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Nitti zum

Genfer Friedenspakt.

Eine deutsch-französische Verständigung, die Vorbedingung für den Weltfrieden.

Paris, 1. Oft. (WB.) Der ehemalige ita­lienische Ministerpräsident Ritti hch einem Mit­arbeiter desQuesi Eclair" ein 3ntett>tett> ge­mährt, in dem er u. a. sagte: ,Dah man einige Millionen Menschen unter den Waffen halten müsse, ist nach meiner Ansicht der beste Beweis dafür, daß der abgeschlossene Friede ein schlechter Frieden ist. Erst müssen die Geister abgerüstet werden. Rternals wird Deutschland gutwillig Reparationen leisten, wie sie ihm durch den Danziger Korridor, der es in zwei Stücke zertritt, auferlegt wurde: es wird auch nicht die TeilungOber schlesiens hin- nehmen, von den übrigen gar nicht zu sprechen. Es unterwirft sich den Ävtwendigkeiten des Augen­blicks. Aber diese Annahme ist nicht aufrichtig. 3n Ungarn gibt es keinen Menschen, der die diesem Lande aufgezwungene Zerstückelung an- nimmt. Wie will man unter diesen Umständen von einer Herabsetzung der Rüstungen sprechen."

Einen eventuellen Garantiepatt nennt Ritti eine Illusion: weder Rußland noch die Bereinigten Staaten würden ihm zustimmen, und Deutschland und Angarn könnten es nicht aufrichtig tun. Eine aufrichtige und loyale Friedensgarantie erblickt Rittl in einer Verständigung zwischen Frankreich und Deutschland. Wenn diese beiden Demokratien ein wirkliches Abkommen träfen und auf jede Beherrschungs- und Revancheidee verzichten woll­ten, und wenn sie aus den bestehenden Verträ­gen die Härten entfernen wollten, dann könnte man auf einen wirklichen Frieden hoffen. Alles, waS für das Leben der Völker notwendig sei, sei auch möglich.

Ritti sprach alsdann von den Absichten Her« riots, dessen 3becn er nicht alle billige: aber er habe seinem Lande schon wichtige Dienste ge­leistet. Der Dawesplan habe Illusionen zer­stört: für Ritti ist er ein Appell an die Loyalität. Ritti tritt für eine wirtschaftliche Solidarität em und erklärt, eine Verständigung zwischen Frank- reich und Deutschland könne eine allgemeine europäische Zollunion vorbereiten: das sei keine Atopie, und eine Zollunion würde der Dorlliufer der politischen Anion sein. Ohne diese sieht Ritti nur eine wettere Seme von Kriegen. Der Rest, nämlich die Herabsetzung der Bewaffnung und i>ie gegenseitigen Garanttever- lräge seien Blätter, die mit dem Winteq verwelken. Amerika würde niemals auf seine Forderungen verzichten: es würde auch keinen Garantievertrag annehmen. Es wolle vor allen Dingen seinen Handel entwickeln und seine Pros­perität vermehren. Wenn Frankreich und Deutsch- land sich verständigen würden, danii würde die Zollunion einschließlich Englands möglich, und das würde auch Amerika Vertrauen ein« flößen, das alsdann leichter dazu geführt werden könnte, die Kriegsschuldfrage unter einem neuen Gesichtswinkel zu betrachten. Dis jetzt, so schloß Ritti, habe man noch zu sehr gedroht und zu viel geredet.

Deutschland, Rußland i und der Völkerbund.

5 (Berlin, 2. Ott. (DvahtmeLdung.) Die eng­lische und französische Presse erörtert gegenwärtig 'auf Grund offiziöser Inspirationen die Frage, /inwieweit die deutsche Stellungnahme zum Völker­bund durch die zwischen Deutschland und Sowjetrutzland bestehenden Abma­chungen beeinllußt sein könnte. Während die französischen Blätter die Vermutung aussprechen, daß die deutsche Regierung mit Rücksicht auf Sowjetrußland keine Verpflichtungen eingehen wolle, die es in Widerspruch mit der Sowjetregierung bringen könne, glauben die englischenTimes", daß die Regierung Marx- Stresemann bereit sei, mit den West machten im Völkerbund zusammen zu arbeiten und das Freundschaftsverhältnis mit Sowjetrußland mehr oder weniger preiszugeben. Aus den maß­gebenden Kreisen d<Ä Berliner Auswärtigen Amtes erfahren wir hierzu folgende interessante Einzelheiten:

Die deutsche Regierung läßt sich in ihrem Entschluß, den Eintritt Deutschlands in den Völ­kerbund vorzubereiten, keineswegs durch irgendwelche Rücksichten auf die sowjetrussischen Interessen leiten, denn sie hat ausschließlich die deutschen Lebensinteressen im Auge. Es ergibt sich aber ganz von selbst, daß Deutschland durch seinen Eintritt in den Völker­bund sich nicht in die Zwangslage versetzen lassen kann, in ein gespanntes Verhält- nis zu Rußland einzttreten. Deutschland be­findet sich Rußland gegenüber absolut nicht in einem Dündnisverhältnis, aber es kann unmöglich in seinem eigensten Lebens- inlerelfe an irgendeiner Mächtegruppierung tei(= nehmen, die sich gegen Rußland richtet. Es würde sonst der Gefahr ausgesetzt sein, im Falle eines Konfliktes zwischen dem Völkerbund und Sowjetrußland als gegenseitiges Auf­marschgebiet zu dienen und so in die Kata­strophe emes allgemeinen europäischen Konfliktes hincingetrieben werden, bei welchem Deutsch­land den Schauplatz der Auseinander­setzungen spielen würde. Es ist richtig, daß die sowjetrussische Regierung Deutschland in sehr ernster Weste vor gewissen Möglich­keiten gewarnt hat. Diise Warnungen sind aOer m&t in irgendeiner 'Form erfolgt, die die Cntschließungsfreihett Deutschlands irgendwie be­einträchtigen könnte. Lediglich in der Frage der Sicherheit Deutschlands kann eine ge­wisse Rücksicht auf die Beziehungen mit Rußland genommen werden. Es wäre aber unbedingt falsch, wenn man annehmen mürbe, daß Deutschland gewillt sei, die russische Politik gegen den Völkerbund zu unterstützen, da die Ein­stellung Rußlands zum Völkerbund für Deutsch­land vollkommen gleichgültig ist.

Der Ausstand in Georgien.

Paris, 2. Oft. (Telunion.) Die georgische Delegation veröffentlicht ein Kommunique, aus dem hervorgeht, daß im Kaukasus noch immer heftige Zusammenstöße zwischen den Aufständischen und den Sowjettrup­pen stattfinden. Am 26. und 27. September trug sich em heftiger Kampf in der Gegend von Swa-

nattjie zu. Die Sowjettruppen muhten nach mehr­stündigem Kampfe das Gefecht abbrechen und sich aus Kutais zurückziehen. Rach gewissen Mel­dungen, die das Kommunique verzeichnet, hat sich die Aufstandsbewegung auf Dagestan und K o r b a n weiter ausgedehnt.

Ein weiteres Kommunique berichtet von Massenhinrichtungen durch die Sowjettruppen. 63 Geiseln, die nach Tschingtouri aus den umlie­genden Dörfern verschleppt wurden, sollen im Zuge niedergemacht worden sein. Die Bolschewisten hätten strenge Maßnahmen er­griffen, um ein Entweichen der Aufständischen über die türkische Grenze zu verhindern.

Schwierigkeiten des Kabinetts Macdonald.

Die Liberalen schwenken zur Opposition ab.

London, 2. Ott. (TA.) Die Kabinetts­krise wogen des russischen Vertrages und der Zurückziehung der Klage gegen die kommu­nistische ZeitschriftWorkers Weeks" scheint des- mal ernster zu werden, als alle vorhergegangenen und nach Ansicht der führenden Morgenblätter sowohl der ßiberaten als auch der Konservativen Reuwahlen zu bedeuten. Die liberale Fraktion hat im Anterhaus eine Fraktivns- fttzung abgehalten, bei der eine durchaus ver­änderte Haltung der Parteimitglie­der offenbar wurde. Die Eindrücke in den Wählerkreisen während des Arlaubs haben offen­bar einen grundsätzlichen Stimmungs­wechsel herbeigeführt. Allen Ernstes wird mit der Möglichkeit einer Reuwahl bis Ende des Monats, unter Amständen sogar noch früher, gerechnet. Den unmittelbaren Anlaß zur Krise s bildet das Mißtrauensvotum der Kon­servativen, dem sich die Liberalen nach dem gestrigen Fraktionsbeschluß a n s ch l i e ß e n wollen, wenn es die Formulierung des Miß­trauensvotums nur einigermaßen zuläßt.

Die Schlacht vor Schanghai.

Schanghai, 1. Oft. (WTD.) Die auf­ständische Tschekiang-Armee leistet gegen die un­aufhörlichen Angriffe der Kiangsutruppen Wider­stand auf der ganzen Front. Die heftigen Kämpfe um den Besitz Schanghais dauern jetzt bereits bvei Tage. Die stark zusammengeschmvlzenen Ver­teidiger ziehen sich unter dem Feuer der feind­lichen Artillerie und unter Flieger- und Sperr­feuer in einige Sektors zurück. Etwa 2000 Ver­wundete sollen auf jeder Seite zu verzeichnen sein. Der Luftkampf nimmt zu, die Abwehrbatterien sind in lebhafter Tätigtest. Die Kiangsutruppen kündigen dauerndes Trommelfeuer an, während die Tschekicmg-Svldaten sparsamen Gebrauch von ihrer Munition machen und einen Bajonett­angriff abwarten. Der Mllttärgouvemeur von Schekiang hat die Behörden der ausländi­schen Ansiedlungen und das diplo­matische Korps darauf aafmerffam gemacht, daß Vorsichtsmaßnahmen ihrerseits am Platze waren.

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Parlamentarisches aus Hessen.

(Don unserer Darmstädter Redaktion.)

Die Zentrumsabgeordneten Blank und Wagner haben im Landtag folgende Anfrage eingebracht: Ist 1*8 der Regierung bekannt, oah in diesem Jahre eine überaus große Anzahl Schweine an Schweine ro tlauf zugrunde gegangen sind, weil die praktischen Tierärzte Hessens aus Impfstoffmangel nicht in der Lage waren, die von den Landwirten angeforder­ten Impfungen vorzunehmen? Was gedenkt die Regierung zu tun, um den Impfstoffbedarf des Landes für die Folge sicher zu stellen? Können die Abhilfemaßnahmen so rasch einsehen, daß die unseren Schweinebeständen drohende Gefahr für das nächste Jahr vermieden wird?

Ein Zentrumsantrag will den Artikel 3 des Gemeindeumlagengesehes so erweitern, daß alle Gebäude und Gärten, die Wvhl- fahrtszwecken dienen, von der Steuer sowie der Sonder gebäudest euer, rückwirkend vom 1. April 1924 befreit werden sollen, unbescha­det in wessen Eigentum sie sind.

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Gin weiterer Zentrumsantrag ersucht die Re­gierung, bei der Reichsregierung dahin vorstellig zu werden, daß bei der Vergebung der Reparationsleistungen neben den gro­ßen Werken auch das Handwerk, die kleinere und mittlere Industrie entsprechend deren tech­nischen, wirtschaftlichen und sozialen Bedeut ing berücksichtigt wird. Die Vergebung dieser Liefe­rungen solle unmittelbar an die Dorbenannt en Handwerks- und Industriezweige erfolgen, evtl, durch deren Wirischaftsorganisattonen.

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Im Landtag ist eine Vorlage der Re- gierun g eingegangen, wonach auf Grund des Londoner Abkommens die politischen Ge­fangenen entlassen werden sollen und alle noch schwebenden Verfahren niederzu- schlagen sind. *

Eine weitere Regierungsvorlage will das Landtagswahlrecht dem Reichstagswvhl- geseh angleichen, u. a. werden amtliche Stirn mzettel erngesührt.

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Im Landtag ist eine Regierungsvorlage ein­gegangen, wonach die Regierung ermächttgt wer­den soll, zur Kredttvermittlung Wechselver- btndlichkeiten für Gemeinden, Gemeinde- verbände und Religionsgemeinschaften ^bis zum 1. April 1926 (bisher 1924) zu übernehmen.

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Ein im Landtag eingebrachter Antrag wünscht, daß eine Ergänzungsprüfung für Sekretäre eingeführt wird, die den Be­amten, die diese Prüfung bestehen, ebenso wie im Reich eine Aufstiegsmöglichkeit in höhere Ge­haltsgruppen bietet.

Schließlich ist dem Landtag eine Regierungs­vorlage übet die Grün düng einer ge­meinnützigen Wohnungsfürsorge- gesellschaft zugegcrngen. Es wird um die Be- willigrmg von 40 000 Mk. ersucht.

Aus aller Wett.

Der deutsche Hiftorikcrtag in Frankfurt.

Am ersten Sitzungstage hieß -der derzeitige Rektor Geh. Justiz rat Prof. Karl B u r ch ar d die Versammlung in den Räumen der Aniversität willkommen. Hof rat Oswald Redlich über­brachte die Grüße des österreichischen Anterrichts- ministers. Gr wies auf die geisttge Zusammen­gehörigkeit Deutschlands lind Oester- reichs hin,'die auch durch die Aufeinanderfolge des letzten Historikertages in Wien und des heuti­gen in Frankfurt sich ausdrücken, und gab unter stürmischer Zustimmung der Versammlung dem Wunsche bereiniget politischer Verwirk­lichung dieser geistigen Einheit Ausdruck. Pros. K ü n tz e l legte die verschiedenen als Ehrengaben gedachten Publikationen vor. Geh. Reg.-Rat Prof. Wolfram legte die Festgabe des wissen­schaftlichen Instituts der Elsaß-Lothringer im Reich, wobei er an die kulturelle und nationale- Bedeutung Elsaß-Lvthringens und der Straß­burger Aniversität für das Deutschtum erinnerte, Bedeutung und Ziele des Instituts erfiärte und zur Mitarbeit ausforderte. Als erster Redner sprach Geh.-Rat Prof. Gd. Meyer zum ThemaBlüte und Riedergang des Hellenismus in Asien". Geh.-Rat Prof. G. o. Below sprach als'zweiter 5um Thema:Historische Periodi- fierung mit besonderem Hinblick auf Mittelalter und Reuzeit".

Deutscher Luftverkehr in Persien.

Der persische Ministerpräsibrnt und Kriegs­minister Reza Khan hat einen Vertrag mit der I u n k e r ° L u f t v e r k e h r - A.-G geschlos­sen, wonach dieser bie Reorganisation großer sub­ventionierter LuftverkehrSstiecken in Persien über­tragen wird. ^Bereits in diesem Monat wird die Linie Daku-Enseli-Teheran in Betrieb genommen werden. Die Fortsetzung bieter Strecke von Teheran bis Dudschir am persischen Golf ist ebenfalls noch in diesem Jahre zu erwarten.

Der Chef der Marineleitung zum Admiral befördert.

Vizeadmiral Zenker, der Chef der Marine­leitung, ist mit Wirkung vom 1. Oktober ab zum Admiral befördert worden.

Schwerer Raubmord.

Berlin, 1. Oft. In ber Garage der Mer- cedes-Werkein der Iagowstraße wurde heute früh der Rachtwächter Andreas Hönhaus t 0 t aufgefunben. Gr wurde von 3 Wagen- wäschernermvrdet, diemiteinemMer- cedeswagen entflohen. Don ihnen wurde einer, der in Berlin blieb, bereits festgenommen. Gr leugnet noch die Tat. Der zweite, der sich in Frankfurt a. d. Ober selbst der Polizei stellte, wird von der hiesigen Polizei von dort abgeholt werden, der dritte ist mit dem Wagen weitergefahren und wurde von Berliner Krimi­nalbeamten, die die Verfolgung in einem Rennwagen aufgenommen hatten, dicht an der polnischen Grenze in dem Orte Tirschtigeld Angehvlt und verhaftet.

Schwere Anwetterkatastrophe in Amerika.

Die ganze Atlantikküste ist von einem schwe­ren Anwetter heimgesucht worden. Schwere Stürme, verbunden mit gewaltigen Regen­güssen. haben das Land weithin überschwemmt und ungeheuren Schaden angerichtet. Be­sonders schwer betroffen wurden die Südftaa - ten, wo Tausende obdachlos getoorben sind. Ganze Dörfer stehen unter Was­ser. Hahletons Kohlenmin.en, 18 an der Zahl, sind völlig überschwemmt. Die Bahnlinien sind auf weite Strecken unterwühlt. Zahlreiche Tote sind als Opfer der Katastrophe zu beklagen.

Wettervoraussage.

für Freitag.

Zunächst wenig Aenderung der herrschenden Witterung, später Bewölkungszunahme.

Aus Stabt und Land.

Gießen, den 2. Oft. 1924.

Sonntag im Dorfe in Obcrhessen.

Mit blank gefegten Straßen und blinkenden Fenstern erwartet das Dorf den Sonntag. Der schwebt über die Milchstraße zur schlafenden Erde hinab, schreitet durch Gärten, darinnen feuerfar- bene Dahlien zwischen betauten Blättern träu­men, am murmelnden Dach entlang, der im Licht des Vollmonds silbern schimmert. Ein Hund bellt in die große, wohlige Stille: nur der schwere Schlag der Kirchenuhr. Richt lange, so weckt der stolze Hahn mit schmetterndem Kickericki seine Hühnerfrauen, fliegen die braunen, gelben, grauen Tauben aus dem Schlag, locken sich mit zärtlichem Gurren, schnattern die Gänse über den Hof, wat­scheln die Enten zum Bach, die Schweine grunzen, Kühe muhen und rasseln mit den Ketten das Dorf ist erwacht.

Weitaus stehen, die Fenster der Wohnstube, der Kaffeetisch wird gedeckt, auf dem Küchenherd summt der kochende Wasserkessel. Wohl gerate­ner Kuchen, kräftiges Graubrot warten auf die hungrigen Gäste. Die lassen nicht lange auf sich warten. Der Vater, die Mutter, frohes Behagen auf dem von harter Feldarbeit zerfurchten Ge­sicht, die Kinder flachsblond, helläugig» stramme Buben und Mädel im Sonntagstaat. Herzhaftes Zufassen, die große irdene Kaffeekanne wird mäh­lich leer. Dann ist's Zeit zum Gottesdienst, das ab­gegriffene Familiengesangbuch liegt schon bereit. Der Vater nimmt den Hut, die Mädchen in ihrer kleidsamen Hessentracht, langer Faltenrock, kurzes Mieder und gebauschtes Halstuch, binden ihre klei­nen, steifen Hauben fest oder streichen glättend über das Flechtenkrönchen. Derweil die Mutter das Sonntagsmahl richtet, geht der Vater mit seinen Lieben zur Kirche. Die Glocken fingen über sonntägliches Land ihr Evangelium, mahnen Säumige zur Eile. Der Pastor verschwindet durch die Tür zur Sakristei. Durch blumige Wiesen spa­ziert die Hühnerschar, kleine Mädchen im weihen Kleidchen, mächtige Schleifen im kurzen Haar, stehen im Tor, bestaunen sich gegenseitig, spielen nicht wie Werktags Ball ober Haschen, selbst die Puppe mit der halbgelösten Perücke trägt ein sauberes Kleid. Das ganze Dorf hat heute ein anderes Aussehen, Feiertagsstimmung, Sonntags­freude liegt über den niedrigen Häusern, über den Höfen, über Wiesen und wohlbestellten Feldern. Vor der Schmiede türmt sich allerlei Gerät, bet- I drvssen feiert der schwere Hammer auf dem blan­

ken Ärnvoß, muh es sich gefallen lassen, oatz di« braune Henne in seinen Stiel pickt.

Rach dem Sonntagsmahl die Rast im Garten, das Rickerchen in kühler Stube, der Schwatz mit dem Rachbar, der Gang über b?n Hof, durch die Ställe, die Lektüre des Anzeigers. Der Rach­mittagskaffee veriammelt die Familie. Dann gehen die Jungen in den Wald, die Frauen zur Rach- barin, die Männer zum Wirtshaus, allwo es sich bei einem Glase Bier oder Schnaps herrlich bolitu fieren läßt. Die Sonne verschwendet Goldmengen: wenn sie tiefer sinkt, kommt das Dioh zu seinem Recht. Frisches Gras und duftendes Heu füllen bi? Raufe des Kuhstalles, die weißen und braunen Fleischschafe weiden draußen bei der Herde, erst der Frost treibt sie heim. Hühner und Enten picken eifrig goldgelbe Körner, Gänse laufen benu, Tauben fliegen herbei, und die Magd trägt östlich frische Milch ms Haus.

Erhitzt, \mit fröhlichen Augen, kommen bi? Jungen zurück, am Rock den weißen Staubsaum der Landstraße: mit nicht mehr ganz faubricn. Sommertleidchen die Kleinen, müde vom Spiel in der Sonne, gespickt mit Reuigtei1en-.der Vater, auch die Mutter kann Wissenswertes berichten. Aus dem Hose wird es still, schon flammt das erste Licht auf. Durch die Felder vom nächsten Sorte kommen paarweise junge Mädchen und Burschen raffen im Gasthaus und singen ihre Volkslieder Beim Mondenschein der Heimweg, die Mädtin haben sich zu viert untergefaßt, die Barschen bilden den Schluß, hallbderweht tönt noch von fern Ach hätf ich nimmer dich geseh'n" Ein Riegel schiebt sich vor die Tür. Fensterläden schließen sich, das letzte Licht erlischt, ganz leise Hingt ber Sonntag aus.

Bartlos.

Der Bart gehört zum Manne, wie ber Kamm zum Hahn. Wenn die Hühner sich auch so viel Gedanken über die Hähne machen, wie die Frauen über die Männer, bann werden sie sicher dorn Hahnenkamm eine erkleckliche Beachtung schenken.

Im Augenblick laufen zwar viele unserer jungen Männer bartlos herum, weil cs so Mode ist. Deren Mütter aber hatten noch ein ganz anderes Ideal. Sie liebten es. wenn der Schnurr­bart so lang war, daß er bis hinter die Ohren ging.

Vom ästhetischen Standpunkt aus ist die hart- lose Mode natürlich zu begrüßen, besonders, wenü man an die Bärte denkt, die über den Mund herabhängen, wie der Epheu über eine Torfahrt. Cs gab früher sogenannte Barttassen, in denen das haarige Ungetüm unschädlich gemacht wurde Aber ich kann mir nichr vorstellen, daß es auch so noch ein erhebendes Gefühl war, einen solchen Bart auS einer Tasse Milch auf tauchen zu sehen. Ich erinnere mich dabei immer noch an die kühnen Bewegungen der männlichen Anterlippen, die mit schnaufendem Hup von Zeit zu Zeit eine ©eneralreinigung Vornahmen und für etwas ganz selbstderstä übliches gehalten wurden. Keine Frau nahm damals Anstoß an so etwas: beute genügt es schon, daß man davon schreibt, um Entsetzen herauf zu beschworen. So ändern sich die Zeiten.

Ohne uns zu schmeicheln, dürfen wir doch sagen, daß wir in diesem Punkte ein bischen korrekter geworden sind, freilich auch ein wenig nüchtern. Richt alle Männer kleidet ein bart­loses Gesicht, viele täten gut daran, wieder etwas zu verdecken, Was die Ratur vorsorglich verhüllen wollte. *

So aber beugt man sich der Mode und lauft treu und bieder einen Tag um den andern zum Barbier und läßt sich dort von den Attributes dec Männlichkeit befreien, die für unsere Vor­fahren der größte Stolz waren. Rur ber Sekun­daner zupft glücklich an feinem ersten Bärtchen und betrachtet es mit viel Verliebtheit im Spie­gel. Wenn es bann soweit ist, daß es wirklich ein Bart genannt werden kann, dann verfällt es dem Messer, deim die Mode will es so, die liebe Mode!

Unsitten im Radfahrverkehr.

Man schreibt uns:

Es wäre dringend erwünscht, wenn endlich auch in Gießen, wie dies längst in anderen verkehrsreichen Städten der Fall ist, settens der Polizeiderwalttmg durchgreifende Maß­nahmen zur Regelung des Verkehrs mit Fahrrädern ergriffen und vor allem auch auf die Radfahrer selbst erzieherisch eingewirkt würde, damtt diese wissen, wie sie sich den Fußgängern gegenüber zu verhalten haben.

Schon ist es soweit gekommen, daß der Rad­ler, der fahren kann, wie es ihm beliebt, buch­stäblich die Straße beherrscht und, wenn er einen Passanten airreimt, diesen noch dafür verant­wortlich macht, daß er nicht aus-gebogen sei u. a. m.

Ein Vorkommnis, das sich am 30. September, gegen 6 Ahr nachmittags, in der Walltorstraße zugetragen hat, möge das Gesagte beleuchten. An einer engen ©teile der genannten Straße, an der infolge Asphaltierung des Bürgersteigs auch die Fußgänger- nur den Fahrdamm benutzen konnten, wurde eine ältere, in Begleitung eines Herrn beftndliche Dame, die bei dem starken Ver­kehr nicht schnell genug ausbiegen konnte, von einer Radlerin von rückwärts angerannt unfr obendrein, ohne daß diese es für nötig hielt, sich zu entschuldigen oder gar zu fragen, ob auch nichts passiert sei, zur Rede gestellt, weshalb sie nicht aus dem Wege gegangen sei, sie hätte doch geklingelt usw. Die Radlerin fuhr, als sie von dem Begleiter- der Dame wegen ihres Ver­haltens zurecht gewresen wurde, unter weiterer höchst unangebrachten Redensarten unbetümrneri davon. . _ . _

Es ist höchste Zeit, daß feiten» der Greße- ner P vliz ei Verwaltung endlich für Ord- nung im Verkehr mit Fahrrädern, besonders im Seltersweg, in der Schulsttaße, auf dem Markt, in der Walltorsttaße und anderen stark belebten Straßen hn Interesse der öffentlichen Sicherheit gesorgt torrb. Dr. D.

Erwerbslosenfürsorge und Landwirtschaft.

Eine wichtige Entscheidung fällte am 29. Sep» tember das Derftcheruirgsumt Di.bürg. -Der Gute Pächter Georg Heil-Habitzheim hatte zur Her beiftihrung eiper grundsätzlichen E tt.che.dung Be­schwerde eingelegt, weil er in Fällen, in welchen er mit Den Arbeitnehmern Iahresverträge abge­schlossen hatte, die mangels einer Kündigung mit sechsmonatiger Kündigungsfrist ein wri eres Jahr gelten, zu Erwerbslosenbeiträgen herangezogen worden war. Ramens des Beschwerte üh.ers ver­trat Rechtsanwalt Me i se l - Damrstad: den Standpunkt der Beschwerdevorschrift. Das Ter- sichernngsamt gab der Beschwerde statt. Derartige