Meine einzige Rettung: Schweigsamkeit. Ich nickte nur immer sehr ernst und sagte, es käme alles auf Beziehungen an. ilnb das war auch seine Heber» Zeugung.
Der Rausch hat nicht lange vorgehalten, die Rentenmark brachte uns glücklicherweise Ernüchterung, im Anfang waren wir enttäuscht, heute sind wir froh. Ich brauche nicht zu sagen, daß unser Aktienbestand heute kaum ein paar Mark beträgt und war doch seinerzeit der Anlaß schlafloser Rächte, weil wir alle vom Zahlenwahn- sinn befallen waren.
Wie sind wir still geworden, wir armen kleinen Aktionäre! M. W.


