Ausgabe 
17.5.1922
 
Einzelbild herunterladen

Nr. V5

Erscheint täglich, außer Sonn» und Feiertags, mit derSamstagsbeilage: GießenerFamilienblätter Monatliche vezugspreife: Mk. 18. und Mk. 2. Irägerlohn,durch diePost MK.20., auch bei Nicht, erscheinen einzelner Num­mern infolge höherer Gewalt. - Fernsprech. Anschlüsse: für dieSchrist- leitung 112; für Verlag und Geschäftsstelle 51. Anschrift für Drahtnach­richten. Anzeiger Kietzen.

Poftfdjedfonto:

Kranffurt a. M. 11886.

Mittwoch, 17. Mai 1922

172. Zayrgang

GietzennAnzeiger

Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer bis zum Nachmittag vorher ohnejede Verbindlichkeit. Preis für 1 mm höhe für Anzeigeno 34mm Breite örtlich 120'Pf., auswärts 150Pf.; für Reklame. Anzeigen von 70 mm Breite 450Pf. Bei Platz- Vorschrift20 ^Aufschlag. Hauptschriftleiter: Aug. Goetz Verantwortlich für Politik: Aug. Goetz; für den übrigen Teil: Karl Walther; für den Anzeigenteil: Hans Beck, sämtlich in Gießen.

General-Anzeiger für Oberhessen

Drntf und Verlag: Vrühl'sche Univ.-vuch- und Lteindruckerei R. Lange. 8chrif1leitung, Geschäftsstelle und Druckerei: Zchulstratze 7.

Eine Note der amerikanischen Regierung.

Ablehnung der Teilnahme an den Haager Verhandlungen. Neue Vcrhnndlttngsmöqlichkeiteu.

Genua, 16. Mai. (Spezialdericht des Ver­treters des WTB ) Die Rote des S'.aats- sekrctärs Hughes, die heute Schanzer von dcrn amertlanischen Botschafter Child übermittelt wurde, hat folgenden Woitlauv:

Die amerikanische Regierung hat die ihr von dem Präsidenten dec Genueser Konferenz übermit­telte Einladung, unter dem in dein Abkom­men der einladenden Mächte daigelegken Bedin­gungen an der für den 15. Juni im Haag ge­planten Kommis ion t i zun h er, forgföltig er­wogen. Die amerikanische Regie u g hegt den lebhaften Wunsch, in jeder möglichen Weise die Eröiterarg der wirtschaftlichen Rctwciteigkriten in Rußland zu fördern. Sie wünscht ebenso, die tiefe Freundschaft zu bewei'en, die das Volk der Bereinigten Stauten für das russische Boll hegt und V>r lebhaftes Interesse an allen Maßnah­men, die die Wiederherstellung seines wirvch^st- llchen Lebens u.id tie Rückkehr des Wohlstandes bezwecken. auf den seine Fähigkeiten und Hilfs­quellen ihtn Anspruch g bea. Da; amerikanische Boll hat den gr i barsten Beweis für fein un­eigennütziges Interesse an der wirtschaftlichen Wiederhei tel'u.g Ru l mds gegeben. Es würde sehr widerwillig irgend eine Gelegenheit zur Hilselci tu ig vorbelg.h-en lassen. D e amerikanische Regierung ist indessen nicht in der Lage, den Schluß zu ziehen, daß sie zweckmäßig ,»n der Zusammenkunft im Haag teil- nehmen kann, da diese sichals nichts an« der-es erweisen würde ais eine Fort­setzung der Genueser Konferenz unter einem anderen Ramen, die not- wendigerw.ise auf die gleichen Schwierig­keiten stoßen würde, wenn die in dem rus­sischen Memorandum vom 11. Mai zutage getretene Haltung unverändert b.eitxm würde. Die unvermeidliche grundlegende Frage ist naturgemäß die Blt-deih rstcl ung der Pro­duktivität Rußlands. Die wesentlichea Be­dingungen da, ür müssen erst noch ge­sichert werden und dafür muß nach Lage der Dinge in Rußland Sorge getroffen werden. Die amerikanische Regierung, die geglaubt hat, daß diese Dedingiingen klar verständlich seien, war stets bereit, sich den Regierungen anzuschliehen, die die vorliegende Einladung ergehen lassen, um eine Untersuchung über die wirtschaftliche Lage in Rußland und die notwendigen Heilmittel durch Sachverständige zu veranlaßen. Eine der­artige älnterfuchung würde sich in angemessener Weise mit den wirtschaftlichen Borbedingungen der Wiederherstellung der Produktion in Rußland befassen, ohne die sich das Fehlen jeder ge­sunden GrundlagefürKreditgewäh- r u n g erweisen werde. Es soll bemerkt werden, daß die amerikanische Regierung sehr bereit­willig irgendwelchen Vorschlägen, die von der Genueser oder irgendeiner späteren Konferenz ausgehen, ihre ernste Aufmerksamkeit zuwenden wird. Sie ist aber ber Ansicht, daß die vorliegen­den Anregungen, die anscheinend eine Erwide­rung auf das russische Memorandum vom 11. Mai darstellen, in i*y cm Wortlaut die Bestimmt­heit vermissen lassen, die die Mitarbeit der amerikanischen Regierung bei dem vorgeschla­genen Plane möglich machen würde.

Paris, 17. Mai. (WTB.) Rach einer Havasmeldunq aus Washington wurde gestern im Weihen Hause erklärt, die amerikanische Rote an die Konferenzteilnehmer in Genua lasse die Möglichkeit späterer Anterhandlun- gen offen.

Hie Wirkung der Weigerung Amerikas.

London. 16. Mai. (WTB.) Die Ab­lehnung der Einladung zur Haager Konferenz durch die Bereinigten Staaten er­regt in der Presse großes Aufsehen. Rorth- cli.fes ,Evening Rews" schreibt, die ameri­kanische Weigerung sei ein endgültiger Schlag für die Haager Konferenz zwecks Behandlung der russischen Frage. Die Leute, die die Bereinigten Staaten nach dem Haag einluden, hätten jedoch kaum ercoarten dürfen, daß Amerika sein» Mei­nung ändere, bevor die Bolschewisten ihre Hal­tung geändech hätten. Die Rote des Staatssekre­tärs Hughes werde in England mit Zurückhal­tung aufgenommen werden.

Der ..Star" nennt die Rachricht über die Weigerung der Bereinigten Staaten katastrophal und zweifelt daran, ob die Haager Kommission arbeiten könne mit zwei fehlenden Rädern, näm­lich Amerika und Deutschland.

Pall Mall Gazette" schreibt, die Wei­gerung der Bereinigten Staaten, irgend etwas mit der geplanten Konferenz von Sachverständigen im Haag zu tun zu haben, sei keineswegs eine Enttäuschung für Genua. Genua habe einen Er­folg gehabt und die Aussichten für die Haager Konferenz seien keineswegs verschwunden.

Pall Mall <x#d ©lobe hatte noch gestern abend große Hosinungen auf di» Annahme der Einladung durch die Bereinigten Staaten gesetzt.

London, 16. Mai. (WTB.) Einer Reu­termeldung aus Genua zufolge hat die Mel­dung über die Weigerung der Bereinigten Staa­ten, an der Haager Konferenz teil'unchmen Ent­täuschung and äleberraschun g hervor- gerufen.

Paris. 17. Mai. (WTB.) Rach einer Ha- vasmeldung aus Genua glaubt man in englischen

Kreisen, daß die amerikanische Antwort, obzwar sie eine höfliche Ablehnung enthalte, nicht jede Hoffnung vernichte, daß Amerika an der Wiedererhebung Rußlands mit­arbeite. Die Rote enthalt drei Teile. 3m ersten erflären sich die Bereinigten Staaten be­reit, dem russischen Volke zu helfen, bann tadeln sie die Haltung der Sowjets auf der Konferenz von Genua, und schließlich beklagt man sich im dritten Teile über die älnentschlossenheit der ein- ladenden Mächte und verlangt Aufklärung. Mi­nister Schanzer werde im Ramen der Konfe­renz eine neue Mitteilung an die Bereinigten Staaten absenden.

Paris, 16. Mai. (WTB.) DerTemps" nennt die Weigerung der Bereinigten Staaten, sich an der Konferenz im Haag als einer Fort­setzung der Konferenz von Genua zu beteiligen, eine gerechte. Warum verhandeln die Bolsche­wisten mit fremden Mächten? Weil sie nötig hätten, sehr rasch viel Geld zu erhalten. Wie könnten sie dieses Geld erlangen? Rur mit Hilfe der Bereinigten Staaten. Wenn sich aber die Bereinigten Staaten fernhielten, hatten aber die Bolschewisten keinen Grund mehr, zu verhandeln und die große Kombination stürze zu­sammen.

Paris, 17. Mai. (WTB.) DerPetit Pa- risien" verbreitet folgende, offenbar beein­flußte Erläuterung zu der gestrigen Ant­wort der Bereinigten Staaten auf die Einladung zur Konferenz im Haag: Die von der Regielmng der Bereinigten Staaten gegebene Auslegung der Einladung stimme vollkommen mit dec Interpretation überein, die Ministerpräsi­dent P o i n c a r e in derselben, im französischen Text redigierten. Einladung gegeben habe. Pcin- care habe in diesem Sinne an Barthou telegra­phiert ; nichtsdestoweniger habe dieser in einer gestern angefommenen Mi t iiung präzisiert, daß es sich wohl um eine Zusammenkunft von Sach­verständigen und nicht um eine Konferenz handele, und habe hinzugefüg', daß kein Regierungsnnt- glich, kein im Haag affrebifierter Gesanbter es sei denn, er werde zum Sachverständigen ernannt an dec Zusammenkunft teilnchmen roertte. In diesem Sinne habe Barthou an den Vorsitzenden der Konferenz be Facta geschrieben, um den Standpunkt der französischen Delegation darzu- legen. Falls dieser Standpunkt durchbringe, wie man zu glauben berechtigt sei, könne man anneh- men, daß der Text der ergangenen Einladung an die Vereinigten Staaten nicht den getroffenen Entscheidungen entspreche, und daß unter diesen Am ständen bie Antwort ber amerikanischen Regierung geänbert werden könne. Wie dem aber auch fei, der Standpunkt der französischen Regierung sei for­mell: Wenn bie Zusammenkunft im Haag bie Fortsetzung ber Konferenz von Genua sei, wenn sie einen politischen Charakter haben sollte, bann werbe Frankreich auf ihr nicht vertreten sein.

Eine Auseinandersetzung mit den Russen im Unterausschuh.

Genua, 16. Mai. (Spezialbericht des Ver­treters des WTB.) Heute vormittag IOV2 Uhr trat bie Unter kvmmissivn ber ersten Kom­mission unter dem Vorsitz de Factas zusam­men, um der russischen Delegation bie Beschlüsse dec anberen in ber Unterkommissivn vertretenen Mächte bekanntzugeben. Der Inhalt bes gestern veröffentlichten Doluments würbe verlesen. Hier­auf stellte Tschitscherin eine Reihe von Fra­gen über bie verschiedenen Klauseln, um sich über ihre Tragweite Klarheit zu verschaffen.

Er fragte u. a.. warum Deutschland von der ^öachverstänbigrnlvmmission ausgeschlos­sen sei. Antwort: Weil Deutschland bereits einen Vertrag mit Rußland abgeschlossen habe.

'Tschitscherin fragte ferner, welche Macht mit der Sowjetregierung be üzlich des abzuschlie- henden Abkommens in Verbindung treten werde. Antwort: Diese Angelegenheit werde von ber in Aussicht genommenen Kommission übernommen werden.

Tschitscherin fragte hierauf, wie es mit der de jure -Anerkennung der Sow'etregierung stehe. Cs wurde erwidert, dies sei die Angelegen­heit ber einzelnen Regierungen, sobald Die Ar­beiten der verschiedenen Kommissionen abge­schlossen seien.

Tschitscherin fragte, ob alle Mächte durch die Mehrheitsbeschlüsse gebunden f:in wür­den. Antwort: Hierüber werden die Kommissionen zu entscheiden haben.

Tschitscherin fragte, warum der Haag er Bersammlao.gsort für die Kommissionen g wählt worden fei. Antwort: Man sei bereit, andere Boilchläge entgegenzunehmen.

Tschitscherin fragte, ob der Burgfriede nur während der Arbeiten der geplanten Kom­mission dauern würde oder bis die Grenzen enbgül ii selig seht feien. Antwort: Diese An­gelegenheit könne bi.tuticrl we den.

Tschi scheein fragte, ob in ©e~ua ein Schrift­stück bezüglich des Vorfriedens oder em Pakt abgeschlossen und unterzeichnet werden würde. Artwort: Ja.

Tschitscherin kam sodann auf bie Lage in Ostsibirien zu sprechen. Cs entspann sich eine lebhafte D.batte zwischen Tschit ch.rin u d Jshii, in die Lloyd George schließlich eingriff, indem er bemerkte, es würde gut sein, wenn der Vor- friedensp.'kt bereits in dr g een wärt igen Sitzang jar Anwendung tönte. Hieraus sagte Tschitscherin, es seien 24 S unden erforderlich, um ber ra I - schen Delegation Gelegenheit zu geben, die Vor­schläge sorgfältig zu prüfen. Die'es Ersuchen

wurde genehmigt. Hierauf wurde die Sitzung der UntedommiffiDn auf morgen vormittag 10.32 Uhr vertagt.

Beim Schluß der der heutigen Sitzung erhielt Schanzer ein Antworttelegramm des Sioalssekrelä.s Hughes dzügich Am ril s Teilnahme. In eng'.i|o,en Krei en wird angenom­men, daß diese Antwort eine Grundlage für einen weiteren Meinungscmstausch mit den Bc einig­ten Staaten bilden werde. Wie verlautet, werden in dem a neicklanischen Dolument bezüglich der Teilnahme Amerikas an den Haager Be.amngen zwei Bedingungen gestellt, nämlich, 1. daß wäh­rend der Arbeiten der Kommission keine Macht ein Separatabkommen mit Rußland schließen darf; 2. daß die Vertreter im Haag keine unbeschränkte Vollmacht haben, sondern ihren Regierungen über bie von der Kommission gefaßten Beschlüsse be­richten sollen.

(Sune wiederholte Lüge derTimes".

Berlin, 16. Mai. (WTB.) DieTi­mes" greifen erneut bie Meldung von dem bereits mehrfach authentisch dementier­ten deutsch-russischen Militär­abkommen auf und bemerken, es sei in London Material eingetroffen, das zur Bestä­tigung des Vertragsabschlusses beitrage. ES ist eine altbewährte Methode der Rorthcliffe- presse, derartige Tendenzmeldungen zu Prv- pagandazwecken ständig zu wiederholen. Des­halb sei nochmals festgest.llt, daß ein Militär- abkommen zwischen Deutschland und Sowjet- rußland in keinerlei Form existiert.

(Sitte Sitzung

dereinladenden Mächte".

Genua, 16. Mai. (Spezialbericht des BertreterS des WTB.) Heute nachmittag hiel­ten die Bertreterderfünfeinladen- den Mächte eine Sitzung ab, um das Programm für die letzten Tage der Konferenz zu erörtern. Zunächst kam die 0 st g a l i z i s ch e und litauische Frage zur Besprechung. Lloyd George gab der Ansicht Ausdruck, daß diese Fragen große Gefahren für Europa in sich bergen. Sie müßten bald geregelt wer­den. Wenn die Russen das Memorandum an­genommen haben würden, so würde es nötig gewesen sein, alle Grenzfragen zu regeln. Aber da heute der Abschluß eines endgültigen Pak­tes aufgeschoben und ein zeitweiliger Burg­friede erklärt werden soll, sei eS nicht notwen­dig, die Grenzfragen sofort zu entscheiden. Er hoffe, daß der Völkerbund sich mit der litau­ischen Frage befassen werde. Barthou schloß sich dieser Erklärung an. Bezüglich des von Ungarn und Bulgarien ausgesprochenen Wun­sches, Erklärungen auf der Konferenz über die Minderheitenfragen abzugeben, wurde ent­schieden, eine Erklärung in schriftlicher Form entgegenzunehmen und an den Völkerbund weiterzugeben.

Zu Bulgariens Vorstellung we­gen eines Ausganges nach dem ägäi­schen Meere wurde entschieden, dies sei eine Angelegenheit, die die Mächte angehe, die den Vertrag von Reuillh unterzeichnet haben. Man war der Ansicht, daß diese Frage nicht von der Konferenz diskutiert werden könne. Ferner wurde beschlossen, die Konferenz zu ersuchen, s.e möchte einen Appell an die euro­päischen Regierungen richten, damit diese den Kampf deS Völkerbundes gegen die Epi­demien unterstützen. Ein Vorschlag, die Kon­ferenz von Genua möchte das Rote Kreuz als europäische Zentrale zum Kampf gegen Epi­demien und Hungersnot bestimmen, wurde nicht zur Diskussion zugelassen, sondern dem Völkerbund überwiesen. Hierauf wurde das Programm der großen Plenarsitzung erörtert.

Die letzten Tage der Konferenz.

Genua, 16. Mai. (WTB.) Die Ver­treter der einladenden Mächte besprachen heute üachmittag das Programm für die letzten Tage der Konferenz. Ein Tag für die Plenarsitzung ist noch nicht festgesetzt und die Hughesnote noch nicht besprochen. Konferenzkreise glauben. eS werde eine Ant­wort erteilt, die den Russen auf die Rote von Hughes für eine Fortsetzung deS Mei­nungsaustausches die Tür offen lasse.

Reue 50 Millionen Goldmark gezahlt.

Paris, 16. Mai. (WTB.) Die Re- parativnskommission teilt heute mit, daß die deutsche Regierung am gestri­gen Tage ungefähr 50 Millionen Gvldmark als Zahlung geleistet hat.

Hermes in Poris.

Paris, 16. Mai. (WTB.) Reichsfinanz­minister Dr. Hermes, der, wie bereits ge­meldet, am Montag vormittag den englischen Delegierten Sir John Bradburh, den bel­gischen Delegierten Delacroix, den italienischen Delegierten Salvago Raggi, sowie den ame­rikanischen Vertreter bei der Reparativnskom- missivn» Boyden, besuchte, Hat im Laufe des

gestrigen RachmittagS mit den französischen Vertretern die materielle Behandlung der ReparativnSfraae aufgeworfen. Dr. Hermes übergab dem Vorsitzenden des Wie- derherstellungSauSschusseS, Louis Dubois, ir Anwesenheit des Vorsitzenden des Garantie- auSscbusseS, Mauclere, zu diesem Zwecke meh­rere Auszeichnußgen, die in der Hauptsache die jetzige Gestaltung deS ReichShauShaltSpla- neS, sowie die Zwangsanleihe betreffen, und die zunächst au einer allgemeinen Aussprache führten. In den nächsten Tagen werden die Einzelbesprechungen mit den Delegierten fort­gesetzt.

Gerard bei Poinear6.

Paris, 16. Mai. Poincarö Yak heute nachmittag den früheren amerikanischen Botschafter in Berlin, Gerard empfangen.

Das Reparationsproblern in Verbindung mit den französischen Kriegsschulden.

Paris, 17. Mai. (WTB.) DieChi- cago Tribüne" schreibt, in der Absendung der französischen Antwort auf die Wa­shingtoner Note über die französi­schen Kriegsschulden bei Amerika, die fast fertiggestellt gewesen sei, sei plötz­lich eine Verzögerung eingetrcten. Zwei neue Tatsachen hätten den französischen Standpunkt stark verändert: 1. Werde der AnleiheauSschuß der ReparationSkommission, der am 24. Mai in Paris zusammentrete, wahrscheinlich eine Herabsetzung der deutschen Reparationsschulden Vorschlägen; 2. müsse notwendigerweise die alliierte Kommission im Haag am 26. Juni die Bezahlung der russischen Kriegs­schulden an Frankreich auf unbe­stimmte Zeit hinausschieben, weil Rußland nicht zahlen könne. Der formelle Aufschub werde einen regelrechten Präzedenz­fall darstellen, der zwischen anderen Re­gierungen geltend gemacht werden könne.

Das Blatt spricht von einer neuerdings geplanten Herabsetzung der deutschen Reparationsschulden auf 70 bis 80 Milliarden Goldmark.

Die Bedeutung der französischen (Yeneralratstvahlen.

Paris, 16. Mai. (WTB.) Eine Ha- vasmeldung beurteilt das Ergebnis der Generalratswahlen dahin, daß die Zusammensetzung dieser Körperschaften in po­litischer Hinsicht unverändert blickte, da von den 1490 Sitzen nur 15 von der Rechten und von dem gemäßigteren Zentrum an die Radikalen und die verschiedenen sozialistischen Parteien übergegangen seien.

Eine interessante Abstimmung im englischen Unterhause.

London, 16. Mai. (WTB.) Im Un­ter h a u s e erlitt die Regierung mit 148 gegen 151 Stimmen bei der Abstimmung über einen die Lehrerpensionen betreffenden Vorschlag der Geddesschen ErsparungSkom- missivn eine Niederlage. Die Mitglieder der Arbeiterpartei, die unabhängigen Libe­ralen und viele Anhänger der Regierungs­partei stimmten gegen die Regierung und nah­men einen Beschluß auf Vertagung der De­batte an. Die politischen Folgen der Rieder­lage sind noch unklar.

London, 17. Mai. (WTB.) Die gestrige Rieberlage derRegierungirnUnter- Hause nimmt in ber Preise einen breiten Raum ein. Die Blatter erwarten nicht, baß bie Re­gierung deswegen zurücktreten werde. Heute morgen findet ein Kabinettsrat statt, in dem die Lage erörtert werden soll. Chamber­lain wird eine Erllärung abgeben.

Neue Erhöhung der Gütertarife.

Berlin, 16. Mai. (Priv.-Tel.) Die neuerliche Steigerung der Materialpreise und der persönlichen Ausgaben der ReichSeisen- bahn nötigen bereits zum 1. Juni die Gü­ter-, Tier- und Expreßguttarife um 25 Prozent zu erhöhen. Durch die KvhlenpreiSerhöhung vom 20. Avril steigt ber Preis von Äsenbahndienstkohlen pro Tonne um 260 Mk. oder rund 27 Proz. In derselben Zeit stieg der Kubikmeter Eichen­holz von 3400 auf 4500 Mk., also rund 34 Prozent, Holzschwellen von 240 auf 350 Mk^ d. h. um 46 Prozent. Die Verteuerungsziffer aller von der Eisenbahn gebrauchten Stoffe erhöhte sich von 80 im 2IpriI auf 92 im Mo­nat Mai. Die sachlichen Ausgaben der ReichS- eisenbahn steigern sich dadurch um rund sieben Milliarden. Dazu kommt ab 1. Mai die Er­höhung der Bezüge der Beamten und Ar-,