„Mchtsdestvwenige'? vrhüU sich die polnische Regierung ausdrücklich bad Recht vor. sich in voller Freiheit auszusprechen und eine derartige Ballung einzunehmen, die sie für angemessen cr= ächtet und bezüglich jedes internationalen Aktes, Der polnische Interessen berührt. Ich zweifle stricht, daß, Sie sehen werden, das) die polnische Regierung von friedfertiger versöhnlicher Stim- !mung erfüllt ist und jedes Mißverständnis zu beseitigen wünscht, das geeignet ist, die Auf- imerksamkeit von dem Hauptzweck der Wirtschatts- tonferenz abzulenken, die für Rußland so große Bedeutung hat.
Unbeliebte Sowjetkommission.
/ Berlin. 26. April. (Wolff.) Rach einer ,„*3. Z."-Meldung aus Moskau wurde in der Rähe von Moskau der Vertreter der Peters- iburger reichsdeutschen Fürsorge, Schott, !von einer antisemitisch erregten Volksmenge, die fihn für den Kommissar der außerordentlichen 'Sowjetkommission hielt, beschimpft, insultiert und am Kopf ernstlich verwundet. Rachdem er !fich als Reichsdeutscher ausgewiesen hatte, lieh »ihn die Menge weiterfahren. Die gerade den ^Besitz der Kirche requierierenben Beamten der ^außerordentlichen Sowjetkommission wurden von 'der erbitterten Menge auf der Stelle getötet.
Notcusälschnngen.
Paris. 26. April. (WTB.) Die von dem Untersuchungsrichter Bert ran d eingeleitete Untersuchung nach den Herstellern falscher Lausend-Frank-Rvten, Dollars- und iPfundnvten Hat ergeben, daß die falschen 'Roten in Brasilien und Argentinien hergestellt und in Deutschland verbreitet würden. (Havas meldet dazu, dah die Verbreiter der falschen Roten in Deutschland verhaftet, von der Regierung aber wieder freigelassen worden seien.) 3n Paris ist ein Mann namens Lewkewicz verhaftet worden, der zu den 'Berliner Verbreitern der falschen Roten in Beziehungen stehen soll. Er habe seine Freilassung beantragt, die aber von dem Unter- isuchungsrichter abgelehnt worden sei.
Ein deutsch-dänisches Lustschissahrts- abkommen.
Kopenhagen, 26. April. (Wolff.) Das Ministerium des Auswärtigen teilt mit: Der Minister des Auswärtigen und der hiesige deutsche Gesandte haben heute im Ministerium des Auswärtigen ein v o r l ä u- figesAebereinkommen zwischen Dänemark und Deutschland über die Luftschifffahrt unterzeichnet. Das Aebereinkommen, das Bestimmungen über die Regelung des Luftverkehrs zwischen den beiden Ländern enthält, soll auf Grund von Verhandlungen zwischen der von der dänischen Regierung ermannten Delegation und der entsprechenden deutschen Delegation ausgearbeitet werden.
Aus Hessen-
MißbMigmrgsauträge der Deutschen Volks- Partei.
— Darmstadt, 26. April. Die Landtagsfraktion der Deutschen Volkspartei hat aeftern in mehrstündiger Sitzung die politische yage des Landes eingehend besprochen. Es wurde beschlossen, zu der Ernennung des Abg. Borne- mann und zu der Brüskierung der Mehrheit des hessischen Landtages und des hessischen Volkes durch den Erlaß des Staatspräsidenten, der für den 1. Mai die Schulfreiheit verfügt, mit folgenden Anträgen Stellung zu nehmen:
I. „ Fa11" Bvrnemann.
Wir beantragen:
der Landtag wolle beschließen:
1. die Ernennung des Abg. Bornemann zum „Ministerialrat beim Staatspräsidenten" entbehrt der Rechtsgültigkeit.
2. Der Landtag mißbilligt die Ernennung. II. Erlaß des Staatspräsidenten wegen des l. Mai.
Am 31. März d. I. hat der Landtag den Antrag des Abg. Ulrich und Gen., den 1. Mai zum gesetzlichen Feiertag zu erklären, mit großer Mehrheit abgelehnt. Sämtliche bürgerliche Parteien haben sich gegen den Antrag erklärt.
Trotz dieser Beschlußfassung des Landtages hat das Hessische Landesamt für Bildungswesen durch H^rrn Staatspräsidenten Ulrich am 21. April angeordnet, daß der Unterricht in
den hessischen Schulen am 1. Wa i auszu - fallen habe. Diese Verfügung ist eine direkte Zuwiderhandlung und eine Mißachtung des Mehrheitsbeschlusses des Landtags und der Anordnungen der Reichsregierung.
Wir beantragen:
„Der Landtag wolle beschließen, die Verfügung des Hessischen Landesamts für das Bildungswesen vom 21. April zu miß- billige n.“
Auch die Demokraten protestieren!
um. Darmstad t, 27. April. Der Vorstand des Demokratischen Vereins in Darmstadt hat auf die Verfügung des Staatspräsidenten über den.Schulschluß am 1. Mai sein lebhaftes Bedauern ausgesprochen. Er wünsche zum Ausdruck zu bringen, daß diefer Beschluß öem Empfinden der Parteimitglieder ebensowenig wie dem der Mehrheit des Volkes entspreche. Ebenso wie bei anderen tn der letzten Zeit besprochenen Fällen lege er Wert auf die Feststellung, daß dieser Beschluß auf eine freu Entschließung des Staatspräsidenten allein zurückzuführen ist, der geglaubt habe, in feiner Eigenschaft als dem Landesamt für das Bil- dungswesen vorqeordneter Minister die bekannte Verfügung des Reichsministertums über die Feier des 1. Akai in dieser Weise zur Ausführung bringen zu sollen.
Die Hessische Handwerkskammer hielt am 21. April 1922 eine Besprechung mit Vertretern her Landesverbände hessischer Innungen über Lehrlingsverhältnisse im Handwerk ab. Rach eingehenden Darlegungen über die Art der Regelung der Vergütungssätze für Lehrlinge in den einzelnen Gewerben sprach sich die Versammlung dahin aus, dah mit Rücksicht auf die bestehenden Vorschriften der Reichsgewerbeordnung alle Versuche, das Lehrlingswesen tariflich zu regeln, abzulehnen sind. In einer längeren Resolution, die mit entsprechendem Rundschreiben den Landesverbändeii nochmals durch die Handwerkskammer zugehen wird, verpflichteten sich die anwesenden Vertreter, ihre Unterorganifationen zur sofortigen Regelung von Lehrlingsvergütungen, wo dies noch nicht geschehen, anzuhalten. Hierbei wurde einstimmig die richtige Aufsassung vertreten, dah eine schematische Festlegung von Vergütungsfähen durch die Handwerkskammer, nicht möglich sei, dies vielmehr unter Berücksichtigung der Verhältnisse in den verschiedenen Gewerben und Gebietsteilen sowie der Befähigung des Lehrlings auf Grund von Verhandlungen mit der gesetzlichen Gesellenvertretung erfolgen müsse.
Weiter nahm die Versammlung mit Bedauern Kenntnis von dem ablehnenden Bescheid des Landes-Arbeits- und Wirtschaftsministeriums auf den Antrag, betreffend Erhöhung der Lehrzeit, und ersucht die Handwerkskammer, erneut Verhandlungen mit dem Ministerium unter Zuziehung der Vorstände der Landesverbände derjenigen Gewerbe, die der fortschreitenden technischen Entwicklung Rechnung tragen müssen, sowie der Ge- feltenfdjaft baldmöglichst einzuleiten.
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Aus Stabt und Land.
Gießen, den 27. April 1922.
** Amtliche Personalnachrichten. Ernannt wurde am 22. April die Lehrerin a. D. Elisabeth Mager geb. Diderich, zu Bensheim zur Lehrerin an der Volksschule zu Bürstadt, Kreis Bensheim. — In den Ruhestand versetzt wurde am 20. April der Lehrer an der evangelischen Volksschule zu Dieburg Georg Weber auf sein Rachsuchen unter Anerkennung seiner dem Staate geleisteten Dienste vom 1. Mai 1922 ab.
Z Ausfallender Zug Wegen ungenügender Besetzung fällt zwischen Wetzlar und Gießen der Personenzug 1651, Wetzlar ab 5.02 vormittags, Gießen an 5.21 Dorrn., ab Montag, den 1. Mai aus.
** Zahlung der Militär reuten für Mai durch das Post.imt (Bahnhofstraße). Alle Militärrenten (H, P, R) für Mar werden am Samstag, den 29. April, in der Zeit von 8 Uhr Dorrn, bis 7 Uhr nachm. mit Ausnahme von 1 2 Uhr nachm. an den besonders für die Rentenzahlung eingerichteten Zahlstellen — Eingang zur Paketannahme — gezahlt.
•* Abänderung des Zuckersteuer- g es eh es. Wer am 1. Mai 1922 im freien Verkehr befindlichen Zucker im Besitze oder Gewahrsam hat (außerhalb eines Herstellungsbetriebs oder einer Zoll-Riederlages, muß ihn bis zum 5. Mai 1922 dem Zollamt feines 'Bezirks
schriftlich oder zu Protokoll unter Angabe der Gattung, Menge und des Aufbewahrungsaumes zur Rachversteuerung anmelben. Zucker, der sich am 1. Mai 1922 unterwegs befindet, ist vom Empfänger anzumelden, sobald er in dessen Besitz gelangt ist. In der schriftlichen oder verhandlungsmäßig aufgenommenen Anmeldung ist die Versicherung abzugeben, daß sich weiterer nach- steuerpflichtiger Zucker nicht im Besitze des Anmelders befunden hat. Mengen bis zu 100 Klgr. Reingewicht bleiben von der Rachsteuer frei und bedürfen der Anmeldung nicht. Mehrere Personen, die Zucker gemeinsam aufbewahren, werden hinsichtlich der Verpflichtung zur Entrichtung der Rachsteuer für den gemeinsam aufbewahrten Zucker als eine Person angesehen. Hinterziehung der Rachsteuer und sonsttge Verletzungen der wegen ihrer Erhebung gegebenen Vorschriften werden nach Maßgabe der Strafbestimmungen des Zucker- steuergesehes (§§ 43ff.) geahndet.
** Vom Polizeiamt Gießen unterzogen sich der in Darmstadt abgehaltenen Prüfung für Polizeikommisare die Herren Georg Stoa und Wilhelm Schmidt; beide bestanden die Prüfung.
** Probealarm der Feuersirene n. Am Samstag nachmittag 3 Ahr werden zu Aebungszwecken die Feueralarmsirenen ertönen.
** Eine wichtige Entscheidung fällte das Amtsgericht Reustadt a. d. Haardt, wie wir der „Wohnung und Heimstätte" entnehmen, in einer Streitsache zwischen Hausbesitzer und Mieter. Letzterer hatte sich geweigert, die Miete zu bezahlen, da der Küchenofen in seiner Wohnung nicht hergerichtet war. Der Vermieter, der auf Zahlung der Miete geklagt hatte, wurde vom Amtsgericht kostenpflichtig abgewiesen, das durch das Ur- teil feststellte, daß der Mieter den Mietzins zurückbehalten darf, wenn der Vermieter trotz Aufforderung die Wohnung nicht in einem zu dem vertragsmäßigen Gebrauch geeigneten Zustand erhält.
'* Richt identisch. Herr Wilhelm Koch, ßiebigfhaf-e 14, bittet uns, darauf hinzu weisen, daß er mit dem in unserem Schöffengerichtsbericht vom 4. April genannten Fensterputzer nicht identisch ist.
Vornotrzen.
— Tageskalender für Donnerstag. Iohannessaal, 8 Ahr: Familienabend des Deutschen Bundes. — Astoria-Lichtspiele, ab heute: ,Die Abenteurerin von Monte Carlo'. — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße, ab heute: „Der Schrecken der roten Mühle" und „Der Kampf um Liebe und Laster".
— Aus dem Stadttheaterbureau. Es sei darauf hingewiesen, dah das Dalaleika- Orchester, das am Sonntag und Montag hier gastiert, zum ersten Male in Gießen auftritt und nicht mit anderen Gesellschaften zu verwechseln ist. — Am kommenden Dienstag und Mittwoch finden zwei Gastspiele der „Musikalischen Kammerfpiele Berlin" statt, auf deren Darbietungen wir noch zurückkommen werden.
Altersvereinigung 1 8 6 2—1 91 2. Monatsversammlung ,^ndet am Samstag, dem 29. ds. Mts. hn Aquarium statt. (Siehe Anzeigenteil.) w
Landkreis Gießen.
wa. Odenhausen, 25. April. Auch in unser stilles Dörfchen zieht die Industrie allmählich ein. Eine Firma aus Essen, die in der Gemarkung Rüddingshausen größere Bauxitlager ausbeutet, erbaut gegenwärtig hier eine B a u x i t w ä s ch e. Mit dem Bau der Transformatorenhäuschen usw. ist schon begonnen. Die Anlage wird unmittelbar an dem Bahnhof errichtet.
* Saasen, 25. April, Auf Veranlassung der hiesigen Ortsgruppe derLigazumSchutze der deutschen Kultur wurde gestern abend hier ein M ä r ch e n a b e n d mit Licht- und Schattenbildern veranstaltet, der außerordentlich gut besucht war, und mit dessen Verlauf besonders die Kinder und die zahlreich erschienenen Jugendlichen sehr zufrieden icaren. — In Kürze folgt ein Vortrag über die Fremdenlegion ebenfalls mit Lichtbildern.
Kreis Lauterbach.
rr. Schlitz, 26. April. Spihbuben- f r e ch h e i t. Kommen da eines schönen Morgens vergangener Woche zwei junge kräftige Burschen im Alter von etwa 17 Jahren zu dem Bahnhofswirt im nahen Dernshaufen und bitten ihn um
einen Schubkarren, um in der Rähe an bat Staatsstraße lagernde Kartoffeln, die sie in Huh- dorf gehamstert hätten, zum Bahnhof zu schaffen. Ahnungslos kam der Gastwirt diesem Wunsche nach. Leute, die vorübergingen, unter ihnen auch der Bürgermeister von Bernshausen, konnten sich nicht genug wundern über die so außerordentlich erfolgreiche Hamsterfahrt der beiden jungen Männer. Das Rätsel löste sich aber bald, als kurz danach das Ortsoberhaupt, von schlimmen Ahnungen .getrieben, zu dem ihm gehörenden zur Zeit unbewohnten nahen Ringofen kam und zu seinem Schrecken sah, daß dort eingebrochen und die daselbst lagernden zur Aussaat bestimmten Frühkartoffeln großenteils verschwunden waren. Unterbetten war aber der Zug schon mit den Spitzbuben und ihrer Beute nach Bad-Salzschlirf abgedampft. Durch sofortige telephonische Benachrichtigung gelang es jedoch noch, im letzten. Augenblick die Diebe, junge Burschen aus Wetzlar, dingfest zu machen und ihnen den Raub wieder abzunehmen. ~ ---
Kreis Schotten.
8 G r o ß - E i chen, 26. April. Auf der letzten Generalversammlung der hiesigen Molkerei „Vogelsberg" wurde die Verschmelzung der beiden hiesigen Molkereien zu' einer gemeinschaftlichen Molkerei angeregt. Die doppelten Betriebskosten, die, wie alle Anforderungen gewaltig stiegen, wurden durch eine Verschmelzung der beiden Betriebe zweifellos vermindert. Auch ist die Anlieferung der Milch so stark herabgegangen, daß ihre Verarbeitung durch eine Zusammenlegung der getrennten Molkereien gerechtfertigt erscheint.
B. K a u I st o s, 26. April. Die Einschaltung des elektrischen Lichtes ist gestern hier erfolgt. Damit ist die zweitletzte Station des Abzweignetzes Hartmannshain —Herchenhain — Kaulstos—Burkhards fertiggeftellt. In Burkhards find die Arbetten bis zum Einbau des Transformators abgeschlossen, so daß man mit dem Anschluß in den nächsten Wochen rechnet.
B. Aus dem Vogelsberg, 26. April. Das Cßetteluntoefen der mit dem Frühjahr in den Dörfern auftretenden, mehr oder weniger zigeunerhaft ausfehenden Gestalten hat sich zu einer wahren Landplage entwickelt. Oft verfügen die Herrschaften über feine Wohnwagen und wertvolle Pferde. Auch dürften sie fich an der Ernährung nichts abgehen lassen. Die Gutmütigkeit und meist die Aengstlichkeit der Bevölkerung läßt fich durch das freche Auftreten der „Hordenleute" einschüchtern und schenkt ihnen reichlich, wonach sie Verlangen haben. Traurig genug ist es, dah dies mit dem Mäntelchen des Hausierers, des Kurpfuschers oder der Wahrsagerin, den sich dieses wandernde Volk umhängt, oft ungestraft geschehen darf. Allerseits wäre man froh, wenn die Polizeiorgane den arbeitsscheuen Elementen, die Don1 anderer Leute Mühe sich gute Tage machen, etwas schärfer auf die Finger sehen würden.
Kreis Friedberg.
ch.Münzenberg, 25. April. Seit meh, reren Monaten werden in der Rähe des hiesigen Bahnhofs auf einem Grundstück, das von einer auswärtigen Firma erworben ist, umfangreiche Bohrungen vorgenommeir, und zwar auf Grund von Rachforschungen, "die mit der W ü n s ch e 1 ru t e angestellt worden sind. Welchen Zweck diese Bohrungen haben, wird von Seiten der Unternehmerin nicht bekannt gegeben, doch verlautet, daß man nach mineralhaltigem Wasser sucht. Wie man hört, sollen die Arbeiten bereits ein befriedigendes Ergebnis erzielt haben. Damit ergeben sich für unsere Gemeinde neue, in ihrer Bedeutung noch gar nicht abzusehende Zu- kunftsmöglichkeiten.
* Friedberg, 26. April. Der An- gelsportverein Friedberg und Umgebung hat dieser Tage 500 Stück 15 Zentimeter lange, zweisömmerige Schleien in die Wetter eingesetzt. Wie mitgeteill wird, beabsichtigt der Verein, im Mai weitere 1000 Stück 25 Zentimeter lange Setzaale, und im Herbst 1000 Stück Barschsetzlinge anzu- kaufen und zur Hebung der Fischzucht in ser- nen Vereinsgewässern zu verwenden.
Starkenburg und Nheinhessen.
tob. Groß-Gerau, 24. April. Laut Mitteilung in der letzten Gemeinderats- sitzung' hat das Ueberlandtverk M a i n z am 5. April den E l e k t r i z i t ä t s - vertrag mit der Stadt Groß-Genrau zum 31. Dezember 1927 gekündigt. Der Ge-
DieSakramentshex.
Roman von Marie Kerschen st einer.
5. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Aber Christine war ihrer Ruhe entrissen. Sie hatte mit Staunen gesehen, welcher Leidenschaft Lenes Seele fähig war. And sie nahm sich vor, das Geschichtenerzählen von nun an zu unterlassen. Aber sie sah auch ein, daß dem Kmd Beschäftigung und Ablenkung notwendig tat. Racy einem harten Kampf mit sich selbst, führte fte Lene eines Tages ins Dorf.
Vor der kümmerlichen Hütte, die als Schul- haus diente, tummelte sich gerade die sch ilbeflls- fene Dorfjagend. Als die beiden daherkamen, verstimmte der schallende Lärm. Cs bildete sich in der Kinderschar eine breite Gasse, das selten gesehene Paar durchzulassen. Mit offenem Mund starrten Buben und Mädchen dem Wunder von der Pfarrburg nach.
Dann saß Lene, ein unliebsamer Gast, mit den Dorfkindcrn in Reih und Glied auf der Schulbank und fühlte sich aus allen Himmeln gefallen. ihn ihre Scheu vor dem Schulgang zu überwinden, hatte ihr Christine die verlockendsten Dinge von der Schule erzählt und sie fühlte sich in ihrer Erwartung betrogen. Was da vor sich ging, war zu verschieden von der licht m Welt, in der sie zu leben gewohnt war, als daß sich nicht die größte Verwirrung ihrer yätte bemächtigen sollen. Trotzig hielt sie die Schiefertafel umklammert, und als der Küster einmal auf sie zukam, miftertc sie ihn mit einem so finsteren Blick, daß er vorzog, sie in Frieden zu lassen. Reugierig sah sie sich der Rrih? nach die Kinder an, die die strohblond?" Köpf bc zähm' und unterwürfig über hi? .'a'cl hieß n. solange der Gefürchtete in Sicht tr-n, ihm -ib?r mit Aßl'chen Gebärden nachsahen, fob.rlö er ihnen beri Rücken kehrte. Das alles war ihr zum Er
•men neu. Sie fühlte lieb ttemd und verlaßen.
keiner war da, dein man hätte die Wangen streicheln oder sonst etwas Liebes erweisen mögen. Rur der Bub nebenan gefiel ihr. Er hatte em schmales Gesicht, der Waldsackerer Roman, und eine weiße Stirn, über die feine blaue Schlänglein liefen. Die Ohren standen ihm weit vom Kops ab. Aber er hatte liebe, samtbraune Augen, die oft traurig ant) still dreinsahen. So traurig, daß Lene nicht anders konnte, als ihm einmal heimlich die Lippen, auf die Hand zu drücken, die gar so durchsichtig und schmal auf der Bank lag. Da färbte sich sein Gesicht feuerrot und die dunkeln Augen flammten beglückt zu ihr auf.
Der Küster stand am Fenster und wippte auf den (sehen hin und her. Cs schien ihm draußen etwas zu fesseln, denn er guckte immer geradezu auf einen Fleck. So merkte er nichts von der allgemeinen Zuchtlosigkeit, die sich hinter fernem Rücken breit machte. Kein Kind hielt mehr den Kopf über der 'Tafel, jedes tat, was ihm gefiel.
„Ich zeig' dir was!" flüsterte Roman Lene zu, unter seinem Kittel einen Gegenstand hervorziehend, der in Seidenpapier gewickelt war.
„Guck!" Das Helle Glück stand auf seinem Gesicht, als er Lene ein Reliefbild zuschob, das einen Engel darstellte, mit wallenden Locken und Flügeln aus purem Gold.
„Och!" Lene hatte nie Schöneres gesehen. „Hat das dir eine Fee geschenkt?"
.Eine Fee " wiederholte er nicht verstehend. „Rein! Mein Onkel aus Amerika hat es geschickt!"
„Aus Amerika?" fragte sie, ihrerseits befremdet. „Was ist denn das?"
„Gin Land, nit zu sagen, wie weit fort: Ucberm Meer holt!" sagt der Daker.
„Uebcrm Mcer? Wohnt dort dem Fischer feine Frau, die mehr sein wollt als etn König is?" Das wußte er nicht
„Ich tat dir den Engel schenken, aber — cs geht halt nit."
„Warum denn nit?“ Sie hätte ihn sielen- gem besessen.
„Holt so," erwiderte er zögernd. „Er hilft mir als trenn ich nit recht einschlafen kann!"
„Das kannst du nit? Das geht doch von alleinig!" ,
„Bei mir halt nit. Es drückt da als eso! Traurig sagte er das und legte dabei die Hand auf das Herz. „Aber wenn ich den Engel unguck, bann wird's frei bester!"
„Ich will ihn dir doch schenken!" sagte er nach einem Kampf mit sich selbst.
Lene wußte nichts von Kranksein und Schmerzen, deshalb verstand sie ihn nicht. Aber ihr Herz begriff, daß sie den Engel nicht nehmen burftc. Schnell schob sie ihm das Bild zurück und wandte den Blick ab, denn der Verzicht fiel ihr schwer.
Im selben Augenblick langte von hintenhrr eine Hand nach dem Bild und nahm es weg. „Weist mal her, was ihr da für einen Schmalz- getft habt!"
Mit einer Bewegung des Schreckens wollte Lene das Bild schützen. Doch der Alois, der der Schlupfline Einziger und ein langer Bengei von ztvölf Jahren war, hatte es schon erwischt. Schadenfroh grinsend schob er es unter die Bank, denn der Küster, des Lärms endlich gewahr, drehte sich eben um.
„Was gibt's!?" herrschte er den Alois an.
„'s is mir nur etwas runtergefallenI" log der gemütsruhig.
„Rit wahr!" fuhr Lene zoriiig herum. Zum erstenmal war ihr die nackte Lüge begegnet. An der eigenen Entrüstung fühlte sie, wie erst der Küster erzürnt sein mußte über solch ein Kind: Aber her schien den Alois gar nicht zu beachten. War es möglich, daß er statt dessen den bitterbösen BNck auf sie richtete! Daß er die lieblosen Worte zu ihr sprach, die doch weder das Bild genommen, noch gelogen hatte?
„Bist du gefragt?“ fuhr er Senft an.
Betreten schüttelte sie den Kopf.
„Dann halt den Schnabel, Dreikäshoch, du!" Damit nahm er feine Ausschau am Fenster wieder auf.
Das war das erste Anrecht, das Lene widerfuhr. Mit grenzenlosem Staunen nahm sie dies Reue in ihr Leben auf. Wie war es nur möglich. Der Alois hatte zweifach Häßliches getan, und sie? Sie hatte den Engel retten wollen, ohne den der blaffe Bub nicht schlafen konnte! Unb jetzt sah es aus, als hätte sie Böses getan und die Alois sei ein gutes Kind! Verwirrend war alles das, genau das Gegenteil von dem, was Christine sie gelehrt hatte! And während sie das Unbegreifliche zu begreifen suchte, drang dos schadenfrohe Kichern der Kinder tn ihr Ohr. Auch die? Urteilen alle, daß sie im Unrecht sei?
Freilich, sie hatte ungefragt gesprochen, — das mußte wohl etwas sehr Böses sein! Das hatte sie nicht gewußt! Liber das, was der Alois getan, war das nicht Böses? Die Begriffe verwirrten sich in ihr. Fast fing sie an, sich selbst für schuldig zu halten. Aber nur einen Augenblick.
Ein leise klagender Laut riß sie aus ihren Gedanken. Und als sie zur Seite sah, saß der Roman mit schreckensweiten Augen neben ihr. Er hielt den Engel in der Hand, dem der Alots einen Schnurrbart aus Tinte angemalt hatte, und ein bcar Teufelshörner dazu.
Alles andre versank in der brennenden Em» pörung, die Lene erfaßte. Voll auflvdernden: Zornes stürzte sie auf den Alois, der aus- gesprungen war, sich zu wehren. Wie eine Wildkatze sprang sie dem um Haupteslänge Größeren an den Hals, klammerte sich da fest und hieb mit der freien Hand auf ihn los, wohin es traf.
Aus allen Bänken stürzten die Kinder herbei. Aber bis sich der Alois der ungestümen Umarmung erwehren und der Äüffer sich Bahn brechen konnte durch die gaffenb? Schar, batte Lene ihre Empörung bereits gekühlt.
(Fortsetzung folgt.)


