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Nr. 58

Der Siebener »njelaet erscheint täglich, außer Sonn, und Feiertags. Monatliche Sezngrpreif«: Mk II.SO einschl. Träger, lohn, durch die Post Mk. 14 - einschl. Bestell, gelt», auch bei Nichterschei« nen einzelner Nummern infolge höherer Gewalt, ^ernsprech.Anschlüsse: sürdieSchriftleitung 112; für Druckerei, Verlag und Geschäftsstelle 51. Anschrift für Drahtnoch. richten Anzeiger Stehrn.

Poflfdiedfonio:

Sronffurl a. M. 11686.

Erstes Blatt

172. Jahrgang

Donnerstag, 9. März 1922

General-Anzeiger für Gberheffen

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Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer bis zum Nachmittag vorher odne jede Verbindlichkeit. Preis für 1 mm höhe für Anzeigen o 34 mm Breite örtlich 90 Df, auswärts 120 Df.; für Nekl ame» Anzeigen von 70 mm Breite 350D'- Bei Platz. Vorschrift 20 °/e Aufschlag. Hauplschristleiter: Aug. Goetz. Verantwortlich für *politih: Aug. Goetz; für den übrigen Teil: Karl Walther; für den

Drud und Verlag: vrühl'sche Univ.-Vuch- und Stctnörudcrci R. Lange. Schriftleitung, Geschäftsstelle und Druckerei: Schulstrahe 7.

Anzeigenteil: Hans Beck, sämtlich in Giefzen.

Die Wirtschaftslage Anfang März.

Don Prof. Dr. Georg Jahn, Braunschweig.

Seit Mitte Januar hat der Kurs der Mark wiederum eine abwärts gleitende Rich­tung eingeschlagen, nachdem er sich vorher einige Zeit auf ungefähr gleicher Höhe ge­halten hatte. Diese Abwärtsbewegung ist keine stürmische und stark wechselnde, sondern ver­läuft im Gegenteil ziemlich langsam und stetig, immerhin waren wir Anfang März bereits wieder in Tiefen angelangt, die an den Okto­ber und November des vergangenen Jahres erinnern. ES ist nicht ohne weiteres ersicht­lich, wodurch diese Abwärtsbewegung verur­sacht worden ist, da ja der Export seit dem Herbst steigende Erträge bringt und zeitweilig sogar die Einfuhr wesentlich überstiegen hat. Obgleich Zahlenunterlagen nicht zur Verfü­gung stehen, kann aber doch wohl gesagt wer­den, daß eS der steigende Bedarf an auslän­dischen Zahlungsmitteln ist, der in den letzten Wochen von neuem auf die Mark gedrückt hat. Die lange geübte Zurückhaltung im Einkauf von Rohstoffen und Nahrungsmitteln läßt sich eben nicht dauernd aufrecht erhalten, wenn weiter produziert und Ernährungsschwierig­keiten rechtzeitig vorgebeugt werden soll. Da­zu kommen die Zahlungen an die Entente, die zwar in kleinen Quoten erfolgen, aber doch immerhin im Monat an die 100 Millionen Goldmark betragen. DaS hat das kurze Zeit mühsam aufrecht erhaltene Gleichgewicht auf dem Markte der ausländischen Zahlungsmit­tel bald wieder beseitigt und die Mark, allen Bemühungen zum Trotz, doch wieder zum Sinken gebracht.

Die Folgen dieser Entwicklung machen sich im Inland jetzt umso schärfer bemerkbar, als zum Dalutaeinfluh inzwischen eine ganze Reche anderer preissteigender Momente hin­zugekommen ist: der Wegfall der staatlichen Lebensmittelzuschüsse, die gewaltige Steige­rung der Eisenbahn- und Posttarife, die er­höhte Umsatzsteuer, die neue Belastung der Kohle, die Goldzölle, die Erhöhung der Ein­kommen- und Vermögenssteuern, endlich die Zwangsanleche, auf die in aller Kürze ein Vorschuß eingezahlt werden soll. All das wird natürlich zunächst auf die Preise abgewälzt, da kein Fabrikant und kein Händler diese Lasten zu tragen vermöchte, selbst wenn er es im Interesse der Erhaltung seines Absatzes wollte. And so muß sich dann beinahe von Tag zu Tag das ganze Preisniveau heben, zu­mal auch von der Geldseite her die Noten­presse steht ja keine Stunde still die Preise fortgesetzt aufgebläht werden. In allem An­glück ist auch in der Zukunft auf eine Ände­rung dieser Zustände nicht zu hoffen; weist doch der Haushaltsvoranschlag des Reiches ein Defizit von nicht weniger als 92 Milliarden Papiermark auf, das durch die Zwangsanleihe allein ganz gewiß nicht gedeckt werden kann, mag man bei der Veranlagung auch noch so scharf vorgehen.

Während sich unter solchen Amständen die fortgesetzt mächtig erhöhen, erschöpft sich die Kaufkraft sehr erheblicher Teile der Bevölkerung immer mehr, da die Lohn- und Gehaltssteigerungen der Arbeiter, Angestellten und Beamten in keiner Weise mit den Preissteigerungen Schritt zu halten ver- mögen. So muh der Absatz allmählich sin­ken, die Versorgung der Bevölkerung schlech­ter werden, die Verarmung fortschreiten. Aber auch der Export kann auf die Dauer von dieser Entwickelung nicht unberührt bleiben. Bisher ist es den Exporttndustrien und dem Export­handel zwar noch recht gut gegangen, da der Stand der Mark Antrieb genug zum Kauf deutscher Waren gewesen ist; aber es hat den Anschein, daß in der letzten Zeit die Ge­stehungskosten wesentlich mehr gestiegen sind, als gleichzeitig der Markkurs sank. Die Früh­jahrsmessen in Leipzig, Frankfurt und Bres­lau werden bald zeigen, wie weit sich diese Tendenz bereits durchgesetzt hat und welchen Einfluß sie auf die Einkaufslust der Auslän­der ausübt. Es kann sein, daß in einiger Zeit bei vorhandenen Exportschwierigkeiten die Lieferungen für den Wiederaufbau in Nord­frankreich eine erwünschte, ja notwendige Hilfe werden, um die Produktion nicht einschränken zu müssen und die Arbeitslosigkeit in manchen Industrien zu verhindern. Ob sie freilich recht- zeittg genug einsetzen werden, ist eine Frage, deren Beantwortung leider nicht von Deutsch­land abhängig ist. Aber vielleicht bildet der jetzt geplante freie Verkehr zwischen Besteller im Wiederaufbaugebiet und Lieferant in Deutschland (an Stelle der bisher vorberei­teten bureaukratischen Organisation der Liefe­rungsvorstände) einen Anreiz für die Fran­zosen, nun endlich mit ihren Industrieaufttä- gen herauszurücken.

And in einer solchen Lage, die doch wahr­lich an Schwierigkeiten reich genug ist, muß die Volkswirtschaft auch noch die Folgen des Cisenbahnbeamtenstreiks überwinden. Wie sehr der normale Gang der Wirtschaft dadurch gestört wurde, ist ja noch immer viel zu we­nig bekannt; es könnte sonst manchem bange werden, der selbst den Beamtenstreik vertei­digt, wenn wieder einmal wie schon so oft das Einkommen hinter der Preissteigerung zu­rückbleibt. Wie lange noch wird es dauern, bis unser Volk einsieht, daß dies die untauglich­sten Mittel sind, um aus dem Elend und der wirtschaftlichen Versklavung herauSzu- kvmmen?

. Die Konferenz von Genua.

Amerika nimmt nicht teil!

Paris, 9. März. (WTD.) Havas mel­det auS Neuhork: Die Vereinigten Staaten haben die Teilnahme ander Konferenzvon Genuaabgelehnt.

Wiederum 31 Millionen Goldmark gezahlt!

P a r i S, 8. März. (Havas.) DerTempS" berichtet, daß die deutsche Regierung den Vertreter der Reparationskvmmission in Ber­lin davon in Kenntnis gesetzt hat, daß sie die Dekadenzahlung in Höhe von 31 Millionen Goldmark, die am 8. März fällig war, ge­leistet habe.

Finanzkonfcrcnz in Paris.

Paris, 8. März. (Havas.) Die alliier­ten Finanzmini st er haben unter dem Vor­sitze des französischen Finanzministers de La­st eh rie eine vorbereitende Sitzung abgehalten, an der außerdem der Delegierte Iapans, Sakiba, und der offiziöse Vertreter der Vereinigten Staaten, Vohden, teilnahmen. De Lasteyrie bewillkommnete seine alliierten Kollegen und gab seiner Freude darüber Ausdruck, den Wunsch seiner Kollegen feststellen zu können, zu einer befriedigenden Lösung der schwebenden Fra­gen zu gelangen. Die Delegierten der einzelnen Regierungen überreichten verschiedene Schriftstücke zu den Fragen, die den Gegenstand der Konferenz bilden werden und die der Sachverständigenaus­schuh gleich nach seiner Ernennung prüfen soll.

Paris, 8. März. (Havas.) In ihrer zwei­ten Sitzung haben die alliierten Finanz- m i n i st e r die Frage des Wiesbadener Abkommens, die Frage der Anrechnung der Saargruben und die Frage des Italien zu gewährenden Anteils an den von Deutschland geleisteten Zahlungen geprüft. Der Sachverstän­digenausschuh ist zur Prüfung der übrigen Punkte der Tagesordnung geschritten, um die Texte aus­zuarbeiten, die den alliierten Finanzministern unterbreitet werden sollen.

Nene Stimmen ans Frankreich.

Paris, 8. März. (Wolff.) Auch dasPe­tit I o u r n a 1" behandelt die R e p a ra t i o n s- frage praktisch, indem es die Frage stellt, ob diesmal wieder die seltsame Doktrin vorgeschla­gen werde, die sofortigen Reparationszahlungen als etwas Nebensächliches zu betrachten, während man als die sicheren Zahlungen diejenigen ansehen würde, die etwa in 30 oder 40 Iahren erfolgen sollten. Man könne Frankreich nicht leicht dazu bringen, die Grundsätze anzunehmen, daß, je we­niger die Deutschen in den nächsten Iahren zahlen würden, sie um so mehr fähig seien, gegen das Iahr 1930 zu bezahlen. Dagegen werde das Publikum sehr leicht begreifen, wenn die Regie­rung einen Gesamt-Reparationsplan aufstellen würde. Ein derartiger Plan sei im Dezember in Chequers ausgearbeitet worden. Lloyd George habe damals die Liquidierung der alliierten Schulden ins Auge gefaßt und ein dauerndes Moratorium für Deutschland. In die­sem Plan habe Frankreich die Priorität auf die Reparation seines materiellen Schadens haben sollen. Rur auf diesem zweiten Wege sei es mög­lich, die Lösung des Reparationsprvblems zu suchen.

DieHorde" der Kommissionen.

London, 8. März. (Wolft.) Im Ober­haus lenkte gestern Lord Newton die Auf­merksamkeit auf die übermäh igen Aus­gaben im Zusammenhang mit den zahl­reichen interalliierten Kommis­sionen in Mitteleuropa und deren Auswirkung auf die wirtschaftliche Erholung der vormals feindlichen Staaten und deren Fähigkeit Repara­tionen zu zahlen. Lord Newton sagte, nach Ein­stellung der Feindseligkeiten sei eine große An­zahl von Kormnissionen von den Alliierten über ganz Europa gesandt worden. Militärmissionen, Marinemissionen, ßuftfat>rtmiffionen, Finanz­missionen, Lebensmittelmissionen, Eifenbahnmif- ftonen usw. Eine riesige Horde von Be­amten männlichen und weiblichen Geschlechts haben sich im Frühjahr 1920 nach Wien be­geben. um zu untersuchen, welche Reparationen bezahlt werden können. Sie seien ein ganzes Hahr in Wien geblieben. Die Kosten der Mis- ion hätten 7» o Millionen Kronen betragen. Von dieser Summe habe die österreichische Regierung 2i Millionen bezahlt, die übrigen 5 Millionen Kronen hätten die Alliierten aus ihren eigenen Taschen bezahlen müssen.

In Deutschland feien im gegenwärtigen Augenblick Kommissionen im Aederftuh vorhan­den. Die Reparalionekomm s ion koste mvnail ch 32 Millionen Marl und die Kontrollkommission, die zum Zwecke der Entwaffnung in Deutschland anwesend fei, bestehe aus 1569 Personen und koste nicht weniger als 23*/» Millionen Mark monatlich. Es bleibe kaum etwas für die Kontrollkommission zu tun übrig, und trotzdem habe ihr Personen­bestand keinerlei Verminderung erfahren. Ihr Bestand werde immer noch ausrechterhalten, da von Zeit zu Zeit in Deutschland noch versteckte Waffen gefunden würden. Die G e s a m t k o st e n dieser Kommissionen in Deutschland einschließlich der Kosten der Truppen in Schlesien betrage die sehr große Summe von 1800 bis 2000 Mil­lionen jährlich. Wenn man zu dieser Summe die Ausgaben für das Besatzungsheer rechnet, sei es nicht schwer, einzusehen, daß die Aufgabe, Deutschland zahlen zu lassen, schwie­riger und verwickelter fei, als sich die Leute in England vorstellen.

Die Finanzlage in Ungarn sei vollkommen verzweifelt. Es seien jedoch in genau dem­selben Amfang Kommissionen nach dort entsandt worden. Die maritime Stärke Angarns belaufe sich auf vier mehr oder weniger veraltete Pa­trouillenboote auf der Donau, und trotzdem sei geplant, eine Marinekommission nach Angara zu entsenden, die aus vier Admiralen bestehe, um Angarn zu entwaffnen. Der militärische Teil der Kommission bestehe aus 250 bis 300 Personen* und koste mehr als das gesamte ungarische Heer von 350 000 Mann. Während der ersten sechs Monate habe diese Militärkontrollkommission 250 Millionen Kronen gekostet, und die monat­lichen Kosten dieser Kommission werden jetzt auf 30_ Millionen Kronen geschäht. Ein britischer ge­wöhnlicher Soldat, der zu dieser Kommission ge­höre, empfange in einem Monat an Gehalt und Zuschüssen ebenso viel wie ein ungarischer Pre­mierminister in einem Jahr. Die ganze Kom­mission koste 10 Millionen Kronen. Die Repara-. tionskommission mit einem Sekretär und zwei oder drei Gehilfen habe im Laufe eines Monats in Angarn für Bureau- und Möblierungszwecke eine große Summe ausgegeben. Ihre augenblick­lichen Ausgaben werden auf nicht weniger als 100 Millionen Kronen monatlich geschäht. Bul­garien. das ebenso wie Angarn mit einem riesigen Defizit zu kämpfen habe, sei auch ein Anteil der Kommissionen zugewiesen worden. Die Militärkommission bestehe aus je einem Vertreter aller Großmächte und es gebe absolut nichts zu tun. (Sie lebten auf die teuersten Ma­nieren. Ein Maschinenschreiber, der zu dieser Kommission gehöre, empfange zweieinhalbmal so viel wie ein bulgarischer Kabinettsminister. Die Reparationskommission, die im März 1921 in Bulgarien eingetroffen sei und aus etwa vierzig Personen bestehe, ausschließlich der bulgarifchen Angestellten, nehme die besten Wohnungen für sich in Anspruch. Für Möblierungszwecke sei ein großer Betrag verwendet worden. Das Haupt einer der Delegationen in Bulgarien (glücklicher­weise nicht der englischen) habe sich auf Kosten der bulgarischen Regierung ein großes Klaviek aus Wien kommen lassen und in einem Hotel in Sofia aufgestellt. Das Haupt der Delegation habe sogar der bulgarischen Regierung eine Rechnung für das Stimmen des Klaviers übersandt! Bul­garien habe für diese Kommission im Zusammen­hang mit den Kosten für die interalliierten Trup­pen nicht weniger als 721 Millionen Franken aus- gegeben.

Der Anblick dieser Kommissionen, die auf dem Bankerott des Volkes gedeihen, ist eines der widerlichsten Bilder, die man sich vor st eilen könne. Es werde gesagt, daß England mitmachen müsse, da die Alliierten es auch tun. In diesen besonderen Fällen würde er sich freuen, wenn England mit den Alliierten nicht zusammenginge.

L. P h i 11 i m o r e gab der Hoffnung Aus­druck, daß die Rede Lord Newtons die Regierung dazu bewegen werde, diese Frage zu erwägen. Es würde ein großer Gewinn für den Frieden der Welt fein, wenn die Geschäfte dieser Kommis­sionen aufhörten und wenn sie so bald wie mög­lich zurückgezogen würden.

Die Einführung der Sommerzeit in Frankreich.

Paris, 8. März. (Havas.) Die Kammer begann die Diskussion über die Sommerzeit. Der Berichterstatter sowie der Minister der öffent­lichen Arbeiten Le Troquer legten die sozialen Vorteile dieser Maßnahme dar, doch verhielt sich ein großer Teil der Abgeordneten vom Lande ablehnend gegenüber der Zeitänderung. Die Kam­mer beschloß, heute eine Sitzung abzuhalten, um die Frage zu erledigen. Es werde jedoch erwartet, daß sich für die Einführung der Sommerzeit eine Mehrheit von 50 Stimmen ergeben dürfte. Nähere Angaben über das Ergebnis der Qtbftimmung können jedoch noch nicht gemacht werden.

Das neue spanische Kabinett.

Madrid, 8. März. (Havas.) Das neue spanische Kabinett setzt sich folgender­maßen zusammen: Ministerpräsident: San- chez Guerra; Außenminister: Fernandez P r i d a; Zustizminister: Bertram M u s i t i; Finanzminister: B e r g a m i n; Kriegsmini­ster: General Otaguerö; Marineminister: O r d o n e z; öffentliche Arbeiten: Arguel­les; Anterrichtsminister: S i 1 i o; Arbeits­minister: Calderon.

Die Steuerfragen.

Berlin, 8. März. Die Ausschuß- beratungen über die Steuerfrage von heute vormittag sind bis auf das noch aus­stehende Mantelgesetz der Zwangsanlcihe ab­geschlossen. Es bleibt nun nur noch die Fertig­stellung der Ausfchußberichte für das Plenum übrig. Die für heute nachmittag angesehten Besprechungen des Reichskanzlers mit den Parteiführern über die Frage des Steuerkom­promisses wurden auf morgen verschoben. Für Sonnabend ist eine gemeinsame Sitzung der Steuerausschüsse in Anwesenheit des Kanz­lers und der anderen Regierungsvertreter geplant. Die Beratung der Steuergeseye im Plenum wird lautVossischer Zeitung" erst Ende der nächsten Woche beginnen können. Wie dasD. T." schreibt, wird das Steuer- kompromih nicht von der Regierung dem Hause vorgelegt, sondern von einer der Par­teien als Initiativanttag, und wird sich auf das Mantelgesetz der Zwangsanleihe er­strecken.

Berlin, 8. März. (Priv.-Tel.). Laut demLichtuhr-Abendblatt" hat der Abgeord­nete Stresemann gestern in einer Rede drei De dingungen der Deutschen Volks- Partei für ihre Teilnahme am Steuerkompro- miß und ihre Zustimmung zur Zwangsanleihe genannt: Die drei Bedingungen sind: Nicht­verwendung der Einkünfte der Zwangsanleihe zur Deckung von Fehlbeträgen im Etat, son­dern nur zur Finanzierung der Sachleistungen; Sparsamkeit und Befragung des Parlaments bei dem Abschluß wichtiger Abkommen. Außerdem- würde die definitive Ernennung, Hermes zum ReichSfinanzminister von der ' Deutschen DolkSpartei begrüßt werden.

Schwere Anklagen gegen Reichsminister Hermes.

Berlin, 9. März. DieFreiheit" ver­öffentlichte gestern abend schwere Beschuldigun­gen gegen den Reichsernährungs­minister D r. Hermes. Nach dem Eingaben ter Freiheit" soll der Minister her vor- ragendeWeineingrohenMengen zum 15. bis 20. Teile des Handelspreises bezogen und sich durch besonders gute Behandlung des Winzer­verbandes dafür erkenntlich gezeigt haben.

Eine Berliner Korrespondenz glaubt die Mel­dungen derFreiheit" bestätigen zu können und will weiter erfahren haben, daß Dr. Heremes im April 1920, also unmittelbar nach seinem Amtsantritt als Minister, ton dem Winzer- verband für Mosel, Saar und Ruwer in Trier 200 Flaschen Wein, dessen offizieller Handels- Preis 35 bis 60 Mark die Flasche betrag, für 3 Mark die Flasche bezogen, also etwa 7000 Man bei dieser Lieferung erspart habe.

DieFreiheit" veröffentlicht heute als Be­weisstück ihrer Behauptung einen Brief des ge­nannten Winzerverbandes an den Regierungsrat Dr. I a f f 6 - Berlin, in dem sich der Terband bereit erklärt, 110 Flaschen Weine verschiedener Marken, die Flasche zu 3 Mark, an den Mi­nister sofort abzusenden. Eine der sozialdemo­kratischen Partei sehr nahestehende Korrespon» denz teilt Leiter mit, daß die sozialdemokratisch« Partei bereits in der nächsten Reichstagssihung wegen der Veröffentlichung der »Freiheit" einen Schritt zu unternehmen gedenke.

DaßBerliner Tageblatt" hört, daß Dr. Hermes voraussichtlich bei 'der Verhandlung über den Etat des Ernährungsministeriums sich zu den Beschuldigungen äußern wird. DerLokalanz." sieht in den Enthüllungen einen letzten Versuch, die Ernennung des Ministers Hermes zum Rekchs- finanzminister zu vereiteln und glaubt zu wissen, daß die Anschuldigungen haltlos sind.

Der Reichspräsident Ebert über die deutsche Rechtspflege.

L e i p z i g, 8. März. (WTB.) Der zweite Tag der Anwesenheit des Reichspräsidenten galt dem Besuch des höchsten deutschen Gerichts­hofs, des Reichsgerichts. Der Reichsgerichtspräsi­dent richtete an den Präsidenten Worte der Be­grüßung, auf die der Reichspräsident mit folgen­der Ansprache erwiderte:

Herr Präsident! Meine Herren! Sichtbar und vernehmlich vollzieht sich der Wiederaufbau der deutschen Wirtschaft. Ich habe es beim Be­suche der Leipziger Messe mit stolzer Bewunde­rung erlebt. Still und unmerllich geschieht der nicht minder wichtige Aufbau des deutschen Rechts. Der Boden hat unter uns gewankt in diesen schweren Iahren, auch der Rechtsboden. Das Rechtsbewuhtsein ist gelockert, überkommene Rechtsanschauungen sind erschüttert. Die Rechts­pflege ist vor die schwere Aufgabe gestellt worden, altes Recht und neues Rechtsgefühl in Einklang zu setzen. Sie, meine Herren, haben bei dieser ver­antwortungsvollen Aufgabe die Führung. Das Reichsgericht hat in bedeutsamen Entscheidungen bewiesen, daß es sich seiner Ausgabe bewußt und ihrer Erfüllung mächttg ist. A^r es ist Ihnen nicht vergönnt, Ihren neuen Ausgaben in der den Tages kämpfen entrückten Ruhe von ehedem unangefochten obzuliegen. Dem höchsten Gerichts­höfe des Reiches ist die Pflicht zugefallen, den Krieg und die Erschütterungen, die ihm folgten, juristisch zu liquidieren. Die schwersten Ausgaben, die wohl je einem Richter oblagen, sind auf Ihre Schultern gelegt worden, und das Reichsgericht ist in den Brennpunkt des öffentlichen Interesses gerückt und der öffentlichen