Dienstag, 9. Mai 1922
Erstes Blatt
172. Jahrgang
d«S
von
nie-
möglich.
Lloyd George: Gut, dann werden wir Land für die Zeit der Abstimmung besetzen.
Wilson. In diesem Falle wurde man einem militärischen Druck sprechen.
Elemencean: Wir haben für diese- Land
Die Spannung vor der russischen Antwort
Die LInterhaltung der „Drei Gewaltigen" bedarf inhaltlich wohl keines Kommentars mehr. Ihr Inhalt spricht eine zu deutliche Sprache über die Art, wie man in Versailles europäische Fragen „gelöst" hat. Hingewiesen sei nur noch auf die Rollen, die die Drei spielen. Am besten präsentiert sich eigentlich noch Lloyd George, da er noch den meisten gesunden Menschenverstand ich bewahrt hat und die Dinge weit richtiger beurteilt und die Stimmung des deutschen Volkes viel richtiger barstellt als Wilson oder gar ©lern enceau, für den es keine Gefühle mehr zu geben cheint. Clemenceau ist nur noch der ganz zu Revanche gewordene Greis. Eine geradezu jämmerliche Figur aber gibt Wilson ab, der ewige Doktrinär und Besserwisser. Und auf diesen jämmerlichen Gesellen haben weite Kreise des deutschen Volkes ihre Hoffnungen gesetzt. . .
Aus dem Reiche.
Eine Versammlung der Fraktionsführer des Reichstags.
D e r l i n. 8. Mai. (Privattelegr.) Wie die „Zeit" mitteilt, sind die Fraktionsführer des Reichstages für morgen nachmittag zu einer Besprechung in die Reichskanzlei eingeladen worden, wobei ihnen über die Lage in Genua Mitteilung gemacht werden soll.
Die ZwangSanleihe.
D e r l i n, 9. Mai. Der Gesetzentwurf über die Zwangs an leihe ist nunmehr dem ReichSrat zugegangen. Laut „Deutscher Allg. Ztg." wünscht die Regierung, daß die Beratungen innerhalb von 8 Tagen erledigt werden, damit der Reichstag noch vor dem 31. Mai sich mit der Dorlage beschäftigen kann.
Relchsgesetzliche Maßnahmen zur Steuerung der Rot der Presse.
Wie die Blätter hören, steht ein Gesetzen t w u r f zur Steuerung der ÄvtderZei- t u n g e n, wie in einem gemeinsamen Anttage der Parteien Im Reichstag von der Reichs- regierung gefordert wurde, im Reichswirt- schaftSrat kurz vor seinem Abschluß. Der Entwurf wird in allernächster Zeit dem ReichS- kabinett zur Beschlußfassung zugehen und dann dem ReichSrat und dem Reichstag vorgelegt werden.
Die ehemaligen Kriegsgefangenen in Nürnberg.
Nürnberg. 7. Mai. Die ReichSv er- einig ung ehem. Kriegsgefangener hielt Freitag vormittag im Hotel St. Sebald ihren Bundestag ab. Den Tätigkeitsbericht erstattete der BundeSvorsitzende Darsanti-Ber- lin. Bei der Dorsitzendenwahl für die Tagung wurde als 2. Dorsitzender Decker (Rhein- land), als 3. Dorsitzender F r h r. v. L e r s - ner-PotSdam gewählt. Schriftführer wurden Brinkmann-Berlin, Schäfer-Bamberg. Weil-Düsseldorf. Rach längerer Diskussion über den TättgkeitSbericht gab Dr. Givens- Berlin den Kassenbericht. Der gleiche Referent hatte nach einer ausführlichen Besprechung der Finanzfragen Grundsätze zur Regelung der Finanzen bekannt gegeben. Herr Bütefür gab einen Bericht des Bundesbeirats und verbreitete sich am Nachmittag über Organisationsfragen. Das neue Prinzip der Organisation soll sein: Der Träger der Organi- sattvn ist die Ortsgruppe, die lokal zusammen- gefaht wird in Dezirksgruppen. Die BezirkS- ?ruppen werden nun so zusammengefaht, daß über ganz Deutschland eine Organisation von 10 Gauen geschaffen wird, die einen ehrenamtlichen Vorsitzenden haben und einen von der Bundesleitung zu ernennenden, resp. zu bestätigenden Geschäftsführer erhalten. — Zum Schluß sprach noch Frhr. v. Lersner, der den hohen sittlichen Wert der Gedankengemeinschaft kennzeichnete.
nische Gewalt stellt, heißt daS einfach Unruhen Hervorrufen.
Clemenceau: Machen wir unS doch nichts vor! Wir werden Unruten bekommen, jetzt oder später, mit oder ohne Abstimmung.
Wilson: Die deutschen Truppen müssen, wie eS auch die Sachverständigen wünschen, zu allererst das Land verlassen. Sind die britischen Truppen bereit, für die Durchführung der Ab- timmung zu kämpfen?
Lloyd George: Za, weil der Grundgedanke richtig ist ... .
Darauf werden die Sachverständigen vor- jelaffen. Rach ihrer Verabschiedung entwickelt ich noch folgendes Schluhgespräch:
Clemenceau: Ich habe nichts mehr meinen vorausgegangenen Erklärungen hinzuzufehen. Ich halte eine Abstimmung immer noch für einen Irrtum. Da Sie aber meine Meinung nicht teilen, v gebe ich nach. Abek trotzdem bin ich der An- icht, daß wir schweren Unruhen in Oberschleien entgegengehen und daß eine schnelle Lösung weit besser gewesen wäre.
Nr. 198
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Die „Großen Drei" und Oberschlesien.
Der französische Major M e r m e i x hat ein Buch über die Verhandlungen geschrieben, die die drei Gewaltigen dieser Erde, Wilson, Lloyd George und Clemenceau in Versailles über die Reueinteilung Europas im Jahre 1919 geführt haben. Der .Manchester Guardian" veröffentlicht auS diesem Buche ein Aktenstück über die Besprechungen über Oberschlesien, die sich zu Anfang Juni 1919, also nach Ueberreichung des ersten Entwurfs des Friedensvertrages an die Deutschen, abgespielt haben.
Lloyd George teilt zu Beginn deS ersten Gespräches mit, daß er und seine Ministerkollegen die Ostgrenze Deutschlands, ane sie in dem Entwurf sestgelegt sei, für unmöglich hielten. Man feile in Oberschlesien eine Volksabstimmung abhalten lasten. Clemenceau wendet dagegen ein, daß man Polen gegenüber ein Unrecht wieder gut tzu machen «habe, und daß man zwischenDeutsch- land und Rußland eine Barriere schaffen müsse — zum Schutze Frankreichs.
In der zweiten Besprechung unterhalen sich die .Grollen Drei" über die Möglichkeit einer Volksabstimmung Dabei äußert Wilson die Ansicht, daß Oberschle'ien Eigentum von 15—20 Kapitalisten sei, and daß eine freie Abstimmung nicht möglich sein werde, da Oberschlesien so lange unter dem deutschen Stiefel gestanden habe. Dann sagt Wilson weiter: .Die schlesische Frage ruft keine Bewegung in der Vvlkssttmmung in Deutschland hervor. Sie ist eine Angelegenheit der Kapitalisten"
Lloyd George: Trotzdem — die deutsche Regierung besteht in der Mehrheit aus Sozialisten, und diese werden protestieren.
Wilson: Ja, aber zugunsten der Kapitalisten.
Lloyd George. Ich bin nicht Ihrer Meinung. Es ist eine nationale Frage .... Oberschlesien ist 700 Jahre lang von Polen getrennt gewesen. Ich verlange nichts Uebertriebenes, wenn ich fordere, daß man die Bevölkerung zur Abstimmung zulüßt
Wilson: Aber eine freie Abstimmung ist nicht
GietzenerAnzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
Vrvck Mftb Verlag: vrLhl'sche Urriv.-Vnch- unb $tehförnderei R. Lange. Zchristlettvng, Geschäftsstelle und Druckerei: Zchulftraße 7.
Paris, 8. Mai. (WTD.) Der Sonderberichterstatter der Havasagentur meldet heute nachmittag, in italienischen Kreisen gehe die allgemeine Meinung dahin, daß die Vertreter Frankreichs und Belgiens «$u neuen 'Beratungen zusammen berufen würden, falls die russische Antwort mindestens im ganzen genommen befriedigend ausfalle und die Fort- lehung der Verhandlungen erlaube. Man hoste, daß die beiden Mächte dann eine solche Aufforderung nicht ablehnen würden. Wenn dagegen die russische Antwort pvllkommen unnachgiebig sei, werde mit ihr das Schicksal der Konferenz fallen. England und Italien würden unter diesen ilmftänben getrennt mit Rußland verhandeln. In englischen Kreisen habe man heute vormittag erklärt, wenn Belgien und Frankreich die russische Antwort nicht genügend bestimmt fänden und die Fvrstehung der Verhandlungen ablehnen, würde Lloyd George sich nicht auf den Standpunkt stellen, daß dann die Konferenz von selbst zu Ende gehe. Er würde sich bemühen, bei anderen Mächten die Fortsetzung der Verhandlungen durchzusehen, um sobald wie möglich zu einer Verständigung mit den Sowjets zu kommen.
Ein Brief Bcrrlhous an Lloyd George.
®enua,9. Mai. (WTD.) Wie derBer- treter des Reuterschen Bureaus erfahrt, erhielt Lloyd George gestern abend einen Brief BarthouS, in dem es heißt: Sie fordern mich auf, Zeugnis abzulegen über unsere Unterredung am Sonnabend, die so viele Kommentare hervorgerufen hat. Hier ist meine Antwort: Sie haben nicht erklärt, daß die Entente zwischen Frankreich und Groß-Britannien zu Ende sei, auch nicht, daß Ihre Berater Sie gedrängt haben, zu einer Verständigung mit D e u t s ch l a n d zu gelangen. Sie sprachen nur von den Schwierigkeiten, denen die Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern unterliegen, aber Sie haben nicht ein einziges Wort gesprochen, das so ausgelegt werden könnte, als wollten Sie damit die Absicht ausdrücken, die Freundschaft zu brechen, die unsere beiden Länder eint. Der Brief Bar- thvus schließt: Ich bewahre unverbrüchlich ein Berttauen auf diese wichtige Einigkeit.
Ein Schreiben Poincar^s?
London, 8. Mai. (WTB.) „®t>ening Rews" zufolge teilt die Downing Street mit, daß der französische Ministerpräsident P o i n - ca r e durch den britischen Botschafter in Paris Lloyd George ein Schreiben übersandt habe, in dem der französische Standpunkt auseinandergeseht, jeder Wunsch, die Genueser Konferenz „zu torpedieren", in Abrede gestellt und die Freundschaft Frankreichs zugesichert wird.
Eine gegen Frankreich gerichtete Erklärung der russischen
Delegation.
Genua, 8. Mai. (Spezialbericht des Vertreters des WTB) Ein von der russischen Delegation ausgegebenes Kommunique besagt: Gewisse Delegationen bemühen sich, die öffentliche Meinung zu beeinflussen, indem sie den Mißerfolg der Genueser Konferenz Voraussagen für den Fall, daß Rußland das ihm angebotene „Ultimatum“ nicht annehmen sollte. Dies ist lediglich der letzte einer Anzahl von Versuchen von derselben Seite, die bereits zu Beginn der Konferenz begonnen haben, als die russische Delegation sich erlaubte, zu erklären, daß sie einen wirtschaftlichen Wiederaufbau Europas nicht ernstlich in Erwägung ziehen könne, wenn nicht das Abrüstungsproblem aufs Tapet komme. Was die russische Frage betreffe — die einen Punkt der Tagesordnung der Konferenz bilde —, so ist es nötig, darauf hinzuweisen, daß dieselben Mächte, die die bedingungslose Annahme des Memorandums über die russische Frage verlangen, sich vollkommen von diesem Memorandum losgelöst haben, indem sie es ablehnten, seine Bestimmungen bezüglich eines der wichtigsten Teile des russischen Problems anzunehmen. Diese Mächte, die während der ganzen Konferenz Rußland nicht als gleichberechtigten Faktor der Konferenz anerkennen wollten, die gedroht haben, die Konferenz zu ruinieren, wenn Rußland nicht auf das wirtschaftliche Abkommen, das es mit einem anderen unabhängigen Lande geschlossen hat, verzichtet, dieselben Mächte, deren Hauptauffassung von der europäischen Politik darauf hinzielt, Europa der Rechtsprechung einerGruppe von Regierungen zu unterstellen, gefährden nun wiederum die Konferenz, indem sie den Entwurf eines 2ß>- kommens, der Rußland durch andere Mächte als sie selbst vorgelegt wurde, den Charakter eines „Ultimatums" zuschreiben. Die russische Delegation ist nach Genua gekommen, um in versöhnlichem Geist zu beraten, auf der Anwendung des Grundsatzes der Gegenseitigkeit zu bestehen, und Versöhnlichkeit bleibt ihr Ziel.
Eine Unterredung Lloyd Georges mit den Russen.
Genua, 8. Mai. (Spezialbericht des Vertreters des WTB) Die »Agenzia Slefani" mel
det: Lloyd George, Schanzer, Litwinow, Krassin und T s ch i t! ch er t n fritlcn heute vormittag eine Unterredung.
Der Besuch des Reichskanzlers bei Lloyd George.
Berlin. 8. Mai. (Wolff.) Nach Mel» düngen aus Genua Hal der Reichskanzler gestern Lloyd George besucht. Heute vormittag waren die Russen beim Reichskanzler. Die russische Antwort wird morgen erwartet.
Ein Vermittlungsvorschlag zur Kreditfrage für Rußland.
Genua, 8. Mai. (Wolff.) Spezialbericht des Wolff-Vertreters. „Piccolo" schreibt zur Krisis: S ch a n z e r machte einen Vermittlungs- Vorschlag zur Lösung der Frage des Kredits für Rußland. Danach soll ein Teil der Dumme, die das Anfangskapital des internationalen Finanzkonsortiums bLM. den Industriellen, die sich in Rußland zu betätigen wünschen oder dort ihre frühere Tätigkeit wieder aufnehmen wollen, zur Verfügung gestellt werden. Ein anderer Teil soll der Sowietregte- r u ng zur Fortführung öffentlicher Arbeiten überwiesen werden. So würde man die Grundsätze, die die Mächte bei Schaffung des Finanzkonsortiums geleitet hätten, nicht verletzen und andererseits Tschitscherins Wunsch erfüllen.
Wie Barlhou die Lage darstellt.
Genua. 8 Mai. (Wolff.) Stefani veröffentlicht noch folgende Einzelheiten über die Erklärung, dieDarthvu gestern englischen und amerikanischen Pressevertretern gegenüber abgab. Darthou gab eine Ueberficht über das Verhalten der französischen Delegation und sagte:
Frankreich hätte die Teilnahme an den De» sprechungen mit den Aussen ablehnen können von dem Augenblick an, da die Russen in allen Kommissionen auf dem Fuß der Gleichheit vertreten waren. Als später der deutsch-russische Vertrag kam, hätte Frankreich den besten Anlaß zum Druch gehabt. Aber es hat feinen Gebrauch davon gemacht, obgleich Lloyd George erklärte, Deutschland und Rußland hätten hinter dem Rücken der Alliierten gehandelt. Was die Schulden antetrifft, so wurden die Fragen der Kriegsschulden gemäß den Sanner Beschlüssen und die der Dorkriegsschulden hn Geiste der Versöhnung geregelt. Lloyd George unterstützte hierbei die französisch-japanische Auffassung in loyaler Weise. Ich habe die Entscheidung der Sachverständigen in der Kriegsschuldenfrage angenommen unter der Bedingung, daß auch der Sachverständigenbericht bezüglich des Privateigentums angenommmen würde. H er kam es zu dem belgischen Zwischenfalle. Belgien war der Ansicht, daß der von den Sachverständigen ausgearbeitete Text die Interessen Belgiens nicht genügend berücksichtige. Ich beantragte die Aen- berung des Sachverständigenberichts, weil er den Beschlüssen von Cannes nicht genau entsprach. Die Aenderung wurde bewilligt, aber Belgien fand sie ungenügend und verlangte die Zurückweisung des betreffenden Artikels an die Sachverständigen. Niemals hat es sich darum gehandelt, England Belgien vorzuziehen oder umgekehrt. Frankreich ist ein aufrichtiger Freund beider Länder.
'Rach einem Hinweis auf die Waffenbrüderschaft aus dem Kriege schloß Darthou: „Auch zwischen Freunden kann es Meinungsverschiedenheiten geben," aber dies ist kein Grund, nicht weiter zu verhandeln und nicht weiter zusammenzugehen."
Eine Havas-Darftcllung über Lloyd Georges Verhalten. Pari«, 8. Mai. (WTB) Havas berichtet aus Genua, glaubwürdigen Mitteilungen zufolge hätte Lloyd George den deutschen Delegierten bei ihrer letzten Besprechung mit ihm erklärt, daß England infolge der Weigerung der französischen Regierung, vor dem 31. Mai einer interalliierten Beratung beizuwohnen, kein Interesse mehr an der Reparationsfrage nehme. Der englische Premierminister hätte also die deutschen Vertreter aufgeforbert, in der Reparationsfrage mit Frankreich unmittelbar zu verhandeln. Man habe in diesem Zusammenhang davon gesprochen, daß Lloyd George Darthou bei feiner Unterredung mit ihm am Samstag diesen Entschluß mitgeteilt habe. Der Havasvertreter versichert im Ceqensah hierzu, daß die Unterredung zwischen den beiden Staatsmännern keinen Augenblick der Reparationsfrage gegolten habe. Wenn Lloyd George auch diesen Entschluß nicht offiziell mitgeteilt habe, so habe er doch mehrere Persönlichkeiten von seinen Absichten in Kenntnis gesetzt und man könne danach als wahrscheinlich anneh- men, daß die englische Regierung eine abaxirtenbe Haltung einnehmen werde. Dagegen bestätigte der Havasvertreter nochmals die Meldung vom Samstag, daß Lloyd George in seiner Unterredung mit Darthou, ohne allerdings, wie behauptet worden sei, mit dem Abschluß neuer Allianzen zu drohen, erflärt habe, die gegenwärtige Lage könnte in Zukunft England veranlassen, sich in seinen Freundschaftsbeziehungen weniger ex- klussiv zu erweisen.
Ein witzelnder Ton gegenüber Lloyd George.
Paris, 8. Mai. (Wolff.) Der Sonderberichterstatter des „Journal" in Genua, der Lloyd, George gegenüber einen witzelnden Ton an-
mass eine Abstimmung versprochen.
Lloyd George: Herr Wilson selbst hat doch bei jeder möglichen Gelegenheit das Selbstbesttm- mungsrecht der Völker proklamiert! Wir haben doch auch schon im Saargebiet, in Fiume und Klagenfurt Abstimmungen! Warum sollen wir sie in Oberschlesien verweigern?
Wilson: Ich gebe keinen meiner Grundsätze auf, aber ich will nicht, daß die Polen unter deutschem Druck äbftimmen.
Lloyd George: Sie nehmen jetzt dieselbe Stellung ein, die Sie bekämpft haben, als Herr Orlando sie in der dalmatinischen Frage einnahm I
Wilson: Das ist ja die reine Absurdität! Was ich will, ist eine freie Abstimmung.
Lloyd George: ilnb ich will den Frieden! Ich weiß aus guter Quelle, daß die schlesische Frage die wichtigste für die Deutschen ist. Ich würde lieber eine Division nad> Schlesien, als ganze Armeen nach (Berlin senden.
Clemenceau: Wer sagt Ihnen, daß Eie die Wahl haben ?
Lloyd George: Ich will nicht die Verrücktheit Rapoleons wiederholen und in (Berlin sitzen, wie er in Moskau!
Clemenceau: ES ist ein starkes Stück, das jetzt zu sagen!
Zwei Tage später trägt Paderowski die Wünsche Polens vor. Einige Tage darauf ent- spinnt sich folgende Unterhaltung:
Clemenceau: Ist es Ihnen recht, jetzt den D:- richt der Kommission für die polnischen Angelegenheiten anzuhören?
Lloyd George: Die Kommission ist parteiisch für Polen. Ich habe keine Lust, mich mit ihr in eine Diskussion cinzula sen.
Clemenceau: Disku.icrm werben wir unter unS. aber wir müssen hören, was die Kommission' zu sagen hat. Ich möchte hier nur noch einmal feststellen, daß ich gegen eine Abstimmung m Oberschlesien bin. Ader da Sie ja alle in diesem Grundgedanken einig sind, komme ich Ihnen im Geiste der Versöhnung entgegen. Ich möchte ab?r doch noch darauf Hinweisen, daß überall, wo die (BeDöBeru-g polnisch gewählt hat. keine Abstimmung nötig ist.
Wilson: Schön, wir können ja die Grenzen prüfen. Ich möchte noch hinzufügen, daß mein Kollege Herr White auch Informationen Uber die deutsch»freundliche Tätigkeit des polnischen Klerus gcfanunclt hat.
Lloyd George: Ich wette, diese Information stammt aus polnischer Quelle. Wenn man die Polen über die Juden sprechen hört, bann könnte man wirklich glauben, sie behandelten sie außerordentlich gut. Wir wissen aber, daß dem nicht so ist. Eine Abstimmung ist im wesentlichen gerecht. Wenn wir feine Abstimmung veranstalten, was für eine Empfindung sollen wir bann habet haben, wenn wir britische Truppen senden müssen, die für Oberschlesien kämpfen und ihr Leben lassen sollen ?
Wilson: Sie sind sehr voreingenommen. Meine Information stammt von Amerikanern, die an Ort und Stelle gewesen sind ....
Lloyd George: Ich wünsche einen Konflikt zu vermeiden. Die Deutschen tn Oberschlestm sehen die Polen als inferiores Volt an und verachten sie. Wenn man die Deutschen unter pol-


