Ausgabe 
27.3.1922
 
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Erstes Blatt

172. Jahrgang

Montag, 21. März 1922

GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

Orud unö Verlag: vrühl'jche Univ.-Vuch- und Sleindrnckerei R. Lange. Schnftleitung, Geschäftsstelle und Druckerei: Schulftratze?.

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Nr. 75

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Jur Entstehungsgeschichte des Versailler Vertrages.

Dasz Lloyd George sich gerade die kritische Zeit dieses 25. Marz her- ausgesucht hat, um daran zu erinnern, wie er schon vor genau drei Jahren vor zu weit­gehender Gewaltanwendung gegenüber Deutschland gewarnt habe, hat natüilid) eine ziemlich scharfe, politische 'Bedeutung. Seine in einem Teil unserer Sams­tag-Nummer bereits inhaltlich wieder­gegebene Denkschrift hat in Paris die erwartete Wirkung gehabt. 3mEcho Ra- iional" veröffentlicht L a r d i e u die damalige Gegennote Clemenceaus. Es geht aus diesem ganzen Meinungswechsel der Gewalthaber hervor, daß Frankreich und England durch gegenseitige nackte und brutale Intcressenwirt- schast die besseren Instinkte erstickt haben. And der Tiger Clemenceau war genau so vernich­tungswütig wie der Leu Poincar«. Lloyd Ge­orge will jetzt wohl der Welt sagen, daß gegen die bestialische Derranntheit Frankrclcpr, ua=» malS nicht aufzukommen gewesen sei. Er be­ruft sich anscheinend auf eine ähnliche Art von Erfüllungspolitik, wie der Reichskanzler Dr. Wirth. Die Zeit solle die Hebel heilen u^d beseitigen, die Erfahrung solle dann den bes­seren Weg weisen. Aber derTemps" hält dazu dem britischen Premierminister peinliche Erinnerungen unter die Rase. Es war denn doch eine Politik voller Widersprüche und In­konsequenzen, wenn man die Marksteine be­trachtet, die Lloyd George gesetzt hat. Die innere Unwahrheit, die seinen dock immer noch durch Gewalt-, nicht Friedenspolitik führenden Mittelweg beräucherte, kommt jetzt an den Tag. Wir werden sehen, ob auch er sich am Ende der Erfüllung angelangt sieht so gut wie Herr Dr. Wirch!

Das Memorandum Lloyd Georges.

London, 25. März. (Wolff.) In dem be» i eitS gemeldeten Memorandum LloybGe- n r g e s heißt es u. a., wenn man auch Deutsch­land seine Kolonien nehme, seine Wehrmacht auf die Stärke einer Pvlizettrüppe bringe und seine Flotte zu der einer fünffiaffigen Macht mache trotz alledem werde Deutschland, wenn es fühle, dah es durch den Frieden von 1919 ungerecht behandelt werde, Mittel finden, Vergeltung an seinen Defiegern zu üben. Ungerechtigkeiten und Anmaßungen, bewiesen in der' Stunde des Triumphes, würben niemals ixrg-'ffen und ver­geben werden. W-iter heißt cs: ..Wenn wir Uug sind, so bieten wir Deutschland einen Frieden an, ber zwar gerecht ist, den aber alle vernünftigen Leute der Möglichkeit des Bolschewismus Vor­lieben. Ich werde daher in dem Frieden an die vorderste Stelle sehen, daß, wenn Deutschland unsere Bedingungen annimmt, ihm die Rvhstrs'c ^Hüi-ftc der Welt offen stehen unter den gleichen Bedingungen, wie wir sie haben, um dadurch alles zu tun, um dem deutschen Volke zu ermöglichen, wieder auf die Füße zu kommen. 2vir wnnen Deutschland nicht zum größten Teil zum K r u f) p e l machen und gleichzeitig ver- langen, daß es zahle. Schließlich müssen wir «Dingungen anbieten, von denen man erwarten x ^ne verantwortliche Regierung in Deutschland fte du rchz u s ü h r en imstande ist."

(Hemenceaus Antwortnote.

AcfontrHJ i's' lMolfl.) '5 a r b i e d Ver­

öffentlicht imEcho Qlationar* eine Vote Ele- menceaus vom 29. März 1919 in D^ntwor- q k turdIl<^ veröffentlichten Denlfchrift ?lohb Georges, in der dieser seine Ansichten rcher die allgemeinen Richtlinien des. Friedens nieberlegte Tarbieu zählt bei Der Veröffent- u<dong dieses Dokumentes die dauptsächlichst en Erfolge Clsmenccaus auf, die in dem am 7 Mal den deutschen Vevollmächtigten iVerreichten' Vcr- trag niedergelegt seien, durch den die von Lloyd George in seinem Schreiben vom 26. Marz empfoh­lenen Lösungen ausgeschaltet worden seien.

Pmris, 26. März. (WTD.) In der vom ..Echo national veröffentlichten A n t w o r t C le­in e n c e a u s auf das Memorandum Lloyd G e o r g e s heißt es u. a. noch: Wenn aber Deutschland gemäßigte Bedingungen gestellt wer­den sollen, soweit sein europäisches Gebiet in dcage komme, um nicht nach dem Frieden eine tiefe Erregung in Deutschland Airückzulassen, so diese Methode nur zulässig, wenn der Krieg für Deutschland lediglich ein europäischer ge'axfen aber nicht der Fall gewesen. Deutschland sei vor dem Kriege eine große Welt­macht gewesen, deren Zukunft auf dem Wasser gelegen habe. Dieser Weltmacht habe es sich gerühmt. Es werde sich also nicht dabei beruhigen, ^?,^^oren zu haben. Man habe ihm alle seine Kolonien, feine gesamte Kriegsflotte und einen -.eil i^vcr Handelsflotte als Reparationen, sowie ferne Außemnarlte genommen. Wenn man Dcmtschland aus Gründen allgemeiner Art be­ruhigen wolle, so dürfe man die Mittel Aazu nicht in Europa suchen. Diese Art Beruhigung wurde vergeblich fein in dem Augen­blick, in dem man Deutschland vom Welt­markt abschneide. Um Deutschland zu be­ruhigen (wenn man schon Wert darauf lege) müsse man ihm Zugeständnisse kolonialer und maritimer Art und auf dem Gebiete der Entwicklung des 2luhenhandels anbieten Die Rote vom 26. März spreche aber nur von

territorialen Zugeständnissen in Europa. Wenn Lloyd Gorge die Befürchtung ausspreche, daß nur dem Bolschewismus in die Karten gespielt werde, wenn Deutschland zu harte Bedingungen auferlegt würden, muffe man im Gegenteil weit mehr be­fürchten, daß die von England vorgeschlagene Me­thode gerade dieses nichterwünschteErgebnis haben würde. Clemenceau weist sodann darauf hin, daß die Völker der neuen mitteleuropäischen Staaten haft ihres Rationalgefühls dem Bolschewismus bislang widerstanden haben. Man dürfe sie also nicht zum Opfer bringen, indem man ihnen un­annehmbare Grenzen zugunsten Deutschlands an- biete. Die Politik der französischen Re­gierung werde diese jungen Völker ent­schlossen und freigebig unterstützen und nicht auf deren Kosten einem überdies noch unwirksamen Milderungsersuchen zustimmen als Ausgleich für den maritimen, kolonialen und kom­merziellen Zusammenbruch, den der Friede für Deutschland mit sich bringe. Wenn man dem übrigen Deutschland seine Kolonien völlig und endgültig wegnehme, weil es die Eingebore­nen schlecht behandelt habe, mit welchem Rechte wolle man bann den Polen oder Tschechen normale Grenzen verweigern, obgleich die Deut­schen auf ihrem Boden sich als Quartiermacher des unterjochenden Alldeutschtums eingenistet hätten?

Die Rote Clemenceaus geht alsdann auf den Gedanken ein, der zu schließende Frieden müsse Deutschland als gerecht erscheinen und er­klärt, angesichts der deutschen Mentalität er­scheine es nicht sicher, daß die Deutschen den De- 9riff Gerechtigkeit so auffafien würden, wie die Alliierten. Die Alliierten mühten daher den Krieg mit einem für alle gleichen Frieden beenden. Rach der englischen Methode würde eine Anzahl von Garantien den Seemächten zugestanden wer­den. die den deutschen Einfall nicht erduldet haben, so die Abtretting der deutschen Kolo­nien. die Ablieferung der deutschen Kriegsflotte, die Ablieferung eines Teiles der deutschen Han­delsflotte und die Ausschließung Deutschlands von den Weltmärkten. Den Staaten des Fest­landes aber würden mir Teilzuge st änd- nisse gemacht, so hinsichtlich der Grenzen von Böhmen und Polen und des Frankreich ange­botenen Gebietsschuhes, auch hinsichtlich der für die Saarkohlen vorgeschlagenen Regelung. Das fei eine ilngleid>f)eit, die einen schlechten Einfluß auf die Rachknegsbeziehungen ber Alli­ierten untereinander Haden könne und die noch viel wichtiger seien als die Rachkriegsbeziehungen Deutschlands zu den Alliierten. Es wäre auch ungerecht, die Lasten der Deutschland aufzaer- legenden Kompensationen denjenigen alliierten Ländern aufzubürden, die am schwersten die Röte des Krieges getragen Haden. Diese Länder könn­ten nicht auch noch die Kosten des Friedens auf sich nehmen. Es sei wesentlich, daß sie die ilcberacugung hätten, bafo der Frieden gerecht sei, sonst werde nicht nur in Mitteleuropa der Bol­schewismus zu befürchten sein, denn er faste, wie man gesehen habe, am leichtesten in den Ländern Fuß, die nationale Enttäuschungen erlebt haben.

Paris. 26. März. (WTB.) DerTemp s" bespricht in seinem heutigen Leitartikel das Me­morandum Lloyd Georges tont 25.März 1919 und die heute erfolgte Antwort Clemenceaus. Rach der Ansicht des Blattes bedeutet die Er- ilärung, die derDaily Chronicle" dem Memo­randum gibt, daß das Abwmmen von Doulogne vergessen ist und daß Lloyd George ver­langt. daß man den Versailler Ver­trag r e v i d i e r e. Er wolle für Genua dazu die Mittel liefern. Das Blatt meint, wenn man di.scs Programm diskutieren wolle, fehlten die Argumente nicht um es zu bekämpfen. Im De­zember 1918 habe Lloyd George Wahlen unter dem Rufe gemacht:Hängt den Kaiser und laßt Deutschland bezahlen!" Habe er das vergessen? In Lloyd Georges Memorandum von 1919 sei der beherrschende Gedanke die Furcht, Damals habe Lloyd George Angst davor gehabt, daß Deutschland bolschewistisch werde und sich 'Ruß­land anschließe. Diele Angst erscheine in dem! Memorandum als Leitmotiv. Ein Jahr nach der Abfassung dieses Dokumentes, wie es der Daily Chronicle" nenne, sei Deutschland nicht von dem Bolschewismus, sondern von dem monar­chistischen Staatsstreich von Kapp bedroht worden. Das bewiese, daß man als Prophet auch außer­halb des eigenen Landes nichts gelten könne. Lloyd ©corge wolle, daß Deutsch­land ihm verzeihe, Sieger zu fein. Er wolle in Genua auf dem Gebiete der außen­politischen Lage eine Wahlplattform schaffen Hoffen wir", so schließt das Blatt,daß diese Kombination v^der Europa noch unseren eng­lischen Alliierten teuer zu stehen kommt."

"Ein amerikanischer Druck auf Frankreich.

Paris. 26. März. (WTB.) Rach einer Hava^meldung aus Washington haben die Ver­einigten Staaten den alliierten Re­gierungen eine neue Rote zugehen lassen m der erklärt wird, die Behandlung der ameri­kanischen Forderung betreffend die De- sahungskosten wert>e nicht von der Mög­lichkeit berührt, daß die französische Desahungs- kostenrechnung noch nicht völlig beglichen sei.

DasEcho de Paris" bemerkt hierzu die Rote scheine zum Ausdruck zu bringen ' daß Amerika auf Frankreich einen Druck auszuüben beabsichtige, um eine Herab­setzung der Rüstungen durchzusehen.

! General Nollet besteht auf der Einschränkung der deutschen

Ordnungspolizei.

Berlin, 25. März. (WTB.) Dem Reichs- Minister des Auswärtigen ging am 24. März folgende Rote des Vorsitzenden der inter­alliierten Militär - Kontrollkom­mission in der Ordnungspolizei­frage zu:

Ich beehre mich, den Empfang Ihres Schrei­bens vom IJj. März betreffend die deutsche Polizei zu bestätigen. Indem sich die Kommis­sion daraus beschränkt, zu gewissen Puntten der in diesem Schreiben enthaltenen geschichtlichen Darlegung alle Vorbehalte zu machen Punkte, die nicht immer mit dem Inhalt der aus- getauschten Schreiben oder mit den Kontroll­berichten über einstimmen wird sie sich nur mit den Maßnahmen als solchen befassen, die vorgeschlagen werden, um den Entscheidungen der alliierten Mächte Genüge zu tun. Ohne die Be­deutung dieser Maßnahmen zu verkennen be­sonders hinsichtlich des Materials und der Auf­lösung der technischen Einheiten weist die Kommission auf die darin enthaltenen Lücken und wichtigen Auslassungen hin.

In erster Linie erhellt daraus nicht, daß die Gesamtheit der deutschen Länder entschlossen ist, der staatlichen Polizei den Charakter zu geben, den sie 1913 hatte. Die Kommission kann sich nur dann dazu verstehen, eine Ausdehnung der Verstaatlichung im Vergleich zu dem Stand von 1913 in Erwägung zu ziehen, wenn alle Länder das von den alliierten Regie­rungen durch die Roten von Doulogne und Paris ausdrücklich in Erinnerung gebrachte Prin­zip der Rückkehr zur Organisation von 1913 a n erkennen. Es ist deshalb wesentlich, daß die Annerkennung dieses Prinzips von allen Ländern des Reichs formell zum Ausdruck ge­bracht werde. Die Kommission beehrt sich barum zu ersuchen, daß ihr dies bis kommenden 5. April zugesichert wird. Die Ausdehnung der Verstaat­lichung wird natürlich nur als eine Abweichung von der Organisation von 1913 angesehen wer­den können. Sie muh deshalb in jedem ein­zelnen Falle den Gegenstand eines schrift­lichen und begründeten, an die Kommission ge­richteten Antrages bilden.

Des Ferneren enthält das Schreiben keine ge­nauen Angaben übet die Zahl der Schuh­polizei-Einheiten, deren Auflösung es vorsieht. Es müssen alle vorhandenen Einheiten, die in der Organisation von 1913 nicht bestanden, verschwinden. Die einzigen genehmigten Zusam­menfassungen sind diejenigen, welche in der Or­ganisation vorhanden sind. Die Vermehrung der Zahl kann nur in der gleichen Weise zugelassen werden, wie die Abweichungen, von denen oben gesprochenn ist.

Schließlich sind in dem Schreiben folgende Fragen erwähnt:

1. Die Maßnahmen, die bezwecken, das An­stellungsverhältnis bei der Polizei ge­setzlich zu regeln.

2. Die Abschaffung der Verwal­tungsdienst st eilen bei der Schutzpolizei.

3 Die Abschaffung der Stäbe, die unter verschiedenen Formen bei den Zivilbehörden gebildet sind

4 Die Verabschiedung der militärischen Kadres bei Sicherheitspolizei, die in der jetzi­gen Polizei erhalten geblieben sind und

5. Das Verbot militärischer Hebungen, da die Polizeiangestellten gemäß Artikel 162 des Friedensvertrages nur im Cin- zelgebrauch der ihnen zur Verfügung gestellten Waffen unterrichtet werden dürfen.

Die Kommission besteht darauf, daß es not­wendig ist, die Lücken auszufüllen und die oben angeführten Auslassungen nachzuholen. Sie be­ehrt sich zu verlangen, daß dieser Rotwendigkeit schleunigst Rechnung getragen wird, derart, daß die deutschen Länder spätestens zum kommenden 25. Mai alle Ausführungsbestimmungen erlas­sen, die zur Sicherstellung und Umgestaltung ihrer Polizei unentbehrlich sind.

Die Rechtsverletzung an der Weichsel.

Berlin, 25. März. (WB.) Die Bot­schafterkonferenz in Paris hat beschlossen, die Ausführung des Beschlusses ber Dotschafterkonferenz in der Weichselfrage vorläufig auszusehen und zunächst die Grenzkommission um Mitteilung der Gründe zu ersuchen, die zu ihrem Beschlüsse führten. Als­dann wird sie prüfen, ob die deutsche Depu- tation angehört werden soll.

Ein Nachspiel zu dem Petersdorfer Zwischenfall.

Berlin, 25. März. Die Interalli­ierte Kommission in Oppeln hat dem dortigen deutschen Bevollmächtigten folgende Rote übergeben :

Die Interalliierte Regierungs- und Ple­biszitkommission in Oberschlcsien beehrt sich, der deutschen Regierung davon Kenntnis zu geben, daß die interalliierten Justizbehörden, denen die ^Untersuchung ton Angriffen übertragen ist, wel- d)en die französischen Truppen am 30. Januar in Petersdorf zum Opfer gefallen sind, Ver­anlassung gegeben haben, Haftbefehle gegen die zwölf nachgenannten infolge des Petersdorfer Zwischenfalles flüchtig gewordenen Personen zu erlassen.

Diese zwölf Personen werden sämtlich be­schuldigt, Straftaten im Sinne des deutschen Reichs st rafgesehbuches begangen zu haben. Sie werden beschuldigt:

1. Sechs Personen mit Rainen Kokender, alzek, Ianoska, Konrad. Schoßtek und H e y n e r t der vorsätzlichen und mit lieber- legung ausgeführten Tötung (Mordes), des Aufruhrs, erschwert durch die Verursachung von Körperverletzungen, sowie der Bildung be­waffneter Banden (§§ 111, 115, 118, 127 des deutschen Reichsstrafgesehluches).

2. Fünf Personen mit Rainen Schlett­wein, Langer, Labihke, PieSka und M e y e r der Bildung bewaffneter Banden (§ 127) und der Beihilfe zum Aufruhr, wie sie dem Kolender und Genossen zur Last gelegt werden.

3. Eine Person mit Qtarnen Pechmann der Drihllfe guv Bildung bewaffneter Banden und der Beihilfe zum Aufruhr, wie sie dem Kolender zur Last gelegt werden.

Die von der Staatsanwaltschaft angeftelltcn Ermittlungen haben ergeben, daß diese Personen in Deutschland Zuflucht gesucht haben. Die Interalliierte Kommission beehrt sich, der beut schen Regierung anliegend eine Liste zu über­mitteln mit der Bitte, mit größter Beschleunigung alle Maßnahmen zu ergreifen, die geeignet sind die genannten Personen festzunehmen und in die Hand der Interalliierten Behörde in Oberschlesien au6)ultefcm. Die Kommission glaubt erinnern zu feilen, daß in allen Fällen, in denen ein bimi deutschen Strafgericht unterworfener Verbrecher nach Oberschlesien gelangt ist. sie nicht ver­fehlt hat, dem Antrag ber deutschen Regierung stattzugeben. Sie erwartet mit Recht von bei Reichsregierung volle Gegenseitigkeit und beschleu­nigte Auslieferung der Beschuldigten."

Der Rote ist eine Liste der bereits bezeich­neten Personen mit ihrer letzten Wohnung bei gegeben. Die Reichsi-egierung hat, bevor sie in eine Prüfung dieses Ersuchens um Auslieferung eintritt, dir Kommission zunächst um Ueberfenbung der Unterlagen ersucht.

Der Waffenftillftandsvorfchlag ffir den Osten.

PariS, 26. März. (WB.) Rach einer HavaS- melbd-ng aus Athen hat die griechische Re­gie r a n g heute ihre Antwort auf den Wafsen- stillstandsvorfchlag ber Alliierten an deren Ge­sandtschaften übermittelt. Griechenland nimmt den Vorschlag an, macht jebod) einige Voi'behalte tech­nischer Art über die militärischen Bedingungen

Die Epidemien in Rußland.

Berlin, 25. März. (Privattel.) Der Prä­sident der ukrainischen Sowjetrepu­blik, Rakowsky, der sich als Delegierter nach Genua begibt, hat sich im Verlaufe einer Unter­redung mit dem Vertreter derVossischen Ztg." über den Umfang der in Ru ßland herr­schenden Epidemien geäußert und gesagt, daß der Typhus etwa 10 Millionen Einwohner hinweggerafft habe. Infolge der Hungersnot hätten die Epidemien, die im Winter 1920 21 etwas eingedämmt waren, einen größeren Umfang angenommen. Gleichzeitig mit dem Typhus sei die Cholera aufgetaucht.

Lenin schwer erkrankt.

Berlin, 25. März. (WTD.) Rach einer Meldung derReuen Derl. Ztg." aus Moskau soll der Zustand Lenins, der an einem Krebs- leiden erkrankt fein soll, so ernst sein, bah an eine weitere Teilnahme LeninS an der Regie­rung nicht zu denken sei.

Aus dem Reiche.

Die demokratische Merbewoche.

Köln, 26. März. (WTD.) Bei Eröffnung der Werbewoche der beutsch-demokra- tischen Partei sagte heute ReichSminister a. D. Dernburg in einer stark besuchten Ver­sammlung u. a., daß die wirtschaftliche Zukunft Deutschlands bedroht sei. Die Zugeständnisse der Entente könnten nicht als Moratorium bezeichnet werden, da. sie uns neue Lasten auferlegen, die selbst bei einer Finanzkontrolle und bei wei­teren 60 Milliarden neuen Steuern nicht ge­leistet werden könnten. Das Gebot der Stunde sci daher, den Alliierten die Unerfüllbarkeit dieser Forderungen klar zu machen und damit den Weg zu vernünftigen Verhandlun­gen frei zu machen. Was uns not tue, et ein wirkliches Moratorium, bad eine Atempause von 510 Jahren vor­sehe, in ber ber eigene Wieberaufbau vorgenom­men und Unterlagen für die Kredite und inter­nationalen Anleihen geschaffen werden könnten. Dies müsie auch in Genua deutlich gesagt wer­den. Für die Erlangung des Kredites sei aber noch ein besonderer Vertrag mit dem Auslände nötig, und dieser könne nur erlangt werden, wenn wir an der Er f ü 11ung s p o li t i k festhalten, soweit wir.können. 2file diejenigen, die die Er- üllung ber eingegangenen Verpflichtungen ab­lehnen, betreiben Sabotage mit dem Kredit des deutschen Vaterlandes.

Der gute Ruf des braunschweigischen Ministeriums.

Braunschweig, 25. März. Sepp Oerter richtete heute erneut A n g r i f f e ge­gen die Mikgfleder des braunschweigischen G e» amtministeriumS, denen er ähnliche Vergehen vvrwirst, wie diejenigen, deren er selbst geziehen wird. Wie die Braunschwei­gische Landeszeitung erfährt, hat das braun­schweigische Staatsministerium die Einsetzung eines parlamentarischen UntersuchungSauS fchusfes in dieser Angelegenheit beantraot.