Ausgabe 
23.12.1922
 
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werksunterneymer wünschten nicht vor dem 10. Januar 1923 zu verhandeln. Gegenüber einem scharfen ©infptud) deS De re ins Deut­scher Stahl- und E.senindustrieUer gegen eine weitere Lohn- und KohlenpreiSerhöyung beim Reichsarbeitsminister betonen die vier Berg» arbeiterverbände auch dem ReichStoirtschaflS» Minister gegenüber, daß sie infolge der fort­schreitenden Teuerung auf Lohnverhandlungen noch vor Ablauf deS.Dezember nicht verzich­ten können.

Die Dotlage der freien Berufe.

Berlin. 22. Dez. Die Zentrumsfrak- tion deS Reichstages hat der ..Germania" zu­folge einen Antrag eingebracht, wonach der drückenden Notlage der freien Be­rufe Rechtsanwälte, Aerzte. Schriftsteller, Redakteure dadurch entgegengewirkt wer­den soll, daß arbeitsfähige Angehörige dieser Berufe, die eine Familie zu versorgen haben, in geeigneten Verwaltungsstellen statt der dort tätigen unverheirateten Aushilfskräfte be­schäftigt werden, soweit dies ohne Benachtei­ligung anderweit entbehrlich gewordener Be­amter usw. geschehen kann.

Personalvermindenmgen bei der Eisenbahn- Verwaltung.

Berlin, 22. Dez. Wie der .Lokalanzeiger" hört, beabsichtigt die ReichSeisenbahnver- toa 11 u n g eine beträchtliche Verminderung des Personals durchzuführen. Dis 31. März sollen 5500 Werkstättenaroeiter und ausgebildete Lehrlinge entlassen werden, ferner soll 20 000 Bediensteten die Kündigung aus dem Staats­dienst zugehen; hiervon werben 6570 Arbeiter und Angestellte sowie 13 370 Beamte betrossen. Be­sonders sollen solche Bedienstete die Kündiguig erhalten, die sich als unbrauchbar oder arbeits- u'.lustig erwiesen haben. Mil dem verminderten Personal soll unbedingt ausgekommen werden.

Revision im Harden-Prozeh.

Berlin, 22. Dez. DieCB. 3- am Mittag" meldet, daß der Rechtsbeistand H a r d e n s beim Reichsgericht Revision in dem Prozeß gegen Weichardt und Grenz, die den Anschlag auf Har­den verübten, eingelegt habe.

Gegen ein Kaiserdenkmal.

Gera. 23. Dez. 3n der gestrigen Stadt­ratssitzung in Gera wurde, wie dasB.T." meldet, mit 25 Stimmen der Kommu -- nisten undSozialisten gegen 2 4 Stimmen der Bürgerlichen beschlos­sen, das bronzene DenkmalKaiserWil- helms I. abzubrechen und die Bronze- re cke zu verkaufen.

Das Reichsbahnwerk Nied.

Während des Krieges und in den folgenden Jahren ist in Ried a. W., zwischen Frankfurt und Höchst a. M., eine Lokomotivausbes- serungswerkstätte entstanden, die. nach einem Bericht derKöln. Ztg." sowohl hinsichtlich ihres Aufbaues als auch ihrer technischen Ge­staltung als ein Musterwerk bezeichnet werden darf. Während die Wicderherstellungsfristen vor dem Kriege 90 bis 100 Tage und nach dem Kriege bis zu 200 Tagen betrugen, sind heute nur noch 30 bis 90 Tage notwendig, obschon die eisernen Feuerbuchsen aus der Kriegszeit wieder durch kupferne ersetzt werden müssen. Durch die An- tocadung eines neuen Verfahi-ens. Erlaykessel ein- bauen, ist die Ausbesserungszeit aber »och weiter auf 4 0 b i S 50 Tage vermin­dert worden Mit seinen 72 Lokomotivständen, mit 1800 Arbeitern und 120 Beamten ist die Leistungsfähigkeit" dieses Reichsbahnwerks sehr er­heblich Das technisch Bemerkenswerteste ist die Ausbildung rationeller Arbeitsvei-sahren in d'e- sem Wert, worin man auch für die Prtvalindustrie Vorbildliches geschaffen hat, so daß sehr häufig Oberingenieure bekannter Lokomotivfab.iken sich in Ried einfinden, um hier Studien zu machen. Durch Ausstudieren der Arbeitsweise, haust; mit Hilfe von zahlreichen photographischen Aufnahmen

und der Verwendung Ser Mtch-ophorographie, arbeitet man fortdauernd daran, für jeden Ar­beitsvorgang das denkbar geeignetste Werkzeug bereitzustellen und die AcbeitsmafchL.len zu ver­vollkommnen. Weiterhin arbeitet man in Ried daran. Material, insbesondere das hochwertige Kupfer, aber auch F ußeisen und anderes einzu- fparen. um dadurch den Gesamtbedarf zu ver­mindern. 3n manchen Fällen ist eS gelungen, durch Verringerung dec verspanten Rohstoffe, z. B. durch Ersatz des Sch'.mpp-ens durch Schmie­den, bis zu 35 v. H. Rohstoffe zu sparen. Der Ab- teilungsl iler R giecungSbaurat Sutzma m zeigte sehr beach enswerte Proben solcher Rohstoff­ersparung. die im Gegensatz zu vielen Kriegsmah- nahmen ohne jede Verringerung der Güte vor sich geht, zum Teil geht sogar durch die Ver­änderung des Verfahren- eine Rohstoffprü­fung vor sich.

Die Arbeitsweise innerhalb dieses Werkes hat auch gegenüber den Veehä.t.üssrn in derarti­gen Staatswerkstätten vor dem Kr ege Verände­rungen erfahren. Ein Werksdireltor mit erheb­licher Selbständigkeit steht heute an der Spitze, OberregierungS- und Daurat Bergmann. Dor allem aber ist zu erwähnen, daß in dem Werk durchweg Akkordarbeit geleistet toub, und daß ein ins einzelne ausgeprobtes Prüfungs- Verfahren jede schlechte Leistung seftstellt. Die Lohnzettel werden erst nach Erledigung des Prüf­verfahrens angewiesen. Dadurch ist man zu einer wesentlichen Verbesserung der Arbeits­leistung gekommen, aber auch zu einer bemerkens­werten Ab i s.rcudtgleit der Be egscha.t die sich auch darin äußert, daß die einzänen Arbeiter technischen Vervollkommnungen, an denen fort­während gearbeitet wird, mit Interesse gegen- übersteHen und selbst dabei mithelfen.

Vielerlei wäre noch über technische Einzel­heiten zu sagen; es genügt hier hervvrzuheoen. daß ein sinnreiches e'etisheS Schweißte fallen einge ich'et ist, um jeden Bruch an den Gußtciien der Maschine wieder zu heilen. Dähreird man früher Zylinder und ähnliche wertvolle Teile der Maschine wegwarf, die heute Werte von mehreren hunderttausend Mark darstellen. werden di se heute unter der Einwir'u ig des elektrischen Lichtbogens zusammengeschw.iöt, so daß oftmals wenige tausend Mark genügen, einen Zylinder oder derartiges wieder voll verwendungsfähig zu machm Aus allen Teilen Deut chlands kom­men nach Ried di de geborstenen Tei.e von Loko­motiven, um hier Wiede rhergestellt zu werden. Man kann nur hoffen, daß die günstigen Erfolge di.-ses Reichsbrtriebs allen übrigen zur Aach- eiferung dienen.

Aus Stabt und Land.

Gießen, den 23. Dezember 1922.

Weihnachten.

Weihnachten, das Fest der Liebe, ist wie­der da. Wie wollen wir es feiern? Sonst war es leicht, andern seine Liebe zu zeigen und ihnen ein schönes Weihnachtsgeschenk zu machen. Aber dieses Jahr? Bei dieser drücken­den Teuerung allüberall? Bei dieser furcht­baren Dot ringsum? Man möchte wohl ge­ben, aber man sieht sich die Hände gebunden. Nicht einmal denen, die Weihnachten im Vor­dergrund stehen und ein besonderes Anrecht auf Weihnachtsfreude haben, den Kindern, kann man ein frohes Fest bereiten. Ein zu trauriges Weihnachten, Weihnachten im schwe­ren Winter 1922! Aber eins können wir auch dieses Jahr tun. Ein Elternpaar war dabei, seinen Kindern den Weihnachtsbaum auszu- putzen. ES fehlten nur noch die Lichter. Wäh­rend der Vater die Lichter auf den Zweigen befestigte, ging die Mutter prüfend um den Baum herum, um zu sehen, wo noch eins fehle. Komm her, hier ist noch eine dunkle Stelle, hier gehört noch ein L ich t hin", rief sie. Die­ses Wort traf den Mann tief. Er fing an nach­zudenken: Wieviel dunkle Stellen gibt es doch

(Siebener Stadttheater.

Kain.

Sdr mythisches Gedicht tn 5 Auszügen von An ton W i l d g a n S.

Gießen, 23. Dez. 1922.

Die alttestamentliche ileberlieferung von dem ersten Verbrechen, das in Gestatt des grauen­vollen Brudermordes den dunklen Trieben des menschlichen Herzens entsproß, ist ein Stoff, der begreiflicher Werse zur dramatischen Bearbeitung anlvckt. Eine starke Kraft mir darf es wagen. Ge­stalten dec ältesten Menschheitsgeschichte mit Fleisch und Blut erfüllen zu wollen, ohne bei dieser schweren Aufgabe die Grenzen des Mög­lichen und Erträglichen zu verletzen. Anton W i l d g a n s' Weck ist zweifellos von eindring­licher Gewalt, wenn auch die klare Linie in dem Ausbau des Problems nicht immer gewahrt bleibt Kam ist der Sohn der Schlange, er wurde unter dem Fluche Gottes gezeugt, als die ersten Men­schen das Paradies verlassen mußten. Reid, ge­steigert zu Haß, verzehrt ihn beim Anblick der licht- und fteudevollen Gestalt seines Bruders Abel, den Gott, Eltern und selbst die lebende und lote Ratur lieben. So wuchert der furchtbare Ge­danke auf, oftmals wieder erstickt von edleren Regungen, die in merkwürdigem Widerspruch zu der Gesamtcharakteristik des Brudermörders auch dieses finstere Gemüt erhellen. Aber als nun die schreckliche Tat geschieht, da sind eS nicht so sehr die dunklen Leidens chiiten, die das Böse gebären, sondern prometheischec Trotz fordert den Gott heraus, seine Macht zu zeigen, ilnb Kain triumphiert: Straflos hat er den Menschen, die Schöpfung und das Ebenbild Gottes, vernichtet. Richt Gott gebietet über Leben und Tod. son­dern der Mensch ist zu Gott geworden. Kain weiß nun, daß er Leben geben und nehmen kann Doch nicht in diesen Prometheusgedanken klingt das dramatische Gedicht aus Die letzten beiden Aufzüge zeigen erst ganz klar, daß die sym­bolische Darstellung des ewigen Kampses zwi­schen Gut und Böse die Absicht des Dichters gewesen ist. 3n den Klagen der Eltern, beson­ders in den Weherufen der Mutter Eva und in dem geilen Frohlocken Kains wird prophetisch die Leidensgeschichte der Menschheit verkündet Ommer wieder wird das Edle und Schöne im Menschen geboren werden, aber niedere Triebe und unedle Leidenschaften sollen iich als d»e Stärkeren erweisen. 3n diesen Schlußworten dcs Dramas kehrt das heimische Baldur- und Sieg-

siiedmotiv wieder, dessen furchtbaren Pessimis­mus erst die christliche Weltanschauung gemll- dert hat.

Richt die sprachliche und gedankliche Kraft des Werkes allein ist imstande, den modernen Zuschauer zu vollster Anteilnahme hinzureißen. *'-<3.8 wird in hohem Maße eine Aufgabe des Regisseurs bleiben. Und in dieser Beziehung ist Adolf Teleky, der für die Spielleitung ver­antwortlich zeichnete, uneingeschränkte Anerken­nung zu zollen. Er schuf Bühnenbilder, die eine stumme, aber gewaltige Sprache redeten. Den starken Eindruck vertiefte eine höchst wirkungsvolle Beleuchtung. Die Darstellung selbst hiett sich ebenfalls auf wahrhaft künstlerischer Hohe. Karl Juhnke verkörperte in Kain die dämonische Gewalt des Bösen mit faszinierender Furchtbar­keit, während der Abel Hans Frommanns in sonnigem Frohsinn den ausgeprägtesten Kontrast )u dem von finstersten Leidenschaften gepeitschten Bruder bildete. Auch die beiden Eltern wuchsen über die rein körperliche Gestaltung hinaus. Paul Schubert und Auguste M a r ck s verstanden es, Adam und Eva zu Sinnbildern der Mensch­heit werden ».n lassen, die in den Fesseln ihres Wesens das Ideal als unerreichbares Ziel ihrer Sehnsucht erkennen muß, denn das Paradies ist verloren.

Das Publikum schien sich nur langsam für brt>bleinaii|tf>en Stoff erwärmen au wollen, doch darf man der ausgezeichneten Aufführung mit voller Berechtigung regsten Besuch waa,cyca. tr.

je.

Eine Freundin Goethes.

(Aus Briefen der Gochhausen.)

Der Rame der Hofdame der Herzogin Anna Amalie von Weimar, Luise von Gochhausen. ist für Immer mit der Goethe- Forschung verknüpft, denn ihrer fleißigen Hand, die so gerne die Werke der Großen In ihrer Umgebung abschrieb, re - danken wir die Erhaltung de 3 Urfaust es, und ebenso stammt aus ihrem Besitz das einige Exemplar des ,Buhe3 Ann'tte", bai die fiü'e'en Dichtungen aus Goethe; Leipziger Zeit enthält. Aber nicht nur durch diese kostbaren Gab n. die sie der Rachwett hinterließ, lebt die kleine, ver­wachsene, aber außerordentlich geistvolle und lebendige Hofdame fort, sondern »TI u nelda" ober »Thusel" wie der boshafte Soitzname lautete, den man ihr wegen ihrer durchaus nicht helden­hafte» . Erscheinung verliehen hat auch im

tn Der Wem 'Man braucht gar nicht wen zu gehen. Gibt es nicht genug dunkle Stellen im eigenen Hause, im Familienleben, in unserm Gemeinschaftsleben, zwischen Rachbarn und Freunden, Arbeitgebern und Arbeitnehmern, zwischen den einzelnen Schichten und Ständen unseres Volkes? Dunkle Stellen, die häßliche Flecken an unserer Volksgemeinschaft sind? Da gehört Licht hin. Könnten wir es nicht fein, die Licht bringen, hier In ein dunkles Haus, dort In ein dunkles Herz? Könnten wir nicht dazu beitragen, daß ein wenig da und dort das Dunkel der Rot, der Sorge, der Ver­zweiflung, der Verbitterung, des Haffes, des gegenseitigen MißttauenS schwindet und es heller wird in den Herzen und in den Häusern? So können wir auch in diesem Jahre Weih­nachten feiern und dazu beitragen, daß die Menschen um uns wieder glauben lernen an Menschen» und Gottesliebe.

*

** Anordnungen zur Ausführung des Reichsmletengesehes im Bezirk der Stadt Gießen veröffentlicht der Ober­bürgermeister im Anzeigenteile unseres heutigen Blattes. Unter Bezugnahme auf diese Anordnung fordert das Städtische Wohnungsamt alle Ver­mieter von Wohnungen auf, spätestens am 19. Ja­nuar 1923 dem Wohnungsamt anzuzeigen, was ihnen über die Höhe der Friedensmieten der Wohnunaen bekannt ist. Man beachte die Be­kanntmachungen mit voller Sorgfalt.

Oberhessische r Kun st verein. Am nächsten Mittwoch (3. Feiertag), vormittags 11 Uhr. findet im Oberheifischen Kunstverein die Verlosung von Anrechtscheinen statt, an der jedes

Unter dem Zreiheitsbaum.

Am 1. Januar neu h'nzutretende Bezieher Titel soeben erschienenen Arbeit von

(Hara viebig

die in außerordentlich fesselnder Schreibweise ein packendes Zeitbild skizziert, das in man­chen Punkten heute eine wahrheitsgetreue Auslage in den deutschen Westmarken erfährt, beginnt heute

im Gießener Anzeiger.

Am 1. Januar neu hinzu tretende Bezieher erhalten die bisher erschienenen Abschnitteder Erzählung auf Wunsch nachgeliefert.

Mitglied ohne besondere Deitragsleistung tdl- nlmmt. An diesem Tage ist die Ausstellung nur Mitgliedein und deren Angehörigen zugänglich. 3n den ersten Tagen des Januar wird eine Aus­stellung von Werken des süddeutschen Jllustratto- nen-Dundes. Münchener Künstler, eröffnet wer­den. Diese Werke ftnb von einer Jury auSgewählt und nur für eine Ausstellung in Gießen über- lassen. Von hier aus gelangt diese Ausstellung in einem Münchmer Kunstsalon zur Ausstellung. Außer anderen angemeldeten Künstlervereinlgun- gen und geplanten Kollektiv-Ausstellungen be­kannter Künstler beabsichtigen auch die Künst­ler Ob^srhessens eine Frühjahrsausstellung zu veranstalten. Rähere Auskunft über diese ge­plante Ausstellung werden Kunst bild Hauer Köd- Ding- (Sieben, Kunstmaler Fries- Ortenberg und die Gejchästsstelle dcs Kuustveceins erteilen.

* Die Brotmarkenausgabe fin­det am nächsten Donnerstag und Freitag statt. DähereS ist aus der Bekanntmachung im heu­tigen Anzeigenteil ersichtlich.

" Die EinlösungStermine für die 2. Hälfte der Theaterabonne­ment S werden im heuttgen Anzeigentell be­kanntgegeben.

** Die Bestimmungen der Ver­gnügungssteuer werden in einer Be-

gcsellschastlichen Leben der llasslschen Weimarer Zeit deutliche Spuren hinterlassen, unb immer wieder stößt man auf ihren Ra men, mag es sich nun um das Geben Goethes, Schillers, Herders oder Wielands, mag es sich un Feste oder Ge­selligkeit überhaupt handeln. Freilich husch.e bis­her die Gestalt dieses geistvollen Irrwischs mehr tote ein Schemen durch die bunten Maskenseste Alt-Weimars, denn man hörte sie selbst nur toenlg sprechen, und obwohl sie in diesem Zeit­alter des guten Briefes als Briefschreiberin be­rühmt war und Wieland von ihren Schreiben sagte, daß sie dem größten Schriftsteller Ehre machen würden, fehtte bisher eine Sammlung des weitverstreuten 2Naterials. Prof. Dr. Werner Deetjen, der Direktor der Weimarer Landes- Bibliothek, läßt nun soeben unter dem Titel »Die Göchhaufen" bei E. S. Mittler und Sohn in Berlin eine Auswahl ihrer wichtigsten Briese erscheinen und verschafft damit dieser Freundin und Helferin Goethes erst den ihr gebührenden Platz in der Literaturgeschichte. Ein großer Teil dieser Briefe war bisher ungedruckt, und sie vereinen sich zu einem höchst lebendigen Bilde der Weimarer llassischen Zelt während ihrer Hochblüte in den Zähren 17781807. »Thu'nelca" half nicht nur den »Musenhof" der Herzogin Anna Amalie mit schaffen, sondern sie war auch bei den Theater auftüh rangen der Hofgesellschaft In Tiefurt und Ettersburg eine wichtige Persön­lichkeit und sammette selbst um sich an den Freundschaststagen" einen Eli efrelS, den Goethe in eine Art wunderlichen »Minnehof" verwan­delte. Zu Gvethe stand die Gochhausen überhaupt in einem engen Verhältnis; sie redet ihn nicht nur »Edelster" oder »Liebster alle'- ®er-et*^n Räte" an, sondern auch »Be^e?

und er hott sich m Fragen des Hoftons bei ihr Rat, etwa wie er fich bei einer Pcmzeniau.s zu verhalten habe, und was er dazu

und wem er Trinkgeld geben muffe. DcfonverS stolz war sie, wenn fie ihm einmal eine wissen­schaftliche Auskunft vermitteln konnte, oder wenn Ihr der Dichter einzelne Werke, wie -. D. die »Vögel" oder »Paläophrvn und Reoterpe", dik­tierte, da fie eine wundervolle Handschrift besaß.

In ihren Briefen an die Frau Rat, mit der sie eine innige Freundschaft verband, erzählt sie viel von Goethe als Schauspieler. So beschreibt sie z. D. eine Aufführung des Moliöreschen »Arztes wider Willen" auf dem neuerbaulen Ettersburgschen Theater, bei der »Dr. Wolf" sich besonders hervortat. Zum Rachspiel wurde dann fein »ZahrmarktSfest von Plunders»

Tarrnrmad)img des Anzeigenteils erneut der sorgfältigen Beachtung empfohlen.

** Fe st genommene Diebe. Ein Haus' bursche entwendete seinem Arbeitgeber 5 Tl|ch° decken und setzte sie an einen All Händler um. Ein Wäschedieb entwendete au3 einem Garten in den Eichgärten Wäsche und versuchte sie an eine Alt- Händlerin umzuletzen, dabei wurde er festgenom- men. Ein Bettler entwendete beim Betteln aus einem unverschlossenen Korridor Damenlleidec. Die Bestohlenen kamen wieder In den Besitz ihrer Sachen.

*,* * ** 3U <5 H g ft e H u n g. 3n unserem gestrigen Bericht über die Stadtvervrdneten-Sitzung vom Donnerstag mußte es bei dem Referat über die Erhöhung der Schlachthosgebüh- r e n richtig heißen, daß von der erhöhten Gebühr auf das Pfund Fleisch von Großvieh ettoa 6.2 5 Mk. (nicht 20 Ml.) entfallen.

Bornotizcn.

Tageskalender f ü r öamÄtag. Das6 Leib, heute und morgen 8 Uhr: Konzert und humoristische Dorttäge. Astotto^Lichtspiele heute und morgen: »Der rote Schatten"'üud »Tom Mucger. der Bankräuber". Lichtspielhaus, Bahnhofstraße, heute und morgen: »Der Traum" Palast-Lichtspiele, bis einschließlich Montag .Atlantide", 1.2dl, und »Gefangene der Liebe"

Tag e s ka l e n de r für Montag. Städtheater, 7 Uhr: .Kain". Eaf6 Leib, heute und morgen 7 Uhr: Konzert und humoristische Dortrage. Astorla-Lichtspiele, ab beute: »Ver­botene Frucht" und .Fatty als Bühiienheld". Lichtspiell)auS, Bahnhofstraße, ab heule: »Die Deichte einer Ausgestoßenen" und .Der Bienen­stich".

Tages kalen der für Dienstag. Stadttheaier, 3>/z Uhr: »Die Hamburger Fi­liale"; 7 Uhr: »Der letzte Walz>er". Palast- Lichtspiele, ab heute: .Atlantide", 2. Teil, und »Eine Dame der seinen Gesellschaft".

Der Turnverein von 184 6 hält am 1. Feiertag tn der Turnhalle feine Weih­nachtsfeier ab. Für dn schönes Programm ist Sorge getragen, insbesondere werden alle Ab­teilungen ihr turnerisches Können zeigen. (Siehe gestrige Anzeige.)

Der Cvang. Arbeiterverein HSV am 2. Wdhnachtsseicrtag im Bereinslokal seine Weihnachtsfeier ab. (Siehe Anzeige.)

.Wettervoraussage

für Sonntag:

WoMg, dn-elne Regensälle, weslllche Winde ldchte Rachtfröste.

Der große Sturmwirbel über dem Meer Hw sehr an Kraft verloren und wird nur noch ge­ringen Einfluß auf die Witterung haben. «Jür die Feiertage besteht Aussicht auf besseres Wetter.

Kreis AlSfew.

* Mücke, 21. Dez. Das ehemalige Kur­haus Waldesruh führt jetzt den Ramen B t b e l h e i m Waldesruh". Gegenwär­tig werden bauliche Veränderungen in demsel­ben getroffen. Das eine Gebäude wird als Er­holungsheim für ruhebedürftige Prediger der Ehrischonamisfion eingerichtet. Das andere dient dem Inhaber und seiner Familie als Wohnung. Im Festsaal sollen religiöse Ver­sammlungen abgehalten werden.

Starkenburg und Rheinhessen.

tob. Mainz. 22. Dez. Der jüngste Mo­natsbericht der Allgemeinen Orts- krankeitkasse Mainz enthält folgende, für die deutschen SlendSzustände charakteristische Schlußbetrachtung: Aus den Berichten der Kontrolleure geht hervor, daß es bei manchen Kranken in zunehmender Weise an allem Röttgen fehlt. Bei den

Heutiger Stand des Dollars

10 Uhr vormittags:

Berlin 6780, Frankfurt a. M. 6800.

Wellern" gegeben. »Dr. Wols spielte alle fdne Rollen über alle Maßen trefflich und gut, hatte auch Sorge getragen, sich mächliglich, besonders als Marktschreier, heran Szuputzen." Ebenso meldet sie von der Aufführung der »Iphigenie" bet der Goethe »seinen Orest meisterhaft gespiett hat. Sein Kleid, sowie des Dylades seins, war griechisch und ich hab ihn in meinem Leben noch nicht so schön gesehen." »Gestern hat unS der Herr Geheime Legationsrat," heißt eS In einem andern Dries, »ein Schauspiel »Die Laune des Dcrliebten" hier oufgefühn, das ec In seinem 18 Jahre sagte gemacht zu haben und nur wenig Verände­rungen dazu getan. Es wurde recht sehr gut gespielt, und wtr waren den ganzen Tag fröhlich und guter Dinge." Als Goethe nach Italien geht, ist sie eine der begeistertsten ßeferinnert seiner Briefe. »MemeS Erachtens werden seine Briefe immer besser," schreibt sie an Merch .je mehr alles das Große und Herrliche, was mit einem Male auf Ihn zuströmte, sich bei Ihm ruhig fetzen anfangt Sein Genuß steigt täg­lich." Auch ihr war es bald danach vergönnt, mit der Herzogin und Herder Italien zu be­suchen, und sie hat von dieser Reise prachtvolle Briefe geschrieben. Goethe erweckte In Ihr auch naturwissenschaftliches Interesse und half, ihre kleine Sammlung von Mineralien und Fossilien ordnen. »Goethe hat schon diesen und vergangenen Winter mit allerlei über Mineralogie gelehrt schreibt sie an ihren besonders intimen Freund Knebel. »Ich habe eine kleine mineralogische Sammlung, die mir viel Unterhaltung geschasst hat" Von den naturwisscnschastlichen Vorträgen, die Goethe später hiett. und die auch »Papa Wieland" zuweilen besuchte, ist sie sehr entzückt Der Dichter wird von ihr auch als Mode­berater angerufen. So schreibt sie an ihn tm Januar 1798: »Edelster aller Geheimen Räte und immer treu befundener Freund in der Rotk Es hat sich eine kleine Gesellschaft schöner Frauen und Jungfrauen abermals beigehen lassen, auf künftigen Redouten sich auf das zierlichste zu produzieren; da sie aber auf keine Weise ohne Ihren Rai zu Werke schreiten wollen und können, so geht die einstimmige Bitte an öie, sich bewegen KU lassen, morgen3 oder abends nach dem Schau­spiel. wenn eS Ihnen am gemütlichsten ist, ihnen Ihre Gegenwart zu schenken. Die beste Schoko- labe oder nach Zeitumständen Punsch soll Ihrer warten. Um ein freundliche- Responsum bUMf Ihre Gochhausen."

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