Die Bevölkerung 'begrüßte diese fctpe Aktion der gesetzgebenden Körperschaft mit 'Begeisterung.
Moskau, 16. Rov. (Dolfs.) Anläßlich der Rede Lenins auf dem vierten Kongreh der Kommunistischen Internationale schreibt die „Poawda", dah das Beispiel Rußland beweise, dah es nicht möglich sei, die verschiedenen sozialen Formen zu überspringen. Wer das nicht beachte, riskiere, die Sache der proletarischen Revolution zugrunde au richten. Das sage das russische Proletariat seinen westeuropäischen Prolelarierbrüdern durch den Mund LenrnS.
Milderung des Alkoholverbotes in Amerika.
London. 17. Rov. (WTB) Aus Reutzork wird gemeldet: Aach einer Mitteilung des Präsidenten H a r d i n g ist eine Milderung des Alkoholverbotes zu erwarten.
Aus dem Reiche.
Ein Aufruf: Deutsches Schrifttum in Doti geht durch die Blätter. Den Aufruf unterzeichneten tu a. der Reichspräsident Ebert, Reichskanzler Dr. Wirch, weitere Reichs- und Landesminister und eine Reihe angesehener Persönlichkeiten aus allen politischen Parteien. In dem Aufruf heiht es:
Die Katastrophe des Wellkrieges hat Deutschland, nicht zum ersten Male in seiner Geschichte, auf seine inneren seelischen Kraftquellen Aurütf- geworfen. älnsere geistige Kultur ist die einzige uns noch gebliebene Autono- m i e. Trotz seinem unerschütterlichen Glauben an die Bestimmung einer großen Ration in der größeren Familie der Morschheit ist das deutsche Geistesleben mit dem baldigen Untergänge bedroht, weil seine Dertreter, seine Erhalter und Führer von der Arbell nicht mehr leben können, für die zu leben sie bestimmt sind. Dem deutschen Schriftsteller, der das ehrwürdige Erbe unserer Muttersprache verwallet und vermehrt, muß, nicht um seiner Selbsterhaltung willen, eine Hilfe geboten werden, wenn Deutschland nicht noch die erniedrigendste Armut kennen lernen will, daß auch sein bilturelles Dasein in jedem höheren Sinne dahin zu siechen droht. Unter dem Schutze der Reichsregierung ergeht daher der Aufruf Deutsches Schrifttum in Rot! an alle noch nicht von der äußersten Rot ergriffenen Äreife, an Persönlichkeiten. Gesellschaften, Unternehmungen, die noch eine ideelle Verantwortlichkeit gegen das Ganze des Volkslebens empfinden. Der große Ernst der Lage läßt uns hoffen, dah alle Angerufenen mit verständnisvoller Opfer- willißkell der Verelendung auch unseres geistigen Daseins zuvorkommen wollen.
Der Ertrag der Sammlung, von dem ein Drille! der Rotgemeinschaft der Ku rst" bestimmt ist, wird durch den Schutzverband Deutscher Schriftsteller verwallet. Abfüh ung der Sr enden erbeten an Dresdner Bank, Dep.-Kasse B„ Potsdamer Straße 20, Konto Schutzverband Deutscher Schriftsteller, Sep.-Konto „Deutsches Schrifttum in Rot".
Deutscher Reichstag.
268. Sitzung, 2 Uhr nachmittags.
Berlin, 16. Rov.
In der heute fortgesetzten Beratung der Interpellation über die Rot der Wissen- .schaft bezeichnete Abg. Dr. Moses (Soz.) ö als eine Ehrenpflicht der deutschen Großindustrie. der Rot der deutschen Forschungsinstitute abzuhelfen. Bei aller dankbaren Genug- »tuung über die Millionenfpende des japanischen Stimres, Hoshi, möchte man ein gewisses Gefühl der Beschämung darüber empfinden, dah die deutsche Großindustrie noch nicht an eine solche Hilfsaktion gedacht hat. Die Antwort der Regierung hat uns nicht befriedigt. Streichen Sie die Milliarden für die unproduktive Reichswehr und unterstützen Sie damit die notleidende deutsche Wissenschaft.
Abg. Dr. Strathmann (Dntl.): Die großen Erfolge der deutschen Wissenschaft, speziell der Chemie und der Medizin, die vom Auslande nicht haben erreicht werden können, sind nur möglich gewesen durch die methodische Forschungsarbeit an den wisfenschafllichen Instituten. Die Dotgemernschast der deutschen Wissenschaft braucht minvestenS 150 Millionen, um weiter arbeiten zu können, und die nächsten Etatsausgaben mühten wenigstens auf eine halbe Milliarde erhöht werden.
Abg. Dr. Moldenhauer (D. Vpt.) erwidert dem Abg. Moses, dah Deutschlands 3n- dustrie für die Unterstützung der notleidenden Wissenschaft well mehr getan habe, als öffentlich
beJannt geworden sei. Ohne eine umfassende Hilfeleistung aus Reichsmilleln werde freilich der Riedergang der wissenschafllichen Forschung in Deutschland nicht aufzuhalten sein.
Abg. Dr. Schütting (Dem.) sieht in deutscher Kunst und Wissenschaft das vornehmste Mittel, Deutschland nach dem Sturge von der Höhe seiner Macht wieder Geltung und Achtung in der Well zu verschaffen. Der Redner geht dann auf die 'Rot der studentischen Jugend ein. Den vielen reichen Leuten in Deutschland müsse klar gemacht werden, dah der Reichtum ihnen die Pflicht auferlege, mehr für die Wissenschaft zu tun. Der Staat müsse im übrigen für die Rot- gerneinschaft der Wissenschaft mindestens 500 Millionen auswerfen.
Abg. Dr. Bewerte (Bahr. Dp.) schließt sich der Zentrumsinterpellation durchaus an. Bayern sei in der Unterstützung der Privatdozenten führend Vvrangegangen. Er empfiehlt das Osteuropa- Institut in Breslau und das Römisch-Germanische Museum in Mainz der besonderen Fürsorge des Reiches.
Abg. Hehdemann (Komm.) greift die Universitäten an, die jetzt nur als Drillanstalten für die Funktionäre des Kapitals gelten könnten, und hält den Professoren vor, daß sie vor dem hoffnungslosen Trottel Wilhelm II. gelatzbuckelt hätten. Obwohl die Studenten gegen die Arbeiterklasse hetzten, würde er doch dafür eintreten, ihnen das Existenzminimum zu liefern.
Abg. OB eg mann (U. S.) fordert, dah die Wissenschaft nicht allein den besitzenden Kreisen vffenstehen dürfe. Auch den befähigtesten Köpfen aus den Kreisen der Arbeiterschaft müsse es ermöglicht werden, die Universitäten zu besuchen.
Abg. Dr. Pfeiffer Z.) stellt in seinem Schlußwort fest, daß bei allen Parteien volles Verständnis für die Rot der Wissenschaft herrsche. Die hier aufgerollten Bllder von der Rot der Wissenschaft seien erschütternd. Was bedeuteten demgegenüber 20 Millionen für die Rotgemeinschaft, von denen der Staatssekretär gesprochen habe. Auf das Mäzenatentum sei in diesen Zeiten nicht zu rechnen.
Damit schließt die Besprechung. Morgen nachmittag 2 Uhr Weiterberatung des Antrages H e r g t über die Abänderung der Umsatzsteuer, Fortsetzung der Geschäftsordnungsdebatte.
Schluß 7 Uhr.
Aus Stabt und Land.
Gießen, den 17. Rovember 1922.
Sehr wichtig für die Wahlberechtigten.
Am Sonntag finden die Wahlen der Stadtverordneten und Gemeinderatsmitglieder, sowie ter Mitglieder deZ Krei - u 'd des Provinzialtages statt. Die Wahlen vollziehen sich nach dem neuen hessischen Wahlgesetz vom 6. September 1922.
Im GegenscH zu dem früheren Wahlverfahren vollziehen sich jetzt alle drei Wahlen in einem Wahlgang und in dem gleichen Wahllokal. Durch diese Gemeinsamkeit der drei verschiedenen Wahlentscherde erhöht sich die Gefahr des Eintritts von Unrichtigkeiten bei der Abstimmung. Erhöhte Aufmerksamkeit der Stimmberechtigten bet der Abgabe ihrer Stimme ist nötig, um das Ungültigwerden ihrer Zettel zu verhüten. Man beachte zur Vermeidung dieser Gefahr folgendes:
Die Stimmzettel werden außerhalb des Wahllokals verteilt, manche Parteien haben sie den Stimmberechtigten auch schon in die Wohnung geschickt. Die Stimmzettel sind von weißem Papier, sie enthalten außer dem Ausdruck „Stadtverordnetenwahl", bzw. „Gemeinderatswahl", bzw. „Kreistagswahl", bzw. „Prvvinzial- tagswahl" das Kennwort des Wahlvorschlags oder die Ramen der zu wähletden Bewerber; die Zettel dürfen außer den vorstehend genannten Bezeichnungen keinKennzeichen tragen, auch dürfen keine Streichungen oder Qlenterungen vorgenommen werden, da die Zettel sonst ungültig sind.
Die Stimmzettelumschläge erhält der Wähler in dem Wahllokal von einem Mitgliede der Abstimmungskvmmission; sie tragen als Ausdruck lediglich das Wort: „Stadtverordneten^ wahl", bzw. „Gemeinderatswahl". bzw.„Kreistags- Wahl", bzw. „Provinzialtagswahl", ferner sind sie mit dem Stempel der betreffenden Gemeinde versehen.
Bei dem Einschieben des Stimm- Zettels in den Umschlag hat der Wähler darauf zu achten, dah Stimmzettel und Umschlag den gleichen Ausdruck tragen (also: Stimmzettel „Stadtverordnetenwahl" nur in den Umschlag „Stadtverordnetenwahl"; — Stimmzettel „Kreistagswahl" nur in den Umschlag „Kreistags- Wahl"; — Stimmzettel „Provinzialtagswahl" nur in den Umschlag „Provinzialtagswahl"). Wer hierbei nicht aufpaht, riskiert, daß seine Stimme
ungültig wtrd; wird z. D. ein Stimmzettel mit dem Aufdruck „Kreistagswahl" in den Umschlag mit dem Aufdruck „Provinzialtags- w a h l" gesteckt, so ist die abgegebene Stimme ungültig; wird ein Zettel ..Stadtverordnetenwahl" in den Umschlag „Kreistagswahl" gesteckt, so ist auch diese Stimme ungültig.
Diele 'Wahlberechtigte haben dir Gepflogenheit, sich vor dem Wahllokal die Stimmzettel verschiedener Parteien geben zu lassen. Der so handelnde Wähler wird am Sonntag beim Eintritt ins Wahllokal möglicherweise 12 bis 15 oder noch mehr Zettel haben, aus denen er bann nur erst unter Zeitverlust die richtigen heraussuchen muh, und obendrein läuft er dabei noch Gefahr, irgendeine Verwechselung zu begehen. Die Wahlberechtigten werden am besten nur dieSt imm- zettel in das Wahllokal mitnehmen, die sie abgeben wollen. Bekommt jemand vor der Wahl die ihm zusagenden Stimmzettel in seine Wohnung geschickt, dann nimmt er am besten diese Zettel mit und läßt sich vor dem Wahllokal auf eine Zettelannahme gar nicht ein. Hierdurch wird die schnelle Abwicklung des Wahlgeschäfts ermöglicht und die Gefahr, daß Stimmzettel falsch ausgewählt oder'falsch behandelt werden, vermieden.
Die 'Wahlen finden von 9 Uhr v ormit- tags bis 7 Uhr abends in allen Abstimmungsbezirken statt, mit Ausnahme von Gemeinden unter 1500 Einwohnern, in denen die Wahlen erst um 12 Uhr mittags beginnen. Da sich bei früheren Wahlen gezeigt hat, dah der Andrang der Wähler in den Wahllokalen in den späten Rachmittagsstunden erheblich zunimmt, ist dringend zu empfehlen, die Wahlen möglichst schon am Vormittag oder aber am frühen Rachmittag vorzunehmen. Rach 7 Uhr abends dürfen nur noch diejenigen Wähler ihre Stimmzettel abgeben,, die sich zu dieser Zeit bereits im Wahllokal befun den haben.
Der Brotpreis in (Hießen ist gestern in einer Sitzung der Lebensmittel- Deputation auf 103 Mark für ein markenpstich. tiges 1900. Gramm-Brot festgesetzt worden. Dec neue Preis tritt am nächsten Montag in Kraft. Die amtliche Veröffentlichung der Preiserhöhung wird in unserem morgigen Blatte erfolgen.
*
* Amtliche Persvnalnachrichten. In den Ruhestand versetzt wurde: am 13. Rov. der Oberstudiendirektor an der Oberrealschule zu Gießen Dr. Heinrich Schnell mit dem gesetzlichen Ruhegehalt auf sein Rachsuchen unter An- enemTung seiner dem Staate geleisteten Dienste vom 16. Rovember 1922 ab. — Ernannt wurden: am 11. Rovember der Eichmeister zu Friedberg Ivsef Hartmann zum Eichmeister bei dem Eichamt zu Dingen mit Wirkung vom 1. Dezember 1922 an; am 14. Rovember der Forstmeister der Oberförsterei Mainz Geh. Forstrat Hermann K u t s ch zu Mainz zum Vortragenden Rat in der Abteilung für Forst- und Kameralverwallung mit der Amtsbezeichnung Oberforstrat.
** Die Gebühren für die Arbeiten der Dermessungsämter. Mit Wirkung vom 15. November ab ist der Teuerungszuschlag zu den Gebühren für die Arbeiten der Dermessungsämter von 900 v. Sy. auf 1700 v. Sy. erhöht worden.
Bornotizen.
— Tageskalender für Freitag: Stadttheater, 7 Uhr: „Verliebte Leute". — ©afe Amend, 8 Uhr: Wohltätigkeitsabend.— Cafe Leib, 8 Uhr: Oeffentliche Versammlung der Vereinigten Sozialdemokratischen Partei. — Astoria-Lichtspiele: „Seepiraten", 3. Teil, und „Frauen, die am Wege sterben". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Unter den Goldgräbern von Dawson City" und „Schuld und Sühne". — Palast-Lichtspiele: „Durch Kerker und Paläste von San Marco", 2. Teil: „Das Fest der Venus" und „Die Liebe und der Suff".
— Vortrags-Vereinigung. Mlldemnäch- sten Abend — ein Märchenabend für Erwachsene — will die Vereinigung ihren Mitgliedern und den hiesigen ßiteraturfreunöen wiederum einen auserlesenen Genuß bereiten, indem sie die bekannte Märchenerzählerin Dilma Mönkeberg aus Hamburg gewonnen hat. Unter dem Titel „Was sich die Völker erzählen" wird die Künstlerin die Zuhörer in die schillernde Märchenwelt der Südsee, Afrikas, Chinas und Europas führen und sich mit der Eigenart jedes Dolkskreifes vettraut machen.
Wettervoraussage
fürSamstag:
Milde Witterung, dunstig, Rebel bis geringe Niederschläge.
Das Hochdruckgebiet über England hat sich
weiter verslacht, so daß allmählich der mildere Druck im Norden Einfluß gewonnen hat, indem er milderes Wetter bei leichten Rordwestwinden bedingt.
Unsere Herren Berichterstatter bitten wir, uns das Ergebnis der Gemeinderatswahlen in ihrem Wohnorte und in ihrem Verichterstatterbezirk auf dem schnellsten Wege zu übermitteln. Nach Möglichkeit ist schriftliche Ueber- mittelung auf Postkarte zu wählen. In diesem Falle Berichter statterzeichen nicht vergessen. Besteht die Wahrscheinlichkeit, daß diese Mitteilung nicht bis Montag vormittag in unseren Besitz gelangt, bann erbitten wir noch am Sonntag abend oder Montag vormittag bis 10 Uhr telephonische Benachrichtigung. Fernsprechanschluß der Redaktion Nr. 112. In allen Berichten bitten wir möglichst von Namensbrzeichnungen der Gewählten abzusehen und nurdiePar- teigruppierung zu nennen; z. D. 4 Dt. Vp., 4 Dauernbd., 2 Dem^ 2 Soz. usw. Mitteilungen über die bisherige Zusammensetzung des Gemeindeparlaments sind uns sehr erwünscht, damit eine vergleichende Gegenüberstellung möglich ist.
In erster Linie interessiert uns der Bericht über die Gemeinderatswahl. Daneben sind uns aber auch die Ziffern der Kreistags- bzw. der Provinzialtagswahl sehr erwünscht.
Schriftleitung des „Gießener Anzeigers".
Landkreis Gietzen.
tt Allendorf a. d. Lda., 16. Rov. Die Sammlung für die vertriebenen Elsaß - Lothringer ergab dahier den Betrag von 2190 Mk.
Kreis Lauterbach.
2. Grebenhain, 15. Rov. In den hiesigen Spezereigeschäften geht man jetzt vielfach zum Tauschhandel über. So wird z. D. Rüböl nur gegen Korn, Gerste und Hafer abgegeben. Das Od wird dabei zu einem Preise von 1300 Mark berechnet.
Starkenburg und Rheinhessen.
wd. Wo rms, 16. Rov. Freiherr Hehl zu Herrnsheim hat zur Unterstützung notleidender Kleinrentner die Mittel $ur Verfügung gestellt, dah während der Wmtermonate täglich 60 Kleinrentnern mit einem Zahreseinkommen unter 4000 Mark Mittags- und Abend- ko st unentgeltlich gewährt werden kann. Die hierfür erforderliche Summe ist auf monatlich 400 000 Mark veranschlagt. Weiter soll an noch näher auszuwählende Kleinrentner j e ein Paar Schuhe als Weihnachtsgeschenk überreicht werden. Auch den acht Kinder- schulen in Worms und Vororten, die von etwa 600 Kindern besucht werden, hat Freiherr Hehl zu Herrnsheim eine Summe zur Beschaffung von Schuhen und Kleidungsstücken zu Weihnachten zur Verfügung gestellt.
Hessen-Nassau.
Frankfurt a. M^ 16. Nov. In der Nacht zum 10. November haben unbekannte Diebe zwischen den Bahnhöfen Ginnheim— Frankfurt-West nach Abschneiden von 11 Telegraphen-Drahtleitungen das erbeutete Bronze- und Eisendrahtmateriäl gestohlen. Auf die Ermittelung der Tater ist eine Belohnung von 10 000 Mark ausgesetzt.
fpd. Frankfurt a. M., 16. Nov. Dem VereinWinternot wurden in den ersten 15 Tagen nach seinem Aufruf zur Bekämpfung der Winternot rund 60 Millionen Mark gespendet. — Die Arbeitnehmer haben die Forderungen der kaufmännischen Angestellten auf Gewährung eines Zuschlages von 130 Prozent zu den D o v e m- bergehältern abgelehnt, sie wollen nur
Heutiger Stand des Dollars
10 Uhr vormittags:
Berlin 6650, Frankfurt a. M. 6650.
Die Herweghs.
Eine rechtsrheinische Geschichte von LieSbet Dill.
40. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Dckß er niemals aus diesen elenden Geldverlegenhellen heraus kam, aus einer Bedrängnis in die andere, aus einem Gefängnis ins andere geriet, von einer verfehlten Spekulation zum Verbrechen? Rein, denn hineingestürzt hatte ihn doch nur diese verflixte Sophie mit ihren Feueraugen . . . Von dem konnte man lernen! „Tugendhaft ist, wer seiner Anlage und Heberteagung entsprechend handelt."
Ah, endlich hatte er, was er suchte:
„11 est arriv6 le moment d’une Separation £ter- nelle ..der letzte Brief an Sophie. Er nahm die Feder und übersetzte: „Der Augenblick ist gekommen, der uns sür ewig trennt . . ."
»Les illusions de i’amour nous ont longtemps abuses.“
Er mußte erst im Lexikon nachsehen, was abuses hieß. „Die Illusionen der Liebe haben uns lange genug getäuscht." Es war zwar etwas hart, »mais la nature ne perd was ses dioits -
3n diesem Augenblick erschien Trina und fragte, ob Herr Lutz vergessen habe, nach der Rheinterrasse zu fahren, die Damen ermatteten ihn doch Sie wollte nämlich dieses Zimmer putzen.
„Putzen Sie das ein anderes Wal, teure Lrina," sagte Lutz. „Sie sehen doch daß ich sehr beschäftigt bin.“
„Ja, aber das können Sie doch geradesogut In einem anderen Zimmer machen," meinte Trina, „tm Badezimmer ist es auch warm." Sie halle schon Eimer und Putzlappen in der Hand
Lutz nahm die Sophie Monnier unter den Arm und zog um.
Als er das kleine, weißgetäfelte Badezimmer betrat, in dem noch der Kaffeetisch gedeckt stand, fiel ihm der Geburtstag Ernsts ein, jener Sonntag, an dem sich sein Bruder verlobt hatte, und seine Gedanken wurden abgelenkt.
Ach, ich werde diese Phrasen alle nicht benutzen, dachte er und strich alles, was er geschrieben, wieder aus.
Es war doch entschieden leichter, jemand den ersten Brief zu schreiben wie ben letzten.
Wenn man ihr nur begreiflich machen konnte, daß sie vernünftig blieb! Grete war in der letzten Zell immer in Explosivstimmung, und so oft er etwas von dieser Trennung, die doch einmal vorbereitet werden mußte, andeutete, machte sie so blitzende große Augen, dah er ohne weiteres an den Revolver glaubte, mit dem sie so oft gedroht. Er fand sie so nett und er liebte sie wirklich und wenn Herr Kollin sie ihm damals in die Arme gelegt hätte, er wäre j’&r, wenn auch vielleicht nicht ewig, so doch sicher sehr lange treu geblieben.
Aber das Schicksal hatte es anders gewollt. Richtig, er wollte von dem Schicksal reden.
„Erschrick nicht, liebe Grete, aber wir müssen uns trennen. Es mag Dir hart klingen und ich habe diesen Entschluß nach vielen schlaflosen Rächten gefaßt," darin sprach Lutz die Wahrheit, denn seit die Saison in Mainz begonnen hatte, war er keine Rächt vor vier ilbr ins Bett gekommen. Seine schlanke Hand mit dem Wappenring glitt rasch über das gerippte Papier. Run war er im Fluß.
„Ich kann die Verantwortung nicht länger ertragen." Das würde sie zwar nicht glauben, denn wie konnte man einem Frauenzimmer jemals begreiflich machen, daß eS eine Schuld auf sich lud, indem es einen Mann liebte?
„Wir haben unrecht getan und müssen nun büßen." Das wird in die Bußtagsstimmung sehr gut passen, dachte er und zündete sich eine neue Zigarette an. „Wir müssen einen Strich unter unser bisheriges Leben machm. Ist es meine Schuld, dah alles so gekommen ist? Klage die Vorsehung an, Grete, nicht mich." Diese Wendung macht immer Effekt, dachte er, weiterschreibend. „Ein weiterer zwingender Grund ist meine pekuniäre Lage." Es war zwar kein edles Wort, „pekuniär , und wirkte in diesem Brief wie eine Ohrfeige, aber er fand kein besseres und lieh es stehen, Grete war nicht so empfindlich „Meine Gläubiger bedrängen mich in letzter Zeit sehr. Seit ich nicht mehr in der Pension Metropole verkehre, nehmen sie — und nicht mit ttnrecht — an, dah mich eine andere Frau beschäftigt. Du, meine führ Grete, bist das Rätsel, um das sich alle den Kops zerbrechm." Das würde ihr gefallen. denn sie war sehr eitel. „Sie sind wie eine Meute hinter mir her, besonders Goldenberg, und ich werde eines Tages gezwungen fein, eine reiche Heirat einzugehen. Mit wem? Frag mich nicht, geliebtes Kleines! Mit irgendeiner, die reich genug ist, meine Schulden zu bezahlen. Ich werde darin meine Buhe erblicken."
Dann fügte er noch einige Worte hinzu von steter Verehrung und bat sie, die Stunden der Trauer, die nun folgen würden, ihn nicht entgelten zu lassen, sondern ihn zu vergessen suchen. „Es gibt soviele Lutz . . .", und wenn sie sich begegnen sollten, ihn als einen gleichgültigen Verwandten zu betrachten.
Er empfahl ihr, den Brief mit den anderen sorgfältig au vernichten. „Mit Driesen ist schon viel Unheil angerichtet worden, liebe Grete, denk an Dich und Deine Mutter" — die alte Kollin muhte man doch auch anstandshalber erwähnen, die vergaß man immer.
„Ich sage das zwar nur Deinetwegen," schloß Lutz, „denn was mein Leben betrifft, so ist mir dieses vollkommen gleichgültig. Wenn es aber fein sollte, dah das Schicksal es will —" hoffentlich will es das nicht, dachte er, „je serais en vedette.“ Er las den Brief noch einmal durch und fand ihn gut.
ttnd nun will ich nicht mehr daran herum- deichseln, dachte er, denn sonst wird mir's wieder leid. Er nahm Siegellack und schloh den Brief, indem er das Wappen seiner Mutter, ein zierliches Schild mit vier Lilien und einer Schlange, draufdrückte.
Dann steckte er den Brief in den Aermelauf- schag, schentte der erstaunten Trina einen Taler, und eine Viertelstunde später sah er tm D-Zug nach Mainz.
Die arme Grete ging wie eine Nachtwandlerin umher, feit ihr dieser Abschiedsgmh ins Haus geflogen war.
Das also war das Ende einer großen Liebe!
Er nahm seinen Mantel und verabschiedete sich, er war vernünftig geworden und klug.
Es war sicher nicht vernünftig, diesen elenden Brief erst in Stücke zu zerreiben und ihn dann auf dem Teppich kniend des Nachts bei einer Kerze wieder zusammenzusetzen, die meisten Worte hatten ihre Tränen verwischt, aber den Eindruck dieses Briefes würde kein Mensch vernichten, kein Erlebnis und kein Gefühl. Sie fand sich mit einem Male, ganz alt, wie persteint, unfähig, etwas zu denken, zu empfinden, ja nicht einmal weinen konnte sie mehr.
Sie magerte ab und verlor ihre frischen Farben, alles ward ihr gleichgültig, ihr Leben, ihre Ehe, ihre Zukunft, die ganze Well war leer geworden für sie.
(Fortsetzung folgt)


