Ausgabe 
30.6.1922
 
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n i»

rtg in Kraft.

_ b e r t, Reichspräsident.

(ySr. Wirt h, Reichskanzler.

Dr. K ö st e r. Reichsminister des Innern. Dr. sRadbrnch. Reichsministerd. Justiz.

Die Ländervertreter

und die Reichspolitik.

Berlin, 29. Juni. (WTB.) In der Konferenz der Mi nist er Präsiden­ten derLänder mit der Reichsregie­rung, die heute nachmittag stattfand, sprach sich die Mehrheit der erschienenen Länder­vertreter für eine gesetzliche Fassung der zum Teil durch die Verordnung des Reichspräsi­denten geregelten Bestimmungen zum Schutze der Republik aus. Ferner erklärte sich die Mehrheit bereit, im Reichsrat auf die ge- schäftsordnungsmähige Frist zu verzich­ten, die für die Behandlung von Gesetz- -entwürfen vorgesehen ist und sofort in die Er­örterung eines Gesetzentwurfs zum Schutze der .Republff einzutreten. Es ist demgemäß zu er­warten, daß der Gesetzentwurf schon Anfang mächster Woche dem Reichstag zugehen wird. -Die Beratungen der Reichsregierung mit den Ministerpräsidenten der Länder werden mor­gen fortgesetzt.

1 Pressestimmen.

nmg verMsnDMt Sicheret und Ord baS Reichsgebiet folgendes beschlossen

Artikel 1. Personen, die an einer 'Set nung teilnehmen, von oer sie wrss^ e8 zu ihren Zielen gehört. Mitglieder 6fi{aa Amt benndlichen oder emer sruyeren mischen Regierung des Reiches oter cm t bem durch den Tod zu beseitigen, werden 3^, Tode oder m 11 l e b c n «1a n g e m Haus beslra t Ebenso bch rast ^lich mit rjonen, die eine solche Vereinigung .ß um ba- Geld unter fluten. Person« -n ffierben rSafein einer solchen Bereinigung unterlassen 'mit Zuchthaus bestraft, wenn ^^en be- !von dem Bestehen der Vereint verbleib den kannten Mitgliedern oder d Erbrechen be- Bchörden oder den dura tnis zu geben, ldvohten Perlon unver^ugl ^^ordnung vom Zuständig ist der aus S. 551) gedil-

26. Juni 1922 (Reichsges^ bete Staatsgerichtshof. ng Schuuhe der

Qlrtifel 2. Die wird dahin ergänzt Republik vom 28. zum Schluß fol-

4inb abgcaiwcrt: 1. 8 wer die toten Op- gende Fassmig: . . leumdet oder ösfent- s e r solcher Gewalt tu § 5 Qlr 5 erhält am lich beschimpft oder wer eine solche Schluß folgenden unterstützt". 3. § 7 Ab- Verbindung nut e Fassung: . . für die in sah 1 Är. 2 ^rhäLgehen".

§ 5 bezeichneten^ durch den Inhalt einer pe-

Artikel 3. die Strafbarkeit einer zur rrvdischen Dru/Staatsgecichtshofs zum Schuhe Zuständigkeit-

hörige Handlung begründet, so der Republjzis^ Druckschrift, wenn es sich kann die* eitung handelt, aus die Dauer von um eine Tfchcheren Fällen bis auf die Dauer 4 Wvchm^en verboten werden. § 2. 3 und 10 Von 6 ng vom 26. Juni 1922 finden ent» dernwendung.

spreche/ 4 Diese Verordnung tritt mit der

von der Ablesung la des Berliner Poltzn- Präsidiums ermittelt und festgenommen sind, sind:

1. der Kaufmann Richard Schütt in Berlin,

2. der Kaufmann Franz Diestel in Berlin, die Besitzer der Autogarage, in der der zur Mordtat benutzte Kcaftwagen untergebracht war,

3. der Gymnasiast GerdTechowin Berlin, 4. der Student Willy Günther in Berlin.

5. der Gymnasiast Heinz Stubenrauch in Berlin.

Der zu 3) Genannte ist der Bruder des inzwischen ergriffenen Mittäters Ernst Werner Dechow.

Gerd Dechow, Günther und Stubenrauch traten Mitwisser bzw. Urheber des Mord- planes. Schütt und Distel waren Mttwhser bzw. Begünstiger des Mordes. Die Festnahme weiterer Teilnehmer an der Mordtat steht zu erwarten

Berlin, 30. Juni. Bis zur.Stunde liegen in Berlin immer noch keine Rachrichten von den Beamten vor, die sich auf die Verfolgung der beiden entflohenen Mörder Bogel und Knauer b.finden. Den Blättern zufolge sprechen aber alle Anzeichen dafür, daß die Fahndungs­beamten den Tätern dicht auf den Fersen sind.

In den gestrigen Rachmittagsstunden erfolgten wieder zahlreiche neue Verhaftungen von Leuten, die die Mordpläne mit ausgearbeitet haben und den Jätern bei ihrer Flucht irgendwie behilflich gewesen' sind. Die Pläne für das Atten­tat sollen, wie dasB. T." mitteilt, schon zu einer Zeit ausführlich beraten worden sein, als sich Dr. Rathenau zur Genueser Konferenz be­geben hatte.

Der in Berlin verhaftete Student Willi Günthen der an den Vorbereitungen zur Er­mordung Rathenaus beteiligt war, soll Privot- fetretär des Generals Ludendvrff gewesen sein. Ferner soll er Mitarbeiter desDeutschen Sag Leitung gewesen fein. Günther steht eben­falls im Verdacht, seine Hand bei der Ermordung Erzbergers im Spiel gehabt zu haben.

Die Blätter melden weiter, daß nach einer Meldung der ..Düsseldorfer Rachrichten" gestern der bei den Böhmischen Werken in Düsseldorf- Oberkassel angestellte Ingenieur Kamertz unter dem Verdacht der Mittäterschaft an der Ermor­dung Rathenaus verhaftet worden sein soll. Auch in Hirschberg ist ein Ingenieureleve unter dem dringenden Verdacht der Mittäterschaft an der Ermordung Rathenaus verhaftet worden.

Berlin, 29. Juni. (WTB.) Der amtliche preußische Pressedienst meldet: Die Berliner Polizei verhaftete den Leutnant der Reserve und Studenten der Rechte W. Günther, dem nicht nur die Mitwisserschaft, sondern auch die Bei­hilfe zum Morde an Rathenau nachgewiesen wurde. Günther war sowohl bei den Vorbe­sprechungen. die sich um den Plan des Mor­des drehten und die in einem Berliner Vorort stattfanden, anwesend, als auch den Tätern in jeder Weise behilflich. Er machte für den Mörder Dechow die Garage ausfindig, in der das von auswärts kommende Automobil, das bei der Mordtat benutzt werden sollte, untergebracht werden konnte.

Wie der amtliche preußische Pressedienst weiter meldet, ist Günther Mitglied verschiedener rechtsstehender Organisationen. In seinem Besitze wurden Briefe von Helfferich, Ludendorff, Iagow und Westarp gefunden.

Kapitättleutnant Tiüessen.

f Der .Vorwärts" fordert für den Fall, daß das Gesetz zum Schutz der Republik nicht die nötige .Zweidrittelmehrheit erhält, die Auflösung des .f Reichstags. Er glaubt, daß das Ergebnis der Wahlen kein anderes sein kann als ein überwäl-

, tigendes Votum des Volkes für die Republik.

Derselben Meinung ist dieR 0 te Fahn e. Sie erklärt: Es gibt kein Ausweichen I Die Durch­führung der proletarischen Forderungen oder der Rücktritt der Regierung! DieGermania" gibt trotz aller Schwierigkeiten die Hoffnung nicht auf, daß doch noch eine Verständigung erreicht werde und dem Lande die Aufregung des Wahlkampfes, den das Zentrum übrigens nicht zu fürchten Brauche, erspart bleibe.

DieDos fische Zeitung" erfiärt: Der Reichstag muß entweder das Schutzgeseh für die Republik be­bewilligen oder muh gehen. Die Regierung kann nicht zurücktreten wenn das Gesetz keine Mehrheit findet, denn das wäre die Kapitulation der Republik vor ihren Feinden.

DasBerliner Tageblatt" schreckt vor dem Schritt der Auflösung lediglich deshalb zurück, weil die auhenpolitischen Wirkungen gegebenenfalls unab­sehbar sein könnten. Alle in der Reparationsfrage gesponnenen Fäden würden jäh abgerissen und das deutsche Wirtschaftsleben neuerlich mehr als bisher ruckweise erschüttert,

DieDeutsche Zeitung" sieht Reuwahlen zu- versichtlich entgegen. Wenn es durchaus sein soll, so ruft sie,Hinein in den Wahlkampf!" Hnfer Wahl­ruf wird sein: Für Freiheit und Verfassung! Wir find bereit.

Weitere Verhaftungen.

Berlin, 29. Juni. (Wolff.) Amtlich. Die der Teilnahme an der Ermordung Ra­thenaus überführten Personen, die

Berlin, 30. Juni. Wie ein hiesiges Blatt mitteilt, wurde Kapitänleutnant T i l l e s s e n in das Polizeigesängnis eingeliefert. Cs fei ihm gelungen, sein Alibi für die Zeit des Mordes an Rathenau ziemlich einwandfrei nach- ÄUtoeifen, er werde aber noch in Haft behalten, da angenommen werde, daß er das Attentat auf Scheidemann entweder selbst ausführte oder be­günstigte.

Ein Beschluß der Deutschnationalen Volkspartei.

Berlin, 29. Juni (Wolff.) Der Parteivor­stand der Deutschnationalen Volkspar- t e i hat alle Gliederungen der Partei ersucht, sofort genau nachzuprüfen, ob einzelne M i t g l i e d e r der Partei Organisationen angehören, welche Verfassung s-odergesetzwidrigeZie le verfolgen. Sollten solche Parteimitglieder sich fin­den, so seien sie unverzüglich aus der Partei a u s- zuschliehen.

Ein Angebot Helfferkchs.

Berlin, 29. Juni. DerVorwärts" meldet, daß Staatsministec a. D. H e l f f e r i ch dem Polizei­präsidium zur Verfolgung der Mörder Rathenaus 100 000 Mark, die deutschnationalePar- t e i der gleichen Stelle 20000 Mark angeboten haben. Das Angebot wurde indes abgelehnt.

Die Ausschreitungen in Darmstadt.

Darmstadt, 29. Juni. Heute nacht wurden in dem Geschäftshause des sozialdemokratischen Hessischen Volksfreund" zwei Fenster­scheiben eingeschlagen. Die dort stationierten

Schupoleute bemerkten später verdächtige Geräusche und stiegen über die Mauer des angrenzenden Bankhauses Rauheim. Der Hausmeister der Bank, Kurz, hielt sierur Einbrecher und hetzte den Hund auf sie. Die Schupoleute meldeten, daß die Polizei da sei und forderten ihn wiederholt auf, den Hund zuruckzurufen. Da dies nicht geschah und der Hund auf den einen Beamten eindrang, schoß dieser auf den Hund. Die Kugel ftreifte den Hund, prallte auf dem Pflaster ab und traf den Hausmeister so unglücklich, daß der Tod auf der Stelle eintrat.

Ein Aufruf

des Ministeriums des Innern.

Darmstadt, 29. Juni. (WTB.) Das Mini­sterium des Innern erläßt folgenden Aufruf an die Einwohnerschaft der (Dtabt Darmstadt: Wir mahnen zur Ruhe und Besonnenheit. Die Ermor­dung des Außenministers Rathenau hat im Volke tiefgehende Aufregung hervorgerufen. Durch die jüngsten Schandtaten wurde die Erregung in Darmstadt zur hellen Empörung gestei­gert. Der Schuh der Stadt ist durch die Polizei im Zusammenwirken mit der Schutzpolizei gewähr­leistet. Die Beunruhigung der Einwohnerschaft wegen mangelnder Sicherheit ist unbegründet. Die Strafverfolgung der Täter ist eingeleitet. Wir richten an alle ordnungsliebenden Einwohner der Stadt die Aufforderung, im Interesse der Erhal­tung der Ordnung alles aufzubieten, um eine Be­ruhigung der Bevölkerung herbeizuführen und etwaige überreizte Elemente von unüberlegten Schritten fernzuhalten.

TumulLszene» im Königsberger Stadtparlameut.

Königsberg, 29. Juni. (Wolff.). In der Stadtverordnetenversammlung kam es zu stürmischen T 11 mu l t s z en e n zwischen Mitgliedern der äußersten Linken und der deutsch- nationalen Fraktion. Von der linken Sette wurden zu Beginn der Sitzung Rufe wie: Mörderbande!", Mordgesindel!" gegen die Deutschnationalen ge­richtet. Als ein deutschnationaler Stadtverordneter einen solchen Zuruf mit dem Vorwurf der Feigheit gegen den radikalen Wortführer erwiderte, dran­gen zahlreiche sozialistische Stadtverordnete auf diesen Stadtverordneten ein, wodurch sich Raufereien entspannen, die den Vor­steher zur älnterbrechung der Sitzung zwangen. Der deutschnationale Abgeordnete, der den Zuruf gemacht hatte, verließ den Sitzungssaal. Rach Wiederaufnahme der Sitzung verlangten die Deutschnationalen, daß auch der Stadtverord­nete der Linken, der die beleidigenden Zurufe gegen rechts gerichtet hatte, den Saal verlasse. Als darauf nichts geschah, verließen sämtliche Deutschnationalen den Sitzungssaal. Die von den Demokraten beantragte Beileidskundgebung für Rathenau wurde einstimmig angenommen. Bei der Beratung des Antrags der Linken über Be­flaggung des Magistratsgebäudes, sowie Ent- femung der Düsten des vormaligen Kaisers und Ludendorffs ergab sich Deschlußunfähigkeit.

Die Politik der englischen Arbeiterpartei.

London, 29. Juni. (Wolff.) Gestern mittag wurde auf der Iahreskonferenz der englischen Arbeiterpartei in Edinburgh eine Ent­schließung, nach der die Arbetterpartei den An­schluß der kommunistischen Partei zu- lassen sollte, mit 3 686 000 gegen 261 000 Stim­men abgelehnt. H 0 dge erklärte in feiner Rede, die britische kommunistische Partei sei der Sklave Moskaus. Man brauche nur die Ver­fassung der britischen Arbeiterpartei und die Thesen der dritten Internationale zu vergleichen, um zu sehen, daß von einer Versöhnung nicht die Rede sein könne. In einer anderen ein­stimmig angenommenen Entschließung wurde die Politik der Regierung hinsichtlich der Friedens­verträge und des Völkerbundes verurteitt. Sie wird in der Entschließung aufgefor­dert, den Verfall ler Vertrag irn In­ter esse des politischen und wirt­schaftlichen Wiederaufbaues Euro­pas abzuändern, die deutsche Reparations­zahlung herabzusetzen und die militärische Be­setzung eines Teiles von Deutschland zu beenden. Ferner wird verlangt, daß Rußland politisch anerkannt, der Handel gefördert werde, daß die Regierung Japan auffordern solle, seine Trup­pen aus der Republik des fernen Ostens zurück- zuziehen und daß kein militärischer Pakt von der britischen Regierung eingegangen oder ge­fordert werde.

Aus dem Reiche

Die Rot der Presse.

Berlin, 29. Juni. (WTB.) 3m Me ichSr at erklärte der preußische Mini­sterialdirektor Heister, die Bemerkung der Deutschen Allgemeinen Zeitung", die Län­der hätten sich geweigert, an dem Gesetzent­wurf über die Maßnahmen gegen die wirt­schaftliche Rot der Presse mitzuarbeiten, sei falsch. Die Länder seien vielmehr nach wie vor

zur Mitarbeit Durchaus bereit, wenn sie auch )ie von der Reichsregierung vorgeschlagenen Maßnahmen nicht ohne weiteres annehmen konnten. Die Länder würden jedoch der Reichsregierung eine Reihe anderer Bor- chläge unterbreiten.

Die Bankbeamten vor dem Streik?

Berlin, 30. Juni. Die zwischen den Bankleitungen und Bankbearntenorganisatio- nen geführten Derhandlungen sind, wie die Blätter melden, als g e s ch e i t e r t zu be­trachten. 3n der kommenden Woche sollen in allen größeren Städten Deutschlands Miab- ftimmungen über einen eventuellen Streik der Bankangestellten vorgenommen werden.

Aus Hessen.

Tagtmg des hessischen Finanzausschusses.

rm. Darmstadt, 29. Juni. Der Finanz­ausschuß des Landtags beschäftigte sich heute zunächst mit Kap. 45 des Hauptvvranschlags Bildungswesen. Hierzu beantragte der Abg. Reiber die Zahl der Ob er rate von 3 auf 4 zu erhöhen und diesen vierten Beamten speziell zur Bearbeitung des Volksschulwesens zu be­stimmen. Die Regierung spricht sich gegen eine Äenderung des bisherigen Verhältnisses aus, da man bisher auch aus Ersparnisgründen mit einem wetteren Hilfsarbeiter gut ausgekommen fei. Der Antrag findet gegen 2 Stimmen An­nahme. Zu Kap. 48 Lehrerseminar entsteht eine Debatte über den Ausbau des Physiologischen Institutes in Bensheim: evtl, soll die Einrichtung ar der Techn. Hochschule in Darmstadt Aufnahme finden. Bei Kap. Volksschulen wird in der Haupt­sache das Fortbildungsschulwesen in längerer Aus­sprache behandelt. Veranlassung hierzu gab ins­besondere der Antrag des Abg. Hofmann- Alzey, die Zahl der Fachlehrer anstatt um 50 um 65 zu erhöhen und diese Stellen nach Be­dürfnis mit Gewerbe- oder Landwirtschaftslehrern zu besehen. Der Eintrag wird angenommen. Bei der Erörterung über die Zwangspensionierung der Lehrer rftff 68 Jahren teilt die Regierung mit, daß hier etwa 25 Herren in Frage kommen. Die sämtlichen Fortbildungsschulen sollen ein­heitlich dem Landesamt für das Bildungswesen unterstellt werden. Von anderer Seite wird iwch auf die Rachteile, welche der Landwirtschaft durch die jetzige Einrichtung der Fortbildungs­schulen entstehen, hingewiesen, da man hier be­sonders im Sommer die jungen Leute auf dem Lande sehr notwendig hat. Dann wird die Ver­handlung auf Freitag vertagt.

Wettervoraussage

für Samstag:

Wechselnd bewölkt, meist trocken, etwas toät- mer, westliche Winde.

Der Kern der nördlichen Devressttm hat sich wenig verlagert. Von Frankreich drangt hoher Druck vor, W allmählich Einfluß auf unsere Wetterlage gewinnen wird.

Aus Stadt und ßani).

Gießen, den 30. Juni 1922

Zu einer Trauerknndgebung für den ermordeten Minister Rathenau.

hatten sich gestern die Koalitionsparteien im Cafö Leib zusammengefunden. Rach einleiten­den Worten des Herrn Rektor Fischer (Dem.) sprach Herr Korfs aus Franksurt a. W., der für den gestern gemeldeten Redner eintreten mußte. Der Redner gab zunächst einige kurze, persönliche Momente aus Rathenaus Leben und wandte fief). dann in scharfen Worten gegen die politische Stimmung, die in den letzten Jahren über Deutschland liege. Die Poincare, Clemencecuu und ihre Helfer seien mit schuldig am Tode Ra­thenaus. Aber auch im Innern sei vieles zu ändern. Einigkeit im deutschen Volke müsse er­strebt werden.

Gerade vom Standpunkt der EinigLtt aus war es zu bedauern, daß der Redner unter dem deutschen Volke anscheinend nur die Wähler von links bis zu den Demokraten rechnete. Er fuhr dann fort: In den eigenen Reihen müßte mehr Disziplin und Einigkeit gehalten werden. Wenn die Regierung seither feine Politik der geraden Linie getrieben habe, dann habe dies lediglich seinen Grund in den soeben auf geführten Tatsachen. '2hir weil sie nicht ge­nügende Mehrheit hinter sich habe, könne die Regierung nicht wirksam Vorgehen wider die Geg­ner, die noch in der Schule wie im Richter st and, in Schupo wie in Reichswehr u. a. m. zu finden seien. Mit nochmaligem Appell, endlich Einigkeit tn den eigenen Reihen zu halten, sich nicht von den Sirenenklängen von rechts betören zu lassen, brachte der Redner ein Hoch auf die Repu­blik aus.

Zum Schlußwort sprach Herr Rektor Fi­scher einige Worte des Bedauerns über die Darmstädter Vorgänge, die allerdings nichts an­deres als der Erfolg der Hetze von rechts ge­wesen .seien.

Die Deutsche Volkspartei hielt gestern abend, wie uns berichtet wird, ihre ordeutt-

Giehener Stafcttfyeater.

David und Goliath.

Lustspiel tn 4 Akten von Georg Kaiser.

Gießen, den 30. Juni 1922.

Von dem Schauspiel, getragen von schwersten Renschhettsproblemen, hat sich Georg Kaiser tn letzter Zeit dem Lustspiel zugewandt. Ob diese Wandlung sich unter dem Zwange einer inneren 3 SnttoldUuig vollzog, oder ob der scharf berech­nende Verstand des Dichters sich auf dem neuen Wege größeren Erfolg versprach das bleiben vorläufig noch ungelöste Fragen. Jedenfalls läßt sich von allen Werken Georg Kaisers noch immer .als gemeinsames Charakteristikum feststellen, daß sie der Verstand, nicht das Gefühl erzeugte. Lind Lamit ist auch gesagt, daß die Gestalten Kaisers »noch immer des vollen Lebens ermangeln, wenn auch die Personen der Guftfpiele nicht mehr so .ganz als blutlose schemenhafte Träger von Ideen .erscheinen.

So regen sich auch in dem LustspielDavid und Goliath" schwache Lebenskräfte, die aber eines starken Antriebes durch tic Darstell r bei- dürfen, um über ein Schattenspiel hinauszr wachsen. Den Inhalt des Stückes können wir als bekannt voraussehen, da er an dieser Stelle bereits vor wenigen Tagen wiedergegebm wurde. Kaiser hat den Gedanken der alten Geschichte, daß ein Mann früher mit einem geliehenen Tausendmarkschein 14 Tage herrlich und in Freu - Aen leben konnte, ohne das Geld 'überhaupt axv

brechen zu müssen, in andere Form gegossen. Der Held des Stückes, Sophus Möller, bleibt ein Schwindler, so sehr sich auch Kaiser bemüht, ihn in ein anderes Licht zu setzen.

Für gute Bühnenbilder und flottes Spiel hatte bei der gestrigen Aufführung die Leitung Adolf Telekhs gesorgt. Die Rollenbesetzung war durchweg glücklich gewählt. Karl Volck Iraf die Sophistik des Sophus Moller ganz un Sinne des Dichters. Die kleinen Rollen der Helene und Dagmar führten Auguste Marcks und Karla Keller einwandfrei durch Richard H e l l b v r n wirkte als Peter Möller besonders im ersten Akte durch sein köstliches Phlegma. Die gelungene Karikatur einer alten Jungfer war Luise R a m m e l als Fräulein Juel zu verdanken. Viel Heiterkeit erregte Ru­dolf Goll als Brauer Magnussen, dessen Ver- i'örperung aber stellenweise zu stark in Komische übertragen wurde. Als Ehepaar (Spner ergänzten sich Oskar Feigel und Else Koop in glücklicher Weise. Tie übJgeri kleinen Roll.n zeigte,, erfolgreiches Bemühen ihrer Träger, indi- riduell g st lt t? T:,pe > h ra^s 'binen.

Der Beifall des Publttums war (ehr lebhaft und darf in erster Linie von den Schauspielern in Anspruch genommen werden.

FranlsurLer L2rar-Mhrung.

F r c nksurt a. M, 28. Juni 1922. I Claudel:Ser Tau s ch". chlu seiner Spiettei brachte dasFrant- u rs noch -richrdeutsche Ur»

aufsührung eines französischen Dramas; die Be­denken, daß Paul (Glaubet das Wort gegeben wurde, der als Deutschenhasser unliebsam her­vorgetreten ist. hätten höchsteiiS dann entkräftet werden können, wenn seinLausch" (überseht von Jakob Hegner) eia Wert von zwingender und wegweisender Müsterschast wäre. Das ist aber ganz und gar nicht der Fall; man mag an diesem Stück, das sich frei von jeder Frivolität und Schlüpfrigkeit hält, die Schönheiten der Sprache und ihre: Bilder a.iertertnen, mag in manchem Rutzepunkt der ach so dürren Handlung poetischen Reiz finden, eine innere Bereicherung gibt es uns nicht. Das seelische Erleben zweier ($behaare an der Ostküste Amerikas bildet, wort­reich ausgesprochen, den Inhalt, und jeder dra- matifdx Funke fehlt dem Verlaus dieser wechsel­seitigen Liebes- und Eheerschütterungen. Oben­drein sind die Personen recht schematisch ge­zeichnet, und inan kann es im Grunde dem Willensschwächen Louis Laine nicht so sehr ver­übeln, daß ihn die hysterisch wilde Frau des reich eil Dollar menscheu, eine ehemalige Schau­spielerin, mehr fesselt als sein e'genes sanftes, aber stets lamentierendes Weib. Die Erschießung Laines, d.r zuletzt te.i Banden dec neuen Ge­liebten entfliehen wollte, der WtziLkyra>..sch La- chys und eine sentimentale Resignation der beiden anderen geben den äußeren Abschluß.

Roch ein letztes Ma! konnten vier der besten scheidenden Mitgli:d:^ des Schuu'p elhauses an diesem wenig lautbaren Stück das bei oft gerühmten technischen Könnerschaft der fvanzösi

scheu Autoren völlig mangelt ihr ausgegliche­nes Cnsernblespiel zeigen. Unter Richard Wei­cherts sittlicherer Regie fesselte das Quartett o.n Gerda Müller Frttta Brod, Jakob Feld Hammer und Robert Taube tn feinem erschöpfenden KammersPiel weit mehr als bie dramatische Vorlage selbst, und die vier Künstler, die bei der ersten Wiederholung des Stückes von Franl-furt Abschied nahmen, wurden mit herzlichen Ovationen für so viele Theaterabende bedacht. Zu bedauern bleibt, daß gerade ihr letztes Auftreten nicht einem Werk bleibender Er­innerung galt, wie es sich in der klassischen und modernen deutschen Literatur leicht hätte fin­den lassen! Dr. Georg Schott.

Festspiele in Bad Homburg v. d. H. Eine Reihe von Freilichtauffüh­rungen wird im Monat Juli un Homburger Kulpart und auf der Saalburg beranftaUct. Der Spielplan umfaßt GoethesIphigenie auf Tau­ris", GrillparzersMedea",Die Hermanns­schlacht" von Kleist,Salome" von Oskar Wttde, Hans Sachs-Spiele und als Uraufführung die dramatische DichtungDas Tor der Hoffnung" von Ardreas Hornberger. Den Auftakt bildet am Samstag, 1. Juli, eine Uraufführung derIphi­genie". Es wi.ken angesehene Künstler ver­schiedener deutscher Bühnen mit.