urrd die nrtemnitnnale TBezretBing der Rohstoffe unb der zum Leben notwendigen Daren zu organisieren.
Unruhen und Kämpfe in China.
Hongkong, 19. Juni. (WTB.) Reuter. Nir Truppen Tschang-Tschu-MingS haben in Kanton vier Kanonenboote und rin Torpedoboot, die den Kantonfluh hin- aufdampften, beschossen. Die beschossenen Schiffe, die der Partei Sunyatsens angehören, erwiderten das Feuer. Es wurde ein Waffenstillstand vereinbart unter der Bedingung. daß Tschang-Tschu-Mings Truppen die Beschießung der Kriegsschiffe einstellen, und daß diese davon Abstand' nehmen. Kanton -u beschießen. Die Kantvner Bevölkerung flüchtete nach Hongkong.
Aus dem Resche.
Die Frage der Getreideumlage.
D e r I i n, 19. Juni. Wie die Blätter mit- teilen, haben außer den Sozialdemokraten sämtliche ReichStagsfraktionen gestern abend Sitzungen abgehalten, in denen sie sich mit der von ihnen im Reichstagsausschuh einzunehmenden Haltung zur Getreideumlage beschäftigten. Die Besprechungen innerhalb der einzelnen Fraktionen sollen heute fortgesetzt werden. Darauf werden die Fraktionen untereinander in Fühlung treten. Die „Deutsche Allgem. Ztg." und das „Derl. Tagebl." glauben, daß sich eine, wenn auch geringe Mehrheit für den Gesetzentwurf finden werde.
Da» Volksbegehren in Sachsen.
Dresden, 19. Juni. (WTB.) Sn der Seit vom 6. bis zum 19. Juni lagen in ganz Sachsen Einttagungslisten zum Dolksbe- gehren zur Herbeiführung eines Dolksent- scheides über die Auflösung des Landtages auf. Am das Bvllsbegehren wirksam zu machen, muß gesetzlich ein Zehntel der bei den letzten Landtagswahlen Wahlberechtigten ihre' Namen in die aufgelegten Listen eintta- gen. Dieses Zehntel beträgt rund 297 000. Die Parteien der Linken hatten chre Anhänger aufgefordert, sich nicht an dem Volksbegehren zu beteiligen und sich nicht in die Listen eiirzu- tragen. Nach den bis heute abend vorliegenden Zählungsergebnissen haben sich eingetragen: Sn Dresden von 400 000 Stimmberechtigten .115 000, in Plauen von 63 000 20 400, bi Zit- Nau von 20 500 6710, in Chemnitz von 190 000 Stimmberechtigten 55198.
Laut einer Meldung des ..Lokalänzei- Hers" aus Dresden dürften nach den vorläufigen Feststellungen fürdas Bolksbcgeh- .ren auf Auflösung des sächsischen Landtages in 'ganz Sachsen nahe an 5 0 0 00 0 Stimmen erreicht worden sein, während nur 297 000 Unterschriften erforderlich waren.
fc Die Groß-Hamburger Frage.
7 Berlin, 19. Juni. (WTB.) Wie der
. amtliche preußische Pressedienst meldet, sind ' die Verhandlungen zwischen Hamburg und Preußen über die Frage Grvh-Ham- b u r g heute nach längerer Pause in Hamburg wieder ausgenommen worden. Ein Ergebnis wurde noch nicht erzielt. Die beiderseitigen Unterhändler werden zunächst wegen weiterer Instruktionen mit ihren Regierungen in Verbindung treten.
Aus Hessen.
Die Teuerungszulagen In Hessen.
Die Teuerungszahlen in 24 hessischen Gemeinden, berechnet auf Grund der Preise vom 24. Mai 1922 (19. April) betrugen für Mainz 3353 (3256), Darmstadt 3093 (2919), Offenbach 3102
(3039). Dorms 305z (3082). Gießen 3186 (3O5Z), Reu-3fenburg 3237 (3070), Friedberg 3190 (2872). Lampertheim 3449 (3077), Bad-Rau heim 3489 (3075). Viernheim 3073 (2964); Durchschnitt der 10 größten Gemeinden 3223 (3041), Bensheim 3023 (2942). Bingen 3234 (3125), Alzei) 3205 (3208), Rüsselsheim 3069 (2973), Heppenheim 2763 (2802). Dieburg 2870 (2788). Groh-Grrou 3280 (2920), Alsfeld 3307 (2978). Bukbach 3095 (2960), Lauterbach 3179 (3094). Oppenheim 3107 (3002), Büdingen 3092 (2902), Erbach 3157 (2978). Schotten 3017 (2910); der Durchschnitt aller Gemeinden beträgt 316b (3005). — Die Durchschnitts- teuerungszahl für die 24 Gemeinden setzt sich aus folgenden Posteti zusammen: Ausgabe einer fünfköpfigen Familie für Brot 386.98 (363.60), Mehl 88.64 (86.40), Rährmittel 241.01 (216.04). Kartoffeln 438.75 ((434.80). Gemüse 296.37 (344.97). Fleisch 245.75 (232.34). Schellfisch 36.40 (33.24), Speck 175.- (155.70). Fett 384.4.9 (375.93), Salzherige 16.68 ((15.10), Dörrobst 115.24 (101.12). Zucker 98.34 (76.39), Eier 44.51 (44.34), Vollmilch 209.80 (203.57), Brennstoffe 281.77 (227.52), Leuchtstoffe 45.80 (39.28), Wohnung von zwei Zimmern und Küche, monatlicher Mietpreis 55.80 (55.48). Die rapide Steigerung der Teue- rungszahlen. wie sie in den Vormonaten in Erscheinung trat, hat im Monat Mai nicht angehalten. 3n einzelnen Gemeinden sind sogar die Teuerungszahlen etwas Lurückgegangen. Es ist dies vor allem aus die niederen Gemüsepreise zurückzuführen. Teuere Frühgemüse, wie Spargel usw-, durften nach den Vorschriften für die Berechnungs- Weise nicht in Ansatz gebracht werden.
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Aus Stabt und Land.
Gießen, den 20. Juni 1922.
** Amtliche Persvnalnachrichten. Ernannt wurde am 6. Februar 1922 der prov. Gesangslehrer Otto Raumann in Mainz zum Oberlehrer an der höheren Mädchenschule und dem Lehrerinnenseminar in Mainz mit Wirkung vom 1. Februar 1922 ab. Ernannt wurde am 13. Juni Franz Adrian aus Lorsch zum Wärter an der Landes-Heil- und Pflegeanstall »Phi" lippshospital" mit Wirkung vom 1. Mai 1922. — Ernannt wurden am 14. Juni der Schulamtsan- wärter Fritz Grünewald aus Seckmauern zum Lehrer an der Volksschule zu Kimbach, Kreis Erbach; der Schulamtsanwärter Heinrich Röth aus GraK-Ellenbach zum Lehrer an der Volksschule zu Güttersbach, Kreis Erbach. — Ernannt
। wurde am 14. Zuni die Schulamtsanwärterin Elisabeth Göhky aus Rieder-Erlenbach zur Lehrerin an der Volksschule zu Bieber, Kreis Offenbach. — Zn den Ruhestand verseht wurde am 12. Zuni der Gendarmerieoberwachtmeister Philipp Martin in Freiensteinau auf sein Rach- suchen unter Anerkennung seiner dem Staat geleisteten Dienste mit Wirkung vom 1. Zull 1922 an. - 3n den Ruhestand versetzt wurde am 14. Juni der Studienral an der Realschule zu Gomsheim, Ludwig Dörr, auf sein Rachsuchen unter Anerkennung seiner dem. Staate geleisteten Dienste vom 1. Zull 1922 ab.
Eine Sitzung der Stadtverord' netcn findet am Freitag, den 23. Zuni, nachmittags 5 Ahr im Stadthausc. Bergstraße (Sitzungssaal), mit folgender Tagesordnung statt; 1. Festsetzung des Zuschlags zur Wöhnungsbauabgabe für das Rj. 1922. — 2. Bewertung der Rebenbezüge der städtischen Beamten für das Rj. 1922. — 3. Gewährung eines Vorschusses an die Gemeinnützige Daugenossen- schrft 1894 in Gießen zur Beschaffung von Baumaterialien. — 4. Genehmigung von Rechnungen über die freihändige Beschaffung von Baustoffen auf Grund des Beschlusses der Daudeputation vom 14. Februar 1922. — 5. Beschaffung von Maschinen für die Herstellung von Kanrmer- steinen. — 6. Uferbefestigung am Grundstück drr Gießener Rudergcfellschtrft von 1877; hier: Gewährung eines Zuschusses. — 7. Errichtung von Rotwvhnungen: hier: Kreditbewilligung.
8. Beschaffung von Asphalt für die in eigener Regie auszuführenden Reparaturen an Straßenbefestigungen. 9. Baugesuche: a) des Ingenieurs H Brinkmann für die Bahnhofstraße; b) des Prof. Dr. Petsch für Errichtung eines Küchenbaues am Hause Ludwigstraße 76; c) der Firma 3. B. Häuser für Errichtung eines Lager
hauses auf dem Grundstück am OswawSgarten; d) des Karl Schott, Sandgaffe 22, für die Errichtung einer Einfriedigung entlang der Straße am Pfarrgarten. — 10. Erweiterung der Fernsprech- cmschlüfsc im Stadthaus, Bergstraße. — 11. 'Bewilligung eines Kredits für Verlängerung der elektrischen Leitung in der Erednerstraße. — 12. Bewilligung eines Kredits für Erhöhung der Löhne der städtischen Arbeiter. — 13. Bewilligung eines Kredits für den Jahresbeitrag an den Bezirksarbeitgebrrverband. — 14. Beschaffung von Rährnaschinen für die Mädchens ort- bildungsfchule. — 15. Voranfchlag der Plockfchen Stiftting. — 16. Auflösung der Kommission für Wirtsc^ftsbeihilfen. — 17. Gesuche um Erlaubnis zum Schankwirts chastsbetriebr: a) des Otto Eckhardt im Haufe Plockstraße 5; b) des Max Stephan für Schühenstraße 2; c) des Karl Frics für Walltorstraße 36; d) .des Willy Kleinertz für Leihgestemer Weg 18; e) des Wilhelm Müller für Wolfstraße 9; f) des Ferdinand Ketten Hofer für Wollengaffe 26. — 18. Erlaß einer Polizei- verotdnutrg bett. Einrichtung und Betrieb des Rutzviehmarktes in Gießen. — 19. Erhöhung des Kredits zur Beschaffung einer Lichtbatterie für das Stadttheater — 20. Zuschuß zum Betrieb des Stadttheaters für das Rj. 1921.
" Ein Fackelzug wird am Mtttwvch abend zur Sonnenwendfeier vom Hoch- schulrmg deutscher Art veranstaltet. Die Auf- stellung beginnt um 9 Mr in der Kaiserallee. Von dort bewegt sich der Zug durch die Lud- wigstraße, Bleich straße, Südanlage, Seltersweg, Marktplatz, 'Bahnhofstraße, Reustadt nach der Hardt, wo Professor Dr. Schian I ehre Ansprache halten wird.
** Wäschediebstahl. Zn der Rächt zum 18. Juni 1922 wurde von einem fremden Reisenden, der in einem hiesigen Gasthause übernachtete, die Bettwäsche, bestehend aus einem weißen Damastbettbezug, einem weihen Damastkopsbezug und einem weißen Bettuch, im Gesamtwerte von etwa 500 Mk. entwendet. Die Wäsche ist gezeichnet A. R. oder K. R. Vor Ankauf wird gewarnt.
** Sein 25jähriges Arbeitsjubiläum feierte dieser Tage Herr Emll A b e r t bei der Firma Fr. Heimer & Co. Zn Anerkennung seiner treuen Dienste wurde ihm Pro- hira erteilt. Herr Abert ist mit Ausnahme der Kriegsjahre ununterbrochen bei seiner Firma tätig, in die er vor 25 Zähren als Gehilfe eintrat.
** L icht sch i el hau s. Die Aufgabe des Films, das gesprochene Wort durch gesteigerte Ausdruckskunst zu ersetzen, ist in dem Drama „Die Schiffbrüchigen" in ungewöhnlichem Maße gelungen. Menschliche Leidenschaften, lobend in ungehemmter Aaserei gleich den Wellen des Meeres, sind hier mit oft geradezu schmerz haft greller Beleuchtung gezeichnet. Mit atemloser Spa.nw.lng folgt der Zuschauer diesen cnl-- fefselten Stürmen, bis er mit befreitem Aufatmen nach einem Schiffbruch im doppelten Sinne des Wortes die Geläuteicken den Seelenfrieden finden siecht. Darstellung und szenischen Rahmen verwob eine geschickte Regie zu einem einheitlichen Ganzen, das auf den Ra men „Kunstwerk" Anspruch erheben darf.
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Wettervoraussage
für Mittwoch:
Wollig, mäßig warm, trocken, westliche Winde.
Das Hochdruckgebiet im Westen erstreckt sich bis nach Polen hinein und bringt uns westliche Luftströmungen.
Landkreis Gießen.
A Bersrod, 19. Zuni. Gestern fand hier eine Gedächtnisfeier für die im Weltkrieg 1914—18 Gefallenen der Gemeinde, verbunden mit Denkmalseinweihung statt. Die ganze Gemeinde und zahlreiche Gäste ans der ämgegend nahmen an der Feier teil. Cin- gelettet wurde die Feier durch den Pofaunenchor „Wie sie so sanft ruhen". Der Gesangverein, der
Schülerchor und ein gemischter Chor fangen 2tebtf und Schüler trugen Gedichte vor. Die Weihereds hiell Pfarrer M a r g u t - Winnerod, unter Glockengeläute erfolgte die GedächtnishandlunH und die Kriegsteilnehmer fangen „Zch hott' etnat Kameraden". Lehrer Wolf hiell eine zu Herzt» gehende Ansprache, woraus der Kriegerveren eine Ehrensalve abgab. Die Gemeinde, dieKirche die Hinterbliebenen und die Vereine legten am Denkmal Kränze nieder. Rachdem der Bürgermeister das Denkmal in den Schutz der Gemeinde übernommen hatte, schwß die Feier mit dem Posaunenchor „Zch bete an die Macht der Liebe". Das Denkmal steht vor der Kirche.
--- H u n g e n, 20. Zuni. Bei dem am Sonntag in Steinbach stattgefundenen Radfahrerbun des fest erhielt der hiesige Radfahrerverein „Germania" im Korsofahren den Ehrenprsis zuerkannt. — Mehrere Gewitter, dma» Samstag über unsere Gemarkung niedergingen, hatten einen schon lange ersehnten durchweichenden Regen im Gefolge, so daß mit dem Setzen der Dickwurzpflanzen begonnen werden konnte. D4s Kartoffeln bekommen nun guten Ansatz und bic Halmfrüchte können sich gut entwickeln. Auch die Futteraussichten sind durch den Regen erheblich bester geworden. Die Heuernte hat begonnen und liefert auf feuchten Wiesen guter Ertrag.
s. Trohe, 19. Juni. Heute fand hie» der vierte wissenschaftliche Vvr- trag statt. Gerichtöreferendar K v r w a - zik-Gießen sprach über „Rechtsfragen des täglichen Lebens". Die klaren Ausführungen über eine ganze Anzahl von jedermann berührenden Tagesfragen sanden dankbare Zuhörer. Leider ist bas Häuflein der Hörer immer noch zu klein; eine Tatsache, die faum verständlich ist. — 3m August spricht Lehrer Michel-Ettingshausen über: Die Erziehung der schulentlassenen Zu g e n d.
Kreis Schotten.
eb. Schotten, 18. Zuni. Gestern nachmittag schlug der Blitz im benachbarten Betzenrod in das Gespann eines pflügenden Landwirts. Der Hund blieb tot Baier, Sohn und Pferd tarnen mit leichten Verletzungen und Lähmingserscheinangen davon. CEäijrenb dieses Gewitters wurden zcchlr siche Bliheinschläge beobachtet
Kreis Büdingen..
nd. Ridda, 18. Zuni. Der hiesige evan- gelische Frauenverein veranstaltete eine Sammlung für die innere Missivn 3m Kirchspiel gingen über 1000 Mark bar und 815 Eier ein. Die Gaben wurden in das evangelische Schwesternhaus in Gießeiftzar geeigneten Verteilung abgeliefert.
Kreis Friedberg.
6 Bad Rauheim 20. Zuni. 3n Hupfe l d s Kurpark-Kasino ftnDel am Don ncrstag, verbunden mit dem Rachmittagstee eine Mod e n schau unter Mitwirkung erster Moden Fünfer und Künstler statt.
Starkenburg und Rheinhessen.
tm. Darmstadt, 18. Zuni Ein Düo» westdeutscher Diplom-Ingenieur - Tag fand heute in Darmstadt bei lebhafter Beteiligung aus allen VerbandZgebieten, besonders Hessen, ‘Saben, Pfalz, Rasfau, Rheinland, Kar- hessen usw. statt. Rach der Begrüßung dirch den Vorsitzenden Dipb-3ng. Vogel (Darmstadt) preß der Rektor Magn. Prof. Petersen bts Gäste willkommen. Mimsterialrat Wagner bankte für ixn Mittel rheinischen Architektenverein. Dan' hielt Geh. Baurat PrZ. Walbe einen Vdrtrag über Denkmalspflege, insbesondere über die in Mitteldeutschland vorhanvenen interessanten Fachwerkbauten mit Lichtbildern. Es folgte eine Besichtigung der Hochschulzentrale, sowie des Wvsferkcaftlaborütoriums unter Führung beä Prof. Diplorn-Zngenieur Wagenbuch mit Vorführung der Wasserkraftturbine endlich ein Vorttag des Rektor Magn. Dr. 3ng. Peter- s c n über Hochspannuugstechnit, insbesondere Zsolatoren, Schalthäuser mit gelungenen
Johannes Schlaf.
Zu feinem 60. Geburtstage, 21. Zuni.
„Wehr einen Weltanfchauungsstreiter denn einen Dichter" hat sich Zohannes Schlaf, belfen 60. Geburtstag wir jetzt feiern, in einem feiner persönlichen „Rückblicke" genannt. Der einstige Mitbegründer des „konsequenten Aaturalisrnus" bekennt damit selbst, daß das Dichterische nicht mehr im Mittelpunkt seines Wesens steht, und es sind ja auch viel mehr ästhetische, philosophische, religiöse, ja auch astronomische und naturwifsen- schaslliche Fragen, denen sein grübelnder Geist sich zugewendet. Für ein größeres Publikum, bas bieten abliegenden und hochsteigenben Ge- Danfenf lügen nicht folgen mag, wird Zohannes Schlaf stets ber liebenswerte, feine, echtdeutsche Poet bleiben, der mit Arno Holz zusammen die Literaturrevvlutton der 82er Jahre des 19. Jahrhunderts herausführte, sein Bestes und Reifstes nach der Befreiung von dieser für beide zum Zwang gewordenen Gemeinschaft in feinem großartigen Drama „Meister Oelze", in feinen entzückenden Prosaskizzen gab. Ein Dichter, einer von jenen echten, die ewig Träumer und Kind bleiben, ist Schlaf stets gewesen, scheint er uns auch in seinem Weltanschauungskampf noch zu sein. Er hat selbst erzählt, daß er schon ,im 12. Zahr zu dichten anfing, und daß feine IGroßmutter, die gütige Märchenerzählerin, ber er ein so stimmungsvolles Denkmal gesetzt hat, jbte Muse seiner jungen Poesie würbe. „Also ich verfaßte Verse und kleine Dramen; die letzteren für mein Puppentheater," erzählt er. „Den Stosi zu den Dramen boten mir die Erzählungen und Balladen in meinem Schullesebuch und die Hausmärchen der Brüder Gramm, die ich gelegentlich geschenkt erhalten hatte; wohl auch die Märchen, die mir die Großmutter seit frühester Zugend erzählte." Auf der Schule gehörte der „Sinnierer", wie f o viele Dichter, zu denen, die sich zum Entsetzen ihrer Lehrer nicht merken konnten, daß das lateinische ut den Konjunktiv nach sich Tfiefjt. Aber schon als Primaner kam er mit Lem bedeutendsten Stürmer und Dränger der damaligen Dichterjugend, mit seinem Magdeburger Landsmann Hermann Conradi, in Be- nihrung und trat eine Art von asthetisch-poll- ;ttsch-echischem Bund bei, in dem cs sehr revolutionär, modern und radikal zuging und von
dem aus mit die ersten Anfänge der damaligen „Moberne" erwuchfen. Rachbem er sich als Student in Halle gehörig ausgetobt hatte, gings in Berlin an das Brotstudium, und hier lernte er Arno Holz fermen, der feine dichterischen Anlagen und Ziele einige Zeit bestimmte.
Schlaf hat immer wieder betont, daß bei’ von Holz cheorekisch, und praktisch begründete Raturalisrnus ihm eigentlich nicht lag. „Zeden- falls war der Raturalismus für mich von vornherein die hochbedeutsame Aeuherung eines neuen religiösen Weltempsinbens; eiies subtileren drul- scheren," schreibt er. „llnb damit hatte ich eigete lich jenen ersten mechanistischen Raturalisnms von vornherein überwunden oder vielmehr um- unb weitergestaltet, in tiefere und wichtigere Zusammenhänge hinein, als rein literarische sind" Gegenüber dem Einfluß des Auslandes vertrat er von Anfang an dos beutsche Element. „Trotz aller Kraft- unb Stoff Philosophie, trotz allen Kielland, Zola, Ibsen, Franzosen, Rorblänbern unb Russen, von benen allen ich eigentlich nie einen andern, so sehr sie mich begeisterten, als Dostojewski zu lieben vermochte," schreibt er in einer autobiographischen Aufzeichnung, „blieb mein Sinn für deutsche Art und deutschen Glauben unerschüttert und hat mich denn später auch von dem vorübergehend überwiegenoen Einsluß des exakten Raturalismus befreit. Durch alle Entwicklungsweben hindurch blieben die Bibel, Goethe und Shakespeare meine Heiligtümer." Man kann den Schlösschen Ton aus den gemeinsamen Werfen von Holz-Schlaf deutlich heraushören, sowohl in den lyrisch-phantastischen Stellen des „Papa Hamlet" wie in den psychologischen Vertiefungen ber „ Familie Selicfe". Ganz er selbst aber war er erst in den eigenen Arbeiten, die, befruchtet aus ber Zusammenarbeit mit Holz, nach schmerzvoller Trennung von dem Gefährten erwuchsen. Damals gab er im „Meister Oelze" das bedeutenbste naturalisttsche Drama, wenn man von ben Werfen Hauptmanns absieht, ein Stück Wirklichkeit, bas ganz ins Dämonisch- Titanische, ins Spukhast-llebermenschliche, hin- auswächst; er gab in ber Skizzensammlung „3n Dingsda" Kleinstadtszenen voll intimfter Beobachtung unb in dem wundervollen „Frühling" wohl das schönste Prosagedicht, das wir in deutscher Sprache besitzen. Diese Werke dieser Zeit sind cs, die die Stellung Schlafs in unferm Schrifttum begründeten und füt immer erhalten werden Er selbst aber drängte in schweren körper
lich en und seelischen Krisen immer mehr aus dem Dichterischen in das Philosophische und Religiöse. 3n zwei großen Romantrilogien versuchte er das Problem der Dekadenz, wie es sich am Ende des Zahrhunderts aufdrängte, zu gestalten. „Die Dekadenz", sagt er selbst, „bedeutete für mich ein zweiseitiges Problem: ein Ab sterben, eine Pathologie, und andererseits die ihrer Abrundung entgegenstrebende positive moderne europäische Reunormasität; nicht zum letzten gerade ar.i; im physiologischen Sinne das Werden der neuen Physis! Die 90er Zahre waren für mich sehr leidsnsvoll, aber auch innerlich unsäglich reiche Zahre eines letzten entscheidenden Sturmes und Dranges." Die Romane, von denen „Peter Bojes Freite" und „Am toten Punkt" wohl die bedeutendsten Leistungen darstellen, waren mehr persönlich interesiante Bekenntnisse als vollwertige Dichtungen. 1904 siedelte Schlaf dann nach Weimar über und hat sich dort vielfältig betättgt, als Vorkämpfer für die Kunst Whitmans, Verhaerens, Maeterlincks, als Kritiker des Artistentums, dem er in seiner Beurteilung Taines zu Leibe ging, als Schöpfer religiöser, philosophischer Werke, als Verkünder einer Weltanschauung, die sehr viel Problematisches unb Unklares, aber auch sehr viel Tiefes und Urdeutfches enthält.
Eichendorffs Abschied an Oberschlesien
Die Fatznen sind auf Halbmast. Deutschland trauert um Oberschlesiens Schicksal. Wir müssen Abschied nehmen von den Drüdern, die die Gewalt ttoit uns reiht und die doch so eng zu uns gehören. Da denken wir wehmütig daran, wie eng dieses Land mit unserer Kultur, mit unferm Wesen verknüpft ist, und es mag daran erinnert werden, daß kein Lied sich besser zum Abschieds- lied von Oberschlesien eignet als „O Täler weit, o Höhen", dies Lied, das ursprünglich die Ueberschrist hat „3m Walde von Lubowitz" unb das einer unserer deutschesten Dichter, Zo- seph von Eichendorff, als Abschied von seiner geliebten Heimat Oberschlesien dichtete. Die vortrefslich:. vor kurzem bei Beck in München erschienene Eichendorff-Biographie von Hans Brandenburg weift den Einfluß des „Oberschlesischen Zugendparadieses" auf fein Dichten überzeugend nach, und nirgends hat es ergreifender 2bisoruck gefunden, als in den Strophen, „mit denen jeder Deutsche, so lange es Deutsche geben wird, von
feinem Wald Abschied nimmt". Das Schloß Lu - b o w i h im Kreise Ratibor war nicht mir die äußere, sondern auch die innere Heimat Eichen- brosss,' und die hier empfangenen Eindrücke und ■ Erlebnisse waren so stark, daß sie sein ganzes Sein und (Jidjlen bestimmten unb wie ein un aussprechliches Heimweh in all seinen Siebern mit! fingen. Cs ist das eseuumsponnene Schloß, umrahmt von dem weiten Garten, es ist der l uch> tende Wiesenplan, die dichten grünen Wälder, die stets den Schauplatz seiner Poesie bilden. Wenn er als Gymnasiast zu Ferien die „Lnbv- witzer Zubelperioden" durchkostete, trenn er als Student in diese waldreiche, träumende Ratur zurückfehrte und hier im fröhlichen Zagen, im versonnenen Spiel, in erster Liebe und erster Trauer die tiefsten Eindrücke der jungen Seele empfand, fo fühlte er sich ganz als Sohn, als ein Tell diefer herr lichen Statur. Hierher ist er in der Zett seiner Verlobung zurückgekehrt, um von den Anwand lungen romantischer Krankhett und Gedanten blässe zu genesen. „Heber mich übt die Heimat wieder ihre alte Zauberei," schrieb er damals „Das Herz weit und hoffnungsreich, das Qlugc frei und fröhlich, ernste Treue erfrischend über mein ganzes Wesen, so ist mein Sein, ich möchte fast sagen ein Verliebtsein in die unvergängliche jungfräuliche Schöne des reichen Lebens." Das Waldesrauschen von Lubowitz wird so zur Grund- melobie seiner Lyrik, von Der Brandenburg sagt „Hier ist ein gewisser Gegensatz zwischen den buntbewegten Gassen und der ewig sich gleichen Schönheit und Hnschuld ber Rattir unb doch bas wundersame, ganz erscheinungshaste Zu- sammenklingett dieser beiden Sphären zu mystischer Einheit. Hier ist fein großes geistiges Ringen innerhalb ihrer und zwischen ihnen, auch feine große Vision, sondern ihr melodisches träumerisches Erfassen, llnd darin besteht Eichendorffs letzte Weisheit und höchste Kunst." Als er 1810 bas Zugenbparadies verlieh, um zunächst nach Wien in die „große Welt" und dann in die Kämpfe ber Befreiungskriege zu ziehen, da riß er sich los von Den WunDern seines oberschlefi- fchen WalDglücks mit jenen Versen, Die wir alle kennen, mit Diesem schönsten unD für uns heute so schmerzlichen Abschied von Oberschlesien. ber auch dem Wanne und dem Greis Eichendorff noch immer wehevoll durch die Seele klang.


