(falteten. Freilich sind zugleich manche unersreu- liche Begleiterscheinungen einer Papstwahl mit der Zeit verschwunden. Sv kann es nicht mehr Vorkommen, wie im Mittelalter, das; das Volk nach Dekanntwerden des Todes eines Papstes zum heiligen Palaste, der damals der Lateran war, zog, um sich durch Plünderung einen Teil des Vachlasses zu sichern. Auch können nicht mehr die von deir einzelnen Parteien organisierten Demonstrationen des Volkes Vorkommen die dazu bestimmt waren, einen Druck auf die Abstimmung hervvczurusen. Liederhaupt wird auch die Sedis- Vakanz nicht mehr zu einer Ärt Festzeit für das niedere Volk, das es sich zunutze machte, da seine Geistlichen und zugleich weltlichen Obern durch die Papslwahl abgelenkt wurden und so die Zügel der Herrschaft nicht so scharf anzogen. 3m Mittel- alter und der Renaissancezeit war das Interrex, des „Camerlengo" erste Idee daher, sofort bei dem Eintritt der Sedisvakanz für die Sicherheit der Stadt zu sorgen, indem er die Wachen in der Gngelsburg und in der ganzen eigentlichen Papst- fladt der „Cittä Levnina" zu verstärken uird die Engelsbrücke durch die fürstliche Familie Mattei, die dazu das Privileg hatte, sperren zu lassen befahl. Diese Brücke, die einzige, die zum Vatikan führte, durfte dann nur noch nach Vorzeigen der Medaille passiert werden, die der Camerlengo prägen lieh. Außerdem muhte wahrend der Kon° klavezeit jeder Bürger ein Licht zur Nacht an sein Fenster stellen, oenn mit dec Strahenbeleuch- tung in Rom stand es zu jenen Zeiten sehr schlimm. Die letzten LInruhen, die sich trotz aller Dorsichtsmahregeln dennoch ereigneten, verzeichnet die Chronik von 1829 und 1831. 3m ersteren Jahre stürmte das Volk nach dem Tode Leos XN. alle Kneipen, weil der strenge Papst zu seinen Lebzeiten angeordnet hatte, dah sie durch Verschlage abgeteilt würden, die nur einen Steh- Irunf erlaubten. 1831 platzte aber nach Pius' VIII. Tod vor dem Vatikanportal eine Bombe, und sieben Tage später eine Petarde.
Aber mit den Ausschreitungen sind auch, wie gesagt, die malerischen Auf üge und Prozessionen st>rtgefallen, die das Stadtbild so schön belebten. D'e berühmteste Prozession war die des römischen Welt- und Ordensklerus, die jeden Tag während der Wahl von der Kirche St. Apostoli zum Vatikan zog und dort fragte, ob schon der neue Herr ge- üxÜjlt worden sei, und dann, wenn die Antwort negativ ausfiel, desselben Weges unter Anrufung des heiligen Geistes und dem Gesang „Deni Creator Spiritus" zurückkehrte. Seit 1870 fällt auch der feierliche Transport der Speisen an die eingeschlossenen Kardinale fort, der stets Gelegenheit zu pomphaften Aufzügen gab.
Aach der Neuordnung der Dinge hat man in jebem Konklave im Vatikanpalast selbst eine Küche eingerichtet, so dah sich die Purpurwähler nicht mehr das Essen bringen zu lassen brauchen. Von dieser Küche machte 1878 aber Kardinal Hohenlohe nicht Gebrauch, er zog es vor, am alten Brauche festzuhalten. 3m Jahre 1903 wich auch der Kardinal Daszarh von diesem Brauche ab, weil man ihm nicht gestattet hatte, seine ungarische Köchin mit in den heiligen Derschbih mitzunehmen, und so wurde auch ihm das Essen auswärts zu- bereitet. Aach einer alten Chronik verlief ein solcher Speisentransport folgendermahen: Die Edel- leute der Kardinale holten die Mahlzeit in dem Galawagen ihr«' He rren ab. Begleitet aber würben ' sie vom „Oberseneschal-Dapifer", der mit seinem . Kopfe für die Giftfreiheit bes Essens bürgte. Er folgte mit anderen Lakaien in anderen Wagen, so - dah jeder Kardinal einen eigenen Festzug hatte, den „porta-pianzo". Das Diner befand sich in einem Korb oder Dlechtopf, die mit einem violetten Tuche bekleidet waren, wenn der betreffende Kardinal von dem letztverstorbenen Papste ernannt worden war, mit einem g&nen, wenn ihn einer von dessen Vorgängern kreiert hatte. So fuhr man mit langsamer Feierlichkeit bis zum Konklareort, gewöhnlich den Quirinalpalast, und nun bildete sich ein neuer Zag. Voran gingen zwei Lakeien, die Stäbe mit dem Wappen be3 Kardinals trugen, deren Farbe wieder entweder violett oder grün waren. Ihnen folg e ein „Mazziere", ein Diener, der eine silberne Keule mit dem K)lben nach unten trug. Daranf kam der Sperteträger, die Serviette auf der Schulter und links und rechts gefolgt vom Stallmeister und dem M:n s^ert. Ten Schuß b L beten die Küchendiener, die die Schüsseln aus Silber und die Zukost tragen. An einer der vier Drehscheiben (Rote), an deren der Verkehr mit der Au e tee t gestattet war, er. p fingen den Zug die mit ihrem Kardinal ein geschlossenen Begleiter, die sog. Konklavisten, nahmen die Sveisen in Empfang und überreichten sie den Türwächtern, meist höheren Geistlichen, die untersuchten, ob in den Gerichten keine Zettel oder Briefchen versteckt waren. Solche Ein- schmuggelung ist streng verpönt, und auch heute noch ist die Vorschrift des Papstes Pius IV. in Kraft, die die strengste Ueberwachung aller Dinge anbefiehlt, die in den abgeschlossenen Konklave- raum eingeliefert werden.
* * *
Die hessisch« Regierung zum Ableben des Papstes.
Darmstadt, 25. Jan. Auf die Mitteilung des Bischofs Dr. Ludwig Maria Hugo in Mainz vom Ableben des Papstes Benedikt XV. hat das Ge samt - ministerium in einem Schreiben an den Bischof die herzlichste Teilnahme der hessischen Staatsregierung an der Trauer ausgesprochen, in welche die kathv lischen Volksgenossen durch den Verlust ihres kirchlichen Oberhauptes versetzt worden sind. Alle Telle der Bevölkerung werden das Ableben des Papstes Benedllt XV. schmerzlich empfinden, eines Mannes, der sich durch seine unentwegten Friedensbemühungen und seine unermüdlichen Anstrengungen, die Völker der Welt wieder einander näher zu bringen, unvergängliche Verdienste erworben hat. Als Vertreter der Landesregierung wird an dem am Donnerstag, 26. d. Mts., im Dome zu Mainz stattfindenden Tvauergottes- dienst der Minister des Innern v. Brentano tellnehinen.
Wettervoraussage
für Freitag:
Wolkig, strichweise Schneefälle, kühl, wech- felnbe Winde.
Das östliche Hochdruckgebiet nimmt weiterhin an Intensität ab. Aur langsam macht sich ein allmählicher Witterungsumschlag gdtenb
Aus Stabt uns ttanb. | Dietzen, den 26. Ian. 1922.
Wechsel in der Provinzialdireltion.
Laut „Darmstädter Zeitung" erfolgten am 23. Januar folgende Ernennungen: Der Provinzialdirektor der Provinz Rheinhessen und Kreisdirekwr des Kreises Mainz. Ge- heimerat Wilhelm Best, zum Provinzial- direkwr der Provinz Starkenburg und Kreisdirektor des Kreises Darmstadt; der Provinzialdirektor der Provinz Oberhessen und Kreisdirektor des Kreises Gießen, Geheimerat Dr. Karl LI s i n g e r. zum Provinzialdirektor der Provinz Rheinhessen und Kreisdirektor des Kreises Mainz; der Staatsrat im Ministerium des Innern Ludwig Matthias zum Provinzialdirektor der Provinz Oberhessen und Kreisdirektor des Kreises Gießen, sämtlich mit, Wirkung vom 1. Februar 1922 an.
In den Ruhestand versetzt wurde der Provinzialdirektor der Provinz Starkenburg und Kreisdirekwr des Kreises Darmstadt, Geheimerat Friedrich Feh, auf sein Nachsuchen unter Anerkennung seiner dem Staate geleisteten Dienste. Durch Entschließung des Ministeriums des Innern soll er zum stellvertretenden Vorsitzenden einer zu bildenden Kommission für die Verwaltungsreform bestellt werden. »
Geheimerat Dr. Llsinger erfährt mit seiner Versetzung nach Mainz die gleiche Berufung wie sein Vorgänger Dr. Breidert, der vor 12 Jahren ebenfalls die Hauptstadt Oberhessens mit dem „Goldenen Mainz" vertauschte. Dr. Llsinger übernahm in Gießen am 4. März 1910 die Geschäfte des Pro- vinzialdirektors. In seine Amtszeit fallt die Vollendung der elektrischen Liebe clandanlage und des Kraftwerks Wölfersheim, denen er seine besondere Förderung zuteil werden ließ. Während der Kriegsjahre, die bei vermindertem Deamtenstab die Verwaltungsarbeiten häuften, wußte Dr. Llsinger durch geschickte Organisationen, Heranziehung geeigneter Hilfskräfte . und eigne rege Tätigkeit allen billigen Anforderungen gerecht zu werden. Wer mit ihm in Berührung kam, erfuhr sein von starren bureaukratischen Formen freies Wesen, seine Neigung, in geeigneten Fällen auch durch offene Auseinandersetzungen seinen Standpunkt sowie Interessen oder Ziele seines hohen Amtes zu vertreten. — Dr. Llsinger ist 1864 in Mainz geboren und war vor seiner Llebersiedelung nach Gießen Ministerialrat und Vorsitzender der Abteilung für Landwirtschaft, Handel und Gewerbe.
Der neue Provinzialdirektor, bisher Ministerialdirektor, Staatsrat Ludwig Matthias, ist geboren am 11. August 1872 in Echzell (Oberhessen), wo sein Vater Arzt war. Sein Großvater, Matthias, war Direktor der Taubstummenanstalt in Friedberg. Staatsrat M. hat eine sehr rasche, glänzende Karriere im Ministerium des Innern hinter sich; er war lange Jahre Vortragender Rat im Ministerium, sodann im Kriege und nachher Bundesratsbevollmächtigter, und zuletzt hessisches Mitglied des Reichsrats sowie stellvertretender hessischer Gesandter.
*
♦* Amtliche Personalnachrichten. Ernannt wurden am 18. Januar die Polizclwacht- meister auf Probe Julius Barth aus Gießen, Heinrich Farr aus Wolferborn bei Gelnhausen, Ernst Kohn aus Funkenhagen (Kreis Templin), Heinrich Liebermann aus Grebenhagen(Kreis Homberg), Richard Pietsch aus Hungen. Otto Rau aus Eichelsdorf (Oberhessen), Wilhelm Walther aus Eckartshausen (Kreis Büdingen), Josef Wieder aus Roth a. d. Roth (Württemberg), Karl Zimmer aus Groß-Eichen (Kreis Schotten) zu Poll-eiwachtmeistern mit Wirkung vom 7. Januar 1922 an bei dem Polizeiamt Gießen.
** Schulaufnahme. Die Anmeldung der in Gießen wohnenden Kinder, die bis zum 1. Mai 1922 das 6. Lebensjahr zurucklegen, zur Volksschule hat zu erfolgen für Knaben am Montag, cem 30. Januar, vormittags 9—11 Llhr, in dec Stadtknabenschule, für Mädchen am Dienstag, dem 31. Januar, in der Stadtmädchenschule.
** Kleinrentner. Man schreibt uns: Die Ortsgruppe Gießen des Deutschen Rentnerbundes ist bestrebt, die Interessen dieses Standes sowohl durch Raterteilung in Einzelfällen und Lurch Besprechungen in den jeden Donnerstag stattfindenden Vorstands- und WirtschaftSauSschuhsitzungen, wie in den all- monallich abgehaltenen allgemeinen Monatsversammlungen zu behandeln. Die Ortsgruppe zählt gegenwärtig 300 Kleinrentner zu ihren Mitgliedern. Als wichtigste Aufgaben betrachtet die Vereinigung die Erreichung wirtschaftlicher Vortelle durch gemeinschafllichen Bezug von Lebensrnitteln und Hausbedarfs- gegenstänüen, Verbilligung des Bedarfs an Kleidung und Schuhwerk, ärztliche und zahnärztliche Behandlung, ünd schließlich die Gewährung von Beihilfen durch die Gemeinden, die Länder und daS Reich. Denn die Notlage der Kleinrentner hat ihre Hauptursache in der ohne Verschuldung der Betroffenen eingetretenen Entwertung des Geldes. Auf Grund von Fragebogen konnte in Gießen festgestellt werden, daß 8 Prozent der Rentner noch nicht 1000 Mk. an jährlichem Einkommen hatten, 26 Prozent hatten 1—2000, 15 Prozent 2 bis 3000, 15 Prozent 3—4000 Mk. Der Rest bis auf 2 Prozent, der über 10 000 Mk. Einkommen hat, verfügt über Einkommen von 4000 bis 10 000 Mk., wobei zu berücksichtigen ist, daß etwa 20 Prozent der Rentnerfamllien aus zwei und mehr Personen bestehen. Der Zahl nach überwiegen die Rentnerinnen, das Verhältnis ist 73 ßu 27 gegenüber den Rentnern. Dem Alter nach haben die meisten Rentner daS 60. Lebensjahr überschritten.
Bornotizen.
— Tageskalender für Donners" 11 a g. Höcsaal des Anatomischen Instituts, Bahn- I hvfstraße 84, 8y< Llhr: Vortrag der ObechessischM
Gesellschaft für Natur- und Heilkunde. — Kach. Deceinshaus. 8 Llhr: Vortrag Dr. Stählin: „Untere geistige Lage". — Astoria-Lichtspiele, ab heute bis einschließlich Sonntag: „Der große Chef" und „Präriestürme". — Lichtspielhaus Bahnhofstraße, ab heute: „Jacks Geheimnis" uno „Was tat ich dir?"
— Aus dernStadttheaterbureau. „Peter Brauer", das neue Werk Gerhart Hauptmanns, das am Mittwoch, 1. Februar, zum ersten Male hier zur Aufführung gelangt, hatte bei seiner Llraufführung im November vorigen Jahres in Berlin am Lustspielhaus einen durchschlagenden Erfolg. Die Berliner Kritik schrieb damals: „Bei dieser Porträtstudie, der es nicht an niederländischer Saftigkeit fehlt, verweilt Hauptmann mit seiner ganzen künstlerischen Freude und Liebe. Cs gibt keinen deutschen Dramatiker der Gegenwart, der Hauptmann eine Gestalt wie diesen Peter Brauer nachzuschaffen vermöchte."
— Konzertverein. Das nächste Konzert am Sonntag den 29. Januar bringt eine feingewählte Auslese aus dec allzu selten in den P og ammen berih fichtt;ten Trioliteratu c. Bargeboten werden die Vorträge von dem Kölner Trio bet'Herren Llzielli (Klavier). Dram-Eldering (Violine) und Em. Feuer- mann (Cello). Das Verlangen nach einem Klaoiertrio-Abend ist in Gießen besonders rege, weil die früher so beliebten regelmäßigen Trio- Abende der Herren Trautmann, Redner und H e g a r zum großen Leidwesen aller Freunde vornehmer Kammermusik seit Jahren eingegangen sind. Für das bevorstehende Konzert find vorgesehen: Dvoraks f-Moil-, Brahms C-Moll- und Schuberts 8-Dur-Triv. Für dieses köstliche, an Melodien so reiche Weck, bet dem selbst die göttliche Länge nicht ermüdet, werden alle Hörer dankbar sein, ebenso für das in der Mitte stehende Brahmssche Trio, das kompositorisch wohl den Höhepunkt des Programms bedeutet. Bei der abgeklärten seelenvollen Act, wie sie den Vorträgen des Kölner Trios zu eigen ist. darf man einen hohen künstlerischen Genuß erwarten. Freunde guter Musik mögen sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen. Eintrittskarten sind bekanntlich bei Ernst Challier und abends an der Kasse zu haben.
— Vortrag Liman v. Sanders. Der Vorverkauf hat begonnen und xeigt schon setzt das rege Interesse, das dem Verteidiger von Konstantinopel entgegengebracht wird. Konstantinopel — das Ziel dec englischen und rassischen Polttll, der Pol der deutschen Tagdadbahn — and leine Verteidigung während des Krieges werden unter der Mo bereu Berücksichtigung der Dez eh ing n Deutschlands and Eigands zu der Tucker ans nahergebcacht werden, bildlich sowohl wie besonders durch den Vortrag des Mannes, der wohl am ehesten berufen ist, aus seiner Erfahrung heraus dieses Gebiet zu behandeln.
— Die Deutschnationale Volks- Partei häll am Donnerstag, dem 2. Februar, abends 8 Llhr. im Postkeller ihre Hauptversammlung ab.
Landkreis Gießen.
* Watzenborn, 25. Jan. Am nächsten Sonntag begeht der Gesangverein Sängerkranz dahier das Fest seines 45jährigen Bestehens. Aus Anlaß dessen veranstaltet der Verein ein Gesangs- und Musikkonzert, bei dem Kunstchöre und'Volksweisen zum Vortrag kommen. Die Leitung deS Konzerts liegt in den Händen des bewährten Dirigenten H. Blaß.
x Wieseck, 25. Ian. In der letzten Gemeinderatssitzung wurde das Wassergeld erhöht auf etwa das Doppelte das Sprunggeld beim Rindvieh auf 20 Mk., bet den Ziegen auf 8 Mk. und bei Schweinen a if 30 Mk.; auch die Verpachtungspreise der Gemcindeplätze erfuhren eine zeitgemäße Hera lf- setzuna Beschlossen wurde das Einrahmen der Gedenktafeln mit den Bildern uns2ter Kriegsopfer in der Kirche, wodurch ihre bessere Erhaltung gesichert ist. Die endgültige Kriegerehrung unserer Gemeinde können aber und sollen diese Tafeln nicht lein. Haupt sächlich aus künstlerischen Gründen soll hier jedoch nichts übereilt werden; unser Dorf ist nicht reich an geeignten Plätzen, und man wird wohl auch diesmal wie 1871 auf dem Friedhof einen solchen suchen. Vielleicht kommt man auch hier, wie anderswo, zunächst zur Verbindang des Gedankens dec Kriegerehrung mit einem andern durch Beschaffung einer Kriegergedächtms- g l o ck e. Die Glockenfrage ist mit der ablehnenden Haltung des Gemeinde ats in seiner letzten Sitzung noch nicht erledigt. Andere Gemeinden — so Großen-Bulcck mit vier Glocken — gaben hier ein gutes Beispiel, das nachzuuhmen im so leichter gewesen wäre, als fast ein Drittel der bet längerem Warten sich steigernden Anschaffungskosten durch freiwlllige Spenden aufgebracht werden; solche gehen aus allen Kreisen der Bevölkerung noch immer ein, werden aber nie reichen, am die Baupflicht der bürgerllchen Gemeinde bei dieser Sache nicht in Anspruch zu nehmen.
Kreis Alsfeld.
§ Nieder-Ohmen, 25. Ian. Einem hiesigen Iagdpächter gelang es. einen Edelmarder zu erlegen. Wenn er für den Balg 3000 Mark erlangt, wie jüngst über einen solchen Preis berichtet wurde, so hat er eine gute Deute gemacht.
§ Ober-Ohmen, 25. Ian. Ganz er» staunlich hohe Preise wurden bei der Brenn holzver st eigerung aus den Ried- eselschen Waldbezirken zu Llnter-Seibertenrod erzielt. Das Meter Duchenscheit, das auf dem Tarifpreis von 110 Mark stand, wurde mit 200 bis 250 Mk. bezahlt, also 4 Raummeter mit 1000 Mk., die im Friedenspreis auf 30—40 Mk. gestanden. Buchenprügel kosteten das Meter 170 bis 200 Mk., Reiser das Meter 20 Mk., Stocke bis 100 Mk. Holzhändlec waren wohl auch anwesend. aber sie machten das Holz nicht teurer, sie boten nicht mit. Ja. die Leute, die Geld haben!
§ Aus dem Ohmtal, 25. Ian. Wenn die Ohm, ein pures Quellwasser, z u f r i e r t, wie es seit vorgestern der Fall, dann krachen dem Fuchs und dem Hasen die Rippen im Leibe. Eine Kälte von —10 Grad Reaumur bei schneidendem Nordvst, das ist lange nicht dagewesen. Die Diehbesitzer verwahren ihre Ställe mit dichten Strohbelegen, ja in einem Schweinestalle wurde ein Ösen aufgesetzt, um die Tiere gegen die Kälte zu schützen. Strenge Herren regieren nicht lange. Hoffentlich!
Kreis Lauterbach.
§ H ö r g e n a u. 25. Ian. Die Mitteilung aus dem Vogelsberg über den Niedergang der
Flachsindustcie trifft für unseren Ort nicht zu. Hier steht dieses Hausgewerbe noch in vollem Schwung. Abends gehen die Mädchen, oft zu zehn, mit dem Spinnrade zur Spinnstubc und spinnen ihren Flachs wie zu Großvaters Zeit. Wir kennen Familien, in denen alle erwachsenen Glieder abends mit dem Flachsspinnen beschäftigt sind. Die Männer spinnen den Flachs zum Anzug, die Frauen den Einschlag zum Tuch- weben. In unserem Ort hört man denn auch den Schlag der Webstühle. Es gibt kaum ein Haus, in dem Winters nicht 2—3 Stücke Lein wand gewoben werden. Hier gilt noch der alte Dauecnkernspcuch: Selbstgespvnnen. selbslgemachi — das ist reine Dauern tracht.
Kreis Friedberg.
fpd. Friedberg, 25. Ian. Die beiden Galizier Moses Rottenberg und Moritz Horowiz, in Frankfurt wohnhaft, haben in einer der letzten Nächte aus der hiesigen Synagoge zehn Gebetmäntel und verschiedene silberne Gegenstände gestohlen. Man nimmt an, daß die beiden Diebe auch die in der letzten Zeit in Worms und Mainz vor- gekommenen Synagogeneinbrüche verübt haben.
Starkenburg und Rheinhessen.
fpd. Offenbach, 25. Ian. Ein hiesiger Maurermeister führte beim Provinzialausschuh Klage gegen d i e Stadt Offenbach, weil er für feine Haushälterin zur Angestelltensteuer hecangezogen wurde, obwohl er durch den Tod seiner Frau für die Erziehung seiner 6 Kinder und die Ordnung des Haushaltes eine Person benötige, wofür er die gesetzliche Steuerfreiheit beanspruchen könne. Die Stadt Offenbach ist da gegen der Ansicht, dah der Meister sehr wohl in der Lage sei, den geringen Betrag von 100 Mk. zu zahlen und erreichte auch die kostenpflichtige Abweisung des Mannes.
Hessen-Nassau.
Ein Familiendrama.
fpd. Frankfurt a. M„ 25. Ian. Ein blutiges Farnlliendraina spielte sich heute nachmittag im Hause Friedberger Landstraße 214 ab. Der hier wohnhafte etwa 40jährige Invalide Konrad Kuhn geriet mit seiner Frau in Streit und tötete sie im Verlauf desselben durch mehrere Beilhiebe auf den Kopf. Dann wickelte er die Leiche in Bettücher und klemmte sie unter das Bett. Hierauf zündete er die Wohnung an. Alsdann erhängte er sich an der Türklinke. Die Feuerwehr löschte in kurzer Zeit den Brand und fand erst bei den Auf- räumungSarbeiten die Leiche der Frau vor. Da Kuhn schon wiederholt in Heilanstalten war, nimmt man an, daß er die Tat in einem Anfall geistiger Llmnachtung vollbracht bzw. in solchem den Streit mit seiner Frau herbeigeführt hat.
mc. Frankfurt a. M., 25. Ian. Ein höherer Reichsbeamter war von Magdeburg nach Frankfurt versetzt worden und suchte eine Wohnung. Mit Hilfe eines Tausch- bureauS erhielt er für seine Magdeburger Wohnung eine solche in Dresden. Diese wurde wieder mit einer Wohnung in Stuttgart vertauscht. Die Wohngelegenheit in der württem- bergischen Hauptstadt nahm ein Cölner Kaufmann in Besitz, dessen Wohnung am Rhein ein Frankfurter bezog. Der Magdeburger Beamte zog nun in die für ihn fteigewordene Frankfurter Wohnung. — Durch ihre Scheinwerfer gegenseitig geblendet, kamen auf der Friedberger Landstraße zwei Kraftwagen nus der'Fahrtrichtung. Das eine Auw fuhr auf den Bürgersteig und überrannte einen gerade nach Haufe gehenden städtischen Beamten. Der Mann erlitt einen doppelten Schädelbruch, an dessen Folgen er verstarb.
* Frankfurt a. M., 25. Jan. Der landwirtschaftliche Vortrag Skur- sus, ijj dem hier über die verschiedensten die praktischen Landwirte interessierenden Gebieten anerkannte Fachauwritäten aus ganz Deutschland sprachen, war von außerordentlichem Erfolg begleitet. In den erstatteten Referaten wurden die neuesten Forschungen behandelt. Von der hiesigen Universität hat Prof. Dr. K r a e m e r einen interessanten Vortrag über: „Formalismus in der Tierzucht" gehalten, der bei den Zuhörern lebhaften Beifall fand.
fpd. Fulda, 25. Ian. Beim Kornrösten fingen in Stellberg die Kleider der 15jährigen Maria Karges durch eine plötzlich hervorstechende Herdflamme Feuer. DaS Se Mädchen sprang, am ganzen Leibe bren-
, auf die Straße, wo man ihm Hilfe zuteil werden ließ. Seinen furchtbaren Verletzungen ist es in kurzer Zeit erlegen.
Vermischtes,
Theaterbrand in Dessau.
Setfau, 25. Ian. (Wolff.) 1 Llhr 40 Win. mittags: Das Friedrich-Theater, das frühere Hvftheater, steht feit einer Vier eir unde tn Flammen. Dec defige ©ebäate'.omple): bildet ein einziges Flammenm.ec. An eine Re lang ist nicht zu denken. Auch das Elektrizitätswerk ber Stadt Dessau Ist gefährdet.
Dessau, 25. Ian. (Wolff.) Zu dem Brandt des Friedrich-Theaters wird weiter gemeldet: Das Theater ist völlig vernichtet. Dec Brand brach während bei- Probe aus. Er entstand durch Kurzschluß und sand an den zahlreichen Theaterrequisiten reichliche Llahrung und breitete sich mit rasender Schnelligkeit auf d e angrenzenden Räume aus. Llm 12y3 Llhr bereits waren die an das Theater angrenzenden Kammerspiele von dem Feuer ergriffen und eine halbe Stunde später vernichtet. Die Dessauer Feierwehr sieht dem Element machtlos gegenüber. Deshalb sind die Wehren der umliegenden Städte zur Hilfeleistung herbeige rufen worben. Das Feier E-rettete sich weiter aus unb droht, den gingen umliegenden Häuserblock zu verrichten. Dw beliebte Kammersängerin Frau Hecking wurde ein Opfer der Flammen.
* Theater stellungsloser Schau* s p i e l e r. Llm der großen Arbeitslosigkeit unter | den englischen Schauspielern in etwas zu steuern.


