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sie das Streikrechr der Beamten nicht' mehr an. 'Beim man jetzt die Reichskanzlerrede unwider­sprochen lasse, so würde man auch dem »Ansehen der Regie ung den schwersten Schlag versehen. Gins Vertagung könne nur bedeuten, daß die Worte des Reichskanzlers einer Kritik nicht stand­zuhalten vermögen.

Abg. K o e n e n (Komm.) benutzt die Ge­schäftsordnungsdebatte, um unter dem lebhaften Widerspruch des Hauses an der Kanzlerrede Kri­tik zu üben, die er als eine Scharfmacherrede be­zeichnete. Es gelte heute den Aachweis zu führen, daß die Regierung es bisher nicht gewagt habe, den Beamten das Streikrecht abzusprechen. Die Regierung habe natürlich ein Interesse daran, die provokatorische Rede des Kanzlers ohne Widerlegung auf das Land wirken zu lassen. Die Gerechtigkeit erfordere es ledoch, daß man so­fort der Stimme der Streikenden Gehör geb.

Abg. Adolf Hoffmann (Komm. Arbeits­gemeinschaft) erinnert daran, das) Die gleichen Par­teien, die heute für 'Vertagung eintreten, am Dienstag im Aeltestenrat es gar nicht hätten ab warten tomten, eine Aussprache «über den Streit herbeizuführei^ Dieser Mut zur Sprache fehle diesen heute. Wenn man jetzt den Beamten das Streikrecht auch abspreche, so /würden die Beamten doch wieder Gelegenheit finden, sich dieses Recht zu nehmen.

2ibg. Tr. Stresemann (D. Dp.) stellt ge­genüber den Vorrednern fest, daß die Anregung zur Vertagung schon ausgesprochen worden sei, noch ehe der Reichskanzler ^gesprochen habe. Da man in der Red« des Reichskanzlers einen großen politischen Akk sehen müsse, müßten die Fraktionen Gelegenheit haben, erst dazu Stellung zu nehmen, lbevor sie in eine De­batte eintreten. Wenn man mm in der letzten Sitzung des Aeltestenrates für eine sofortige Er­örterung eingetreten sei, dann deshalb, weil man durch eine Kundgebung des Parlaments auf die Streikenden habe wirten wollen. Dieser Grund liege heute nicht mehr vor.

2ll>g. Müller-Franken (Soz.) glaubt dem von einigen Fraktionen ausgesprochenen Wunsch, vor Beginn der Aussprache zu den Kanzlerausführungen Stellung zu nehmen, auf Grund der bisher geübten Praxis nicht wider­sprechen zu können.

Aach weiteren hauptsächlich polemischen Aus­führungen wird der Antrag auf sofortige Be­sprechung der Regierungserklärung gegen die Stimmen der Kommunisten, Anabhängigen und eines Teiles der Deutschnationalen abgelehnt.

Nächste Sitzung morgen, Freitag, I Ahr. Tagesordnung: Besprechung der heutigen Re­gierungserklärung. Schluß gegen 5 Ahr.

Jur Beendigung

des Eisenbahnerstreiks.

Berlin, 9. Fcbr. (Wolff.) Die gestern vom Reichskabinett angenommenen Richtlinien über die Anwendung und Durchführung d i s z i Vlinar er Maßnahmen anläßlich des Eisen- bahnerstreiks haben nach Mitteilung von zustän­diger Stelle folgenden Wortlaut:

1. Das förmliche Disziplinarverfahren soll ein­geleitet werden gegen Beamte, die a) Ar- Heber des Streiks waren, b) die Sabotage oder gewaltsame Eingriffe in die Verwaltung, den Betrieb oder Verkehr verübt, oder andere Beamte in der Erfüllung ihrer Dienstpflichten durch Ge° wall oder Drohung mit Gewalt verhindert haben.

2. Soweit im übrigen einzelne Beamte wegen -des Streiks zur Verantwortung gezogen wer­den, soll nur auf Ordnungsstrafen erkannt wer- ^den, sofern sie alsbald zur Erfülung ihrer Dienst­pflichten zurückkehren. Geldstrafen sollen nur in besonderen Fällen verhängt werden.

3. Heber das Diensteinkommen während der Streiktage gilt § 14 Abs. 3 des Reichsbeamten, gesetzes.

4. «Soweit Disziplinarverfahren bereits ein- geleitet sind, sollen sie im Rahmen der Grund- sätze zu 1 nach den gesetzlichen Bestimmungen wettergefuhrt werden.

5. ®ie kündbaren Beamten sollen nach den gleichen Grundsätzen behandelt werden.

6. Den Beamten, die treu ihre Pflicht er* fuHlen wird der besondere Schuh der Regierung zugesichert. Gegen diejenigen, die solche Beamte wegen ihrer Pflichterfüllung angreifen sollten, tDuro« mit aller Strenge vorgegangen werden. . Erläuterungen: Zu la: Als Arheber gelten ulcht nur diejenigen, die an den Zentralen stehen, sondern auch dieienigrn, die draußen in den Ver­

waltungsbezirken zum Ausbruch oder zur Fort­setzung des Streiks hervorragend wirkten. Zu 5: Die mndbaren Beamten, die unter la oder 1b fallen, sind entlassen, soweit sie schon ent­lassen sind, werden sie nicht mehr eingestellt. Das persönliche Beschwerderecht wird dadurch nicht berührt. Die nicht unter la und 1b fallenden Beamten werden zur Beschäftigung wieder zu- gelassen, auch wenn sie schon entlassen wurden.

Berlin, 9. Febr. (Wolff.) Aachdem der Streik der Eisenbahner völlig beendet ist, hat der Reichspräsident mit Wirkung von heute 12 Ahr mittags seine Verordnung vom ersten Februar über das Verbot der Arbeitsniederlegung durch die Beamten der Reichsbahn außer Kraft gesetzt.

Der Reichsverkehrsminister gab den Blättern zufolge durch Aushang bekannt, daß in Anerkennung der geleisteten wertvollen Dienste der pflichtgetreuen Beamten, Angestell­ten und Arbeiter während des Streiks, diesen die Reisekosten und baren Auslagen von den Dienststellen zu ersetzen sind. Ferner kann allen denen, die sich hervorgetan und den anderen Be­amten mit gutem Beispiel torangegangen sind, eine Belohnung bis zur Höhe von tausend Mark g^ahlt werden.

Die Lage Berlins.

Berlin. 9. Febr. LautB. Z." sind die städtischen Arbeiter heute morgen größ­tenteils in den Betrieben erschienen, aber die Arbeitsaufnahme war naturgemäß noch nicht ein­heitlich. Die Straßenbahner meldeten sich fast vollzählig. Heute mittag tonnten bereits die ersten Straßenbahnwagen durch die westlichen Straßen Berlins verkehren. Man rechnet damit, daß heute nachmittag etwa 20 bis 25 Linien wieder in Be­trieb genommen werden können. Am Samstag wird vermullich der Betrieb wieder im gewohnten Umfang aufgenommen werden. Die Besorgung von Berlin mit Elektrizität ist nahezu wieder hergestellt. Aur Charlottenburg ist noch ohne Clei- trizität. Auch funktioniert die Wasserleitung wie­der in sämtlichen Stadtteilen. Rur die Belieferung mit Gas konnte erst in beschränktem Maße wieder aufgenonrtnen werden.

Aus dem englischen Unterhaus.

London, 10. Febr. 3m Unterhaus richtete Wedgwood Bens an den Pre­mierminister eine Anfrage, ob die Regierung irgendwie verpflichtet sei, militärische Maßnahmen gegen Deutschland für den Fall anzuwenden, daß Deutschland den im Londoner Altimatum geforderten Zah­lungen nicht nachkomme. Llohd George bemerkte, es bestehe keinerlei Verpflichtung außer der im Versailler Vertrage vorgesehe­nen. Auf eine andere Anfrage Wedgwood Bens' erwiderte Llotzd George, daß der Zeit- >unkr der Konferenz auf den 8. März f e st g e ^e tz t worden sei. Anter den zahl-- reichen Staaten, die die Einladung angenom­men hätten, befänden sich Japan, Belgien, Deutschland, Rußland, Holland und Spanien. Die französische Regierung setzte auseinander, daß sie eine formelle Antwort auf die Ein­ladung ihrerseits nicht für notwendig halte, da sie auf der Konferenz vertreten gewesen sei. Von den britischen Dominions, die eingeladen worden seien, hätten bereits Süd­afrika und Australien angenommen.

Der Kabinettswechsel in Italien.

R o m, 9. Febr. (WTB.) Der König emp. fing nachmittags G i o l i t t i und abends Bo* n o m i. Wie die Agencia Stephani meldet, soll beschlossen worden sein, daß Bonomi sich dem Parlament vorstelle.

Aus dem Reiche.

Abbau des Reichsschatzministeriums.

B e r l i n, 9. Febr. (WTB.) 3m H a u p t- aus schuß des Reichstages begründete der Vertreter Preußens Ministerialdirektor Sachs die auf denAbbaudes Schatzmini st e° riums hinzielenden Beschlüsse des Reichs­tages, indem er erklärte, daß die Bedeutung der dem Reichsschatzministerium verbleibenden Aufgaben es nicht rechtfertigen, eine besondere

RcichSzentralbehörde deswegen Wetter be­stehen zu lassen. Reichsschatzminister Dauer betonte, die Amformung in der Verwaltung, namentlich, wenn sie in einer so kurzen Zeit vorgenommen werden müßte, wie der Reichs­rat es fordere, bedeute keine Erspar­nis, sondern eine «Schädigung des Arbeits­ergebnisses, die dem Reiche viel Geld kosten könne. Die Arbeiten des Reichsschatzministe- riums hingen so miteinander zusammen, daß sie nicht ohne Nachteil von einander getrennt werden könnten, und sie seien so umfangreich, daß sie ein äußeres Ministerium in sich nicht noch aufnehmen könne.

Ein Riesenprozeß gegen Wucherer.

Berlin, 8. Febr. (Wolff.) 3m Padzier- nik-Prozeß, der am 7. November 1921 be­gonnen hat und sich gegen nicht weniger als 24 Angeklagte richtet, stellte heute der Vertreter der Anllage die «Strafanträge. In dem Plädoyer, das fast eine Woche dauerte, wies der Vertreter der Anllage darauf hin, daß durch die Fett-, Eier-, Mehl- und Kartoffel­schiebungen die Anqetlagten während der Zwangswirtschaft die Allgemeinheit nicht nur schwer geschädigt haben, sondern größtenteils auch große Übergewinne eingesteckt hätten. Angeklagt sind u. a. der Stadtsekretär Padziernik, der die Lebensmittelstelle der Stadt Kattowih leitete, der Bureauvorsteher Watzlawek, der als Bu- reauvorsteher der Fettstelle Oppeln ohne Erlaub­nis des maßgebenden Regierungsrates dem Pad- ziemik Fette zuwies, die dieser dann durch andere^ ebenfalls auf der Anklagebank fitzende Personen an Industriewerke, Kommunen und Privatper­sonen verschob, und Pfister, der in Oppeln das Lager der Fettstelle für rationierte Fette für Oberschlesien zu verwalten hatte und von dieser Stelle Fett lieferte. Auf diese Weise verschafften sich besonders die eben genannten drei Angeklag­ten Hunderttaufende von Mark. Wegen Heh­lerei, Wuchergewinn, Deamtenbe- st e ch u n g, Begünstigung usw. beantragte der Anllagevertreter folgende Gesamtstrafen: gegen Padziemi,k und Wa t lawek sechs Jahre Zuchthaus und zehn Jahre Ehrverlust, gegen Pfister sechs Jahre Zuchthaus, 120000 Mark Geldstrafe und 10 Jahre Ehrverlust, gegen den Kaufmann Bodo Paul (Breslau) 21/2 Jahre Zuchthaus und 5 Jahre Ehrverlust, gegen den Kaufmann Karl Paul (Oldenburg) 2 Jahre Zuchthaus: gegen die übrigen Angeklagten wur­den geringere Zuchthaus- und Gefängnisstrafen beantragt. Insgesamt wurden beantragt 39 Jahre 6 Monate Zuchthaus, 10 Jahre 9Mv- nate Gefängnis, 1 66 500 Mark Geld- ftrafe, Einziehung von 2 094 794 Mk. Aebergewinn und Beschlagnahme der Bestechungsgelder in Höhe von 480 780 Mark. Heftige Aus­einandersetzung zwischen dem Anllagevertreter und den vierzehn Verteidigern gab es wegen des An­trags des Ersten Staatsanwalts, die Angeklagten, gegen die Zuchthausstrafe beantragt wurde, sofort in Haft zu nehmen. Das Gericht lehnte den An­trag ab. Das Urteil in diesem Riesenprvzeß, das dem Schieber- und Wuchertum gilt und ab­schreckend wirken soll, ist im Laufe der nächsten Woche zu erwarten.

Landwirtschaftliche Woche.

Berlin. 9. Febr. (Wolff.) Die an der großen landwirtschaftlichen Woche in Berlin beteiligten Körperschaften und Ver­eine kamen überein, die Wintertagung plan­mäßig vom 11. bis 13. Februar abzu­halten, nachdem die durch den Eisenbahner­streik verursachten Verkehrsstörungen nach amtlicher Erklärung beseitigt sind. Auch die Bullenversteigerung der Deutschen Landwirt­schaftsgesellschaft findet wie vorgesehen statt.

Der Fall Sepp Oerter.

Berlin, 10. Febr. Blättermcldungen aus Braunschweig zufolge veröffentlicht der mehrheitssozialistische BraunschweigerVolks- freund" neue Enthüllungen über den A n a b - Hängigen-Minister a. D. Oerter. Da­nach soll Oerter während seiner Ministerpräsi- dentfchaft von dem Fabrikanten Wemmel in Hehlen, der während der Amtstätigkeit Oerters zum Großkapitalisten geworden ist, 3 Prozent des buchmäßigen Reingewinnes und später, wenn er dauernd in die Dienste des Fabri­kanten trete, 10 Prozent des Reingewin­nes .und Vorschüsse in Höhe von 3000 und

10 000 Mark verlangt haben. Die LanbtagS- fraktion der Sozialdemokratischen Partei hat an die Fraktion der U. S. P. ein «Schreiben gerichtet, in dem sie verlangt, daß Oerter aus der Frallion der U. S. V. ausscheidet und sein Landtaas- manbat nieoerlegt Anscheinend wollen die Mehr­heitssozialisten von der Erfüllung dieser Forde­rung ihren Eintritt in eine Arbeitsgemeinschaft mit der A. S. P. abhängig machen.

' Aus Stabt und Land.

Gießen, den 10. Febr. 1922.

Wettervoraussage

für Samstag:

Dunstig und heiter, trocken, Frost, Winde aus östlichen Richtungen.

Tas Hochdruckgebiet über dem Kontinent hat sich, weiterhin verstärkt, so daß das Frostwetter noch anhält.

** Der Eisenbahnverkehr"hcttsick> ttotz der vollzähligen Rückkehr der Stteiken- den zur Arbeit auch heute noch nicht zu nor­malem Dettiebe erheben können. Für die Per­sonenbeförderung bleibt heute, und voraus­sichtlich auch noch für 23 weitere Tage, der Not fahr plan bis auf vereinzelte Erwei­terungen in Kraft. Der Güterzugver­kehr hat annähernd wieder den ftüheren Umfang erreicht.

** Der Güterverkehr bleibt, wie uns von zuständiger Seite mitgeteUt wird, vorerst aus den Direktionsbezirk Frankfurt beschränkt. Die Umladestellen Frankfurt und Hanau bleiben vor­läufig gesperrt.

ß.U. LandeSuniversität Gießen. Dem GerichtSassessvr Dr. Wilhelm Groh, Assistent der Juristischen Fakultät, wurde die venia legendi für das Fach des Bürgerlichen Rechts und Sozialrechts bei der Juristischen Fakultät erteilt.

"Gegen die Rabenplage. Wie das Kreisamt Gießen mitteilt, sind einzelne Gemeinden des Kreises der Rabenplage durch Abschuß der Raben und rabenartiger Vögel seitens des Feldschutz- und ForstpersonÄS wirksam entgegengetreten. Das KreiSamt emp­fiehlt, soweit dies noch nicht geschehen ist, ge­eignete, mit der Handhabung von «Schuß­waffen verttaute Personen mit dem Abschuß zu beauftragen. Die gesetzlich erforderlichen Erlaubnisscheine zum Abschuß dieser Vögel werden vom Kreisamte stempelfrei ausgestellt.

** Das Fest der silbernen Hoch­zeit feiert am Montag das Ehepaar Stellwerk- meister Weigand Müller und Ehefrau Lino geb. Röder, Wetzlarer Weg 32.

Bornotizen.

Tageskalender für Freitag. Stadttheater, 7 Uhr: »Peter Brauer". Neue Aula, 8 Uhr: 5. Vortragsabend der Vortrags- Vereinigung. Hotel Einhorn, 75/« Uhr: Haupt­versammlung des Hausbesitzervereins. Licht­spielhaus, Bahnhofstraße: »Der Fürst der Berge".

U-Doot-Dortrag. Am kommenden Donnerstag, 16. Februar, wird der bekannte U- Doots-Kommandant Korvettenkapitän Freiherr v. Forst ner in der Neuen Aula überU-Boots- Erlebnisse in Krieg und Frieden" sprechen. Frei­herr von Fvrstner, der einer der ältesten U-Boots- Offizier ist. war bereits feit 1909 im U-Boots- Dienst, er wird eine ganze Reihe ton selbst auf­genommenen Lichtbildern zeigen, u. a. die U» Boots-Anlagen auf Helgoland, die verschiedenen Typen von U-Booten, Torpedierungen, Ver­senkungen und Sprengungen feindlicher Schiffe, Feuergefechte usw. Die Veranstaltung geht aus von der Deutschnationalen Volkspartei. (Näheres über Kartenverkauf siehe Anzeige.)

Die Freie Schneider-Innung des Kreises Gießen hält am Sonntag, nachmittags 3 Uhr, im Eisenbahnhotel eine Hauptversamm­lung aller selbständigen «Schneider und Schneide­rinnen von Gießen und Umgegend ab.

Landkreis Gietzen.

* Daubringen, 8. Febr. Am Montag­abend hielt Professor Schlarb im Auftrage der Liga zum Schuhe der deutschen Kultur in der Wirtschaft Weimer einen Vor­trag. Der Redner hatte sich als ThemaDeutsch-

Wälder, hinein und hinaus. Die Fahrt in der Sonne ist über die Maßen schön. Erd' und Himmel glänzen in den wechselvvllsten Farben. Goldschim­mernd und zartwächsernes Grün bis zum kräftig­sten Blau und Ultraviolett, wie nur je auf einem expressionistischen Gemälde, Unb weit, weit der Blick auf weich geschwungene Linien ferner Höhen, merkwürdig gestaltete vereiste Hänge am Weg, über deren groteske Formen wir lachen. Im Tal sehen wir eingebettete Dörfer, von der Welt ab- geschnitten, vor uns, als ob eine große Silberplatte zwischen die Hügel gefallen wäre, der vereiste große «See, den wir im Bogen umfahren. Spielende Hasen, Rehe und beutesuchende Füchslein, denen die Sonne den Pelz rot brennt, beleben diese un­irdischen Winterbilder, die wir mitnehmen. Im Forsthaus ist es so gemütlich und toarm; wir schälen uns aus allen Schals, Jacken und Pelzen. Der Vetter, Fritz Duseck, erzählt von Fuchsjagden in solchen Wintergegenden, während wir hungrig froh auf den Kaffee warten. Ich muß immerfort durch das Fenster hinaussehen! Leonhard Kreutz hat Zigaretten hervorgezogen und unsre beiden Herren übertreffen sich nun im Jägerlatein. Lucie Lux genannt, läßt sich nicht verblüffen. Sie schwin­delt mit, als fei sie der erfolgreichste Nimrod. Ich möchte doch auch einmal bei solchem Jagen mittun Sogleich wird ein Tag verabredet und ich freue mich daraus. Beim inzwischen erschienenen Kaffee die Kanne ist unwahrscheinlich groß und die Waffelberge türmen sich in lachender, duftender Zulle bereden wir eine Schneeballschlacht, ©leid), wenn wir genügend gestärkt, wollen wir hinaus, und erst abends unter Sterogefunkel heirn- kutschieren. Aitz Duseck gibt unferm originellen Rofselenker Bescheid und - wir laufen in den ,al? am See vorbei. Rot, grün, weiß und lila 'k? «^^o/liucken. Lux knipst die bunte

Gesellschaft. Schon saust ihr ein wohlgezielter Bill an den Kopf Das Zeichen zur Schlacht. Der Phvtoapparat ist geschwind in ihre Iackentasche geglitten und nun fliegen die weichen, weißen Kugeln herüber und hinüber, bald übers Ziel hin­aus, in übermütigem Schwung, bald zu kurz und eilig geworfen. Plötzlich sind wir umzingelt von einer großen Gesellschaft, die uns überraschend mit

Schneebällen bombardiert. Wir vier wehren uns heldenhaft. Ein Jauchzen und Lachen fliegt übet den See in die Luft. Dann spazieren wir wie stolze Sieger weiter und kommen an eine herrliche Rodel­bahn. Die Dorfjugend der Umgegend fährt auf ben sonderbarsten Schlitten zu Tal. Ich lass mir von einem Bub den Rodel geben.Nur für eine Fahrt!" Ehe ich mich versehe, ist Fritz Buseck hin­ter mir und gemeinsam fahren wir hinunter, lieber Schwellen springt der Schlitten und wir mit, die Kurven nehmen wir gewandt. Die Kinder oben jodeln uns nach. Wir überholen die Kleinen, An­fänger. Jetzt ist Dahn frei. Buseck lehnt sich noch vor und die Geschwindigkeit des Fahrens wird erhöht. Tannen jagen an uns vorüber.®län- senb. Wir jubeln beide. Unten ist ein großer freier Platz und wir schießen im Tempo aufs Ende der Dahn. Wir sind ein einziges Freuen.Nun müssen wir wieder hinaus."Unb Kreutzens?" »Die müssen auch mal ihre Künste zeigen. ßuj> wäre begeistert."Sie waren's auch!"Sie sind eine gute Rodelpartnerin. Grad' wie beim Tanz. Famos, wirklich." Und während wir den kleinen Schlitten hinter uns den Derg hinaufziehen, bleiben wir oft stehen, um die Rodler zu bekrit­teln und uns dran zu erfreuen. Lux und Leonhard kommen uns fein sittsam au Fuß den Weg ent­gegen. Als wir voreinander stehen, greift Fritz Duseck in die Tannenzweige und schüttelt den Schnee über uns allen aus.«3o, jetzt kommt! Jetzt gibt's ein wärmendes Schnäpschen zur Belohnung und bann fahren wir heim." Leonhard ist unser Manager. Der Rat wird gern befolgt Die Heim­fahrt aber bei Mondenschein war wohl das Zgubrischste, das ich gesehen und erlebt. Wir blie­ben auch ganz im Schweigen. Der Wald, der See. die Wiesen und Felder umgaben uns in eisiger Majestät. Silbern spielte das Mondlicht über un­fern Weg. Zuweilen fiel ein Streif auf meirx Gegenüber, und es sah aus wiie ein Glfenfürst so unwirklich, spukhaft. Als dann der Schellen­schlitten vor meiner Tür hielt, faß ich noch lange in meinem großen Sessel und träumte. Bon der einzigen Fahrt oder von den tieflila Veilchen in der Zimmervase, die so wunderschwer nach Frühlingsglück dufteten?

(frankfurter Uraufführungen.

Dakchos Dionysos" Don Fritz Schwiefert

Aus einen Grundakkord unserer modernen Dichter stimmt auch Fritz Schwiefert fein »Dakchos Dionysos" ein. Er toin die Verdrängung des alten militaristischen Mtems durch den Geist der Freude darstellen Gezeigt wird diese Wandlung an der Fabel des lydifch-phrygifchen Gottes Dionysos der inTleben Einzug hält Männlein wie Weiblein bezaubert «xund nur einen Widerstrebenden findet, ben Komg Pentheus. In dem wurzeln die allen begriffe von strenger Pflichterfüllung und harter Kulturarbeit noch fest, bis auch er am Snbe von dem Taumel ergriffen wird, die Knie vor dem fremden Eroberer beugt und seiner Gott- hett Gefolgschaft leistet. - Das sind die äußeren de-. Dichter, Einzelheiten um- geftalteno, der griechischen Sage entnahm Eine mythische Komodie' wird das Ganze genannt, aber es ist großer vielleicht gedacht und empfunden als ausgesuhrt, und bei der Uraufführung im SranTfurter Schauspielhause ward deutlich daß dem Spiel der innere Enthusiasmus, der sieghafte Dottessunke doch mangelt. Vieles erstickt im Aka­demischen, die langen Erzählungen des Gottes bezeugen die Bildung des Dichters, seine Belesen­heit In ben Quellen bes Mythos, aber sie künden nicht seine dramatische Schöpfungskraft Die Sprache ist bald schroff abgehackt nach dem Muster Georg Kaifers bald mit Bildern und Dergleichen etwas preziös geschmückt. Ein paar groteske Ausdrucksformen platzen aus dem ge­wählten und erhobenen Ton, der sonst ange­schlagen wird, unorganisch heraus. Die Frage bleibt: Was wird in Theben geschehen, nachdem der Gott gegangen? Werden sie dort ewig Feste feiern, Mänadentänze auf führen, wird Pentheus wirklich dem ftüheren Lebei^ideal weiter ent­sagen?

Die Aufführung half dem Werk auf die beste Art: Unter Dr. Hermann Burgers Regie kam ein stilvoll beschwingtes Zusammenspiel all der Protagonisten und Statisten zustande, ein­

drucksvoll belebte Bühnenbilder dankte man Ludwig Sievert. Feldhammer gab den Gott mit weicher Geste und melodischem Sprachton, Margarethe Wolf war von hingehender Zart­heit, wie sie dem Zauber des Gottes erlag Alexander Engels schuf im Pentheus eine kräf­tige Mannes- und Herrschernatur. Der Beifall des Publikums rief nach dem letzten Akt mit den Künstlern auch den Dichter und feine Spiel- Helfer mehrfach hervor.

,»Das stille Glück."

In Stilgestaltung und Wesen Schnitzlers Art verwandt, hat Hans Bu^baums Komödie Das stille Glück" flüssigen Dialog und eine überraschende, novellistisch geprägte Schlußwen­dung. Wie die Frau des reichen Großindustriellen, eine ehemalige Operettensängerin, ihren ehemaligen Geliebten im Glauben läßt, sie führe jetzt an der Seite ihres Gatten einstilles Glück", und wie sie, kaum daß beide fortgegangen sind, dem Freunde und Liebhaber der Gegenwart antelepho­niert, blldet den Inhalt. Das gut gebaute Stück­chen, das durch ein paar luftige Worte die Klippen der Zweideutigkeit meidet, wurde bei der Uraufführung im Frankfurter Neuen Schau­spielhaus mit freundlich gesinntem Beifall auf­genommen. G. Sch.

Schlittenfahren.

Von Tila Weber.

Für heute mittag haben wir eine Schlitten- faßrt verabredet. Es ist klares Winterwetter, die Sonne scheint sieghaft vom stahlblauen Himmel wif die schneeige Erde. Kein Windchen regt sich. > stehe am Fenster und warte, daß der Schlitten mit Schellengeläut und Pferdegetrappel sich be­merkbar mache. Und schon biegt er in die Straße ein. Ich warte nicht, bis er vor meinem Haus still halt. Ich eile hinaus, ihm entgegen. Mit Halloh begrüßen mich die Freunde. Gin junges Ehepaar, Kceuh, und deren Detter, Fritz Duseck. Sie haben I Ee drei lachende Augen und leuchtende Backen, deren rote Frische noch durch die bunten Sport» t>ctDnt ivird. Ich werde von allen verpackt, I ging es nach Sibirien. Nun geht eS auS der v/iO.ut ilnv hprlchni»; ft» tinX in fa