Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhefsen)
Ur. 99 Zweiter Blatt
Die neuen GehaltsZorderungen der städtischen Beamten.
Don einem Kenner der städtischen Derwalrungsverhältnisse erhalten tote folgende Anschrift.
Eine Angelegenheit von grober finanzieller Tragweite, an der die Steuerzahler der Stadt Gießen lebhaft interessiert sein müssen, wird in allernächster Zeit von der Stadtverorbnetenver- knmnhing zu erledigen sein. Es handelt sich dabei um eine Revision der Besoldungsordnung der städtischen Beamten von 1920 auf Grund einer Vereinbarung, die am 30. Januar d. Z. zwischen den Gewerkschaften dieser Beamten und den Oberbürgermeistern bzw. Bürgermeistern von Darm ttadt, Mainz. Giehen, Offenbach, Worms, Friedberg, Alzey, Bad-Rauheim, Bensheim, Bingen betroffen wurde. Den Sladtverordnetenversamm lungen, von denen keine Bertreter zu den be° 'reffenden Berhandlungcn zugezogen wurden, wird nun von den Oberbürgermeistern bz. Bür- qermeistern, die sich den Beamtengewerkschaft m oegeniiber hierzu verpflichtet haben, die unver änderte Annahme dieser Dereinbarung angeson- nfn. und zwar mit rückwirkender Kraft vom i 2lpril 1920 ab! Sn Offenbach ist diese Ann ihme in Abwesenheit der Bertreter der Rechtsparteien, des Zentrums und der Demokraten, also ohne die Zustimnnrng der bürgerlichen Parteien, erfolgt. Run steht die Stadtverordnetenversammlung in (Stehen vor der Entscheidung Dabei ist vor allem zu bemerken, bah die städtischen Beamten schon 1920 in höhere Gehaltsgruppen ein» acslus! wurden als die nach Jöiigfcil, Derant Wortung und Borbildung ihnen entsprechenden Beamten im Dienste des Reichs und der Länder, bah he seilbem an allen Gehaltsaufbesserungen her Reichs- unb Staatsbeamten teilnahmen, bnh aber trotzdem nun bie Einstufung in noch höhere Gehaltsgruppen von ihnen gefordert unb von den Oberbürqrrmciftcrn bzw. Bürgermeistern bcam tragt wirb Eine nicht unwichtige Rolle spielt habet die Schaffung neuer Amtstitel unb Amts stellen
Für Giehen soll folgenbe Reugruppierung jrfe Einstufung erfolgen: Gruppe I unb II (bie niedrigsten Gehaltsgruppen) sollen unbefeht bleiben und bie hierfür in Betracht kommenben Personen im Arbeiterverhältnis beschäftigt werben - nach Aussage bes Oberbürgermeisters von Offenbach deshalb, weil eine Höherstufung dieser unteren Beamten den Unwillen der schlechter gestellten unteren Beamten des Staates erregen könnte. Eine Rücksicht, die man den in den folgenden Gruppen erscheinenden Staatsbeamten bis hinauf zu den höchsten offenbar nicht schuldig zu sein glaubt! Gr. III Amtsgehilfen (Ratsdiener. Boten), 2 Hausmeister an den Schulen (Schul- diener, Inhaber besoldet nach Gr. IV). 1 Amts gehilfe beim Schlachthof (Stelle künftig weg- fallend). Gr. IV . 4 Amtsobergehilfen, 2 Haus meister an den Schulen, 1 Amtsgehilfe beim Gaswerk (Stelle künftig wegfallend), 2 Feldschühen. 1 Maschinist beim Wasserwerk (Inhaber besoldet nach Gr. V), 11 Derwaltungsassistenten (seither Burrauassistenten, ohne jede Vorbildung), 2Dau- assistenten (Strahenaufseher), 37 Polizeiwacht- meister (nach der staatlichen Regelung), 1 Daum- nxrrt (Inhaber besoldet nach Gr. V), 2 der Arnts- rbergehilfen werden für ihre Person nach Gr.V besoldet. — (St. V; 11 Derwaltungsoberassistenten. 3 Bauoberallistenten, 1 Botenmeister, 1 Ober» gärtner, 3 Feldfefmhen, 1 Förster (nach der staatlichen Regelung,. 38 Polizeiwachtmeister (nach her staatlichen Regelung), 1 Wiesenmeister (Inhaber besoldet nach Gr. VI), 3 Hallenmeister (zwei Stellen künftig wegfallend). Gr. VI: 15 Berwul- tungssekretäre (seither Stadtassistenten unb Stadt- sekretäre). 1 Dausekretär (Stelle für einen Beamten ohne Dauschulbilbung), 2 Pfandmeister (Dollstreckungssekretäre), 1 Gartenmeister, 1 Werkmeister beim Schlachthof, 4 beim Gas» und Wasserwerk (2 Stellen künftig wegfallend) und 1 bei der Straßenbahn, 1 Friedhofsverwalter, 1 Feldfchuh- meister (seither Oberfeldaufseher), 3 Polizei- bzw. Kriminaloberwachtmeister (nach der staatlichen Regelung), 2 Förster, 1 Oberhallenmeister, 1 Eichmeister beim Elektrizitätswerk (Stelle künftig wegfallend). Gr.VII: 15 Derwaltungsobersekretäre (Derwaltungsbeamte ohne Obersekretärprüfuna 2. Prüfung). 2 Bauobersekretäre (darunter ein bisheriger Strahenmeister), 4 Oberwerkmeister (Elektrizitätswerk, Wasserwerk, Kläranlage, Stadttheater), 1 Polizeikommissar (nach der staatlichen Regelung). Gr. VIII: 12 Derwaltungsinspektoren (seither Stadtobersekretäre), 3 Dauinspektoren (seither Bauobcrsekretäre), 1 Detriebsinspektor beim Elektrizitätswerk unb der Straßenbahn,
DieSakramentshex.
Roman von Marie Kerschen st einer.
S. Fortsetzung. (Rachdruck verboten.)
Atemlos stanb sie ba, selbst maßlos betroffen über bieses neue Gefühl, bas lawinengleich über sie hcreingcbrochen war unb sie fortgerissen hatte' Die beiden Fäuste auf die tobende Brust gepreßt, sah sie dem Küster entgegen, der auf 1ie zukam unb dessen Gebaren nichts Gutes erwarten ließ. Er bewegte den Stock, den er in der Hand trag, auf und nieder. Wenn er sie schlagen würde! Dieser Gedanke schlag wie der Blitz in ihr Gemüt. Und in dem Aufruhr der Gefühle, in der Angst, bie ihn noch schürte, trat ein gequälter Ausdruck auf ihr Gesicht, ber einem ßädjeln zum Verwechseln ähnlich sah
Es erblicken unb den Stock ftnlen lassen, war bei bem Küster eins. Der Abend fiel ihm ein, an bem Pfarrer Schlosser bieses Kind gefunden hatte. Was sagte ber Volksmund von jenen unholden Wesen? Es war ihnen kein Gemüt verliehen, hieß es, sie mußten lachen, wenn andern ein Leid geschah! Sie konnten nicht anders und davon waren sie zu erkennen! O, er hatte keinen Mut, das Kind zu berühren!
Lene sah den Stimmungswechsel auf des Küsters Gesicht unb machte ihn sich zu Ruhen. Es hatte sich eine Gasse m ber Kinderschar gebildet, durch die sauste Lene tote ein Pfeil duvon. Sie rannte bie Dorfstraße entlang, als ob der Stecken ihr nach käme. Ihr rötliches Haar flatterte wie eine brennenbe Fahne hinter ihr brern
Rach biesem Auftritt ließ Christine ihr Kinb nicht mehr in bie Schule gehen. Sie hätte Lene auch kaum dazu gebracht. Im Winter, so nahm sie sich vor, würbe. sie 2cnc selbst lehren, was sie aus ber Schule noch wußte Einstweilen vwchte alles bleiben, wie es war.
2 Dermessungsinspekloren (Geometer 2 Klasse) Gr. IX: 12 Derwaltungsoberinspettoren (seitherige Obersekretäre, aufrüttenb aus Gr. VIII), 4 Dau- oberinspektoren, 1 Betriebsoberinspektor beim Elektrizitätswerk unb ber Straßenbahn, 1 De- triebsoberinspektor beim Gas- unb Wasserwerk (seither Betriebsobersekretär), 2 Dermessungsober- infbeftoren (Geometer 2. Kl.). Gr. X: 6 Der wa l- tunggamtmänner. unb zwar als Borstänbe bes Steueramts (seither ein Obersekretär ohne Prüfung in Gr. VIII), des Wohnungsamtes (seither Obmsekretär mit städtischer Sekretärprüfung in Gr. VIII). der allgemeinen Berwaltung (neue Stelle!), bes Standesamtes (seither Sekretariats- Vorstand ohne Prüfung in Gr. IX), des Dersiche- rungsamtes (seither Sekretariatsvorstanb mit Ge- richtsschreiberprüfung in Gr. IX), sowie als Der- treter des Stabtkassebirektors (Stelle seither nicht besetzt, Direktor stall dessen seither vertreten durch den ersten Buchhalter), 2 Bauumtmänner (seither 2 Abteilungsvorstände beim Dauaml in Gr. IX) Gr. XI . 3 Derwaltungsoberamtmänner, unb zwar als Direktor ber Stadtkasse (seither in Gr. X, her- sönlich besoldet nach ®r. XI), als Vorstand bes Wohlfahrtsamtes (seither Seftetariatsvorstanb in Gr. IX) und als Dorstanb bes Dechnungsamtes (seither Sekretariatsvorstand in Gr. IX), 1 Bau- oberamtmann (feitber Abtellnngsvorstand beim Stabtbauamt in Gr. IX), 1 Dermessungsoberamll mann (Geometer 1. Kl., seither Bermessungsinspek' tor in Gr.X). Gr XII: 1 Schlachthofbirektor (Stelle künftig wegfallenb), 1 Verwaltungsdirektor (früherer Oberfefrctär mit 2. Prüfung, bann Bureau- bireftor unb als solcher 1920 in Gr. XI eingefhifl mit bem Titel Verwaltungsdirektor). Gr. XIII: 1 Stadtbaudirektor (seither Stadtlmurat in Gr.XII), 1 Direktor des Elektrizitätswerks und der Straßenbahn (seither Gr. XII), 1 Direktor des Gas- unb Wasserwerks (seither Gr XII). Diese 3 Beamten werben in ben ersten 8 Dienstjahren nach Gruppe XII besoldet.
In ber Besoldungsordnung ber Staalsbeam- ten ist Gr. XIII bie höchste unb letzte Besoldiings gruppe (Ministerialräte, Staatspräsident beim Oberlandesgericht usw.), aus die bann für bie höchsten Staatsbeamten, mit den Provinzialdirek toren beginnenb unb mit bem Staatspräsibenten endend (in Hessen im ganzen noch 30 Beamte), die Einzelgehalte folgen. Hier wären also die Gehalte für die Beigeordneten uni) ben Oberbürgermeister unterzubringen, von denen bis jetzt noch nichts gesagt ist. Kein Beigeordneter könnte, wenn bie Deamtensorberungen angenommen würden, weniger Gehalt beziehen als ein Provinzialbiret- tor, unb der Oberbürgermeister mühte in bie Rähe des Staatspräsidenten rücken.
Bei Annahme der Vorlage durch die Stadtverordneten wäre bie finanzielle Wirkung die, daß allein für Nachzahlungen für bie Zeit vom 1 April 1920 bis 1 April 1922 Hunberllausenbe, schätzungsweise wohl nicht viel weniger als eine Million, an die städtischen Beamten bis hinauf zum Oberbürgermeister verausgabt werden müßten, von ber schweren Belastung ber städtischen Finanzen für die Zukunft ganz abgesehen Angesichts der bekannten Finanznot der Städte und ber immer neuen Millivnenanleihen, bie zur Bestreitung ber nötigsten DÄmrsnisse gemacht werben müssen, eine gefährliche neue Belastungsprobe! Ilm so gefährlicher, als nach dem bekannten Sperrgeseh bed Reiches ben Ländern verboten ist, Vorschüsse an Gemeinden zu zahlen, die sich mit ihren Besoldungsbestimmungen in Widerspruch setzen zu denen des Reiches. Letzteres aber ist bei ber Vorlage der Fall, unb Reich wie Länber können unmöglich zugeben, baß auf ihre Kosten Beamte ber Gemeinben um mehrere Gehaltsgruppen höher besoldet werden als diejenigen Reichs- unb Staatsbeamten, deren Tätigkeit, Verantwortung unb Borbilbung ber jener Gemeindebeamten gleichsteht, ober sie weit übertrifft. Rur einige Beispiele: Wie will man es begründen, daß der pom Staat besoldete Schuldiener nach Gr. II und III, der von der Stadt besoldete nach Gr. IV bezahlt wird? Ober bie Oberfefretäre mit Staatsexamen ober zweiter Prüfung! Ihre Eingangsgruppe beim Staat ist Gr. VII, unb sie gehen hier bis Gr. IX. Bei ber Stabt beginnen sie als Derwaltungsinspektoren mit Gr. VIII. gehen als DerwaltungsoberInspektoren nach Gr. IX (in ber z. D. bie Rektoren der städtischen Schulen stehen), als Amtmänner nach Gr.X (beim Staat bie Eingangsgruppe der cllademifch gebildeten Beamten wie z. D. Regierungsräte, Finanzräte, Studienräte, Amtsgerichtsräte, Staatsanwälte usw.) und endlich als Oberamtmänner nach Gr. XI (beim Staat die Deförderungsgruppe für die bei Gr. X genannten akademisch gebildeten Beamten, dazu hier noch ordentliche Professoren an der Landesuniversität, Direktoren ber Realschulen
Lene aber konnte ben geschändeten Engel nicht vergessen. Das Erlebnis in ber Schule hatte ein mit Furchtgepaartes Mißtrauen gegen bie Dauern in ihr erweckt. Rur mit Unbehagen konnte sie fortan von ihrer Höhe aus bem Treiben ber Dörfler zusehen, bie ihr nicht mehr wie harmlose Puppen erschienen, zu ihrem Zeitvertreib gemacht. Rur einen hoben ihre Gedanken aus ber Menge der Gefürchteten heraus, bas war ber Knabe mit den samtbraunen Augen unb den Schlänglein auf Schläfen und Stirn. An bie Schlänglein muhte sie immerfort denken! Wie liefen sie in drolligen Windungen über die weiße Haut! Und doch hostete ihnen etwas Freudloses an, etwas, was ans Herz griff. Mit ihnen hielt sie tm Geiste Zwiesprache, wenn sie in den heimeligen Verstecken ber Pfarrburg saß. Doch wie anders klang ihre Rebe, wie bie ber Schlänglein im Märchäireich, die ein Krönlein tragen, zum Zeichen ihrer verschwundenen Herrlichkeit!
„Siehst du nicht, daß wir müde sind? ' sprachen sie zu ihr. „Wir schleppen eine unsichtbare Saft, die keiner tragen hilft! Gern möchten auch wir recht fröhlich fein, aber zeigt uns wohl je» manb, wie man es macht?"
„Wie man es macht?" staunte Lene. „Man braucht nur die Sonne zu sehen, bie decki em Drünnlein im Herzen auf, das plätschert unb singt ben ganzen Tag!"
„Wir finden bas Drünnlein nicht!' Etagen bie Schlänglein, „unb keiner zeigt uns, wo es entspringt!"
„Ader bie Dlümlein," rät Lene. „Wißt ihr nicht! baß der Duft ihre Sprache ist? Sie wiegen sich im Winde und hauchen euch an. Schließt nur die Augen unb trinkt ihren Hauch, - ihr werbet sehen, wie froh das macht!"
„llng nicht! — Ung weckt es bie Sehnsacht auf, "unb ferner ist ba, bie sie stillt!"
„O, die Sternlein gewiß!" tröstete Lene weiter.' »Wenn bie am Abend wie lustige Aeug-
u. a.). Der Dureaudirektor der Provinzialbirektiou steht mit bem Titel Verwaltungsoberinspektor in Gr. IX, ber städtische Sureaubirettor mit bem Titel Verwaltungsdirektor ober früherer Ober- fefretär mit gehobener Stellung in Gr. XII (staatliche Gnippe ber Oberregierungsräte, ber vor- tragenben Räte bei ben Ministerien, ber Kreis- bireftoren, ber Direktoren ber Gymnasien. Realgymnasien, Oberrealschulen, Amtsgerichtsdirektoren usw.). Die staatlichen Oberbauräte kommen nicht über Gr. XII hinaus, der Stadtbaurat steht in Gr. XIII usw.
Glauben bie Stäbte bem Sperrgesetz zum | Trotz ihre Deamten weit über bie Reicks- unb Staatsbeamten stellen zu sollen, so werden sie wohl auch bie Kosten bafür aufbringen müssen durch immer neue Abgaben, die ben Bürgern auf; erlegt werden Die Deamten des Reichs unb bei Länder aber werden keine Lust verspüren, sich zu Deamten zweiten Grades degradieren zu lassen. Sie werden wohl alles aufbicten, um die ihnen zukornmende Stellung zu behaupten bzw. toicber- -.ugewinnen. Reue Forderungen ihrerseits werden dann kommen müssen, wenn sie sich nicht selbst preisgeben wollen Auch neue Lohnsorderungen der Arbeiter werden nicht ausbleiben. Wohin aber treiben wir auf diesem Wege? Eine ernste Frage an diejenigen, die über das Schicksal ber neuen Beamtendesoldungsvorlage in Gießen zu entscheiden haben!
Der vierte Jahrestag der Befreiung von Helsingsors durch
die deutschen Truppen.
Aus Helsingsors wirb dem Deutschen Aus land-Institut geschrieben. Der- „zwölfte April" wurde äußerlich in diesem Jahr ebenso gefeiert, wie es sich in ben ersten Jahren allgemeiner Be geisterung eingebürgert hat Die blauen Kreuze der finnländischen Fahnen flatterten über ben Häusern, bie Heldengräber auf dem noch in tiefem Schne« begrabenen alten Kirchhof inmitten der Stadt waren wieder von liebender Hand geschmückt, die Schuhkorps vom Jahre 1918, also die eigentlichen Waffenbrüder der Gefallenen, zogen wie sonst zu deren Ehrung herbei. Der Bürgermeister von Helsingfors, die Vertreter des Magistrats und der bürgerlichen Stadtverordneten. die Spitzen des Militärs mit der hohen Gestalt des Kriegsministers Cfalanber an bei Spitze, bie beutfdjc Gesanbtschast unb bie Abgesandten ber verschiedenen deutsch-finnischen Vereine legten mit Worten des Dankes Kranze an den Heldengräbern nieder.
Ja, wie sonst erklang nach ber Kranznieber- legung bas alte Lied: „Deutschland, Deutschland über alles" über die entblößten Köpfe der Men schenmenge hin . und doch ist in diesem Jahr-- die poliftsche Atmosphäre im Lande so ganz anders als bisher. Das Warschauer Abkommen, das Polen an Finnland fettet, wird von ben Deutschsreunden in Finnlanb schwer empfunden. Sv ist es zu verstehen, daß Prol. Ruin, der Dor- sitzende der finnländisch-beutschen Gesellschaft, zur Feier ihres Jahrestages am Abend des Zwölften ber glänzend) besuchten Fesl- versamrnlung Worte sagte, bie wie Hammerschläge Hangen. Mit ber scharfen Verurteilung ber augenblicklichen Politik ging bie Zuversicht Hand in Hand, daß Deutschland schon jetzt wiederum eine große Lichtquelle der Menschheit sei, unb die Hoffnung, daß es zur Freiheit durchbringen werde.
Diese ernste Feier war durch einen Vortrag des Bischofs Gum Perus über bie geistigen und geistlichen Strömungen im neuen Deutschland eingeleitet, die er während seines letzten Aufent- fealts in Wittenberg kennen gelernt hat. Der Bischof sprach von den außerordentlich tief wurzelnden kulturellen Verbindungen zwischen Deutschland und Finnland, an denen die Tagespolitik nicht rütteln könne. Ist doch Martin Luther wohl bie vertrauteste historische Gestalt für Finnlands Bevölkerung.
Die Rede des deutschen Gesandten G o e p - b er t bildete ein Gegenstück zu der des Prof. Ruin, indem der Vertreter Deutschlands als zartfühlender Gentleman über bie tounben Punkte ber Tagespolitik mit linber Hand hinwegstrich, die glänzende Entwicklung des jungen Finnland auf den Gebieten der Kunst, Wissenschaft und Literatur hervorhob unb ihm Selbständigkeit und Freiheit für die Zukunft wünschte. Die zähe Widerstandskraft, die Finnland bei ber Verteidigung seiner heiligen Güter gegen russische Vergewaltigung bewiesen habe, sei eine Gewähr da- siir, daß Finnland seine innere Unabhängigkeit
lein am Himmel stehn! Und jedes blinzelt euch zu: »Rat, wer ich bin! Die Sternlein müßt ihr fragen, bie lehren euch das Fröhlichsein I" „O, nur bie nicht!" rufen bie Schlänglein entsetzt. „So viel ihrer am Himmel 'stehn, |o viel rufen uns zu: Allein! Allein! Allein: Unb keiner, ber das Alleinsein mit uns teilen will!"
Das Alleinsein . . .?
Tas Wort machte sie bellommen, obwohl sie noch nie das Einsam empfunden hatte. Unb sie saß und hörte nicht aus zu überlegen, wie ben Schlänglein zu helfen fei.
Ta ereignete sich eines 'Tages bas Heber» raschen de, daß Roman auf ber Schwelle der Pforr bürg ftanb. Man sah ihm an, er empsanb fein Kommen als ein tollkühnes Untern rhmea, benn fern Gesicht war weiß, alle Färb» war in die Ohren gewichen, bie noch weiter vom Kopf abzustehen schienen als sonst. Jetzt ,ba jebes der Kinder dm Gegenstand seiner Sehnsucht vor sich sah, fühlten sie sich fremd unb unbehaglich gegeneinander. Verlegen starrten sie sich an unb keines fand ein Wort, das andre zu begrüßen. Dis Roman schließlich unter den Kittel langte und das Engels bild vorholte, das er Hochei glühend bem Pfarrmädel hinhielt.
Das brach auch bei Lene ben Dann. Mit einem Iubellaut nahm sie es aus seiner Hand. Unb siehe! Der Engel hatte gar leine Hörner unb leinen Schnurrbart mehr! Tas übel zugerichtete Haupt war gänzlich entfernt. Roman hatte an seine Stelle einen selbstverfertigten, aus weißem Papier geschnitteiien Kopf gesetzt, bem durch ein paar unbeholfene, kindliche Striche Mund, Augen und Rase verliehen waren. Von der ehemaligen Lockenfülle war nichts zu sehen, als ein paar Ringelenden, btc aus des Engels Schullern ins Leere ragten. Aber das tat nichts! Für Lene war, was sie in ben Händen i>i»lt, des Engels ungeschmälerte Pracht. Was ging
Mitag, 28. April 1922
auch in Zukunft werbe zu wahren wissen, und sich nicht burch jeben Windstoß von dein als recht erkannten Wege werde abbringen lassen.
Bon finnlänbifdyr Seite wurde mit ber Der- Sicherung geantwortet ..Wir, Deutschfteunde in Finnland, sind ..kein Häuslein klein" unb werben eine deutschfeindliche Politik nicht gestatten Denn wir glauben fest an eine Germania redivivaT Es wurden Degrüßungsdepefchen an General von der Goltz. Qtbmiral Meurer unb den ersten deutschen Gesandten in Finnland. Hemm von Brück abgesandt. Wie eine kleine Besreiimg wirkte die Depesche des früheren finnländifchen Kriegsmini' sters Theslös. der. an die gcmcinf.imc Waffen, brüderfchast mahnend, die Zuversicht aussprach, daß die deutscch-frnnifche Freundschaft .trotz Hvlsti" bestehen bleiben werbe.
Gictzcncr Strafkammer.
Gießen, den 25. April 1922
Der unbestrafte Fuhrmann Oskar H. in Gießen hat sich auf ben Ramen eines früheren 2Lr- deitgebcrs zwei Laibe Brot und in einem zweiten Fall, unter Vorlage einer gefälschten Vollmacht, ein Päckchen Tabak erschwinbell. Er hat, wie die Beweisaufnahme ergab, nicht aus Rot gc- handelt. Er wird wegen einfachen De^ t i u g s zu einer Gelost rase von 1 5 0 M k sowie wegen Betrugs und qualifizier- ter Urkundenfälschung zu 2 Wochen Gefängnis verurteilt. Das Gericht zog zu feinen Gunsten in weitem Maße mildernde Umstände in Betracht
Der Arbeiter Christian K. auS Alsfeld ist der Blutschande in mehreren Fällen beschul bigt. Da die 14 Jahre alle Tochter vor Gericht die Aussage verweigerte, konnte er nur in einem Falle dieses schweren Verbrechens überführt wer den. Mit Rücksicht aus die Persönlichkeit des Beschuldigten unb bie Schwere ber Tat spricht das Gericht eine Zuchthausstrafe von 2 Jahren aus.
Der Gefangenenaufseher Otto W in Grün berg ist beschuldigt, einen Einbrecher, bet im Ainlsgerichtsgefängnis in Untersuchungshaft saß, nicht genügenb beaufsichtigt zu haben, so daß er entweichen konnte. Es wurde festgestellt, baß ber Aufseher, als ber Gefangene Holz aus 8cm Keller holte, ihn unbeaufsichtigt liefe, bah ihn ber Gefangene in ber Küche einsperrte unb sodann burch die Haustüre, die ber Aufseher, feiner Instruktion zuwider, unverschlossen gelassen, unb über die Mauer entkam. Das Gericht er blickte in bem Verhalten des Angeklagten, und zwar namentlich darin, daß er die Haustüre nicht verschloß, eine Fahrlässigkeit und verurteilte ihn gemäß 8 347 Abs 2 StGB, zu einer Geldstrafe von 300 Mk
Friedrich unb Hugo W aus Münzenberg. Vater und Sohn, finb beschuldigt, bei dem sog Münzenberger Heukrieg ber S chu tzpolizei von Butzbach, bie vom Ministerium mit bem Weg transportieren bes streitigen Heus beauftragt war, Widerstand geleistet zu haben. Das Schöffengericht Butzbach hat beide Angeklagte ll-eigesprochen. Aus Berufung der Staatsanwall- schast hob die Strafkammer dieses Urteil auf unb verurteilte Friebrich W. zu einer Geldstrafe von 500 M k. unb Hugo W. zu einer solchen von 1 000 Mk. Der Staatsanwalt führte aus. Friedrich W. habe, wie erwiesen fei, die Posten fette der Schupo mit einer Heugabel bewaffnet durchbrochen und, als ihm diese von den Beamten abgenommen werden sollte, dagegen mit Gewalt liefe widersetzt. Hugo W. habe wiederholl gerufen „Das Heu bleibt feier" und habe die übrigen in großer Zahl anwesenden Münzenberger mehrfach aufgefordert, gegen die Beamten vorzugehen. Die Handlungen ber beiben Angeklagten erfüllten ben Tatbestand ber §§113 unb 114 StGB, unb das freifpreefeenbe Urteil erster Instanz müsse aufgehoben werben. Die Strafkammer schloß sich diesen Ausführungen an.
Schöffengericht.
Ziehen, 27. April 1922
Wegen Unterschlagung einer Hose würbe ein junger Hausbursche von hier zu einer Gelbstrafe von 50 Mark verurteilt. Ein Rachweis dafür, daß er sie gestohlen hab», war nicht zu erbringen.
Ein Buchbinder von hier, ber tm Juli 1921 auf bem Acker eines Einwohners von Wirseck eine Partie Korn ausgedroschen und gestohlen hat, muß diese Tat mit 2 Wochen Gefängnis büßen.
Ein Hänbler von hier war angetlagt, bit Steuereinnahmen bes Reichs dadurch
es sie an, wenn anbre das Gold haar nicht sahen? Für sie war es ba, ihre Wirklichkeit liefe nichts vermissen! Scheu brückte sie bie Lippen auf das Kleinod unb umarmte bann ben I-ungen in heißer Zärtlichkeit. Sie wollte, baß er jefet immer bei ihr bliebe. Allein es erwies sich, daß Roman sich von zuhause fortgestohlen hatte. Er eilte, wiede rzurückzulommen. 2ll>er er versprach, bie Ziegen, bie er zur Sommerzeit zu hüten hatte, jetzt oft in bie Rahe der Psarrburg zu treiben, damit sie beisammen fein unb gemeinsam spielen konnten.
Die Kinder sahen etnanber von ba an tägllch Unb nu ntoar es Lene, bie bie zauberhaften Geschichten erzählte. Für Roman war es wie ein schöner Traum, wenn er ihr lauschte. Unb wenn sie ihm all bie schauerlich-schönen Winkel- chen zeigte, an benen bie Burgruine so überreich war, und wo sie oft stunbenlang sich her um- trieben, durch verfallene Mauern und eine grün» Wildnis der übrigen Welt entzogen, ba fragte er sich manchmal mit einem stillen Lächeln, ob das nicht schon ein Teil des Himmels sei. Unb ob Lene, ihm unverstänblich, auch nach ben Winden haschte, als seien es Englein, ob sie mit ber Sonne unb den Blümlein verkehrte wie Ich unb Du, unb der Vöglein Sprache zu verstehen schien, er nahm das Unerhörte zwar mit Staunen hin, ober mit ber bereitwilligsten Gläubigkeit. Drunten Lei ben robusten Dorfkinbern fand er nichts, was fein Herz erfreute, unb weil er ohne Geschwister war, und durch die Schwächlichkeit seines Körpers ausgeschlossen von dem auf Arbeit eingestellten Douernleben. war seine Kindheit einsam unb öde. Darum schloß er sich mit doppelter Innigkeit an das Pfarrmäbel Und was seiner Seele Wohltat, das lam auch feinem Leibe zugut, Roman blühte zusehends auf, und die erfreuten Eltern legten dem Verkehr nichts tu den Weg.
(Fortsetzung folgt.)


