Kritik des Inlandes wie des Auslandes. Aber zu den absprechenden amtlichen Kritiken des Auslandes steht in bemerkenswertem Gegensatz die betonte Anerkennung bedeutender ausländischer Juristen. Der Reichsminister der Justiz hat bei Beratung des Iustizetats mit Recht auf die Zeugnisse dieser Anerkennung hingewiesen und mit den Worten geschlossen: „Respekt vor dem Reichsgericht!" Er hat mit diesem Ästrsspruch nicht nur der Lleberzeugung der Reichsregierung Ausdruck gegeben, der ich mich rückhaltslos anschließe, sondern zweifellos .auch das uneingestandene Empfinden weiter Juristen- kreise, auch solcher des Auslandes, ausgedrückt. So bringe ich dem Reichsgericht, Ihnen, Herr Präsident, und Ihnen, meine Herren, die Grüße der Reichsleitung dar und unseren Dank und unsere Anerkennung für Ihre muhevolle treue Arbeit. Ich bin überzeugt, daß der oberste Gerichtshof des Reiches seiner schweren Aufgabe gewachsen ist, auch nach der Reuordnung unserer staatlichen Grundlage und nach der weitgreifenden Umgestaltung des Rechts und des Verfahrens das Vertrauen des deutschen Volkes sich bewahren und sich damit den höchsten Lohn zu sichern, der einem Richter zuteil werden kann.
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Aus dem Reiäre.
Zur Neuregelung der Deamtengehälter.
Berlin, 9. März. Die Beratungen der Spitzenverbände der Gewerkschaften über die neue Teuerungsaktion der Beamten haben laut „Kreuzzeitung" gestern begonnen. Die Besprechungen sollen heute fortgesetzt werden, um eine Basis für die am Freitag mit der Regierung beginnenden Verhandlungen zu finden. Sowohl im Reichs- finanzntinisterium wie auch auf Seiten der Gewerkschaftsvertreter besteht dem Blatte zufolge der Wunsch, die Zulagen für die Beamten staffelförmig zu gestalten. Die Gehaltserhöhungen sollen in der Weise durchgeführt werden, daß diesmal besonders die Angehörigen der mittleren und unteren Klassen berücksichtigt werden.
Die Politik des Reichsverbandes der deutschen Industrie.
Leipzig, 8. März. (WTD.) Bei einem Festessen in der Zentralstelle für die Interessenten der Leipziger Mustermessen hat Geheimrat Hil- ger vom Vorstande des Reichsverbandes der deutschen Industrie eine Rede gehalten, in welcher er u. a. ausführte: Als wir vor mehreren Jahren den Reichsverband der deutschen Industrie aus dem Zentralverbande deutscher Industrieller zusammenschweißten, schwebte uns vor Augen, ein Gebilde zu schaffen etwa wie das des Bundes der Landwirte. Diejenigen. die mit mir an der Wiege des Reichsverbandes der deutschen Industrie standen, werden zugeben, daß dieses Ziel nicht erreicht wurde. Im Bunde der Landwirte sind die Interessen des kleinsten Dauern und des größten Grundbesitzers dieselben. Im Reichsverbande der deutschen Industrie sind die Interessen sehr verschieden und zu schwer zu vereinigen. Die wesentliche Frage ist die Frage der Angleichung an den Weltmarktpreis, ein Teil will an den Weltmarktpreis heran. Der einsichtsvollere Teil will nicht, daß die Bäume in den Himmel wachsen, denn die Folge ist die Schraube ohne Ende; hohe LeberrsMittelpreise, hohe Kohlen- , preise, hohe Lebensbedürfnisse, hohe Löhne usw. V Wer interessiert ist an den hohen Kohlenpreisen, 'das ist in erster Linie England. Wenn wir mit • unseren Kohlenpreisen an den Weltmarktpreis herankommen, wird unsere Ausfuhr lahmgelegt. Mit den hohen Kohlenpreisen wird der Plan versolgt, die Arbeitslosigkeit von England auf unser deutsches Vaterland zu verschieben. Dem entgegenzuwirken haben wir alle Veranlassung. Wenn auch die Meinungen in der Industrie in mancher Hinsicht auseinandergehen, so auseinander gehen sie doch in einem Punkte nicht, nämlich in dem, daß das deutsche Meßwesen in der Stadt Leipzig zentralisiert werden muß.
Die Maifeier.
Berlin, 9. März. Der sozialdemokratische ParteianSschuh beschloß gestern nachmittag, den 1. Mai durch Arbeitsruhe zu feiern. Der Verkehr soll aber wie an Sonntagen aufrechterhalten werden. Reber gemeinschaftliche Feiern mit den Anabhängigen sollen die einzelnen Organisationen entscheiden.
Die Große Koalition in Bayern gescheitert.
München, 8. März. (WTB.) Die „München-Augsburger Abendzeitung" meldet: Der Fraktionsvorsitzende der Bayerischen Volkspartei, Abg. Held, hat im Auftrage seiner Fraktion den Fraktionsvorsihenden der Bayerischen Mittelpartei und der Deutschen Volkspartei mitgeteilt,
Die Pforte öe$ Paradieses.
Roman von Ingeborg Vvllquartz.
Berechtigte llebersetzung aus tzem Dänischen.
6. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Frau Dorris schaute hastig zu ihrem Mann auf und öffnete die Lippen, als wollte sie eine Antwort geben. Tann bedachte sie sich aber und fuhr gelassen fort, ihren Tee zu trinken.
„Mutters leichten wiederholte Mo
gens. „Vater, meinst du nicht eigentlich — Mutters festen Willen?"
Aufmerksam prüfend schaute Hauptmann Dorris seinen Sohn an, als sei diese Bemerkung von einem ihm ganz fremden Menschen gekommen, und Mogens begegnete dem Blicke seines Vaters mit der Furchtlosigkeit der Jugend.
„Ganz richtig, Mogens," sagte ^ruptmann Dorris mit einem beinahe ehrerbietigen Klang in der Stimme, und nickte langsam und anerkennend dazu mit dem Kopf. „Sei du nur immer aaf dem Posten, deine Mutter zu verteidigen, mein Junge. Es ist sehr gut, einen festen Willen zu haben — nur schade, daß man sich den nicht selbst geben kann — damit muß man geboren sein."
„Aber Vater, du hast doch vorhin gesagt, man müsse sich selbst in der Gewalt haben, and man dürfe nicht allen seinen augenblicklichen Gelüsten und Einfällen folgen," entgegnte Mogens, seinen Vater unverwandt anschauend. „Unk das ist's. was ich mit Mutters festem Willen meine — denn Mutter hat sich selbst in der Gewalt. Mutter denkt immer zuerst an uns alle, ehe sie an sich denkt. And das tut sie durchaus nicht des-
daß die Verhandlungen über die Erweiterung der bestehenden Koalition durch die Aufnahme der Fraktionen der Dayerischen Mittelpartei und der Deutschen Volkspartei am WiderspruchderDemokratengeschei- tert ist.
Die Einheitsfront der Linksradikalen.
Derlin, 8.März. (Priv.-Telegr.) Die „Rote Fahne" veröffentlicht heute das Schreiben der KommunistischenParteiandie A.S.P., in dem diese zu einem gemeinsamen Vorgehen gegen das Steuerkompromiß aufgefordert wird. Das Zentralkomitee der A.S.P. wird in dem Schreiben gebeten, mit den Kommunisten gemeinsam zu beraten, auf welche Weise die Einheitsfront aller Arbeitenden gegen die S t e u c r g e s e tz e zur Tat werden könne. Außerdem parlamentarischen Vorgehen sollen Massenversammlungen und Massendemonstrationen als erster Schritt in dem außerparlamentarischen Kampfe in Betracht kommen. Wie die „Rote Fahne" weiter mitteilt, wird in einer vorläufigen Antwort der A.S.P. erklärt, daß das Zentralkomitee der Partei sich mit den Vorschlägen des Briefes heute in einer Sitzung befassen werde.
Aus Hessen.
Höhereinstufung hessischer Orte.
In Ergänzung der kürzlich von uns gebrachten Mitteilung über die erfolgte Höhereinstufung einer Anzahl hessischer Orte wird jetzt von amtlicher Seite mitgeteilt:
Bei Aufstellung des endgültigen Ortsklassenverzeichnisses im Dezember v. Is. waren von der Reichsregierung von den hessischen Wohnorten 10 Orte in die Ortsklasse A, 75 in die Ortsklasse B, 86 in die Ortsklasse C und 304 in die Ortsklasse D eingereiht worden.
Infolge der von dem Reichstag vorbehaltenen Nachprüfung, die jetzt durch einen besonderen Ausschuß des ^Reichstags und des Reichsrats stattgefunden hat, wurden insgesamt 145 Orte neuerdings höher eingestuft. Wenn auch bei der Nachprüfung nicht erreicht werden konnte, daß die Ortsklasse E vollständig beseitigt wurde, so ist immerhin gegen die bisherige Einteilung eine wesentliche Verbesserung erzielt.
Es sind jetzt höher eingereiht worden:
In Ortsklasse A: Bischofsheim, Gins- heim, Bahnhof Kranichstein, Neu-Isenburg, Rüsselsheim, Budenheim Finthen und Oppenheim.
In Ortsklasse B: Auerbach, Jugenheim a. d. D., Mörfelden, Nauheim, Walldorf, Egelsbach, Langen mit Mitteldick, Obertshausen, Sprendlingen. Todenheim. Florheim. Wackenheim, Ippesheim, Gau-Odernheim, Wendelsheim,Grolsheim, Sponsheim und Arnsheim.
In Ortsklasse C: Eickenbach, Reichenbach, Seeheim, Messel mit Grube Messel, Babenhausen, Gundernheim, Höchst t O„ König, Fürth i. O., Wald-Michelbach, Klein-Welsheim, Mainflingen, Dad-Salzhausen, Nidda, Büdesheim, Schiffenberg und Schotten.
In Ortsklasse D: Fehlheim. Hähnlein, Ober-Deerbach, Schwanheim, Eich, Malchen.Bran- bau, Brensbach, Fränkisch-Crumbach, Hering, Kl.- Zirnrnern, Hach, Lengfeld mit Zipfen, Rodau, Rohrbach, Wembach, Wersau, Aeberau, Dorf- Erbach. Ebersberg, Günterfürst, Lauerbach, Lützel-Wiebelsbach, Schönnen, Rotenberg, Zell, Fahrenbach, Gras-Ellenbach, Siedelsbrunn, Lörzenbach, Sonderbach, Wahlen, Wald-Erlenbach. Weiher, Zotzenbach, Groh-Felda. Grebenau, Kirtorf, Romrod, Burg-Gemünden, Rieder-Gemünden. Flensungen. Merlau, Mücke, Rieder-Ohmen, Altenburg, Klein-Felda, Leusel, Zell, Alt-Wieder- mus, Berstadt Dleichenbach, Calbach, Diebach am Haag, Düdelsheim, Eckartshausen. Effolderbach, Glaubera Hainchen, Dauernheim, Hain- Gründau. Heegheim, Heuchelheim, Hainbach, Hih- kirchen, Kohden, Langenbergheim, Lindheim mit Enzheim. Lorbach. Merkenfritz, Rieder-Mockstadt, Oberau, Ober-Mockstadt, Ober-Widdersheim, Orleshausen, Ranstadt, Rodenbach, Rohrbach, Selters, Vonhausen, Wolf, Bönstadt, Münzenberg, Oppertshvfen, Trai's-Münzenberg, Hoch-Weisel, Stammheim, Staden, Burkhardsfelden. Mainzlar, Reiskirchen, Staufenberg. Steinheim, Trais-Horloff, Maar, Freiensteinau, Crainfeld, Bermuthshain. Herchenhain und Hartmannshain.
Alle anderen in der letzten Zeit bekannt- gegebenen Aenderungen sind unzutreffend.
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— Versorgung hessischer Eisenbahn-Ruhegehalts- und Wartegeldempfänger sowie ihrep Hinterbliebenen. Die Eisenbahndirektionen sind angewiesen worden, den hessischen Ruhegehaltsenip- fängern, Wartegeldempfängern und Hinterbliebenen, insofern und insoweit ihnen bei Anrechnung der für Rovember 1921 noch einmal gezahlten Dersorgungsgebührnisse vom 1. Oktober 1921 ab höhere Gebührnisse zustehen, alsbald weitere Vorschüsse hierauf im Rahmen der den Reichs-Ruhegehaltsempfängern usw. zustehenden Dersorgungsgebührnisse zu gewähren.
halb, weil sie. wie du sagst, solch einen leichten Sinn hat, sondern weil sie so gut ist, und weil sie das hat, was ich Willen heiße. And das gehört zum Desten, was man haben kann."
„Tein Vater hat trotzdem recht, Mogens," unterbrach ihn Frau Dorris. „Man kann sich ebensowenig selbst einen starken Willen geben als eine frohe Laune. Tas sehen toit am besten an Tante Rova, die immer verstimmt ist."
„Köimte sie denn nicht einen Versuch machen, sich selbst in die Gewalt zu bekommen?" fragte Mogens, der sich, ganz in Eifer geredet hatte. „Vater hat doch gesagt, man müsse lernen, sich selbst in der Gewalt haben." ■
„Tante Rova ist zu alt, um das noch zu lernen," wandte Ellen ein. „Vater hat gemeint, man müsse dazu erzogen werden."
„Was heißt das, erzogen werden?" fragt# Mogens, ohne die Micke von seinem Vater zu wenden.
„Tas heißt, daß man gezwungen wird, das zu tun, was man nicht trn mag!“ rief Ellen rasch.
„Rein, das heißt, daß einem andere Menschen den Willen solange lenken, bis er allen Verhältnissen gewachsen ist."
„Ja, Mogens," nickte der Hauptmann. „And es ist gut, wenn man als Kind jemand hat, der einen so liebt, daß er sich' die Mühe'macht, einem den Willen zu lenken, wie du gesagt hast. Aber nicht alle Kinder haben es so gut.“ c
..Aber ich meine, es fet rfeig, wenn alte Leute, die keinen Willen haben, die Schuld auf ihre Eltern schieben, weil die sie nicht dazu erzogen hätten," fuhr es Mogens heraus, dann warf er, ftlbst etwas verdutzt, seiner Mutter einen raschen Blick zu, senkte aber seine Augen gleich wieder.
Aus Ltadt und Lund.
Gießen, den 9. März 1922.
** EineSitzungdes Provinzialausschusses der Provinz Oberhessen findet am Samstag, den 11. März, vormittags 81/« Ahr, im Sitzungssaal des R e- gierungsgebäudes zu Gießen, Land- graf-Philipps-Platz Rr. 3, statt mit folgender Tagesordnung: 1. Klage des Ortsarmenverbandes Gießen gegen den Ortsarmenverband Climbach wegen Ersatzes der für den Wilhelm Hasselbach zu Climbach aufgewendeten Anterstützungskosten. — 2. Klage des OrtSarmenverbandes Climbach gegen den Ortsarmenverband Lich wegen Erstattung der für den Johann Mehrum aus Burkhardsfelden aufgewendeten Anterstützungskosten. 9l/t Ahr.
** Altertumsfunde. In letzter Zeit sind mehrfach Fälle bekannt geworden, in denen Finder von Altertümern gegen die Bestimmungen des Ausgrabungsgesetzes verstoßen haben. Es sei deshalb darauf hingewiesen, daß zu Ausgrabungen von Gegenständen, die für die Kulturgeschichte einschließlich der Argeschichte der Menschen von Bedeutung sind, die Genehmigung der zuständigen Behörden erforderlich ist. Von Gelegenheitsfunden hat der Entdecker oder Eigentümer eines Grundstückes, auf dem die Gegenstände entdeckt wurden, sofort der Ortspolizeibehörde Anzeige zu machen. Die Unterlassung der Anzeigepflicht oder die Zerstörung, Beschädigung und das Beiseiteschaffen von Funden, deren Ablieferung verlangt wird, ist mit Geldstrafe bis zu 100 000 Mark oder entsprechender Haft bedroht.
** Oberhessischer Geschichtsver- e i n. Aus dem in der Hauptversammlung am 25. Februar vorgetragenen Jahresbericht sei folgendes hervorgehoben: der S o m m e r a u s- flug führte unter Leitung von Prof. Dr. Rauch nach Butzbach, das sich damals gerade anschickte, sein 700jähriges Stadtjubiläum festlich zu begehen. Diesem Anlaß verdankte auch der Vortrag von Geh. Schulrat Dr. Otto über „Wirtschaft und Stadtverwaltung im alten Butzbach", über den bereits berichtet wurde, seine Anregung. Ebenfalls großenteils auf wirtschaftsgeschichtlichem Gebiet, das ja den Zusammenhang zwischen Vergangenheit und Gegenwart am klarsten erkennen läßt, bewegte sich der Vortrag von Privatdozent Dr. Weber über die Geschichte des Waldes, der Forstwirtschaft und der Forstwirtschaftslehre in Oberhessen. Richt minder führte an die Wurzeln von Gegenwartsfragen Professor Dr. Lenz, der über „Die Geschichte des Marxismus" sprach. Gin Vortrag von Prof. Dr. V i - g e n e r über „Die Gießener katholisch-theologische Fakultät" steht noch aus. Eine Führung in der Altertumsabteilung des Oberhessischen Museums machte mit deren reichen Schätzen bekannt. An dem Museum ist der Verein als Gesellschafter beteiligt. Als Vertreter in der Gesellschaftsversammlung und im Aufsichtsrat konnte sich der Vorsitzende von der gedeihlichen Entwicklung der Sammlungen, insbesondere der vor- und frühgeschichtlichen Abteilung, überzeugen. Anter den rund 11000 Besuchern des Museums und unter den 2500 Teilnehmern an den 65 Führungen, die von der Direktion veranstaltet wurden, waren die Dereinsmitglieder zahlreich vertreten, die als solche Sonntags von 11 bis 1 Ahr freien Zutritt zu den Sammlungen haben. Die Tätigkeit des Vereinsvorstandes erstreckte sich vor allem auf die Schaffung einer Arbeitsgemeinschaft der historischen Vereine Hessens, die von Darmstadt aus angeregt worden war. In ihrem.Verlauf wurde der Darmstädter Verein mit der Herausgabe einer reich illustrierten hessischen Heimatzeitschrift beauftragt, die vom 1. April d. I. ab monatlich zu erscheinen beginnt und hessische Geschichte, Kunst und Kultur pflegen soll: da sie vor allem auch als Bindeglied gedacht ist zwischen den Volksgenossen diesseits und jenseits des Rheines, erhielt sie den alten Fährmannsruf „Hol über!“ zum Titel. Die Zeitschrift wird den Vereinsmitgliedern unentgeltlich zugehen, obgleich der Buchhandelspreis mindestens 30 Mark betragen muß. In nächster Zeit wird außerdem Band 24 der „Mitteilungen" unseres Vereins mit reichem Inhalt erscheinen. Der Vereinsbei- t r a g mußte auf 10 Mark, für Gießen auf 12 Mk., erhöht werden. Der Verein hat den Tod mehrerer treuer Mitglieder zu beklagen: unter anderen starb Prof. Dr. Gundermann in Tübingen, der sich während seiner Lehrtätigkeit in Gießen durch die Förderung der vor- und frühgeschichtlichen Abteilung des Museums ein ehrendes Denkmal gesetzt hat. Mehr noch als bisher hofft der Verein Einstig auch den Bedürfnissen der Geschichtsfteunde in der Provinz durch Veröffentlichungen, Vorträge und Ausflüge Rechnung zu tragen; Anregungen in dieser Hinsicht werden gern entgegengenommen. Am seinen gemeinnützigen Ausgaben gerecht werden zu können, ruft der Verein seine Mitglieder zu reger Werbetätigkeit
„Wenn man noch so jung ist wie du, Mogens," — fing Frau Dorris an, aber ihr Mann unterbrach sie.
„Laß doch den Jungen ausreden. Inger," sagte er und schaute Mogens an. „Ich gebe dir darin recht, daß es feia von einem willenlosen Menschen ist, seinen Eltern darüber Vorwürfe zu machen, aber du mußt mir doch zugeben, daß eines Kindes geistiges und körperliches Wachstum von seiner Umgebung gefördert oder gehemmt werden kann?"
Mogens warf einen raschen Dlick auf seine Mutter und machte eine Bewegung mit dem Kopf, die andeuten sollte, daß er die Verantwortung ablehne, wenn diese Unterhaltung noch weiter fortgesetzt werde.
„Mir helfen Worte mm einmal nicht," sagte er kurz. '
„Ach, Mogens will an der Macht des Beispiels heranreifen und ein Mann, werden," sagte Orla lächelnd. „Du könntest dich ja ein wenig nach meinem Beispiel bilden, mein Junge, dann würdest du kwch das altkluge Wesen ein bißchen abstreifen. Rimm du dir nur ein Beispiel an deinem älteren Bruder und sorge dafür, daß etwas Lebensfreudigkeit tn dich hinein kommt, denn das hast du nötig."
„Olein, durchaus nicht" widersprach Mogens. „Ich habe reichlich so viel Lebensfreudigkeit, als ich vorläufig brauche, und ich habe auch ein Beispiel — ein Beispiel —"
„Da siehst du, wie arm seine Sprache ist, Mutter," rief Ellen. „Du wolltest natürlich sagen, du habest ein Beispiel vor Augen.“
„Jawohl, das habe ich,“ nickte Mogens ent- schiüden und schaute seine Mutter uuvc.rwandt an.
aus — sicherlich nicht vergebens in einer Zett, in der die Geschichtsvereine ihre Daseinsberechtigung wahrhaftig nicht erst noch zu erweisen brauchen. Schulen und Vereinen bietet sich die Möglichkeit, durch die persönliche Mitgliedschaft ihres Leiters die Bücherei mit der neuen Monatszeitschrift und den „Mitteilungen" wertvoll zu bereichern oder durch Zahlung eines entsprechend höheren Körperschafsbeitrages daneben allen Mitgliedern auch die übrigen Vergünstigungen zu sichern. Reuanmeldungen sind, damit die Auflage der Heimatzeitschrift und der „Mitteilungen" richtig bemessen werden kann, möglichst bald erwünscht an.den Vorsitzenden, Geheimerat Prof. Dr. Betz a g h e l, Gießen, Hofmannstraße 10, oder an den Schriftführer, Studienassessor Dr. Kunkel, Gießen, Liebigstrahe 84. (Vgl. die Anzeige in heutiger Rümmer.)
VornoLizen.
— Tageskalender für Donnerstag. Großer Horsaal des Physikalischen Instituts. 81/2 Uhr: Öffentlicher Vortrag des Vereins für Luftfahrt. — Astoria-Lichtffüele, ab heute: „Der Zirkuskönig". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Der gelbe Diplomat“.
— Aus dem Stadttheaterbureau. Es sei auf die letzte Aufführung von „Schneider Wibbel" am kommenden Freitag im Abonnement besonders hingewiesen. — Die „Tell"-Aufführung für Schüler am kommenden Samstagnachmittag ist ausverkauft, dagegen sind für das Lustspiel „Die Tür ins Freie" am Sonntagnachmittag noch Plätze in allen Preislagen vorhanden. — Am Sonntagabend wird zum ersten Male nach dem Künstlerfest die Operette „Die Csardasfürstin“ wiederholt.
Landkreis Gießen.
ri. Niederbessingen, 8. März. An Altersschwäche starb hier Heinrich KlöS II., ein Veteran des Jahres 1866 und Mitbegründer des hiesigen Kriegervereins. Om Kriege übernahm er trotz seines Alters nach dem Tode des Bürgermeisters daS OrtS- gericht. Dem Kirchenvorstand gehörte er ein volles Menschenalter lang an und hatte seit längeren Jahren darin das Amt des ausführenden weltlichen Mitglieds. Unter allgemeiner Teilnahme wurde er beerdigt.
Kreis Büdingen.
a. Wallernhausen, 7. März. Die Vereinigung der Dorfkirche hatte für heute zu einer Tagung der Kirchenvvrsteher nach hier eingeladen. Daß man gut in der Wahl des schön und günstig gelegenen Ortes das Richtige getroffen hatte, bewies die außerordentlich starke Beteiligung. Weit über hundert Gäste aus der nächsten und weiteren Umgebung — zumeist Kirchenvorsteher — hatten sich eingefunden. Die Tagung wurde kurz vor 11 Uhr mit einer Andacht in der Kirche, die bis auf den letzten Platz besetzt war, durch Pfarrer Rühl-Wingershausen eröffnet. In wirkungsvoller Ansprache wies er auf die Wichtigkeit und Bedeutung der zeitgemäßenZusammen- kunft hin. An den Gottesdienst, der durch zwei Lieder des gemischten Chores unter Leitung von Lehrer K a i s e r-Wallernhausen verschönt wurde, schloß sich tn der Kirche der erste Dortrag von Pfarrer Georgi- Ermenrod an. Er sprach über das allgemeine Priestertum aller Gläubigen in seiner Bedeutung für jeden. Seine volkstümlichen und darum allgemein verständlichen Ausführungen gipfelten in dem aus dem Leben des Heilandes erbrachten Nachweis, daß für evangelische Christen der Dienst aller an allen allgemeines Priestertum bedeutet. — Nach der Mittagspause, in der die auswärtigen Teilnehmer Gäste der Wallernhäuser Familien waren, begann um 2 Uhr im Saale von Heinrich Walther die Nachmittagsversammlung, die ebenfalls sehr stark besucht war. Auch hier wirkte der gemischte Chor und der Mädchenchor mit Pfarrer Scriba- Eichelsdorf, der eifrige Förderer der Dorfkirchensache, hielt als Vorsitzender der Vereinigung der Dorfkirchenfreunde die Begrüßungsansprache. Er dankte zugleich der Gemeinde, die sich so gastfrei gezeigt, dem Ortsgeistlichen Pfarrer Strack, der Die Tagung so vorzüglich vorbereitet und dem Gesangverein, der sich so bereittoillig in den Dienst der Tagung gestellt Nachdem noch Bürgermeister S ch 1 e u ni n g im Namen der politischen Gemeinde einen Willkommgruß entboten hatte, ergriff Pfarrer Georgi zum zweiten Male das Wort, da der für den Nachmittag vorgesehene Redner, der bekannte Vollsmann Heinrich Naumann- Nanzhausen wegen plötzlicher Erkrankung am Erscheinen verhindert war. Anknüpfend an feinen Vortrag in der Kirche behandelte er das Thema: Das allgemeine Priestertum des Christen in seiner Bedeutung für den Dienst des Kirchenvorstehers tn feiner Gemeinde. Vom Dienst der Kirchenvorsteher sprach er im Anschluß an die für Hessen gültige Einführungsformel bei deren Verpflichtung. Zur Erfüllung der dort angeführten Pflichten und damit zum lebendigen Dienst in der Gemeinde solle die heutige Tagung die Kirchenvorsteher, die Helfer des Pfarrers sein sollen, aus-
„Und das solltest du dir auch' vor Qiagen halten, Ellen, anstatt Dummheiten zu treiben.“
„Warum sagst du denn nicht als Schluß deiner Rede, Mutter ist so schrecklich gut?“ spottet- Ellen.
Es war deutlich zu sehen, wie es tn Mögens kochte, aber er beherrschte sich.
„Wenn Mogens das sagt, hat er sehr recht,“ meinte Orla gutmütig; „denn das ist Mutter auch. Kann ich noch eine Taffe Tee bekommen?“
„Tas ist ein albernes Gerede, von der Gut- heit einer Mutter zu sprechen," rief Ellen eifrig. „Eine Mutter muß doch gut sein. Uebrigens ist Mutterliebe nichts als eine hübsche Art von Selbst sucht.“
„Täese Art von Selbstsucht hast du dir heute sehr zunutze gemacht!" brauste Mogens auf. „Du haft lauter Mittelstücke vom Fisch gegessen und hast Mutter die Kopfstücke gelassen."
„Mutter ißt die Kopfstücke gern.“
„Es gibt keinen Menschen, der die Kopfstücke gern ißt,“ erflärte Mogens bestimmt.
„Du hast doch selbst auch ein Kopfstück genommen!" rief Ellen frohlockend.
„Ja, das war — das war —“
„Du hast nur dem guten Beispiel gefolgt, nicht wahr, Mogens?" schloß der Hauptmann und nickte seinem jüngsten Sohne zu, und feine Stimme klang jetzt ganz weich und miG>.
„Ach, sie schmecken gar nicht so sehr schlecht," murmelte Mogens.
„Siehst du!" spottete Ellen wieder.
„Aber die Mittelstücke sind doch die bestenI" fuhr Mogens auf. „Ich danke für Tee. Darf ich ausstetzen?" Und er floh eiligst aus dem Zimmer.
(Fortsetzung folgt.)


