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Nr. 271

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Stettag, \x. November 1922

172. Zahrgang

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GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

Druck und Verlag: vriihl'sche Univerfitäts-Yuch- und Steindruckerei B. Lange in Giehen. Zchriftleitung und Geschäftsstelle: Zchulstraße 7.

Ein Kabinett Cuno.

Berlin, 16. Nov. (Wolff.) Wie die erfahrt, hat der Generaldirektor der Hamburg-Amerika-Linie, Euno, den Auf­trag des Reichspräsidenten, das neue ReichSkabinett zu bilden, angenommen.

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Herr Cuno steht seit fünf Jahren an der Spitze der Hainburg-Amerika-Linie und war vor­her Vortragender Rat im Finanzministerium. Er ist 47 Jahre alt. Politisch soll er bis zum Kapp- Putsch der Deutschen Volkspartei angehört haben Seitdem ist er aus dem Parteileben ausgeschieden, was ihm jetzt bei der Auswahl einesKabinetts der Arbeit" vielleicht zu statten kommen wird. Das Zentrum dürfte gegen ihn als Katholiken kaum einen Einwand erheben.

Berlin, 17. Aov. Der mit der Kabinetts­bildung beauftragte Generaldirektor der Ham­burg-Amerika-Linie Dr. Cuno hat gestern nach­mittag und abend die Vorsitzenden dec Fraktionen der bürgerlichen Arbeitsgemein­schaft und der sozialdemokratischen Fraktion überfeine Absicht unterrichtet, ein Kabinett der Arbeit zu bilden, das sich, ohne ein ausgesprochenes Koali­tionskabinett zu sein, auf alle Par­teien stützen soll, die ausbauende Arbeit leisten wollen. Als die richtigsten Aufgaben des nächsten Kabinetts bezeichnete der präsumptive .Kanzler lautVoss. Ztg.", Deutschland aus den finanziellen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten, in denen es sich jetzt befindet, herauszuhelfen. Er nehme das in der Aote an die Aeparations- kommission vom 13. Aovember in großen Zügen niedergelegte innen' undauhenpolitische Programm, das die Zustimmung der vier Parteien der Arbeitsgemeinschaft und der Sozial­demokratie gefunden hat, an. Bei den Parteien der Arbeitsgemeinschaft hat die Kandidatur Cunos eine günstige Ausnahme gefunden, lieber die Haltung de r Sozialdemokraten be­richten die Blätter, das; die Fraktion beschlossen habe, gegen den Versuch einer Kabinettsbildung durch Cuno keinen Einspruch zu erheben. Der Vorwärts" erweitert dielen Fraktionsbeschluß dahin, daß Cuno für die Sozialdemokratie nicht von vornherein ein unannehmbarer Kandidat sei, daß aber eine endgültige Stellungnahme der Partei erst erfolgen könne, wenn sein Programm und das von ihm vorgeschlagene Kabinett vorliege. Was die Zusammensetzung des neuen Kabinetts anlangt, so habe Cuno lautVoss. Ztg." die Absicht, neben einer Reihe von parla­mentarischen einige Fachmini st er zu berufen, die politisch der Deutschen Volls­partei nahestehen. Von den Ministern des Kabinetts Wirth dürften, mehreren Blät­tern zufolge, dec neuen Regierung Dr. K ö st e r, Dr. Radbruch, Dr. G e ß l e r und Dr. Her­mes angehören. Geheimrat Cuno ist gestern abend nach Hamburg gereist und kehrt heute mittag nach Berlin zurück, um seine Verhandlungen über die Kabinettsbildung abzuschließen.

DerBerl. Lokalanzeiger" erfährt aus Kreisen des Reichstagspräsidiums, daß man kaum vor Mitte nächster Woche die Entgegennahme einer Erklärung der Regierung auf die Tagesordnung werde setzen können.

DieDeutsche Allgemeine Zeitung" begrüßt die auf Herrn Cuno gefallene Wahl des Reichs­präsidenten und schreibt, in der Person des Herrn Cuno würde das Steuer des Reichsschiffes ein Mann führen, der als Beamter die Maschinerie des Staates und als Reeder die freie Wirtschaft kennen lernte, der beim Blick von der Wasserkante über die blaue Weite Gelegenheit fand, auch fremde ßänber zu beurteilen.

DasBerliner Tageblatt" erinnert daran, daß Cuno der erste der deutschen Grvßreeder war, der eine Anlehnung an Amerika suchte. Das Blatt nennt ihn einen Mann, der sich auf den Dodem der Weimarer Verfassung gestellt hat und bei in Gesprächen seit langem eingetreten ist für eine Politik der breiten Mitte.

Wenn derVorwärts" auch ein gewisses Miß­trauen gegenüber Cuno, der von der Leitung eines kapitalistischen Groh-Unternehmens komme, nicht verhehlt, so hofft das Blatt doch, daß es diesem gelingen möge, diese vorgefaßte Meinung der So­zialdemokraten zu zerstören.

Ein Beschluß

der Reparationskommission.

Daris, 16. Aov. (WTB.) DieEre Aou- delle" berichtet, die R e para t i o n s kom­mt s s i o n habe gestern im .Laufe einer kurzen offiziösen Sitzung beschlossen, sich mit den deut­schen Vorschlägen solange nicht zu beschäftigen, bis das neue Ministerium in Berlin gebildet sei.

Berlin, 16. Aov. (Wolff.) Wie den Zeitungen mitgeteilt wird, liegt kein Anhalts­punkt vor, daß die Reparationskom­mission die deutsche Note vom 13. Novem­ber durch den Rücktritt der Regierung in ihrer Dedeutuna als beeinttächtigt ansehe. Die Note wurde mit den Führern aller Parteien, von der Deutschen Volkspartei bis zur Sozial­demokratie, welche voraussichtlich für die Bil­dung der künftigen Regierung in Frage kom­men könnten, ausführlich besprochen. Jede kommende Regierung muß hinter dem in der Note entwickeltenPro- gramm bezüglich des Stabilisierungspro­grammes stehen.

Eine Programmrede Mussolinis.

Rom, 16. Aov. (WTB.) In feiner großen Programmrede in der Kammer erklärte Mus­solini, er habe die Koalitionsregierung ge­bildet, nicht zu dem Zwecke, eine parlamentarische Mehrheit zu schaffen, die er nicht nötig habe, son­dern um über den Parteien alle diejenigen zu ver­einigen, welche die in Gefahr befindliche Aation zu retten wünschen.

Zur auswärtigen Politik übergehend, sagte Mussolini, seine Polittk beruhe auf den Grund­lagen der FriedenFverträge. Verträge seien aber nicht ewig. Wenn sich während ihrer Durchführung ihre Sinnlosigkeit er­gebe, könne man hie gegenseitige Stellung der Vertragschließenden von neuem prüfen. Das faszistische Italien wolle seine Kriegsalliierten nicht im Stiche lassen, aber er frage wenn noch eine Entente im eigentlichen Simre des Wortes bestehe, wie stelle sie sich zu Deutschland, Rußland und zur deutsch-russischen Allianz? Unb welche Stellung nehme Ita­lien in der Entente ein. Italien, das durch die zur Erreichung des Sieges gemachten Ausgaben wirklich erschöpft sei? Er nehme sich vor, in den Unterhaltungen mit den Ministern Englands und Frankreichs mit aller Klarheit und in seiner ganzen Verwickettheit das Problem der Entente und das daraus folgende Problem der Stellung Italiens in der Entente ins Auge zu fassen. Aus dieser Prüfung gehe entweder ein wahrhaft homogener, im Gleichgewichte sich haltender und demokratischer Block von Kräften mit denselben Rechten unb denselben Pflichten hervor, oder dielehteStundesürdieEntentehabe e s ch l a g e n, und Italien nehme seine Hand- ungsfreiheit toiebA- zurück. Er werde dann loyal effuchen, seine 3ntereffen mit einer anderen Poli­tik zu verteidigen. Er wünsche, das erste möge

Das angebliche Interview Brockdorff-Rantzaus.

B e r l i n, 16. Nov. (Wolfs.) Zu der Ver­öffentlichung über das angebliche Inter­view mit dem deutschen Botschafter Brock- dorff-Rantzau teilt die russische Tele­graphenagentur mit: Wir haben uns nach- träglich davon überzeugt, daß diese Veröffent­lichung sich weder in der Form, noch mit dem Inhalt, noch mit den wenigen Worten deckt, die der deutsche Botschafter mit dem Jour­nalisten gewechselt habe. Die in Frage kom­menden Journalisten wurden entlassen.

Englische Pressestimmen.

London, 16. Aov. (Wolff.) Unter den Blät­tern, die sich heute mit dem Rücktritt des Kabinetts Wirth und der Lage in Deutsch­land befasse:i, spricht derDaily Chronicle" von der Regierung Wirth als der bei weitem besten, die vom Standpunkt der Alliierten und vom Standpunkt der europäischen Demokratie aus gesehen, bestanden habe. Es wäre schade, wenn die Sozialisten außerhalb der Regierung blieben; denn ihre Teilnahme an der Regierung sei für die öffentliche Ordnung wesenttich und je eher die Alliierten das deutsche Problem anfassen könnten, desto besser sei es. Es beständen aber wenig An­zeichen, daß Frankreich für eine konstruktive An­näherungslinie zu hacken sei.

Daily News" schreibt, daß die letzte deutsche Reparationsnote Vorschläge enthalte, die trotz der überstürzten französischen Kritik auf jeden Fall die Grundlage für Erörterungen böten.

DieTime s" meint, die Unruhen in Düs­seldorf und Köln könnten als symptornatlsch angesehen werden. Mit einem verspäteten Ver­such, em Ministerium des Wiederaufbaues zu bil­den, habe Wrrth zugegeben, daß heute in Deutsch- bmd die wirtschaftlichen Tatsachen be­herrschend seien. Wenn die Sozialisten und die Deutsche Vvlkspartei, die die wichtigsten Kräfte in Deutschland vertreten, ihre Energie vereinten oder ein Kompromiß schließen könnten, bei dem Versuch, den wirtschaftlichen Zusammenbruch ab­zuwenden, so könnte es Deutschland möglich sein, die augenblickliche Krise zu überwinden und eine Regierung zu bilden, die auf jeden Fall das Land durch die Schwierigkeiten des Winters führen werde. Das Blatt hebt hervor, daß die letzten Reparationsvorschläge der deutschen Re­gierung von einem Ausschuß entworfen waren, der nicht nur die Regierungskoalition, sondern auch die Deutsche Vvlkspartei vertrat.

DieWe st m i n ft e r G aze 11 e" schreibt, der Rücktritt der Regierung Wirths sei, vom Standpunkt der Alliierten aus gesehen, im ganzen bedauerlich. Bei den Alliierten täte man gut daran, sich zu erinnern, daß die Alliierten in ihren Geschäften mit Deutschland von der Auf­rechterhaltung einer verfassungsmäßigen Regierung in Deutschland abhängen. Jede deutsch? Regierung sehe sich aber jedesmal einem verzweifelten Dilemma gegenüber, toertrn die Alli­ierten unmöglich? Fordrungen stellten; lehne die Reichsregierung diese Forderungen ab, so setze sie Deutschland Sanktionen aus,, gebe sie den Forderungen nach, so bedeute dies den Sturz im Inneren. Wirth hab? sich ben beiden Seiten des Dilemmas beträchtliche Zeit hindurch ent­ziehen können. Das Blatt fügt hinzu, keine deut­sch? Regierung könne mehr bezahlen, als die deutsch? Industrie ausführe, und der Versuch, mehr zu zahlen, müsse den Wert der Mark zer­stören. _____,

geschehen, auch in Anbetracht der Erschütterung I dec Welt im Osten und der wachsenden In­timität zwischen Deutschland und! Rußland.

Hinsichtlich der Türkei müsse man an­erkennen, was jetzt vollendete Tatsache fei, unter den notwendigen Garantien für die Freiheit der Meerengen, die Interessen Europas und die der christlichen Minderheiten.

lieber die Beziehungen zu Rußland sagt Mussolini, er glaube, daß jetzt der Augenblick gekommen sei, diese Beziehungen auf der Grund- lage der Wirklichkeit ganz ohne Ansehen der inneren Lage dieses Landes ins Auge zu fassen In der Frage der Teilnahme Rußlands an der Lausanner Konferenz würde Ita­lien die liberalste These verteibigen, er hoffe damit einen Erfolg zu haben. In der nächsten Brüsseler Konferenz werde Ita­lien seine Ansicht vertreten, daß die Schulden und Reparationen ein untrennbares Gan­zes bilden.

Zur inneren Politik übergehend, erklärt Mussolini, seine Leitsätze beständen in drei Wor­ten: Ersparnisse, Arbeit und Disziplin. Die innere Lage Italiens fei gebessert, aber noch nicht so, wie er es wünsche. Der Staat sei stark und werde feine Kraft gegen alle Unruhen, selbst gegen even­tuelle faszistische Ungesetzlichkeiten zeigen.

Mussolini schloß, solange er regiere, werde er nicht gegen die Kammer operieren, aber die Kam­mer müsse auch ihre besondere Lage begreifen, in­folge deren sie ebenso gut in zwei Tagen wie in zwei Jahren aufgelöst werden könne. Er verlange unbeschränkte Vollmacht, toeil er auch die ganze Verantwortung übernehmen solle.

Kurz darauf gab Mussolini auch dem Se­nate ähnliche Erklärungen ab, die gleichfalls zu begeisterten Kundgebungen führten.

Vor der Konferenz von Lausanne.

Paris, 16. Aov. (Wolff.) Havas. Die Denkschrift des Foreign Office, die gestern am Qual d'Orsay überreicht wurde, wurde am Aachmtttag von PoincarS geprüft. Der diplomatische Mitarbeiter dec Havasagentir glaubt zu wissen, daß die darin enthaltenen Ansichten den Ansichten der französischen Regie­rung sehr ähnlich seien. Sie beruhten hauptsäch­lich auf dem interalliierten Abkommen vom 23. 9. Poincars hat gestern abend London verständigt, ohne auf die britische Denffchrift mit einer bis ins einzelne gehenden Aote zu antworten, er finde nichts in diesem Schriftstück, was geeignet sei, ein Einvernehmen zwischen den beiden Re­gierungen zu verhindern, lieber die Grundsätze, die die französische und englische Abordnung im Laufe der Verhandlungen berücksichtigen werden, herrsche beiderseits Entgegenkommen. Unter diesen Umständen zweifelt man nicht daran, daß Lord Curzon am Samstag zu Beratungen mit Pvincare nach Paris kommt. Die beiden Staats­männer werden Paris am nächsten Tage auf der Reise nach Lausanne verlassen, wo sie mit dem italienischen Vertreter vor der Eröffnung der Konferenz zusammenkommen. Pvincare wird jedenfalls an der Eröffnungssitzung am 21. Aov. teilnehmen, aber nicht das Wort ergreifen. Der De­partementschef des politischen Departements des Schweizer Bundesrats Motta wird den Vorsitz führen und die Eröffnungsrede halten. Cs ist wahrscheinlich, daß die Abordnungen sich dahin einigen, die weiteren Sitzungen als privat zu betrachten.

London, 17. Aov. (WTB.) Reuter meldet: Die englisch-französischen Verhand­lungen lezüglich der Orientfrage nehmen einen befriedigenden Verlauf, so daß Lord Cur­zon morgen nach Paris abreifen wird, wo er am Sonn lag mit Pvincare eine Defprechung haben wird. Die beiden Minister werden am Sonntag nach Lausanne abreisen.

Paris, 16. Aov. (WTB.) Wie dasEcho de Paris" mitteilt, wird in Territet in der Schweiz eine Begegnung zwischen P o i n c a r £, Lord Curzon und Mussolini ftattfinfcen. Mussolini werde nach Italien zurücklehren, ohne sich nach Lausanne zu begeben.

Ismet Pascha in Paris.

Paris, 16. Aov. (WTB.) Bei dec heutigen Zusammenkunft I s m e t^Da schas mit Poin - care entschuldigte sich o£r Ministerpräsident einer Havas-Melbung zufolge namens dec Alliierten wegen dec Verzögerung der Eröffnung der Konferenz, wodurch die türkisch? Abordnung gezwungen sei, eine Woche zu warten. Die türki­schen Vertreter erkannten die Gründe der Ver­zögerung an, wiesen jedoch auf Unannehm­lichkeiten hin, die eine weitere Vertagung mit sich brächten. Ismet Pascha wird keine weitere Unterredung mit Poincarö haben und wahrschein­lich morgen nach Lausanne zurückfahren.

Paris, 16. Aov. (WTB.) Havas bestätigt, daß Ismet Pascha nicht nach London reift.

Par is, 17. Aov. (WTB.) Aach derChicago Tribüne" hat Ismet Pascha gestern eine längere Unterredung mit dem neuen italieni­schen Botschafter in Paris, Avezzana, gehabt.

Vorbespreckinnge« zur Brüsseler Konserenz.

Paris, 16. Nov. (WTB.) 3n Paris wird das Gerücht verbreitet, die belgischen Minister TheuniS und Jaspar würden am kommenden Donnerstag nach Paris rei­

sen, um mit Pvincare vorbereitende De» sprechungen über die Organisation der B r ü s- feler Konferenz zu haben.

Die Wahlen in England.

London, 16. Aov. (WTB.) Den letzten Meldungen zufolge sind bisher gewählt worden: Konservative 343, Lloyd George's Liberale 47, Asquiths Liberale 53, Arbeiterpartei 130, Unab­hängige 13.

Richt gewählt wurden Churchill und R u n o i m a nj vwie der Arbeiterführer Hen­derson, der von einem Konservativen geschlagen wurde. 29 Ergebnisse stehen noch aus.

Die (Blätter heben den allgemein überraschen­den Sieg der Arbeiterpartei und der unabhängigen Liberalen sowie die Nie­derlage der Lloyd George-Kandidaten hervor, hal­ten jedoch noch mit ihrem Urteil zurück, da der größte Teil der Wahlergebnisse, noch aussteht.

Aus dem bayerischen Landtag

München, 17. Nov. (WTB.) Der Landtag behandelte gestern in später Abendstunde noch die Interpellation der so­zialdemokratischen Partei gegen das Urteil des Volksgerichts im Hochverratsprozeß Fechenbach. Der Interpellant, Abgeord­neter Sänger (Soz.) führte zahlreiche Bei­spiele an, um zu beweisen, daß die bayerische Justiz das Recht nicht unparteiisch anwende, daß gegen Hochverrat, Gewalttätigkeiten und Gesetzesverletzungen aller Art, die von poli­tisch rechts Stehenden begangen würden, nicht eingeschritten werde, während mit umso grö­ßerer Härte die Vergehen anderer politische Richtungen geahndet würden. Die Zustände im Disziplinargerichtswesen trieben geradezu einem Skandal zu. Das Urteil im Fechenibach- Prozeß habe den Glauben an die Unpartei­lichkeit der bayerischen Rechtspflege vollkom­men zerstört. Das Weiterbestehen der baye­rischen Volksgerichte sei selbst von den baye­rischen Richtern als Schande bezeichnet wor­den. Die Aufhebung der Vollsgerichte dürfe keinen Tag mehr verschoben werden. Die So- zialdemokratte würde gegen eine solche Justiz im ganzen Lande Sturm laufen. (Lebhafter Beifall bei den Sozialdemokraten.) Der Ju­st izm in ist er wird die Interpellation am Freitag beantworten.

Der Dänische Reichstag für die deutschen Kinder.

Berlin, 16. Nov. DerVorwärts- meldet aus Kopenhagen: Der dänische Reichstag bewilligte dem Komitee zur Hilfe für die deutschen Kinder 50 Millionen Mark. Die Manner und Frauen aller Parteien werden aufgefordert, freiwil­lige Beittäge zu leisten. In den dänischen Ge­werkschaften und Genossenschaften werden Sammlungen für die deutschen Kinder ver­anstaltet.

Kopenhagen, 16. Nov. (Wolff.) Ein dieser Tage ernanntes Komitee zur Samm­lung von Beiträgen für den notlei­denden deutschen Mittelstand Hai einen Ausruf mit der eindringlichen Mahnung zur Hilfe erlassen. Es heißt in dem Aufruf: Die Hilfe Dänemarks muß dem großen Deutschland gegenüber gering erscheinen; -aber die Gabe, die wir bieten können, kann infolge der Kaufkraft unserer Valuta Vielen über den Winter helfen. Wir beabsichtigen, durch die Mittelstandshilfe in alten Kulturzentren wie Weimar, Göttingen, Jena, Tübingen, Heidel­berg, Lübeck usw. den Familiem derey Frauen und Kinder Not leiden, zu helfen. Wir können auch hilfebringende Verbindungen zwischen den einzelnen Familien und Personen ver­mitteln.

Die Nebersremdung der Schweiz.

Bern, 16. Nov. (Wolff.) Der schwei­zerische Bundesrat gibt neue Maßnah­men gegen die Ueberfremdung be­kannt. Unter der schweizerischen Gesamtbevöl- kerung von 3 880 000 sind 405 000 Ausländer. Zur Verhinderung der weiteren Ueberfrem- dung sollen jährlich rund zwölftausend Perso­nen naturalisiert werden, davon rund 5000 durch ZwangSeinburaerung in der Schweiz geborener Auslänoerkinder, deren Mütter gebürtige Schweizerinnen sind, und 7000 durch frei Naturalisation auf Gesuche.

DieRepublik des fernen Osten".

Moskau, 15. Nov. (Wolff.) Aach einet Meldung der Russischen Telearaphenageittur aus Tschita hat die gesetzgebende Körperschaft ber Republik des Fernen Ostens »rach eingehender Be­sprechung der Lage einstimmig den Beschluß ge­faßt, sich auf zu lösen unb die Vereine - gung mit Sowj etrußland zu vollstehen. Es wurde ein aus sieben Mitgliedern bestehender revolutionärer Ausschuß errichtet und 14 de­legierte zum Allrussischen Rätekongreß gewählt.