Ausgabe 
29.5.1922
 
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ehre neue «Revolution ausgebrvchen sei. Es wird hinzugefügt, daß das Gerücht zeitlich zusammenfällt mit Aeußerungen des Ver­trauens in die Energie des Präsidenten Obregon seitens des Präsidenten Harding. Man betrachtet Obregon als imstande, gegen die angeblichen Verschwörer zu kämpfen. Wenn aber Sanchez Villa sein Lager ver- 'lasse, um aufs neue zu kämpfen, werde der Steg demjenigen Lager zufallen, zu dessen Gunsten er eingreife.

Aus dem Reiche.

Die Elternbeiratswahlen in Berlin.

, Berlin, 29. Mai. Die Elternbei- ratswahlen, die gestern an 580 Ge- meindeschulen und Mittelschulen Berlins ftatt- fcnben, sind bei einer Wahlbeteiligung von etwa 60 Prozent ohne Zwischenfall verlau­fen. Vach den vorläufig vorliegenden Mel- Lungen erhielt die christlich-unpolitische Liste 1431, die Liste der Anhänger der weltlichen Schule 571 Sitze.

Der Rahmentarif für den Duhrbergbau.

Essen, 27. Mai. (WTB.) Die Ver­treter der Hauptleitungen der vier vertrag­schließenden Dergarbeiterverbände nahmen in einer gemeinsamen Beratung heute in Essen zu dem Ergebnis der Verhandlungen des Schlichtungsausschusses über den Rahmentarif -für den Ruhrbergbau Stellung. Sie waren einmütig der Auffassung, daß der Schieds­spruch nicht befriedigen könne. Es wurde in Aussicht genommen, ihn nötigenfalls größeren Konferenzen zu unterbreiten; ferner wurde ausgedrückt, daß eine gerechte Regelung der Lohn- und Arbeitsverhältnisse die wirksamste Voraussetzung für die Hebung der Kohlen- prvduktivn und zur Vermeidung von Schä­den in der Volkswirtschaft fer.

Aus Hessen.

Gegen die Loslösungsbestrebuugrn am Rhein.

Die Parteien des besetzten Gebietes des Freistaates Hessen erlassen folgende Er­klärung:

Die unterzeichneten politischen Parteien verwahren sich namens der gesamten Bevöl­kerung des besetzten Gebietes Hessen auf das entschlossenste gegen alle Loslösungs­bestrebungen am Rhein und weisen diese als Hochverrat ab. Wir erklären uns auf das schärfste gegen die Abtrennung ir­gendwelcher Teile des besetzten Gebietes vom deutschen Reichsgebiet, sei es durch Reutralisierung oder durch Auto­nomie. Wir bekennen uns zu einer einheit­lichen Abwehrfrvnt gegen alle hochverräte­rischen Pläne und werden jeden Versuch der Errichtung einer rheinischen Republik mit ' allen uns zu Gebote stehenden Mitteln zu ver­hindern wissen. Wir eneuern das Treuegelöb­nis zum deutschen Reich und versichern, daß wir all das Ansere tun werden, daß das be­setzte Gebiet mit dem deutschen Reiche un­trennbar bleibt.

Deutsche Demokratische Partei, Deutsche Vvlkspartei, Deutschnationale Volkspartei, Sozialdemokratische Partei, Zentrumspartei.

I

Aus Stobt unb Porrb.

I Gießen, den 29. Mai 1922.

Die neuen Postgebühren.

Der Reichsrat beschloß, wie bereits gemeldet, die Erhöhung der Post», Telegraphen- !und Fernsprechgebühren. Die wesent­lichen Punkte dieser Verordnung, die am 1. Juli in Kraft treten soll, finb folgende:

Das Briefporto im Ortsverkehr trnrb für Briefe bis 20 Gramm auf 1 Mark ermäßigt, über 20 bis 100 Gramm beträgt es 2 Mart und über 100 bis 200 Gramm 3 Mark. Im Fern­verkehr wird das Briefporto bis 20 Gramm auf 3 Mart erhöht, für Briefe über 20 bis 100 Gramm auf 4 Mark und für solche bis 250 Gramm a lf

ÄieSakramentshex.

Roman von Marie Kerschensteiner.

30. Fortsetzung. (Rachdruck verboten.)

.Sieh, Lene," so schloß er.das ist des Wunders höchste Kraft, daß es uns selbst über­winden läßt. Wer echt liebt, der weiß gar nicht, wie stärk er ist! älnd wenn die böse Leiden­schaft dich übermannen will, 'dann denke an mich und an unser weißes Häslein, und all die Häs­lern, die uns das Glück noch schenken sollt ttlnd laß dein Herz wie eine Mauer sein, an der der Sturm sich bricht. Ich fühle mit dir, wie schwer es für dich ist. wieder ins Dorf zu gehen, nach allem, was dir dort widerfahren ist. O Lene, ich fühle es so ganz! Aber glaube mir. erst wenn man ein großes Liebesopsec gebracht tzat, ist man des Wunders ganz und gar würdig ge­worden. Was vor dem Opfer liegt, war zu wonnig und leicht, um eine Probe zu sein. Die soll deine Liebe jetzt bestehen!"

ilnb während er ihr seinen Standpunkt aus­einandersetzte, lieh er alle Brrstandesgründe bei­seite. sagte nur, was mit dem Herzen zu be­greifen war. weil er wußte, daß die Liebe der Schlüssel zu Lenes ganzem Wesen war.

And wirklich, er hatte sie besiegt. Ja. sie wollte des Wunders würdig sein! Das war nach heißem innerem Kampf ihr schwer errungener Ent­schluß. Sie wollte, daß Heiner ihr Herz stark, wie eine Mauer, finde. Heiß beteuernd versprach sie es ihm.--

Tags darauf, das Turmglöcklein sandte fein feines Sümmchen über das Heideland,'die Dörfler zur Sonntagsandacht zu mahnen, hing an der schmalen Kirchtür die Eheverkündigung des Schuld Meisters. Der unscheinbare Zettel machte, daß die Bauern den Weg ins Kirchinnere nicht fin­den konnten. Mit langen Hälsen und tatkräftigen Ellbogen standen sie am Eingang und. wunderten sich über die Maßen.Der Schulmeister wrrd kopuliert!" ging es von Mund zu Mund. Doch

5 Mark. Die Postkarte soll künftig im Fern­verkehr 1,50 'Mark kosten, dagegen im Orts­verkehr 75 Pf. Für die Drucksachen karte fällt die bisherige Sondergebühr we<j, sie unterliegt der Gebühr für Drucksachen bis 20 Gramm. Bei Drucksachen bis 20 Gramm bleibt das Porto von 50 Pf. unverändert, die weiteren Stufen sind 75 Pf. bei 20 bis 50 Gratnm, 1,50 Mark bei 50 bis 100 Gramm, 3 Mark bei 100 bis 250 Gramm, 4 Mark bei Drucksachen bis 500 Gramm und 5 'Mark bei 500 Gramm bis 1 Kilo. Für Ansichtskarten, auf deren Vorderseite Grüße oder ähnliche Höflichkeitsformeln mit höchstens 5 Worten niedergeschrieben sind, wird das Porto von 40 auf 50 Pf. erhöht, für Geschäfts- Papiere mit 250 Gramm von 2 auf 3 Mark, bis 500 Gramm auf 4 Mark, bis 1 Kilo aus 5 Mark, für Warenproben bis 250 Gramm wird das Porto ebenfalls von 2 a'uf 3 Mart er­höht, für solche bis 500 Gramm von 3 auf 4 Mark, für sogencurnte Mischsendungen, die aus zusammeng pickt n Drucksaä,e-, Ge chäst pa ie en und Warenproben bestehen, bis zu 250 Gramm künftig statt 2 Mart auf 3 Mart erhöht, bis 500 Gramm statt 3 Mark 4 Mart, bis 1 Kilo stoßt 4 Mf.rrk 5 Mark. Die Gebühr für das Päck­chen bis 1 Kilogramm wird von 4 Mark auf 6 Mark erhpht.' Für Pakete werden fünf Ge­wichtstufen gebildet, statt der bisherigen vier. In der Rahzone beträgt für Pakete bis 5 Kilo­gramm künftig das Porto statt 6 Mark 7 Mark, bis 7i/.j Kilogramm 10 Mark, bis 10 Kilogramm statt 12 Mark 15 Mark, bis 15 Kilogramm wie bisher 20 Mark und bis 20 Kilogramm 25 Mark. Für Pakete in der Fernzone sollen erhoben wer­den bis 5 Kilogramm die bisherigen Sähe stehen in Klammern 14 (9) Mark, bis 7Vs Kilo­gramm 20 (18) Mark, bis 10 Kilogramm 30 (18) Mark, bis 15 Kilogramm 40 (30) Mart, bis 20 Kilogramm 50 (40) Mark.

Von der Reuordnung der Auslands­postgebühren ist zu erwähnen, daß Briefe bis 20 Gramm künftig statt 4 Marr nach der Regierungsvorlage 8 Mark Porto tragen sollten und 'für jede weitere 20 Gramm 4 Mark. Die Reichsratsausschüsse haben die Erhöhung aus 6 Mark beschränkt. Postkarten nach dem Ausland sollen künftig statt 2,40 Mart '5 Mari 'tosten. Drucksachen unterliegen für je '50 Gramm einer Gebühr von 1,50 Mark (bisher 80 Pf.). Die Postscheckgebühren werden derart bemes­sen. daß für jede Auszahlung von der Zahl­stelle eines Postscheckamts durch äleberw^isung aus die Rcichsbant und für jede in den Rrch- nungsstellen der Reichsbant beglichene Aus­zahlung ein Fünftel vom Tausend des im Scheck angegebnen Btt ngrs, fir jede 'Barauszahlung durch die Zahlstelle eines Postscheckamtes sowie für die ttleberwtt ung ein^ Schecks durch das Postscheckamt an eine Postanstalt und die weitere Behandlung der Schecks bei dieser 1 pro Mille des Betrages erhoben werden.

Die Telegraphengebühr wird beim gewöhnlichen Telegramm aus alle Enchernungen aus 1,50 Mark für jedes Wort bemessen. Min­destens tostet ein Ferntelegramm 15 Mark. Im Ortsverkehr soll 1 Marl für jedes Wort er­hoben werden, Mindestgebühr 10 Mark. Bei Pressetelegrammen wird die Hähtte dieser Ge­bühren erhoben. Die Fernsprechgebüh­ren werden um 160 Prozent erhöht.

** Amtliche Personalnachrichten. Ernannt wurde am 15. Mai 1922 der Gerichts- assessor Karl Bachmann aus Darmstadt unter Belassung in feiner derzeitigen Dienststelle als stellvertretender Amtsrichter bei dem Amtsgericht chllrichstein zum Amtsrichter bei dem Amtsgericht Homberg a. d. Ohm mir der Amtsbezeichnung ..Amtsgerichtsrat" mit Wirrung vom 1. Juni 1922 an. In den Ruhestand versetzt wurde am 19. Mai 1922 der Gefängniswachtmeister Wilhelm V r e s p e r in Bingen giit Wirkung vom Tage des Dienstantritts feines Dienstnachfolgers unter Anerkennung feiner dem S'aate g. leisteten Dienste. In den Ruhestand versetzt wurde aip 22.Mai der Rektor an der Volksschule zu Bieber, Kreis Ofsenbach, Richard Hartmann, auf sein Rach­suchen mV er Anerkennung seiner dem Staate ge­leisteten Dienste vom 1. Juni 1922 an.

**DasEiserneKreuz2 Klasse wurde dem P?-Doothüzer Ludwig H ö p f n e aus Ei ßen verliehen und ihm dieser Tage von dem Reicys- archiv, Zweigstelle Kiel, zugesandt.

** Umsatzsteuer für 1 922. Vom Fi­nanzamt wird uns geschrieben: Rach einem neuen Erlaß des Reichsministers der Finanzen beginnt, soweit die Voranmeldungen und Vorauszahlun­gen auf die Umsatzsteuer für 1922 nicht rechtzeitig eingegangen sind, die Derzinsungspflicht

wollte es jeder schwarz aus weiß haben, sie konnten es sonst nicht glauben.

0o ein Duckseter!" rief eine blonde Dirn. Keiner hat nix davon gemerkt!"

Hast wohl selber wollen Schulmeifterin wer­den?" stichelte der Krugwirt, der neben ihr stand.

Aber die Blonde kehrte ihm nur schnippisch den Rücken.Für so 'n einäugeten Kerl," sagte sie zu einer andern, laut genug, daß der Alois es hörte,wär' unser eins freilich zu schad'!"

Gs war der größte Schimpf, dem man dem Alois an tun konnte, wenn nun ihn den Verlust seines Augenlichtes erinnerte, den er feit jener Rächt aus der Heide zu tragen hatte.

Ein Bauernmadle wär' dem eh' zu ge­ring," meinte einer.Der hat andre Mucken im Kopf!"

So ein Stadtdoggele, so ein hochmütiges, wird es halt sein!" nahm die Blonde wieder das Wort.

Und wird die Rasen so hoch tragen, wie ich weiß nit wie!"

So flog die Rede hin und her. Man kal­kulierte und riet, ereiferte und beschwichtigte sich, bis die Glocke zum drittenmal anschlug, ind'die Messe begann. Drinnen betrat eben der Pfarrer mit dem Ministranten den Altar. Der Schul­meister saß in der vordersten Reihe, an seiner Seite ein großes schlankes Mädchen, das dem ärmlichen Gewand nach, das es trug, nie und nimmer ein Stadtfräulein sein konnte. Doch auch einer Bauerndicn sah es nicht gleich. Wer und woher mochte die sein? Während der Messe hielt die junge Frau den .Kopf so tief 'gesenkt, daß die Dörfler nichts zu sehen bekamen als ein Retz dichtverschlungener Zöpfe. Aber gerade diese Haarfülle hatte etwas Bannendes, denn bei jeder Bewegung des Kopses blitzten stechende Flammen darin auf, wie Irrlichter draußen im Moor.

Der Pfarrer betete für taube Ohren, es war niemand bei der Sadje, alle warteten sie mit Ungeduld darauf, der jungen Schllmeistertn Des icht zu sehen. Hastig bekreuzigten sie sich, als der Pfarrer, das Weihwasser verteilend, durch

e r U am 1. August 1922 und n i ch t bereits schon vorn 1. Mai ds. Is. an. Schon hieraus ist zu folgern, daß der Steuerzahler sich feinen Wei­terungen aussetzt, wenn er im Laufe des Monats Juli die Umsatzsteuer für das 1. und 2. Viertel­jahr zusammen anmeldet. Es ist ihm jedoch frei- gestellt, schon jetzt Abschlagszahlungen für das 1. Vierteljahr zu leisten. Vielfach werden die hier bestehenden Bestimmungen nicht richtig beach­tet. G r u ii d s a h i st, daß nicht nur die Voraus­zahlungen bei der zuständigen Kassestelle zu lei­sten find, sondern auch die vorgeschriebenen D o r- anmeldungen müssen bei dieser Stelle und nicht beim Finanzamt eingereicht werden. Bis zur Zustellung entsprechender Vor­drucke durch das Finanzamt genügt als Voran­meldung eine kurze Mitteilung, woraus die Höhe der im abgelaufenen Vierteljahr vereinnahmten Entgelte, der Steuerbetrag und Ramen des Steuerpflichtigen hervorgehen.

Bornonzcn.

T a g es ka l en d e r für Montag: Astoria-Lichtspiele:Die Liebesabenteuer der schönen Evelyn" undDie Jagd nach der Wahr­heit". Lichtspielhaus, Bahnhofstraße, ab heute: Toska" undKnoppchens Schreckensnacht".

Aus dem Stadttheaterbureau. Auf das morgen stattfindende Gastspiel, das Jlgensteins LustspielDer Tenor der Herzogin" bringt, sei nochmals hingewiesen. Ein guter Be­such ist angesichts der hohen Kosten, die der Theaterleitung erwachsen, dringend zu wünschen: nur so werden sich weitere Gastspiele ermöglichen lassen.

Landkreis Gießen.

LJ Lang-Göns, 28. Mai. Die Beerdi­gung von Sanitätsrat Reifs fand dahier statt. 31 Jahre hat er hier gewirkt, nicht allein als Arzt,» sondern als Berater und Helfer der Schwachen und Rotleidenden. Sämtliche Vereine sowie die ganze Gemeinde beteiligten sich an der Beisetzung. Der Posaunenchor leitete die Feier mit einem Choral ein und die beiden Gesangvereine fangen je ein Grablied. Die Grabrede hielt der Ortsgeistliche Pfarrer Weber, der die außer­ordentlichen Verdienste des Verstorbenen schil­derte. Bürgermeister Velten sprach tiefbewegt Abschiedsworte im Ramon der Gemeinde, deren Ehrenbürger der Verstorbene war, außerdem wid­meten die Vorsitzenden der Gesangvereine, der Kriegerverein, der Turnverein, die Freiw. Feuer­wehr, die EisenbQhne.vereiuigurg und Vertreter der Beamten der Grube Adler noch kurze Rach­rufe.

toa. Odenhausen, 27. MdL Wie wir bereits vor einiger Zeit mitteilten, errichtet zur Zeit eine Essener Firma ein Bauxit­werk in unserer Gemeinde. Die Anlage ist nunmehr soweit fertiggestellt, daß sie Ende des Monats ihrer Bestimmung übergeben werden kann.

Kreis Schotten.

Laubach, 28. Mai. In der Stich­wahl um das Amt des Bürger­meisters, die heute von 10 Ahr bis 8 Llhr stattfand, erhielt der Land- und Gastwirt Johann Böhm 578 Stimmen, der Architekt Otto Schmidt 422 Stimmen. Ersterer ist somit 'gewählt. Von 1132 Wahlberechtigten haben '1000 Gebrauch gemacht. Wie man hört, will Herr Böhm sein Geschäft seinem Sohn übergeben und sich ganz dem neuen Amt widmen.

Kreis Büdingen.

)( Bergheim. 27. Mai. Auch unsere Ge­meinde darf sich nach langer Trennung bald w'."- ber ihres vollen Geläutes erfreuen. Am vorigen Mittwoch trafen die t-eiben Dron-eglocken ein und fanden im Turme Aufhängung. Die feier­liche Einweihung wird voraussichtlich an Pfingsten erfolgen. Die beiden Glocken wiegen zusammen 10 Zentner; die größere hat die Inschrift:Rach langem Krieg, nach hartem Völlerringen, will ich nun wieder durch dies traute Tal erklingen". Die Glocken kosten etwa 60 000 Mk. Hoffentlich kann auch unsere sehr baufällige Orgel bald durch eine neue erseht werden.

)( Ridda, 27. Mai. Am vorigen Donners­tag ereignete sich an hiesiger Station ein auf­regender Vorfall. Ein Revisor hatte im Abendzug von Gießen festgestellt, daß ein Reisen­der sein Kind, ohne die vorschriftsmäßige Fahr­karte zu lösen, mitreifen ließ. Zur Rede gestellt, wurde er frech. Als bei seiner Ankunft in Ridda an der Sperre fein Rame festgestellt wexden sollte, sprang er dem Zugführer an den Hals und fetzte

I ihre Reihen ging. Dann reckten sich alle Hälse 1 nach vorn. Doch das Paar toanbte sich noch nicht zum Gehen. Gs trat an das Taufbecken und erst jetzt gewahrte man, daß die Frau ein Kind auf dem Arme trug.

War das so eine?!

Bei dem heimlichen Gemurmel, 'das durch die Reihen ging, schrak die junge Frau zu­sammen, ihr Auge flammte über die Menge hin. Heiner faßte beschwichtigend ihre Hand and hielt sie fest, während der Pfarrer die Taufe vollzog. Der Pfarrer hatte darauf bestanden, daß die Taufhandlung im Beisein der Gemeinde vorgenommen würde. Entgegen der Meinung des Lehrers glaubte er im Interesse des Friedens im Dorf dies fordern zu sollrn. Als tie Ha dlung beerebet war, führte Heiner Lene durch 'die Kirche zurück. Die Bauern hatten fich aus den Bänken gedrängt und sich längs des Ganges rechts und links aufgestellt, knapp Raum lassend zum D irch- gang für das Paar.

Heiner hielt den Blick zu Boden gefentt. Die Schulmeisterin ging wie in einer großen Angst, neben ihm her. Ab und zu h aschte ihr Blick über dieBauern hin. Jeden einzelnen cr- tamvt^ sie, jeder einzelne 'batte fein Sünden­register in ihrem Herzen. Das hutzelige Weiblern dort, das war die Weberin, und sie schwang schon wieder den Rosenkranz in den Händen und schlug das Kreuz, wie sie'früher immer getan, wenn Lene ihr über den Weg gekommen war. cklnd Lene fühlte, wie es leise in ihr zu sieden begann.Es gilt nicht dir!" suchte sie sich selbst zu beruhigen. Weil sie aber fühlte, wie ihr Glaube auf unsicheren Füßen stand, ritz sie der Zorn über sich selbst hin, sich Die Rägel ins eigene Fleisch zu treiben, bis aufs Blut. Sie wollte, daß ihr Herz stark wie eine Mauer feil Sie faßte den Vorsatz, keinen der ttlmstchenden mehr anzusehen, damit kein verhaßter Anblick sie mehr versuche. Sie zwang den Blick zur Erde, aber ein stärkerer Zwang hob ihn wieder auf. Unb wie er noch einmal im Blitz über die Dauern hinhuschte» da mußte er gerade des Kr ig-

sich energisch zur Wehr. Sein Widerstand wurde jedoch rasch gebrochen. Ein gehöriger Strafzettel wird hoffentlich nachkommen, damit die gewissen­haften Beamten gegen solche Willkür geschützt werden.

)( Ortenberg, 27. Mai. Die Ausbeu­tung des städtischen Basaltstein­bruch s, die an die Firma Leimbach u. Co. in Schweinfurt verpachtet ist, wird zur Zeit mit aller Macht betrieben. Es sind Iber 70 Arbeiter be­schäftigt; die gewonnenen Steine sind von ganz hervorragender Güte und gehen teilweise sogar bis Holland. .Um den Abtransport nach der Station zu erleichtern wurde eine neue Straße angelegt.

Starkenburg unb Rheinhessen.

fpd. Offenbach, 23. Mai. In Klein-Stein- heim geriet beim Baden der 17jährige Schüler Fritz Philipp in ein Schlammlvch. Auf seine Hilferufe eilte der 14jährige Lehrling Philipp Knickei herbei. Da sich der mif-ben Wellen. Ringende an der Retter flanxmerte, gingen beide unter und fanden den Tod. '

tob. Offenbach a. M., 17. Mai. Die lokalen Metallarbeiterorganisa- tivnen haben zu dem Verhandlungsresultat der letzten Frankfurter Sitzung in einer Ur­abstimmung Stellung genommen. Für An­nahme stimmten in Offenbach 91 Proz., in Hanau 80 Prvz., in Höchst 83 Prvz., in Darmstadt 36 Prvz. Der Verband der Metall­industriellen hat auch zugestimmt. Die Kün­digungen wurden also rückgängig ge­macht. Die Arbeit ist gestern morgen wieder ausgenommen worden.

tot). Mainz, 27. Mai. Infolge der Ab - lehnung derLvhnfvrderungen durch die Arbeitgeber sind die kaufmännischen Angestellten in Handel und Industrie am heutigen Samstag in den Ausstand getreten. Eine Versammlung aller Or° ganisattvnen der Arbeitnehmer faßte am Frei­tag abend mit großer Mehrheit den Streik- beschluß. Don dem Stteik werden sämtliche Betriebe betroffen mit Ausnahme einiger größeren Firmen, welche die Forderungen der Angestelltenschaft bewilligt haben.

tot). Worms, 27. Mai. Zwei Arbeiter, die in einer Höhe von etwa 6 Metern an einem großen Gaskessel beschäftigt waren, wurden durch aus strömendes Gas be­täubt und stürzten bewußtlos zusattrnren Sie wurden von ihrem gefährlichen Stand­punkt herabgehvlt und die sofort angestellten Wiederbelebungsversuche hatten Erfolg.

Hessen-Nassau.

fpd. Höchst a. M., 28. Mai. Als eine der ersten Städte Deutschlands errichtet die Stadt ein Betriebsräteseminar und bewilligte dafür zunächst 25 000 Mark. Das Seminar soll in erster Linie dazu dienen, Sie Arbeiterschaft mit den großen Wissensgebieten der Sozialver­sicherung, das Arbeiterrechts, der Handelskundc und der Volkswirtschaft im Laufe einer Reihe von Jahren vertraut zu machen. Der Betrieb soll bereits im Herbst aufgenommen werden.

Sitzung der StaMoerordneten Gießen, den 27. Mai 1922.

Die Stadtverordnetenversamm­lung trat heute mittag zu einer Sitzung zu­sammen, auf deren Tagesordnung als einziger Punkt stand: Rachprüfung der Desol- dungsordnung für die städtischen Be­amten. Rach einer kurzen Erläuterung seitens des Oberbürgermeisters wurde die Vorlage ohne Aussprache einstimmig angenommen.

Von unterrichteter Sette erfahren wir hierzu daß der heutigen Sitzung lange und eingehende Beratungen in den Ausschüssen und Fraktionen vorausgegangen sind. Die ursprüngliche Vorlage des Magistrats, die auch imG i e* ßener Anzeiger" mehrfach erörtert worden ist, wurde von der Wirtschaftlichen Vereinigung, der Deutschen Volkspartei und einem Teil bei Demokraten abgelehnt. Hm die städtische Beamten­schaft nicht zu benachteiligen, einigte man sich schließlich auf eine, namentlich in den oberen Gruppen, wesentlichveränderteVv r- läge, die nunmehr heute angenommen toorben ist.

*

Wir lassen den Sitzungsbericht folgen: Anwesend Oberbürgermeister Keller. Dür- wirts Gesicht treffen! Schweratmend stand der do, den stieren Blick auf die Schulmeisterin ge­heftet, während es in seinem Hirn schrecklich za. dämmern begann.

Da sachte Lenes Blick, ihr selbst unbewußt, noch einmal dieses Ziel, älnheilvoll, zielsicher wie ein Pfeil schoß er von unten her aus den halbgeschlossenen Lidern und fuhr dem Dauern durch Mark und Bein. Jetzt wußte er, wer ihn damals in der Heide gemeistert hattet Die auf- schäumende Wut mochte, daß er mit vorgestreckten Armen vor stürzte.

Die Salramentshex!" gellte sttn Alarm durch dos stille Gotteshaus.

In der nachfolgenden Stille fiel ed den Leuten wie Schuppen von den klugen. Alle erkannten sie jetzt das Pfarrmädel, ttlnd man hatte geglaubt, den ckknhold für alle Zett vom Halse zu haben! Statt dessen war er wieder da und hatte wieder ein Mannsbild behext, so, wie er den Pfarrer behext hatte und den Walds­ackerer dazu, ttlnd manch einer wußte sich zu 'er­innern, daß er zuweilen tief draußen tn der Heide, wenn er vom rechten Wege abgefsmmen in der Dämmerung sich zurecht suchte, auf ein? unheimliche Weiseerschreckt" worden war. Da? war auch die Sakramentshex gewesen!

Keiner hatte diesen Ramen bislang gehört. Die Hitze des Augenblicks hatte ihn dem Alois eingegeben. Trotzdem verstand ihn jeder. Trotz­dem hob er das Wehr, hinter dem die Er- innerung ein Jahrzehnt lang eingedämmt war. Die ergoß sich jetzt wie ein breiter Strom, der unaufhaltsam anschwoll und auf seinem Rück«* die Gemüter mit fortriß.

Tumult erhob sich. Ein Dutzend Hände griffen nach Mutter und Kind.

Raus die Hex mitsamt der Brut!" schrte es von allen Seiten.

(Fortsetzung folgt)