Behörden zu verdanken Hat. — Auch sonst scheint man dort zum Wohle der Stadt recht rege zu sein. So geht aus derselben Meldung hervor, daß man im städtischen Schulaus- schuh mit der Errichtung einer Studien- anstalt für Mädchen eingehend beschäftigt ist. — Warum wir auf diese Nachrichten nochmals verweisen? Nun, wir meinen, daß wir in Gießen allen Grund haben, die Regsamkeit der Offenbacher Behörden gerade auf dem Gebiete der Neuerbauung von Eisenbahnanlagen mit einem gewissen Gefühl des Neides zu beobachten. Wenn in früherer Zeit hier eine ebensolche Initiative entfaltet worden wäre — und es sind gerade im „Gießener Anzeiger" genügend Anregungen in jeder Hinsicht gegeben worden —, so würde der an die Bahnen grenzende Stadtteil Gießens heute wahrscheinlich nicht so ,ab- oder eingeschnürt sein, wiH er es jetzt leider ist. — Anterlassungs- sünden auS der Vergangenheit lassen sich nicht mehr ändern, aber es ist zu wünschen, daß in Zukunft keine neuen hinzukommen, und daß der Offenbacher Geist auch bei uns Schule macht. Noch ist an den Bahnanlagen manches für die Stadt zu retten oder zu bessern — erinnert sei erneut an die Ausgestaltung des Bahnhofsplatzes — und, um auch die andere, aus Offenbach gemeldete Tatsache zu berühren, eine Studienanstalt für Mädchen ist in Gießen wohl mindestens ebenso erwünscht und daseinsberechtigt wie in Offenbach. —
- Wie gesagt, wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg. —r-
•• Herabgesetzte Frachtsätze für Kartoffeln. Wie wir erfahren, beabsichtigt die Eisenbahnverwaltung für Speise- und Saat- kartoffeln einen niedrigeren Frachtsatz einzuführen, als er zur Zeit besteht. Die Bekanntgabe eines besonderen Ausnahmetarifs für diese Kartoffelarien steht unmittelbar bevor. Augenblicklich beträgt die Eisenbahnfracht bei einer Entfernung von beispielsweise 300 Kilometer 12,70 Mark pro Zentner Kartoffeln, im März 1914 wurden bei der gleichen Entfernung pro Zentner etwa 37 Pfennig bezahlt.
** Verhafteter Schwindler. Der hiesigen Kriminalpolizei gelang es, einen raffinierten Warenschwindler hier festzuneh-s men. Er versuchte bei 'zwei hiesigen Goldwarenhändlern unter Vorspiegelung falscher Tatsachen sich in den Besitz wertvoller Auswahlsendungen zu setzen, indem er angab, Angehörger einer hiesigen angesehenen Familie zu sein. Der besondere Trick lag darin, daß ihm wertvolle Gegenstände zur Auswahl in die Wohnung der betr. Familie gebracht werden sollten. Er verstand es, ehe der Geschäftsmann dort einttaf, sich in der Familie Eingang zu verschaffen und versuchte, ihn zu bestimmen, die Auswahlsendung in der Wohnung zu lassen und später abzuholen. Durch die besondere Vorsicht der Geschäftsleute konnte vereitelt werden, daß die Gegenstände, die einen Wert von etwa 22 000 Mk. darstellten, in seinen Besitz gelangten. Es sei an dieser Stelle nochmals eindringlich vor derartigen Bettügern gewarnt.
*• Fe st genommen wurde ein Kutscher aus Lollar, der seinem hiesigen Dienstherrn aus einer Kassette durch Einsteigen in das Zimmer 1800 Mk. entwendet hatte. — Ein Fahrraddieb, ein stellenloser junger Mann von hier, wurde ebenfalls festgenommen und dem Gericht überliefert, weil er ein Damenrad aus einem verschlossenen Keller gestohlen hatte. Das Fahrrad konnte wieder zur Stelle gebracht werden.
A Ei n schweres AI n g lücf ereignete sich gestern vormittag auf der Bahnlinie nach Wetzlar unweit des Dorfes Klein-Linden. Zwei Rottenarbeiter gingen zwischen den Gleisen und hörten infolge des Sturmes eine von rückwärts kommende Maschine nicht. Diese faßte beide und schleuderte sie zur Seite, wo sie schwer verletzt liegen blieben. Beide wurden m die Klinik verbracht. Der eine Arbeiter stammt aus Gießen, der andere aus Annerod. Beide sind verheiratet.
** Die Erhebung der Stempel- a b g a b e für Verkaufs- und Wagautomaten, Klaviere, Musikwerke, Luxuswagen und Lurusnuh- pferde sowie für Fahrräder findet nach einer Bekanntmachung des Kreisamtes für das Rechnungsjahr 1922 bis zum 31. März im Kreisamte, Zimmer Nr. 9, statt.
•* Das Fest derSi lberen Hochzeit, verbunden mit dem 25jährigen Geschäftsjubiläum, feiert morgen das Ehepaar Restaurateur August
1 Felsing und Frau Johanna geb. Stoll.
A D le Imker klagen allgemein über sehr diele tote Bienen in den Stöcken. Die Airsache ist wohl die ftrenge, anhaltende Kälte in diesem Winter, wodurch die Bienen gezwungen waren, sich eng zusammenzuschließen. Dadurch waren he verhindert, auf den Waben weiter zu rücken. So findet man e jetzt allerorts verhungerte Völker, die von dem besten Futter umgeben sind.
Bornotizen.
— Tageskalender für Freitag: Stadttheater, 7 Uhr: „Schneider Wibbel." — Astoria-Lichtspiele: „Der Zirkuskönig", „Hampelmanns Glückstag" und „Der Herr Papa". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße, ab heute: „Seelen im Sturm" und „Das Mädel von Piccadilli".
— Konzertverein. Das anfangs für Mitte Februar vorgesehene, • aber infolge des Eisenbahnerstreiks unterbliebene Konzert von Frau Johanna Hesse und Herrn Alexis o f E n e h j e l m wird nunmehr am Sonntag den 12. März stattfinden. Die beiden Künstler sind durch die hiesigen Opernaufführungen des Landestheaters so bekannt und zugleich beliebt, daß sich jeder Hinweis auf ihre Bedeutung erübrigt. Dagegen soll nicht unerwähnt bleiben, daß Frau Hesse in kurzem dem ehrenvollen Rufe an die Dresdener Oper folgt und damit an hervorragender Stelle an einer der ersten und vornehmsten Kunststätten Deutschlands steht. Das bevorstehende Konzert dürfte die letzte Gelegenheit sein, sie überhaupt und auch einmal im Konzertsaale zu hören. Das Programm umfaßt ausschließlich Schubert-Lieder. Frau Hesse sowohl als der Tenorist Herr Enehjelm tragen jeder eine Anzahl Solonummern vor und wirken am Schluß in mehreren Duetten zusammen.
— Evangelischer Bund. Am nächsten Sonntag wird der hiesige Zweigverein des Evangelischen Bundes in Gemeinschaft mit dem Evangelischen Arbeiterverein und dem Wartburgverein einen Lutherabend in der Stadtkirche veranstalten. Das Programm sieht außer Liedern des Gemischten Chors Musikdarbietungen von Mitgliedern des Wartburgvereins noch Gesänge von Fräulein Ida Stammler und einen Vortrag von Studienrat Dr. Kauer- Wetzlar über „Luthers Arbeit und Kampf auf der Wartburg in den Jahren 1521 und 1522“ vor. (Näheres s. Anzeige.)
— Der Mandolinen- und Gitarren- verein „Reapolita" beginnt am 17.März mit einem Anfängerkursus für Mandolinen- und Gitarrenspiel. Der Kursus ist jedem Liebhaber zu empfehlen, da den Fortgeschrittenen gleichzeitig Gelegenheit geboten wird, sich auch im Zusammenspiel auszubilden. (Näheres siehe Anzeigenteil.)
Wettervoraussage
für Samstag:
Alnbeständig, kühl, wechselnde Winde.
Bei geringen Luftdruckunterschieden über dem Festland wird das unbeständige Wetter anhalten.
Landkreis Gießen.
I l Lang-Göns, 8. März. Djx Landwirtschaftliche Bezugs- und Absatz- genossenschaft hielt ihre 3. ordentliche Jahresversammlung ab. Aus dem Geschäftsbericht, den der Direktor Alfred R o m p f erstattete, ging hervor, daß die Genossenschaft sich auch im abgelaufenen Jahre gut weiterentwickelt hat. Der Warenumsatz beträgt 430 000 Mark gegen 190 000 Mark im Jahre 1920. Der Reingewinn 8700 Mark. Die Mitgliederzahl ist gestiegen auf 180. — Am Samstagabend fand, von der Genossenschaft veranstaltet, ein Filmvortrag von Dr. Kling von der Badischen Anilin- und Soda- fabrit Ludwigshafen statt, der über die Luftstickstoffgewinnung und ihre Verwendung für dre Landwirtschaft sprach. — Der hiesige Kriegerverein, der 150 Mitglieder zählt, hielt seine Jahresversammlung ab. — Nachdem das Wetter milder geworden ist, sieht man jetzt auch hier, daß durch den starken Frost groß er Schaden unter den Weizensaaten angerichtet ist. Es müssen viele Weizenäcker umgestürzt werden, auch manche Kleeäcker zeigen sehr schlechten Stand. Die Futterbestände der Landwirte gehen, bedingt duvch die geringe Ernte im vorigen trockenen Jahr, auch zur Neige, so daß viel Vieh av- geschafft werden muhte.
Kreis Lauterbach.
A Lauterbach 8. März. Die Gemein d e bea m ten des Kreises Lauterbach hielten im Johannisberg ihre Hauptversammlung unter dem Vorsitze des Stadtrechners Hühn-Schlitz ab. Er gab den Beamten die neuen Richtlinien bekannt, die das Ministerium in Sachen der Besoldung der Gemeinde- beamten herausgegeben hat. Es wurde ein Ausschuß gewählt, der in dieser Angelegenheit mit dem Kreisamte in Fühlung treten und dir Wünsche der Gemeindebeamten Vorbringen solle.
A Allmenrod, 8. März. Zu einem heftigen Krawall kam es aus der hiesigen H o l z v e r st e i g e r u n g. Es waren über lausend Steigerer selbst aus weit abgelegenen Ort= schäften erschienen, so daß "fie nur zum geringen Teil in dem Saal Platz fanden. Die draußen flehenden Steigerer verlangten, daß die Versteigerung auf der Rennbahn bei Sickendorf vor- genvmmen würde und begaben sich dorthin, die anderen zwangen jedoch den Revierförster zur Abhaltung der Versteigerung im Saale. Schließlich kamen die ersteren wieder von Sickendorf zurück, es gab einen heftigen Wortwechsel, der schließlich in Tätlichkeiten ausartete. Revierförster Puchart wurde angegriffen, worauf er die Versteigerung für ungültig erklärte und aufhob.
z. Grebenhain, 9. März. Der hiesige Zweigverein des Vogelsberger Höhen- Clubs feierte am vergangenen Samstag sein 40jähriges Stiftungsfest. Nach einem Violin- und Klaviervortrag eröffnete der Vorsitzende die Feier mit einer Ansprache, in der er darauf hinwies, daß der Verein im Jahre 1880 schon mit dem Zweigverein Herbstein sich gemeinschaftlich gebildet habe, dann im Jahre 1881 als' setbständiger Verein gegründet worden fei. Später seien aus den Nachbarorten Bermuthshain, Crainfeld und Vaitshain noch Mitglieder beigetreten, so daß der Verein die stattliche Zahl von 70—80 Mitglieder aufzuweisen habe. Zwei Theaterstücke in der hiesigen Mundart erregten allgemeine Heiterkeit und Beifall. Nach einer kurzen Pause fanden Gesänge, Tanzbelustigung und komische Vorträge und schließlich Verlosung statt.
Kreis Sckotten.
§ Groß-Eichen, 8. März. Die hiesige Gemeinde wollte anfangs zur Herstellung ihres elektrischen Lichtes eine eigene Kraft-! quelle an der Wadenhäuser Mühle erbauen. Die Leitungsmaste zwischen der Mühle und hier waren bereits gesetzt. Da bewogen die bösen Erfahrungen, die Ober-Ohmen mit einer ähnlichen Anlage gemacht, die Gemeindeverwaltung von einer eigenen Anlage abzusehen und Anschluß an die Provinzzentrale zu suchen.
Starkenburg und Rheinhessen.
Verhafteter Landesverräter.
rm. D a r m st a d t, 10. März. Wegen Landesverrates wurde der 21 Jahre alte Student der Jurisprudenz Theo Frey verhaftet. Er hatte wiederholt an französische Offiziere der Besatzung in Griesheim Geheimakten aus dem Amtsgebäude der Bürgermeisterei, in dem sein Vater als städtischer Alnterbeamter beschäftigt war, entwendet und an die Franzosen gegen* Bezahlung ausgeliefert.
• Offenbach, 9. März. Einen besonders gefährlichen Al n f a II erlitt gestern mittag der in der Maschinenfabrik von Collet & Engelhardt beschäftigte Modellschreiner Phil.K. Er wollte ein Fenster schließen und trat zu diesem Zwecke mit einem Fuß auf einen Werkzeugschrank, mit dem anderen auf die Heizung. Der Schrank kam ins Rutschen, K. verlor so das Gleichgewicht und fiel in eine neben dem Schrank stehende spitze Eisenstange, die ihm in den Leib bis in die Magengegend drang. Der Verunglückte wurde durch das Sanitätsauto ins Krankenhaus gebracht.
fpd. Alzey, 8.März. Der Bürgermeister eines Nachbardorfes verweigerte im Einvernehmen mit dem Gemeinderat einem jungen Paare, das schon alle Vorbereitungen für die Hochzeit getroffen hatte, die Trauung unter der Begründung, daß es keine Wohnung besitze. Ehe das Paar eine solche nicht beschafft habe, könne die Erlaubnis nicht erteilt werden. Der Bräutigam war anderer Meinung als die Dorfgewaltigen und wandte sich beschwerdeführend an das.Amtsgericht, das dem Bürgermeister, der zugleich Standesbeamter ist, aufgab, sofort die Trauung zu vollziehen, da das Fehlen einer Wohnung kein Grund zur Verweigerung einer Eheschließung sei, noch viel weniger aber könne der Gemeinderat die Zivil- trauung ablehnen.
Kreis Wetzlar.
* Grohrechtenbach, 9. März. Spurlos verschwunden ist seit dem 2. März der Kaufmannslehrling Friedrich Rütz von Hörnsheim (Kreis Wetzlar). R. ist zuletzt am Abend des 2. März in Gießen, wo er in der Lehre ist, am Bahnhof gesehen worden, aber zur gewohnten Zeit nicht nach Hause zurückgekehrt. Seitdem wird er vermißt. Nachrichten über seinen Verbleib werden an die Polizeiverwaltung in Grohrechtenbach erbeten.
Hessen-Nassau.
fpd. Frankfurt a. M., 9. März. Eine Einbrecherbande hat in der Nacht zum Mittwoch aus einem Lederwarengeschäft an der Kaiserstrabe erhebliche Mengen fertiger Lederwaren gestohlen. Man nimmt an, daß sich einer der Diebe bei Geschäftsschluh in den Verkaufsräumen einschließen lieh und dann in der Dunkelheit seinen Helfershelfern die Tür öffnete.
'Zwangsanleihe beschäftigt. Er wird morgen über das Landessteuergesetz und am Samstag über die Vorbereitungen für die Konferenz von Genua beraten. Von der Reichsregierung waren heute Staatssekretär Zapf vom Reichsfinanzministerium und Staatssekretär Dr. Hirsch vom Reichswirtschaftsministerium anwesend. Die Verhandlungen über die Zwangsanleihe wurden eingeleitet durch ein Referat des Chefredakteurs und Mitgliedes des Preußischen Staatsrates Dr. H i l f e r d i n g, der von der Reichsregierung zum Mitglied des Reichswirtschaftsrats ernannt wurde und der Arbeit- nehmerseite näher steht. Darauf folgte ein Referat des Präsidenten der Berliner Handelskammer v. Mendelssohn, der die Arbeitgeberseite verttitt.
Lank der deutschen Aerzte an die Quäker.
Berlin, 9. März (Wolff.) Dem Deutschen Zenttalausschuß für Auslandshilfe ist nachstehende Entschließung des Deutschen Aerzteverbandes zugegangen, die er in Amerika bekannt gegeben hat: „Der Deutsche Aerztevereinsbund und seine wirtschaftliche Abteilung, der Leipziger Aerzte- verband, die Vertretung von 40 000 deutschen Aerzten, sprechen allen an dem großen Liebeswerk der amerikanischen Quä- k e r Beteiligten ihren aufrichtigen Dank aus. Die deutschen Aerzte, die dieses Werk in seinen Wirkungen verfolgen und zum großen Teil daran mitarbeiten können, wissen am besten, welchen Segen es unserem Volke, insbesondere unserer Heranwachsenden Jugend, gebracht hat. Aber die Not hält an. Darum verbinden wir mit unserem Dank den Wunsch und die Hoffnung, unsere amerikanischen Freunde möchten nicht müde werden, das begonnene Werk so lange fortzusetzen, bis eine genügende Ernährung des deutschen Volkes in allen seinen Schichten dauernd gesichert ist."
Aus Hessen,
Hessen und die UeberteuerungszuschlLge.
Don amtlicher Stelle wird ausgeschrieben:
Von einer Korrespondenz wird die Nachricht verbreitet. Las Gesamtministerrum habe auf Anregung Les Finanzministers aus Ei'sparnisgrün- Len beschlossen, die für die Reichs beamten der größeren Städte bewilligten Aleberteuerungs- Zuschläge den hessifchen Beamten nicht auszuzahlen. Dazu sei bemerkt, daß die hessische Regierung allerdings die größten Bedenken dagegen hat, daß die neuen Zulagen mir den Beamter in einigen wenigen Orten der Provinzen Starkenburg und- Rheinhessen zugute, kommen sollen, während alle anderen Beamten vollständig ausgeschlossen bleiben sollen. 3n dieser Regelung wurde eine weitere Verschärfung des auch von der hessischen 'Beamtenschaft und dem Landtage bekämpften Ortsklassensystems liegen. Die Regierung wird deshalb bei dem Landtag beantragen. er möge sich damit einverstanden erklären, daß von der Einführung dieser Alebergangs- zuschläge in Hessen abgesehen wird. Die Regierung hat zu ihrem Bedauern auch feststellen -müssen, daß die Verteilung der Beträge an die Gesamtheit aller Beamten, etwa in Form einer l besonderen allgemeinen Teuerungszulage, nach _ dem Sperrgesetz nicht zulässig ist. Es wird sich * die Gelegenheit geben, den Nachweis dafür zu . erbringen, daß für diese Entschließung des Ge° r samtministeriams Ersparnisgründe nicht maßgebend waren.
Aus Stabt und Land.
Gießen, den 10. März 1922.
Mehr Initiative.
Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg — --und wo in einer Stadt die Behörden es verstehen, Initiative zu entwickeln und die Interessen der ihrer Obhut anverttauten Gemeinde tatkräftig zu verfechten, läßt sich manches erreichen. So meldete unser e-Mitarbeiter aus Offenbach, daß Bertteter dieser Stadt in Berlin beim Reichsverkehrsminister gewesen seien, um sich gegen einen Plan der Frankfurter Eisenbahndirektion bett, die Erbauung eines neuen Bahnhofsempfangsgebäudes zu wenden, da der Plan in Offenbach keinen Anklang gefunden hatte. Die Abordnung erreichte, daß sich der Minister mit einer grundlegenden Almgestaltung des Projektes einverstanden erklärte. Also ein Erfolg, den die Stadt Offenbach der Initiative ihrer
Die Pforte -er Paradieses.
Roman von Ingeborg Vvllquartz.
Berechtigte Ueberfefcung aus dem Dänischen.
7. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
„Mogens ist doch recht angreifend," ries Ellen, als der Bruder zur Tür draußen war. „Er wirkt auf mich wie ein erhobener Zeigefinger."
„Mogens ist ein guter Sohn, und Mutter wird noch Freude an ihm erleben,“ sagte der Hauptmann leise.
In diesem Augenbllck erscholl ein heftiges Klingeln an der Flurtür, und der Hauptmann stand eiligst auf.
„Das ist Nora — so klingelt sonst niemand," rief er. „Ich habe heute abend leine Lust, mit ihr zu reden. Bring mir noch eine Tasse Tee in mein Zimmer, Inger," fuhr er zu seiner Frau gewandt fort; „und sorge dafür, daß sie mich nicht stört."
Alnb während Ellen hinauseilte, um der Halbschwester ihres Vaters die Flurtür aufzumachen, verschwand der Hauptmann in seinem Zimmer, dem größten und schönsten des Hauses.
Drittes Kapitel.
Schon draußen im Flur ließ sich Tante Noras etwas schreiende, verdrießliche Stimme hören.
Ellen, der nichts lieber war, als wenn Besuch Tarn, gab sehr vergnügt Antwort und machte der Tante die Tür zum Wohnzimmer auf.
„Eben sind wir mit dem Teetrinken fertig, liebe Tante; aber wenn du, noch! eine Tafsq haben
möchtest, bringe ich dir eine ins Wohnzimmer," sagte sie dienstfertig.
„Nein, wenn ich Tee trinken soll — und ich will nicht leugnen, daß mir nach dem weiten Weg in diesem Wetter eine Tasse warmen Tees wohl täte — dann will ich ihn im Eßzimmer trinken. Guten Abend Inger, guten Abend Jungens," grüßte sie rund herum und fuhr dann fort: „Cs ist mir sehr unangenehm, die Tasse immer in der Hand halten und achtgeben zu müssen, daß nichts verschüttet wird und keine Krümel auf -den Teppich fallen. Auch wenn es kein kostbarer Teppich ist und niemand acht auf ihn gibt — jawohl, Inger, ihr gibt gar nicht auf euem Teppich acht —, so will ich doch nicht auch noch dazu beitragen, ihn zu verderben."
Frau Borris geleitete die Tante ms Eßzimmer und forderte sie auf, sich, zu setzen, während Ellen aus der Küche frisch aufgegoffenen Tee holle.
Fräulein Nora Borris heftete ihre kleinen, scharfen grauen Augen auf die Schwägerin, ind je milder das Lächeln um Frau Ingers Mund wurde, desto strenger wurde der Ausdruck in Tante Noras Gesicht.
„Dars ich fragen, was du von mir wolltest, Inger?" fing sie streng an. „Ich muß dir sagen, es ist ein großes Opfer von mir, bei diesem entsetzlichen Wetter den weiten Weg zu machen."
„Was ich — was ich.von dir wollte, Nora?" stammelte Frau Borris ganz erschreckt. „Ich wollte iiichts Bestimmtes, ich wollte dir nur einen Besuch machen."
„Mir einen Besuch machen?" stöhnte Tante Nc.ra gekränkt. „Warum denn, warum denn?"
„Mutter hat gemeint, du seiest sehr verstimmt gewesen, als du das letzte Mal bei uns warst," sagte Ellen, die der Tante Zwiebäcke anbot.
„Verstimmt!" wiederholte Tante Nora. „Ja, dazu hatte ich auch allen Grund. Jetzt habe ich zum drittenmal um das Visborgische Stipendium für ehrbare Kaufmannstöchter nachgesucht — es sind allerdings nur hundertachtzig Kronen im Jahr, aber wenn man knapp vierhundert hat, ist es doch eine kleine Hilfe, nicht wahr? Alnd jetzt bekommt es zum drittenmal Jette Vanter."
„Jette ist aber auch im selben Alter wie Jens," sagte Frau Borris sanft. „Sie ist schon sechzig und also ganze zehn Jahre älter als du, Nora."
„Sie ist aber viel kräftiger als ich, liebe Iiiger; sie hat eine Gesundheit wie ein Bär."
„Sie ist aber sehr Flein und mager," fiel Orla ein. „Alnb sie sieht gar nicht so sehr gesund aus."
„Ach, die Kleinen und Mageren mit den blassen Gesichtern sind immer die Zähesten," versickerte Tante Nora, rot im Gesicht von dem heißen Tee. „Sie näht ein Dutzend Matrosenkragen im Tag wie nichts."
„Ja, Jette Vanter ist immer sehr fleißig gewesen," sagte Frau Inger leise.
„Fleißig!" Tante Nora pustete und stellte die Tasse aus der Hand. „Sag lieber, das Arbeiten werde ihr sehr leicht. Das ist mit der Arbeit wie mit allem andern; einige sind dazu geschaffen, andre nicht, und was die Menschen leiden, die — die —"
„Die keine Anlage zur Arbeit haben," fuhr Frau Inger lächelnd fort.
„Ja," nickte Tante Nora und striche eine Krume aus den Fallen ihrer gestreiften Bluse. „Ja, das ahnen die meisten nicht. Jette Vanter lebte immer in kleinen Verhältnissen; sie kennt das Vermissen nicht, unter dem ich jeden Tag zu leiden habe."
„Was ist das für ein Vermissen?" fragte Orla, der seine Tante mit unverhohlenem Erstaunen betrachtete.
„Wie oft habe ich dir nicht schon von dem großartigen, schönen Haushalt bei deinem Großvater erzählt!" erwiderte die Tante gekränkt. „Alnd nun zu denken, daß ich, die einzige Tochter eines solchen Hauses, mich mit zwei Dachzimmern begnügen und in einem Pensionat nicht einmal erster Güte zur Miete wohnen muß."
„Es ist aber ganz reizend bet dir, Nora/ sagte Frau Borris und streichelte ihrer Schwägerin beruhigend die Hand. „In einer kleinen Dachwohnung hast du doch lauter Möbet aus dem Hause deiner Eliem, alles, was dich an die vergangenen glücklichen Zeiten erinnern kann; und Tante Ellinor bezahlt doch die ganze Pension für dich, so daß,bu deine Leibrente von vierhundert Kronen eigentlich ganz als Taschengeld übrig hast."
„Tu vergißt die Kleider, hebe Inger, und wenn man eine Postur hat wie ich" (das war Tante Noras Ausdruck für Ticksein), „dann braucht man mehr Kleider, als die Heinen dürren, die zwei Jahre in demselben Kleid heram- lausen können, ohne daß man es merkt. Tinte Ellinor, die mit Vaters leiblichem Bruder verheiratet gewesen ist, könnte mir wohl em paar hundert Kronen mehr geben."
(Fortsetzung folgt)


