funfl einer rechtlichen ©arantte dafür, daß aus allen Dokkskreisen Laien auf die Richterbank gelangen. Das Gesetz über diese Neuordnung müßte möglichst schnell verabschiedet werden, denn die bayerische Regierung habe bereits zugesagt, daß mit dem Inkrafttreten dieses Gesetzes die Volksgerichte verschwinden. Ferner feien vorbereitet das Iugendgerichtgeseh, das die Strafmündigkeit herauffetzt, und das Auslieferungsgeseh. Endlich sei es zur Vorbereitung eines neuen Strafgesetzbuches gekommen und zwar unter Beteili- gung Deutsch-Oesterreichs. Es besteht die beste Aussicht, daß wir als ersten Schritt zur deutsch- österreichischen Rechtsausgleichung ein gemeinsames deutsch-österreichisches Strafgesetzbuch herausgeben werden. (Lebhafter Beifall.) Verschwunden seien in dem Entwurf, der noch dem Kabinett vorliege, die Ehrenstrafen, Zuchthausstrafen und Todesstrafen. (Erneuter Beifall.) Gleichzeitig müsse ein neues Strasvollzugsgefeh verabschiedet werden. Weiter wolle er durch- führen eine Erleichterung der Entscheidung und eine Neuordnung des Rechtes der unehelichen Kinder. Das unbegrenzte Verwandtenerbrecht solle eingeschränkt und das Zufallserbrecht beseitigt werden. Eine der wichtigsten Aufgaben fei die Schaffung neuer Arbeitsgerichte. Die Arbeitsgerichte sollen alle Vorzüge der Gewerbegerichte und Kaufmannsgerichte behalten, auch die besondere Art der Laienbeteiligung und Entbindung von der Iustizverwaltungstätigkeit. Die Spitze bilde das Reichsarbeitsgericht mit den Laienbeisitzern. Das dem Reichstag vorliegende Mieterschutzgeseh sei ein erheblicher Fortschritt int Interesse der Mieter.
Augsburg, 22. Sept. (WTB.) Der sozialdemokratische Parteitag lehnte nach der vom Vorsitzenden Wels vorgelegten Zusammenstellung der Abstimmungen folgenden Antrag Barth ab: Der Parteitag möge beschließen, daß die Partei mit der Deutschen Volkspartei eine Regierungskoali- tion nicht eingeht. Bei der Vorstands- wah l wurden fast einstimmig HermannMül- ler und Wels zu Parteivorsihenden gewählt. In die Kontrolllommission wurde u. a. Reichs- tagspräsident Löbe gewählt. Einstimmig wurde eine Entschließung angenommen, die scharf gegen die Ausweisung der beiden sozialistischen Redakteure in Saarbrücken protestiert. Nach einem Schlußwort tzon Wels wurde der Parteitag ge- kchlossen.
Das Finanzabkommen mit Belgien.
Paris, 22. Sept. (WTB.) Wie der Temps" aus Brüssel meldet, handelt es sich bei den Bonds, die die deutsche Regierung der bclgischeu Regierung au: händigen wird, richtiger gesagt um Wechsel, die fünf Prozent Zinsen i tagen und in sechs Monaten fällig werden, iaif zweier Abschnitte von je 50 Millionen Soldmark habe die belgische Regierung um zehn Abschnitte von je zehn Millionen Goldmark gebeten. Auf diese Weise werde man den Wechseln leben politischen Charakter nehmen, um sie leichter '»kontieren zu können. Wahrscheinlich werde die 1 elgifche Regierung sich bemühen, die Bonds unter die Banken verschiedener Länder zu ver- i eilen. Sie soll, wie man sagt, bereits günstige Angebote erhalten haben, die es gestatten, die Diskontierung der 100 Millionen Goldmark als i ich er zu betrachten.
Aus dem Reiche.
? Die Segelflieger vor dem Reichs-
'• Präsidenten.
' Berlin, 22. Sept. (WTB.) Beim Reichs- oräsidenten hat heute ein Empfang zu Ehren , Öcr Rhönsegelflieger stattgefunden, von denen u. a. Henhen und Mertens erschienen waren; außerdem waren erschienen: Vizekanzler Bauer mit den in Berlin anwesenden Mitgliedern der Reichsregierung, für die preußische Regierung Kultusminister Boelih, als Vertreter der deutschen Hochschulen und der Rektoren der Uni» versität Berlin Geheimrat Nernst, der Technischen Hochschule Professor Dr. Rothe, ferner Vertreter der Industrie-, Finanz-, Wirtschafts- und Handelskreise, sowie die Presse und der Vorsitzende der Rhöngesellschaft, Konsul Kotzenberg. Der Reichspräsident wies in kurzen begrüßenden Worten auf die Leistungen der deutschen Flieger hin. Allen, die den Segelflug in der Rhön veran-
Baalsfempel.
Roman von Margarete v. Oerhen- F ü n f g e l d.
30. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Ter Papa war auch mit einem Male dagewesen, obwohl doch ausgemacht war, daß Tante Kordula sie auf der Heimreise bis Berlin begleiten und sie dann allein weiterfahren solle.
Aeberhaupt — da lag bai Dunkel — dieses Dunkel, das sich über sie gesenkt und das sie nicht durchfichten konnte.
Sie grübelte und grübelte. Heimlich und für sich, wie sie es ja von frühesten Kinderjahren her gewohnt war.
Nach außen hin war sie höflich und freundlich und zeigte sich dankbar für kleine Näschereien, Blumen und Geschenke. Aber ihre Dank- barkeil hatte etwas Aeuherliches, Freudloses, unb ihre Freundlichkeit etwas Totes.
Niemand konnte den Panzer durchbrechen, der ihre ganze Person umhüllte wie Erz und Eisen, und der doch nur aus der Seide sanften Eigensinns und scheinbarer Gefügigkeit bestand.
Als der Papa wie täglich ausgegangen war, richtete Gilt) sich auf.
„Tantchen!"
„Herzchen?"
-Wenn du so gütig fein willst — laß die Orchideen fortschaffen — sie schneiden so gräßliche Fratzen!"
„Aber, Herzchen!" Indessen beeilte sie sich, zu gehorchen.
„Sag' mal, Tante —“ „3a."
Die alte Hofdame kniete mit der antiken Anmut der Damen Heiner Fürstenhöfe von früher neben Lilys Decken und Fellen und streichelte ihr schmeichlerisch die Hand. Doch im Grunde ihrer noch schönen Augen unter der aristokratisch schmalen Stirn erwachte die Angst.
„Tu warst doch neulich dabei, Tante Kordula?"
„Wobei, Kind?"
„Als — sag' mal — bin ich eigentlich über- /ähren wordrn?"
Sie lächelte trostlos. „Es ist nämlich so sonderbar. Soviel ich mich auch quäle — ganz
stallet und an ihm teilgenommen hätten, gebühre Dank und Anerkennung. Hieraus gab Diplom- Ingenieur Henhen eine Darstellung vr»t 'der Technik des motorlosen Fluges und der rr.bleme, die auf diesem Gebiete noch zu lösen ilnu. Als Vertreter des Reichsverkehrsministers sag e Ministerialdirektor Bredow die Bereitwilligkeit der amtlichen Stellen zu, die Bestrebungen der motorlosen Duftfahrt nachdrücklich zu unterstützen. In angeregter Anterhaltung fand ein lebhafter Ge- dankenaustaufch statt. Der Abend gestaltete sich somit zu einer schönen Ehrung für die erfolgreichen Vorkämpfer des Segelfluges.
Besoldungserhöhungen.
Berlin, 22. Sept. (Wolff.) Heute vormittag fand in der Reichskanzlei unter dem Vorsitz des Vizekanzlers Bauer und in Anwesenheit von Vertretern der preußischen Staatsregierung eine Besprechung mit den Führern der Parteien des Reichstages und des preußischen Landtags über die Besoldungserhöhung der Beamten, Ange stellten und Arbeiter statt. Vom Reichsfinanzministerium wurde mitgeteilt, daß heute nacht nach schwierigen Verhandlungen mit den Spiyenvrganisationen eine Einigung erzielt worden sei. Es sei in Aussicht genommen, den allgemeinen Teuerungszuschlag von 437 Prozent auf 67 7 Prozent, und den Kopfzuschlag, d. h. den erhöhten Teuerungszuschlag auf die ersten 10 000 Mk. v o n 4 9 2 P r o z e n 1 a u f 7 7 7 Prozent zu erhöhen. Die Arbeiterlöhne sollten entsprechend festgesetzt werden. Die Reichsregierung habe zugesagt, daß schon am nächsten Donnerstag in die Beratung über die grundsätzliche Neuregelung der Gehälter, insbesondere des Grundgehalts, und der Ortszuschläge eingetreten werde. Vizekanzler Bauer erklärte, daß noch heute der Ausschuß des Reichstags um die Zustimmung zu den genannten Erhöhungen ersucht werden würde, und daß die Auszahlung der Bezüge mit größtmöglicher Beschleunigung vor sich gehen werde. An die Mitteilung schloß sich eine kurze Aussprache. Das Reichsministerium hat bereits in seiner um 11 Ahr vormittags stattfindenden Sitzung der Neufestsetzung der Teuerungszuschläge zugestimmt.
Abgelehnte Bergarbeiter-Forderungen.
Berlin, 23. Sept. Blättermeldungen aus Essen zufolge hat auf Ersuchen der Bergarbeiterverbände um Verhandlungen über neue Lohnerhöhungen für Oktober der Reichsverband der deutschen Industrie, Fachgruppe Bergbau, geantwortet, daß die Notwendigkeit einer Lohnerhöhung zum 1. Oktober nicht eingefefjen werden könne. Die letzte Lohnerhöhung sei mit Rücksicht auf das damalige scharfe Anziehen des Dollarkurses sehr reichlich bemessen worden und müsse für Oktober, ausreichen. Eine weitere Erhöhung der Kohlenpreise, die für die geforderte Lohnerhöhung Voraussetzung fei, sei für die deutsche Wirtschaft untragbar.
Der Ivprozenttge Lohnabzug.
Der DeutscheGewerkschaftsbundhat beim Reichsfinanzminister beantragt, daß bis zu einer Höhe von 250 000 Mark Jahreseinkommen eine besondere Veranlagung unterbleiben und es bei dem lOprozentigen Lohnabzug sein Bewenden haben soll.
Zum Rathenau-Prozeß.
Berlin, 23. Sept. Wie die Blätter mitteilen, hat der Staatsgerichtshof den Haftbefehl gegen den Schriftsteller Dr. Stein, den Bewohner der Burg Saaleck, ohne Stellung einer Kaution auf. gehoben. Dr. Stein ist aus dem Antersuchungs- gefängnis entlasten worden.
Eine Wiederaufbaugruppe in Bayern.
München, 22. Sept. (Wolff.) Eine Gruppe von Interessenten gründete für Sachleistungen auf dem gesamten Gebiete des Wiederaufbaues im Sinne des Demelistans-, Gillcts- und Wiesbadener Abkommens zwecks freien Zusammenschlusses eine Wiederaufbaugruppe Bayern G. m. b. H. mit dem Sitze in München und einem vorläufigen Kapital von 300 000 Mark. Wie den
deutlich kann ich mich'nicht erinnern. Wir standen doch am Brandenburger Tor?"
„Jawohl," erwiderte Tante Kordula mit stockendem Atem.
„Unb er? Wo ist er geblieben? Was ist mit ihm geschehen?"
Tante Kordula erhob sich langsam und strich ihr Kleid glatt.
„Ich weiß nicht, was du meinst, Lily!"
Sie lehnte den Kopf zurück in die Kissen, resigniert und müde.
„So, du weiht es nicht! So will ich es dir sagen — ich habe ihn toiebergefeben.“
Ihre Augen glommen wie Sterne. Sie umschlang ihre Knie mit ben Armen und sah so geduckt, ein verscheuchter Vogel.
..Ich kann das alles nicht geträumt haben. Es war wie damals — so wunderbar — bis dann die Dunkelheit kam —“
„Liebes Kind." sprach Tante Kordula und rückte ihr die Kissen zurecht. „Ein Auto hat dich erschreckt, und du wurdest ohnmächtig. Weiter weih ich nichts — alles andere ist eine Chimäre — ein Gebilde krankhafter Phantasie."
Lily griff sich an den Kopf.
„Es ist ja möglich. Es war solch ein helldunkler Berliner Abend — ich hatte es den ganzen Tag gefühlt. Wozu Komödie spielen, Tante Kordula? Ich hab' mich die ganze Zeit bei Euch unglücklich gefühlt.“
„Danke!" sagte die Tante trocken.
„Ich bin gewih nicht undankbar! Aber alles war Lüge! Weil ich zu feige gewesen bin! Zu feige!“
Sie schlug die Hände vors Gesicht.
„Ihr alle halst mir lügen, du — und der Papa — und ihr tut es jetzt noch —“
„Aber, erlaube mal . . .“
Lilys Finger zupften fieberhaft an der Decke.
„Wir standen am Brandenburger Tor," wiederholte sie wie suchend. „Er rief meinen Namen. Es war doch das letzte, was ich hörte — ich höre es jetzt wieder ganz deutlich —"
Sie sprang mit beiden Füßen zugleich vom Sofa und rannte an die Tür.
Die Hofdame drückte in nimlosem Schrecken wie wahnwitzig auf den Klingelknopf. Das Dienstt personal stürzte herbei — zwei, drei Personen.
„Münchener Neunten Nachrichten" mitgeteilt wird, gehören der Gruppe eine größere Anzahl bedeutender süddeutscher Werke, darunter auch die DaimlerMotorengesellschaftin Stuttgart, an. Süt diese bayerischen Sach l ief erungen lomme nach Zusage des französischen Wiederauf- bauminifteriums de r^ französische Minimalzoll zur Anwendung. Mit S t i n n e s habe ök Gruppe ebenfalls Fühlung genommen und bereits ein ilcl ercintommcn dar in erzielt, daß auch die buy- rifch>:n Lieferanten durch die Aktiengesellschaft für Hoch- und Tiefbau Reparationskohle erhalten.
Der Niedergang der Presse.
München, 23. Sept. Die bisher zweimal täg" lich erscheinenden „Münchener Neuesten Nachrichten" werden infolge der Papierteuerung vom 1. Oktober ab nur noch einmal täglich erscheinen.
Aus dem besetzten Gebiet.
Die Zensur.
Paris, 22. September (NW). Nach einer Havasmeldung aus Coblenz hat die interalliierte Rheinlandkommifsio ndasBuch „Elisabeth" von Arthur Landsberger und die Broschüre von Mar Brunnermann „Schurkenbriefe" verboten, da sie geeignet seien, der Würde und Sicherheit der Besahungstruppen Abbruch zu tun.
Letzte Nachrichten.
Gießen, den 22. September 1922.
Gießener Wochenmarktbericht.
Die Preise auf dem heutigen Wochen- markt stellten sich wie folgt: Weißkraut das Pfund 1,80—3 Mk., Wirsing 1,80—4 Mk. Rotkraut 3,50—6 Mb. Blumenkohl das Stück 2,50 bis 20 Mk., Anterkohlrabi 1,50—3 Mb, Obertohl- rabi 0,80—2 Mk., gelbe Rüben das Pfund 3—6 Mark, rote Rüben 2,50—5 Mk., Stangenbohnen 5,50—10 Mb, Salat (Kopf) 1—1,50 Mk. Endivien (Kopf) 1,50—5 Mk., Kürbis das Pfund 1 Mk., Zwiebeln 12—15 Mk., Salatgurken das Stück 4—15 Mk., Einmachgurken 1—2 Mk., Tomaten das Pfund 12—15 Mk , Aepsel 4—8 Mk., Birnen 3,50—10 Mk., Zwischen 2,50-4 50 Mk., Kartoffeln 3,60—4 Mk., Butter 290—320 Mk., Eier das Stück 14—15 Mk., Käse 5—7,50 Mk.
Die höheren Preise sind als H ä n d l erpresse anzusehen. Es wird jedoch auch in vielen Fällen von den Erzeugern versucht, die Händler- Preise zu nehmen. Dieses ist unstatthaft, weil der Erzeuger nicht mit den hohen Spesen usw. zu rechnen hat, wie der Händler.
Wettervoraussage
für Sonntag:
Wolkig, meist trocken, mild, Neigung zur Nebelbildung.
Bon unbedeutenden Druckstörungen abgesehen, ist die Luftdruckverteilung über Mitteleuropa ziemlich gleichmäßig. Das bestehende Wetter wird anhalten.
itiornot t3.cn.
— Tageskalender für Samstag und Sonntag: Demokratische Partei, heute abend 8 Uhr in der Turnhalle, Oswaldsgarten: Oefsent- liche Versammlung. — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße, heute und morgen: „Die Prinzessin von Kahirah". — 1900-Sportplatz an der Hardt: Sonntag nachmittag Fußball-Wettspiele.
— Waldgottesdienst. Der Gvang. Arbeiterverein veranstaltet morgen Sonntag vormittag in Gemeinschaft mit dem Evang. Bund und dem Wartburgverein auf dem Schiffenberg einen Waldgottesdienst (siehe heutige Anzeige).
— Pferde - Rennen, Trabreiten und Prämien fahren wird am 1. Oktober in Reiskirchen bei Wetzlar stattfinden. Näheres im Anzeigenteil.
— Die Gießener Herbstmesse wird von den beteiligten Geschäftsleuten in unserem heutigen Anzeigenteil zum Besuch empfohlen.
— Eine Obst» und Gartenbau-Ausstellung sindet von Samstag, 30. September, bis einschließlich 2. Oktober in Gieß en statt. Näheres im heutigen Anzeigenteil.
— Der Gesangverein Heiterkeit Hält am Sonntag, 8. Oktober, nachmittags 4 Ahr, in der Neuen Aula der Unwcrfität sein diesjähriges Konzert unter Leitung seines Dirigenten Heinrich Blaß ab. (S. Anzeigenteil.)
•
** Sitzungen des Schwurgerichts für das 3. Vierteljahr 1922. Montag, 25. Sept.,
Aber Lily stand ganz ruhig, nur marmorweiß im Gesicht.
„Was wollen die alle? Schicke sie hinaus, Tante! Mir ist wieder ganz wohl!"
Gin geisterhaftes Lächeln schlich um ihre Lippen.
Eine Stunde später faßte Tante Kordula den heimkehrenden Geheimrat vor der Tür ab.
„Sie erinnert sich. Sie hat nach ihm gefragt!"
Der Vater eilte, ohne zu antworten, an der Schwester vorüber in Lilys Schlafzimmer. Denn man hatte sie wieder zu Bett gebracht.
Er legte ein Kästchen auf ihre Decke, es enthielt einen einzigen großen Brillanten, an einem dünnen Platinkettchen zu tragen.
Sie drückte ihm sanft die Hand: „Danke, Papa!"
And so blieb es immer zwischen ihnen — immer.
Als Heinz die Augen aufschlug, sah er sein altes Kinderzimmer vor sich, die freundlichen, helltapezierten Wände, die Schwarzwälder Ahr mit dem Drosselschlag und in der Ecke das bunte Marienbild — den großen, runden Tisch, an dem genäht und geflickt and gegessen wurde, ind den Armsessel von schwarzem Leder: Vaters Sessel. In dem rauchte er seine lange Pfeife. Ein stiller Frieden, der Frieden höchster Weltabgeschiedenheit lag über den blanken Dielen. In den grünen Kacheln des Ofens, um den eine Holzbank lief, spiegelte sich die Sonne, und draußen wantte und schwankte cip grüner Zweig an die Scheiben, und die knorrige Rinde des Apfelbaums stemmte sich gegen das eiferne Treppengeländer.
Dicht neben seinem C&ett aber sah — feine Mutter. Ihr Strickzeug klapperte leise die Musik zu all dem Sonnenschein, und über ihrem Gesicht lag jener helle Glanz, der des Morgens mit ihr erwachte und des Abends mit ihr schlafen ging.
Aber feine Mutter war doch schon lange tot?
Wie seltsam seine Kinderzeit zu ihm zurück» kehrle!
Die Glocke der weihgetünchten Dorstirche läutete elf Ahr ein, und nun schollen aus den offenen Fenstern der Häuser die vielstimmigen Ulittf;’"1 * der Familien.
vorm. 9V» Ahr: Angeklagte: 1. Kath Kaiser, geb. Lind, 2. Hugo Schmieder, 3. Lina Schmieder geb. Funk, alle von Geiß-Nidda, wegen Meineids. — Dienstag, 26. Sept., vorm. 81 Ahr: Angeklagte: 1. Heinrich Weidling, 2. Heinrich Knas, beide von Büdingen, wegen Meineids. — Mittwoch, 27. Sept., vorm. 8'... Ahr: Angeklagte: Marie Lang von Alsa wegen Kindestötung. — Donnerstag, 28. Sept., vorm. 81/.- Ahr: Angeklagter: Konrad Otterbein von Anterfchwarz wegen Notzuchtversuchs. — Freitag, 29. Sept., Dorrn. 8' 2 Ahr: Angeklagte: 1. Balthasar Hofmann, 2.' Wilhelm Pfeiffer, 3. Heinrich Henß, 4. Wilhelm Herzberger, alle von Grohen-Buseck wegen Körperverletzung mit tödlichem Erfolg. — Montag, 2. Oft., vorm. 9' 2 Ahr. Angeklagter: Konrad Wagner von Maulbach wegen Ntt>rd- versuchs. — Dienstag, 3. Oft., vorm. 8l/2 Ahr Angeklagter: Konr. Herrn Seitz von Grünberg wegen Notzuchtverfuchs. Mittwoch, 4. Oft., vorm. 81/» Ahr: Angeklagte. Anna A^rrie Elisr betha Nagengast von- Bamberg wegen Kindestötung.
△ Goldene Hochzeit feierten gestern Schreinermeister Johannes Lenz und seine Ehesrau, Frankfurter Straße hierselbst wohnhaft. Der Posaunenchor Klein-Anden brachte dem Jubelpaar ein Ständchen, da Herr Lenz geborener Klein-Lindener und ältestes Mitglied des Posaunenchors ist.
** Die Derkaufsbedingungen der Gießener Kohlenhändler werden von den beteiligten Firmen im Anzeigenteil unserer heutigen Nummer zur öffentlichen Kenntnis gebracht. Man achte auf diese wichtige Mitteilung.
** Wegen Kettenhandels verhaftet. Hier wurde ein im besetzten Gebiet wohnhafter deutscher Kaufmann wegen Kettenhandels festgenvmmen und dem Gericht zugeführt. Er war in letzter Zeit wiederholt in hiesiger Stadt erschienen, hatte Teppiche aufgekauft, an einem Tage sogar 12 Stück, und sie dann ins Ausland verschoben.
’* Die Obst-Trocken anlage im Elektrizitätswerk ist am Montag geschloffen.
** Neue Preise für Backwaren auf Brotmarken werden vom Oberbürgermeister in unserem heutigen Anzeigenteil bekanntgegeben. Das 1900-Gramm-Brot kostet vom Montag ab 33 Mk.
** Oberhessischer Kunst verein. Obgleich gestern und heute noch Sendungen für die Ausstellung der „Grabmalskunst" eintrafen, wttd doch die Ausstellung, die nahezu 200 Entwürfe aufweist, noch fertig gestellt, so daß morgen, Sonntag, die Eröffnung erfolgen kann. Anser einheimischer Künstler, Bildhauer 3. Köddiug, ist mit vier plastischen Arbeiten dertteten. — 3m kleinen Raum stellt hier zum erstenmal der bekannte Berliner Landschaftsmaler Fritz Riemschneider aus, der mit 11 Oelgemälden und zwei Aquarellen vertteten tft, deren Motive der hiesigen Amgegend (Badenburg. Gleiberg und Kloster Arnsburg) entnommen sind. Diese Werke werden wohl besonderes Interesse auf unsere Kunstfreunde ausüben. Die Ausstellung, die nur 14Tage dauert, ist täglich (außer Samstags) von 11—1 Ahr und Mittwochs auch noch von 3—5 Ahr geöffnet.
** Die Gießener Freiw. Feuerweh r, die F r e i w. G a i l 'sehe Feuerwehr sowie die Sanitätskolvnne werden morgen, Sonntag, in Gegenwart der Behörden ihre diesjährige Schlußübung abhalten. Am 11 Ahr vormittags nehmen die beiden Wehren und die Sanitätskvlonne im Hofe der Zeughauskaserne Aufstellung. Nach Vorführung der einzelnen Geräteübungen erfolgt an einem größeren Gebäude ein Brandangriff. Die Aufgabe, die die Wehren und Sanitätsiolonne. auszuführen haben, wird erst nach Alarmierung bei Ankunft am Brandobjekt bekannt gegeben. Außer den Behörden werden auch Mitglieder auswärtiger Wehren dieser Aebung beiwohnen.
All das hatte er vergessen gehabt. Auch das klingende Sausen der Sägemühle drunten am Wehr, das in den Mittag hineinsang, und das Dengeln der Sensen auf nahen und fernen Matten.
In den Wäldern rief der Kuckuck: und jetzt begann auch die Drossel in der Ahr.
Heinz ermunterte sich mit aller Gewalt. Oeff- nete die Augen und musterte angestrengt alle Gegenstände rings umher, bis der Zauber von ihnen fiel ui0 sie zurücksanken auf das Gebiet der Wirklichkeit.
Er lag zu Bett in feiner Berliner Wohnung, hoch droben in der Wilhelmsaue, und nur die klappernden Nadeln und das friedliche Gesicht an feinem Bett blieben auch jetzt.
Ein Strahl freudigen Erkennens zuckte durch fein Herz. Ach, mit ihr war er doch an schönen (Sommertagen durch die Wälder gegangen, auf den einsamen Hochwiesen hatten sie gestanden schweigend, in naiver Zufriedenheit, frohe, dam bare Gotteskinder.
„Lene," sagte er ganz klar und deutlich, „wie kommst denn du hierher?"
„Herr Jesus!" tat sie einen kleinen Schrei, ließ ihr Strickzeug fallen und beugte sich über ihn. „Gott sei Dank, daß du nur wieder bei dir bist!"
Er suchte angestrengt in seiner Erinnerung, aber er sand nichts, als eben die sommerlichen Wälder und Wiesen and die Lene.
„Was ist denn los mit mir?" fragte er gespannt.
„Tut dir was weh?"
„Keine Ahnung."
„Dann ist's schon gut. Jetzt schimpfe nur nicht, daß ich da bin. Die Tanf hat nämlich gemeint, ich hätte bei dir nichts mehr zu suchen. Aber diesmal hab' ich meinen Kopf durchgeseht. Ach, ich bin ja so froh! Willst du was offen?“
„Hast du denn was da?"
„Ach, die gute Frau Doktor schickt doch jeden Tag für dich die feinsten Sachen — Hühner» brüh' und Tauben und Fleifchgelee —"
„Die Frau Doktor!" Seine Wangen färbten sich. „Hör' mal, Lene —, ja, gib mir die Hühnerbrühe — aber — aber — zuerst erzähle mal ordentlich!"
(Fortsetzung folgt.)


