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Donnerstag, 21. April 1922

172. Jahrgang

GietzenerAMger

General-Anzeiger für Oberheffen

tinid und Verlag: vrühl'fche Univ.-Vuch- und Zteindruckerei R. Lange. Zchriftleitung, Geschäftsstelle und Druckerei: Zchulstrahe 7.

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Nr. 98

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Neue Sorgen in Oberschlesien. Don Dr. Herschel, M. d. R.

Die Einigung in den deutsch-polnischen CßSirb schaftsverhandlungcn von Genf war so etwas wie ein Lichtblick in dem finsteren Gewoll, das über Oberschbesiens Gegenwart und Zukunft lagert. Zwar ist das Ziel unserer Unterhändler, alles deutsche Eigentum von der polnischen Liquidation frei-uhalten, nicht erreicht worden Es scheint auch kein Rücktrittsrecht für den Fall einer Vertragsverletzung von feiten der Polen für uns vereinbart worden zu sein, obgleich eine solche Sicherung bei der schon oft bewiesenen mangeln­den Vertragstreue der Polen sehr am Platze ge- wesen wäre

Immerhin dürfte man zweierlei von der Genfer Einigung erhoffen. Zunächst einmal den baldigen Ablauf der Vesahungszeit, do nunmehr wirklich jeder rechtliche Grund ober auch nur Vorwand für die Entente wegsällt, noch länger das Abstimmungsgebiet von der Internationalen Kommission verwalten zu lassen. Dafür scheint denn auch die Meldung des ,Journal" zu sprechen, daß augenblicklich in Gens die Höhe der Vesahungsloslen festgestellt werden, um dann an- tcilig auf Polen und Deutschland nach dem Ver­hältnis der zugewiesenen Landesteile umgelegt au werden. Man schätzt den Betrag im ganzen auf zwischen 5 und 10 Milliarden Marl. "Natürlich werden sie letzten Endes doch aus das unglückliche und zerrissene Oberschlesien zurückfallen. Immer­hin ist diese bisher unterbliebene Zusammenstel­lung der Kosten in Verbindung mit gewissen an­deren Anzeichen ein Hoffnungsschimmer für den baldigen Abzug der Alliierten.

Außerdem könnte und müßte man aus der Genfer Einigung eine allmähliche Annäherung zwischen Polen und Deutschen in Oberschlesien erwarten, die sich ohne Zwischenfälle vielleicht schon bei Ver Ausführung der Genfer Beschlüsse gezeigt hätte. Sie bleibt das anzustrebende Ziel. Sonst gedeiht das Land nicht. Schon deshalb I)dürfen unsere Unterhändler in Gens des Dankes der Ration. Auch wenn dort nicht alle unsere Hoffnungen erfüllt werden konnten, ist doch ein Anfang zur Besserung gemacht worden.

In diese Entwicklung hinein fallen störend die Ereignisse vom O st c r d i e n s t a g, den 18. April 1922. ES war in Oberschlesien von diesem Tage allerlei befurchtet worden, aus Gott weiß, wel- <tcn Gründen. Ostern ist nach dem Volksgebrauche ter Slawen immer ein Fest mit einer gewissen Ausgelassenheit als Erholung nach der strengen Fastenzeit. Man durste auch diesmal damit rech­nen, daß ein starkes Geknalle veranstaltet wer- icn wurde, wie es jetzt leider bei allerhand An- lölfen üblich geworden ist. Am Osterdienstag pflegen sich zudem junge Burschen und Mädchen von altersher mit Wasser zu bespritzen. Diese an fich harmlose Sitte konnte ausufern, nachdem durch J en Abstimmungskampf und die polnischen Auf­stände die frühere leichte Fröhlichkeit dem Volke abhanden gekommen und an ihre Stelle eine tiefe Zerrüttung der Sitten eingetreten ist.

Aun ist am 18. April der polnische Arzt S r. Styczynsli in Gleiwitz während einer Sprechstunde durch Revolverschüsse ermordet wor­den. Von wem, stecht noch nicht fest. Er war früher Stadtverordneter und später Stadtrat, ein polni­scher Führer und technischer Beirat beim französi­schen Stadtkontrolleur. Die verabscheuungswür- ? ige Bluttat hatte sofort die üblichen Folgen für t i? wahrlich bereits schwer genug geprüfte Stadt. Es mürbe erneut der Belagerungszusta nb über sie verhängt, ebenso die Vorzensur über 1 ie dortige Presse. Die Blätter erschienen mit w ißen Stellen. Damit nickt genug, hat die inter­alliierte Regierungskommission auch über die gan­zen Kreise Tost-Gleiwih und Zabrze (Hinden- burg) sofort nach dem 18. April den Belage­rungszustand ausgesprochen, und zwar, wie sie selbst tagt, infolge jenes Verbrechens, aber auch neuerlicher Attentate, die innerhalb der beiden Kreise in kurzer Zeit vorgekommen sind

In der Tat haben sich eine Reihe schwerer anderer Bluttaten in den letzten Tagen dort er­eignet Ebenso in der Rachbarschaft So in G r - Strehlitz. In der Rach» vom 18 zum 19 April wurde Frau Justiz-Oberinspektor Beu nek von einer französischen Patrouille in ihrer Wohnung erschossen, als sie das Fenster öffnete um nach ihrem Gatten auszuschauen, der aus dem Dienst heimlehren sollte. In frischer Er­innerung der Leser wird auch der Fall Dzink fern. Schließlich wird berichtet, daß man den Chauffeur derOberschlesischen Vvllsstimme". des Gleiwiher Zentrumsblattes, auf offener Straße durch Schüsse getötet hat.

Ferner gärt es bcckenllich im Kreise PI eh, namentlich in dem früher ruhigen Städtchen Ri- ko l a i. In der Rächt zum 20. April wurde dem Kaufmann Franz Dworski, einer völlig un­politischen Persönlichkeit, eine Eier-Handgranate in die Wohnung geworfen. Wie durch ein Wun­der blieben er und seine Frau unverletzt, jedoch ist der angerichtete Sachschaden bedeutend. Cs handelt sich um einen Bruder des katholischen Stadtpfarrers Paul D w o r s k i, dem bekanntlich vor einiger Zeit eine polnische Abordnung des Volksrats dachAbsetzungsdekrct" überreichte und der vom Fürstbischöflicheu Delegaten Kapira ohne Schutz gelassen, nunmehr Rikolai verlassen muß. Der französische Kreislontrolleur hatte ihm das nahegelegt, als er sich über jene Qlötigung be­schwerte.

In der gleichen Rächt ist ein voller Möbel­wagen des deutschen Amtsgerichtsrats Rumpel auf der Rampe der Güterekpedition des Bahnhofs Rikolai mit Benzol begossen und angezündet wor­den und mit seinem gesamten wertvollen Inhalte

bis auf ein paar verbogene Eisenteile vollständig | verbrannt. Dieser unerhörten Sachbeschädigung reiht sich die weitere an, daß außerdem noch in der Villa eines Deutschen alle 18 Fenster völlig zerstört wurden. Alle diese Untaten gehen zwei­fellos von polnischer Seite aus.

Angesichts solcher Vorgänge sind die Befürch­tungen der Deutschen Oberschlesiens vor weiteren Verfolgungen sicher nicht unbegründet. Die Angst vor einem neuen Aufstande ist im Wachsen. Bis­her hat sich ein solcher immer durch solche ver­brecherische Vorläufer angekündigt. Auch ohne ihn aber ist schon heute der schönste Terror gegen die Deutschen wieder im Gange Geheime Bespre­chungen polnischer Führer finden dauernd statt. Die Beunruhigung nimmt in dem Maße zu. als der Anfang Mai mit seinen bedenklichen Erinne- rungstagen näher rückt.

Oppeln, 26. April. (WTB.) DieOppelner Morgenzeitung" verbreitet folgenden Aufruf der Interalliierten Kommission an die Bewohner Oberschlesiens, welcher von General Ler ond. General Marin is als Vertreter Italierrs und General Henneker als Vertreter Englands unterzeichnet ist:Die Uebergabe der oberschlesischen Gebiete an Deutschland bzw. an Polen in Ausführung des Friedensvertrages von Versailles ist nur noch eine Frage von Tagen. Anfangs Mai sollen die Vertreter der deutschen alliierten Regierungskommission nach Oppeln bc- und der polnischen Regierung von der Inter­rufen werden, um die ilebergabe der öffentlichen Verwaltung an Deutschland bzw. an Polen vorzu- bereiten. Dieser ungewöhnliche Zustand erfordert ungewöhnliche Maßnahmen. Keinem Friedens­störer soll Gelegenheit gegeben werden, den öffent­lichen Frieden zu gefährden. Alle friedliebenden Bewohner dieses Landes müssen es sich vorbehalt­los angelegen fein lassen, alle Ungeduld hintan­zuhalten und unüberlegten Schritten vorzubeugen, sowie überall und bei jeder Gelegenheit die Sprache der Vernunft zu führen. Möge Älso die Bevölkerung Oberschlesiens Selbstbeherrschung üben, möge sie ihre Ruhe und Würde bewahren, um der Interalliierten Kommission es zu ermög­lichen, ihre Machtbefugnisse auf Deutschland bzw. Polen zu übertragen."

Berlin, 26. April. Rach einer Meldung derVoss. Zig." aus Breslau wurde geftern in Gleiwih der Elektrotechniker Ioh. P o l i f t a unter dem Verdacht verhaftet, den Polensührer Styczynski erschossen zu haben. Der Ver­haftete leugnet die Tat.

Die Unsicherheit und Besorgnis in Genua.

London, 26. April. (Wolff.) Der Sonder­berichterstatter derWestminster Gazette" in Genua berichtet, die Konferenz befinde fich in einem Zu stand großer TI n s l ch e r he i t und Besorgnis. Man sehe, daß das neue Europa dort nicht zustandekommen könne. Poincares Rede tobe in Genua einen peinlichen Eindruck herbcigerufen. Alle Abordnungen sähen, daß es immer schwieriger werde, für cm Ucbereinlonv men zu wirken. Das große Unbehagen trete auch in den Sachverständigen'-Ausschüssen zu Tage. Cs herrscht die Befürchtung, daß die gesamt: Arbeit zwecklos gewesen sei. Die Rassen nütz­ten die Periode aus, um ihre Vorschläge unbe­stimmter als je zu gestalten.

Der diplomatische Berichterstatter der Daily Rews" schreibt, wenn es der Genueser Konferenz möglich wäre, sich in Ruhe aufzulösen, so würde jedermann ein großer Stein vom Her­zen genommen werden. Gerade dies sei aber nicht möglich. Wenn die Genueser Konferenz nicht zum Ziele führe, müsse sie fehlschlagen und die Wirkung eines solchen Fehlschlages auf Eu­ropa würde keineswegs erfreulich fein.

Ein neuer Vorschlag Lloyd Georges.

Paris, 27. April. (WTD.) Die H a -- vaSagentur meldet aus London: Rach sehr ernst zu nehmenden Rachrichten aus Genua bestätigt es sich, daß Lloyd George be­absichtigt. offiziell die'Einberu­fung des Obersten Rates nach Ge­nua'zu verlangen, um die Frage der Gültigkeit des deutsch-russischen Vertrages in Bezug auf den Vertrag von Versailles zu er­örtern. Lloyd George werde Poincare ein­laden, aus diesem Anlaß nach Genua zu kommen.

Genua, 26. April. (WTB.) Spezialbericht des Vertreters des WTB. Ein heute abend aus- gegebenes Kommunique der englischen Delegation besagt: Rach Ansicht der Mehr­heit der Alliierten ist es notwendig, daß sich die Unterzeichner des Versalller Vertrages über die Maßnahmen einigen, die Ministerpräsident Poin° care in seiner Rede in Dar-le-Duc ins Auge gefaßt hat. Zur Zeit weih man noch nicht, welchÄ diese Maßnahmen sind, und es ist daher not­wendig, daß man sie erfährt. Cs soll keine Sitzung des Obersten Rates sein, son­dern lediglich eine Vereinigung aller Unterzeichner des Friedensvertra­ge s, deren Mehrheit sich zur Zeit in Genua be­findet Die Premierminister, Sachverständigen und Juristen, die damals den Vertrag abgefaht haben, sind hier. Die Besprechung kann demnach in Genua stattfinden. Es scheint, als bestehe seitens der französischen Regierung die Ansicht, daß diele Frage dem Botschafterrat in Paris unterbreitet werden müsse, der um die Mitglieder der Kleinen Entente und Polen zu vermehren wäre. Der Bare

englische Standpunkt ist aber der. daß, wenn die HauptiMeressenten und Regierungschefs in Genua weilen, die Versammlung in kurzer Zeit auch in Genua stattfinden könne. Wir müssen die von Poincare vorgesehenen Maßnahmen kennen lernen, denn seine Erklärung schafft eine sehr ernste Lage, und die Maßnahmen, von denen er spricht, gehen alle Unterzeichner des Frie- densvertrages an.

Genua, 26. April. (WTB) Spezialbericht des Vertreters des WTB. In englischen Kreisen erklärt man, daß Lloyd George beabsichtige, seinen Aufenthalt in Genua bis lO.Mai zu verlängern, da man annehme, daß er Genua nicht verlassen will, ohne einen Welt- Pakt abgeschlossen zu haben, der Rußland und Deutschland umfassen würde. Wenn nicht ein Fehlschlag die Beratungen der Kon­ferenz vorzeitig beende, sollen nach Festsetzung der Grundzüge des Weltpaktes mit zehn­jähriger Geltungsdauer die zahlreichen kleineren Fragen von einer einzusetzenden Untcr- kommission in Genua weiterberaten werden. Es ist anzunehmen, daß von den einzelnen Staaten Vorschläge eingereicht werden. Man rechnet auf sechs bis sieben derartiger Vorschläge, die zur Prüfung vorgelegt würden.

Barthon iinb Llvyd George.

Genua, 26. April. Der Sonderberichterstat­ter der Havasagcntur meldet: Der heutige Tag war in erster Linie den französisch-briti­schen Besprechungen gewidmet. Dor dem Frühstück unterhielten sich Darthou und Lloyd George besonders über zwei Punkte. Der erste, den Lloyd George zur Sprache brachte, betraf das Unbehagen, das aus der Auslegung entstanden ist. die den Worten des Ministerpräsidenten am letzten Sonntag bei der interalliierten Zusammenkunft gegeben wurde. Der zweite betraf gewisse Stellen in der Rede Poincares in Bar°le°Duc. Heber diese Worte, sowie über die Rede Poincares wurden mit voll­ständiger Offenheit von beiden Seiten Erllärungen ausgetauscht. Diese (Srflärungen scheinen, dem Havas-Berichterstatter zufolge, die Atmosphäre der französisch-britischen Beziehungen in Genua gereinigt zu haben. Lloyd George schien besonders besorgt hinsichtlich der Haltung, die man Deutsch­land gegenüber einnehmen solle, wenn es Ende Mai seinen Verpflichtungen nicht nachgekommen sein sollte. Der britische Premierminister zeigte den lebhaften Wunsch, daß die Alliierten dies­bezüglich gemeinsam vorgehen sollten. Deshalb regte er den Gedanken an, da alle alliierten Re­gierungen gegenwärtig in Genua anwesend seien, so könnte man die Gelegenheit benutzen, ge­meinsam übereinso wichtiges Thema zu beraten. Lloyd George setzte hinzu, er wäre glücklich, wenn Poincare persönlich an diesen Besprechungen teilnehmen würde. B a r t h o u er­klärte, diese Anregung dem Chef der französischen Regierung übermitteln zu wollen. Die Unter­redung zwischen Darthou und Lloyd George be­zog sich ferner auf die russische Frage. Der Havasberichterslatter crflärt, daß auch in diesem Punkte die Führer der französischen und englischen Delegation sich leicht einigten. Darthou schloß sich einer Anregung Lloyd Georges an, für Rußland ein Program mauszuarbei- t e n, das die Form eines Ultimatums anneh­men soll. Für dieses Programm hatte Lloyd George einen schriftlichen Entwurf in großen Um­rissen ausgearbeitet. Darthou ersuchte Lloyd George, daß dieses Programm unverzüglich von den französischen und englischen Sachverständigen geprüft werden solle: Lloyd George stimmte zu. Die Prüfung erfolgte nach dem Frühstück. Die französischen und englischen Sachverständigen hat­ten um 5 Uhr die Prüfung beendet. Daraus nah­men Lloyd George und Darthou ihre unter­brochene Besprechung in der Billa Alberti wie­der auf.

PoincarS läht seine Rede interpretieren.

Paris, 26 April. (Wolfs.) Havas ner öffentlich) eine halbamtliche Erklärung, die zu beweisen versucht, dach die Rede Po in c a r e s in Dar-le-Duc salschinterpretiert worden sei 3n der Erklärung heißt cs. gewisse in der ausländischen Presse veröffentlichte Artikel ließen eine falsche Auslegung der von Poincare in , feiner Rede gemachten Anspielung auf die Maßnahmen erkennen, die die französische Re­gierung,für den Aalt vor sehen könnte, laß Deutsch­land seine Verpflichtungen nicht erfülle. Diese Maßnahmen würden nach den erwähnten Presse- äufj erungen in einer Sonderaktion Frank­reichs. ähnlich der Besetzung Frank­furts im Jahre 192 0 bestehen.Die vor­stehende Auslegung", so führt die Erklärung aus: ist irrig". Die Besetzung Frankfurts wurde be­schlossen und durchgeführt auf Grund des all­gemeinen Grundsatzes des Völkerrechts. Die wirtschaftlichen oder andersartlgen Maßnahmen, die im gegenwärtigen Falle ergriffen werden könnten, sind juristisch von ganz anderer Art. Cs handelt sich hier um die Paragraphen 17 und 18 des Anfangs 2 zu Teil VIll des Friedens­vertrages von Versailles betreffend die Repa­rationen. tjorgefefjenen. Dort ist namentlich be­stimmt. daß die Reparationskommission falls Deutschland seine Derpflichtungen verletzt, jeder einzelnen der alliierten Mächte

hiervon Mitteilung macht und ihnen dann die Maßnahmen vorschlägt. Die

Maßnahmen können in wirtschaftlichen und fi­nanziellen Prohibitionen ober auch in allen an­dern Vorkehrungen bestehen, die nicht im Be­lieben jeder einzelnen der betreffenden Mächte liegen. Zur Zeit der Ausarbeitung des Fnedens- verwags wurde die Einfügung der letzteren Be­

stimmung nach langer Debatte durchgesetzt, um hervorzuheben, daß jede einzelne Regierung die Möglichkeit behalte, diejenige Entscheidung zu treffen, die sie für angebracht hält. Ein iSm- vernehmen der Verbündeten über eine be­sondere Maßnahme wäre alfo, obwohl es höchst wünschenswert sei, und auch von der franzö­sischen Regierung lebhaft gewünscht werde, n rcht unerläßlich, falls die Reparanonskomrnlssion etwa eine Verfehlung Deutschlands sestgest'lll hätte und den Regierungen anzeigen würde, daß der Augenblick gekommen sei. zu handeln In dieser Beziehung müsse man daran erinnern, daß die Reparationskommission Deutschland die drin­gende Auftorderung habe zugehen lassen, ihr bis 31. Mai vor allem cm neues Steuerprogramm zu übermitteln und eine tatsächliche Finanzkon­trolle einzurichten. Wenn bei Ablauf dieser Frist die Reparationskommission der Ansicht fei, daß die Reichsregierung ihr nicht Genüge getan habe, könne sie in die vom Versailler Vertrage vor­gesehene Gage kommen, den Regierungen unter Ilmständen entsprechende Maßnahmen vorz i» schlagen.

Kaiser Poincarö".

Paris, 26. April. (WTB.) Der Abgeord­nete Leon Blum schreibt imPopulaire' unter der demDaily Herald" entnommenen lieber» schrift:Kaiser Poincar e", man frage sich, welcher tolle Wind diesenkleinen Mann" so bezeichnete ihn Emile Zola für die Geschichte antreibe. Bilde er sich denn wirklich ein, daß er den Geist seines Landes auöbrüdc. Glaube er, daß das menschenfresserische Geschrei der nationalistischen Presse und die wahnsinnige Hetze eines Daudet oder Maurras, die den Einmarsch in Deutschland und die Zer­störung seiner Einheit verlangten, daß die impe­rialistischen Herausforderungen Tardieus, oder die wahnsinnige Aufreizung desMalin" die Meinung des franzöllichen Volkes darstelltcn? Hm sich vom Gegenteil zu überzeugen, brauche man sich nur der Ruhelosigkeit zu vergewissern, die überall in den Gemütern herrsche, und die Angst, die auf der Straße. Straßenbahn und Hntergrundbahn in der Masse der kleinen Leute zum Ausdruck komme, die noch heute die unheil­verkündenden Augusttage von 1914 in Erinne­rung hätten, und deren Zorn sich bald unwider­stehlich gegen die Elenden wenden werde, die so mutwillig mit dem Weltfrieden spielten. Wie Wilhelm^ der Zweite scheine der kleine Advokat von Dar-le-Duc sich den Grundsatz Caligulas zu eigen ^u machen: Was liegt daran, daß sie mich hassen, wenn sie mich nur fürchten.

Eine Rede

des Präsidenten Millerand.

Paris, 26. April. (WTB.) Der Präsi­dent der Republik^ Millorand, hat heute in Philippeville (Algier) eine Rede g'= halten, in der er u. a. sagte, Frankreich ziele auf keinerlei Hegemonie, es wolle nicht den Wie­derauf bau Europas seinen eigenen zum Opftr bringen; aber es glaube, ohne sicht den Vorwurf der Selbslsucht zuzuschieben, das Recht zu der Annahme zu haben, daß der Aufbau Frankreichs, das verwüstet wurde, weil es den Armeen der Zivilisation als Schuhwall diente, einen ebenso wichtigen Teil tzes europäischen Wiederaufbaues darslelle. Millerand betonte den friedlichen Cha­rakter, den die Politik der aufeinanderfolgenden französischen Regierungen gegenüber Deutschland seit Anfang 1920 getragen habe. Diese Politik bestehe darin, daß Frankreich den Wiederaufbau der wirtschaftlichen Beziehungen Deutschlands keinen Widerstand entgegensetze, unter der ein­zigen und unerläßlichen Bedingung, daß die Ent- traffnung und die Reparationen zur 'Tatsache würden Millerand erklärte zum Schluß, daß die Alliierten angesichts des Vertrages von Ra­pallo alles nichtig machen würden, was gegen die Bestimmungen des Versailler Vertrages verstoße und daß sie ihr Einvernehmen aufrecht erhalten würden, um das Friedenswerk zum guten Ende zu führen.

Eine Reise Lenins nach Genua?

London. 26. 'April. (Wolfs.) Der Daily Expreß" meldet aus Riga, Le­nin werde dort innerhalb einer Woche auf dem Wege nach Genua erwartet. Er werde seinen Einfluß geltend machen, um den Zu­sammenbruch der Konferenz zu verhindern.

Polens Antwort an Tschitscherin.

Berlin, 26. April. DasBerl. Tagebl. weiß den Inhalt der polnischen Antwort auf die Rote Tschitscherins aus Genua zu melden. Polen führt danach in dieser Antwort aus, daß die de jure-Anerkennung Rußlands ohne Beziehung zu den gegenwärtigen Arbeiten der Konferenz, insbesondere der Teilnahme Polens an den Verhandlungen in der politischen Unter» kommission, für die russische Frage sei. Indis­kutabel sei die russische Behauptung, daß Polen Rußlands Selbständigkeit bei der Schließung von Verträgen bestreite. Die polnische Antwort leug­net weiter die Existenz des Rigaer Ver­trages von 1922, da es sich hierbei nur um ein Protokoll über eine in Riga erfolgte Aussprache handele, worin chie de jure-Anerken­nung Rußlands von Polen für opportun ge­halten werde. Wie von der polnischen Dele­gation mitgeteilt wird, sei die polnische 'Regie rung übrigens immer noch der Ansicht, daß dic de jure-Anerkennung Rußlands wünschenswert set

Inzwischen legt cm Auszug des polnischen Antwortschreibens vor, der diesen Angaben ent­spricht. Zum Schluß heißt es bann;