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Erster Blatt

U2. Zahrgang

Stettag, 28. Zuli 1922

GietzeimAnzeiaer

General-Anzeiger für Oberhessen

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Die Entente und die deutsche Ausfuhr.

3n der Presse wurde jüntzst mitgeteill, daß die deutsche Regierung sich gegenüber bem Ga­rantieiomitee zu neuen Zugeständnissen bereit ge­funden hat und insbesondere dem Garantiekornttee die Befugnis eingeräumt hat, die Regelung des deutschen Außenhandels zu überwachen. Diese bedauerlichen Zugeständnisse verdienen bei den an der Ausfuhr beteiligten Kreisen des Handels und der Industrie ernste Beachtung, da sie ein Glied in einer längeren Kette von Maßnahmen der Entente gegen den deutschen Außenhandel finb und vermutlich nicht das Schluß stück dieser Kette.

Es fing an mit der Ausfuhrabgabe. Kaum batte die Regierung die Ausfuhrabgabe eingc* ftihrt, als in den Ländern der Entente der Ge­danke auftauchte, Deutschland als Reparations­last eine Ausfuhrabgabe aufzuzwingen. Dieser Gedanke ist bekanntlich verwirklicht worden in der 26prozentigen Ausfuhrabgabe, die das Lon­doner älltimatum vom Mai 1921 uns beschert hat. Ilm eine Handhabe zu erlangen, die im Interesse der Wirtschaft notwendige Anpassung der Ausfuhrabgabe an die jeweiligen wirtschaft­lichen Verhältnisse zu erschweren, hat die Entente sich sogleich das Recht gesichert, Ermäßigungen der Ausfuhrabgabensähe zu unterlagen. Es folgte die Fakturierung in Auslandswährung. Don der deutschen Regierung wurde sie in Zeiten sinkender Martturse für Derkäufe ins Ausland empfohlen und von der Entente alsbald ein Zwang zur Fakturierung in Auslandswährung verlangt. Das letzte war die Devisenabli^erung. Die Mah- nobmen der deutschen Regierung, den Anfall der Exportdevisen zu möglichst günstigen Be­dingungen der deutschen Regierung für ihre Zahlungsverpflichtungen in ausländischer Wäh­rung zur Verfügung zu stellen, wurden von der Entente als ein geeignetes Mittel erkannt, neue Zwangsmaßnahmen der deutschen Ausfuhr aufzu­erlegen. Auf den Druck der Entente mußten im vergangenen Herbst die Außenhandelsstellen den Exporteuren die Verpflichtung auferlegen, einen bestimmten Anteil ihrer Exportdevisen der Regierung zum Kauf anzubieten.

Alle diese Maßnahmen, wie Ausfuhrabgabe, Fakturienmg in Auslandswährung und Devisen- ablieferuüg, tonnten bei enger Anpassung an die in den einzelnen Geschäftszweigen verschieden­artigen Verhältnisse und an die schnell wechseln­den Konjunkturen für die Gesamtheit wie sür den Exporteur zweckmäßig sein. Sir müssen aber auf die Dauer verhängnisvoll werden, wenn jie als eine starre Zwangsjacke dem lebendigen Wirt- schaftsiörper auserlegt werden. Diese letztere Er­kenntnis ist auch in das Ausland gedrungen. Es ist daher begreiflich, daß diejenigen Kreise der Entente, die ein Wiederaufleben des deutschen Wirtschaftskörpers und damit die Leistung trag­barer Rcparationslasten mit allen Mitteln ver­hindern wollen, gerade die Einführung von Zwangsmaßnahmen auf diesem Gebiete als letztes Ziel erstreben. Heute hören wir schon aus der Presse jenseits der Vogesen, daß die Entente an­läßlich der gegenwärtigen Reparationskrise ver­langt hat, daß der gesamte Erlös unserer Aus­fuhr in fremden Zahlungsmitteln der Entente zur Verfügung gestellt wird - eine 'Absurdität schon deshalb, weil damit die Bezahlung der Ein- ftchr und infolgedessen auch jede weitere Be­tätigung im Ausfuhrgeschäft unmöglich würde.

Diese Maßnahmen werden nunmehr von dem Garantieiomitee dazu benutzt, sich die von Handel und Industrie der Gntenteländer so sehr erstrebte genaue Kenntnis der deutschen wirtschaftlichen Verhältnisse zu verschaffen. Zu diesem Zweck hat man immer wieder die Behauptung aufge­stellt, daß die Angaben der deutschen Regierung über die Durchführung der von ihr getroffenen Maßnahmen unzuverlässig seien oder daß sie von der Bevölkerung sabotiert würden. Mit dieser Begründung konnte man zunächst einmal eine genaue Kontrolle der deutsch>n Außen­handelsstatistik beanspruchen. Ein Bevollmäch­tigter des Garantiekomitees überwacht im Sta­tistischen Reichsamt die Aufmachung der deut­schen Handelsitatistik, seine Vertreter, die sogen. .Inspecteurs mobiles", bereisen die Zollämter und überwachen dort die Sammlung unb weitere Verwertung der von den Exporteuren zu stati­stischen Zwecken ausgefüllten Ausfuhrerklärungen, unb schließlich, und das ist für die Entente selbstverständlich das wesentliche, haben die Be­amten des Garantiekomitees das Recht, bte Ge­schäftsbücher privater Unternehmungen einzusehen und auf diese Weise über das deutsche Ausfuhr­geschäft sich genau zu unterrichten. Zwar hat das Garantiekomitee auf Verlangen der deutschen Re­gierung zugesta-nden, daß es von dem Recht der Düchereinsicht nur dann Geb auch machen werde, wenn gegen ein Unternehmen der Verdacht vor­liegt, car' es falsche Ausfuhverklärungen aus­stellt. Aber der Konkurrenzneid des Auslandes wird schon dafür sorgen, daß solche Verdachts­momente immer dann konstruiert werden, wenn die genaue Kenntnis Les Ausfuhrgeschäfts einer deut­schen Firma erwünscht ist. Es versteht sich hier­nach von selbst, daß das Garantiekvmitee auch gegenüber der Durchführung der Fakturierung in Auslandswährung und der Devisenablief ung eine besorgte Skepsis zur Schau trägt unb als ein rühriger Sachwalter fremdländischer Geschäfts­interessen auch hierzu Einsichtnahme in alle Vor­gänge der Behörden und möglichst auch in die Bücher der Firmen verlangt.

Unsere politischen Gegner können ihrem mit Welfich^rhert unb Geschicklichkeit verfolgtem Ziel, her Versklavung unserer wirtschaftlichen Arbeit, eur in kleinen Schritten uäherkommen. Darum

sollte man schon bei diesen ersten Schritten aus dem Wege der Auslieferung unserer Geschäfts­geheimnisse an das Ausland sich die Frage vor­legen, wie Vorsorge getroffen werden kann, um größerem älnheil zu steuern.

Eine Absage der alliierten Ausgleichsämter? Paris, 27. Juli. (WTB.) DasJournal des Debats" glaubt zu wissen (derTemps" versichert dasselbe in bestimmter Form), daß die Vertreter der alliierten Ausgleichs- ämtcr in ihrer gestrigen Sitzung einstimmig den Beschluß gefaßt hätten, ihren Regierungen die Ablehnung des am 16. Juli gestellten deut­schen Ersuchens um Herabsetzung der monat­lichen Zahlungen an die Ausgleichsämter von zwei Millionen auf 500 000 Pfund Sterling zu empfehlen. Eine entsprechende Antwortnote der französischen Regierung sei bereits abgegangen. DerTemps" behauptet, der Beschluß sei gefaßt worden auf Grund des Mangels an gutem Willen, den Deutschland bei der Durchführung des Ausgleichsverfahrens unb der Anerkennung der alliierten Forberungen an den Lag gelegt habe.

Vorschläge der internationalen Friedenskonfererz.

Lonbon. 28. Juli. (WTB.) In der gestn- gen Bormittagssitzung der internationalen Friedenskonferenz wurde eine Anzahl eiügebrachter Entschließungen angenommen, in denen erklärt wird, die wirtschaftliche Wieder­herstellung Europas erfordere folgende Maß­nahmen : Die Herabsetzung der Repa­rationszahlungen auf eine Summe, die den im KriegeangerichtetenScha-- ben gut macht unb deren Bezahlung vom deutschen Volke vernünftiger­weise erwartet werden könnte. Zu­rückziehung der Besatz ungsarmee vom Rh:in unb Einstellung der hohen Ausgaben, die deren Aufrechterhaltung notwendig macht. Rückgabe des Saargebietes an Deutsch­land und Wiederherstellung der französischen Bergwerke. Alle Bedingungen, die den tntcr= nationalen Handel und Wandel förbern, finb hei^ustellen. Annullierung der gegen­seitigen Schulden. Einstellung ter Rüstnn- dgen durch ein allgemeines Abkommen. Ausge­staltung des Völkerbundes. Beschaffung einer in­ternationalen Anleihe, damit das Werk der Wie­derherstellung Europas in möglichst kurzer Frist beendet werden könnte. Durchsicht aller Friedensverträge durch den Völker­bund. Jede Ration müsse das Recht, daß das russische Volk sich selbst in seiner eigenen Weise regiere, anerkennen. Gewährung eines ausreichen­den finanziellen Beistandes an das russische Volk, damit dieses in ben Stand gesetzt werde, die ihm durch den Krieg und vor allem nach dem Kriege jugefügten Schäden wiederherzustellen.

Der amerikanische Finanzmann Frank Vanderlip führte einem Mitarbeiter der Münchener Reuesten Rachrichten" gegenüber aus: Richt der Krieg ist die Arsache der großen Ver­luste, sondern die Ratur des Friedens von Versailles. Versailles erwies sich für die Sieger ebenso verderblich wie für die Besiegten. Deutschland muß in kurzer Zeit zusammenbrechen, wenn nicht radikale Qlenberungen seiner Repara­tionslasten vorgenornineu werden. Die unlösbare Schwierigkeit liegt in der absoluten U n = fäh igkeit Frankreichs, eine vernünftige Herabsetzung dieser Last zu diskutieren. In Deutschland wird baldigst eine sehr ernste unb wachsende Beschäftigungslosigkeit einsehen, die zusammenfällt mit der Preissteigerung unb der zunehmenden Inflation. Ihre Wirkungen müssen sich auslösen in Straßenrevolten unb sozialem Chaos. Roch im Juni hätte eine internationale Anleihe bie Situation retten können. Deutsch­lands Bankerott zieht unweigerlich ben Bankerott Frankreichs nach sich. Vanderlip wurde heute vormittag vom bayerischen Minierpräsidenten empfangen.

Lloyd George über Ruhland.

London, 27. Juli (Wolff.) In der Unter«* Hausdebatte von gestern über dir Ha a ge r Kau­fe re n z hielt rqi> Lord Robert Cecil Lloyd George eine Rede, in der er u. a. sagte, die Konferenz bedeute einen merkllchen Fort­schritt zu einer endgültigen Regelung. Die Wiederherstellung des Friedens in Europa und der Ordnung in der Well lasse sich nir Schritt für Schritt erreichen. Man fei heute allzu ge­neigt zu vergeffen, daß der größte aller Kriege erst vor drei Jahren beert bet werden sei. Es sei bereits ein bedeutender Fortschritt gemacht worden. Die Ansicht Lord Robert C e c r l s, daß die Zustände sich verschlimmert hätten, könnte er nicht teilen. Die Erklärung Clhnes, daß Eng­land teilweise an dem ülnglüd Rußlands sch r Id sei, sei historisch unhaltbar. Rußland habe den ersten Schuß getan, und Rußland Hube auch als erste Macht den Krieg eingestellt. Die englische Regierung habe Kerenski jede Unter» stühung gewährt, und es sei nicht ihre Schuld, wenn er feinen Erfolg gehabt habe. Einige Mit- gliebcr des Hauses schienen der Ansicht zu sein, es gebe eine russische Regierung, die ganz Ruß­land drtrch ben Willen bes Volkes beherrsche, und England habe sich bemüht, Aufstand und Bürger­krieg hetvorzurufen. Latsache fei. daß die bol­schewistische Regierung durch einen S t aa t s- streich ans Ruder gekommen sei. Es liege kern Beweis dafür vor, daß das russische Voll je­mals diese Regierung gewünscht habe, es habe sich yur unter dem Drucke der Gewalt gefügt. Lloyd George fuhr fort, wenn es möglich wäre, zu einem Abkommen zwecks Beschleunig mg des

Wiederaufbaues zu kommeir, so würde dies für Rußland und England von Dorteil sein. Dre furchtbaren Zustände in Rußland tonnten sich nicht bessern, wenn Rußland nicht die zivilisierte Weit, zu Hilfe rufe; geschähe dies nicht, bann würden in Rußland Zustände wie in der Urzeit Platz greifen. Rußland entbehre Ollaschinen aller Art, landwirtschaftlicher Geräte usw. England würde geholfen, wenn es derartige Bestellungen erhallen könnte. Die Zusammenarbeit hege also im beiderseitigen Interesse. Fraglich sei nur, ob diese Zusammenarbeit möglich sei. Die Be­hauptung Clynes, daß die politische Anerkennung Rußlands zur Wiederaufnahme der sianziellen, wirtschaftlichen usw. B.ziehungen führen würde, ist geeignet, Rußland zu täuschen. Selbst wenn der beste verfügbare Botschafter nach Rußland gehen würde, würde ihm kein Bankier ober Kauf­mann folgen, wenn nicht die notwendigen Be­dingungen hergLstellt scien. Der große Vorteil der letzten Haager Konferenz g?wffe.i, daß Rußland zum Verständnis der tatsächlichen Ve_- hällnisse erzogen wurde. Es handele sich nicht um die Frage des Privateigentums, sondern um die Frage der Sicherheit für die britischen Ar­beiter und für bas britische Kapital. Rußland müsse den früheren Besitzern ihr C'-gentum wieder­geben, oder sie entschädigen. Die russischen De­legierten hätten diese Vorschläge ihrer Regierung zur Erwägung übermittelt. Wenn Rußland zu­stimmt und seine Verpflichtungen loyal erfüllt, dann werde es Zeit für die diplomatische Aner­kennung sein.

Lloyd George schloß, er hoffe, daß die russische Regierung keine zweideutige Antwort geben werde. Dann sei auch an der Wiederher­stellung des normalen Lebens in Europa nicht mehr zu zweifeln. Jetzt herrsche bereits ein bes­serer Geist. Bezeichnend sei, daß jedesmal, wenn die Gefahr eines Abbruches im Haag bestand, und es habe einige Leute gegeben, die diesen Abbruch wünschlen, alle Grenzstaaten Rußlands, ri- noch vor kurzem gegen Rußland rüsteten und teil Heise mit ihm im Kampfe lagen, für die Fort­setzung der Konferenz ein getreten seien. Dieser neue Wille zur Zusammenarbeit fei sehr wertvoll unb auf dieser Grundlage würde der Wellfriede und die Wohlfahrt wieder hergestellt werden.

Ein Brief des Reichs­präsidenten an Lerchenfeld.

Berlin, 27z Juli. lWB.) Auf Grund der gestrigen Beratungen d:r Reichsregierung und der heutigen Besprechung mit dem Reichs­kanzler und den bayerischen MitgliÄiern der Reichsregierung und dem Reichspräsidenten hat sich bei Reichspräsident entschlossen, an den bayerischen Ministerpräsidenten Lerchen­feld einen Brief z u richten, in welchem auf ben Ernst der eingetretenen Lage hingewiesen wird. Heute nachmittag fand eine Kabinettssitzung statt, in welcher der Wortlaut des Briefes mit- getcilt wurde. Der Dries wird dem bayerischen Ministerpräsidenten morgen früh übergeben.

Berlin, 28. Juli. Durch den B r r e > des Reichspräsidenten an den bayrischen Mi­nisterpräsidenten Grafen Lerchenseld ist, wie die Blätter melden, der Konflikt zwischen dem Reich unb Bayern in ein neues Stadium getreten. Wie dieGermania" sagt, geht aus der Ver- mittelungsakllon des Rächspräsidenten deutlich hervor baß man in Berlin bestrebt ist, auf einer Basis der Verständigung die Kris2 beizulegen. Es bestehe die Hoffnung, laß der begrüßenswerte Schritt des Reichspräsidenten zu einem Erfolg führt unb der innere Friede, der uns so not tut, gewahrt bleibt.

Rach einer Mitteilung desVorwärts" ist die Veröffentlichung des Schreibens des Reichspräsidenten nach Verständigung mit der bayrischen Regierung für Freitag abend geplant.

Die Besorgnisse der Pfalz.

Ludwigshafen, 27. Juli. (WTB.) Eine Anzahl pfälzischer Bürgermeister hat sich gestern mit der besonderen Lage der Pfalz beschäftigt und als Ergebnis ihrer Beratungen eine Abordnung nach München entfanbt, welche dort die Besorgnisse der Pfalz vortragen soll. Wie diePfälzische Rundschau" schreibt, hofft man, daß in München der Lage der Pfalz in weitgehendem Maße Rechnung getragen werde, um eine pfälzische Sonderpvlitik unter allen ihn- ständen zu vermeiden.

Das Verhalten der übrigen süddeutschen Staaten.

Karlsruhe, 27. Juli. (Wolff.) Morgen, Freitag, 28. Juli, findet im Laufe des Tages eine Besprechung der Staatspräsidenten von Württemberg, Baden unb Hessen über bie durch bie Verordnung der bayrischen Regie­rung vom 24. Juli 1922 geschaffene Lage statt.

Die nordbayrischen Bürgermeister bei Lerchenscld.

München, 27. Juli. (Wolff.) Beim Emp­fange der nordbaherischen Bürgermei- st e r durch ben Ministerpräfibenten Graf Lerchenfeld, dem der Minister des Innern Schweyer beiwohnte, erllärte der Wortführer der Abordnung, infolge der herrschenden Unklarheit über die Absichten der Regierung und der Re­gierungsparteien fei in den nordbayerischen Städten eine tiefgehende Erregung entstanden. Er wies auf die Gerüchte hin, die über die Loslösungsabsichten dort verbreitet wa­ren. Inzwischen sei eine Verordnung mit Be­gründung durch die Staatsregierung erschienen. Weiterhin sei über die Absichten der größten bayerischen Partei eine hingehende Darlegung

erfolgt. Auf Grund der neuen Tatsachen erachtete der Wortführer eine Klärung insofern als gegeben, als die B e s o r g i s f e über die Ab sicht einer Loslösung vom Reiche jeder Grundlage entbehren. Er bezeichnet fer­ner die Fortsetzung der eingeleiteten Aufklä­rungsarbeit als erwünscht, um Ruhe, Otbnunc unb Sicherheit zu gewährleisten.

Die bisherige Tätigkeit des Deutschen Roten Kreuzes in Rußland.

Das Deutsche Rote Kreuz, Abteilung Russisches Hilfswerk", unterhält als bte erste europäische Hilfsorganisation seit Ende Sep- tcmbcL 1921 in Rußland eine Hilfsexpedllivn, deren ursprüngliche Aufgabe darin besteht, sich über die epidemiologischen Zustände Kenntnis zu verschaffen, die Verschleppung von Seuchen nach Deutschland zu verhindern unb in enger Fühlung mit bert russischen Behörden bei ben für ihre Bekämpfung notwenbigen Maßnahmen behilsllch zu fein. Zu biefem Zwecke würbe in Moskau ein Zentralbureau des Deutschen Roten Kreuzes errichtet unb gleichzeitig in einem von der Re­gierung zur Verfügung gestellten Gebäude ein Bolleriologifches Zentrallaboratorium mit einem Lesezimmer für bie neueste beutsche medizinische Literatur eingerichtet. Der Hauptteil der Ex­pedition ging unter der Führung von Herrn Profeffor Mühle ns vom Hamburger Tropen- Institut in einem für diesen Zweck eigens zu- sammengesteilten und mit beutschen Milleln aus­gerüsteten Sanitätszim nach Kasan, wo er eine große Anzahl von Medikamenten, kleinen Labo­ratorien, Mikroskopen, Ladoratoriumsgegenstän- ben und artesischen Handpumpen zum Gebrauch in den dortigen Dörfern teilweise durch den Rar- l'omsdraw unb teilweise unmittelbar an Kranken­häuser und Arzte verteilte. Außerdem wurden ..in chirurgisches Ambulatorium eingerichtet, bak­teriologische Unter Übungen für die dortigen Krankenhäuser vorgenommen, Rezepte angefertigt und viele Wohnungen mittels eines neuen Blan- säu re-Derfährens entwest. Während ihrer Tätig- k it in Kasan erlitt 'bie Expedition durch ben Tod eines ihrer tüchtigsten Mitglieder, des Privat- dvzenten der Hygiene air der ilniberfität in Kiel Dr. Wolfgang Gärtner, einen empfindlichen Verlust.

Es stellte sich bald heraus, daß bie Bekämp» fung der Seuchen nur dann einigermaßen von Er­folg bekleidet fein würde, wenn es gelänge, der stark unter dem Hunger leidenden Bevöllerung die notwendigen ßebenSmtttel zuzustellen. Da Deutschland infolge seiner durch den Vepsailler Friedensvertrag bedingten wirtschaftlichen Rot­lage von sich aus nicht in der ßagc ist, die not­wendigen Mittel dafür aufzubringen, so wurde durch eine umfangreiche Propagandatätigkeit die Privatinitiative dazu angeregt unb außerdem ge­lang es zu erreichen, daß bas von einem schwe­dischen Handelskonzem nach Rußland gebrachte Mehl nach Kasan geleitet 'unb dort zusammen mit dem Deutschen Roten Kreuz an bie Bewohner der am schwersten heimgesuchten Dörfer teils als Brot, teils als Mehl verteilt wurde. Mitte Fe­bruar kehrte die Expedition aus Äafan nach Mos­kau zurück, wo sie einen großen Teil ihres Sani­tätszuges abgab unb mit dem Rest nebst den ersten von ausgewanderten Wolgadeutschen und anderen Privatorganisationen für die Wolgakolonien ge­sammelten Lebensmitteln in das Gouvernement Ssaratvw abftchr. Gleichzeitig wurden in Pe­tersburg Verhandlungen zwecks ilebemafjme eines trem Deutschen Roten Kreuz zu unterhallenden Krankenhauses geführt, bie jetzt zum Abschluß gelangt sind. Das Krankenhaus, das frühere Alexander-Hospital, ist vor wenigen Tagen von dem Petersburger Gubsdraw dem Deutschen Roten Kreuz mit sämtlichem Inventar zur Verfügung gestellt worden, wo eine von deutschen Aer^ten geleitete Infektionskrankenstation und außerdem eine mit ben modernsten Apparaten und Behand- luiigsmitteln ausgerüstete Poliklinik für Haut- unb Geschlechtskrankheiten eingerichtet wird. Außerdem unterhält das Deutsche Rote Kreuz unter Leitung eines Arztes eine Dienststelle in M i n sk. wo für tvolgadeutsche Flüchtlinge Unter» kunftsstätten geschaffen, Lebensmittel verteilt wer­den und eine Krankenhausabteillung mit etwa 120 Betten von dem betreffenden deutschen Arzt ver­sehen wird. Seit 4 Wochen befindet sich unter ärztlicher Leitung ein zweiter Lebensmittellrans- port im Wolgagäbiet, der hauptsächlich im Katha- rinenstädter-Bezirk verteilt wird. Zwecks Ver­sorgung der feit vielen Jahren von jeder aus­ländischen ßiieratur abgeschnittenen russischen Ge­lehrten und Aerzten mit deutscher medizinischer Literatur sind auf einem Aufruf in Deutschla-rd hin der Hilfsexpedllion von vielen deutschen In­stituten. Wissenfchafllern und Verlagen medtzi- nische Zeitschriften und Bücher gespendet worden, mit denen die medizinischen Fakultäten von sieben Universitäten, zahlreiche medizinische Instlvtte, medizinische Gesellschaften, Aerz^evereinigungen unb einzelne Professoren unb Aerzte regelmäßig versorgt rverden.

Entwendete französische Fahnen.

Berlin, 27. Juli. (Wolffs Im Anfang des Jahres 1919 wurden franzdffische Fah­nen aus der Garnisonskirche zu Pots­dam nach dem Berliner Zeughaus unb später nach dem Kriegsministerium verbracht, von wo sie entwenbet worden sind. Die französische Regiemng hat die Auslieferung dieser Fahnen verlangt. Es ist jedoch bisher nicht gelungen, die Täter ausfindig zu machen. Die Reichs­regierung wird daher jetzt eine Belohnung von 100 000 Mk. auf die Auffindung der Täter aus- fetzen,