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Dienstag, 4. März 1924

i?4. Jahrgang

Erstes Blatt

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SietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhefsen

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Der Hitlerprozeß.

München, 3. März. (WTB.) In der heu- ttgenDvcmittagssitzung teilt (Zustizvat Kohl zu­nächst die Vorschriften der alten königlich baheri- scheu Armee über den Wassengeb rauch mit. SVnnach sei in erster Linie von der blanken Waffe Gebrauch zu machen, und erst, wenn sich diese als unzulänglich erweise, zur Schuhwaffe überzu­gehen. Diese Vorschrift sei im vorliegenden Falle nicht angewandt worden. Man müsse ge­wußt haben, dah der Zug keinen Angriff beab­sichtigte. und es fei kein Zweifel, dah das Blut- vergießen am Odeon platz auf die Herren Kahr, Lossow und Seiher falle. Er sei der Ansicht, dah die Staatsanwaltschaft die sofortige Ver­haftung der Herren veranlassen müsse.

Darauf wird in die Vernehmung des Ange­klagten Leutnants der Infanterie Robert Wag­ner eingetreten. Ende September wurde er in die Infanterieschule nach München kom­mandiert. Die Reichswehr habe eine nationale Erhebung von Bayern aus immer erwartet, und darum sehe man im Rorden auf die bayerische Reichswehr immer mit einem gewissen Rewe. Eie schien uns getragen zu sein von der natio­nalen und monarchistischen Idee.

Don irgendeiner Deemflussung der Schüler -er Infanterieschule im Sinne der völkischen Bewegung oder gar im Sinne einer Gehvr- samsverwrlgerung den Vorgesetzten gegenüber sei keine Rede gewesen.

Anfangs Rovernber war dann die Infanterie­schule unruhig geworden, weil auf die Tat Los­sows nichts erfolgte. L)ssow beauftragte dann Leopold, uns einen schriftlichen Befehl vorzu­legen, wonach der Sag der Wiedereinführung einer schwarz-weiß-roten Kokarde bevorstünde. Der Ange klagte Betont, daß Lossow diesen Be­fehl hinter dem Rücken des Kornman- d e a r s der Kriegsschule, General Tischvwitz, ge­geben habe. In der Parade am 4. Rovernber, die vor dem Armeemuseum abgehalten wurde, erblickten wir nur die letzte Heerschau des Generals Lossow vor der Tat.

Der Staatsanwalt beantragt nunmehr Au s- schloß der Oeffen tlichkeit für die wri- teren Ausführungen, da diese mit der Reichswehr zusammen hingen. Das Gericht schließt sich dem Antrag an. Rach Wiederherstellung der Oeffent- lichkeit erklärt Wagner, die Lieberzeugung ge­wonnen zu haben, daß Kahr und Lossow hinter der Sache ständen. Er wollte auch keine Aende- rung der D rsaFung, sondern nur die Entfernung mißliebiger Personen. Weiter gibt der Angeklagte zu, den Zug durch die Stadt mit ungelade­nem Gewehr mitgemacht zu haben.

Es war unbedingt Die Auffassung seiner An­hänger, Daß Kahr und Lossow mitmachen würden.

Auf eine Frage der Verteidiger erklärt dann Wagner zusarnmenfassend, d. die StammoFiziere der Infanterieschule bei dem Marsche nach dem Dürgwbräukeller mit ganzem Herzen bei der Sache waren. Irgend ein 'Befehl zum Ab­rücken oder dizubleiben fei von einem Vorge­setzten nicht gegeben worden

In der Aachmittagssitzung begrüßte Iusttz- rat Kohl die Mitteilung des Staatsanwalts, wegen des eingeleiteten Strafverfahrens über die Vorgänge am Odeonsplah und drückte die Hoffnung aus, daß dasselbe schnellstens zu Ende geführt wird und daß es, wenn notig, -ur Verhaftung der Herren Kahr, Los­sow, Seißer und Godin führen werde. Des weiteren beantragte Justiz rat Kohl die Ver­nehmung sämtlicher Mitglieder des Mini- fteriums Knilling einschließlich des ehe­maligen Landwirtschaftsministers W u z l h o s e r. des Geheimrats Dr. Held und des Forstrats Escher ich. r ,r

Der Vorsitzende verliest sodann ein Schreiben des Offiziers der Landespolizri von Haunschilü, in welchem dieser feststellt, daß von dem Panzer- Qutv der Landespvlizei am 9. Rovernber nicht ein Schuß abgegeben wurde.

Die hieraus erfolgte Vernehmung des Stief­sohns des Generals Ludendorff, Oberleutnant a. D. P e r n e t, war in zwei Minuten erledigt. An der Versammlung des 8. Rovernber nahm er teil, ohne zu wissen, daß dabei etwas unter- ntmmen werden solle. Von den Ereignissen im Dürgerbräukeller fei er völlig überrascht wurden. Er habe dann mit Scheubner-Richt-er auf dessen Aufforderung feinen Stiefvater, Gene­ral Ludendvrf f geholt und auf Befehl Hit­lers auch die Quittungen zur Reguifition der 14 630 Billionen bei Parcus unterschnebon. Er, Pernet, habe sich- gedacht, daß die Sach tegaf fei. Oberamlmann Dr. Frick wird hierauf als letzter Angeklagter vernommen.

Er gccht bei seinen Ausführungen davon aus, daß er sich nie in seinem Lebe r von marxistischen, pazifisti ch.m od r demokraiisbs i Gedanken habe leiten lassan. Er sei von P 5 h n e r Mitte Mai zum Leiter der politischen Abteilung der Polizeidirektivn e uanint worden, trobei er insbesondere dicz Reichswehr, d e Polizel- wehr und Einwohnwwehr Fe inen gemixt habe. Im Jahre 1920 s ci er auch Kahr besonders nahe getreten. Schwer enttäuscht habe ihn Dr. Kahr in der Einwohnerwehr frage. Eine wertere Enttäuschung sei dann bar kläglich? Abgang Kahrs tm S.'pt.mber 1921 ge.vese^r. Für Pöhner fei es nach dies' n Vorg.'in7en unmöglich re'-ceen, weiter­hin die Leitung der Poli-.eidirektMN innezuhaben. E..de 1921 habe F ick dann um an­

derweitige Verwendung e.ete.t.Wir erkarmtm," so erklärte Prittf,daß die natio- nals ozial istis che Bewegung ge-Agret war,

Der britisch-französische Briefwechsel.

Die Stellungnahme der Presse in Paris und London.

London, 3. März. (Wolsf.) Die Presse be­urteilt den gestern veröffentlichten Schriftwechsel zwischen Macdonald und Poincare, der im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses steht, wohlwollend, iebody mit einer gewissen Zurück­haltung. Einige Blätter- heben hervor, daß Pvincarös Darstellung der französischen Politik anfechtbar ist. Der diplomatische Berichterstatter des konservativenDaily Telegraph" schreibt: Der Standpunkt Poincares bleibe im wesentlichen der bisherige. Wenn Poincare behaupte, Frankreich habe nie den Rhein als Grenze betrachtet, so fei man geneigt, ihn auf den mit dem zaristischen Rußland 1916 abge­schlossenen Eeheimvertrag zu tertoeifen. Was die Friedenskonferenz von 1919 und die darauf­folgenden Ereignisse betreffe, so fei zu unter­scheiden zwischen der tatsächlichen An­nexion durch Frankreich und der

Schaffung neutraler Pufferstaaten auf Dem linken Dyemufer unter französischem Schutz.

Die Hauptstelle in Poincares Schreiben fei jedoch die, in der er mit der gewohnten Entschiedenheit erklärt, das Druckmittel der Ruhrbesetzung werde aufhören an dem Tage, an dem Deutsch- land feine Schulden bezahle. Die Be­setzung des Rheinlandes werde ein Ende nehmen, wenn die im Vertrag niedergelegten Bedingun­gen erfüllt und die Sicherheit verbürgt sei. Die für die Räumung des Rheinlandes festgesetzte 15jährige Periode habe demnach sagt der Be­richterstatter, noch nicht zu laufen begon­nen, selbst wenn dem so wäre, würde Frankreich nach der französischen Auslegung des Friedens- vertrages es nicht räumen, ehe nicht die G a ra n° tien für seine Sicherheit, die nicht not­wendigerweise im Vertrage enthalten seien, er­zielt seien. Die liberal^Daily Re ws" sagen: Es sei flater denn je geworden, daß die Frage der Sicherheit der spring-ende Punkt bei den kommenden Verhandlungen sein werde. Der konservativeDaily Expreß" schreibt, Poin- care werde es möglicherweise schwierig finden, vielleicht sogar unmöglich, sich aus dem Ruhr­gebiet zurüchuziehcn.

Vielleicht werde ein anderer tun, waS Poin- care nicht tun könne, um Frankreich aus dem politischen und fman?hllen Sumpf, in den es geraten fei, herauszuziehen.

Inzwischen fei nun eine große Veränderung in England eingetreten, die die Beziehungen zu Frankreich tief berühre. Da 1 dwin habe in seinen Erörterungen mit Poincars an einer fast verhängnisvollen Schwäche gelitten, da ein wichtiger Teil seiner Anhänger den französi­schen Standpunkt gegen seinen eigenen unter­stützte. Macdonald dagegen habe seine eigene Partei, die liberale Partei und einen wachsenden Teil der konservativen Partei hinter sich. Er,ver­trete die vorwiegende Mehrheit seiner L a n d s 1 e u t e. Er fei stark, wo sein Vorgänger schwach gewesen fei. Lloyd Georges Sprachrohr, derDaily Chronicse", erlTärt, der Schrift­wechsel gebe AuLsich en auf ®rge'ni,fe. Poincares Antwort fei taktvoll und vielleicht dis versöhn­lichste Dokument, dessen man sich von ihm erinnern

könne. Das Blatt weist aber gegenüber der Be­hauptung Poincares, daß er keine Annexionen beabsichtige, auf

die französischen Versuche zur Schaffung der Rheinlandrepublik' und derAutonomen

Pfalz" unter der französischen Regierung und der Kontrolle gedungener Deutscher hin. Die frankophilen HetzblätterDaily Mail undMorning Post" sind von dem Schrift« wechsel sehr befriedigt. Das erstere Blatt bringt die üblichen Ausfälle gegen dasunversöhnliche militaristische Deutschland', das zweite betont, daß der Schriftwechsel kein Zeichen irgendeines Wun­sches auf feiten Macdonalds offenbare, den Ver­sailler Vertrag zu revidieren oder irgendeines Argwohns auf feiten Poincares, daß er dem b ririschen Premierminister i. gwidwelcho derartigen unstaatsrnännischcn Vorschläge zutraue. Die "Time s" schreibt, während Macdonald sein Ver­fahren, eineAtmosphäre des Vertrauens" in Frankreich zu schaffen, verfolge, habe der Rück­tritt des belgischen Kabinetts einen neuen gefährlicheren Faktor in die europäische politische Lage gebracht. Belgien könne von neuem feine Unabhängigkeit geltend machen, und indem es dies tue, dem notleidenden Europa einen be­sonderen Dienst leisten.

Auch in Paris wird der Briefwechsel der beiden Premierminister lebhaft kommentiert.

DasJournal des Debats" schreibt: Macdonald sage mit Recht, die Sicherheits­frage sei kein rein französisches, sondern ein europäisches Problem. Aber davon fei niemand fester überzeugt als die Franzosen. Leider bitten die Engländer die in diesem Sommer von Frank­reich getroffenen Maßnahmen als strafbare Handlungen betrachtet, als ob sie gerade die Interessen in Frage stellten, die sie zu be­schützen hätten. Sie hätten sich das fei ein seltsames Phänomen ebenso erregt wie die Deutschen. Man könne London vielleicht be­weisen, daß das französische Volk und die fran­zösische Regierung keinerlei kontinentale Supre­matie anstrebe und daß sie glücklich wäre, wenn m<m ihnen bezahlen würde, was man ihnen schulde und sie in Ruhe ließe. Aber die Deutschen ein­schließlich der Mitglieder ihrer Regierung seien wütend und betonten ihren Re va n che wi l le n. Sie bezahlten nicht und sie beleidigten: sie erzögen sogar ihre Kinder im Geiste des Hasses. Wenn die Wirth, Cuno, Stresemann und Marx sich Thiers zum Modell genommen hätten, würde Frankreich mit Berlin höfliche Beziehungen haben. Sobald die deutsche Regierung handeln werde wie Thiers, könne Ramsay Macdonald versichert sein, Laß die Franzosen den Deutschen gegenüber die gleichen Gefühle an den Lag legten, wie ihren eigenen Landsleuten gegenüber. DieInformation" vertritt den S andpunkt, daß man mit Ramsay Macdonald höchstwahrschein­lich die letzte Karte für eine Verständigung mit England ausspiele. Die Partie beginne nicht schlecht, da man beiderseits diese unendlich deli­katen Verhandlungen unter den Schutz der Loya­lität und der Offenheit stellen wolle. Das sei die beste der Diplomatien, jedenfalls die. die das französische Volk vvrziehe. __________

in der marxistisch verseuchten Arbeits-Hast d' fassen. Deshalb hielten wir Jte stützende Hand vor die Ratio-nalsozialistische Parwi und ter. Der Angeklagte betonte, daß sich seine Dv.i'Hungen zu Pöhner im Verlause sehr eng gestaltet haben. Seine, Fricks, Migun-gen wandten sich immer mehr dem aktivistisch en Ten der vat wländ'ischm Tevegung zu. Er habe wah­rend f tivr Tätigkeit in der Polizeidrrektwn Wert darauf g t gt, mit der Rat.oralsoziaiistifchen Par­tei in ständiger Fühlung bleiben, um dadurch die B -Wogung zu zügeln und einen gewissen Einfluß auf sie auszuübcn.

Die Fühlungnahme zwischen der Polizeidirek- tion und der vaterländischen Bewegung fei aber nach dem Abgang Pöhners immer lockerer geworden.

Frick geht bann auf die Vorgänge im Dürgerbrä ukeller ein, wobei er bemerkte, daß er von ter Ausrufung der neuen Regierung a'aen 9 W abends durch einen telephonischen Anruf informiert worden sei. Er habe sich dona zu Major Imhoff begeben und habe ihn mit Ge­neral Danner wegen der Alarmierung der Landespolizei ^schästigt gesunden Polmer habe ihn bann im Auftrage Kahrs ersucht, das Polizeipräsidium zu übernehmen. Er habe sofort eingrwendet. daß er nicht als Polizelpra- ibent, wohl aber in seiner gegenwärtigen Eigen- Lfaft bereit fei, diesem Ersuchen während der Dauer der ^Wesenheit des Polizeipräsidenten

Mantel nachzukommen. .

ile^er die Versammlung im -Bargerbrau- keller sagte Kahr, das Vorgehen Hitlers habe ihn sehr unangenehm berührt und sogar erbittert, aber er habe sich 'jetzt d amit ab- gefunden. Frick erllärt, Kahr habe bemerkt, daß die Informationen für den Biirgerbr.iukeller sehr kurz sein sollten. Wegen der Verstcn>gung der Landesbehörden bemerkte Kahr, er habe schon einen Funkspruch an alle Behörden des Lan­des erfassen. Hinsichtlich der Nation

an die Bevölkerung erklärte Kah^ das habe bereits Hitler übernommen. Rach dem Ein- treffen in der Polizeidirektion seien verschiedene Rachiichten aus dem Lande gekommen, die ihn, Frick, stutzig machten

Ein Versuch, mit Lossow und Seißer in Ver­bindung zu kommen, sei mißlungen.

Er habe dann ersucht, die inzwischen gemeldeten Zerstörungen in derMünchener Post" sofort cinzustellen. Rach 3 älhr morgens sei er zu einer Besprechung zu Oberst Danzer gebeen worden, der ihn im Ramen der verfassungsmäßigen Re­gierung für verhaftet erklärt habe. Rach Er­klärung des Obersten Danzer habe Kultusminister Dr. Ma 11 die verfassungsmäßige Regierung bar- geftellt. Aus verschiedene Fragen von feiten deH Vorsitzenden versichert Frick, keine Kenntnis davon gehabt zu haben, daß er Polizeipräsident werden sollte. Auch das StichwortGlücklich entbunden" sei nicht an ihn gekommen. Weiter führte der Angeklagte aus, daß er erst am 20. De­zember erfahren habe, was er begangen haben soll. ES fei zwecklos gewesen, mit einer Hundertschaft ci zugr isen, da diese viel zu schwach war. Frick bebivLet, von den ganzen Vorgängen Kenntnis gehabt zu haben. Er bemerkte, daß er das Ab- rircken der Infanterieschule vor dem Regierungs­gebäude veranlaßt habe. Hätte Kahr in der Be­sprechung um 12 älhr nur eine Andeutung ge­macht, dann wäre das älnglück vom 9. Ro- vernber an diesem Zeitpunkt noch zu verhindern gewesen. Er habe sich jedenfalls Feine älnter- lassungssünde zuschulden kommen,lassen. Die Vernehmung der Angeklagten ist damit beendet.

Cin neues Kabinett Theunis?

B r ü s s e l. 3. März. (Havas). Der K 5n i g hat heute bormittag den jurücEgetretenen Minister- Präsidenten Theunis empfangen. In politischen Kreisen wird allgemein angenommen, daß der König aufs neue in Theunis gedrungen fei, me Reu bildung des Kabinetts zu über­nehmen. Falls Theunis angesichts der auf allen Seiten herrschenden älnsicherlieit nachgivt, wird er voraussichtlich eine Art Geschäfts ml ni­st e r i u m mit einer beschränkten Zahl von Porte­feuilles bilden. Dieses Kabinett würde es sich zur Aufgabe machen, das Budget zur Annahme zu bringen, die Fincmzen zu sanieren und die Reparationssrage zu regeln

Die belgische Krise.

Der zurücktretende belgische Ministerpräsidenl Theunis soll, als er nach Ablehnung des bel­gisch-französischen Handelsvertrages die Kammer verließ, geäußert haben: In Berlin wird man jetzt illuminieren! In Berlin hat man keine Lam­pions angezüntet. Im Gegenteil, man hatte ja gerade den Keinen Verdruß über Ramsay Mac­donald, der über die Rede seines Innenmini­sters Henderson die Revision des Versailler Ver­trages desavouierte. Aber eine gewisse Genug­tuung empfindet man in ganz Deutschland doch, wenn die Pariser Presse den belgischen Kabinett­sturz als ein älnglück für Frankreich be­zeichnet. Denn das ist er auf jeden Fall.

Was wcllte Frankreich mit dem Wirtschafts­abkommen, das die belgische Kammer mit 95 gegen 79 Stimmen abgelehnt hat? Es wollte seine belgi­schen Freunde für den wirtschaftlichen Rückschlag entschädigen, den diese durch das Fiasko der Rich.besetzung erlitten haben Belgiens wirtschaft­licher Aufstieg nach dem Kriege im Gegensatz zu Frankreich war eine allgemein anerkannte Tatsache. Wenn auch die Brüsseler Staatsmän­ner unter der Last der finanziellen Sorgen seufzen (32 Milliarden Franken Staatsschulden stehen heute den 5 Milliarden vor dem Kriege gegen­über), so besitzt Belgien doch in seinen Kolonien, vor allem im Kongo, reiche Hilfsquellen, die ihm die Abtragung seiner Schulden wesentlich erleich­tern. falls die Prioritätsrechte an der Reparation infolge des Moratoriums, das Deutschland er- b~lt, vorläufig in den Kamin geschrieben fein sollten, älnd vor allem: Das belgische Volk hat mit ganzer Kraft d^n Wiederaufbau des Staates in die Hand genommen. Die belgische Arbeiter­schaft gibt gewissen anderen Ländern ein leuchten­des Beispiel von Fleiß und Einsicht in wirtschaft­liche Notwendigkeiten. Alles ging gut, da kam Poincaräs Ruhraktivn, und Belgien mußte mit in diesen neuen Krieg ziehen.

Rur eine der traurigen Folgen dieses Wahn­sinns: Der belgische Exporthandel über Ant­werpen, der für das Land eine überragende Rolle fhiett ging infolge der Ruhrbesetzung von Monat zu Monat stärker zurück. In Paris wollte man den Belgiern diesen Rachteil ausreden.Wir wollen euch davor behüten, von deutschen Waren übersch'wemmt zu werden," wurde die Parole. Um ' dies zu erreichen, offerierte Poineare eine enge Zo11union, die den Belgiern in Wahrheit nur neue Rachteile, die meisten Vorteile abev der französischen Wirtschift bringen sollte. Aber die Volksvertreter in Brüssel rochen den Braten Zwar war die Opposition in der belgischen Kam­mer zum ®ntgeg-nfommen bereit. Man wollte dic Einfuhr französischer Weine und Seiden frei­geben und auch sonst den Franzosen Vorzugs­tarife einrätimen. Aber zu einer vollständigen Ocffnung der Grenzen woll.e sich weder die belgische Sozialdemokratie noch die 13 Ab­geordnete starke Gruppe der flämischen Ka­tholiken verstehen. So fehlten schließlich der Regiermng im entscheidenden Llugenblick neun Stimmen zur Mehrheit. Theunis, der den Fran­zosen mit den belgischen Liberalen und den natio­nalistischen Fvanzöslingen zusammen so tapfer die Stange gehalten hat, muhte gehen.

Wer wird sein Rachfolger? Die einen sagen: Ja spar, der bisherige 2luhenminister. Er gilt als Vertreter der englandfreundlichen Richtung In Belgien. Er ist der Vater des belgisch-eng­lischen Dündnllses, das den Franzosen von jeher ein Dom im Auge war. Ihm sagt ja auch jetzt die Pariser Presse nach daß er das unpopuläre Wirtschaftsabkommen mit Frankreich benutzt habe, um der von Theunis vertretenen Frankreich- freundlichen Richtung einen entscheidenden Schlag zu versehen. Iasvar war eS ja auch der in den lebten Jahren seinen Standpunkt in der Ruhr- und Repavationsfrage nicht unwesentlich geändert und sich aus einem erbitterten Gegner Deutsch­lands zu einem eiwaS einsichtigeren Politiker der Entente entwickelt hatte. Wenn aber Iaspar Außenminister bleibt? Für diesen Fall werden zwei andere Kandidaten genannt. Entweder van der Velde, der Sozialist oder Franz van Gauwelaert. der Führer der flämischen Ka­tholiken. Das wären allo die Häupter der Oppo­sition, die den französisch-belgischen Wirtschafts­vertrag zu Fall gebracht hat. Aber dies«: Oppo­sition die sich aus den Flügelparteien der Kammer zusannnensetzt, ist nicht imstande, von stch aus ein Mehrheitskabinett zu bilden. Die Losung der Krise bringen ähnlich wie in Deutschland wahrscheinlich erst Reuwahlen.

Die Neichstagskrise.

Berlin, 3. März. (Priv.-Tel.) Heute nach­mittag empfing der R e i ch s k a n z l e r die Führer der sozialdemokralischen Partei. Herrn. Müller und Breit scheid, um mit ihnen über die par­lamentarische Lage, insbesondere über die Frage der Reichstac^auflösung zu sprechen. Durch die Besprechung ist irgendeine Veränderung nicht ein­getreten. Die Besprechung zwischen dem Reichs­kanzler und den sozialdemokra ischen Führern wird auch nicht weiterg^ührt werden. Von beiden Sei­ten ist der bekannte sich entgegenstehende Stand­punkt festgehalten worden. Dagegen wird der Reichskanzler feine Besprechungen mit den Mrt- telparteien fortsetzen.

Die Großdresdener Sozialdemo­kratie nahm eine Entschließung an, welche Sie Politik der sozialdemokratische i Reichstagsfraktion I tadelt. Zum Spitzenkandidaten für die Reichs­tag Zwahl für Ostfachfep wurde der frühere Kultus- I Minister Fleißner gewählt. Ferner wurden