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Erster Blatt

172. Jahrgang

zrettag, 7. Juli 1922

SietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Gberhessen

Druck und Verlag: SrShl'sche Umv.-Vuch- und Sleindruckerei H. Lange. Zchnftlettung, Geschäftsstelle und Druckerei: 5chulstrahe r.

Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer bis zum Nachmittag vorher ohne jede Verbindlichln'it. Preis für 1 mm höhe für Anzeigen v. 34 mm Breit» örtlich 150 Pf., auswärts 180 Pf.; für Reklame- Anzeigen von 70 mm Breite 500 Pf. Bei Platz. Vorschrift20"Aufschlag Hauptschriftleiter: Aug. Goetz. Verantwortlich für Politik: Aug. Goetz; für den übrigen Teil: Ernst Blum sch ein; für den Anzeigenteil: Hans Deck, sämtlich in Gießen.

Billiges Brot?

Nachdem überall in Deutschland Prvtest- bersammlungen gegen die freie Getreidewirt­schaft abgehalten und im Reichstag ebenfalls viele Dolksversammlungsreden gehalten sind, ist für das neue Crntejahr die Beibehaltung des Umlageverfahrens zum Zweck der .Ge­treideversorgung gegen die Stimmen der Deut­schen, Deutschnativnalen und Bayerischen Dolkspartei beschlossen worden. Das neue Verfahren bedeutet für die Landwirtschaft im Großen und Ganzen keine Verbesserung, son­dern eine Verschlechterung gegen das Vorjahr. Die Befreiungsgrenze ist etwas heraufgesetzt.

Das Wesentliche ist, daß wieder 2Vs Mil­lionen Tonnen der kommenden Ernte zu festge­setzten Preisen eingezogen werden. Für das erste Drittel sollen die Preise für die Tonne Roggen 6900, Weizen 7400, Gerste 6700, Ha­fer 6600 Mark betragen. Für die beiden spä­teren Lieferungen werden die Preise auf der­selben Grundlage neu berechnet.

Bedeutet diese Fortsetzung der Zwangs­wirtschaft nun wirklich eine Verbilligung des Brotes, die die Lage der Verbraucher in nen­nenswerter Weise verbessert? Der Drvtpreis setzt sich zurzeit nach einer amtlichen Statistik der Reichsgetreidestelle zu ca. 30 Prozent 4.90 Mark aus dem Anteil der heimischen Landwirtschaft, zu 34 Prozent 5.60 Mark Ausgaben für das Auslandgetreide zusam­men, das übrige verschlingen die Kosten für Frachten, Steuern, Verwaltung, und der Ent- qeld an Müller und Bäcker. Legt man wie die Regierung in ihren Begründungen einen Weltmarktpreis von 17000 Mark für die Tonne zugrunde, so würde unter Berücksichti­gung aller angegebenen Faktoren das Brot von 1900 Gramm etwa 30 Mark während der nächsten Monate kosten. Wieses Resultat stimmt mit den vor einiger Zeit gemachten Angaben der Reichsgetreidestelle ziemlich überein.

Um nun die angebliche Verbilligung des Brotes durch das Umlageverfahren abzu­schätzen, sei zum Vergleich der Preis ausge­rechnet, der sich auf dieselben Angaben stützt, nur für das inländische Getreide Weltmarkt­preise annimmt. Zwar lagen die deutschen Ge­treidepreise fast immer unter diesem Welt­marktpreise, aber er soll angenommen werden, um dem Vorwurf einer tendenziösen Statistik zu entgehen. Aus demselben Grunde sollen die Kosten für die Verwaltung der Reichs­getreidestelle und der Kvmmunalverbände mit­hineingerechnet werden, obwohl die Verwal­tungskosten sich bei Einführung der freien Wirtschaft natürlich vermindert hätten. Für die 30 Millionen Zentner Getreide der ersten Lieferung würden 14,2 Milliarden für inlän­disches, 11,3 für ausländisches, zusammen 25,5 Milliarden Mark bezahlt werden müssen, während die übrigen Preisfaktoren, wie bei der ersten Berechnung, 5,6 Milliarden aus­machen würden. Der Gesamtaufwand für Brot beträgt also 31,1 Milliarden Mark. Das 4Pfundbrot käme auf etwa 41 Mk. Bei dem durchschnittlichen Anteil von einem Brot für den Kopf und die Woche bettägt also der Unterschied 45 Mark im Monat für den Verbraucher. Das ist die Entlohnung für noch nicht zwei Arbeitsstunden. Es ist bezeichnend für die geistige Verfassung des neuen Deutschland, daß eine solche Mehr­leistung an Arbeit überhaupt nicht in Frage kam, um eine in tausend Volksversammlun- aen als unerttäglich geschilderte Verteuerung der Lebenshaltung wett zu machen. Die täg­liche Ersparnis beträgt für eine Person Vs der Kosten einer Sttahenbahnfahrt in Berlin, Vio Tafel Schokolade, 1 , Kinvbillet, 2 Zigaret­ten mindester Güte, Arbeitslohn für etwa 5 Minuten.

Bei einem weiteren Ansteigen der Teue­rung wird das Verhältnis das gleiche blei­ben. Darum ist auch die Beweisführung des Reichsernährungsministers Fehr nicht durch­schlagend, daß nämlich ein ruhender Pol ge­schaffen werden müßte. Es ist übrigens be­merkenswert, daß Herr Fehr selber das Mo­ment der Verbilligung in seiner Reichstags­rede garnicht erwähnt hat, also wohl auch nicht daran glaubt.

Es ist ein v v l k s w i r t s ch a f t l i ch e r Unsinn, einem gewerblichen Betrieb die Möglichkeit zu nehmen, bei Verteuerung sei­ner Selbstkosten die Preise für seine Selbst­kosten zu erhöhen. Die nächste Ernte muß, ohne daß ein Vorwurf der Sabotage erho­ben werden kann, hinter dem zurückbleiben, was sie bei Befreiung vom Zwange hätte bringen können. Es ist zu fürchten, daß unter dem Druck unserer mißlichen außenpolitischen Lage die Ausgaben für ausländisches Ge­treide im nächsten Jahr um ein mehrfaches höher sein werden. Was die deutsche Ver- braucherschaft in diesem Erntejahr für die Produttionssteigcrung der Landwirtschaft aus­gegeben hätte, hätte sie doppelt und dreifach.

vielleicht zehnfach, in den nächsten Jahren ge­spart.

Darum ist das neue Gesetz in Wirklich­keit kein Dienst am deutschen Volke. Wie soll­ten die wirklich mit dem Hungertode ringen­den Schichten unserer Sozial- und Altersrent­ner in die Zukunft sehen? Sie sind in erster Linie die unschuldigen Opfer des Versailler Vernichtungsfriedens und des Niederganges deutscher Wirtschaftskraft und Arbeitsleistung. Ihnen kann nur Hilfe werden, wenn diese traurigen Ursachen ihrer Not beseitigt werden.

Da nun aber die so stark umstrittene Maß­nahme Gesetz geworden ist, muß es die ge­samte Landwirtschaft im Interesse des Ganzen als ihre Aufgabe betrachten, sich zu fügen und die ihr auferlegten Pflichten voll und rückhalt­los zu erfüUen. Zeder Landwirt, der das jetzt nicht tut, versündigt sich am Volk und Vater­land.

Die Frage der Regierungserweiterung.

Die deutsche Volk «.Partei von Zentrum und Demokraten zur Zusammenarbeit ausgefordert.

Berlin, 6. Juli. Die Zentr-nmsfrak- tion und die demokratische Fraktion des Reichstages,haben gemeinsam einen Brief andieDeutschcBolksPartei gerichtet, in dem gejagt wird, daß sie eine Zusammenarbeit mit der Deutschen Volkspartei für möglich halten und sie daher um Aeußerung bitten, ob die Deutsche Dolkspartei bereit sein würde, sich an der Regie­rung zu beteiligen.

Berlin, i. Juli. (Priv.-Tel.) Zu dem ge- meinsamen Dries des Zentrums und der Demv- lraten an die Deutsche Dolkspartei und die Baye­rische Volkspartei, der diese Parteien crufsvrdert, sich an der Regierung aktiv zu beteiligen, bemerkt derD o r w ä r t s", in maßgebende» Kreisen der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion stehe man diesem Schritt der bürgerlichen Koalitivnsparteien äußerst pessimistisch gegenüber, zumal man sich klar baniber sei, daß ein Gesetz zum Schuhe der Republik, wie es unter den augenblicklichen Verhältnissen notwendig sei, nur durch eine Links­mehrheit mit Einschluß der Unabhängigen erledigt werden könne. Bei der Deutschen Volkspartei, .so meldet derVorwärts" weiter, scheine seit der Rückkehr Stresemanns die Geneigtheit zur Teilnahme an der Regierung stark zu wachsen.

Prügelscenen

im preußischen Landtag.

Berlin, 6. Zuli. Im preußischen Landtag tag kam es heute im Laufe der Beratung über die Anträge der Kommunisten, der Unabhängigen und der Koalitionsparteien zu dem Gesetz über den S ch.u h der Republik und das Am- nestiegeseh zu unliebsamen Szenen. Die Aus­führungen der deutschnat. Abg. Weihermel und Dr. Deerberg wurden wiederholt^iirch stürmische Zurufe aus den Reihen der Linken unterbrochen. Als der Abg. Herrmann-Fre­dersdorf (dntl.) zu einer persönlichen Bemerkung auf die Rednertribüne zuschreitet, erhebt sich auf der Linken ein ungeheurer Sturm der Entrüstung, offenbar wegen der in den letzten Tagen erschie­nenen Notiz, wonach Herrmann Angehörige der Mordorganisation angeblich mit Geldmitteln unterstützt habe. Unter Führung des unabhängigen Abg. Meier eilten Abgeordnete der Linken zur Rednertribüne; deutschnationale Redner kamen zum Schuhe des Redners. Meier ergriff eth auf dem Tisch liegendes Aktenstück und warf es dem Herrmann an den Kopf. Es kam zu einem all­gemeinen Handgemenge und einen Mo­ment lang sah man nur einen sich stoßenden und drängenden Knäul von Abgeordneten. Nach einer Unterbrechung der Sitzung schlug Präsident ß ei rt er t Vertagung vor. Dieser Antrag wird gegen die Stimmen der Linken angenommen.

Das Gesetz

zum Schutze der Republik.

Berlin. 6. Zuni. (WTB.) Im Rechts- arrs schuß des Reichstags wurde mit der Beratung des Gesetzes zum Schutze der Republik begonnen. Zu dem Gesetz sind ver­schiedene Anträge gestellt worden. So beantragte das Zentrum, den Kreis der durch» das Gesetz zu schützenden Personen auch auf die Volksvertreter des Reiches und der Län­der auszudehnen. Von sozialdemokrati­scher Seite liegt eine Reihe von Anträgen vor, die die unter Strafe zu stellenden Handlungen noch erweitern und höhere Strafen vorsehen. Weiter beantragten die Sozialdemokraten, daß der Staatsgerichtshof zum Schutze der Re­publik nickt bei dem Reichsgericht, sondern tn Berlin errichtet werden soll. Der Antrag der Deutsche» Dolkspartei will die Straf­freiheit nicht nur auf Geistliche, wie sie im § 1 des Gesetzentwurfes vorgesehen ist, sondern and), auf Re chtsan l t e ausgedehnt wissen in Ansehung dessen, was ihnen in Ausübung ihres Berufes anvertraut ist. Die Debatte drehte sich in der Hauptsache um die Frage, ob ein Gesetz zum Sckutzc der Republik sofort notwendig sei, oder ob man vorläufig mit der Verordnung aus- Icmmcn könne. Für letztere trat?» die Deutich- nationalen und die Deutsche Dolkspartei ein. Nach Schluß der Aussprache wurde zur Durchberatung der verschiedenen Anträge eine Vnlerkommission eingci'cht. In der morgig :n Sitzung d-s Rechts - ausschusses soll sofort mit der Abstimmung be­gonnen werden.

Die Frage der Kriegsschuld in der französischen Kammer.

Nach der in unserer gestrigen Nummer skiz­zierten Rede des Kommunisten Abg. D a i l l a n t- Cvutourier ergriff

Vibiani, der Chef der Regierung im Zähre 1914, das Wort. Er nimmt für sich die volle Verantwortung für das. was sich» zu Beginn des Krieges ereignete, in Anspruch. Diviani sprach von der Verant­wortung Oesterreichs und Deutschlands und von den Opfern, die die frairzösischie Regierung bis zum letzten Augenblick gebracht habe dadurch, daß sie zehn Kilometer von ihrem Gebiet aus gegeben habe. (Viviani wird von einer Anzahl von Abgeordneten umarmt. Selbst Poincare ver­läßt seinen Platz, schüttelte ihm die Hände und umarmt ihn, als er an den Burgfrieden erinnerte, den man am 4. August 1914 abgeschlossen habe.) Der Präsident der Republik und er hätten tragi­sche Stunden zusammen durchlebt. Er müsse aber dm unvergleichlichen Geist des damaligen Präsi­denten der Republik anerkennen der völlig auf dem konstitutionellen Boden geblieben sei, aber auch in den Ministerräten die wohlwollendste Aktion ausgeübt habe.

Za u res habe im entscheidendsten Augen­blick gesagt:Ich sehe keinen Abgrund zwischen dem Frankreich der Regierung und dem Frankreich der Arbeiter." Als beschlossen worden sei. bi- Truppen zehn Kilometer von der Dr'irze zurück­zuziehen, sei es Poincare getreten, der die Initiative ergriffen habe, um bchondsrs än die Kavallerie zu denken, die in dem Be­fehle des Kriegsministers nicht einbegriffen ge wesen sei. Als man Rußland den Krieg erklärt habe, sei Iswolski ins Elysee gekommen und habe gefragt, ob Frai^reich, durch seine Allianzvrrträge gebunden, den Krieg erklären werde. Poin­eare habe Frankreich»nicht verpflich­tenkönnen. Er habe nur gesagt, nach seiner Ansicht werde es Frankreich nicht tun. Er habe die Minister, die gerade versammelt gewesen seien, um Rat gefragt. Diese hätten verneint. Die Antwort sei also offiziell im Namen der Mi­nister an Iswolski gegeben worden. Diese An ertennung müsse er, Diviani, Poincare zollen. Er könne nicht dulden, daß man Verantwortlichkeiten, die er als damaliger Ministerpräsident getragen habe, anderen aufbürden wolle.

Er erinnere daran, daß Lord Grey eine Konferenz in London borg:fliegen habe, daß die Deutschen und Oesterreicher sie aber ak>- gelehnt hätten. Deutschland habe den Vor plan angenommen. Sasonow habe bar-n von Oester­reich verlangt, daß cs seinen Vormarsch ein­stelle. Oesterreich habe sich gewergert. Am 29. Zuli habe Oesterreich eine Teilmobilisierung an der galizischen Grenze vorgenommen. Was formte Rußland tut? Es sei gezwungen gewesen, an der galizischen Grenze, nicht an der deutschen Grenze zu mobilisteren. Während man in Deutsch­land, Oesterreich und Frankreich nur drei Tage dazu gebraucht habe, seien dazu in Rußland 16 Tage nötig gewesen. Dann sei das Ultima- tumDeutschlands gekommen. Warum? Die deutsche Grenze sei durch Linen russischen Sol­daten bedroht gewesen. Aber am 29. Zuli habe in Potsdam ein Rat stattgefunden. Dazu habe Deutschland Oesterreich gefragt, ob es auf seiner Seite sei. Auch Sasonow habe ihn gefragt. Er habe darauf geantwortet, Frankreich bleibe feiner Allianz treu, aber- Rußland solle nichts unter­nehmen, was Deutschland gestatten könne, daß es mit Rußland in einen Konflikt komme. Seine Geste sei vergeblich gewesen. Das .Ultimatum sei nicht zurückgezogen worden. Am 29. I-lll habe es keine allgemeine russische Mobilisierung gegeben.

Diviani erinnerte an die kalten Extrablätter desL o k a l a n z^e i g e r s" und verliest ein Do­kument, das feststellen soll, daß I a g o w aner­kannt habe, daß am 31. I»li morgens 11 Uhr die russische Mobilmachung angeordnet sei. Sie sei also nach der österreichischen Mobilmachung angeordnel worden. Schließlich erinnerte Diviani an die Erklärung Giolittis in der italienischen Kammer 1914. Er habe gesagt, haß man schon 1913 bei Italien vorstellig geworden sei. um einen Schlag gegen Serbien zu führen, also lange vor dem Attentat von Serajewa. Aber Italien habe es abgelehnt. 1913 habe man also schon in Serbien einfallen wollen

Dann wandte sich Diviani an den Abgeord­neten Daillant-Coutourier und besprach den Ver­trag von Versailles. Er sei zerbrechlich, aber er sei imprägniert mit dem Blute der Mär­tyrer. Er sei die Charta, auf der das fran­zösische Recht beruhe. Was tue man aber in der heutigen Debatte? Wir haben den Krieg nicht gewollt. Ich war Ministerpräsident. Als ich am 4. August 7 Uhr abends den Krieg ankün­digte, habe ich an den Burgfrieden erinnert. Der Abg. de Mun und der Abg. Daillant-Coutourier, die die Tradition Frankreichs verkörpern, die der Kreuzzüge und die der Revolution, sind ein­ander entgegengegangen. An diesem Tage haben wir uns über alles Trennende erhoben. Denken Sie auch heute daran und erneuern Sie auch heute Ihre Zusage der Treue für das Vaterland.

Nach dieser Ansprache fetzte der Abg. Dail­lant-Coutourier feine Rede fort. Cs gelingt ihm aber nicht, mit feiner Stimme durchzudringen. Back dem Berich! der Havasagentur kann er nur mühsam zum Schluß sagen. dieAnwesenheit Poincares an der Spitze der Regie­rung fei ein täglicher Sieg der deut­schen Imperialisten. Diese Aeußerung soll nach dem gleichen 'Bericht mit Heiterkeit aufgenom­men worden sein. Man will die Debatte fortsetzen.

aber Poincare selbst erklärt, alles das. was auf der Äammertribüne vor gebracht worden fei, könne richtiggestellt werden. Diviani habe von der Mobilmachung gesprochen, er wolle von der Periode sprechen, die ihr voraufgegangen sei. Des­halb müsse die Debatte in voller Freiheit fort­gesetzt werden.

Die Kammer beschloß sodann Vertagung und Weiterberatung am Donnerstag nachmittag Cs ist beantragt worden, die Rede Viv i a n i s in ganz Frankreichanzuschlage», lieber diesen Antrag soll am Donnerstag abgestimmt werden.

Paris, 6. Zuli. Nach Annahme des Gesetz entwurfes über die direkten Steuern, dessen Be ratung die Rechte zur Herbeiführung einer großen Finanzdebatte benutzen wollte, wurde die Aussprache über die Interpellationen betreffs der Kriegsschuld fortgesetzt. Als zweiter Interpellant sprach Marcel C a ch i n. Er sagte, die Kommunisten hätten niemals versucht, dus kaiserliche Deutsch land zu entlasten. Wilhelm II. habe den Frieden nicht gewollt, sondern den Krieg. Der Anteil der Verantwortlichkeit Wilhelms II., seiner Diplomaten und.seiner Militärs sei schrecklich. Diejenigen, die die Bewegung entfacht hätten, würden in der schlimmsten Weise vor der Geschichte bloßgestellt Ein Ereignis wie das vom Iahre 1914 habe Vor­läufer und Ursachen. Das Schwarzbuch, non dem gestern gesprochen worden sei, enthalt- nur De­peschen, die zwischen dem russischen Botschafter in Paris und seinem Außenminister ansgeiauscht worden seien. Aus diesem erfahre man, was I s Wolski, der Vertreter des Baren, von Frank reich und seinen Absichten gedacht habe. Das fei ein wesentliches Moment für das Urteil. Die fran- zösisch-englrfche QHIiaiu vor 1914 habe Frankreich Vorteile in Marokko, England solche in Aegypten eingetragen, also den Kampfmut anderer europä ­ischer Staate.» cnffeffelt. Aus diese Kriegsgefahren, die jeden Tag stärker geworden seien, habe Zaurös hingewiesen. Cachin verliest eine» Bries Iswols­kis aus dem Jahre 1912, der besagt, man beginne sich tn Paris zu wundern, daß Rußland keine Vor­bereitungen treffe, um aus die Vorberettungen Oesterreichs gegenüber Serbien zu antworten. Frankreich habe also an Krieg gedacht, als Ruß­land noch nicht daran gedacht habe. 1912 habe man den Botschafter in Wien. Crocir, abberufen, weil er sich für einen Europäer ausgegeben, der pazifistische Gefrchle gehabt habe. Ich will, ruft Cachin aus, den genauen Inhalt einer Korrespondenz Poincares mit Sas­so n o w über unseren Botschafter Georges Louis betanntgeben.

Poincare protestiert gegen die Vorbringung derartiger Akten.

Cachin ruft: Keine Ablenkung!Diese Kam­mer ist bedauernswerter als eine Dollsversamm-' lnng." Es entsteht ein ungeheurer Lärm und der Kammerpräsident greift ein. Cachin erklärt weiter, Louis fei in Ungnade gefallen, weil fein Geist nicht dem der Regierung Poincares ent' fprochen habe. Er verliest einen Bericht des belgischen Gesandten in Paris vom Iahre 1914, in dem von der nationalistischen Po" litik Poincares und Millerands gesprochen wird, die gefahrvoll sei. Cachin bedauert, daß der Ministerpräsident jetzt ab­wesend sei, da er gerade hn Begriffe stehe, ihn direkt in die Debatte zu ziehen. Cachin hält in feiner Rede inne und fährt erst wieder fort, nachdem Poincare in den Sitzungssaal zurück- gekehrt ist. Er ruft Poincare zu: I ch habe das Recht, Ihre Anwesen heitzu ver­langen. Dann geht er aus die Friedens versuche Kaiser Karls von Oester­reich im Iahre 1917 ein. Poincare unter bricht und sagt, er habe von diesem Schritt sofort Ribot Kenntnis gegeben. Auch am 5. April sechs Tage nach dem Bries des Kaisers - habe er mit Briand gesprochen. Cachin er innert daran, daß Lloyd George hie Friedensvorschläge für wichtig ge halten habe. In Frankreich aber habe man sie fallen gelassen.

Mniffterprasident Potticare, mit Beifall begrüßt, ergreift das Wort und sagt, er gestehe offen, daß er nicht wisse, auf was er antworcken solle. Er habe versucht, von der langen Rede Vaillant-Couturier etwas zu verstehen. Poincare spricht nochmals von dem Bild, das verbreitet werde und auf dem er auf einem Kriegerfriedhof lächeln solle. Cs han­dele sich hier nicht um eine offizielle Photographie, sondern um eine Reproduktion aus der Monde illuftre. Ein Abgeordneter ruft, das Bild sei retuschiert. Poincare geht alsdann sachlich auf die Debatte ein, wobei er den Kommunisten den Vorwurf macht, daß sie einen Teil der Verant­wortlichkeit Deutschlands auf Frankreich ablaben wollten. Wenn man den ehemaligen Präsidenten der Republik angreife und alle Regierungen, die um ihn waren, bann greife man Frankreich selbst an. Man Sinne das feststellen durch die Heftigkeit der Hahkarnpagne, die in Deutschland gegen diese Regierungen und gegen die Urheber des Versailler Friedensvertrages entfessell werde. Die Urheber des Vertrages hätten gewollt, daß er vollkommen auf dem moralischen Geda nken und nicht nur auf den Sieg der Waffenberuhe. Dieser Vertrag baue sich auf auf die Verantwortlichkeit für den Krieg, und die beiden französische» Kammern hätten einstimmig dieser Auffassung zugestimmt. Deutschland habe versucht, in En^ land, tn den Vereinigten (Staaten und selbst tn