Die Gemeinde- und KreiSrntrwahlen in Thüringen.
Weimar. 13. Sept. (WTD.) Die Gemeinde- und Kreisratswahlen in Thüringen brachten als Hauptergebnis einen Ruck nach rechts. Andererseits vermehrten sich aber auch die kommunistischen Stimmen. Bei den Stadtratswahlen tritt dies zunächst dadurch in die Erscheinung, daß in verschiedene Stadtparlamente zum ersten Mal die Kommunisten einziehen, Immerhin gibt es auch eine Anzahl Stadtparlamente, die sozialistische Mehrheiten erhalten, so besonders in Oft» thüringen. Die Kreisräte, für die zum ersten Mal gewählt wurde, haben in der Hauptsache bürgerliche Mehrheiten, 5 Kreisräte werden sozialistische Mehrheiten haben, nämlich Saalfeld, Arnstadt. Altenburg, Rudolstadt und Sonneberg. Zahlenmäßig haben die Rechtsparteien bei den genannten Wahlen rund 200 000 Stimmen mehr als die Linksparteien aufgebracht.
Der Parteitag der vereinigten Sozialisten.
„Vorwärts" und „Freiheit" geben bekannt, daß der gemeinsame Parteitag am 24. September in Nürnberg stattfinden wird. Die Einberufung erfolgt vorbehaltlich der Zustimmung der Parteitage von Augsburg und Gera.
Die zweite nordische Messe.
Kiel, 13. Sept. (WTD.) Unter sehr zahlreicher Beteiligung ist heute vormittag im Kol- legtensaale des Kieler Rathauses die zweite nordische Messe mit Ansprachen des Präsidenten der Handels kammer, des Oberbürgermeisters und anderer Persönlichkeiten eröffnet worden. Das 36 Fachgruppen umfassende, weit über 40 000 Quadratmeter große Mehgelände ist von den Ausstellern aus ganz Deutschland sowie dem Auslande voll in Anspruch genommen.
Aus Stabt und Land.
Gießen, den 14. Sept. 1922.
Das Stadttheater im Winter 1922,
Für die kommende Winter-Spielzeit des Stadttheaters gibt sich allenthalben lebhaftes Interesse kund, das durch die künstlerisch erfolgreichen Gastspiele dieses Sommers neue Nahrung erhalten hat. Es dürften daher jetzt, da die Abonnements ausgeschrieben werden svergl. Gießener Anzeiger von gestern), einige Hinweise auf den Spielplan von Wert sein. Eröffnet wird die Spielzeit am Freitag, 6. Oktober, mit L Fuldas jüngstem Lustspiel „Des Esels Schatte n", das seinen Stoff Wielands Abderi- ten entnommen hat und in reichbewegter lustiger Handlung fast dem gesamten Personal'Gelegenheit zur Betätigung bietet. Bon modernen Autoren sind weiter in Aussicht genommen: „Die T röst erin" von Bruno Frank, „Die Troe - rinnen" von Werfel, „Kain" von Wildgans, „Vater und Sohn" von v. d. Goltz, „Till Lausebumbs" von Walter v. Molo, „Die Fahnenweihe" von Rüderer, „K 5 n i g R i - cola“ von Wedekind, „Improvisationen im Juni" von Mohr. An Klassikern werden zunächst etnftuöiert Schillers „Wallenstein- trilvgie", Grillparzers „Meeres und der Liebe Wellen", Kleists „Zerbrochener Krug", Hebbels „Ghges und sein Ring" Moliöres „Eingebildeter Kranker": stir später wird Grabbes grandioses Drama „D o n Juan und Faust" vorbereitet. Auf dem Gebiet der Operette ist Künneckes neuestes Werk ^„Derliebte Leut'", dessen Text nach dem ^reizenden Lustspiel „Komtesse Guckerl" gearbeitet *ift, erworben worden, um als erste NeuAit dieser , Art noch im Oktober auf dem Spielplan — ' auch des Abonnements — zu erscheinen.
Der Wechsel im Personal ist — wie ja auch von einem konsolodierten Institut wie unserem Stadttheater erwartet werden darf — kein allzu
Baalsfempel
Roman von Margarete v. Oerhen- F ü n f g e l d.
22. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
„Man hat Lilh fortgeschickt. Man überwacht sie. Man verbietet ihr, mir zu schreiben. Ich wlll Klarheit I Klarheit I"
Riedinger wand sich verzweifelt, er kämpfte mit einem bitterschweven Entschluß.
„Bist du deiner Sache so gewiß?"
„Ganz gewiß."
„Und du bist — von — von Lilhs Charakterfestigkeit überzeugt?"
„Festigkeit? . . . Ich bin von ihrer Lauterkeit überzeugt I"
Riedinger wandte sich ab.
Da legte Heinz hart die Hand auf seinen Arm.
„Sag' mal — verschweigst du mir etwas?" Riedingers Gedanken jagten sich wild. In seiner Hand trug er alle Möglichkeiten.
„Heinz, laß dir raten! Den Geheimrat wirst du nicht aufsuchen — da wirst die Zähne zu- sammenbeihen und . . . schweigen!"
Heinz lachte ihm gerade ins Gesicht.
„Da kennst du den Heinz Güldewin schlecht. Mein Lieber! Ausgeträumt! Jetzt kommt das Leben! Ich gehe — und zwar sofort — zu dieser Stunde —"
Er riß den Hut vom Tisch, die Handschuhe. Seine Hände zitterten in größter Aufregung.
Riedinger vertrat ihm den Weg.
„Run mal, wenn du um deiner selbst willen nicht hören willst! So um — Liltz! Bewahre dir doch ihr Bild, wie deine Phantasie es gedichtet! Erspar' es dir, ein Weinewdes. zitterndes Mädel vor dir zu sehen, vorn Papa gescholten, zu feige, aus dem Spiele Ernst zu machen . .
„Es war kein Spiel."
„Ach, Heinz . . ."
Der fuhr jäh herum
„Du weißt etwas! Run sollst du reden! Du weißt etwas von Lily!"
Riedinger war blaß geworden. „Rur daß sie ein unvorsichtiges Kind ist wie die andern alle — nicht schlecht — und sehnsüchtig nach allem Reuen —
Er griff in die Rocktasche, stieß ihm fast ein Blatt in die Hand, einen schmalen, grauen Umschlag.
Heinz packte es. Las. Seine Augen wurden groß. Er schleuderte es zu Boden.
„Lüge!" schrie er heiser. Riedinger stemmte die Knöchel auf den Tisch, das gab einen halten Klang.
„Ja, ich log, als ich dir damals sagte, ich kenne sie nicht! Dort in jenem verwünschten Park — da habe ich sie ein einziges Mal gesprochen!
großer. Für das Fach des Heldenvaters ist Herr Paul Schubert, der früher schon einmal unserem Personal angehört hatte, gewonnen worden. Er hat sich bei den Gastspielen in „Iphigenie" und „Heimat" bereits wieder das Vertrauen des Publikums erworben. In den Herren Hans Frommann vom Staüttheater in Hanau und Martin Jakob vom Stadttheater Saarbrücken sind für die Fächer der jugendlichen Helden und jugendlichen Bonvivants hoffnungsvolle Talente verpflichtet worden, über deren Qualifikation für unsere Bühne sich Direktor Steingoetter persönlich unterrichtet hat. Von Damen ist die neue Soubrette Fräulein Lu Wander vom Stadttheatei Münster i. W. zu erwähnen, die über günstige Mittel für ihr Fach, vor allem über eine wohl ausgebildete, sehr sympathische frische Stimme verfügt.
Von Interesse dürfte noch sein, dah die Direktion in dem Bestreben, den Spielplan möglichst abwechstungsreich zu gestalten, verschiedene Gastspiele vorgesehen hat, so mit Frau Orczy, die von Bad-Nauheim ans Kleine Theater in Chemnitz geht, und Herrn L a m b e r t i n. Letzterer der für Die nächste Zeit in die Schweiz zieht, wird unter Umständen von Mitte Februar ab ganz in den Verband unserer Bühne eintreten.
Die Bestrebungen unserer Bühnenleitung, im Verein mit ihrer bewährten Künstlerschar Gediegenes und Anregendes zu bringen, werden sicherlich bei dem Gießener Publikum den entsprechenden Widerhall finden, zunächst in starker Beteiligung am Abonnement und später in allgemeinem regen Besuch der Vorstellungen. Dann wird es auch in dieser schweren Zeit, in der so viele Bühnen einen verzweifelten Kampf um ihre Existenz führen müssen, dem Gießener Stadttheater gelingen, in Ehren zu bestehen.
Erhöhung der Schorufteinsegergebühren.
Infolge der weiter fortschreitenden Teuerung und der damit verbundenen erneuten Erhöhung der Gefellenlöhne im Schornsteinfegergewerbe ist eine weitere Erhöhung derTeuerungszuschlägezu den Fegegebühren der Schornsteinfeger erforderlich geworden. Das Ministerium des Innern hat daher mit Wirkung vom 28. August die T e u e - rungszuschläge zu den Grundgebühren wie folgt neu festgesetzt:
für die Kehrbezirle der Städte Darmstadt, Mainz, Offenbach und Gießen auf 820 v. H.,
für die übrigen Kehrbezirke des Landes auf 920 v. H.
•
** Dien st Prämien zur Bewältigung des Herb st Verkehrs der Reichsbahn. Zur Bewältigung der gewaltig wachsenden Anforderungen an den Güterverkehr der Reichsbahn im Herbst hat der Reichsverkehrsminister eine besondere Dienst- Prämie für das Personal des Außendienstes, insbesondere des Zugdienstes, eingeführt. Zur Erzielung besonderer Mehrleistungen können die Aufwandsentschädigungen des Zugpersonals verdreifacht, die Rangierprämien versechsfacht werden. Dem übrigen Personal des Betriebs-, Betriebsmaschinen- und Verkehrsdienstes kann eine Lagesvergütung von 30 bis 40 Mark gewährt werden, ähnlich den Arbeitern der Betriebs- und Verkehrsstellen. Zur Erzielung ganz außerordentlicher Mehrleistungen an Tagen mit äußerst angespannter Betriebs- und Verkehrslage können die Sätze verdoppelt werden. Die Maßnahmen sollen aber zeitlich und örtlich auf das unbedingt Erfvr- derliche beschränkt bleiben. Die Notwendigkeit
Gesehen kaum! Da hab ich sie ein bißchen aas» gescholten und . . . nach Hause geschickt! Das ist alles! Ihr Verbrechen ist das eines Schmetterlings, der von einer Blume zur andern fliegt iln£> du — du wolltest den Schmetterling festhalten l Das war dein Fehler, Heinz! Verdamme sie nicht, aber — laß sie fliegen . . ."
Heinz wollte reden. Gr rang nach Worten.
Sein Gesicht war grau wie Asche. Verschwommen, beinahe geistlos schlaff.
Riedinger starrte zu Boden.
Da lachte er laut — konnte sich gar nicht mehr beruhigen — als hätte er soeben den besten Witz gehört — lachte und lackte —
iln& als er am Ende seiner Lachsalve angelangt war, hiell er Riedinger ohne weiteres ben uleverzieher hin.
Riedinger schlüpfte in die Aermel.
„ . »Du — du wirst keine Dummheiten machen Heinz!"
„Dummheiten!" Heinz lachte von neuem laut auf. „Hier vergiß dein duftiges Brieschen nicht —" » Er stieß es mit dem Fuß fort
Riedinger nahm ihm heute nichts Übel. Er hob ven Umschlag auf und riß ihn in kleine Stücke. • Straße angekommen, atmete er tief
in den Sturm hinein.
Was, der Prachtkerl sollte von den Hufen der eiligen Mrde zerstampft werden, die ein leichtherziges Mädel weit fort ins lachende Leben trugen ?
Er wischte sich den Schweiß von der Stirn Ihm war nicht wohl zumute.
^be es gut gemeint,“ dachte er, während er die Straßen durchwanderte ohne eigentlich zu wissen wohin. Der Sturm hatte sie blankgefegt mit seinem großen Besen.
Ja, so nimmt man feinen großen Besen und schasst Ordnung! Staub und welkes Blatt und ~ alles fort — und mit dem Häßlichen und Schädlichen auch jeglichen Schimmer und den zarten Hauck der Blütensamen, die der Wind unter die Baume streut.
Der Direktor sah in seiner Loge, halb verdeckt durch den roten Sammetvorhang, der lautlos an vergoldeten Ringen über die blitzende Messingstange glitt. Sein nervöses, blasses Gesicht blickte noch unbeteiligter als sonst über die Köpfe der Orchestermitglieder hinweg: die gleich» gültige Miene, die scheinbar hoch über den Sangen stand, hatte er einst von Amerika mit herübergebracht.
Trotzdem galt es heute, eine Llnruhe, eine Sorge zu verbergen.
Die Claßen verabschiedete sich vom Publikum in ihrer Lieblingsrolle als Carmen.
Die Claßen, mit der Zigarette zwischen den blitzenden Zähnen, das eigentümliche Lächeln auf den Lippen, der Rhythmus ihres durch keinen
muß von Tag zu Tag von neuem geprüft werden.
** Ausdehnung der Entfernungs- grenze für Schülerrückfahrkarten. Die Reichsbahndirektion Frankfurt a. M. teilt uns mit: Mit sofortiger Gültigkeit wird die Ent- fernungsgrenze für Schülerfahirrten von 100 km allgemein auf 150 km ausgedehnt.
*4' Sie alten Knöpfe und Abzeichen bleiben! Die Hoheitszeichen der früheren Stoatsform an der Dienstkleidung der Beamten der Reichspost bleiben. Man hatte beim Reichspost Ministerium beantragt, die alten Knöpfe und Abzeichen durch neue Abzeichen zu ersehen. Dies würde .Mein im Bezirk der Oberpostdirektion Düsseldorf 450 000 Mk., für das ganze Reichs- postgebiet mehrere Millionen Mark kosten, die zu tragen den Beamten nicht zugemutet werden kann. Ebensowenig kann das Reich bei seiner ungünstigen Wirtschaftslage diese Summe auf die Reichskasse übernehmen. Der Reichspostminister erflärt deshalb in einem Bescheid, dem Antrag nicht entsprechen zu können.
Wettervoraussage
für Freitag:
Fortdauer des kühlen, regnerischen Wetters bei starken westlichen Winden.
Die ozeanische Depression ist östlich borge» brangen und zeigt Minima über dem Kanal und dem Skagerrak. Die Witterung wird weiterhin von dieser Depression beherrscht.
icn.
— Tageskalender für Donnerstag. Stadttheater, 7 Llhr: Marcell-Salzer-Abend. - Iohannessaal, 8 Uhr: Mitgliederversammlung von „Haus und Schule". — Astoria-Lichtspiele, ab heute: „Der Kindesraub im Zirkus Buffalo". 2. Teil und „Anna Dolain filmt in Bumsdorf". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Madame Du- barry".
— Eine zithermusikalifche Veranstaltung bietet am Sonntag nachmittag bvr Gernhartsche Zither- und Mandoline n ch o r. Er wird hierbei unterstützt von Frl. G u st e l Pfaff, die mit Zitherbegleitung Löns- lieder sowie Lieder von Pfihner u. a. singt, so daß neben dem Zitherorchestervorträgen für Abwechslung bestens gesorgt ist. Auch Nichtmitglieder haben Zutritt. Näheres ist aus dem Anzeigenteil zu ersehen.
Landkreis Gießen.
nc. Bellersheim, 12. Sept. Zu einer erhebenden Feier gestattete sich die am Sonntag stattgefundene Einweihung des Denkmals für die Gefallenen unserer Gemeinde. Unter den Klängen eines Trauermarsches bewegte sich der Zug nach der Kirche, vor der das Denkmal seine Aufstellung gefunden hat. Die Vorderseite trägt die Widmung, die beiden Seitenplatten die Namen der Gefallenen. Die Bekrönung zeigt eine trauernde Frauengestalt mit einem Knaben: sie soll das alte Deutschland, das trauernd auf vergangene Tage und auf feine im Kriege Gefallenen blickt, und das junge Deutschland das trotzdem hosfnunasfreudig der Zukunft entgegensieht, darstellen. Bürgermeister Müller gedachte in herzlichen Worten der Gefallenen. Nach Vorträgen des Gesangvereins und der 1. Schulklasse dankte Lehrer S p r e n » g e l allen, die am Zustandekommen bed Denkmals mitgeholfen haben, und übergab es der Kirchengemeinde. Darauf erfolgte unter Glocken- geläute die Verlesung der Namen der Gefallenen. Eine Salve grüßte die in weiter Ferne ruhenden Helden. Nach Niederlegung der Kränze setzte sich die weitere Feier in der Kirche fort Dekan Engel hielt hier eine zu Herzen gehende Gedächtnisrede, die alle ermahnte,- nach dem Vorbilde der Gefallenen auch Treue zu halten bis in den Tod.
Kreis Schotten.
X S ch o t t e n , 12. Sept. Infolge der Witterungsverhältnisse war die Ernte an Wald
erdbeeren in diesem Jahre nicht ergiebig, von Himbeeren, Ist es auch mit mancherlei Beschwerlichkeiten verbunden, so lohnt es sich doch der Mühe. Nicht nur die einheimischen Haushaltungen konnten sich heuer in reichem Maße mit dieser köstlichen Deere verseh«i, sondern schätzungsweise wurden von hiesigen Aufkäufern über 500 Zentner den Konservenfabriken zugeführt. Da für das Pfund durchschnittlich 12 bis 14 Mk. bezahlt wurden, konnten nicht wenige Sammler einen ^Lageserlös von über 100 Mk. erzielen Die Konservenfabriken scheinen sich mit Himbeeren sehr gut eingedeckt zu haben, denn Aeußerst reichen Ertrag lieferte das Sammeln die Aufkäufer zahlen für Brombeeren nur etwa 6 Mk. für das Pfund. Auch diese Früchte sind reichlich vorhanden, brauchen jedoch mehr Wärme. Uebrigens findet auch das Sammeln eßbarer Pilze in unserer Gegend immer mehr Anklang. Die feuchte Witterung ist dem Wachstum dieser Pflanzen äußerst günftig, und fc findet man denn in diesem Jahre die verschiedensten eßbaren Pilze in großen^Mengen vor. Nicht mir die Sommerfrischler kehren mit reicher Beute beladen nach Hause zurück, sondern auch die Einheimischen finden immer mehr Geschmack an diesem Nahrungsmittel.
Kreis Friedberg.
fpd. Bad-Nauheim, 13. Sept. Bef einem Konzert für die Mittelstands- hilfe übergab ein Herr den Veranstaltern eine hoheGeldsumme. Als man ihn nach seinem Namen fragte, erwiderte er: „Namen spielen bei einer Stiftung zu wohltätigen Zwecken keine Rolle!"
Starkenburg und Rheinhessen.
rm. Worms, 13. Sept. Wie die „Wormser Dolksztg." mitteilt, hat der Abg. Pfarrer Ä o- 'teH gegen die Schriftleitung d« „Hess. Landeszeitung“ Beleidigungsklage erhoben, da er mit einer Anzeige der Rheinischenrepublikanischen Volkspartei (die, wie festgestellt wurde, durch ein Versehen im „Mainzer Anzeiger" erschienen ist) in unliebsame Verbindung gebracht wurde.
Hessen-Nassau.
spd Frankfurt a. M„ 13. Sept. Das Polizeipräsidium ordnete an, daß in sämtlichen Geschäften, die Lebensrnittel führen, ein Preisverzeichnis aushängen muß. Die Preisankündigung darf nicht überschritten werden. Die Abgabe von Waren darf, falls sie vorhanden sind, nicht verweigert und darf auch nicht von der Abnahme anderer Waren abhängig gemacht werden. — Ein hiesiges Bankhaus übermittelte der Zentrale für private Fürsorge für in N o t geratene geistige Arbeiten eine Spende von 100 000 Mk. — In letzter Zeit haben die Diebstähle von Fahrrädern eine erhebliche Zunahme erfahren. Hierbei konnte in Vielen Fällen sestgestelli werden, daß die Diebstähle von Jugendlichen verübt wurden, und daß die Eltern dabei Vorschub leisteten.
tob. Wiesbaden, 13. Sept. Nachdem auf erneute mündliche und schriftliche Vorstellungen der Lichtspieltheaterbesiher gegen Sic hohen Lustbarkeitssteuersähe der Magistrat auf seinem ablehnenden Standpunkt bccharrte, beschlossen die Kinobesiher, ihre Unter« nehmen am 15. September einheitlich z u schließen. Die Lokale sollen nicht eher wieder eröffnet werden, als bis der Mag ist rat Garantien gegeben hat, daß die ßuftbarfeitäfteuer in einer den Lichtspieltheaterbesihen erträglichen Weise geregelt würde.
Schlichtungsausschutz der Provinz Oberhessen.
Verhandlung vom 12. September.
Die Gießener Sattler - Handwerksbetriebe sollen vom 4. September an entsprechend der Forderung des Sattlerverban-
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Schnürpanzer eingeengten Körpers — Formen, toie sie sich aus der bunten Menge schälte und loslöste und den Kopf wie beschwert von Liebessehnsucht in den Nacken legte
Der Herr Direktor würde das sehr lange nicht mehr sehen. Vielleicht überhaupt nie mehr. Sein Profil zeichnete sich mit grausamer Schärfe ab von dem maulwurfsgrauen Hintergrund der Loge.
Ein seltsamer Gedanke bemächtigte sich seiner, wie da die Arbeiterinnen der Zigarettenfabrik über die Bühne wandelten, lachten, scherzten.
Auch er war Herr einer großen Fabrik, ilnb die da alle unter ihm arbeiteten, ihre Kraft in den Dienst feiner Sache stellten — was waren die anders als jene? Kunstfabrik . . .
Nein, der Gedanke war häßlich. Direktor Steinmann hatte sich noch Ideale bewahrt. Nur daß feine Ideale in einem einzelnen Menschen ihre Verkörperung nicht fanden, sondern in dem abstrakten Wesen einer allgemeinen, über den Welten thronenden Kunst sich bereinigten. Ganz ungeachtet dieser Anschauung, war er nebenbei noch ein Geldmann, falt und nüchtern, berechnend.
Die treibenden Kräfte aber der großen, ewig rotierenden Maschine, diese Menschen und Menschlein, Sänger und Sängerinnen, diese Kommö- bianten im großen wie im kleinsten Sinn — die waren nur Material in seiner Hand.
Ein Stäubchen, und das tausendfache Räderwerk der Maschine verwirrte sich, der Betrieb wurde gestört, das große Rad stand still.
Zwischen ihm und feinen Werkzeugen war alles Persönliche ausgefchaltet.
ilnb darum durfte er die Claßen nicht ansehen mit den Augen des Mannes.
Unter seinen näheren Kollegen galt er dieser an Askese grenzenden Selbstbeherrschung roegen als Musterdirektor. Man konnte ihm nichts am Zeuge flicken. Diele hätten ihn gern gestürzt, denn er erregte den Neid anderer und war wohl geachtet, aber nicht beliebt Aber wo sie auch die Sonde anlegten — sie prallle ab an der kühlen, glatten Unnahbarkeit dieses Diplomatenbirektors.
„Aergert dich dein rechtes Auge, so reiß es aus und wirs es von dir!"
Er hätte sich auch die Hände dazu abgehackt, wenn sie je feinem Willen nicht gehorcht, wenn es sie gelüstet hätte, das seidenweiche Kll des Panthers zu liebkosen, der da draußen auf der Bühne seine Glieder streckte und reckte.
Das ging ja alles vorüber. Herr Direktor Steinmann glaubte nicht an die Liebe, nur an bi» Leidenschaft, ilnb der konnte man den Kopf zertreten. —
Tas Publikum teilte fein Interesfe zwischen der Claßen und dem jungen Tenor, den man nach feiner Krankheit zum ersten Male wieder sah.
Steinmann wurde nervös, I
Verteufelt! Güldewin benahm sich ja ganz unsachlich zerstreut und wie geistesabwefend.
Der Direktor bemerkte, wie Carmen dem Sanger ein paar Worte juraunte, die gerade ferne Schmeichelei bedeuten mochten.
Manche Stellen fang er dann ganz wundervoll, es Dar wie ein Weinen in seiner Stimme, bis das furchtbare Vorsichniederstieren wieder allem ein Ende machte.
Rach Schluß des ersten Aktes begab sich der Direktor auf die Bühne. Er nahm den Regisseur beiseite.
„Was ist mit Güldewin?"
Der zuckte die Achseln.
Der Inspizient beflagte sich in breitem, rheinischem Dialekt über Hen Künstler, der kein einziges Mal zur rechten Zeit zur ©teile war.
Ter Kapellmeister wütete auf der Bühne herum, während die Theaterarbeiter Kulissen schoben, Versatzstücke schleppten, abgestumpft gegen jegliche Art von Komödie.
„Bitte, nur keine Aufregung," sagte der Direktor in seiner leisen, trockenen Art. „Ich werde einen Anschlag machen lassen. Herr Güldewin unpäßlich geworden — ersuche das verehrliche Publikum um Nachsicht. — Sturm! Wo ist Sturm?"
Der Bureauches war zur Stelle, aalglatt, wie immer.
„Hören Sie mal — machen Sie mal sofort einen Anschlag."
Im Publikum blieben während der Pause nur wenige vor dem Plakat stehen, an dem die Tinte noch feucht war. Ein paar Backfische, Arm in Arm — ein Herr mit einer Glatze, der sich während des Spiels unausgesetzt Notizen gemacht hatte.
Der zweite Akt begann unter dem Zeichen einer allgemeinen Nervosität. Aber Heinz Güldewin hatte sich aufgerafft, und ein Aufatmen ging durch die ^Reihen.
Sein Erscheinen im vierten Akt jedoch mit dem verwilderten Bart und dem zerrissenen Gewand wirkte eigentümlich beklemmend auf die meisten.
Der Direktor beugte sich über die Brüstung seiner Loge, jeden Nerv in dem hageren Gesicht angespannt.
Seltsam — das Spiel des Sängers war von einer so unheimlichen Natürlichkeit.
Es mußte ja eine Täuschung fein, aber ihm war, als fei die Carmen erblaßt unter ihrer Schminke.
Ein Murmeln im Zufchauerraum. Dann eine atemlose Stille. Man hörte das Flattern eines Theaterzettels, der sich vom ersten Range herab- senkte ins Parkett, gleich einer müden, weihen Taube.
(Fortsetzung folgt.)


