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feft, Latz daL ReiHsarbettsmtnisterium unb die GrMertschaften überall, wo gewertschaftlichs Grundsätze in Frage kommen, reibungslos auf dem Boden gegcnsell gen Vertrauens zusamm^narbm- ten. Die Reichsregierung sei sich der großen Be° Deutung der Gewerkschaften für Las Staats leben bewußt. 3n be^ug auf die Stellung der Ge­werkschaften zum Staat betonte dec Minister, baß der Staat nicht lediglich eine Wirtschrftsorganl- Ifation und rroch weniger eine Wirtschaftsorgani­sation im Interesse eines einzelnen Standes oder einer einzelnen Klasse darstelle. Das schließe aber nicht aus, bah die Geroerlfchaften ihrer änderen 'Bedeutung entsprechend einen größeren Einfluß ES früher auf das Staatsleben ausübten.

3n der Nachmi ttagssihung erstattete der Dor- fftzerrde Lei Part den Bericht des Bundes­vorstandes. Gr gedachte zunächst der Oberschlesier, die in diesen Tagen endgültig vom Reiche los- griffen werden, und widmete ihnen namens des 'Gewerkschaftsbundes herzliche Abschiedsworte. Der Redner wies dann die Borwürfe zurück, di: dem -Bundesvorstände wegen seiner Haltung b:tm 'setzten Eisenbahnerstreik gemacht worden sind. Der Borsland stehe auf dem Standpunkt, Vast ein -Streik der Eisenbahner nur zulässig fei, nachdem auch die letzten Berständigiingsmittel erschöpft seien.

Am 2. Berhandlungstage wurde in die Aus- sprache über den Bericht des Bundesvorstandes eingetreten Als erster Redner der Opposition

erhielt der Kommunist Walcher von ben Metallarbeitern das Wort. Er erklärte, bah das Mitbesiimmungsrecht der Arbeiter, Angestellten und Beamten in der letzten Zeit immer mehr verkümmert sei. Das sei die Folge der falschen taktischen Einstellung des Bundesvorstandes. Die Einstellung der freien Gewerkschaften in die Frage der Ersüllungspolctik bedeute eine Gefährdung des Achtstundentages nicht nur für die Arbeiter Deutschlands, sondern dec ganzen Welt.

Aufgedecktes Waffenlager.

Berlin, 21. Juni. (Wolff.) Durch Ber­liner Kriminalbeamte wurde, wie der amtliche preußische Pressedienst mitteilt, in der Nacht zum 21. Zuni in Jüterbog ein großes Waffen lager entdeckt. Der den frühe­ren Baltikumtruppen angehörende Oberleut­nant Deutscher hatte versucht, das Jüter­boger Waffenlager in Berlin an den Mann zu bringen und war dabei mit Berliner Krimi­nalbeamten in Verbindung getreten, ohne es zu wissen, daß er es mit solchen zu tun habe. Er wurde verhaftet. Das Waffenlager wurde ausgehvben. Es handelt sich um zwei vollstän­dige schwere Maschinengewehre, 206 Gewehre, 150 Handgranaten, fünf Gurtfüller, mehrere 100 000 Stück Munition für Gewehre und Maschinengewehre, ferner Leuchtmunittvn.

Politische Aussprache im Reichstage.

Ein Tag der Interpellationen.

23L Sitzung, 2 iU)r nachmittags.

Berlin, 21. Juni 1922.

Zweite Beratung des Gesetzes über die An­wendung des Wiesbadener und Demelmans- Sachlleserungsablommens in Verbindung mit den Interpellationen der Deutschnationalen gegen das Wiesbadener Abkommen, der Deutschen Volls- bartei gegen die Neutralisierung der Rheinlande durch England und Frankreich, der Unabhängigen über die Pariser Reparationsverhandlungen und des Zentrums gegen die Eisenbahnzerstörung im besetzten Gebiet und gegen die Zustände int Saar­gebiet. Ferner steht kms Weißbuch der Regie­rung zur Reparationsfrage zur Beratung.

Namens des Ausschusses beantragt Abg. Dernburg die unveränderte A.rnahme des Sachlieferungsabkvmmens.

Abg. Dr. Reichert (D.-Nall.) begründet die Interpellation feiner Partei, welche der früheren Regierung den Vorwurf macht, sie habe mit dem ohne Zustimmung des Reichstags erfolgten Abschluß des Wiesbadener Abkommens einen Derfalsungsbruch begangen. Sic fragt, ob die jetzige Regierung die Verantwortung dafür übernehmen wolle. Redner greift den Außen­minister Rathenau aufs heftigste an und wirft ihm Hebertreibung der Erfüllungspolitik vor, . ohne daß es gelungen fei. Framreich zu be­schwichtigen und Oberschlesien zu retten. Der größte Fehler, der Erfüllungspolitik sei, daß sie 'in der Welt den falschen Eindruck erwecke, als . tonne das deutsche Volk noch mehr leisten. Redner 1 fordert vom Reichskanzler Antwort auf die Frage, j wann endlich der Verelendung unseres Volkes durch die übertriebene Erfüllungspolitik ein Ende » gemacht werden solle.

Abg. M o l d e n h a u e r lD. Vpt.) begrün­det die Interpellation seiner Fraktion mit bezug aus das Gerücht, daß zwischen England und Frankreich eine Neutralisierung des besetzten Rheinlands vereinbart sei, um den Rheinlanden nach Art des Saargebiets eine Autonomie unter französischer Oberaufsicht zu geben. Redner er» Härt eine wirkliche Reparation für unmöglich, solange die Reparationslasten für die unerhört kostspieligen Besahungstruppen vergeudet würden. Redner gibt zahlenmäßige Belege hierfür. Der Abgeordnete sucht dann nachzuweisen, daß Frank­reich seit dem Friedensschluss niemals die Vläne aufgegeben habe, die Rhein lande durch eine 6cbelnautonoinie von Deutschland loszureißen. Dazu komme die Förderung der rheinischen Hoch- i Verräter. Aber alle diese Pläne werden an der unerschütterlichen Reichstreue der Rheinländer > scheitern.

Abg. Lewi (11.) betont in Begründung sei­ner Interpellation über die Pariser Repara­tionsverhandlungen die Notwendigkeit, an der Erfüllungspolitik festzuhalten. Aber diese Er­füllungspolitik müsse einheitlich betrieben werden und in der Innenpolitik ihre Ergänzung finden. Es gehe nicht länger an, daß das Reichswehr­ministerium die politisch sehr bedenkliche Prv- pagandareise des Generalfeldmarschalls von Hin­denburg fördere oder durch Streiche wie die Er­nennung der Kappisten Lowenfeldt zum Schiffs­kommandanten die planmäßige Außenpolitik des Reichskanzlers durchkreuze.

Abg. Dr. Lauscher (Z.) begründet die Interpellation, welche sich gegen die Zerstörung einer ganzen Reihe wirtschaftlich bedeutsamer Eisenbahnbauten im besetzten Rheinland wendet. Cs handelt sich hier um eine völlig sinnlose Ver­schleuderung wirtschaftlicher Werte, wofür um so weniger Anlaß vorliegt, als nach Durchführung der Entwaffnung den bedachten Eisenbahnanlagen eine militärische Bedeutung nicht mehr beigemeffen werden kann. Von der in der Botschaftertonferenz behauptetenschonenden Rücksichtnahme auf das deutsche Wirtschaftsleben" sei in diesem Zerstö­rungsprogramm nicht das mindeste zu spüren. Diese Zcrstörungspolitik sei nur zu erklären aus dem sinnlosen Vernichtungswillen, den wir zuerst bei den Waffenstillstandsverhandlungen kennen gelernt hätten. Diese Politik beweist, daß Frank­reich mit der rheinischen Bevölkerung sehr unzu­frieden ist. Dazu habe es auch allen Grund, denn die Haltung der rheinischen Bevölkerung könne ein Vorbild für das ganze deutsche Volk fein. Möge die Regierung daher den denkbar schärfsten Protest gegen die Zerstörungspläne einlegen und die Wirtschaft der Rheinlande schützen. Ihr Deutschtum werden die Rheinländer selbst schützen.

Abg. Bell (Z.) begründet seine Interpel­lation wegen der Französisierungsbestrebungen im Saargebiet. Die Nichtachtung des Versailler Vertrages werde dadurch bewiesen, daß die Re- gierungslommission französische Truppen im Saar­gebiet belasse, französische Kriegsgerichte und Gen­darmerie einsetze, die Vertretung der Auslands- intereffen an Frankreich übertrage, französisches Geld einführe, das Schulwesen sranzösisiere und politisch mißliebige Personen in Massen ausweife. Der Redner schließt, in neuerer Zeit fei die Be­völkerung des Saargebietes durch immer weitere Willlürmatznahmen der Regierungskommission bedrückt worden. Die leitenden Stellen in der Beamtenschaft seien gegen Recht und Vertrag mit Franzosen besetzt und die Wünsche der 'Be­völkerung vollständig mißachtet worden. Wir mühten vor aller Dell dem Rheinland zurufen: Harret aus, auch Euch wird die Stunde der Erlösung schlagen. Der ist in tiefster Seele treu, der die Heimat liebt wie du". (Lebhafter Beifall.)

Staatssekretär Müller erklärt zur deutsch- nationalen Interpellation, in dem Abschluß des Wiesbadener Abkommens sei keine Verletzung der Verfassung oder des Etatrechtes des Reichstages zu erblicken.

Minister des Oleuhern Rathenau beant­wortet die übrigen Interpellationen. Zu dem angeblichen Neutralisierungsplan der Rheinlande erklärt er, daß solche Pläne nur unter dem Bruch des Versailler Vertrages verwirllicht werden könnten. Die Reichsregierung crfiört, daß sie niemals unter irgendwelchen Zugeständnissen da­mit einverstanden fein wird, daß die Rheinlande preisgegeben oder in ihrem Bestände geschädigt werden. (Lebhafter Beifall.) Zur Interpellation über die Eisenbahnzerstörungspläne erklärt der Minister, der Friedensvertrag gebe den Alliier­ten nur bas Recht, sich gegen deutsche Kriegsvor­bereitungen zu schützen, nicht aber, störend und zerstörend in das deutsche Wirtschaftsleben ein­zugreifen. Die Reichsregiei-ung werde kein Mittel unversucht lassen, um die Botschaftertonferenz von der Ausführung ihres auf falschen Voraussetzun­gen beruhenden Planes abzubringen.

In Beantwortung der Saargebiets-Inter­pellation betont Dr. Rathenau die uitgla iblid> komplizierte Rechtsstellung des von cir.tr deut­schen Bevölkerung bewohnten deutschen Saar- gebiets. Die Bevölkerung habe nicht das Recht der Mitbestimmung über ihre Geschicke. Sie werde regiert tote tm Zeitalter des aufgeklärten Abso­lutismus. Wem, der Völkerbund mit der Aus­übung eines solchen Regimes betraut ist, so ist das eine Entwürdigung der Idee des Völker­bundes. (Lebh. Zustimmung.) Rathenau schließt: Die Art, wie die Regierungskommission di7. Frankentoährung rm Srargebiet eingfführt hat, ist vertragswidrig und schädigt die Industrie des Saargebiets außerordentlich. Die Regierangs- iommission verwaltet das Land nicht, wie es ihre Pflicht als Treuhänder ist, sondern bevor­zugt vertragswidrig den französischen Staat. Cs ist eine unbestreitbare Vertragsverletzung, daß sich im Saargebiet noch immer französische Trup­pen befinden und eine französische Gendarmerie, welche u. a. die Aufgabe hat, über politisch her- vortretende Persönlichkeiten Listen zu führen und die Beamtenschaft unaif fällig zu überwachen. Es ist widersinnig, daß die deutsche Bevölkerung des Saargebiets außenpolitisch durch Frankreich ver­treten wird. Die Zumutung, ihr auch die Ver­tretung der in Deutschland wohnenden Einwohner aus dem Saargebiet zu übertragen, haben wir natürlich abgelehnt. Wenn die Regierungskom­mission einen besonderen BegriffSaarländer" schaffen und das deutsche oaargebiet Deutsch­land gegenüber zum Ausland machen will, ver­stößt sie gegen den Friedensvertrag. Eine weitere Vertragsverletzung ist die Französisierung des Schulwesens. Unsere wiederholten Beschwerden haben nicht die gebührende Beachtung gef.ntbcii, dennoch wird die Regierung ihre Verficht in dieser Richtung nicht aufgeben.

Reichsfinanzmmister Dr. Hermes schildert zur setzten Interpellation der Unabhängigen das Er­gebnis der Pariser Anleiheverhandlnngen und spricht die Hoffnung aus, daß die vertagten An- leiheverhandlungen bald wieder auf genommen werden. Heber die Maßnahmen, die ber ein'em Zustandekommen der Anleihe zu schaffen sind, habe die Regierung noch Temen Beschluß gefaßt.

Die Besprechung der Interpellationen wird nach 6 Ähr auf ncorgem nachmittag 2 Ahr vertagt.

Aus Stadt und Land.

Dießen, den 22. Ium 1922.

Wettervoraussage

für Freitag:

Wollig biS heiter, trocken, westliche Winde.

Die nördliche Depreffion hat erneut das at­lantische Hochdruckgebiet etwas zrrückgedrängt, führt aber noch immer keine Aendernng der Wetterlage herbei.

Eine Sitzung des Provinzial- Ausschusses der Provinz Oberhessen findet am kommenden Samstag, vormittags Sy-.- ll.hr, Im Regierungsgebäude zu Gießen, Landgras- PhilippSplatz Nr. 3 statt mit folgender Tages­ordnung: Klage des Ortsarmenverbands Mar­

burg gegen den Ortsarmenverband Friedberg wegen Ersatzes von Pflegekosten für das Kin­des Heizers Franz Filtkau zu Friedberg in Höhe von 868 Mk. 81.2 Ufjr.

** Zur Feier der Sommersonnen­wende veranstaltete bet Hochschulring Deutscher Art an der Landesuniversität geftern abend einen Fackelzug, der vom Wetter begünstigt wohl gelang. An der ilnioerfität vorbei bewegte sich der farbenfrohe Zug durch die Straßen der Stadt nach der Hardt, wo die Teilnehmer sich um den Dismarckturm sammelten. Don dessen Fuße aus sprach Professor Schian von Herzen kommende und zu Herzen gehende Worte. Zu wahren gilt es das Erbe Bismarcks, das da ist: Deutscher .Dank, deutsche Treue, deutsche Sehnsucht und deutscher Wille. Dank an ben, ber das Reich schuf und an die, die es trugen und schirmten: Treue zum deutschen Volkstum und insbesondere zu den Brüdern tm besetzten und-im», von uns geriffenen Gebiet, Sehnsucht mich einer besseren Zukunft, nach einer neuen Herrlichkeit des Reiches und Wille zur Einigkett und zur Mitarbett am Wiederaufbau. Als ein Zeichen des Gelöbnisses zu diesem Vermächtnis des Altreichskanzlers fangen die Versammelten baä Deutschland-Lied. Die zusammengeworfenen Fackeln lohten gen Him­mel und gaben Zeugnis vom Deutschbekenntnis des Gießener Hochschulringes.

** FürdieStudentenhilfe. AlsRem- ertrag des durch die Schättlersche Musikschule am vorigen Freitag im hiesigen Studentenheim abgehaltenen Kammermusik-Abends wurden 1227 Mark an die Studentenhilfe abgeführt.

** Wohnungsbauabgabe. Von zu­ständiger Seite wird uns geschrieben: Die den Hauseigentümern zugestcltten Wohnungsbauab­gabebescheibe gelten nur für die Zeit vom 1. Jan. bis 31. März 1922. Die Abgabe beträgt für dieses letzte Vierteljahr des Rechnungsjahres 1921 60 Pf. für je 100 Mk. BrandversicherungSwert. Für das Rechnungsjahr 1922 können die Abgabe- befcheide erst später ben Hauseigentümern zuge­stellt werden. Die Wohnungsabgabe wird von den Hauseigentümern erhoben, jedoch ist jeder Mieter verpflichtet, seinen Anteil entsprechen­der Wohnungsmiete dem Hauseigentümer zu er­setzen. Bei Streitigkeiten über die Verteilung der Abgabe entscheidet das Mieteinigungsamt endgültig. Selbstverständlich entstehen ben Be­teiligten hierdurch sehr große Kosten, die ver­mieden werben können. Eine Verstänbigung zwi­schen Hauseigentümer und Mieter ist daher im eigenen Interesse bringend anzuraten.

**Strahenreinigungs-undMüll- abfuhrgedühren. Von zuständiger Seite wird uns mitgeteilt: Die Stcuerzcttel über die Straßenreinigungs- und Müllabfuh. gebühr sind den Hauseigentümern zugegange,. Aus dem Steuerzettel ist die Verteilung der Gebühr auf die einzelnen Stockwerke und Wohnungen zr er sehen. Jeder Mieter ist verpflichtet, den aus'feine Wohnung cntfaUenben Betrag dem Vermieter z.i erfeben. Im Weigerungssal' wird die Gebühr von dem Mieter zwangsweise beigetrieben. 3eber Eigentümer eines bebauten oder in bebauten an einer Straße gelegenen Grundstücks oder eines selbstäirdigen Teiles ist verpflichtet, für die Rein' gung der Straßen und Fußsteig' and für bk Abhcstung von Hauskehricht die Gebühr zu zahlen

* Vom Städtischen Gaswerk wird uns auf eine Anfrage mitgeteilt, bah infolge der Kohlennot dem Wert nicht die Kohlen zugeführt werden können, die es benötigt. Insolgrtxffen ist es immer noch gezwungen, Sperrstunden einzuhalten, während bereit der Gasdruck ganz bedeutend herabgesetzt ist. Diese Stunden bauern früh von 810l/2 lllhr, natfy mittags von l1/-6>/- älhr und nachts von 12l/25 Llhr.

** Ein 13jähriger Llhrendieb. Am Montag wurde in einer hiesigen Badeanstalt eine goldene Herrenuhr im Werte von 22 000 Mark entwendet. Am Dienstag vormittag gegen 9tthr beobachtete nun ein Herr einen 13jäf>rigen Jun­gen, ber mit Zeitungstragen in der Frankfurter Straße beschäftigt war, wie sich dieser mit einer goldenen lllhr in der Hand zu schaffen machte und benachrichtigte sofort die Polizei, die feststellte, daß es sich um Die in der Badeanstalt gestohlene lllhr handelte. Diese konnte dem Geschädigten wie­der ausgehändigt werben. Eine bei dem Täter und zwei Komplizen vorgenommene Durchsuchung

Mem Vetter Jolua.

Roman von Richard Skvwrvnnek.

17. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)

'Ser Winter Dergtng und das Frühjahr tarn, und mit ihm der Tag, an dem ich Helene zum ersten Male wiedersah. Sie war blaß und ab­gezehrt, und von ihrem lieben Geftcht sah man 'fast nichts, als die großen blauen Argen. Ein 'Wagen stand vor der Tür, die Iustizräiin stieg mit ihr ein und hüllte sie sorgfältig in wärmende Decken. Ich stand hinter dem Vorhang meines Fensters verborgen, sah, tote sie ber Iustizrätiu dankbar zulächelte, dann zogen die Pferde an -und ber Wagen fuhr weiter. Meine etube toirbc wir zu enge, ich ging hinaus und trieb mich ein paar Stunden lang ziellos in ben Straßen naher. Ich schmiedete die abenteuerlichsten Pläne für bic Zükunft, sah mich mit Helene allein in einem kleinen Häuschen im Urtoalö, wohin wir ans vor ber Welt und ben Menschen geflüchtet hatten Nichts störte unser Glück nrr das eine war zwischen uns, aber daran wollten wir ja nicht -denken, das sollte ja für immer ausgelöscht und vergessen sein! Ich zwang meine Gedanken mit stDewall auf ein andres Ziel, aber sie kehrten immer toieber auf den einen Punkt zurück. Wie hatte meine Mutter gesagt? ,Was zwischen euch ,steht, das wäscht kein Regen aus?' - -

Eines Tages wieder waren fast sechs Wochen Vergangen sah ich von meinem Schreib­tische <ws, wie Helene allein das Haas verließ. Auf diese Stande hatte ich schon lange gewartet, ifie sollte über meine Zukrnst entscheiden. Einen Augenblick zaaderte ich l>ei dem Gedanken, He­lene tn <:.tc von neuem trank werden, wenn ich so unnerm itet vor fle hin träte, bann aber griff ich nach meinem Hute and eilte auf bk Straße Einmal mußte es doch zwischen an« zu eine Aus­sprache kommen. Die Rolle des Toggenbgers, bre ich damals spielte, das konnte doch nicht das Ende sein?!

Ich lieh Helene einen wetten Vorsprung, im nicht zu früh von ihr bemerkt zu traben, und schritt erst schärfer aas. als sie über bi? N in ben Tiergarten iinein-jegang: x war. Ass ich j4L fast eingeholt hatte und noch immer pochen

den Herzens überlegte, ob ich doch nicht lieber umkehren sollte, blieb sie plötzlich stehen, wandte sich um und blickte mir ruhigen Gesichtes entgegen. Das verschlug mir die Rede, ich tonnte kein Wort von dem herausbrrngen, was ich für diesen Augenblick mir zurechtgelegt hatte, ich griff nur nach ihrer Hand und preßte sie an mehre Lippen i

ilnb da fing sie zuerst an zu sprechen, genai so wie damals, als wir uns vor mehr als einem Jahre im Pfarrhause gegenüber standen.

Ich wußte, daß du kommen würbest, inb darum habe ich die Tante Stellter gebeten, mich heute allein gehen zu lassen, so sehr sie sich a ich dagegen sträubte. Ich kann es nicht länger mit ansehen, daß du dich am mich grämst and deine Zukunft on mich hängst, und brim bitte ich dich, laß von mir ab und versuche, mich za vergessen.'

.3d) tarnt nicht, Helene!'

..Sie schüttelte mit dem Kopfe und wehrte ob, als ich von neuem nach ihrer Hand greifen; wollte.

,.,Wn zwei dürfen einander auf dieser Welt nicht gef oren. Es steht zwar geschrieben, die Liebe überwindet alles, aber so sehr ich auch mit mir gerungen habe, ich kann es nicht ver­gessen, daß Georg Reiner um mrtaettoil'en hat ft erben müssen. Widersprich mir nicht, fuhr sie fort, als sie sah, baß ich aufbegehren wollte, ,ich muß doch die Wahrheit sage-i, und die Wahr­heit ist, daß Georg noch heute leben würde, wenn du mich nicht gekannt hättest. Hab drum bitte ich dich geh von hier fort, vielleicht daß C6 uns beiden ternn leichter wirb, ein neues Leben zu beginnen!'

.Helene, wenn du mich wirtlich lieb hättest, dann würdest tu nicht so sprechen!'

Ihre Augen füllten sich mit Tränen.

.,,Gott weiß, wie ich dich liebe! Ich habe ihn wohl tausendmal gebeten, mein Leben zu nehmen und dich dafür glücklich zu machen. Er hat es nicht gewollt, sondern mich cm Leben g.lassen, wohl weil ich für die Schuld, die ich do nals au) mich lud. als ich tid) zum ersten Ille sah, noch nicht genug gebüßt txj.be/

..Ich rtv sic in meine Arme, küßte ihr die l erlenben Tränen aus d' > Wimpern und knirschte

o.Zch tänn nicht von dir taffen, Helene, ich

kann tacht. Komm, laß uns von hier fortgehen, irgendwohin, wo uns niemand kennt. Wie da in Wahrhrtt gegen mich gesonnen bist, habe ich ja damals gemerkt, als wir uns zum ersten Male wiedersahen, und es ist nur diese alte Fraa, die dich gegen mich aufhetzt. Wenn wir altain miteinander- sind, werden wir beide vergessen/

Saft heftig entwand sie sich mir und trat einen Schritt zurück. Eine jähe Röte färbte rhr Hals und Wangen.

...Nein/ tagte fie Laut, .unser Zusammen­sein würde eine immerwährende und stets sich er­neuernde Sünde sein, denn Gott läßt sich nicht spotten. Er hat mir den Weg gewiesen, ben ich zu gehen habe. Trachte auch du danach, daß b.o ihn findest st

Erschreckt sah ich sie an. Ihre Augen leuch­teten hi einem überirdischen Glanze, und von der Röte, die ihr ganzes Gesicht bedeckt hatte, waren nur zwei runde Flecke übrig geblieben, bic wie Male auf ihren Wangen brannten.

Ein Wagen tarn vorübergefahren, ich winkte den Kutscher heran, hob Helene hinein und fuhr mit ihr nach Hause.

Sie ließ alles ruhig mit sich geschehen, wäh­rend der ganzen Fahrt sprachen wir kein Wort, nut als ich ihr beim Aussteigen hals, drückte sie meine Hand und sagte leise: ,Ich werde zam lieben Gott beten, daß er dir seinen Frieden schenkt!' 'Dann schlug die Ha.rstür hinter ihr zu, und ich fing allmählich an za begreifen, das alles zu Ende war."

Josua erhob sich schwer von seinem Stuhle und ging an* mir vorüber die Treppe herunter nach dem Hofe zu. Ich wollte ihm folgen, doch er wehrte mit einer Handbewegung ab:Laß man, mein Jungchen, es geht schon vorüber. Ich muß nur ein paar Augenblicke mit mir allein sein."

Der Mond war aufgegangen, feine schmale Sichel hing zwischen ein paar bleichen Sternen cm Himmel, und ein feiner Nebel zog in langen Streifen um die schon h-lb kahlen 'Bäume des Gartens. I-n ber tiefen Stille vernahm ich "beute ück, wie Josua mit unruhigen Schrittmr ben Hof durchmaß. Endlich kehrte er wieder und schalt mich, N eil ich das Trink:.r ganz und gar ver­geßen halte. Der Ton, in dem er das sagte,

sollte scherzhaft Hingen, aber mir tat er in der i^eele weh. Ich schlang meinen Arm um ihn und legte meinen 5tobf an feine Brust. Eine Weile duldete er mich so, ich füllte, wie seine Hand auf meinen Haaren lag, bann schob ec mich von sich: ja, ich weiß es. du hast mich

gern und meinst es gut mit mir. Unb eigentlich ist es 'ne Sünde und Schande, daß ich dein junges Herz mit meinem Leid belaste, aber ein­mal mußte ich mir Luft machen. Ich hab' es lange allein mit mir herumgetragen. Aber wett du doch morgen fortgehst, und ich weiß nicht, ob wir noch öfter hier beifarnnrensitzen werden, da wollte ich dich nicht scheiden lassen, ohne dir zu erklären, wie es kam, daß ich so getoorben bin ein ., halber Narrt, wie mich mente Illachbarn nicht ohne eine gewisse Berechtigung nennen . . .

ttnd nun scheut bic ein und hör mir zu. Meine Geschichte hat nämlich auch ein sogenanntes Ende, fein erbauliches freilich, sondern ettts. in dem der Held eine ziemlich klägliche Rolle spielt. Wemt ich damals ein wirtlicher Held gewesen wäre, so einer, tote er in ben Romanen ^schrie­ben wird, dann hätte ich dengroßen Schmerz meines Lebens" oertounben und wäre ein tüch­tiger Kammergerichtsreferendar geworden. Da ich aber wohl das Zeug dazu nicht in mir hatte, so verlor ich mit Helene alles, was mir bis dahin Hall gegeben hatte, geriet unter die Torfeber und muri mich dein ersten besten Frauenzimmer an den Hals, das mir über den Weg lief. Das heißt nicht gleich am selben Tage, sondern ein paar Monate später. Auf den Zeitpuntt kommt es dabei ja schließlich nicht an.

.Also sie hieß Maggie Blvtoer und war eineS^itfcbamerifanerin, die Frau eines reichen Whislygroßhändlers aus Ontaha: sie war allein feröbei gekommen, um Verwandte in der Alten Well wiederzüsehen oder ein Bad zu besuchen, bas ihr der Arzt gegen ein eingebildetes Leiben ver­schrieben hatte.

Wie sie In das kleine Hotel in der Mittete st ratze geraten war, in dem ich mit einigen alten Korpsstudenten und Kollegen zu Mittag ah, weiß ich incht. Eines Tages erschien sie, alß wir schon die S^rpPe hinter uns hatten, imb da ich der Letzte in ber Reihe war, so geleitete der Wirt fie auf den neben mir freien Platz. (Forts folgt.)