Donnerstag, 5. Moder (922
(72. Jahrgang
GietzenerAnzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
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Die Konferenz von Mudania.
Am Montag, 2 Oktober, 12 Uhr mittags, hat der türkische Sieger Mustafa Kemal Pascha den Waffenstillstand gegenüber Griechenland befehlen, und zwar mit Ermächtigung der Nationalversammlung von Angora Die Feindseligkeiten sind eingestellt. Die militärischen Operationen ruhen. Für Dienstag, 3. Oktober, wurde eine Vorkonferenz in Mudania am Marmarameer angesagt. Aber es handelt sich dabei streng genommen nicht um den Waffenstillstand, sondern um eine Zusammenkunft türkischer und englischer Generale. Der besiegte Gegner KemalS, Griechenland, wurde gar nicht gefragt. Die französische Diplomatie wünscht zwar die Zuziehung eines griechischen Generals, damit über die Räumung Thraziens sofort verhandelt werden kann. Franklin Bouillon hatte die Angelegenheit mit Kemal dahin besprochen, daß Thrazien zunächst durch alliierte Truppen beseht werden soll. Ein alliiertes Kommissariat mit dem Sih in Adrianopel hätte die Verwaltung des Gebietes in die Hand zu nehmen, bis die Grenze bestimmt sei und die Türken ein- rücken dürften. Also ganz wie in — Oberschlesien. Aber es ist noch sehr die Frage, ob die neue griechische Revolutionsregierung den Räumungs- befehl erteilt, und wenn sie dies tut, ob die griechischen Truppen in Thrazien gehorchen. Darüber will man sich eben in Mudania unterhalten, und um die ihrazische Regelung allen Beteiligten mundgerecht zu machen, verhandelt man in Mudania gleich,zeitig über die Räumung der sog. neutralen Zone durch die Türken, wodurch aber das Thema Griechisch-türkischer Waffenstillstand micbcr in die alle Tagesordnung: Englisch-französischer Konflikt umschlägt. Der „Temps" hat den Zwischenfall von Tschanak bereits benutzt, um den französischen Standpunkt mit jenem kühlen Selbstbewusstsein Narzulegen, das sich auf die derzeitige diplomatische ^lebcrlegenheit Frankreichs gründet. Frankreich wünscht, daß England seine Truppen Dom asiatischen Dardanellenufer zurückzieht, sobald sie Türken ihre Truppen soweit zurückgenommen haben, dah von einer Bedrohung der freien Durchfahrt keine Rede mehr sein kann. Eigentlich ist dies nichts anderes als ein französisches illti= matuni. Man nennt es nur am Quai d'Orsay beschönigend einen „vermittelnden Vorschlag" und man begründet ihn sehr geschickt mit einem Gutachten der - britischen Admiralität, wonach die englischen Kriegsschiffe zur 'Verteidigung der Meerengen voll ausreichen. Aber dies ist eben der riitifche Punkt. Wird England Tschanak räumen? Lloyd George hat bisher für die Meerengenfrage alles gewagt. Er hat diese Frage dem üblichen Spiel der Diplomatie entwunden und auf die Spitze des Schwertes gestellt. Das griechische Schwert, das er schwang, hat versagt und liegt zerbrochen am Boden, dn den Konferenzen, die mit allen Mitteln des politischen Druckes jetzt durchgeseht wurden, will England sozusagen durch die Feder bewährter Diplomatie wieder gut machen, was das Schwert verdarb. Denn es besteht wohl bei jedem, der die Entwicklung der neuen Orien'krisis verfolgt. kein Zweifel darüber, oaf), wenn die Friedenskonferenz nicht bis längstens 15. Oktober zustande kommt, England gezwungen ist, Krieg zu führen Alles ist ja für diesen Ernstfall bereits vorbereitet. Lloyd George bat sich hilfesuchend an sämtliche Dominions gewandt. Die Presse Londons und aller Kolonien ist ausgeboten, um die Macht und die Kriegslust Englands gröber erscheinen z'u (assen, als sie in Wahrheit ist. Die derzeitige diplomatische Schwäche gegenüber Frankreich soll um jeden Preis vertuscht werden. Australiens Ministerpräsident musste mit dem Säbel rasseln. Es war bestellte Arbeit, um auf Angora und Paris Eindruck zu machen. Aber in dieser starken Pose 'steckte nichts anderes als die Furcht vor dem Krieg um die Dardanellen, der von neuem ganz Osteuropa in militärische Bewegung sehen würde. Es wäre übertrieben und töricht, in diesem Krieg etwa den Beginn der englischen Götterdämmerung jtu sehen. So ernst stehen die Dinge nicht. Aber Lloyd George weiß ganz genau, baf? England im Falle des Krieges seine wirtschaftliche Zentral- ftcllung endgültig an Amerika abgeben mühte. Das Pfund iLÜtbc sich dem Dollar auf lange Zeit hinaus nicht mehr angleichen können. Der Orientkonflikt must also aus der Zone der Kriegsgefahr in das Gebiet der Diplomatie zurückversetzt werden. Den Gewinn dieser Transaktion steckt Frankreich ein, indem es seine kontinentale Stellung noch mehr als bisher verstärkt, und der eigentlich^ Leidtragende wird wie immer Deutschland sein, das sich unter dem wachsenden französischen Dwuck noch schwerer, als zur Zeit befürchtet, oder gar nicht mehr erholen wird. Mit anderen Worten: Deutschland wird leider nicht die Rolle des sich freuenden Dritten spielen können. Es ist auch in diesem Weltkonflikt tragisch verflochten.
Eine neue türkische Armee.
Paris, 4. Oft. (WTB.) Das türkische Informationsbureau meldet aus Angora, der Minister für die nationale Verteidigung habe eine neue türkische Armee organisiert, die aus 80 000 Mann besteht, und die mit den den Griechen abgenommenen Waffen ausgerüstet sei. Diese Armee sei für die Besetzung Thraziens bestimmt. Die Soldaten seien in den befreiten Gebieten ausgehoben worden.
Die Einmischung Rußlands.
Moskau, 5. Oft. (WTB.) Russische Telegraphenagentur. Zusammenhängend mit der Lage an den Dardanellen haben gestern der englische Vertreter H o d g e st o n,
der türkische Geschäftsträger Assi-Behund I der ftanzösische Deputierte He r r iv 1 bei K a- r ach an vorgesprochen.
Ein Brief Veniselos' an die „Times".
London. 4. Oft. (Wolff.) 3n einem an die „Times" gerichteten Schreiben dringt Venr- s e l o s darauf, daß vor Abschluh des Friedens die Besetzung und Verwaltung Ostthraziens nicht den Türken anverttaut werden solle, ebensowenig die Konttolle der Einwohner einer türkischen Gendarmerie. selbst nicht unter Aufsicht alliierter Offiziere, da sonst die Türken die christliche Bevölkerung vernichteten, da die Alliierten machtlos wären, sie zu kontrollieren. Deniselos schlägt daher vor, dah Ostthrazien bis zur Durchführung des Friedensvertrages von alliierten Truppen beseht werde, weil nur dann die Alliierten in der Lage sein würden, die geordnete Räumung Thraziens vor der Besetzung durch die türckischen Truppen sicherzustellen. Deniselos erklärt weiter in seinem Schreiben, Raub und Mord an den Christen Thraziens und die Einäscherung ihrer Wohnungen würde sich fast sicher bis Konstantinopel ausdehnen. Zn Ostchrazien und Konstantinopel allein befänden sich heute ungefähr 900 000 Griechen und Armenier einschliehlich 150 000 Flüchtlinge aus Kleinasien Deniselos fragt, ob es möglich sei, dah die öffentliche Meinung in Großbrttan- nien gleichgültig der Zerstörung so vieler Wohnstätten, Menschenleben und von Dermögen zusehen könnte, die zusammen viele Hunderte Millionen ausmachten. Sicherlich werde die öffentliche Meinung der britischen Regierung nicht gestatten, die Verantwortung für eine solche Zerstörung zu teilen, indem Griechenland unverzügliche Räumung Ostthraziens und die älebergabe seiner Gebiete an die türkische Verwaltung und Polizei auferlegt werde.
Der griechische Staatsmann fährt fort: „Es ist nicht meine Absicht, daran zu erinnern, dah wir treue Alliierte Großbritanniens und Frankreichs wahrend des großen Krieges waren, dah wir es bis &um Bürgerkrieg kommen liehen, um an der Seite dieser Länder zu kämpfen und an der Verteidigung der Ideale teilzune^hmen, für die sie kämpften; dah wir ferner durch Entsendung von neun Divisionen an die mazedonisch Front den Alliierten auf diesem ^Kriegsschauplätze die lleberlegenhtzit gaben, die die Front des Feindes durchbrochen hat und die Ursache war, dah der Krieg vielleicht um 6 Monate verkürzt und damit hunderttausend Verluste vermieden und viele hundert Millionen Geld ge- spart wurden.
Deniselos schreibt weiter, er wisse andererseits, dah die Rückkehr Konstantins auf den Thron das Bündnis zwischen Griechenland und den West- Mächten gebrochen habe, und dah ee> für Griechenland sticht genüge, einfach den König zu vertreiben, um den zerrissenen Faden wieder anzu- knüpfen. Im gegenwärtigen Augenblick sei man jedoch dabei, den Frieden im nahen Osten zu schließen, nach einem Kriege, während dessen der größere Teil weiter an der Seite mit den Alliierten aekämpft habe, wovon noch die Knochen der griechischen Soldaten zeugten, die mit den Alliierten zusammen im Staube lägen, in der Hoffnung, dah eine bessere Welt aus dem gemeinsamen Kampfe hervorgehen werde.
Was den nahen Osten anbetreffe, so sei in jedem Falle diese Hoffnung Griechenlands in drastischer Weise von den Tatsachen getäuscht worden. Das türkische Reich werde wiedecherge- stellt, die Türkei werde von neuem eine europäische Macht und die Balkasthalbinsel werde wieder neuen Gefahren oder vielmehr den alten ausgesetzt sein Seit Beginn des Krieges 'habe die Türkei in Kleinasien P/2 bis 2 Millionen Griechen und Armenier vernickstet. Sicherlich seien die früheren Alliierten Griechenlands verpflichtet, zu verhüten, dah die Vernichtung einer weiteren Million auf dem Boden Europas selbst vor sich gehe.
Zum Schlüsse seines Schreibens teilt Deniselos mit, er müsse erklären, dah er'nicht im Damen der griechischen Regierung spreche, da er ihr Mandat, sie an Auslande zu vertreten, nicht annehmen könne, bevor er überzeugt sei, dah er von Ruhen sein könne. Er habe diese Ansicht bereits der griechischen Regierung mitgeteilt und glaube, dah seine Ansicht bei ihr ein gewisses Gewicht haben werde. Wenn die griechische Regierung mit ihm jedoch nicht übereinftimme, so werde er es ab lehn en, sie zu vertreten.
Die Hilfe für Oesterreich.
Genf, 4. Oft. (WTB.) 3m Anschluß an eine längere nichtöffentliche Sitzung hielt heute nachmittag der Dölkerbundsrat eine öffentliche Schlußsitzung in der österreichischen Frage ab. Balfour - England teilte in längerer Rede mit, dah die Mächte sich einig geworden seien, und dah die CBertreter der Garantiemächte sowie Oesterreichs zur .Unterfertigung der vorgesehenen Protokolle bereit seien. Er verwies darauf, dah Oesterreich nur bei Anspannung aller seiner Kräfte und strengster Durchführung der eingegangenen Derpftichtungen zu retten sei. Hanoteaux- Frankreich gab seiner Genugtuung über das Zustandekommen der Vereinbarungen Ausdruck. Trotz der schweren Last, die Frcmkreich zu tragen habe, entziehe es sich niemals den Pflichten internationaler Solidarität in dem Bestreben, ^rieben und Ruhe zu erhalten. Imperiali-3talien betonte, fein Land glaube dem Frieden gleichfalls zu dienen, wenn es bei der Anleihe mit garantiere. Italien habe ein fthr grohes Interesse an der Unabhängigkeit Oesterreichs. Auch der tschechisch-slowakische Vertreter P o s p i s ch i l in Vertretung des abwesen
den Ministerpräsidenten Denesch, der japanische Delegierte A l a t c i und der spanische Vertreter Quinvnes de Leon Stimmten den Abmachungen zu, desgleichen Hymans-Belgien und der chinesische Vertteter, die über die Mitwirkung ihrer Regierungen an der finanziellen Hilfe aber noch nichts Genaues sagen konnten. Als letzter Redner sprach der österreichische Bundeskanzler Seipel, der dem Völkerbund für seine gute Arbeit dankte und für Oesterreich das Versprechen ablegte, dah es alles tun werde, um seine Verpflichtungen zu erfüllen. Seipel schloh mit dem Wunsche, dah an einem anderen Tag ein anderer österreichischer Kanzler vor den Völkerbund Eintreten werde, um zu sagen: „Oesterreich ist wieder aufgerichtet. Seine Finanzen sind in Ordnung. Oesterreich hat bewiesen, dah es selbst seine Geschicke leiten kann. So hebt denn wieder die Finanzkontrolle auf!“ Diesen Ausführungen wurde lebhafter Beifall gezollt. Hierauf folgte die Unterzeichnung der drei Protokolle durch die Vertreter Englands, Frankreichs, Italiens, der Tsechoslowakei und Oesterreichs.
Russisch-englische Verhandlungen in Berlin.
Wie das „Berl. Tagebl." von gutunterrichteter Seite hört, wird der Präsident der Russo-asiatic-Gesellschaft in London, Leslie Urquhart, am Freitag in Berlin zu einer neuen Konferenz erwartet, die sich auf dem mit dem russischen Volkskommissar für Außenhandel, Krassin, vereinbarten Wiederaufbauvertrag beziehen. Auf russischer Seite wird Litwinow die Verhandlungen führen.
Der Prozeh Rathenau.
Leipzig, 4. Ott. (WTB.) In der heutigen Verhandlung im Ra t h ena u - P r oz eh wurde der Angeklagte Ernst Techow vernommen. Er sagte aus, er habe ferner politischen Partei an gehört, wohl aber der Organisation C. Für diese Organisation sei er gereift und habe Aufwandsgelder von ihr erhalten. Weitere Aussagen darüber verweigert er. Kern habe Techow verpflichtet, das Auto zu steuern, das zu der De- frehmg von im besuchten Gebiete verhafteten deutschen Offizieren gebraucht werden sollte. Am Bahnhof in Dresden habe er das Auto übernommen. Don der Ermordung Rathenaus sei ni<f>t die Rede gewesen. Am 26. Rovember seien Techow, Kem und Fffcher, zu denen später Günther gekommen sei, mit dem Auto nach Rikolskoe gefahren. Hier hätten die drei anderen im Walde Schießübungen vorgenommen, was er aber erst später erfahren habe. Später seien sie noch in der Richtung Hundekehle gefahren, wo Kern und Fischer hinzugekommen seien und Tillessen aus- geftiegen sei, während Techow den Wagen nicht verlassen hätte. Der Angeklagte Techow sagte über die Reise nach Schwerin aus: Don Schwerin aus ging es nach Rostock, wo Ilsemann abgeholt trurbe, der aber nicht bis Berlin zurücksuhr. In Berlin ging es zu einer Garage, welche Diestel öffnete, und dann zu Schütt, wo Kern wohnte. Als Techow die Mäntel und das übrige Gepäck in die Wohnung hinaufschaffte, fiel ihm die verhüllte Maschinenpistole auf Aus die Frage, was das wäre, machte Kern Aeußerungcn, daß die Lage Deutschlands nur durch Errichtung einer nationalen Regierung gebessert werden könnte, die durch innere Unruhen erreicht werden müßte. Techow entnahm, wie er erklärte, daraus, daß es um die Beseitigung eines republikanischen Führers sich handle, und zwar glaubte er, es sei auf einen Führer der Linken abgesehen. Später wurde über Rathenau gesprochen, welchen Kern als einen schweren Schädling bezeichnete. Rathenaus Schwester sei mit Radek verheiratet. Rathenau beabsichtige, die gesamte Produktion und Industrie in die Hand der Juden zu bringen. Sem Abkommen mit Frankreich begünstige die Entente und müsse den Zusammenbruch Deuffchlands berbei führen. Bei dieser Gelegenheit wurde viel getrunken. Schließlich gab Techow dem Kem sein Ehrenwort, dah er bei dem Attentat mitwirken würde. Er batfe den Eindruck, dah Kem die Tat aus sich heraus ausführen würde, ohne die Rechtsparteien hinter sich zu haben. Auf Befragen gibt Techow an, dah sein Grohvater Behrens mit Rathenau im Aufsichtsrat der A. E. G. sah und auch in der Berliner Handelskammer mit ihm zusammen tätig war. Es war verabredet, daß das AutoRathenaus überholt werden sollte. Als dies geschehen, hörte Techow 10 bis 15 Schüsse schnell hintereinander Hier wurde die Vernehmung durch eine Pause unterbrochen.
Bei feiner wetteren Vernehmung erklärte Werner Techow, er fei bei der Autofahrt übei - zeugt gewesen, dah die Tat noch nicht au8gefüi)rt werden .sollte. Erst als die Schüsse fielen, hatte er feinen Zweifel meijr. Techow sagte, daß er auf dem vorderen Sih unbedingt gehorchen mußte. In einem Brief an feine Mutter ist von einem Eid an die Organisation Consul zu unbedingtem Gehorsam die Rede. Techow beftreitet indessen, durch Eid verpflichtet gewesen zu fein.
Hans Gerd Techow sagte aus, er habe am 18 Juni die Zusammenkunft Kerns mit Gün- tfycr in der Wohnung feiner Mutter vermittelt. Er habe keine Kenntnis davon gehabt, daß ein Attentat auf Rathenau beabsichtigt gewesen sei. Es wird indes festgestellt, daß der Angellagte in der Voruntersuchung das zugestanden habe. Der jüngere Techow erklärt Wetter, nach dem Attentat habe er sich sofort gesagt, dah Kern und Fischer dis Täter seien. Auch an der Beteiligung seuies Bruders habe er keinen Zweifel gehabt. Auf Beftagen
gibt er zu, daß ihm in der ganzen Zeit nicht gesagt wurde, dah es sich um eine Gefangenen- befreiung im besetzten Gebiet handle.
Der Hausarzt der Familie Techow, Dr. Grosser, führte als Sachverständiger aus. bei Hans Gerd Techow sei die linke Körperseil.' seit den Pubertätsjahren zurückgeblieben. Infolge seiner KränklichLeii hätte er viel liegen müssen So sei er zur Beschäftigung mit der Politik gekommen. Seine Zu rechn uagsfähigkeit sei zweifellos gemindert. Der ältere Techow sei insofern abnorm. als er bereits auf das geringste Quantum Alkohol reagierte.
Ein Steckbrief.
Berlin, 4. Oft. (Wolfs.) Wie die ..Reue Berliner Mittagszeitung" aus Leipzig meldet, erließ in der Mordsache Rathenau der Untersuchungsrichter des Staatsgerichts Hose? gegen den m Kiel geborenen flüchtigen ®ün t f) c r Brandt einen Steckbrief und setzte auf die Ergreifung eine Belohnung von einer Million Mark aus.
Mac Kenna über die Reparationsfrage.
Reuyork, 4. Oft. (WTB.) Der frühere britische Schatzkanzler und jetzige Vorsitzende der Londoner Joint-City and Midland Dink Mac Kenna. hieb heute bei der Zusammcnkun t des Verbandes der amerikanischen Dan'iers eine wichtige Rede über „Reparationen und internationale Schulden". Mac Kcnna sagte u. a Jedermann werde darin Übereinflimmen, dah augenblicklich keine Frage von größerer Wichtigkeit für den Welthandel bestehe als die der Reparationszah langen und der internationalen Schulden. Er spreche als Bankier, der seinen persönlichen Ansichten Ausdruck gebe; er habe nichts mit der Politik au tun, er trete an die Frage nur vom wirtschaftlichen Standpunkt heran und werde zri gen, daß England die Fähigkeit habe, zu zahlen und, nachdem dies einmal scststehe, könne er ohne zu zögern, der Entschlossenheit Englands Ausdruck geben, seinen Verbindlichkeiten nachzukommen. An der Frage der übrigen internationalen Schulden seien Amerika und England in gleicher Weise als Gläubiger interessiert. Die größte aller dieser Schulden sei die deutsche Reparation e schuld, an der die Vereinigten Staaten jeden AMeil abgelehnt hätten. Das Qortboner Ultimatum habe diese Schuld auf 32 Milliarden Dollar festgesetzt Frankreich und Statten schuldeten den Vereinigten Staaten und Großbritannien 61<> bzw 4' Mil liarden Dollar, Rußland schulde Amerika und England 31/2 Milliarden Dollar und eine weitere Milliarde an Frankreich. Dies seien die Hauptschulden, die anderen seien im Verhältnis dazu gering. England sei unter denGläubigern des europäischen Kontinents der größte. Ma Kenna befaßte sich hierauf mit der durch den Vertrag von Frankfurt a. M. im Jahre 1871 von Deutschland.festgesetzten und bis zum Seplembc 1873 voll entrichteten französischen Krieg entschä digung von rund 1 Milliarde Dollar und der Art ihrer Bezahlung. Er bezeichnet sie als ein Beri spiel einer sehr beträchtlichen internationalen Schuld, die rasch bezahlt worden sei, ohne irgendeine ernstliche Verwirrung im Welthandel hervor zu rufen Welche Bedingungen hätten dies ermöglicht? Der Krieg sei kurz gewesen und der Betrag der Entschädigung habe innerhalb der Zahlungsfähigkeit Frankreichs gelegen. Die französischen Untertanen hätten über große Voräte an ausländischen Wertpapieren verfügt, die auf den aus- 1 ländischen Märkten hätten realisiert werden können. Der französische Kredit fei gut getreten und habe Frankreich in den Stand gesetzt, für feine Anleihe ausländische Zeichnungen zu erhalten. In seinen Bemühungen, dre Ausfuhr zu vermehren, fei Frankreich nicht durch hohe Tarife behindert worden Frankreich ser nicht vom Goldstandard „verttieben" worden, und obglerch der Wert des Franken etwas gesunken sei, habe dre Entwertung niemals 5 Proz. überschritten und habe, auf den gesamten Zeitraum berechnet, kaum mehr als 1 Proz. betragen. Unter den verschiedenen Fak toren der Fähigkeit Frankreichs zu zahlen fei jedoch der bedeutendste die angesammelte Aeich- tumsreserve gewesen, namentlich die un Besitz ferner Untertanen befindlichen ausländischenWert- papiere. Mac Kenna fuhr fort, die erste Frage sei: Welches ist die Zahlungsfähigkeit Deutschlands? Es müsse untersucht werden, nicht die Fähigkeit Deutschlands, Reichtum zu produzieren, sondern seine Tätigkeit, ausländische Schulden zu bezahlen Dies sei die Quelle des Irrtums, von dem die Versailler Sachverständigen befallen zu sein schienen Riemand habe je das riesige Pro- duftions vermögen Deutschlands angezweilelt. Pro- dukttvn an sich sei jedoch nicht genug, Deutschland müsse einen Weg für seine Ausfuhr finden, und damit werde das Problem zum Problem der Feststellung einer möglichen Ausdehnung des deutschen Ausfuhrhandels Deutschland habe daz^ meiste seiner ausländischen Kapitalsanlage verloren. Einiges sei während des Krieges verkauft worden, anderes sei als feindliches Eigentum von den Regierungen der alliierten und aff edierten Mächte beschlagnahmt worden und der größte Teil des verbleibenden habe seinen Wert verloren. Die deutschen Schiffe seien zum größten Teil 'konfisziert worden und Deutschland sei eÜTi= ger seiner produzierenden Gebiete beraubt worden. Elsaß-Lothringens. des Saarbeckerrs und der polnischen Provttrzen. All die Quellen, aus denen ausführbare Lieberschüsse hätten gezogen werden können, seien sehr beeinträchtigt, wenn nicht vollrg zerstört worden. Mac Kenna sagte werter: Zu


