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Samstag, 25. September 1922
1(2. Jahrgang
Erstes Blatt
GietzenerAnzeiger
General-Anzeiger für Gberheffen
Druck und Verlag: Vrühl'sche Univ. Such- und Zteindruckerei R. Lange. Schriftleitung, Geschäftsstelle und Druckerei: Schulstrahe 7.
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WochenrÄckblick.
Wohl in keiner Stunde der Nachkriegszeit ist die innen- und außenpolitische Zerrissenheit aller Geschehnisse so in die Erscheinung getreten wie heute. Wie unbestimmt und ratlos sind gegenwärtig die parteipolitischen Besinnungen in Deutschland! Die sozialistischen '-Parteitage in Augsburg und Gera geben uns davon ein Bild. Bon der mehrheitssvziali- stischen Heerschau in Augsburg läßt sich wahrlich nicht sagen, daß in dieser Partei ein kraftvoller, den Zeitumständen angemessener Zielgedanke zu finden gewesen wäre! Nur um taktische Fragen drehte es sich zumeist, um Derlegenheitsauskünfte, wie es zu erklären fet daß die Mitgliederzahl der Partei ab- g^nvmmen habe und was geschehen müsse, um dem abzuhelfen. Die Mißerfolge bei den Wahlen in Braunschweig und Thüringen haben stark zu denken gegeben. Welche Parole hat nun die Parteileitung ausgegeben? Einigung der beiden sozialistischen Gruppen, Ber- ständigung mit den Unabhängigen auf der Basis eines „Aktionsprogramms". 2llso Stärkung zum Klassenkampf! Mit 180 Mandaten im Reichstag glaubt man Schlachten zu schlagen und Siege gewinnen zu können. Das gemeinsame Aktionsprogramm wurde in Augsburg angenommen, ohne daß eine große, interessante Debatte darüber entstanden wäre. Es fehlen eben der Schwung und die Belebung zu neuen Erkenntnissen. Der Reichs- wrrtschaftsminister Schmidt ritt auf den Schlagworten Sozialisierung und Sachwerterfassung herum; Adolf Braun und der Reichstagspräsident Lobe taten desgleichen. Aber Bernstein setzte sich für Steigerung der Produktion und schrittweise voran- oeherckie Sozialisierung ein. Ein Frankfurter Redner klagte über Parteimaschinengeist, ein Hannoveraner über gedankliche Schwäche der Partei. Einsichtsvolle Führer sind sich auch dessen bewußt, daß das geistige Niveau der sozialdemokratischen Presse allzuoft mehr der Arbeit der Fäuste als der Köpfe angepaßt ist und verlangen Abhilfe in solchen Propaganda- leiftungen. Das ist leicht gesagt und schwer getan. Denn die Reden der Parteigröhen kehrten doch immer wieder nur zurück zu der „bewährten" Agitationsweise. Otto Wels, der die Einigungsentschließung begründete, sagte: „Die Klassenkampfidee wollen wir nie verleugnen." Demgemäß traten auch die üblichen Anklagen gegen Klassenjustiz und Reichswehr in den Vordergrund. Von den Görlitzer Anregungen zur Anbahnung einer wirklichen Vollsgemeinschaft war nicht mehr die Rede. Die Sozialdemokratie liefert somit bedauerlicherweise den Beweis, daß die Gesamtinteressen des deutschen Volkes auf wenig Verständnis bei ihr stoßen. Wie dürftig waren in Augsburg die Betrachtungen über die deutsche Außenpolitik und die „internationalen Aufgaben"! Es ist bezeichnend, daß auch die Heerschau der Unabhängigen in Gera, die ebenfalls einen Rückgang der Parteimitgliederzahl seit dem l.Ianuar von 10 000 konstatieren muhte, ebenso unfruchtbar an die Lebensfragen unseres von außen her tyrannisierten Volkes herantrat. Ein kleiner Fortschritt ist darin wenigstens anzuerkennen, daß der Augsburger Parteitag ziemlich schnell und anscheinend geringschätzend über die internationalen Aufgaben pazifistischer und völker- bündlerischer Natur hinwegging.
Welche Lehren drängen sich aber auch bei der heutigen Betrachtung der Weltereignisse auf! Wie widerspruchsvoll sind die Worte und Taten der maßgebenden Staatsmänner! In der Völkerbundsversammlung bliesen bei der Abrüstungsfrage im Zusammenhang mit dem ReparaiivnSproblem die Franzosen und die Engländer ein verhältnismäßig gefälliges Friedensstücklein. Der französische Vertreter de Iouvenel polemisierte mit einer etwas zögernden und gedehnten Zustimmungserklärung des Engländers Fisher gegen die deutsche Zahlungsweigerung und stellte fest, die Verträge dürften nicht revidiert werden, es genüge, daß man bezahle und daß man das Reparationsproblem mit dem Problem der internationalen Schulden gemeinsam behandle. Lord Cecil konnte sich in der weiteren Debatte eines sachten Bedauerns über die Mißerfolge der Versailler Politik nicht enthalten und gab dem Franzosen zu verstehen, daß in Wirklichkeit niemand den Krieg gewonnen habe, sondern daß „einige ihn nur weniger verloren hätten als die andern". Aber die Katzenfreundlichkeit zwischen den Vertretern der beiden Großmächte, wie sie hier auftrat, wich in der Pariser Orientkonferenz zwischen Lord Curzon und Poin- care einem denn doch viel deutlicheren Zerwürfnis. Was beweist die gemeinsame Formel, die in den Zeitungen, besonders den englischen, angepriesen wurde! Eine Konferenz, ja, in Gottes Namen, wird in Aussicht genommen, aber eine Lieber
einstimmung ist nicht vorhanden. England ist mit seinen Truppen auf der asiatischen Seite der Dardanellen isoliert. Die französische Politik hat es soweit gebracht, daß zur Abwechslung einmal das mächtige Inselland als Störenfried vor der Welt dasteht. Lloyd George hat den Ansturm seiner eigenen Arbeiterparteien auszuhalten. Bei einiger Mäßigung und Abdämpfung der anfänglichen Kriegstrvmmelschläge würde es ihm wohl gelingen, die Lage noch einmal zu retten — aber da rollen die eisernen Würfel in Kleinasien o schnell und drohend, daß plötzlich neue große Erschütterungen über das geprüfte Europa losbrechen könnten.
Die Angora-Regierung hat den Mächten eine Art Ultimatum überreicht, das seine Spitze gegen die Griechen richtet, von denen verlangt wird, daß sie binnen 48 Stunden Thrazien zu räumen hätten; aber diese türkische Forderung bricht in Wirklichkeit zunächst einen Konflikt mit den Engländern vom Zaun. Noch stehen diese mit ihren Truppen auf der asiatischen Seite der Meerengen. Lloyd George und sein Kabinett wiederholen täglich das Gebot, daß die Meerengen frei und unabhängig bleiben mühten. Kemal Pascha und die Seinen wollen unbedingte Souveränität der Türkei in Konstantinopel und den Meerengen und ferner auch in Thrazien bis zur Maritza. Was tun! spricht heute nicht der alte Griechengott — das griechische Heer ist aufgelöst, die Kemalisten stehen bei Brussa schon an der Grenze der neutralen Zone — nein, die schwierigsten Entscheidungen, bei denen es um Sein öder Nichtsein der bisherigen Entente geht, müssen jetzt in Paris und London gefaßt werden. Bis zur Stunde ist noch unentschieden, was geschieht. Die Londoner Meldungen lauten viel weniger kriegerisch als die scharfe Aufforderung zum blutigen Tanz, die das Kabinett Lloyd George vor 8 Tagen an die brittschen Dominions gerichtet hatte. Von militärischen Vorbereitungen hört man wenig, die Engländer erklären, daß sie nicht kämpfen wollen, wenn sie nicht angegriffen würden. And was die p o l i t i s ch e Seite anlangt, so läßt Lloyd George versichern, daß er nur die Freiheit der Meerengen wünsche — im übrigen wird ein vorsichttges diplo- mattsches Schweigen ergossen über die Art und Weise dieser Freiheit und wie sie erreicht werden soll. Frankreich scheint der Angora-Regierung über die Revision oder Amstohung des Verttages von Sgvres Zusicherungen machen zu wollen, die den türkischen Forderungen annähernd entsprechen würden. Nur soll die Türkei gegen diese Versprechungen mit ihren Truppenvormärschen warten, bis die Friedenskonferenz das endgültige Wort gesprochen hat. Sollten die Türken wirklich mit den Engländern in blutige Auseinandersetzungen geraten, dann wäre Poincarä in der heikelsten Lage. Er übt seine Vermittlertätigkeit, um durch die englische Vorherrschaft am Bosporus einen Strich zu machen . . .
Das Kaiserbuch.
Unfer Derli»ner Mitarbeiter schreibt uns:
Am 24. September beginnt die Veröffentlichung der Memoiren Wikhelms II., betitelt „Ereignisse und Gestalten 1878—1918“, und zwar geschieht der Abdruck des Kaiserbuches in der gesamten Weltpresse ziu gleicher Zeit. Ursprüngliche war geplant, die Auszüge aus dem Werke schon am 1. September der Aus landpr esse zukommen zu lassen und das deutsche Buch erst am 1. Oktober herauszugeben. Die Folge dieses nicht mehr Ungewöhnlichen Geschäftstncks wäre gewesen, daß ein trüber Strom schlechter, gefälschter oder gefärbter und aus dem Zusammenhang gerissener Uebersetzungen die deutsche Presse überflutet hätte. Dies ist nun glücklicherweise vermieden. Die deutsche Buchausgabe besorgt der bekannte Verlag K. F. Köhler in Leipzig, der das Buchverlagsrecht für die ganze Welt mit Ausnahme von Deutschland und Oesterreich dem ReuyorkerVerlag Harper Brothers übertragen hat. Der amerikanische Verlag ist derselbe, der bereits die Werke von Ludcndorff und Hindenburg, sowie das Verlagsrecht auf die englische Uebersetzu"g des dreibändigen Bismarckwerkes besitzt. Während aber der Ertrag der ebenfalls im Verlag K.F. Kohler erschienenen „Vergleichenden Geschichtstabellen“ des ehemaligen Kaisers für die „Rvtgemcinschaft der deutschen Wissenschaft" bestimmt wurde, ist bis jetzt nichts darüber bekannt geworden, wie die 2 5 0 0 0 0 Dollar festes Honorar (gleich 350 Millionen Mark!) und die voraussichtlich eine weitere Million Dollar (gleich 1400 Millionen Mark! !) betragende Tantieme, die Harper Brothers an den Kaiser zahlen, verwendet werden. Ueber diese beachtenswerte Ver- meHrung des Hohenzollernvermögens infolge der schriftstellerischen Tätigkeit des Kaisers wird sich in der Oeffentlichkeit noch manche Auseinandersetzung entspumen. Eine lebhafte Meinungsverschiedenheit ist bereits entstanden über die Frage, ob der frühere Kaiser wirklich als der l i t a r a - rische Urheber seinerErinnerungenanzusehen ist oder ob der ehemalige Scherl-Direktor Eugen Zimmermann, der als Handlanger fungierte, als
der eigentliche Autor zu gellen 'hat. Zimmermann bestreitet die letztere Auffassung. Es handle sich bei der jetzigen Publikation um das eigenste Werk Wilhelms II. Man werde das bei Erscheinen des Buches nicht nur an den darin niedergelegten Ansichten, sondern auch am Stil und an der allgemeinen persönlichen Rote mühelos erkennen. Die Hilfe, die er dem Kaiser bei der Herausgabe der Memoiren geleistet 'habe, seien rein „manueller“ Art gewesen. Es 'habe sich lediglich darum gc- 'handelt, die Aufzeichnungen und Notizen des Kaisers, die zum Teil zeitlich sehr weit zurückliegen und sich an verschiedenen Stellen befinden, owic Niederschriften über wichtige politische Ge- präche zusammenzubringen und zeitlich zu ordnen. Auf Grund dieser Stoffsammlung, gestützt auf ein gutes, vielfach überraschendes Gedächtnis, 'habe der Kaiser sein Wett selbständig versaht. So Herr Zimmermann. Von ihm stammen auch wie es scheint, die Erläuterungen, die die Blätter des Berliner Scherl-Verlages ihrer Veröffentlichung der Kaisermemoiren vvrausschicken. In diesen Erläuterungen heißt es u. a., die Kaiserin sei es gewesen, die vor ihrem Tode ihren Gatten bewog, die Erinnerungen noch bei seinen Lebzeiten erscheinen zu lassen, Ursprünglich waren die Notizen als politisches Vermächtnis für die Söhne, insbesondere für den Kronprinzen, bestimmt. Damit 'Hot der ehemalige Kaiser, wie wir hinzufügen möchten, eine Tradition wieder aufnehmen wollen, die einst Friedrich II. begründete. Der große Preußenkönig hinterließ bekanntlich eine ganze Reihe von politischen Testamenten, die aus Notizen, Kritiken und Erinnerungen bestanden und an seine Nachkommen und Nachfolger gerichtet waren. Im Testament von 1752 sind der „Prinzenerziehung" die geistvollsten Wahrheiten gewidmet. („Die von mir vorgeschlagene Erziehung verfolgt nicht den Zweck, einen Dheaterkonig heranzubilden, sondern einen König von Preußen. Was bei einem Privatmann nur ein Fehler ist, wird bei einem Könige zum Laster“.)
Es wird den Memoiren Wilhelms II. schwer fallen, den Vergleich mit den politischen Testamenten Friedrich des Großen auszuhalten. Aber in Beurteilung dessen, was man von den kaiserlichen Erinnerungen bereits kennt, kann man sagen, daß das Buch Wilhelms II. eine ergreifende und menschlich nicht unsympathische Bemühung ist. den furchtbaren Sturz des deutschen Volkes von seinem Standpunkt, dem der mit in den Abgrund der Demütigung und des Leidens gestürzten Dynastie, aus zu verstehen und gegen die feindliche Verfälschung der Schuldfrage zu verteidigen. Keine Klage über das eigene Leid, kein Haschen nach Mitleid soll sich in dem ganzen Buche finden. Dios allein schon wäre ein Grund, das Werk ernst zu nehmen.
Der Konflikt im Orient.
P a r i s, 22. Sept. (WTD.) Heber die V e r - Handlungen in der Orientfrage verbreitet Havas folgenden Bericht: Curzon, Sforza und P v i n c a r 6 haben in der heutigen Sitzung die Frage untersucht, unter welcher Voraussetzung an Angora eine Einladung im Hinblick auf die Friedenskonferenz zu richten wäre. Sie fahren mit der Prüfung dieser Frage in einer weiteren Sitzung fori, die morgen nachmittag zwei Uhr beginnt. Dazu meldet Havas offiziös: Die heutige Sitzung der Orienckonferenz war kurz vor sechs Uhr beendet. Beim Verlassen der Sitzung erklärte Lord Curzon, man werde morgen nachmittag wieder beginnen, denn es bleibe viel zu erörtern. Der französische Ministerpräsident wünsche zunächst, einen Ministerrat einzuberufen. Es sei zu hoffen, daß die Arbeit der Konferenz morgen abend beendet sein werde. Nach den ersten Informationen bezogen sich die heutigen Verhandlungen vor allem auf die Form, die der Einladung an die Türken zur Teilnahme an der Friedenswnferenz gegeben werden soll. Es handelte sich namentlich darum, ob man sich in dieser Einladung in bestimmter Form über gewisse territoriale Verbesserungen des Vertrages von Sevres aussprech?n solle, namentlich bezüglich Thraziens.
P a r i s, 22. Sept. (WTB.) Wie die Abendblätter melden, ist die am Mittwoch unterbrochene Besprechung zwischen Poincars Lord Curzon und Sforza heute nachmittag zwei Uhr im Quai d'Orsay wieder ausgenommen worden.
Wie der „Times“ ankündigt, hat gestern eine einstündige Besprechung zwischen Curzon und dem rumänischen Gesandten in Paris stattgesunden. Die Unterhaltung sei sehr herzlich gewesen.
Die Haltung Englands.
L v n d o n, 23. Sept. (WTB.) Reuter veröffentlicht eine Mitteilung betreffend die Haltung Großbritanniens in der Orientfrage, in der betont wird, wenn es nochmals zum Kampfe kommen sollte, sei dies lediglich die Schuld der Kemalisten. Wenn die Kemalisten das neuttale Gebiet achten würden, werde es zu keinem Kampfe kommen. Weiter heißt es, herrsche eine^verkehrte Auffassung über die Ziele Großbritanniens hinsichtlich der Meerengen. Großbritannien wünsche die tatsächliche Neutralisierung der Meerengen und eine siche re Garantie für die Freiheit der Schiffahrt für alle Länder unter dem Protektorat des Völkerbundes oder irgend einer anderen, wirklich neutralen Organisation.
Die Isoliertheit der englischen Truppen.
P a r i s, 22. Sept. (Wolff.) Die „Daily News" schreibt, die fortdauernde Anwesenheit der englischen Truppen an der asiatisch en Küste nach dem Abzug der französischen Truppen sei ein Wahnsinn. Das Blatt fordert den chleunigen Rückzug der englischen Truppen.
Washington, 22. Sept. (Wolff.) Funk- spruch Zu den Mitteilungen in den Zettungs- depeschen, England würde die Anwesenheit der Vereinigten Staaten bei der bevorstehenden Kon- erenz über die Dardanellen begrüßen, wird von amerikanischer Seite gemeldet, daß die T e i l- nahmeAmerikasnichtinDetrachtge- zogen werde.
Paris, 22. Sept. (WTD.) Rach einer Havasmeldung machte die gestern nachmittag veröffentlichte englische Mitteilung, daß die englischen Truppen we'tter auf dem Secufer der Dardanellen, besonders in Tschanak, bleiben würden, in französischen und italienischen politischen Kreisen einen etwas ungünstigen Eindruck. Man sei sich darüber tlar, daß eine der artige Entscheidung nicht geeignet sei, eine Abmachung zu erleichtern. Aus den Unterhaltungen, die Kemal mit französischen Vertretern hatte, geht hervor, daß die Angora-Regierung nicht zu einer Friedenskonferenz kommen werde, wenn sie nicht vorher förmliche Zusicherungen bekommen habe, daß auf dieser Friedenskonferenz ihre An - sprüche auf die Maritza-GreNze und die Zurückgabe Adrianopels im Cin- klang mit dem Akt der Nationalversammlung anerkannt werden. Es wäre daher gut, wenn die Alliierten sich darüber verständigen würden, die Friedenskonferenz auf der Grundlage der Bc friedigung dieser territorialen Wünsche der Türkei in Thrazien einzuberufen. Im Saufe der Verhandlungen würde b'* Freiheit der M e e r engen in der Weise geregelt, daß die türkische Souveränität nicht berührt werde, daß aber die Sicherheit der Durchfahrt feststehe Ziemlich leicht werde man über die Maßnahmen sich einigen, die bezüglich des Schuhes der Min derheiten und über den Gerichtsstand für Fremde notwendig wären.
Havas weist darauf hin. daß bezüglich de' Meerengen die Außenminister Frankreichs, Englands und Italiens bei der Zusammenkunft im März sich darüber einig waren, daß die an die Meerengen grenzenden Gebiete aus 6cib:n Ufern entmilitarisiert werden und daß alliierte Streitkräfte nur aus der Halbinsel Gallipoli stehrn sollten, während alliierte Militärinspektoren nur die Aufrechterhaltung der Neutralität des Süd- ufers überwachen würden. Havas betont, daß im Gegensatz flu dem, was einige Blätter gemeldet hätten, Lord Curzon sich vorgestern nicht auf den Pakt vom 5. September 1914 wegen des Abschlusses eines Sonderfriedens bezog, als er sein Erstaunen über die Zurückziehung der französischen Truppen aus Tschanak ausgedrückt habe, sondern daß er sich auf die Abmachungen vom 19. September 1920 betr. das interalliierte Oberkommando int Orient bezogen habe. Run sollle nach den Festlegungen dieser Abmachung der englische Obettommandant nur nach vorheriger Verständigung mit den Oberkommifsaren der drei Mä<Äe, d. h. letzten Endes nicht ohne die Zu stimmung der drei Regierungen über die Truppen bestände verfügen; Frankreich sei daher voll kotnmen im Recht gewesen, seine Truppen aus Tschanak zurückzuzieyen.
Kabinettsrat in London.
London, 22. Sept. lW. B.) Heute abend 5.30 Uhr wurde im Kolonialministerium wiederun' eine Sitzung der Kabinettsmitglieder ab gehalten. Wahrscheinlich wurden dabei die Truppenverschiebungen zum Schutze det Meerengen erörtert.
Das Feuer in Smyrna.
Angora, 22. Sept. (WTD.) Nach einer amf lichen Mitteilung ist das Feuer in Smyrna am 14. September abends durch türkische Truppen gelöscht worden. — Einer weiteren Meldung zufolge ist General Vlachagolos in Kleinasien gefangen genommen worden. Es handelt sich um den früheren Oberbefehlshaber der griechisch. TruppeninThrazien.
Kanada und der russisch-englische Vertrag.
Moskau, 21. Sept. (Wolff.) Zwischen den Derttetern der Sowjetregierung und den Vertretern der kanadischen Regierung wurde in London ein Abkommen unterzeichnet, wodurch sich Kanada dem r u ff i s ch - e n g l i s ch en D e r- trag von 1921 anschließt. In den näckp flen Tagen reift die russische Delegation unter Wolkow nach Kanada ab.
Der sozialdemokratische Parteitag.
Augsburg, 22. Sept. (Wolff.) Auf dem sozialdemokratischen Parteitag erklärte Reichsjustizminister Dr. R a d b r u ch, das Wichtigste sei die Reform des Straf Prozeßverfahrens. Eingeführt werden müffe die Berufung gegen Strafkammerurteile und die Laienbeteili' gung auch in höherer Instanz; ferner die Schaf -
Heutiger Stand des Dollars
10 Uhr vormittags:
Berlin 1400, Frankfurt o. M. 1390.


