Ausgabe 
14.10.1922
 
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Der (Siebener Arbeitsmarkt Anfang Oktober.

(Eigene Information

Die Lage auf dem Gießener Arbeitsmarkt bot bn ersten Drittel des Monats Oktober, in der Gesamtheit betrachtet, ein recht unerfreuliches Bild. Teilweise starkes Begehren nach Arbeits­kräften kann an diesem Charakter nichts ändern, da es sich bet diesen Nachfragen vorwiegend nur um die Gewinnung von Arbeitskräften zur Er­ledigung von kurzen ©atfonarbeiten handelte. Für manchen unserer Mitbürger sind die Arbeits­aussichten an der Schwelle des Winters bedauer­licherweise sehr düster, zumal sich die deutsche Gesamtwirtschaftslage infolge der katastrophalen Geldentwertung immer schlechter gestaltet. Den Fürsorgestellen unserer Stadt werden die kommen­den Monate sicherlich manche schwierige und sorgenvolle Aufgabe bringen. Mit diesem Ge­danken wird man sich in der Bürgerschaft heute schon vertraut machen müssen.

Im einzelnen ist über die Arbeitsmarkt­verhältnisse in der ersten Oktoberwoche zu be­richten:

Starke Nachfrage nach Arbeitskräften machte die Landwirtschaft geltend, die Hilfsarbeiter für die Kartoffel- und Rübenernte suchte.

Bom Metallgewerbe wurden nament­lich Schlosser, Dreher und Former gesucht. An der Nachfrage war sowohl die hiesige Industrie, als auch Die der UmgegenD beteiligt.

Im Holzgewerbe bestand vor allem Bedarf an Schreinern.

Dieser Nachfrage konnte in allen Fällen durch Gestellung von Arbeitskräften entsprochen werden.

Die Arbeitslage im Nahrungs- und Genuhmittelgewerbe ist zur Zeit un­günstig. Z. D. besteht «für die B rau e r e i c n in­folge des eingeschränkten Dierkonfums ent­sprechend geringere Absatzmöglichkeit und infolge­dessen auch weniger Verwendung für Arbeits­kräfte. Dasselbe trifft auf Die Ta b a k i n d u st r i e zu. Die hiesige Tabakindustrie arbeitet schon seit einiger Zeit, um eine Streckung der Arbeit vorzunehmen, mit verkürzter Arbeitszeit. Die von der Kurzarbeit betroffenen Personen, die meist m den Landorten der ilmgegenb wohnen, werden nach Mastgabe der Bestimmungen des Tabak- steuergesehes unterstützt.

Auf dem Gebiete des Baugewerbes sieht es gleichfalls recht unerfreulich aus. Die von der 'Stadt und von verschiedenen Baugenossen­schaften begonnenen Bauten werden zur Zeit noch fertiggestellt, die übrigen vorgesehenen Bauten aber infolge Geldmangels nicht mehr begonnen. Hierdurch entfällt auch in absehbarer Zeit für die Bauarbeiter aller Grade die weitereVerdienst- möglichkeit. Wenn bislang Arbeiterentlassungen noch nicht zu verzeichnen waren, so dürfte damit doch für die nächste Zeit zu rechnen fein. Sobald sich die Verhältnisse auf dem Geldmärkte bessern, wofür allerdings zunächst wenig günstige Aus­sichten vorhanden sind, wird man wohl an ein Wiederaufleben der Bautätigkeit denken können.

des Giehener Anzeigers.)

Für ungelernte Arbeiter war die Unterbringungsmöglichkeit am Platze bis heute sehr schwierig, dagegen bietet sich ihnen immer noch Arbeitsgelegenheit in Westfalen. Für diese Leute ist es am ratsamsten, die auswärts vor­handenen Erwerbsmöglichkeiten au^zunutzen.

An weiblichem Hauspersonal be­steht grober Mangel. Die Nachfrage konnte auf diesem .Arbeitsgebiet bisher bei weitem nicht gedeckt werden Aus. unserer Stadt meldet sich nicht genügend Personal zur Besetzung bey Stellen, man hofft jetzt nur noch auf den Saisonschluh in Bad-Nauheim, von dem man sich ein gröberes Angebot an weiblichen Arbeitskräften verspricht.

Die Im Sommer vorigen Jahres erfolgte StillegungdesGiestener Braun st ein- bergwerks, wodurch seinerzeit etwa 700 Ar­beiter beschäftigungslos wurden, übt heute noch eine fühlbare Rückwirkung auf den "hiesigen Ar­beitsmarkt aus. Ein grober Teil dieser Leute hat zwar auswärts feste Beschäftigung gefunden, aber die übrigen Leute sind noch ohne dauernde Tätig­keit.

Don der sozialen Fürsorge der Stadt ® leben sind bisher erfreulicherweise Notstandsarbeiten bereitgestellt worden. Damit sind zur Zeit zahlreiche Arbeiter, dar­unter ältere und solche mit starker Familie, be­schäftigt. Dank dieser Mabnahme konnte bisher von einer direkten Erwerbslosigkeit in unserer Stadt nicht gesprochen werden: hätte die Stadtverwaltung diese Arbeiten nicht in die Wege geleitet, dann hätte das Arbeitsamt aller­dings mit einer ziemlich erheblichen Zahl von Erwerbslosen zu rechnen gehabt. Maßgebend für die Schaffung der Notstandsarbeiten war auch hier der bekannte und sehr richtige Grundsatz, daft die Arbeiter nicht in erster Linie auf die öffent­liche Arbeitslosenunterstützung angewiesen sein sollten, die übrigens im Verhältnis zu den LebenS- notwendigkeiten doch nur sehr gering ist, sondern dast die Kräfte der Leute produktiv nutzbar zu machen seien. Obwohl die Notstandsarbeiter bis heute noch beschäftigt werden konnten, ist jetzt aber auch nach dieser Richtung hin 7>ie Lage unsicher geworden, denn der Geldmangel macht sich auch für die Durchführung dieser sozialen Aufgabe hemmend bemerkbar. Mit Schwierig­keiten für die Weiterbeschäftigung der Notstands- arbeiter wird zu rechnen sein, da die staalliche Untgrftüfoung aus der produktiven Grwerbslosen- fürforge sehr fraglich geworden ist.

Aus öftentlichen Mitteln unterstützte Erwerbs­lose sind zur Zeit nicht zu verzeichnen.

Die Stellenvermittlungstätigkeit des Arbeitsamtes im September war wie folgt: Männer: arbeitsuchend 435, offene Stellen 374, davon beseht 284; weibliche Per­sonen: arbeitsuchend 47, offene Stellen 144, Ver­mittlungen 43.

« ReichMnnkteS soll febtxfj tn Erwägung ge- werden, den auf Grund der erhöhten GinkommenSgrenzen neu hinzukommenden «mpfangern bei der Dovemberzahlung den -Zuschuh für Oktober nachzuzahlen. Ebenso ist eine weitere Erhöhung des Zuschusses für die Vollwaisen in Erwägung gezogen. Es ist allttdings zu beachten, dast diese Teuerung^ Zuschüsse nur ein kleiner Kreis von Renten­empfängern erhält, und zwar solche, deren Ginkommen durch Krankheit oder Arbeits- wMeit gemindert ist oder solche, deren Ver­dienst unter den jetzigen allgemeinen Tarif- löhn^ liegt oder durch große Kinderzahl in der Berechnung der Voraussetzung zur Er- mngung der Teuerungszuschüsse in ihrem Ein- wmmen die Pflichtgrenze nicht überschreiten. Die Pflegezulage soll auch eine weitere Er­höhung erfahren.

** Amtliche Personalnachrichten. Ernannt wurden am 18. September der Amts» gehllfe bei der Staatsanwaltschaft Darmstadt Philipp Helfrich zum Amtsgehilfen bei dem Amtsgericht Fürth mit Wirkung vom Tage feines Dienstantritts bei diesem Gericht an, und der Hofkutscher im Ruhestand Philipp Reichert zum Amtsgehilfen bei der Staatsanwaltschaft Darmstadt mit Wirkung vom Dienstaustritt seines Dienstvorgängers ab. Ernannt wurden am 6. Oktober der St ra fan stalts o der wach t rnei ster bei dem Landeszuchthaus Marienschloft Georg Lösch zum Strafanstaltsoberwachtmeister bei dem Land- gerichtSgesängnis in Mainz und der Gefangenen- aufteher bei dem Amtsgerichtsgefängnis in Bens­heim Joses Dvdenroder zum Stvafanstalts- vberwachtmeister am Landeszuchthaus Marien- schloft, beide mit Wirkung vorn 15. Oktober 1922.

- Ernannt wurde am 10. Oktober der Lehrer Zakvb K ö h r e s zu Dors-Güll zum Lehrer an der Volksschule au Bersrod, Kreis ©leben; der Lehrer Ferdinand Wolf zu Bersrod zum Lehrer an der Volksschule zu Unter-Schmitten, Kreis Büdingen. Ernannt wurde am 11. Oktober der Pvllzeiwachtmeister Heinrich Lehmann zu Darmstadt mit Wirkung vorn 1. Oktober 1922 zum Polizeikommissar. Der Derwaltungsinspektor bei dem Kreisamt Dieben Georg Ewald wurde auf sein Nachsuchen aus dem Staatsdienst ent­lassen.

** In einer Mltgliederversamm« Tung der DeutschenDolkspartei sprach, wie uns berichtet wird, am Montag abend der dsutschvolkspartelliche Reichstagsabg. Adams überD ie politische und wirtschaft­liche Lag e. Herr Adams, der Führer des auf nationalem Boden steheirdenDeutschen Ar­beiterbundes", gab in Caren sachlichen Ausfüh­rungen zunächst einen Rückblick auf die Gestal­tung unseres wirtschaftlichen und polltischen Lebens seit der Revolution, um sodann die jüngsten Ereignisse auf diesem Gebiete eingehend zu beleuchten. Unter dem Druck des Schmach- frieben® von Versailles geraten weite Kreise un­terer Volksgenossen in täglich wachsende Not, ohne dab es uns möglich wäre, aus eigener Kraft eine Revision jenes Habinstrumentes von Ver­sailles herbelzuführen: kleinlicher Parteihader und künstlich geschürter Klassenhab machen es unmöglich, dab unser Voll den mablosen For­derungen unferer Feinde ein einmütigesUn­erfüllbar gegenübersetzt, um endlich eine Umge­staltung der gesamten Lage zu erzwingen. In «dieser Hinsicht wenigstens bedeutet das Stinnes- aMommen endlich eine Tat, die geeignet ist, jmtt Hilfe einer wirtschaftlichen Annäherong den Weg zu ebnen für die Erkenntnis, dab nur eine 'völlige Umänderung des Friedensvertrages im­stande ist, der Well den wahren Frieden zu bringen. Aber auch für unsere innere Wirtschafts­politik ist das Stinnesabkommen von weitgehen­der Bedeutung. Durch Heranziehung toeitefler Kreise aus Industrie und Handwerk bietet es erhöhte Beschäftigungsmöglichkeiten, die ohne Frage von günstigster Wirkung auf die Verhält­nisse auf unserem Arbeitsmarkte sind. Besondere Beachtung schenkte der Redner demGesetz zum Schutze der Republik". Hatte die Deutsche Dolks- partei damals die für dessen Annahme nötige Mehrheit aufbringen helfen, so tat sie dies vor allem, um unser ohnehin schwergeprüftes Voll vor schweren Unruhen zu bewahren, die im Falle eines Wahlkampses zweifellos eingetreten wären. Ferner wurde die Partei von dem Gedanken ge­leitet, dab sie durch ihre Mllarbeit dem Gesetz manche harte Ecke abschleifen konnte, die zu einer noch schärferen Auslegung der Schutzmaßnahmen führen konnte. Schars jedoch wandte sich der Redner gegen die Art der Ausführung, die das Gesetz in Staaten mit sozialistischer oder auch sozialistisch gefärbter Regierung erfahren hat und noch erfährt, wo z. D. Den Krieger vereinen ver­boten wird, mit ihren Fahnen einem verstor­benen Veteranen die letzte Ehre zu erweisen ober wo durchaus staatstreue Vereinigungen (wie bet Iungdeutsche Orden) aufgehoben werden. Die

Die Herweghs.

Eine rechtsrheinische Geschichte von LieSbet Dill.

15. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)

Ernst führte ihn durch die Fabrik und zeigte ihm die neuen Anlagen. Wenn alles gut ging, kein Krieg kam und kein Streik, konnte man in einigen 3aftren zehnfache Prozente verteilen.

»Und wenn wir auch nichts daran verdienen, *o haben wir doch etwas Gutes damit getan, Ichfoft Ernst. Und er wies auf die weihen Ar- beiterhäuSchen der neuen Kolonie, die frischge- 'trichen in Der Sonne glänzten.

Tun Sie niemals etwas Gutes, mein Lieber," jagte Goldenberg,toenn Sie sich vor Kummer fürchten." Und er überschlug im stillen, wie lange sich diese® überlastete Unternehmen wohl über Wasser zu halten vermöge und wie lange er feine Hypothek darauf stehen lassen würde. Er übernahm ein paar Aktien, die jetzt sehr niedrig im Kurs standen, im übrigen aber lieh sich Doldenberg nicht durch einen jungen Enthusiasten blenden. Seine Hypothek war eine Hilfe, aber sie genügte nicht. Und andere Freunde des Unter­nehmens wollten sich jetzt nicht finden. Ernst selbst sah sich bn Besitze grober Mittel, die Klienten drängten ihm das Geld ja aus Sollte er es in dieses neue Unternehmen stecken, statt eS in Hypotheken anzulegen? Diese Sorgen toar ien ihre Schatten auf seinen Weg. Er tonnte an (tat nichts anderes mehr denken

W^halb sollte er die Summen, Die man ihm anzulegen überlieft, nicht in diese Fabrik stecken,

Abschaffung veS Schutzgesetzes werde eine oer Qhifgaben sein, die die Deutsche Volkspartei fort­an im Auge haben müsse. Zum Schlüsse behan­delte der R^>ner die nunmehr bevorstehende Wahl des Reichspräsidenten. Eindeutig und mit aller Entschiedenheit ein weiteres Hin- ausschieben dieser Wahl abzulehnen, (Shrigung aller bürgerlichen Parteien auf einen Kandidaten, das seien die Hauplgebote der Stunde. Nur durch immer enger werdende Zusammenarbeit tonn dem Vater lande Wertvolles geleistet werden: durch Arbeitsgemeinschaft zur Vollsgemeinschaft. An die mit lebhaftem Beifall aufgenommene Rede des Reichstagsabgeordneten Adams schloh sich noch eine angeregte Aussprache über die verschieden­sten Tagesfragen an.

** Wertangabe bei Warenfen- dungennachVelgien. Wenn Waren, die nach dem Wert zu verzollen sind, in Post­paketen nach Belgien versandt werden, wird häufig in der SpalteWert" der ZollinhaltS- erllärungen der Betrag der Rechnung angege­ben. Rach den belgischen Gesetzesbestimmun­gen darf jedoch die für die Erhebung der Zollgebühren bestimmte Wertangabe nicht ge­ringer sein als der Großhandelspreis für ähnliche Waren auf dem belgischen Markt zur Zeit der Einfuhr. Von dem so ermittelten Wert dürfen lediglich die voraussichtlichen bel­gischen Zollgebühren abgezogen werden. Die Versender werden deshalb darauf hingewie­sen, daß bei Angabe eines zu niedrigen Wer­tes in den Zollinhaltserklärungen von feiten der belgischen Zollverwaltung Zollstrafen ver­hängt werden.

** Richt nach Rumänien als Kran- kenschcoester! Wie auf Anfrage von zuver­lässiger Stelle nach Frankfurt a. M. mitgeteilt wird, sind die Erfahrungen, die mehrere deutsche Krankenschwestern in Rumänien bezüglich Be­zahlung und persönlicher Behandlung gemacht haben, so wenig ermutigend, daß mir davon ab­geraten werden kann, Krankenschwestern and Röntgenassistentinnen nach Rumänien auswan­dern zu lassen. In Rumänien werden Kranken­schwestern im allgemeinen als Dienstboten ange­sehen und behandelt. Vor einiger Zeit wurden z. B. Stellungen in einem rumänischen Kranken­haus zu folgenden Bedingungen an geboten: mo­natliches Gehalt 250 Lei, freie Beköstigung 2. Klasse. Wäschereinigung, Vertrag auf drei Zahre, keine Rellekosten. Die Bedingungen sind so ungünstig, daß von der Annahme derartiger Stellungen abgeraten werden muß.

** Don der DezirkSsparkasse Gießen. Im dritten Vierteljahr betrugen die Einlagen im Sparverkehr 10 615 000 Mk., im Scheck- und Ueberweisungsverkehr 102 170 000 Mk., zusammen also 112 785 000 Mark. Die Rückzahlungen bezifferten sich im Sparverkehr auf 9 285 600 Mk., im Scheck- ujnd Ueberweisungsverkehr auf 81 070 000 Mk., zusammen also auf 90 355 600 Mark. Mit­hin blieb ein Einlageüberschuß von 22 429 400 Mark, der Gesamteinla­genbestand Ende September 1922 war 96 846 970 Mark.

Hessen-Nassau.

* Dillenburg. 12. Okt. Der KreiS- ausschuh des DillkreifeS ruft die mit dem Da­tum vom 15. September 1922 auSgege- benen Gutscheine zu 1000 und 500 Mark zur Einlösung auf. Die Scheine werden von sämtlichen Geldinstituten des Dillkreises angenommen. Sie verlieren am 10. November ihre Gültigkeit.

Gießener Strafkammer.

Sitzung vom 10. Oktober.

Der Schreiner K K aus Gießen, der früher selbständig war, aber infolge der schwierigen Ver­hältnisse nach dem Kriege sein Geschäft auf- gegeben hat, versuchte, da er als Schwerkriegs- eschädigter häufig ärztliche HUfe in Anspruch nehmen mußte Mitglied der Krankenkasse zu werden. Er lieb sich von verschiedenen Personen als Arbeiter anmelden, die Krankenkasse aber war jedesmal der Ansicht, es lägen keine ernst- gemeinten Arbeitsverhältnisse vor, wies die An­träge zurück und erstattete Anzeige wegen Be­trugs. Die Staatsanwaltschaft klagte K und eine Reihe von angeblichen Arbeitgebern vor dem Schöffengericht an. Dieses konnte sich aber nicht davon überzeugen, daß die Anmeldungen in be­trügerischer Absicht erfolgt wären, und sprach die Angeklagten frei. Die Staatsanwaltschaft legte tn zwei Der auffallendsten Fälle Berufung ein, der jedoch ebenfalls der Erfolg versagt blieb. Dagegen wurde K. wegen Beisetteschaffung einer Urkunde au 700 Mk. Geldstrafe verurteilt, well er ge­legentlich einer Auseinandersetzung auf der Orts-

dle er für sicher genug hielt, um ihr sein ganzes eigenes Vermögen anzuvertrauen?

Herwegh war jetzt viel unterwegs.

In Eppenhausen war immer etwas los. Ent­weder streikten die Arbeiter ober sie hatten unter­einander Streit, oder die Aktionäre sträubten sich vor den kostspieligen Wohlfahrtseinrichtungen.

Man berief den Anwall fortwährend dorthin, denn mir ihm gelang es, die Arbeiter wieder an ihre Plätze zurückzuführen, er hatte Einfluß auf die Leute, er verstand sie zu nehmen, und sie suchten, wo sie konnten, seiner habhaft zu werden, um ihm ihre Familienzwiste vorzutragen, oder ihn um Rat zu fragen in juristischen Angelegen­heiten

Die Hauptsache war. daß die Fabrik jetzt arbeitete, denn die Aktionäre erwarteten von ihrem Geld auch endlich Leistungen.

Herwegh hatte seine Arbeit allmählich lieb­gewonnen, denn sie brachte ihn den Menschen nahe. Wie vielen hatte er schon den rechten Weg gewiesen, tn wieviel zerrüttete Ehen hatte seine Hand rettend eingegriffen, er kam sich oft vor wie ein Arzt.

Wenn er dann abends hinauskam in seine helle, blumengefchmückte Wohnung, lieft er alle Sorgen hinter sich und setzte sich an seinen Blüthnerflügel und spielle Bach

Bei den Klängen feiner herrlichen Fugen wurde er über alles Irdische hinweggetragen. Unb diese Fugen hatte der alte Meister als Hebungen für seine Schüler geschrieben'

Ich bin doch ein glücklicher Mensch, dachte er.

Die Hypothekenangelegenheiten und die Ver­waltung der Gelder hatte er allmählich dem Bureauvorsteher Bantelmann überlassen müssen,

tranlentaffe eine der fraglichen Anmeldungen widerrechtlich von dem Tisch eines Beamten weg­genommen hatte.

Der Heizer H. Th. aus Lehnheim war wegen schwerer Urkundenfälschung angeklagt. Er hatte in betrügerischer Absicht auf einem Holzabfuhr- schekn den Betrag von 725 in 1425 Mk. abge­ändert. Da die Strafkammer tn dem Schein eilte öffeittliche Urkunde erblickte, verwies sie die Dache ans Schwurgericht.

Der 22jährige W. K aus Ruppertsburg war Schreibgehilfe bei der Firma Römheld in Friedrichshütte. Er hat In vier verschiedenen Fällen Rechnungen, Die er einzukassieren hatte, verfälscht, indem er auf der einen die Summe abänderte, und die drei anderen mit dem Namen des Prokiristen unberechtigt quittierte. Welter hat er sich drei Hnterfcftlagungen zuschulden kom­men lassen, indem er 152 und 440 Mk. für seine Firma einzog, aber nicht an diese ablieferte, und endlich 8789 Mk., die ihm zur Besorgung von Stempelmarken übergeben waren, für sich be­hielt und behauptete, er sei überfallen und beraubt worden. Aus eingehenden Vorhalt lieh er später diese unglaubwürdige Behauptung fallen. Er wurde zu einem Jahre Gefängnis verurteilt.

Der Bürgermeister W. von Herbstein war vom Schöffengericht Herbstein wegen Betrugs zu 200 Mk. Geldstrafe verurteilt worden, well er sich von dem Verwalter der Molkerei Herbstein unter der falschen Angabe, der Sohn des Be­sitzers sei damit einverstanden, zwei Käse geben lieft. Hiergegen verfolgte der AngellagteDerufung. Da er aber eines weiteren Betrugs und einer Ur- kundenfälschung angeklagt war und deswegen frei­gesprochen worden war, hatte auch die Staats­anwaltschaft Berufung eingelegt Die Straf­kammer verwarf die Berufung Der Staatsanwalt­schaft und hob auf die Berufung des Angeklagten das erste Urteil insoweit auf, als Verurteilung erfolgt war.

einem etwas verknöcherten Beamten, der zwanzig Jahre auf dem Ghrlichschen Bureau Vorsteher gewesen war.

Der Zulauf, den allmählich das Herweghsche Bureau hatte, überraschte äm meisten den alten Goldenberg. Auf diesen Erfolg hatte er nicht gerechnet, denn Lutz hatte ihn vvrausgesagt, und die Prophezeiungen dieses jungen Mannes pfleg­ten meist nicht in Erfüllung zu gehen.

Diese milde Stimmung benutzte Lutz zu einer neuen Anleihe. Und der Alte gab sie schließlich unter der Bedingung, daft Lutz einen Posten Ziga­retten übernahm,Marke Neptun, die er links­rheinisch unterzubringen hatte, denn auf dieser Rheinseite war die vorzügliche Marke bereits bekannt. Sie hatte insofern mit Dem Meeresgott etwas zu tun, als sie auf der Ueberfaftrt naß - geworden waren, sie waren aber wieder getrocknet, und Goldenberg besaß einen Waggon davon.

Das große Ereignis, auf welches das Whist- kränzchen spannte, lieft indessen immer noch auf sich warten

»Wie steht'S denn bei der jungen Frau, Fräu­lein Schmidt? Immer noch nix in Aussicht?^

Fräulein Schmidt schüttelle betrübt den Kopf, als sei sie selbst mit daran schuld. Gretes Mutter nahm -diese Frage merkwürdig leicht. AberDie Kollin hatte eS in ihrem Qebäi noch zu keiner eigenen Meinung gebracht und wagte der Tochter nichts zu sagen. Eines Sonntags nahm Frau von Herwegh ihren Sohn zwischen Mittagessen und Kaffee, in der Stunde, da^ich jeder in seine Ecke zurückgezogen chatte und Mittagsruhe hielt, ins Gebet.Wie steht'S denn eigentlich mit euch beiden?"

Landwirtschaft.

Ser Stand der Feldfrüchte in Hessen.

Nach dem amtlichen Saatenbestandsbericht für Hessen von Anfang Oktober lauten die Nachrichten über die Grnteausstchten im allgemeinen gut. Durch Die andauernde kühle und nasse Witterung wird fast an allen Orten über faule Kar­toffeln geklagt. Auch die Rübenernte leidet an einzelnen Orten unter der andauern­den Nässe. Die Grummeternte ist eben­falls sehr gefährdet, well sie infolge der Nässe nicht eingebracht werden kann. Der Behang der Reben ist gut, aber infolge starker Fäulnis müssen die Trauben an manchen Orten unreif ge­brochen werden.

Die Beobachtungsziffern im Durch­schnitt für Anfang Oktober betragen: Kartoffeln 2,1, Zuckerrüben 2,0, Futter-(Runkel--)Rüben 2,3, Klee 2,5, Luzerne 2,3, Be-(Gnt-)wässerungswiesen 2,3, andere Wiesen 2,5, Reben 2,8. Hierbei Ge­beutet: 2 gut, 3 mittel, 4 gering.

Als voraussichtlicher Ernteer­trag werden geschäht für Kartoffeln 9 560 803 Doppelzentner oder 167,5 Dz. je Hektar, für Zuckerrüben 3 299 915 Dz. oder 303,5 Dz. je Hektar, Futter-(Runkel-)Rüben 14 676 746 Dz. oder 374,8 Dz. je Hektar.

Kirche und Schule.

* Erledigte Schulstellen. Erledigt sind: eine Lehrerstelle für einen evangelischen Lehrer an der Volksschule in Vaitshain, Kreis Lauterbach. Ausreichende Wohnung ist vorhan­den, aber vorerst nicht frei, eine Lehrerstelle für einen evangelischen Lehrer an Der Volks­schule in Worfelden, Kreis Groß-Gerau. Dienstwohnung ist vorhanden; eine Lehrerstelle für einen evangelischen Lehrer an Der Volks­schule m Klein-Umstadt, Kreis Dieburg.

Wie meinst du das, Mama?" fragte der ahnungslose Ernst.

Frau von Herwegh faltete die Hände über Fox, der auf ihrem Schoße schlummerte.Nun, ich meine, wünscht ihr euch keine Kinder, oder wie ist das?"

Ernst sah sie verwundert an. Dann stand et auf und durchmaß lachend. das Zimmer. .Mama, du bist köstlich, nein wirklich"

Nun, was ist daran so Komisches?" fuhr Frau von Herwegh fortBei uns war es ja auch so, aber wir haben uns eben erst keine gewünscht, aber doch nur zwei Jahre lang, und ihr seid nun schon im dritten verheiratet, und Grete sagte mir, daß kein Gedanke Daran sei."

Ernst blieb am Fenster stehen und sah auf dft neblige Strafte.

Also wollt ihr leine T beharrte Die Mama.

Nein Das heiftt, Grete will keine."

Aha." Heber Frau von Herweghs Gesicht zog ein verstehendes Lächeln.Za, diese jungen modernen Frauen, die sind uns über. Vielleicht ist sie von Liane angesteckt?" x

Nein, Mama" Er nahm ihre Hand, und während er gedankenvoll ihre Rubinringe be­trachtete, gestand er ihr mit einer Zartheit Die einem jungen Mädchen Ehre gemacht hätte, da? er eigentlich Darunter litte . . Unter der Leere des Hauses, der Einsamkeit Aber Grete hott« sich nur unter dieser Bedingung verheiratet

Frau von Herwegh lieft Den Fox vom Schofte springenUnd Darauf bist Du eingegangen? rief sie erstaunt

(Fortsetzung folgt.)